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Aktives Beckenbodentraining bei Stuhlinkontinenz

Wann ist diese Trainingsmethode indiziert und wirkungsvoll?

Bachelorarbeit 2019 64 Seiten

Gesundheit - Public Health

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Forschungsfrage
1.3 Methodik und Vorgehensweise

2 BECKENBODEN UND SCHLIEßMUSKELN
2.1 Anatomie und Funktion des Beckenbodens und der Schließmuskeln
2.2 Dysfunktion des Beckenbodens und der Schließmuskeln

3 STUHLINKONTINENZ
3.1 Ursachen
3.2 Risikofaktoren und Prophylaxe
3.3 Anamnesegespräch
3.4 Klinische Untersuchung
3.4.1 Apparative Untersuchung
3.4.2 Anales palpieren
3.5 Diagnose
3.6 Therapie
3.7 Evaluation
3.8 Intimität, Scham und Tabuisierung
3.9 Lebensqualität und Gestaltung des Alltags

4 BECKENBODENTRAINING ALS THERAPEUTISCHE MAßNAHME
4.1 Beckenbodentraining
4.2 Trainingshinweise
4.3 Biofeedback

5 DISKUSSION UND AUSBLICK
5.1 Zusammenfassung
5.2 Beantwortung der Forschungsfrage
5.3 Diskussion
5.4 Schlussfolgerungen und Ausblick

6 VERZEICHNISSE
6.1 Literaturverzeichnis
6.1.1 Literaturquellen
6.1.2 Internetquellen
6.2 Abbildungsverzeichnis
6.3 Tabellenverzeichnis

A ANHANG

A.1 Anhang

KURZFASSUNG

Problemstellung

An den Folgen der analen/fäkalen Inkontinenz, beziehungsweise Stuhlinkontinenz leiden in Österreich etwa 800.000 Personen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, aufgrund der Anatomie des weiblichen Beckenbodens und seiner Belastung durch Geburten. Im Verhältnis 4-5:1 sind Frauen häufiger betroffen als Männer.

Methodik

Die Methodik beinhaltet eine umfassende Literaturrecherche mittels einschlägiger online Datenbanken und gezielter Weiterrecherche im Internet und Verwendung von Fachbüchern.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass eine Informationsbroschüre über das Beckenbodentraining allein nicht ausreichend ist, die Stuhlinkontinenz zu behandeln. Die Effizienz des (Biofeedback-)Beckenbodentrainings bei Stuhlinkontinenz wurde in zahlreichen Studien belegt.

Schlussfolgerungen

Schlussfolgernd lässt sich eine Empfehlung des Beckenbodentrainings aussprechen, wenn unter anderem keine chirurgischen Maßnahmen, wie Prolapschirurgie notwendig sind, die funktionale Sphinkterlänge über 1 cm liegt, kein externer analer Sphinkterdefekt vorliegt und St. Mark’s Score < 10 liegt.

Schlüsselwörter

Die Schlüsselwörter lauten anale Inkontinenz, Stuhlinkontinenz, fäkale Inkontinenz, Beckenbodentraining und Beckenbodentraining mit Biofeedback.

ABSTRACT

Problem

800,0 Austrians are suffering from anal/stool/fecal respectively faecal incontinence. Women are more often affected than men, because of the anatomy of the female pelvic floor and the burden from births. At the rate of 4-5:1 are women more affected than men.

Methods

The method includes a comprehensive literature recherche through respective online databases and targeted deeper recherche in the internet and use of specialist books.

Results

The results show that an explanatory booklet from pelvic floor training alone is not sufficient for treating stool incontinence. The efficiency of (biofeedback) pelvic floor training was prooven in various studies.

Conclusion

In conclusion, a recommendation of pelvic floor training among others is given, if there is no need of a surgical treatment, like prolaps chirurgie, a functional sphincter length over 1 cm, no external anal sphicter defect and a St. Mark’s Score < 10.

Keywords

The keywords are anal/stool/fecal respectively faecal incontinence, pelvic floor training and pelvic floor training with biofeedback.

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINLEITUNG

Die vorliegende Bachelorarbeit setzt sich mit dem aktiven Beckenbodentraining bei Stuhlinkontinenz auseinander. Die Zielgruppe soll definiert werden und die Wirksamkeit erhoben werden.

1.1 Problemstellung

Geschätzte 800.000 Personen leiden in Österreich an Stuhlinkontinenz, auch anale/fäkale Inkontinenz genannt (Hanzal, Bartosch, Stelzhammer & Udier, 2015, S. 1). Die Stuhlinkontinenz wird als unfreiwilliger Abgang von flüssigem oder festem Stuhl, die Analinkontinenz als unwillentlichem Abgang von Gas mit oder ohne Stuhl definiert. Die Anal- beziehungsweise Stuhlinkontinenz ist ein Symptom und keine Diagnose und weiterhin ein Tabuthema, welches einfühlsam in der Anamneseerhebung speziell erfragt werden sollte. Deshalb schwanken die Ergebnisse epidemiologischer Studien mit einer Prävalenz von etwa 7-15 % bis zirka 30 % im Krankenhaus und von angenommenen 70 % in Pflegeeinrichtungen, massiv (Frieling, 2015, S. 1). Frauen sind häufiger betroffen als Männer, aufgrund der Anatomie des weiblichen Beckenbodens und seiner Belastung durch Geburten. Lediglich ein paar Hundert einschlägig spezialisierte Vertreterinnen und Vertreter stehen den Stuhlinkontinenten gegenüber, die die Kontinenz wiederherstellen beziehungsweise erhalten wollen. Großteils ist das einfache Beckenbodentraining (ohne die apparativen Ergänzungen von intraanaler Elektrostimulation oder Biofeedback) die solide Basis der Inkontinenztherapie. Eine signifikante Lebensqualitätsverbesserung wird erreicht. Die aktive Kontraktion der Sphinkteren und des Levator ani benötigt allerdings Übung. Diese Kunst wird gepflegt von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, dem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal, Hebammen, Gynäkologinnen und Gynäkologen, der proktologischen Chirurgie und Urologie (Hanzal et al., 2015, S. 1-2). Teile der analen Schließmuskeln gehören zum Beckenboden. Um die Beckenbodenmuskeln zu trainieren, werden die Öffnungen wie Vagina oder Anus angespannt. Da der Beckenboden für viele allerdings nicht spontan eruierbar ist, empfiehlt sich als Hilfestellung und Kontrolle eine anale Palpation. Somit kann herausgefunden werden, ob die richtigen Muskeln angespannt werden. Die vaginale und anorektale Palpation ist auch die simpelste Art, den Beckenboden zu untersuchen. Eingesetzt wird die Palpation ebenso zur Befundaufnahme und Therapie der Beckenbodenmuskeln. Die Palpation wird seit langer Zeit international praktiziert. Um den Therapiefortschritt zu messen und das Trainingsprogramm anzupassen, empfiehlt sich eine wiederholte anorektale Palpation (Gärtner-Tschacher, 2017, S. 416-418).

Johannessen, Wiebe, Sordahl, Sandvik, & Morkved (2017, S. 686) fanden durch ihre Studie heraus, dass Frauen nur durch Beckenbodentrainingshinweise einer Informationsbroschüre weniger gute Resultate erzielen, als Frauen, die ein angeleitetes Beckenbodentraining erhalten. Zurückzuführen ist dies darauf, dass ein Drittel der Frauen den Beckenboden nicht richtig anspannen kann.

Eine fachübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen ist für eine kompetente Hilfe notwendig. Die medizinischen Richtungen Urologie, Gynäkologie, Chirurgie, Koloprokologie, Gastroenterologie und Geriatrie nehmen sich des Problems Stuhlinkontinenz an. Es gilt die verschiedenen Disziplinen mehr zu vernetzen. Ärztinnen und Ärzte und das Pflegepersonal sollten Patientinnen und Patienten gezielt über Inkontinenz befragen, da Patientinnen und Patienten selten das Symptom aus Scham mitteilen (Mainau, 2014, S. 24-25).

Durch die Tabuisierung in der Gesellschaft ist allerdings auch vielen Betroffenen nicht klar, dass Stuhlinkontinenz ein Behandlungsgrund ist (Leo, Maeda, Collins, Hodgkinson, Murphy & Vaizey, 2017, S. 1-13, 17-21). Zudem nimmt jeder Betroffene seine Stuhlinkontinenz anders wahr. Allerdings leiden das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität oft unter den daraus resultierenden Folgen. Scham und Angst wird häufig erlebt. Negative Konsequenzen für Beziehungen sind die Folge. Das Sexual- und Berufsleben leiden weiters darunter. Eine Isolation kann die Folge sein (Hayder- Beichel & Kuno, 2018, S. 35, S.35).

Frieling (2015, S. 186) ergänzt, dass in den United States of America (USA) angenommen wird, dass das Vorliegen einer Inkontinenz mit Kosten von etwa 2800 US-Dollar im Vergleich zu Patientinnen und Patienten ohne Inkontinenz verbunden ist. Der Großteil der sozioökonomischen Belastungen entstehen durch indirekte Kosten (Verlust der Produktivität, Einschränkung der Lebensumstände), weniger durch direkte Kosten (Vorlagen, Hygieneprodukte, Arzt-/Pflegeversorgung). In Deutschland lassen Schätzungen darauf schließen, dass der Bedarf für Inkontinenz- beziehungsweise Stomaversorgung ungefähr 17 % der Medizinprodukte beträgt.

1.2 Zielsetzung und Forschungsfrage

Gegenstand dieser Bachelorarbeit 2 ist es, die Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse durch kurative Kompetenzen zur Förderung der Gesundheit und Aufrechterhaltung der höchstmöglichen Lebensqualität auch aus pflegerischer Sicht beizutragen. Die anale Palpation kann von Ärztinnen und Ärzten übertragen werden und somit unter anderem vom Gesundheits- und Krankenpflegepersonal durchgeführt werden. Eine Behandlungskontinuität kann durch die interprofessionelle Zusammenarbeit gewährleistet werden.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist herauszufinden, für welche Personengruppen ein Beckenbodentraining gegen Stuhlinkontinenz hilfreich ist. Das Gesundheits- und Krankenpflegepersonal sollte durch diese Bachelorarbeit ebenso die Effektivität des Beckenbodentrainings herausfinden. Daraus ergibt sich die folgende Forschungsfrage:

Bei welchen Patientinnen und Patienten ist ein aktives Beckenbodentraining bei Stuhlinkontinenz indiziert und wirkungsvoll?

1.3 Methodik undVorgehensweise

Die Bachelorarbeit 2 ist ein rein literaturgestütztes Werk. Es werden die Datenbanken Bibnet.org, Cinahl, Cochrane, PubMed, Trip und Springer Compact bei Notwendigkeit mit boolischen Operatoren durchsucht. Die Suchbegriffe sind „Stuhlinkontinenz“, „stool incontinence", „faecal incontinence", „fecal incontinence" kombiniert mit „pelvic floor“ „pelvic floor muscle traing (PFMT)“ „PFMT“, und „Beckenbodentraining“. Weiters wurden die Begriffe „anales palpieren“ und „rektales palpieren“ verwendet.

Ebenso werden Internetseiten von einschlägigen Institutionen zu diesem Thema je nach Relevanz aufgesucht. Der FH Burgenland Bibliothekskatalog und Freihandbereich wird ebenfalls genützt. Als Einschlusskriterium gilt das frühe Stadium der Stuhlinkontinenz, bei kognitiv erreichbaren Frauen und Männern und aktives Beckenbodentraining.

Die Ausschlusskriterien hingegen sind Stuhlinkontinenz im Kindesalter, fortgeschrittene Stuhlinkontinenz, Stuhlinkontinenz bei Demenz, Diarrhö oder Obstipation, Anomalien, Leistungssport und Stuhlinkontinenz auf Grund von Darm-, und Nervenerkrankungen. Nicht herangezogen werden das passive Beckenbodentraining, wie die Elektrotherapie. Ausgeschlossen werden ebenso nicht aussagekräftige Studien (durch beispielsweise zu kleine Teilnehmerzahl) und veraltete Literatur.

Herangezogen werden kontrollierte Studien, Metaanalysen, Fachartikel und Fachbücher in deutscher und englischer Sprache.

Ausgewählt wurde für diese Bachelorarbeit 2 der Suchprozess nach Kleibel & Mayer (Mayer, 2015, S. 296). Hierbei geht es vorerst um die Wahl des Themas. Anschließend wird eine Grobrecherche durchgeführt und der Autor liest sich in das Thema ein. Sodann wird das Konzept/Thema und die Frage festgelegt. Die Suchhilfen werden ausgewählt und die Suchbegriffe werden definiert. Zur Suche wird ein Suchprotokoll angelegt, welches im Anhang unter A.1 (s. Anhang A.1) ersichtlich ist. Die Suche wird im Prozess ausgeweitet. Die gefundene Literatur und Literaturstellen wird sodann geordnet. Die Suche wird immer wieder eingeschränkt. Somit führt der Suchprozess zu immer neuer Literaturbeschaffung. Das Irrelevante wird aussortiert durch kritisches Lesen und Bewerten. Eine Synthese der kritisch bewerteten Zusammenfassungen wird erstellt.

Da das Gesundheits- und Krankenpflegepersonal in verschiedenen Settings arbeitet, schließt diese Bachelorarbeit sowohl Klientinnen und Klientin und Patientinnen und Patienten ein. Um diese Nennungen zu vereinfachen werden Patientinnen und Patienten genannt, was Klientinnen und Klienten nicht ausschließen sollte.

2 BECKENBODEN UND SCHLIEßMUSKELN

Bo, Berghams, Morkved, Van Kampen, Freeman, Chappie, & Moffat (2015, S. 41) bezeichnen die Beckenbodenmuskeln als eine tiefe Muskelgruppe, die Ähnlichkeiten in ihrer neuralen Kontrolle mit Axialmuskeln (wie Nackenstrecker, Rumpfstrecker) vorweisen. Sie stehen unter einem starken Reflex und relativ schwacher freiwilliger Kontrolle. Wenige für den Betroffenen selbst erfassbare Daten lassen diese Muskeln wahrnehmen. Ihr neuraler Kontrollmechanismus ist eher gering. Trauma und Erkrankungen des neuralen Systems und die lange neurale Strecke (vom Frontalkortex bis zum Ende des Rückenmarks) können zu Problemen der nervalen Versorgung des Beckenbodens führen.

Muskeln, die eine aufrechte Haltung ausdauernd gegen die Schwerkraft gewährleisten, bestehen zum Großteil aus Slow-Twitch-Fasern (ST-Fasern). Die Beckenbodenmuskulatur besteht somit zu 70-95 % aus ST- und nur geringfügig aus Fast-Twitch-Fasern (FT-Fasern). Die beiden Sphinktere (Mm. Sphincter ani externus und urethrae externus) sind somit für die Ausdauerfunktion ausgelegt. Die FT-Fasern am Beckenboden kontrahieren bei akuten Druckereignissen von kranial, wie Husten, Niesen oder Lachen. Die maximale Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur kann höchstens zehn Sekunden gehalten werden. Der Durchschnitt beträgt hingegen zirka drei Sekunden. Eine gezielte starke Kontraktion führt zum Anspannen von M. transversus abdominis und M. glateus maximus, der mit dem Fettkörper der Fossa ischioanalis mit dem Beckenboden verbunden ist. Sämtliche Bauchmuskeln und der Beckenboden sind gemeinsam an der intraabdominalen Druckerhöhung beteiligt. Am Becken setzen ebenso die Hüft- und Rumpfmuskeln an. Sie sind ebenso Synergisten des Beckenbodens. Beim Stehen stabilisiert der Beckenboden den Beckenring. Im Gang stabilisiert der Beckenboden auf der Standbeinseite und wirkt auf der Spielbeinseite stoßdämpfend (Henscher, 2015, S. 41).

2.1 Anatomie und Funktion des Beckenbodens und der Schließmuskeln

Der Beckenboden besteht im Wesentlichen aus Muskulatur und Faszien (Sammer & Lackner, 2016, S. 376).

Der Beckenboden der Frau hat die Hauptaufgabe der Haltefunktion der Beckenorgane und der Verschlussfunktion von Anus, Vagina und Urethra. Bei jeder Behandlung ist diese Vielschichtigkeit zu berücksichtigen. Gebildet wird der Beckenboden aus zwei platten Muskeln, die sich teilweise überlagern. Das Diaphragma urogenitale füllt den Raum im Arcus pubicus aus. Hier verlaufen die Urethra und die Vagina. Einen unvollständigen Trichter bildet der M. levator ani mit seinen Anteilen und wird als Diaphragma pelvis bezeichnet. Die schlitzförmige Öffnung nach ventral-kaudal dient als Durchtritt für Urethra, Vagina und Anus. Eine zusätzliche Schicht aus glatter Muskulatur befindet sich kranial dieses Diaphragmas, das sogenannte lissomuskulofibröse System. Es verbindet Vagina und Urethra mit dem Beckenboden. Die Beckenwand wird von Fascia pelvis parietalis und die Beckenorgane großteils von Fascia pelvis visceralis bedeckt.

Verschiedene Strukturen aus glatter und quergestreifter Muskulatur arbeiten mit diversen Sphinkteren von Blase und Darm zusammen. Ein reibungsloser Ablauf von Miktion und Defäkation ist hierdurch möglich. Die Innervation setzt sich aus vegetativen (Sympathikus, Beckenparasympathikus) und dem peripheren Nervensystem (Segmente S2-S4) zusammen. Dies führt zu koordinativen Herausforderungen. Die Bewegungskontrolle stützt sich auf eine funktionierende Propriozeption. Im kleinen Becken bilden bindegewebige Strukturen die funktionelle Einheit des Beckenbodens. Der Uterus mit Adnexen wie Ovar, Vagina, Rektum und Blase bilden die viszeralen Strukturen, welche vom bindegewebigen Halteapparat flexibel geführt werden. Der Stamm dieses Apparates wird aus Corpus intrapelvinum oder als Lig. Cardinale uteri Mackenrodt bezeichnet, gebildet. Das Bindegewebe ist hier verdichtet. Der Ursprung ist entlang von A. iliaca interna und verläuft am ventralen Rand des Foramen ischiadicum majus bis Spina ischiadica und am M. levaturwird die Symphyse erreicht. Vom lateral kommenden Corpus intrapelvinum ziehen gefäß- und nervenführende Bindegewebepfeiler ventral zur Blase und erreichen die Symphyse dorsal zum Rektum sowie nach medial zum Uterus und Vagina (Sammer & Lackner, 2016, S. 376-378).

Auch der Beckenboden des Mannes besteht im Wesentlichen aus den Komponenten Diaphragma pelvis, mit den zwei Muskeln M. levator ani (mit Mm. Puborectalis, pubococcygeus und ilioocygeus) und M. ischiococcygeus. Durch eine dünne Muskelplatte mit Bindegewebe wird der Hiatus genitalis umschlossen. Dieser Muskel ist der kaudale Teil des quergestreiften M. sphinkter urethrae externus. Zwischen dem Hiatus urogenitale und dem Hiatus ani befindet sich ein fester bindegewebiger Keil (Corpus perineale). Hier treffen auch einige oberflächliche Beckenbodenmuskeln zusammen. Der ellipsenförmige Muskel M. sphincter ani externus setzt hinten an der Spitze des Steißbeins und vorne am Corpus perineale an. Mit dem M. puborectalis geht er am Rektum eine Muskelschlinge ein. Der M. bulbospongiosus geht am Penisrücken in die Fascia penis über. Der M. ischiocavernosus zieht seitlich vom Ramus assis ischii vorbei (Henscher, 2015, S. 42).

Der Beckenboden samt den Muskeln wird in Abbildung 1 (s. Abbildung 1) dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Beckenbodenmuskeln, Quelle: Hanzal etal. (2015, S. 30)

Der Schließmuskel bildet den Abschluss des Enddarmes. Jener liegt in den muskulären und bindegewebigen Strukturen des Beckenbodens. Der glattmuskuläre, unwillkürliche innere Schließmuskel, M. sphincter ani internus, leistet 70 % der Verschlusskraft. Hingegen ist der äußere Schließmuskel, M. sphincter ani externus ein quergestreifter, willkürlicher Muskel. Der dehnbare Enddarm dient als Resservoir für den Stuhl. In der Darmwand sind Nerven ansässig. Die Funktionseinheit M. sphincter ani internus, M. sphincter ani externus, Enddarm und eingelagerten Nerven werden als Kontinenzorgan bezeichnet. Die Abbildung 2 (s. Abbildung 2) zeigt die schematische Darstellung des Kontinenzorgans. Jede Beeinträchtigung des Kontinenzorgans und weitere Erkrankungen des Darmes können zu einer Stuhlinkontinenz führen (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2014, S. 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Schematische Darstellung des Kontinenzorgans, Quelle: Deutsche Kontinenz Gesellschaft (2014, S. 5)

2.2 Dysfunktion des Beckenbodens und der Schließmuskeln

„Pelvic floor dysfunction, particularly as manifested by genital prolapse and urinary or faecal incontinence, reamins one of the largest unaddressed issues in women’s health care today“ (Bo et al., 2015, S. 1).

Solange die Beckenbodenmuskulatur oder die levator ani Muskelfunktion normal ist, der Beckenboden ausreichend unterstützend wird und die Lig. und Faszien unter normalem Druck stehen, besteht kein Handlungsbedarf. Wird die Beckenbodenmuskulatur zu locker oder beschädigt, auch auf Grund von Alter oder Übergewicht, müssen die Beckenorgane von den Ligamenten und Faszien alleine gehalten werden. Wenn die Beckenbodenmuskulatur die Organe nicht aktiv tragen kann, werden die verbindenden Gewebe aufgedehnt und verletzt. Daraus resultieren Harninkontinenz (Stress-, Drang- oder gemischte Inkontinenz), Stuhlinkontinenz, Beckenorganeprolaps, sensorische oder entleerende Abnormalitäten vom unteren Harntrakt, Defäkationsstörungen, sexuelle Störungen oder chronische Schmerzsyndrome (Bo et al., 2015, S. 1 & Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2014, S. 9).

Mit der muskulären Fehlfunktion stehen weitere Krankheitsbilder in Verbindung, wie Obstipation, Funktionsveränderungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Es kann manchmal Jahre dauern bis sich eine Dysfunktion der Beckenbodenmuskeln äußert. Diese Funktionsstörungen erschweren das Leben, verursachen jedoch selten Schmerzen. Daher führen oft andere Symptome dazu das muskuläre Gleichgewicht wieder zu erlangen. Beckenbodenassoziierte Erkrankungen werden ausgelöst durch ein Missverhältnis von Belastung und Belastbarkeit. Die Belastbarkeit des Beckenbodens sollte durch das Beckenbodentraining erhöht werden. Dies dauert meist mehrere Monate. Frauen mit Inkontinenz weisen andere spontane Muskelaktivitäten auf als Gesunde. Die drei Muskelgruppen Beckenboden, gerade Bauchmuskeln (M. transversus abdominis) und einige Rückenmuskeln (Mm. multifidii) kontrahieren verzögert. Alle drei Muskelgruppen weisen diese verzögerte Aktivität auf. Werden die Muskeln aktiv, führt dies beim Inkontinenten allerdings zu einem größeren Bewegungsausschlag als bei der kontinenten Vergleichsgruppe. Muskelaktivitäten, die fein und differenziert sind, gehen somit verloren. Vermehrt kommt es zum Alles-oder-Nichts-Prinzip mit weniger Abstufungen dazwischen (Hanzal et al., 2015, S. 76-78).

Bo et al., (2015, S. 1) nennen drei Stadien der Beckenbodendysfunktion. Im ersten Stadium herrscht ein perfekter Beckenboden vor, welcher anatomisch, neurologisch und funktionell bestens arbeitet. Das zweite Stadium ist weniger perfekt, aber der Beckenboden ist gut kompensiert. Die Patientin oder der Patient weist keine Symptome auf. Im dritten Stadium lässt sich ein funktioneller dekompensierter Beckenboden feststellen mit Harn-, Stuhlinkontinenz oder Beckenbodenorganprolaps.

Das komplexe Zusammenspiel von Muskeln und dem Nervensystem ist uns oft nicht bewusst. Eine gestörte automatische Muskelaktivität fordert dazu auf, Abläufe neu zu lernen, dies gilt auch für die Beckenbodenmuskulatur. Der Begriff "pelvic floor reeducation" wird hierfür im Englischen verwendet. Es geht um ein (Wieder-)Erlernen einer motorischen Fertigkeit (Hanzal et al., 2015, S. 90).

Dammverletzungen im Rahmen einer vaginalen Entbindung gehören zu den größten Risikofaktoren. Der M. sphincter ani externus und internus können hierbei einreißen. Auch die Schleimhaut des Mastdarms kann dabei verletzt werden Eine Dysfunktion des Beckenbodens besteht jedoch oft nur zeitweise. Die Kontinenz stellt sich oftmals wieder selbstständig her. Die allgemeine Muskelspannung lässt im höheren Alter nach. So kann es zum (Wieder-) Auftreten der Stuhlinkontinenz kommen. Dies betrifft Frauen und Männer. Eine medikamentöse Behandlung mit stopfenden und/oder abführenden Substanzen kann vorher versucht werden. Eine Implantation von Schrittmachern für den Schließmuskel oder aufwändige rekonstruktive Eingriffe können die anale Kontinenz wieder herstellen (ebd., S. 26-28).

Beeinträchtigungen des analen Schließmuskels könnten beispielsweise Rektumkarzinome, entzündliche Erkrankungen oder Verletzungen sein. Rückenmarkserkrankungen können zu neurologischen Störungen führen. Der Entleerungsmechanismus kann in seiner Funktion beeinträchtigt werden. Sensible Störungen der Darmwand (hervorgerufen durch beispielsweise Diabetes mellitus) können ebenso zur Stuhlinkontinenz führen (Thieme I Care, 2015, S. 392).

Im Vergleich zu Frauen treten primäre Dysfunktionen des Beckenboden bei Männern seltener auf. Nach einer Prostataoperation kommt es allerdings häufiger zu einer nachfolgenden Inkontinenz (Henscher, 2015, S. 41). Beim männlichen Beckenboden fehlt es weiters oft an Elastizität und Entspannungsmöglichkeit. Leidet der Patient an einer erektilen Dysfunktion, sollten maligne Krankheiten und Hormonveränderungen und so weiter durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt ausgeschlossen werden. Sind andere Diagnosen ausgeschlossen worden, kann mit einer Beckenbodenmuskelstärkung begonnen werden (Hanzal et al., 2015, S. 141­142).

Ansprechpartner bei Beckenbodendysfunktionen sind folgende Fachärztinnen und Fachärzte der Fachrichtungen Proktologie (Erkrankungen des Enddarmes), Chirurgie (Erkrankungen des Darmes), Neurologie, Geriatrie und Rehabilitation. Diese Fachärztinnen und Fachärzte versuchen mit Betroffenen individuelle Lösungen zu erarbeiten. Ebenso unterstützen beim Symptommangement Apothekerinnen und Apotheker, Physiotherapeutinnnen und Physiotherapeuten und Pflegefachkräfte (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2014, S. 10). Bo et at. (2015, S. 1) führt die Problematik der Spezialisierungen der Fachbereiche an. Die verschiedenen medizinischen Spezialisten werden für die jeweiligen gestörten Beckenbodenöffnungen herangezogen. Die Harnröhre und die Blase behandelt die Urolgogin oder der Urologe, die Vagina und die weiblichen Geschlechtsorgane therapiert die Frauenärztin oder der Frauenarzt und Colon und Rektum untersucht die kolorektale Chirurgin oder der kolorektale Chirurg. Anstatt die verschiedenen Öffnungen von den jeweiligen Spezialisten untersuchen zu lassen, wäre ein Spezialist für die gesamte Beckenbodenmuskulatur, Ligamenten, Faszien und dem Hilfssystem der Beckeneingeweide sinnvoller.

3 STUHLINKONTINENZ

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft (2014, S. 4) definiert die Stuhlinkontinenz folgendermaßen: „Stuhlinkontinenz bedeutet, dass die frühkindlich erworbene Fähigkeit den Stuhl ort- und zeitgerecht abzusetzen, verloren gegangen ist. Unwillkürlicher Verlust von Darminhalt, das kann Luft, Darmschleim oder Stuhl sein, ist die Folge“.

In den westlichen Ländern kommen Untersuchungen zum Ergebnis, dass die Prävalenz bei etwa 5 % liegt. Im Verhältnis 4-5:1 sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Durch die nachlassende Gewebeelastizität des Beckenbodens und der Schwäche des Schließmuskels leiden vermehrt Ältere unter den Folgen der Stuhlinkontinenz. Individuelle Dispositionen, Krankheiten des Darms, insbesondere des Enddarms und Adipositas steigern die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von Stuhlinkontinenz (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2014, S. 4).

Munoz-Yagüe, Solis-Munoz, Ciriza de los Rios, Munoz-Garrido, Vara & Solfs-Herruzo (2014, S. 7934) führen die Stuhlinkontinenz an als:

„Fecal incontinence is defined as the involuntary and recurrent loss of feces through the anus. It represents a clinical condition that may significantly alter both physically and mentally the quality of life of patients. It is a problem that affects between 1.4% and 15.3% ofthe general population.“

Eine in der Praxis gebräuchliche Schweregradeinteilung der Stuhlinkontinenz teilt die Inkontinenz in drei Grade. Der erste Grad wird als unkontrollierter Abgang von Winden definiert. Im zweiten Grad leidet die Patientin oder der Patient an unkontrolliertem Abgang von flüssigem Stuhl. Der dritte Grad macht sich bemerkbar als Abgang von festem Stuhl (Gaßmann & Gohrbandt, 2017, S. 354).

3.1 Ursachen

Die Ursachen für Stuhlinkontinenz sind vielfältig. Grund kann eine Schädigung des Schließmuskels und/oder der Analhaut sein. Auch eine Beckenbodeninsuffizienz kann eine Ursache sein. Desweiteren gilt es ebenso die verschiedensten Durchfallerkrankungen zu nennen. Eine Stuhlinkontinenz kann auch durch Nervenschäden begünstigt werden. Die Darm- Motilitätsstörungen und/oder Verstopfungen zählen genauso zu den Ursachen. Frauen sind häufiger von der Stuhlinkontinenz betroffen, da ihr Schließmuskel schwächer als der Schließmuskel des Mannes angelegt ist. Eine direkte Schädigung des Schließmuskels kann durch ein Geburtstrauma geschehen. Hierzu zählt vor allem der Dammriss. Trotz Dammschnitts kann es zum Einreißen des analen Sphinkters kommen. Die sichtbaren Verletzungen werden sofort versorgt. Die unsichtbaren Verletzungen werden oft allerdings nicht erkannt (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2014, S. 6-7).

Cooper, De-Loyde, Young, Shepherd & Wright (2016, S. 1438) beschreiben den Sphinkterdefekt als ,,[A] sphincter defect [is] defined as a disruption in the continuity of the internal or external sphincter ring, irrespective of the length of anal canal affected“.

Erst später werden diese Verletzungen als Schließmuskelschwäche diagnostiziert. Operative Eingriffe, wie Fisteloperationen führen zu einem Verlust der Sensibilität der Analhaut. Indirekt wird dem Schließmuskel geschadet durch eine Prolapserkrankung. Der Schließmuskel wird chronisch aufgedehnt durch einen Vorfall des Analkanals oder Enddarmanteilen. Dadurch verliert der Schließmuskel an Verschlusskraft (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2014, S. 7).

Frieling (2015, S. 186) fügt hinzu, dass die anale Stuhlinkontinenz normalerweise entsteht, wenn einzelne oder meist mehrere Kontinenzfunktionen gestört sind. In Tabelle 1 (s. Tabelle 1) ist eine Einteilung der analen Stuhlinkontinenz nach Ursache und Pathophysiologie ersichtlich. Eine allgemeingültige Klassifizierung der analen Stuhlinkontinenz existiert nicht.

Tabelle 1: Einteilung der analen Stuhlinkontinenz nach Ursache und Pathophysiologie, Quelle: Eigene Erstellung in Anlehnung an Frieling (2015, S. 186)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Klassischerweise wird die fäkale Inkontinenz als hauptsächlich weibliches Problem dargestellt. Relativ wenige Studien fokussieren sich auf stuhlinkontinente Männer. Die Ursachen und Charakteristika von stuhlinkontinenten Männern sollten deshalb näher untersucht werden. Aus diesem Grund gehen Munoz-Yagüe, et al. (2014, S. 7934­7938) in ihrer Studie im Speziellen aufdie Problematik der stuhlinkontinenten Männer ein. Publiziert wurde diese Analyse unter dem Titel „Fecal incontinence in men: Causes and clinical and manometric feature“. Durchgeführt wurde der Vergleich vom King’s College Hospital, London, United Kingdom.

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Details

Seiten
64
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346024893
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497436
Institution / Hochschule
Fachhochschule Burgenland
Note
1
Schlagworte
Stuhlinkontinenz fäkale Inkontinenz anale Inkontinenz Beckenbodentraining Biofeedbacktraining

Autor

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Titel: Aktives Beckenbodentraining bei Stuhlinkontinenz