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Die literarische Repräsentation der Urbanisierung und ihrer Folgen in Herman Melville´s "Bartleby the Scrivener"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 22 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Großstadt im 19. Jahrhundert
2.1 Repräsentation der Großstadt in Bartleby, the Scrivener
2.1.1 Der Broadway
2.1.2 Das Büro
2.1.3 Die Zeitung
2.2 Die Symbolik der „walls“

3. Die Charaktere in Bartleby, the Scrivener - Opfer der Urbanisierung ?
3.1 Turkey, Nippers und Ginger Nut
3.2 Der Notar/ Ich-Erzähler
3.3 Bartleby

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für das Zeitalter der Romantik bilden Emerson, Thoreau, Whitman, Hawthorne und Melville den Kanon amerikanischer Autoren, die die „Neue Welt“ Amerika durch ihre Ambivalenz und unterschiedlichen Haltungen repräsentieren. Sie alle einte der Gedanke, dass die Prinzipien von Individualismus und liberaler Demokratie die Grundlage für jedwede kulturelle Höchstleistung sei. Herman Melville war derjenige unter ihnen, der in seine Werken die größte Weltfülle darstellte und dessen literarische Grundstimmung, die er mit den dunklen Romantikern Poe und Hawthorne gemeinsam hatte, apokalyptisch geprägt war. Er beschrieb den Kollaps fester Welt- und Selbstbilder und zeichnete passive sowie aktive Rebellen in einer von Konformismus und Kapitalismus geprägten Welt ohne Halt, deren einzige Hoffnung auf zwischenmenschlicher Solidarität beruhte.[1]

Solidarität in einer Welt der wachsenden Verstädterung und der fortschreitenden anonymen Massengesellschaft zu finden, in der sich infolge der Industrialisierung der agrarischen USA der American Dream vom Spirituellen ins Materielle zu wenden schien – diese Hoffnung wohnte Melville inne als er Bartleby, the Scrivener schrieb. Seine Kurzgeschichte ist warnende Vision, ruhiger Aufruf zu Individualismus, Kreativität und dem Recht auf Selbstbestimmung und gleichermaßen Denkanstoß gegen Konformität, Identitätsverlust und anonymes Massenverhalten, deren Ursache er in der rapiden Industrialisierung und im fortschreitenden Materialismusdenken sah. Der Großraum New York steht hier stellvertretend für die alles verschlingende und individuelle Einzigartigkeit–absorbierende amerikanische Großstadt, die mit all ihren Modernisierungsprozessen, Konformitätszwängen und striktem Regelwerk den Gegenpol zu transzendentalen Werten wie Intuitionsglaube, Naturliebe und Emotion als größtem Geschenk bildet.

Der positiven Herauforderung einer Großstadt wie New York und der Faszination der sich stetig entwickelnden und niemals stillstehenden Metropole verschließt sich der Text. Melville beschreibt nicht (wie z. B. Theodore Dreiser in Sister Carrie) die Schwierigkeiten sich in einer fremden Stadt eine eigene Identität aufzubauen, geht nicht auf Konflikte innerhalb verschiedener Klassen, Geschlechter oder Rassen ein oder warnt vor dem Korrosionseffekt, den das Städterleben auf traditionelle Moralvorstellungen hat (wie z.B. William Dean Howells es in The Rise of Silas Lapham wenige Jahre später tut) und füttert den Text nicht mit detailreichen Beschreibungen von Straßenzügen, Theatern, Eisenbahnen, Fabriken, Kirchen oder Schulen um die Großstadt dem Leser näher zu bringen. All diese Orte, die Aktivität, reges Treiben, Menschenmengen, Häuslichkeit, Familie und Abwechslung versprechen – sie passen nicht hinein in das Bild, das Melville von der Großstadt an sich verbreiten will. Und in das was seiner Meinung nach die Großstadt aus ihren Bewohnern macht.

Ziel dieser Arbeit ist es herauszuarbeiten, mit welchen Methoden Melville die Großstadt zeichnet und welche symbolische Bedeutung darin die verschiedenen „walls“ einnehmen. Inwiefern hat die Großstadt auf die Charaktere der Geschichte Einfluss? Sind sie Spiegel, Sklaven oder gar Bestandteil ihrer unmittelbaren Umgebung und dadurch unausweichlich auch Opfer der Urbanisierung?

2. Die Großstadt im 19. Jahrhundert

Zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert waren Großstädte vor allem Industrie- und Handelszentren. Ihre Arbeiter wurden im Verlauf der fortschreitenden Verstädterung und des aufkommenden Materialismus zu Teilen einer großen Maschinerie reduziert und waren jederzeit ohne großen Aufwand austauschbar. Der Wert der einzelnen Person wurde an ihrer Leistungsfähigkeit und Effizienz gemessen, die mit Maschinen und Fließbändern konkurrieren mussten.[2] Mit der Festlegung auf einzelne stupide Arbeitsschritte verloren die Arbeiter das Gefühl des Eingebundenseins in den Gesamtprozess, die monotone Arbeit nagte am Selbstkonzept. Zudem entstand eine neue Art sozialer Unterdrückung der Arbeiter durch die besitzenden Schichten.

In der Literatur erscheint die Großstadt als eine große Einheit, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und die um jeden Preis wachsen will. Melville stellt die Frage, ob das Leben in einem künstlich geschaffenen Umfeld überhaupt der Natur des Menschen entspricht, ob er stark und flexibel genug ist sich anzupassen oder daran eher zugrunde geht weil er aufgrund seiner Unfähigkeit in die Isolation getrieben wird. Ist Menschsein in solch einer Umgebung überhaupt möglich? Oder lässt das endlos erscheinende Meer von Häusern und Straßen jede Gefühlsregung verkümmern und erstickt jedes über den Alltag hinausgehende Denken im Keim? Melville hätte als Autor die Möglichkeit gehabt Menschen darzustellen, deren Arbeit, Persönlichkeit und Charaktere so mannigfaltig sind, wie die Großstadt New York selbst. Doch jede Einzigartigkeit, die sich durch Vielschichtigkeit zusammensetzt, verweigert Melville nicht nur New York und seinen Charakteren, sondern auch sich als Autor, da er seinen selbst gesuchten Schauplatz nicht verlässt oder verändert. Der Ort Großstadt wird von ihm mit großer Skepsis behandelt, die das Leben und die Identität ihrer Bewohner sowie die menschliche Gemeinschaft und Ganzheitlichkeit bedroht.

2.1 Repräsentation der Großstadt in Bartleby, the Scrivener

New York bzw. die Großstadt an sich taucht in Melvilles Kurzgeschichte niemals explizit auf. Zwar erwähnt er sie wenn er auf ihren Wegen nach Hause läuft oder in der Kutsche durch ihre Strassen fährt, jedoch gibt er keine Details über Orte, Menschen oder das kulturelle Leben wieder. Mit keiner Silbe erwähnt er, warum er sich New York als Heimat ausgesucht hat und auch die Adresse seines Büros bleibt dem Leser verborgen. Selbst atmosphärische Beschreibungen wie etwa die des Wetters klammert er aus. Die Stadt hinterlässt jedoch trotz allem ihren Eindruck. Melville erreicht das, indem er bestimmte Symbole (Broadway, Büro Zeitung, „walls“) nutzt, die die Stadt widerspiegeln und sie somit erfahrbar macht:

2.1.1 Der Broadway

„I remembered the bright silks and sparkling faces I had seen that day, in gala trim, swan-like sailing down the Mississippi of Broadway [...]“[3]

Der Broadway wird wochentags als Mississippi beschrieben, als einen Strom der nicht hektisch aber bestimmt in immer die gleiche Richtung fließt. Natürliche Wassermassen werden gleichgesetzt mit urbanen Menschenmassen, die sich unaufhaltsam, stur und ohne dessen Wichtigkeit, Richtigkeit und Nützlichkeit zu hinterfragen von einer höheren Macht (sei es die Natur oder die gesellschaftlich vorgegebenen Verhaltensregeln) in die gleiche Richtung leiten lassen. Sichtbar ist in beiden Fällen nur die Masse, nicht der einzelne Tropfen bzw. der einzelne Mensch, der die Masse eigentlich erst zu einer solchen macht. Eine Masse, die zwar Schutz und Sicherheit und temporäre Identifikationsfläche bietet, aber dennoch unbarmherzig alles mit sich reißt. Es scheint unmöglich als Einzelner gegen sie anzukommen, und wenn man untergeht wird der leere Platz sogleich neu besetzt. Was der Mississippi für Amerika ist, ist der Broadway also für New York ? Es wäre zu einfach diese Textzeile nur auf diese Weise zu interpretieren, denn dass Melville den Broadway mit dem Mississippi vergleicht, ist in noch anderer Hinsicht interessant. Er geht damit auf den Kontrast zwischen Natur und Zivilisation ein, der in Zeiten der Urbanisierung als besonders sichtbar erscheint. Gleichzeitig, durch Aufzeigen dieses eigentlichen Gegensatzes, wird aber auch deutlich, dass sowohl Mississippi (als Symbol für unberührte Natur), als auch der Broadway (erbaut und täglich erfüllt von Menschen in urbaner Umgebung) den gleichen Gesetzen folgen. Wie die kapitalistisch geprägte Großstadt ist auch die Natur an sich hierarchisch aufgebaut, und es überleben die, die sich am Besten an die jeweilige Situation angepasst haben. Dem Mississippi den Broadway entgegenzusetzen ist somit Melvilles veranschaulichende Warnung, dass in der Zivilisation Naturgesetze in abgewandelter Form ebenso bestehen. Darwins Theorie vom „Survival of the Fittest“ kann nicht mehr länger nur auf die Natur angewendet werden, sondern beschreibt ebenso die gesellschaftlichen Prozesse in der Großstadt. Wo in der Natur derjenige überlebt, der am stärksten, schnellsten und am besten angepasst ist, ist es in der Großstadt derjenige der die beste Ausbildung, die höchste Produktivität, den meisten Eifer und Arbeitseinsatz und das genaueste Wissen über die Regeln der Arbeitswelt besitzt. Der am Anfang aufgebaute Kontrast wird durch diese Art der Interpretation zu einer Gleichsetzung. Es entsteht ein Wissen um eine Natur und eine Zivilisation, die im Begriff ist sich zu vermischen, die nach außen hin eine Einheit bildet und sich im jeweils anderen widerspiegelt.

Man kann diesen Effekt des Vermischens jedoch auch unter weniger positiven Aspekten sehen, nämlich als einen Kampf mit der Vermischung als erstem Schritt, und in dessen Verlauf Natur und Stadt selbst um den Titel des „Fittest“ kämpfen. Es ist ein Versuch darauf hinzuweisen, dass die Zivilisation im Begriff ist die Natur immer weiter zurückzudrängen, dass die Stadt (als Ort der Zivilisation) in ehemals natürliche Bereiche vordringt. Folge wäre, dass der Broadway in naher Zukunft den Mississippi als Wahrzeichen amerikanischer Freiheit und Selbstbestimmung ablöst und das Finanzzentrum New Yorks neuer Mittelpunkt Amerikas würde. Die Umwandlung des American Dream vom Natürlich-spirituellen zu einem Materiellen wäre damit abgeschlossen.

2.1.2 Das Büro

“My chambers were up stairs at No. – Wall-street. At one end they looked upon the white wall of the interior of a spacious sky-lift shaft, penetrating the building from top to bottom. This view might have been considered rather tame than otherwise, deficient in what landscape painters call »life«. But if so, the view from the other end of my chambers offered, at least, a contrast, if nothing more. In that direction my windows commanded an unobstructed view of a lofty brick wall, black by age and everlasting shade; which wall required no spy-glass to bring out its lurking beauties, but for the benefit of all near-sighted specators, was pushed up to within ten feet of my window panes. Owing to the great height of the surrounding buildings, and my chambers being on the second floor, the interval between this wall and mine not a little resembled a huge square cistern.”[4]

Das Büro wird als sterile und freudlose Arbeitsumgebung beschrieben, die von jeglicher natur abgeschnitten zu sein scheint. Es werden Fenster beschrieben, die symbolisch für die Außenwelt, die Freiheit und somit auch für einen freien Geist stehen. Es gaukelt das Bild von offen stehenden Möglichkeiten vor, die nur darauf warten ergriffen zu werden. Dass dies ein Trugschluss ist, wird deutlich durch die Beschreibung „my windows commanded an unobstructed view of a lofty brick wall“. Diese Mauer macht alle Hoffnung auf Freiheit zunichte, beschneidet die Möglichkeiten, die eben noch so reichlich schienen und engt die Freiheit nicht nur geistig sondern auch körperlich ein. Die „walls“ mit ihrem tristen Einheitsgrau versperren den Blick auf die bunte Mannigfaltigkeit der Welt außerhalb des Büros. Zudem entsteht durch die riesenhafte Größe der Gebäude ringsum und Melvilles Wortwahl eine einengende und bedrohliche Stimmung. „Penetrating“[5] z. B. wird assoziiert mit etwas stetig Vorandrängendem, mit einem Vorgang, der nicht mehr umkehrbar ist und der nicht freiwillig geschieht, aber dennoch zugelassen wird. Einem Vorgang wie Verstädterung, Fortschritt und Individualitätsverlust – für Melville ein Eindringen in die Natur und die Natur des typisch Menschlichen.

Die unmittelbare Nähe zu den Büro-Nachbarn, verstärkt das Gefühl der Enge und hat ihren Ursprung in der immer dichteren und höheren Bebauung der Großstadtgebiete. Um möglichst viele Menschen, und gleichzeitig viele Arbeitskräfte, auf möglichst kleinem Raum arbeiten können zu lassen, wird diese Enge und das damit einhergehende Fehlen der Privatsphäre ain Kauf genommen. Das entstehende Big - Brother - Gefühl durch die Möglichkeit jederzeit gesehen und auch überwacht zu werden, führt zu dem Phänomen der Entindividualisierung, da man nirgendwo mehr man selbst sein kann, seinem „Ich“ nirgendwo mehr eine Auszeit gönnen kann.

[...]


[1] Vgl.: Zapf, Hubert (Hrsg.)(1997): Amerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler.S.136-137.

[2] In Bartleby, the Scrivener übernehmen die Menschen sogar selbst Aufgaben der Maschinen: Sie sind menschliche Kopiergeräte.

[3] Lauter, Paul (Ed.)(1998):The Heath Anthology of American Literature. Vol.1.3rd ed. Lexington, Mass.: Heath. S.2414.

[4] Lauter, S. 2403 f.

[5] Lauter, S.2404

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638461610
ISBN (Buch)
9783638692830
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49802
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Anglistik/Amerikanistik
Note
2+
Schlagworte
Repräsentation Urbanisierung Folgen Herman Melville´s Bartleby Scrivener

Autor

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