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Familientradition als Leitlinie des Verhaltens der Figur Tony Buddenbrook

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung: Die Figur Tony Buddenbrook

2) Bürgerliche Familie, Ehe und Rolle der Frau im 19. Jahrhundert
2.1) Allgemeine Grundsätze
2.2) Tony Buddenbrook als Mitglied einer bürgerlichen Familie

3) Tonys Familiensinn als bestimmendes Moment ihrer Beziehung zu den Männern
3.1) „Etwas Heiliges und Unantastbares“: Tonys Beziehung zu Morten Schwarzkopf als eine Möglichkeit persönlicher Freiheit
3.2) „Daß diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir vorschreiben“: Tonys Ehe mit Bendix Grünlich
3.3) „Der Fleck wäre ausgelöscht...“: Die Ehen mit Permaneder und Weinschenk als Versuche einer Wiedergutmachung

4) Die Darstellung der Figur Tony und ihre Wahrnehmung durch den Bruder Thomas

5) Schlussresümee

Literaturverzeichnis

1) Einleitung: Die Figur Tony Buddenbrook

Obwohl Tony Buddenbrook in den meisten Fällen der Status einer Hauptfigur aberkannt wird, nehmen ihre Erlebnisse und ihr Schicksal einen sehr großen Teil des Romans „Buddenbrooks“ von Thomas Mann ein. Es gibt nur wenige Kapitel, an denen Tony nicht teilhat. Zudem ist sie dasjenige Familienmitglied der Buddenbrooks, das den Roman sowohl als achtjähriges Mädchen eröffnet als auch vierzig Jahre später beschließt. Der Figur Tony Buddenbrook muss also eine nicht zu unterschätzende Bedeutung und Aufgabe im Roman zukommen, die in dieser Arbeit herausgearbeitet werden soll. Dabei wird der Schwerpunkt auf die Fragestellung gelegt, inwieweit Tonys ausgeprägter Familiensinn ihr Leben bestimmt.

Bevor der Blick jedoch auf diese Figur gerichtet wird, werden die wesentlichen und charakteristischen Merkmale der bürgerlichen Familie im 19. Jahrhundert dargestellt, um Einsicht in die Konventionen und Prinzipien dieser Zeit zu erlangen. Da Tonys Traditionsbewusstsein und ihr Pflichtgefühl gegenüber Familie und Firma besonders in der Darstellung ihrer Beziehungen zu den Männern deutlich wird, werden im Folgenden die Episode mit Morten Schwarzkopf und ihre Ehen mit Grünlich und Permaneder sowie die Verbindung ihrer Tochter Erika mit Weinschenk untersucht. Außerdem wird erarbeitet, wie Tony im Roman dargestellt wird und wie die Personen in ihrer Umgebung sie wahrnehmen, um letztendlich zu einer Wertung ihres Festhaltens an der Familientradition zu kommen.

2) Bürgerliche Familie, Ehe und Rolle der Frau im 19. Jahrhundert

2.1) Allgemeine Grundsätze

Die bürgerliche Familie im 19. Jahrhundert ist besonders durch zwei Funktionen geprägt. Zum einen gilt sie als Versorgungsinstitut für alle Familienmitglieder, zum anderen hat sie die Funktion eines Schonraums.[1]

Als Versorgungsinstitut ist sie notwendig, um die weiblichen Familienmitglieder bis zu ihrer Verheiratung, falls es zu dieser überhaupt kommt, zu ernähren und ihnen den angemessenen Lebensstandard zu ermöglichen. Zusätzlich müssen oft auch die Söhne der Familie unterstützt werden, falls diese beruflich nicht Fuß fassen können, Verluste im Geschäft erleiden oder ein Grundkapital benötigen, um sich selbstständig zu machen.

Vorstand dieses Versorgungsinstituts und gleichzeitig Familienoberhaupt ist der Vater. Seine Aufgabe besteht darin, „die ökonomische Grundlage des Lebens aller Mitglieder der Familie zu sichern und das Familienvermögen zu diesem Zweck zu erhalten.“[2] Somit hat er auch eine gewisse Verantwortung für die Zukunft jedes Familienmitgliedes. Eine solche wichtige Aufgabe verleiht dem Vater Macht und Autorität. Aufgrund der Abhängigkeit besonders der weiblichen Familienmitglieder von dem Familienoberhaupt kommt es zu einem ehrwürdigen Verhalten ihrerseits. Der Vater schafft es, seinen Willen, der vorrangig ist, durchzusetzen und seine Entscheidungen sind verbindlich.

Entsprechend dieser Versorgungs- und Erhaltungsfunktion erfolgt auch die Verheiratung der Töchter im Sinne einer ökonomisch gesteuerten Familienpolitik.[3] Eine standesgemäße und vorteilhafte Ehe mit einem ehrenwerten und geschäftlich erfolgreichen Mann soll das Ansehen der Familie fördern und ihren Rang bekräftigen. Auch von der Seite des Mannes aus betrachtet ist die Wahl der Frau entscheidend. Ihre Mitgift oder auch ein späteres Erbe soll das Familienvermögen stärken. Eine gute Partie zu machen ist also Teil des Geschäfts und bedeutet eine Verpflichtung gegenüber Familie und Firma.[4] Emotionale Zuneigung wird als Grundlage einer Ehe nicht vorausgesetzt.

Die Aufgaben der bürgerlichen Frau beschränken sich auf die Aufsicht über Haushalt, Personal und Kinder sowie auf eine dekorative Funktion bei Empfängen und Feierlichkeiten, während Geschäftliches für sie unbetretbarer Boden ist.[5] Die Eheschließung ist der einzige Akt, durch den sie entscheidend in die Ökonomie der Familie eingreift[6] und somit vergleichbar mit einer Bewährungsprobe. Allerdings ist der Einfluss der Eltern auf die Wahl des zukünftigen Ehemannes nicht zu unterschätzen. Sie entscheiden im Interesse der Firma und stellen die Wünsche und Neigungen des Kindes zurück. Hier wird das Selbstverständnis der bürgerlichen Familie im 19. Jahrhundert deutlich. Das Gedeihen der Familie erscheint wichtiger als das Glück des Einzelnen und die Interessen der Familie und der Firma sind den persönlichen und menschlichen Interessen der Familienmitglieder übergeordnet.[7]

Dass die heranwachsende Generation solche Einstellungen und Grundsätze adaptiert, ist Aufgabe und Ziel der Erziehung. Den Kindern wird immer wieder vermittelt, dass die Interessen der Familie und Firma von höchster Wichtigkeit sind und dass ihnen individuelle Wünsche und Neigungen untergeordnet werden müssen. Zudem werden den Heranwachsenden solche Prinzipien vorgelebt, so dass sie sich letztendlich der Familie gegenüber verpflichtet sehen. Aufgrund dieser Familientradition geschieht es nicht selten, dass Bürgertöchter in lieblose Ehen gezwungen werden. Daher ist dieser Konflikt zwischen einer individuellen Entfaltung und den herrschenden Konventionen nicht zuletzt ein festgeschriebenes Thema im Diskurs des europäischen Romans des 19. Jahrhunderts.[8] Als Beispiel kann Fontanes „Effi Briest“ genannt werden.

Es wird deutlich, dass dieses Selbstverständnis der bürgerlichen Familie und die auf Familie und Firma ausgerichteten Einstellungen und Traditionen mit einer Funktion der Familie als Schonraum, in dem Eintracht und Geborgenheit herrschen, letztendlich nicht vereinbar sind. Zwar wird die Existenz und ein angemessener Lebensstandard durch die Familie gesichert, doch ist es dem einzelnen Familienmitglied nicht möglich, sich nach eigenen Wünschen, Neigungen und Interessen zu entfalten. Innerhalb der Grenzen von familiären Traditionen und Prinzipien ist es schwer, sein persönliches Glück zu finden und durchzusetzen, ohne dadurch den Rückhalt der Familie zu opfern oder sogar von ihr ausgeschlossen zu werden. Somit ist die Funktion der Familie als Schonraum mehr ein Ideal, das als solches wiederum orientiert ist an gesellschaftlichen Meinungen. Mit dem Schein häuslicher Eintracht und Geborgenheit sollen die finanziellen Interessen oft nur verdeckt werden.[9]

2.2) Tony Buddenbrook als Mitglied einer bürgerlichen Familie

In der Figur Tony Buddenbrook werden der Familiensinn und die damaligen gesellschaftlichen Konventionen und Traditionen besonders stark verdeutlicht, durch ihre überzeichnete Darstellung aber auch karikiert.[10] In Tony sind die wesentlichen gesellschaftlich-menschlichen Inhalte, Probleme und Strömungen einer Epoche unmittelbar dargestellt.[11]

Tony verehrt ihren Vater als Familienoberhaupt und empfindet „mehr ängstliche Ehrfurcht, als Zärtlichkeit für ihn“ (232)[12]. Später, nach dem Tod ihres Vaters, bringt sie ihrem Bruder Thomas die gleichen Gefühle und den gleichen Respekt entgegen. Die Machtposition des Familienoberhauptes wird von ihr unkritisch anerkannt. Zudem ist sie, „ohne es selbst zu wissen, der Meinung, dass jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück, eine Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor man in jedem Falle Respekt haben müsse.“ (203)

Durch eine Erziehung in der Familientradition wird Tony „vorprogrammiert“[13]. Sie hat gelernt, dass die Familie und die Firma oberste Priorität besitzen und dass sie bestimmte Pflichten erfüllen muss. Das Prestige der Familie, die Geltung des Namens sowie das Ansehen der Firma sind für sie wesentlich und verehrungswürdig.[14] Da sie als Frau von aktiver Mitarbeit im geschäftlichen Bereich ausgeschlossen ist, besteht ihr Beitrag für die Familie darin, eine vorteilhafte Ehe einzugehen. Tony weiß, was von ihr erwartet wird und schon in der Pension bei Sesemi Weichbrodt sagt sie: „Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten. [...] Er muß recht viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin ich meiner Familie und der Firma schuldig.“ (88)

In der Figur Tony treten die Eigenschaften und Merkmale der Familie Buddenbrook und damit auch der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts sowie das „Standesbewusstsein des hanseatischen Patriziats zur Zeit der Reichsgründung am reinsten zutage“[15]. Diese Strömungen und Konventionen nehmen sie in ihren Besitz, ohne dass Tony sie kritisch reflektiert und bewertet. Somit sind Familientradition und die damit verbundenen Prinzipien stark bestimmend für Tonys Entwicklung und ihr Verhalten. Dies zeigen besonders Tonys Ehen mit Grünlich und Permaneder und ihre Beziehung zu Morten Schwarzkopf.

[...]


[1] Vgl. Moulden/v. Wilpert: Buddenbrooks-Handbuch, S. 215f..

[2] Moulden/v.Wilpert: Buddenbrooks-Handbuch, S. 215.

[3] Vgl. Lehnert : Tony Buddenbrook und ihre literarischen Schwestern, S. 36.

[4] Vgl. Vogt: Buddenbrooks, S. 47.

[5] Vgl. Moulden/v.Wilpert: Buddenbrooks-Handbuch, S. 218.

[6] Vgl. Vogt: Buddenbrooks, S. 47.

[7] Vgl. Moulden/v.Wilpert: Buddenbrooks-Handbuch, S. 213.

[8] Vgl. Lehnert, Tony Buddenbrook und ihre literarischen Schwestern, S. 36.

[9] Vgl. Moulden/v.Wilpert: Buddenbrooks-Handbuch, S. 216.

[10] Vgl. Moulden/v.Wilpert: Buddenbrooks-Handbuch, S. 218.

[11] Vgl. Zeller: Seele und Saldo, S. 10.

[12] Die Seitenzahlen (in runde Klammern gesetzt) beziehen sich in der Arbeit stets auf: Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. 52. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer 2002.

[13] Moulden v.Wilpert: Buddenbrooks-Handbuch., S. 219.

[14] Vgl. Vogt: Buddenbrooks, S. 46.

[15] Zeller: Seele und Saldo, S. 10.

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638461542
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49795
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
2,0
Schlagworte
Familientradition Leitlinie Verhaltens Figur Tony Buddenbrook Hauptseminar Romane

Autor

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Titel: Familientradition als Leitlinie des Verhaltens der Figur Tony Buddenbrook