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Psalmen als Lösungsansatz für depressiv erkrankte Menschen

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition: Depressive Gedanken

3. Hauptteil
a. Lösungsansätze in den Psalmen
a. a. Gedanken und Gefühle artikulieren
a. b. Das Herz ausschütten
a. c. Eigene Schuld bekennen
a. d. Vergebung empfangen
a. e. Zusagen Gottes empfangen
a. f. Sich Gottes Wesen in Erinnerung rufen
a. g. Gott loben

4. Schlusswort

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die Psalmen wurden im 10. Jh. v. Chr. und danach niedergeschrieben. Im Hebräischen heißen sie „Sepher Tehillim“, d. i. Buch der Lobpreisungen.

Sie enthalten aber nicht nur Lob, sondern geben die ganze Palette menschlicher Gefühle wieder. Es sind Lieder und Gedichte, die von unterschiedlichen Menschen gesungen und geschrieben wurden: Mose, David, Salomo, Asaph, Heman und Ethan und die Korahiter.

Was Psychologen und Therapeuten heute in ihrer Literatur an Hilfe für Menschen mit depressiven Gedanken schreiben, ist von den Psalmisten schon vor Jahrtausenden praktiziert worden. So schreiben Hegerl und Niescken, dass negative Denkmuster überprüft und positive Gefühle geäußert werden sollen.1

„Die Psalmen sind der Ausdruck einer Betrachtung von allem, was Gott in der Vergangenheit getan hat, was Er in der Zukunft tun wird, und sie geben die Bitte um die notwendige Hilfe Gottes in der Gegenwart wieder; in allen Psalmen wird die souveräne Macht und Güte Gottes anerkannt.“2 Dies Vorwort zu den Psalmen aus der Scofield-Bibel deutet schon Lösungsansätze für Menschen mit depressiven Gedanken an. Im Folgenden werde ich sie näher erläutern, angereichert mit persönlichen Zeugnissen von Menschen, die ich nach ihren Erfahrungen mit Psalmen befragt habe. Dabei stelle ich auch einen Vergleich mit der Psychologie und Psychotherapie neuerer Zeit her.

Zunächst muss geklärt werden, was depressive Gedanken überhaupt sind.

2. Definition: Depressive Gedanken

Das Wort „depressiv“ kommt aus dem Lateinischen: deprimere = niederdrücken. Depressive Gedanken sind noch nicht gleichzusetzen mit der Diagnose Depression im medizinischen Sinn. Der Ausdruck depressiv wird in unserer Gesellschaft gerne inflationär benutzt. „Heute bin ich voll depressiv“ sagt jemand, der mit negativer Stimmung aufgewacht und zur Arbeit gegangen ist, sich lustlos, niedergeschlagen oder kraftlos fühlt. Das bedeutet aber noch nicht, dass er depressiv im pathologischen Sinn ist, denn das Wort „heute“ deutet darauf hin, dass er sich sonst nicht so fühlt. Ein vorübergehendes Stimmungstief kann einfach dem Wetter, dem Hormonhaushalt oder anderen Einflüssen geschuldet sein, die morgen schon ihren Einfluss verloren haben.

Die Depression dagegen ist eine anerkannte Krankheit, die länger andauert, die gesamte Lebenslage einschränkt und ärztlich behandelt werden muss.3 Dies betrifft zwar etliche Menschen, aber längst nicht jeden.

Depressive Gedanken dagegen kennt jeder. Sie können jederzeit auftreten. Manche Menschen wie z. B. sogenannte Melancholiker neigen von ihrer Persönlichkeit eher dazu als andere, die ein fröhliches, optimistisches Gemüt haben. Aber auch diese können von depressiven Gedanken heimgesucht werden. Kurzfristig oder phasenweise.

Was ist das also? Depressive Gedanken sind vorübergehende negative Gedanken, die den eigenen Wert, den Lebenssinn oder die eigene Identität in Frage stellen, Hoffnungslosigkeit beinhalten, zu kurzfristiger innerer Dunkelheit führen, negative Einstellungen gegenüber Mitmenschen oder Situationen beinhalten, Lust- und Energielosigkeit mit sich bringen. Sie sind nicht von Dauer oder nur auf bestimmte Situationen begrenzt, erfassen also nicht die gesamte Lebenssituation desjenigen, der sie hat. Für manche Menschen bergen sie aber in sich die Gefahr, sich zu einer Depression auszuweiten, die einen Krankheitswert hat und dann medizinisch und therapeutisch behandelt werden muss.

Depressionen sind schwer und langwierig in der Therapie und haben oft tiefwirkende Folgen für das gesamte Leben. Wer will das schon? In der Bibel steht: „Mehr als auf alles andere achte auf deine Gedanken, denn sie entscheiden über dein Leben“, Sprüche 4, 23. Hier ist erkennbar, dass der Mensch grundsätzlich seine eigenen Gedanken steuern kann. Das ist dem an einer Depression Erkrankten nur noch eingeschränkt möglich. Die Psalmen zeigen einen Weg auf, aus depressiven Gedanken herauszufinden oder ihnen im Vorwege zu wehren. Damit haben sie auch präventiven Wert. Es gilt also in der Selbstfürsorge und auch in der Seelsorge, den Anfängen zu wehren und es nicht zu einer dauerhaften Gedankenhaltung kommen zu lassen, die in eine Krankheit münden kann.

3. Hauptteil

a. Lösungsansätze in den Psalmen

Psalmen sind Gebete zu Gott. Einige Psalmen enthalten auch Worte Gottes an den Menschen. Daher finden wir in den Psalmen ein Kommunizieren in beide Richtungen vor: Gott Mensch.

Dabei wird wiederholt Gottes Liebe und Fürsorge beschrieben: siehe Psalm 23; 91; 102; 103 und 136. Gott wird als gerecht, barmherzig, allmächtig, treu, liebevoll, den Menschen zugewandt beschrieben. Dies aus der Schrift zugesprochen zu bekommen ist wohltuend, tröstend und wirkt stabilisierend in Zeiten von Unsicherheit und Angst, denn es vermittelt Hoffnung auf ein Licht am Ende des Tunnels.

Dazu finden sich in den Psalmen folgende Lösungsansätze:

a. a. Gedanken und Gefühle artikulieren

fördert die Selbstreflexion, kann befreiend sein, bringt Klarheit in diffuse Gedanken und Gefühle. Das Gespräch mit einem anderen Menschen, z.B. einem Freund oder Therapeuten dient auch diesem Zweck. Im Gebet ist Gott dieses Gegenüber. Wir Menschen möchten unangenehme Gefühle gerne loswerden. Dabei kommt es bei manchen Menschen zu reflexartigen Mechanismen innerer Verdrängung oder Unterdrückung. Dies geschieht mehr oder weniger bewusst oder unbewusst und ausgeprägt. Die Psychologie hat die Verdrängung und die Unterdrückung als mit ursächlich für depressive Stimmungen erkannt. Daher werden Patienten in der Psychotherapie ermutigt, ihre negativen Gefühle zum Ausdruck zu bringen.4

Dies tun aber auch die Psalmen. Sie bieten eine Hilfe, Verdrängung und Unterdrückung zu vermeiden und sich offen den eigenen Gedanken und Gefühlen zu stellen. Das schützt vor der Entwicklung depressiver Stimmungen und wirkt somit präventiv.

In der Psychotherapie wird der Patient angehalten, seine Gefühle - egal welcher Art – zum Ausdruck zu bringen, um Unterdrücktes an die Oberfläche zu lassen, mit dem Ziel emotionaler Befreiung. Gesellschaftliche Konventionen („das tut man nicht“), Erziehung („das darfst du nicht“) und Wertvorstellungen („das ist nicht richtig“), aber auch die Angst vor der Be- und Verurteilung durch andere erschweren es, diesen Weg zu beschreiten. In diesem Spannungsfeld befindet sich auch der Christ. Bei ihm kommt hinzu, dass er mit dem christlichen Wertegefüge zu tun hat, das ihm neue Wege aufzeigt, welche die Spannung noch verstärken können. Hier bieten die Psalmen eine Lösung an, die diese Spannung anspricht und auflöst. Und Gott verurteilt nicht, siehe Joh. 8, 11.

Wie jeder Mensch spürten die Psalmisten ihre Grenzen, oft sogar sehr schmerzlich. In Not, Bedrängnis, Verfolgung und Hilflosigkeit wandten sie sich an den mächtigen Gott. Solche Hilfeschreie geschahen in der Hoffnung, gehört und befreit zu werden. Dies und das Zeugnis anderer, dass Gott ihnen schon geholfen hat, wendet den Blick von der Verfahrenheit der eigenen Situation weg in eine neue Richtung, in der Gott ein Gegenüber ist. Er kann mehr, er ist über die menschlichen Grenzen erhaben. Darauf zu setzen hat schon vielen Erleichterung verschafft.

I. K., nach einer Psychotherapie mit Klinikaufenthalt: „Psalmisten haben ihr Leid ausführlich beschrieben, auch in Bildern, was mir sehr nahe ist - so fühle ich mich nicht alleine in meinem Leid undich darf/kann auch darüber reden und brauche es nicht in mir zu behalten.

Psalmisten haben ihren Feinden auch konkrete böse Dinge gewünscht, so bekam ich Mut, meinem Ärger durch im Krankenhaus gelernte kreative Formen Luft zu machen. Es ist ein zentrales Problem bei depressiven Menschen, dass sie ihrer Wut keinen Ausgang verschaffen können. Allein dass die negativen Dinge direkt benannt werden, bringt eine enorme Erleichterung!!!!Dieser Aspekt wird in der Psychologie behandelt, unter Christen ist es ein sehr schweres Thema.....“

A. J.: „Ich habe zu Psalm 70,2 „Komm schnell Gott, rette mich!“ dieses Bild in meiner Bibel gestaltet.

Der Mensch ist gefangen. An der Stelle, wo ich „Rette mich“ geschrieben habe, ist das Band zerrissen.

Ich muss immer wieder an dieses Bild denken. Für mich zeigt dieses Bild deutlich, dass dieser Hilfeschrei nach Gott der erste Schritt aus der Not heraus ist.“

a. b. Das Herz ausschütten

In 1. Samuel 1 wird von Hanna berichtet, einer Frau, die lange kinderlos blieb und von der Zweitfrau ihres Mannes deswegen verspottet wurde. Dies war umso schlimmer, als Kinderlosigkeit im Israel dieser Zeit als Mangel an göttlichem Segen gesehen wurde. Hanna wurde regelrecht depressiv: sie weinte und verlor den Appetit. Das ging jahrelang so. Ihr Mann, der sich um sie sorgte, konnte sie mit seinen Worten nicht mehr erreichen. Hanna entschied sich eines Tages, Gott ihr Herz auszuschütten. Sie ging in den Tempel und betete so intensiv und angelegentlich, dass der Priester Eli sie für betrunken hielt.

Danach ging es ihr wesentlich besser. Sie aß wieder und die Traurigkeit war verschwunden.

Ein ähnliches Reden mit Gott zeigen auch einige Psalmen. In Psalm 38 bringt sich David bei Gott in Erinnerung, indem er mit krassen Worten und Metaphern seine ganze Gefühlspalette zur Sprache bringt und seine Gedanken Gott regelrecht hinschüttet. Er schreit, Vers 9, und stöhnt, Vers 10, usw. Am Schluss nennt er Gott seinen Retter. Auch Heman äußert in Psalm 88 seine depressiven Gedanken auf diese Weise. Auch er schreit, Vers 2 + 10 + 14, und beschreibt seine zahlreichen dunklen Gedanken und Ängste im Gespräch mit Gott.

Auch Jesus hat am Kreuz geschrien, indem er ein Psalmwort zitierte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Matth. 27, 46; Psalm 22, 2.

Die Psalmen laden also ein, sich offen und ehrlich vor Gott zu artikulieren. Sie sind Vorlage für dies Ventil in Zeiten depressiver Gedanken. Viele Psalmen enthalten Klagen in großer Bedrängnis und helfen dem Leser, sich genauso ehrlich und rückhaltlos zu öffnen. Man merkt: Gott hält das aus. Bei ihm ist meine Klage gut aufgehoben. Ich darf so klagen. Gott beschwert sich nicht darüber, wie Menschen es tun könnten.

a. c. Eigene Schuld bekennen

Unbenannte Schuld kann depressive Gedanken hervorrufen. Deshalb bieten die Psalmen ein Beispiel für das Bekennen solcher Schuld, um den Weg in die Befreiung von Bedrückung durch verborgene Schuld zu weisen.

David singt in Ps. 38, 19: „Ich gestehe es: Ich habe gesündigt. Ich finde keine Ruhe wegen meiner Schuld.“

[...]


1 Ulrich Hegerl, Svenja Niescken, Depressionen bewältigen, Die Lebensfreude wiederfinden, Trias Verlag, Stuttgart, 2. Aufl. 2004, 2008, S. 111.

2 Die Neue Scofield Bibel mit Erklärungen, nach der dt. Übersetzung D. Martin Luthers, Hrsg. C. I. Scofield, D. D. , 1967, Dt. Ausgabe: Mitternachtsruf >Große Freude<, Pfäffikon/ZH, Schweiz, 1972.

3 Ulrich Hegerl, Svenja Niescken, Depressionen bewältigen, S. 65.

4 Dr. Sandra Maxeiner, Hedda Rühle, Dr. Psych´s Ratgeber Depressionen, „Damit ihr wisst, wie ich mich fühle“, Was Betroffene und Angehörigen wissen sollten, Jerry Media Verlag, Zollikon, 2015, S. 193.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346024688
ISBN (Buch)
9783346024695
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497976
Note
2
Schlagworte
Psychische Erkrankungen christliche Seelsorge Depression

Autor

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Titel: Psalmen als Lösungsansatz für depressiv erkrankte Menschen