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Kein 'Rosenkavalier' und keine 'Blume von Hawaii'. Pfitzners 'Rose vom Liebesgarten', eine vergessene Oper aus dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts

Wissenschaftlicher Aufsatz 1999 10 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

„Ich werde es immer schwer haben, aber ich werde immer da sein.“[1]

soll der greise Hans Pfitzner seinem Biographen Ludwig Schrott prophezeit haben. Zumindest für unsere Zeit kann man diese Voraussage nicht unterschreiben, Hans Pfitzner und sein Werk sind den vielen Unbekannten der Opernwelt zuzuschreiben, deren Namen eisernen Opernenthusiasten gerade einmal ein Begriff sind, nähere Kenntnisse aber oder gar eigenes Erleben ... da sieht es sogar bei ganz hartgesottenen Opernfans, die auch bereit sind, einzelnen Aufführungen durch halb Europa nachzureisen, meist dunkel aus.

Höchstens geht da manchmal die Legende von einer Künstleroper namens "Palestrina", die zu den ganz großen Werken unseres Jahrhunderts gehören soll, wohl werden da auch hin und wieder Aufnahmen als Beweis vorgespielt, Bekehrungsversuche unternommen — doch viele glauben, daß es sich dabei wohl nur um Relikte aus längst vergangenen Tagen der ohnehin schon etwas angejahrten Dame Oper handelt.

Bester Beweis: Das Pfitzner-Jahr 1999, in welchem sich der Geburtstag zum 130. und der Todestag zum 50. Mal jährt: Kann da etwa von einer großen Pfitzner-Renaissance die Rede sein? Weit gefehlt, gerade einmal 4 Opernhäuser lassen den halbvergessenen Namen auf ihren Spielplanankündigungen finden.

Also eine Repertoire-Mumie wie so viele andere auch. Eine Mumie?

Aber warum dann das große Kampfgeheul, wenn der Berliner GMD der „Deutschen Oper“, Christan Thielemann, sich für dieses vergessene Werk einsetzt, den "Palestrina" dirigiert und den Namen Pfitzner häufiger auf seinen Konzertprogramm auftauchen läßt? Warum nicht einfach den Dirigenten das Wagnis unternehmen lassen, sich die Hörner abstoßen oder eben doch ... eine Renaissance herbeiführen lassen? Schließlich gab es solche Renaissancen durchaus schon, die Opern Schrekers, Zemlinskys, ja sogar Siegfried Wagners hatten ihren zweiten Frühling, warum also nicht auch Pfitzner — ist der Spielplan doch durchaus übersichtlich genug und jede Variation bei der allgegenwärtigen Anhäufung von altbekanntem und oft totinterpretierten Repertoire nur angenehme Abwechslung!

Doch so einfach ist die Angelegenheit nicht, Pfitzner ist nämlich politisch bedenklich.

Eine genaue Aufarbeitung seiner persönlichen politischen Zeitumstände steht noch aus, bis dahin ist Pfitzner heftig umkämpfter Spielball zweier Gruppen: Einer fast schon militant zu nennenden Gemeinde von Pfitznerianern und persönlichen Freunden des Meisters, welche die Fama vom politisch Verfolgten im Dritten Reich aufrecht hält und auch nicht davor zurückschreckt, nur ordentlich gefiltertes, quasi politisch gereinigtes Material über den Meister freizugeben (Anekdoten, Anekdötchen und aus dem Sinnzusammenhang gerissene Bruchstücke von Briefen etc.), andererseits eine Gruppe von Wissenschaftlern, denen die Nazisuche zur eigentlichen Existenz geworden ist und die nun einseitig belastendes Material zusammenkarren, welches Pfitzner ihrer Meinung nach „eindeutig“ überführt. Und da kommt etwas zusammen: Ein Krankenbesuch Hitlers bei Pfitzner, freundschaftliche Kontakte mit dem „Polenschlächter“ Hans Frank und anderen Nazigrößen, die Eingliederung der Hans Pfitzner-Gesellschaft in Rosenbergs Nationalsozialistische Kulturgemeinde, demonstrative Aufführungen des "Palestrina" im frisch eroberten Paris als chauvinistische Siegerpose, Preisverleihungen und Ehrungen en masse.

Auf diese Weise läßt sich billig und anscheinend trefflich argumentieren; wer eine solche Auflistung vor Augen hat, dem ist die Lust auf Pfitzner-Opern, die noch dazu als schwer zugänglich gelten, meist schnell vergangen...

Ins Abseits gerät dabei neben dem Werk selbst auch die Person Pfitzners, seine näheren Lebensumstände, die Ambivalenz des über ihn existierenden Materials, welche eben eine Argumentation in beide Richtungen ermöglicht. Es gibt gleichermaßen philo- und antisemitische, nationalistische und liberale, treudeutsche und regimekritische Äußerungen Pfitzners, für jede Beweisführung findet sich ein Gegenbeweis, je tiefer man gräbt, um so bessere Argumente finden sich für beide Ansätze, das Wesen Pfitzners zu begreifen.

Kann es wirklich sein, daß jemand einerseits 1919, als die Weimarer Republik sich in Weltoffenheit gefiel und die Theaterszene in einen wahren Taumel von Glanz, Tempo und Experimentierfreudigkeit pulsierte, die Säbel wetzte gegen den „jüdisch-internationalen Geist, der dem Deutschen den ihm ganz fremden Wahnsinn des Niederreißens und Zertrümmerns einpflanzt“[2] und andererseits zu Beginn des Dritten Reiches einem Künstler harmlos schrieb: „Gott sei Dank kennen sie mich schlecht, wenn Sie glauben, daß Bedenken von meiner Seite vorliegen, meine Lieder von Ihnen gesungen zu wissen, weil Sie Jude sind. Ich möchte Ihnen hier nicht ausführlich schreiben, wie ich über Judenverfolgungen in Deutschland denke, denn ich liebe die Dachauer Gegend nicht besonders.“[3]

Oder andersherum: Obwohl Pfitzner zwischen den Kriegen noch befand „Der Antisemitismus schlechthin und als Hassgefühl ist durchaus abzulehnen.“[4], rühmte er dennoch nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges devot den „größten Feldherren“ (und Antisemiten) aller Zeiten:

„Es hat wohl selten oder niemals der Führer eines Volkes und eines Heeres eine größere und furchtbarere Verantwortung auf sich genommen als Adolf Hitler, da er nach dem verlorenen Weltkrieg das Schicksal des deutschen Volkes in seine Hand nahm. Wer hätte 1918 gedacht, daß Deutschland sich noch einmal erheben könne, und wie steht es jetzt da!“[5] Ja, wie stand es da.

[...]


[1] Schrott, Ludwig „Hans Pfitzner“ Zürich und Freiburg 1959, S. 5

[2] Pfitzner, Hans „Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz. Ein Verwesungssymptom?“ wieder veröffentlicht in "Gesammelte Schriften", Band 2, S. 229/230

[3] Brief Hans Pfitzner an Hermann Schey vom 28. 9. 1933

[4] Pfitzner, Hans [Über den Antisemitismus] in „Gesammelte Schriften“, Band 4, S. 320

[5] Entwurf Pfitzners für eine Ehrung Adolf Hitlers, Original in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, abgedruckt in Adamy, Bernhard „Hans Pfitzner. Literatur, Philosophie und Zeitgeschehen in seinem Weltbild und Werk“, Tutzing, 1980, S. 333

Details

Seiten
10
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638461436
ISBN (Buch)
9783640203703
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49784
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Theaterwissenschaft
Note
Schlagworte
Kein Rosenkavalier Blume Hawaii Pfitzners Rose Liebesgarten Oper Drittel Jahrhunderts Programmheft Zürich

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Titel: Kein 'Rosenkavalier' und keine 'Blume von Hawaii'. Pfitzners 'Rose vom Liebesgarten', eine vergessene Oper aus dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts