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Notfallmedizinische geriatrische Versorgung in den Kliniken Berlins

Masterarbeit 2017 109 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Verzeichnis der Abbildungen

II Verzeichnis der Tabellen

III Verzeichnis der Abkürzungen

1 Einleitung
1.1 Thematische Hinführung
1.2 Zentrale Fragestellung und Zielsetzung
1.3 Beschreibung der Vorgehensweise
1.4 Methodisches Vorgehen
1.4.1 Durchführung der Literaturrecherche
1.4.2 Durchführung der Befragung
1.4 Theoretischer Hintergrund

2 Kontextrelevante Termini
2.1 Begriffe aus dem Kontext Notfallmedizin
2.1.1 Notfall und Notfallpatient
2.1.2 Medizinische Notfallversorgung
2.1.3 Notfallaufnahme und zentrale Notaufnahme
2.1.4 Ersteinschätzung in Notaufnahmen
2.2 Begriffe aus dem Kontext Altersmedizin
2.2.1 Altersmedizin (Geriatrie)
2.2.2 Geriatrischer Patient
2.2.3 Screening-Instrumente für geriatrischen Handlungsbedarf
2.2.4 Screening-Instrumente zur Detektion von Gedächtnisstörungen
2.2.5 Geriatrische Behandlung

3 Struktur der notfallmedizinischen Versorgung in Berlin
3.1 Drei Sektoren der Notfallmedizinischen Versorgung in Berlin
3.2 Ambulante Notfallversorgung
3.3 Präklinische Notfallmedizin und Rettungsdienst
3.4 Aufnahmekrankenhäuser und Notaufnahmen

4 Notwendigkeit spezifischer geriatrischer Notfallversorgung
4.1 Wachsende Inanspruchnahme durch geriatrische Notfallpatienten
4.1.1 Soziodemographische Entwicklung und Inanspruchnahme der Notauf-nahmen durch geriatrische Patienten in Deutschland
4.1.2 Soziodemographische Entwicklung und Inanspruchnahme der Notauf-nahmen durch geriatrische Patienten in Berlin
4.2 Besonderheiten des geriatrischen Notfallpatienten
4.2.1 Diversität älterer Patienten
4.2.2 Vulnerabilität und Multimorbidität
4.2.3 Atypische Krankheitspräsentation
4.2.4 Komorbiditäten, Iatrogenese und Polypharmazie
4.2.5 Geriatrische Syndrome
4.2.6 Gerontopsychiatrische Krankheitsbilder
4.2.7 Komplexe Konstellationen und Behandlungszeit
4.2.8 Häufigere Aufnahmeentscheidung und Wiederaufnahme geriatrischer Patienten
4.2.9 Der geriatrische Notfallpatient als Hochrisikopatient
4.2.10 Spezifische altersmedizinische Versorgung ist notwendig

5 Literaturrecherche und Ergebnisse der Online-Befragung
5.1 Literaturrecherche
5.2 Ergebnisse der Online-Befragung

6 Analyse zur Umsetzung einer geriatrischen Notfallversorgung in den Notaufnahmen Berlins
6.1 Handlungsfeld 1: Verbesserung der Identifikation von geriatrischen Notaufnahmepatienten - Screening-Verfahren
6.1.1 Kritik an der Ersteinschätzung für geriatrische Patienten
6.1.2 Anforderung an geeignete Screening-Instrumente
6.1.3 Screening-Instrumente zur Identifikation von Notaufnahmepatienten mit altersmedizinischem Handlungsbedarf
6.1.4 Kognitive Screening-Instrumente und Delir-Erkennung für geriatrische Notaufnahmepatienten
6.1.5 Erheblicher Ressourcenverbrauch und Problematisierung bei der Durch-führung von Screenings
6.1.6 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.2 Handlungsfeld 2: Allokationsentscheidung für geriatrischer Notfall-patienten
6.2.1 Allokationsentscheidung bei geriatrischen Patienten erfordert Fachwissen
6.2.2 Notwendigkeit von Kooperationen und Behandlungspfaden
6.2.3 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.3 Handlungsfeld 3: Optimierung der geriatrischen Behandlungskapa-zitäten in Berlin
6.3.1 Stationäre Behandlungskapazitäten in Berlin
6.3.2 Stationäre und teilstationäre geriatrische Behandlungskapazitäten in Berlin
6.3.3 Weitere geriatrische Behandlungskapazitäten
6.3.4 Strukturräumliche Aspekte zur geriatrischen Notfallversorgung
6.3.5 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.4 Handlungsfeld 4: Geriatrie-freundliche Anpassung von Notaufnah-men
6.4.1 Integration von Kundenbedürfnissen
6.4.2 Bauliche und ausstattungsbezogene Maßnahmen
6.4.3 Etablierung geriatrischer Notfallaufnahmen
6.4.4 Demenz-sensibles Krankenhaus
6.4.5 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.5 Handlungsfeld 5: Geriatrische Expertise in den Notaufnahmen Ber-lins
6.5.1 Notwendiges geriatrisches Fachwissen in den Teams der Berliner Not-aufnahmen
6.5.2 Qualifikationsdefizite und Fachkräftemangel in den Notaufnahmen
6.5.3 Mangelnde Verfügbarkeit geriatrisch qualifizierter Fachkräfte
6.5.4 Alternativen für die Umsetzung geriatrischer Expertise in den Berliner Notaufnahmen
6.5.5 Umsetzung von Arzneimitteltherapiesicherheit als spezifische Maßnahme
6.5.6 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.6 Handlungsfeld 6: Sektorenübergreifende Versorgung für geriatrische Patienten
6.6.1 Fehlende Vernetzung und Sektorengrenzen beeinträchtigen die geriatrische Notfallversorgung in Berlin
6.6.2 Schnittstellen- und Dokumentationsdefizite als Risiko für geriatrische Patienten
6.6.3 Verstärkte Zuweisungen altersmedizinischer Patienten in Notaufnahmen mit geriatrischen Versorgungsstrukturen
6.6.4 Verlustfreie Dokumentation und Informationsweitergabe
6.6.5 Handlungsempfehlungen im Handlungfsfeld
6.7 Handlungsfeld 7: Fokussierung der Berliner Notaufnahmen auf ihre Kernkompetenz
6.7.1 Reduktion vermeidbarer ambulanter Konsultationen der Berliner Notaufnahmen
6.7.2 Vermeidung stationärer Behandlungsbedürftigkeit geriatrischer Patienten
6.7.3 Reduktion der Vorstellungen aus Pflegeeinrichtungen sowie von Demenzpatienten
6.7.4 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.8 Handlungsfeld 8: Angewandte Versorgungsforschung für alters-medizinische Notfaufnahmepatienten
6.8.1 Bedarfe in der angewandten Versorgungsforschung
6.8.2 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.9 Handlungsfeld 9: Mediale Präsenz der Geriatrie und Notfall-versorgung
6.9.1 Mediale Präsenz der Geriatrie
6.9.2 Mediale Präsenz der Notfallversorgung
6.9.3 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.10 Handlungsfeld 10: Vergütung der Versorgung geriatrischer Notfall-patienten
6.10.1 Finanzierungslücken der geriatrischen Notfallversorgung
6.10.2 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
6.11 Handlungsfeld 11: Qualitätssicherung, -indikatoren und -verbünde
6.11.1 Qualitätssicherung als relevante Zielsetzung
6.11.2 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld

7 Diskussion und Ausblick
7.1 Die stationäre geriatrische Notfallmedizin in Berlin als hoch-aktuelles und relevantes Versorgungsthema
7.2 Resümee mit Hinblick auf die zentrale Fragestellung
7.2.1 Bedarf an Versorgung einer wachsenden Subpopulation mit besonderer Zunahme der über 80-Jährigen
7.2.2 Einschränkung der Safety für altersmedizinische Notfallpatienten
7.2.3 Bedarf an qualifizierter geriatrischer Expertise in der Notaufnahme als Benefit für altersmedizinische Patienten
7.2.4 Bedarf an geeigneten Allokationsprozessen für geriatrische Notfallpatienten
7.2.5 Bewertung zum Umsetzungsstand entsprechend dem Krankenhausplan 2016 des Landes Berlin
7.3 Umsetzung geriatrischer Notfallversorgung in den Notaufnahmen in Berlin
7.3.1 Innovative Lösungskonzepte und angewandte Versorgungsforschung
7.3.2 Entwicklung von Behandlungspfaden und Prozeduren
7.3.3 Innovation und Ressourcenoptimierung durch sektorenübergreifende Netzwerke
7.3.4 Einbezug des ambulanten Sektors zur Vermeidung von Fehlinanspruch-nahmen
7.3.5 Innovativer Wissenstransfer zur Optimierung der geriatrischen Notfall-medizin
7.4 Ausblick und übergeordnete Einordnung der Thematik

IV Literaturverzeichnis

In der vorliegenden Master Thesis wird seitens des Verfassers auf die Schreibung der weib-lichen neben der verwendeten männlichen Ausdrucksweise, im Sinne einer gender-neutralen Formulierung, zugunsten einer guten Lesbarkeit verzichtet. Insofern Personen-, Gruppen-, Berufs- oder ähnliche Bezeichnungen erscheinen, ist die jeweils feminine Form ebenso gemeint.

Die in dieser Arbeit verwendeten Internetverweise wurden sorgfältig ausgewählt. Auf die Gestaltung der zitierten Seiten und etwaige, insbesondere zukünftigen rechtswidrigen, Inhalte kann vom Verfasser kein Einfluss genommen werden. In solchen Fällen soll hier von einer ausdrücklichen Distanzierung von dortigen ungeeigneten Aspekten ausgegangen werden.

I Verzeichnis der Abbildungen

Abbildung 1: Strukturräumliche Verteilung der Aufnahmekrankenhäuser in Berlin

Abbildung 2: Umsetzung einer geriatrischen Notfallversorgung in den Notaufnahmen Berlins [eigene Darstellung]

Abbildung 3: Notaufnahmescreening “Identification of Seniors at Risk” (ISAR)

Abbildung 4: Angestrebte geriatrische Bettenkapazitäten in Berlin und regionale Verteilung [SenGesSoz 2015: 67]

II Verzeichnis der Tabellen

Tabelle 1: Aufnahmekrankenhäuser Berlin mit ärztlichen Leitungen (...)

Tabelle 2: Auswahl an Screening-Instrumenten für geriatrischen Handlungsbedarf

Tabelle 3: Auswahl kognitiver Screeningverfahren

Tabelle 4: Struktur der Notfallmedizin in Berlin

Tabelle 5: Ergebnisse der Online-Befragung

Tabelle 6: Aufnahmekrankenhäuser sowie vorhandene und geplante Standorte

Tabelle 7: Inhalte des Ecgem

III Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Notfallversorgung in Deutschland gilt hinsichtlich ihrer flächenbezogenen Ausprä­gung und der Zugangsmöglichkeiten als grundsätzlich hochqualifiziert und stellt eine Grundvoraussetzung in der Organisation des Gesundheitswesens dar [vgl. Eiff von 2011: 5; vgl. Augursky et al 2015: 77]. Wie darzustellen sein wird, arbeitet die statio­näre Notfallmedizin unter besonderen Rahmenbedingungen, die zwar von Interdiszipli­narität geprägt ist, aber im Besonderen über begrenzte Mittel (Zeitmanagement, Fi­nanzierungslücken) verfügt und durch die Notwendigkeit zur Priorisierung gekenn­zeichnet ist [vgl. Deutsches Ärzteblatt 2015: o.S.].

In den Industriestaaten lässt sich in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme der Notfallkonsultationen der Notaufnahmen feststellen. Insbesondere die städtischen Ballungsräume sind von dieser Tendenz geprägt. Dabei ist vor allem der Anteil unge­plant-notfälliger Aufnahmen bezogen auf die Gesamtzahl stationärer Fälle von 33,7 Prozent im Jahr 2005 auf 41,5 Prozent in 2012 angestiegen [vgl. Deutsches Ärz­teblatt 2014: o.S.].

Nach Schätzungen stellen bis zu 50 Prozent der in der Akutmedizin bzw. in den Not­aufnahmen versorgten Fälle multimorbid-altersmedizinische Patienten dar [vgl. Hien, Pilgrim, Neubart 2013: V]. Entsprechend bedingt der demografische Wandel neue medizinische Anforderungen und prägt dabei auch die stationäre Notfallmedizin. Die adäquate Behandlung der älteren Bevölkerung bei Notfallvorstellungen ist dabei ein wichtiges Ziel und zeitgleich bedeutende Herausforderung des Versorgungsmanage­ments.

Die Stadt Berlin stellt einen urbanen Ballungsraum dar, deren Notaufnahmen insbe­sondere auch die Versorgung altersmedizinischer Patienten gewährleistet. Der neu durch die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales (SenGesSoz) verabschiedete Krankenhausplan 2016 des Landes Berlin fordert explizit die Implementierung geriatri­scher Expertise in den Notaufnahmen der Stadt [vgl. SenGesSoz 2015: 62-63].

Im Rahmen des 15. Kardiologie Symposiums im Januar 2015 wurde auch vor diesem Hintergrund in einer gesundheitspolitischen Diskussion die notfallmedizinische Versor­gung geriatrischer Patienten in Berlin interdisziplinär diskutiert [vgl. Bach et al 2015: o.S.]. Es wurden dabei die mit der Umsetzung zunehmenden Anforderungen sowie die bislang fehlenden Konzepte für geriatrische Patienten diskutiert. Zudem wurde kritisch besprochen, inwieweit die Berliner Notaufnahmen die Identifikation geriatrischer Pati­enten [vgl. Dgg (Deutsche Gesellschaft für Geriatrie) 2015: o.S.] und die dortige Einbringung geriatrischer Expertise implementieren könnten. Auch der in Berlin statt­findende „Life Science Day 2016“ hatte unter hochrangiger fachlicher Besetzung unter anderem den Fokus „Akut- und Notfallmedizin im Alter“, bei dem Visionen und Vorur­teile der geriatrischen Notfallmedizin vorgestellt wurden [vgl. Life Science Day 2016: o.S.].

Insofern handelt es sich bei der thematischen Fokussierung auf die stationäre geriatri­sche Notfallversorgung in den Notaufnahmen in Berlin um eine hochaktuelle und zu­gleich sehr dynamische gesundheitsökonomische und -politische Problematik mit gro­ßer Public Health-Relevanz mit zeitgleich vielfältigen offenen Fragen.

Der Verfasser ist als Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie in einer altersmedizini­schen Abteilung eines Schwerpunktkrankenhauses beruflich tätig und mit hinreichen­der Regelmäßigkeit selbst auch in die Prozesse der dortigen Notaufnahme involviert. Somit bestehen ein inhaltlich-fachlicher sowie ein Praxisbezug, auf denen unter ande­rem die Motivation zur Erstellung dieser Thesis fußt.

1.1 Thematische Hinführung

Die Versorgung von Akutpatienten in den Notaufnahmen der Kliniken unterliegt spezifi­schen Besonderheiten. Hier spielen die Aspekte der fachlichen Breite und Interdiszipli­narität, der Ressourcenbegrenzung und die Notwendigkeit der Priorisierung jeweils eine besondere Rolle [vgl. Deutsches Ärzteblatt 2015: o.S.; vgl. Niehues 2010: 85-86]. Die zunehmende Intensität der Inanspruchnahme der Notaufnahmen sowie die stetige Steigerung notfälliger stationärer Aufnahmen ist insbesondere auch für den Ballungsraum Berlin zu verzeichnen [vgl. Deutsches Ärzteblatt 2014: o.S.].

Hinzu tritt ein besonders starker Zuwachs der hochbetagten Bevölkerungsanteile mit einer zu erwartenden Verdopplung der Zahl der über 80-Jährigen bis in das Jahr 2030 [vgl. Arbeitskreis Klinische Geriatrie der Ärztekammer Berlin 2010: 5]. Entspre­chend stellt speziell der Anteil altersmedizinischer Notfallpatienten in Berlin eine enorm wachsende Versorgungspopulation dar, bei der es zudem spezifische Erfordernisse in der Notfallbehandlung zu beachten gilt [vgl. Schöpke, Plappert 2011: 371-378; vgl. Groening, Lock, Schwarz 2013: 262-265].

Diesem Aspekt trägt der Berliner Krankenhausplan 2016 mit der Forderung nach einer verbindlichen Implementierung für geriatrische Expertise in den Notaufnahmen nun in besonderer Weise Rechnung. Bezogen auf die betroffene Bevölkerungsgruppe und die Neuausrichtung im aktuellen Berliner Krankenhausplan stellt die regionale Versorgung altersmedizinischer Notfallpatienten ein gesundheitspolitisch hochaktuelles und rele­vantes Versorgungsthema dar [vgl. SenGesSoz 2015: 62-63]. Derzeit sind Umsetzbar­keit und Umsetzungsstand der Maßgaben des Krankenhausplans ungewiss und sollen näher betrachtet werden.

1.2 Zentrale Fragestellung und Zielsetzung

In der vorgesehenen Master-Thesis soll der folgenden zentralen Fragestellung nach-gegangen werden: Welche spezifischen Versorgungsbedarfe für altersmedizinische Patienten in den Krankenhausnotaufnahmen bestehen im Bundesland Berlin und wie kann diesen mit Hinblick auf die Anforderungen des Krankenhausplan 2016 des Lan­des Berlin entsprochen werden?

Ziel soll es hierbei sein vor dem Hintergrund eines bereits aktuell hohen Anteils geriat­rischer Patienten in den Berliner Notaufnahmen die spezifischen Anforderungen und altersmedizinischen Aspekte in der Notaufnahmesituation zu analysieren. Nachfolgend soll bewertet werden, inwieweit diese Versorgungsbedarfe Umsetzung finden.

1.3 Beschreibung der Vorgehensweise

In dieser Master-Thesis sollen nach thematischer Einleitung und nachfolgender Be­schreibung der angewendeten Methodik im aktuellen Kapitel 1 die für den Kontext Notfallversorgung von geriatrischen Patienten relevanten Begrifflichkeiten in Kapitel 2 definiert werden.

Die Eingrenzung des Themas auf die Stadt Berlin ergibt sich aus der Aktualität des neuen Berliner Krankenhausplans, der explizite Handlungsbedarfe sieht und Konzepte fordert [vgl. SenGesSoz 2014: 11]. Die Arbeit zielt auf die Erhebung einer Bestands­aufnahme und Integration geriatrischer Kompetenz in den Notaufnahmen ab, um An­satzpunkte für mögliche Implementierungen aufzuzeigen.

Darauffolgend werden in Kapitel 3 die bestehenden notfallmedizinischen Strukturen erläutert. Es erfolgt dabei auch eine Darstellung der Sektorenzuordnung (Abschnitt 3.1). Nachfolgend wird in Abschnitt 3.2 im Besonderen auf die stationäre Notfallmedi­zin und ihre Schnittstellenfunktion eingegangen. Im Anschluss werden die vorhande­nen und geplanten geriatrischen Bettenkapazitäten in Abschnitt 3.3 aufgezeigt.

Das nachfolgende Kapitel 4 verdeutlicht die Notwendigkeit für spezifische geriatrische Notfallversorgung und argumentiert hierbei über deren Inanspruchnahme sowie medi­zinische Besonderheiten des geriatrischen Notfallpatienten (Abschnitte 4.1 und 4.2).

Das fünfte Kapitel stellt Aspekte der erfolgten Literaturrecherche (Abschnitt 5.1) und die Resultate der durchgeführten Fragebogenerhebung vor (Abschnitt 5.2), deren Fo­kus auf dem Umsetzungsgrad der Anforderungen aus dem Krankenhausplan 2016 des Landes Berlin zur geriatrischen Notfallversorgung liegt.

In Kapitel 6 soll der Frage nachgegangen werden, wie die festgeschriebenen Anforder-ungen umgesetzt werden können. Dabei werden insgesamt elf Handlungsfelder be­trachtet und stets in der Abfolge Kurzbeschreibung, Analyse und Herausstellen von Handlungsempfehlungen unter dem Gesichtspunkt einer optimierten geriatrischen Notfallversorgung in Berlin bearbeitet.

Das Handlungsfeld 1 betrachtet die Identifikation altersmedizinischer Risikopatienten einschließlich des Screenings auf kognitive Störungsmuster und problematisiert deren flächendeckende Umsetzung in den Berliner Notaufnahmen (Abschnitt 6.1). Im Hand­lungsfeld 2 wird die Zuweisung detektierter bzw. geriatrischer Notfallpatienten in spezi­alisierte Behandlung analysiert und verweist insbesondere auf klinikinterne Prozeduren und Behandlungspfade (Abschnitt 6.2). In Abschnitt 6.3 wird auf die Optimierung geri­atrischer Behandlungskapazitäten in Berlin als drittes Handlungsfeld eingegangen. Im Abschnitt 6.4 werden räumlich-strukturelle und ablaufbezogene Aspekte der Notauf­nahmen analysiert. Im Handlungsfeld 5 wird die notwendige Implementierung geriatri­scher Expertise facettenreich untersucht und Umsetzungsoptionen vorgestellt (Ab­schnitt 6.5). Nachfolgend wird die sektorenübergreifende Notfallversorgung themati­siert und das Schnittstellenmanagement als notwendiger Fokus einer Verbesserung be­trachtet (Abschnitt 6.6). Im siebten Handlungsfeld geht es um die Refokussierung der Notaufnahmen auf ihre eigentlichen Kernaufgaben. Als übergeordnete Hand­lungsfelder werden in den Abschnitten 6.8 bis 6.11 die geriatrisch-notfallmedizinische Versor­gungsforschung, die Verbesserung medialer Präsenz, die Vergütungsstrukturen und die Qualitätssicherung behandelt.

In Kapitel 7 werden die gewonnenen Resultate nochmals fokussiert dargestellt und einer Diskussion mit übergeordnetem Kontext zugeführt. Ein thematischer Ausblick schließt die Thesis ab.

1.4 Methodisches Vorgehen

In dieser Master-Thesis werden bezogen auf die zentrale Fragestellung und mit Hinblick auf die Zielsetzung schwerpunktmäßig eine eingehende Literaturrecherche und -ana­lyse als theoretischer Anteil sowie als empirischer Teil eine Online-Befragung ange­strebt werden, deren Durchführung in den nachfolgenden Abschnitten 1.4.1 und 1.4.2 dargestellt werden.

1.4.1 Durchführung der Literaturrecherche

Die für die Situation in Berlin zu analysierende Versorgungssituation geriatrischer Not­fallpatienten soll anhand einer Literaturrecherche – und analyse erarbeitet werden. Hinsichtlich der Aktualität der Thematik erfolgt eine zeitliche Eingrenzung der Literatur-suche für den als hinreichend aktuell erachteten Zeitraum 2010 - 2016. Eine Hinzu-nahme früherer Publikationen erfolgt bei besonderer Relevanz. Ziel ist hierbei die Dar­stellung des wissenschaftlichen Stands im Kontext geriatrischer Notfallversorgung mit Fokus auf die Berliner Versorgungssituation. Primär sollen deutschsprachige Quellen aufgrund des thematischen Bezugs gewählt werden. Hierbei sollen primär die Stich­worte „Notfallversorgung“, „Notfallaufnahme“, „Rettungsstelle“, „geriatrisch“, „Geriater“, „altersmedizinisch“, „geriatrisches Screening“, „Notfall-Triage“, „Triage“ und „Notfall­krankenhaus“ gewählt werden.

Auch wegen des thematischen Bezuges sollen als relevante Quellen die Publikations-organe „Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie“, „Notfall + Rettungsmedizin“ sowie das „Berliner Ärzteblatt“ und das „Deutsche Ärzteblatt“ gesichtet werden. Zudem wer­den relevante Stellungsnahmen durch die Dgg, die Deutsche Gesellschaft für Gerontolo­gie und Geriatrie (Dggg), den Bundesverband Geriatrie (Bvg), die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notaufnahme (Dgina) sowie die Publikationen der Berli­ner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales berücksichtigt. Die notwendigen statistischen Daten sollen unter anderem vom Statistischen Bundesamt sowie dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg bezogen werden.

Bei nicht hinreichender Aussagekraft und zusätzlichem Erkenntnisbedarf kann die Lite­raturrecherche bedarfsweise adaptiert und etwaig auch fremdsprachige Literatur inte­griert werden.

Die vorliegende Arbeit nimmt inhaltlichen Bezug zu einer vom Verfasser erstellten Stu­dienarbeit an der Apollon Hochschule für Gesundheitswirtschaft im Jahr 2015 [vgl. Anhold 2015: 1-20], die sich u.a. mit Aspekten des Screenings in Notaufnahmen be­schäf­tigt hat.

1.4.2 Durchführung der Befragung

Zur Klärung der Umsetzung der im Schnittfeld Notfallmedizin und Geriatrie liegenden Anforderungen des Krankenhausplan 2016 des Landes Berlin wurde eine standardi-sierte Befragung vorgenommen.

Als Methode der empirischen Sozialforschung wurde diese, wie bei Döring & Bortz beschrieben, mittels eines vollstandardisierten Fragebogens (quantitative questionaire) durchgeführt. Als Befragungsmodus wurde ein elektronischer Fragebogen (electronic questionaire, computer-assisted web interview) verwendet und als Verbreitungsweg (questionaire administration) eine Online-Umfrage (internet-mediated questionaire) gewählt [vgl. Döring, Bortz 2016: 401, 409-410; vgl. Thielsch, Weltzin 2009: 69-85]. Bei der Erstellung des Fragebogens wurden im Wesentlichen geschlossene Antwort­formate gewählt. Zusätzlich wurden jedoch auch Items mit Zustimmung zu Aussagen und Aufforderungen und teilweise offene, qualitative Fragen angeboten [vgl. Döring & Bortz, 2016, S. 408].

Die Durchführung erfolgt auf dem Befragungsserver SoSciSurvey [vgl. Leiner, Leiner 2015: o.S.], auf dem nach Erstellung der Umfrage das Teilnehmermanagement, die Präsentation des Fragebogens und die Dokumentation der Antworten erfolgte.

Die Methode wurde aufgrund der grundsätzlich guten Erreichbarkeit der Zielgruppe, der zeitlichen und Ortsunabhängigkeit, der Wegnahme subjektiven Erlebens, Effizienz durch Selbstadministration sowie Ermöglichung von Anonymität und Vertraulichkeit (Forschungsethik) gewählt. Die laut Döring & Bortz möglichen Nachteile, wie Not­wendigkeit zur Lese- und Schreibkompetenz und umschriebene Befragungsoptionen, werden beim hier gewählten homogenen Kollektiv leitender Ärzte und der Fragestel­lung als vernachlässigbar eingestuft [vgl. Döring, Bortz 2016: 90, 398, 414-416].

Bei der Operationalisierung wurde bei den ärztlichen Leitern der 39 Aufnahmekran­kenhäuser in Berlin als Adressaten der Online-Befragung von einem grundsätzlich hochprofessionellen Kollektiv ausgegangen. Zudem wurde zugrunde gelegt, dass bei diesen weitreichende Informationen angesiedelt sind und auch Entscheidungskompe­tenze-n vorliegen. Aufgrund einer doppelten Leitung wurden n = 38 Adressaten ge­wählt. Die Aufnahmekrankenhäuser wurden aufgrund der seitens der zuständigen Se­nats­verwaltung verfügbaren Angaben im Bundesland Berlin detektiert [vgl. SenGesSoz 2015: 60]. Die Personendaten sowie Erreichbarkeiten über E-Mail-Adressen wurden mittels eines direkten Abgleichs auf den Internet-Präsenzen der jeweiligen Klinik vorgenom­men. Wo verfügbar, wurde eine persönliche E-Mail-Adresse gewählt, alternativ wurde in Einzelfällen eine die zentrale Notaufnahme adressierende Erreichbarkeit gewählt. Die erfassten Daten sind in Tabelle 1 aufgeführt.

Es wurde bewusst ein ansprechendes, jedoch neutrales Layout unter Angabe der Apollon Hochschule für Gesundheitswirtschaft gewählt. Der Fragebogen wurde nach vorheriger Datenrecherche erstellt.

Seitens des Bundesverbands Geriatrie existiert eine bundesweite Abfrage an diverse Einrichtungen mit ähnlicher Zielsetzung, jedoch bisher nicht veröffentlichten Daten. Hier wurde nach der Durchführung sowie der Art des geriatrischen Screenings in der Notaufnahme, nach geriatrischer Konsildurchführung, der Weiterversorgung von Pati­enten nach Identifikation, den Kriterien der Übernahme in die Geriatrie sowie den An­teilen der über die Notaufnahmen direkt in geriatrische Behandlung eintretenden Pati­enten gefragt [vgl. Bvg 2016a: o.S.].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Aufnahmekrankenhäuser Berlin mit ärztlichen Leitungen und Kontaktdaten [vgl. SenGesSoz 2015: 60, eigene Darstellung, ggü Original geändert]

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden abweichende Schwerpunkte gesetzt. Es erfolgte nach Grobkonzeption dessen Feinerstellung.

Der Fragebogen-Pretest wurde auf elektronischem Wege durch einen ärztlichen Not­aufnahmeleiter eines anderen Bundeslandes (Dr. Kiefl, Sana Klinikum Offenbach), einen geriatrischen Kollegen sowie einen medizinischen Laien vorgenommen und die detektierten Verbesserungsvorschläge integriert. Hierbei wurden die Kriterien von Döring & Bortz nach Lesbarkeit durch kurze und grammatikalisch korrekte Sprache, Verstehbarkeit für die Befragungsgruppe, Eindeutigkeit und Motivation des Fragebo­gens als zentrale Aspekte betrachtet [vgl. Döring, Bortz 2016: 395-416]. Auf die Nut­zung von Incentives wurde aufgrund des sozialen Status der Befragten bewusst ver­zichtet.

Nach erfolgtem Pretest wurde die Online-Befragung im einmonatigen Zeitraum vom 21.10. – 18.11.2016 mit einmaliger und automatisierter Nachfassaktion am 03.11.2016 durchgeführt. Die Resultate sind in Abschnitt 5.2 integriert.

1.4 Theoretischer Hintergrund

Die notfallmedizinische Versorgung geriatrischer Patienten in Berlin unterliegt einer intensiven soziodemografischen Dynamik und stellt durch spezifische altersmedizini­sche Versorgungsbedarfe eine besondere Herausforderung für die dortigen Notauf-nahmen dar. Die zunehmende Inanspruchnahme kann an dem steigenden Umfang der Rettungsdienstalarmierungen und steigenden Notaufnahmekontakten gemäß Abfrage der Berliner Senatsverwaltung gezeigt werden [vgl. Berliner Feuerwehr 2013: 86]. Bezogen auf die derzeit 39 Aufnahmekrankenhäuser liegen bei den zuständigen Stel­len Landesamt für Statistik und der Berliner Krankenhausgesellschaft (Bkg) gemäß eigener Anfrage vom 01.09.2016 keine dezidierten Zahlen über die Behandlungen in den einzelnen Rettungsstellen vor [vgl. SenGesSoz 2016: o.J.].

Mit Verabschiedung des Krankenhausplan 2016 des Landes Berlin wird die bisher als fakultativ betrachtete geriatrische Kompetenz in den Notaufnahmen gegenüber 2010 neu verbindlich und explizit festgeschrieben [vgl. SenGesSoz 2010: o.S., 2015: 11, 62-63]. Es wird dabei eine „qualitativ hochwertige geriatrische Versorgung“ sowie Implementierung geeigneter Abläufe mit bereits initial korrekter und fachkompetenter Allokationsentscheidung auch im Sinne von Behandlungspfaden für geriatrische Patienten als strukturelle Vorgaben vorgesehen. Hierbei wird insbesondere der Intention der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Krankenhausreform 2015 Rechnung getragen, vermehrt Qualitätssicherung und Strukturvorgaben für Krankenhaus-planungsentscheidungen zu etablieren [vgl. Bmg (Bundesministerium für Gesund-heit) 2015: 4].

Für die Aufnahmekrankenhäuser in Berlin ist dabei konkret die Erarbeitung eines „Konzepts unter Berücksichtigung der hausindividuellen Besonderheiten zur Erst- und Weiterversorgung geriatrischer Patientinnen und Patienten“ gefordert. Zu den Teilas­pekten zählen maßgeblich die Sicherstellung geriatrischer Kompetenz, das Screening zur Identifizierung geriatrischer Patienten, die Identifizierung von Patienten mit kognitiven Be­einträchtigungen sowie ein bereits ab Notaufnahme zu etablierendes hausinternes Case-Management. Als Zielgruppe wurden die über 75-Jährigen definiert [vgl. Ar­beitskreis Klinische Geriatrie der Ärztekammer Berlin 2010: 4, 11; vgl. SenGesSoz 2015: 62, 68-69].

Auch das Bundesland Nordrhein-Westfalen hat mit dem Krankenhausplan NRW 2015 vergleichbare Regelungen unter Einbringung eines geriatrischen Screenings (ab 75 Jahren) vorgenommen. Zur Sicherstellung der Versorgungsqualität werden geriatrische Zentren, Behandlungspfade und Kooperationen mit geriatrischen Hauptabteilungen bzw. Versorgungsverbünde gefordert. Auch in Rheinland-Pfalz wurden entsprechende Regelungen getroffen [vgl. Dgg 2013: o.J.]. Gleichlautend ist die im ersten gemeinsa­men Positionspapier durch die Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin und der Dgg benannte Forderung nach einer qualifizierten Versorgung altersmedizinischer Notaufnahmepatienten [vgl. Singer et al 2016: 497].

Inwieweit diese insbesondere für Berlin konkretisierten Anforderungen bereits Umset­zung gefunden haben und umsetzbar sind, ist unklar und soll unter anderem in der geplanten Thesis untersucht werden.

2 Kontextrelevante Termini

In der vorliegenden Arbeit wird auf die Besonderheiten geriatrischer Notfallmedizin abgestellt. Es werden zunächst Begrifflichkeiten der Notfallmedizin in Abschnitt 2.1 erläutert, nachfolgend diese aus dem Bereich Altersmedizin in Abschnitt 2.2.

2.1 Begriffe aus dem Kontext Notfallmedizin

Zu den zentralen Begriffen der Notfallmedizin in dieser Arbeit gehören Notfall und Notfallpatient, medizinische Notfallversorgung, Notfallaufnahme sowie Ersteinschät­zung, welche nun charakterisiert werden.

2.1.1 Notfall und Notfallpatient

Für den medizinischen Begriff Notfall ist die relevante Eigenschaft die Elementarge­fährdung eines Patienten bedeutsam. Ohne sofortige Hilfeleistung sind schwere ge­sundheitliche Schäden, akute Lebensgefahr oder der Tod des Patienten zu befürchten, falls nicht unverzügliche Gesundheitsversorgung erfolgt [vgl. Killinger 2009: 42]. Zu den Erkrankungsaspekten mit potenziellem Notfallcharakter zählen Schmerzzustände, Entzündungen, Wesensänderungen, Herzschwäche, Flüssigkeitsmangel, akutes Ko­ronarsyndrom, Stürze und Frakturen, Stoffwechselstörungen, Blutungen, Kreislauf­schock, aber auch Verwahrlosung und Hilflosigkeit [vgl. Wutti 2014: 488-493]. Ein medizinischer Notfall kann somit aufgrund körperlicher und psychischer Gesundheits­veränderungen bestehen und dabei aufgrund eigener oder fremder Wahrnehmung bekannt werden [vgl. Augursky et al 2015: 89; vgl. Bürgi 2013: 1899-1900].

Der Notfallpatient ist durch eine unvorhergesehene bzw. ungeplante Inanspruchnahme medizinisch-pflegerischer Leistungen ohne Termin gekennzeichnet. Zudem ist die Be­schwerdepräsentation notfälliger Patienten durch Heterogenität hinsichtlich Intensität und Art der Symptome geprägt [vgl. Niemann, 2012, S.39].

2.1.2 Medizinische Notfallversorgung

Die Notfallmedizin ist ein sowohl komplexes, als auch fachübergreifendes medizini­sches Spezialgebiet. Sie hat die Daseinsfürsorge als übergeordnetes Ziel und stellt die Mittel zu unmittelbar lebensrettenden Maßnahmen einschließlich der Stabilisierung von Körperfunktionen bereit [vgl. Eiff von 2011: 5; vgl. Dgina 2016: 1].

Im Sinne der Weiterbildungsordnung der Ärztekammer Berlin wird unter Notfallmedizin die Erkennung drohender oder eingetretener Notfallsituationen und die Behandlung von Notfällen sowie die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung akut bedrohter Vital-funktionen subsummiert. Das Tätigkeitsfeld der Notfallmedizin umfasst präklinische und innerklinische Triage, Wiederbelebung, Erstuntersuchung und Management aller dringlichen und eiligen Notfälle bis zur Entlassung oder Übergabe an einen anderen Arzt oder Beschäftigten im Gesundheitswesen.

Im Geltungsbereich der Ärztekammer Berlin sind notfallmedizinische Aspekte in vielen fachärztlichen Weiterbildungen als integrale Bestandteile definiert. Spezifisch existiert die Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin als Qualifikation der Notärzte in der prähospi­talen rettungsdienstlichen Versorgung [vgl. Ärztekammer Berlin, o.J., o.S.].

2.1.3 Notfallaufnahme und zentrale Notaufnahme

Krankenhäuser nehmen zum Großteil mit eigener Notfallaufnahme und nicht durch alleinige Bereitschaft an der Notfallversorgung teil. Diese Notaufnahmen bilden dabei die primären Anlaufstellen für alle ungeplanten (Notfall-) Patientenkontakte und ge­währleisten Erstkontakt, -diagnostik und -versorgung. Charakteristisch sind ein breites Krankheits- und Verletzenspektrum mit sämtlichen Schwereausprägungen von banal bis lebensbedrohlich.

Abhängig von der individuellen Patientenpräsentation entstehen somit in der parallelen Versorgung mehrerer Patienten disponible und zeitkritische Behandlungen mit den Optionen einer ambulanten Weiterbehandlung, der stationären Patientenaufnahme sowie der Verlegung. In Deutschland liegt der Anteil der mit einer Notaufnahme an der Notfallversorgung teilnehmenden Krankenhäuser im Zeitraum 2006 bis 2010 stabil bei 83 - 84 Prozent [vgl. Fürstenberg et al 2013: 341-342].

Die Notaufnahmen werden zunehmend von der fachspezifischen Ausrichtung hin zu Zentralen Notaufnahmen (ZNA) entsprechend einer Bündelung der fachlichen Notfall­kompetenzen in den Notfallkrankenhäusern geführt [vgl. DGINA 2016: 2]. Somit wird „von dem Primat der fachspezifischen Versorgung vom ersten Moment des Betretens eines Krankenhauses durch den Patienten“ abgewichen [Dodt 2011: 14] und die Fragmentierung fachspezifischer Organisation unterbrochen [vgl. Eggert, 2013: 29]. Hierdurch wird die interdisziplinär-fachübergreifende Behandlung von Patienten mit unterschiedlichen Indikationen möglich [vgl. Hogan et al 2016: 291].

Insbesondere bezogen auf Kostenaspekte, zur Verbesserung der Abläufe sowie zur Bündelung von Leistungen wurden Akut- und Notfallbehandlungen mit hoher Professi­onalität etabliert [vgl. Bey, Hahn, Moecke 2008: 273; vgl. Augursky et al 2013: 431-435]. Die Notaufnahme ist dabei ein „wichtiger Steuerungsbereich im Behandlungspro­zess“ [vgl. Geyer 2011: 36]. Die medizinische und ökonomische Bedeutung der Not­aufnahmen unterstreicht der Umstand, dass 30 - 50 Prozent der vollstationären Pati­enten über diese einer Klinik zugeführt werden. Insofern kommt den Notaufnahmen eine „Gatekeeperfunktion und Organisationsdrehscheibe“ [Eiff von 2011: 5] zwischen ambulantem und stationärem Sektor zu.

2.1.4 Ersteinschätzung in Notaufnahmen

Die Ersteinschätzung (alternativ: Sichtung, Triage, Notfall-Triage) in Notaufnahmen stellt die methodische Umsetzung zur zeitnahen und validen Beurteilung der Schwere von Erkrankungen und Verletzungen bei dortigen Patienten dar. Mit dieser Klassifizie­rung erfolgt die Festlegung von Behandlungsdringlichkeit bzw. -priorisierung, Kategori­sierung und Zuordnung von Patienten zum geeigneten Behandlungsort [vgl. Fernandes et al 2005: 39-50; vgl. Christ et al 2010b: 892-898].

Die Abkehr von der Chronologie des ungeplanten Patienteneintreffens zugunsten der Dringlichkeit [vgl. Gries et al 2011: 71-78] ergibt sich aus der Situation begrenzter Ressourcen der Notaufnahmen im Sinne von finanzieller Ausstattung, personeller Be­setzung sowie kapazitiver Aspekte bei diagnostischen Leistungen und der Bettenver­fügbarkeit. Um dem wiederkehrenden Problem von Belastungsspitzen mit überfüllten Notaufnahmen („Crowding“) zu begegnen, sind Festlegungen von Behandlungsrei­henfolgen unabdingbar [vgl. Christ et al 2010b: 892-898].

Es existieren mehrere validierte Instrumente zur Anwendung im Notaufnahmesetting, die vor allem einer spezifischen Umsetzung des Risikomanagements entsprechen [vgl. Moser 2013: 269-293]. Die sogenannten fünfstufigen Triage-Systeme weisen dabei in wissenschaftlichen Erhebungen die stärkste Validität auf. Hierzu gehören Instrumente mit Implementierung für erwachsene Patienten. Mit der nach Präsentationsymptomen vorgenommenen Ersteinschätzung ist eine Dringlichkeitsfestlegung im Spektrum sehr dringlich bis nicht dringlich verbunden, die einen Imperativ für eine „Sofortige Behand­lung“ (ohne Zeitverzug) versus „nicht dringend“ (binnen 120 Minuten) darstellt und so­mit die Behandlungsabfolge im Sinne eines systematischen und standardisierten Vor­gehens lenkt. Die beiden Ersteinschätzungsinstrumente Emergency Severity Index (ESI) und Manchester Triage System (MTS) werden in zwei Drittel der Fälle in Deutschland verwendet, weisen jedoch keine Spezifität für geriatrische Patienten auf [vgl. Grossmann et al 2012: 317-325; vgl. Christ et al 2010a: 666-671, 2010B: 892-898].

2.2 Begriffe aus dem Kontext Altersmedizin

Nachfolgend sollen relevante Begrifflichkeiten der Altersmedizin (Geriatrie) dargestellt werden, zu denen die Definition des Fachgebiets, des geriatrischen Patienten und die geriatrischen Assessment- und Screeningverfahren gehören.

2.2.1 Altersmedizin (Geriatrie)

In den 1980er-Jahren fand die Gruppe der hochaltrigen Bevölkerung vor dem Hinter-grund des sich zunehmend manifestierenden demographischen Wandels sowohl in der medizinischen Forschung und der Gesundheitsversorgung vermehrte Beachtung. Der je Legislaturperiode erstellte Altersbericht der Bundesregierung seit den 1990er-Jah­ren, die Etablierung des Gesundheitsziels „Gesund älter werden“ durch das Bundes­ministerium der Gesundheit im Jahr 2012 und die Gesundheitsberichterstattung des Bundes unter dem Titel „Gesundheit und Krankheit im Alter“ verweisen auf die hohe Bedeutung dieser Zielgruppe [vgl. Rott, Jopp 2012: 474-480].

Die Altersmedizin (klinische Geriatrie, Geriatrie) stellt die medizinische Dimension der Gerontologie (Alternswissenschaften) dar. Nach der europäischen Konsensus-Defini­tion der Sektion Geriatrische Medizin der Europäischen Union der medizinischen Spe­zialisten (UEMS) aus dem Jahr 2008 ist Geriatrie „die medizinische Spezialdisziplin, die sich mit physischen, psychischen, funktionellen und sozialen Aspekten bei der me­dizinischen Betreuung älterer Menschen befasst. Dazu gehört die Behandlung alter Patienten bei akuten Erkrankungen, chronischen Erkrankungen, präventiver Zielset­zung, (früh-) rehabilitativen Fragestellungen und speziellen, auch palliativen Frage­stellungen am Lebensende.“ Im Regelfall handelt es sich um über 70-Jährige. Im Be­sonderen profitieren die über 80-Jährigen von der geriatrischen Spezialdisziplin [vgl. Hien, Pilgrim, Neubart 2013: 8; vgl. Raem et al 2005: 77-78]. Insofern ist Geriatrie eine breit angelegte Spezialdisziplin für ältere und sehr alte Patienten.

2.2.2 Geriatrischer Patient

Gemäß der gemeinsamen Definition der geriatrischen Fachgesellschaften Dgg, Dggg und Bvg kann der geriatrische Patient in zwei Weisen definiert werden:

1. Vorliegen einer geriatrietypischen Multimorbidität bei zeitgleich bestehendem höhe­ren Lebensalter (meist über 70 Jahre). Hierbei hat die geriatrietypische Multimorbi­dität Vorrang vor dem numerischen Alter.
2. Patient über 80 Jahre mit altersbezogen erhöhter Vulnerabilität bezüglich des Auf-tretens von gesundheitlichen Komplikationen, Folgeerkrankungen, Gefährdung für die Chronifizierung von Erkrankung und dem erhöhten Risiko des Verlustes der Autonomie mit Verschlechterung des Selbsthilfestatus [vgl. Sieber 2007: 1190-1194].

Gekennzeichnet ist der geriatrische Patient durch einen altersbezogenen Mehrfach-erkrankungsstatus (Multimorbidität), welcher sich im Vorliegen von oft fünf bis 15 zeit­gleichen und meist chronischen Erkrankungen präsentiert. Es kommt zu hoher Be­deutung von Krankheitsfolgen sowie der Verflechtung mit sozialen und Mobilitäts-problemen. Zudem stehen Kommunikationsstörungen und die Krankheits- und Beein­trächtigungsbewältigung im Fokus. In der Folge ergibt sich eine Vulnerabilität hinsicht­lich des Erhalts des Selbsthilfestatus bei altersmedizinischen Patienten. Hierbei spielt der bereits etablierte Begriff Gebrechlichkeit bzw. Frailty als Syndrom der Altersmedi­zin eine zentrale Rolle [vgl. Hien, Pilgrim, Neubart 2013: 4, 10; vgl. Fried et al 2001: 146-156].

2.2.3 Screening-Instrumente für geriatrischen Handlungsbedarf

Infolge der mehrdimensionalen Problemkonstellation geriatrischer Patienten kennt die spezifische geriatrische Behandlung vielfältige Screening-Instrumente und Assess-ment-Verfahren, welche der holistischen Einschätzung altersmedizinischer Patienten und der Verlaufsbeurteilung dienen [vgl. Thiem et al 2010: 310-314] und nachfolgend genannt werden.

Screenings sind schnell umsetzbare Instrumente zur Ersteinschätzung, die die Not-wendigkeit für ein ausführliches Assessment in einem zweistufigen Verfahren anzeigen [vgl. Knauf 2011: 210-215].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Auswahl an Screening-Instrumenten für geriatrischen Handlungsbedarf [eigene Darstellung]

In der Tabelle 2 findet sich eine Auswahl an Screening-Instrumenten zur Detektion von Patienten mit altersmedizinischem Handlungsbedarf und jeweils kurzer Charakterisie­rung.

2.2.4 Screening-Instrumente zur Detektion von Gedächtnisstörungen

Zur Detektion von kognitiven Defiziten werden in der Altersmedizin ebenso vielfältige Messinstrumenten eingesetzt. Eine Auswahl der üblichen und in dieser Arbeit er-wähnten Verfahren ist in Tabelle 3 genannt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Auswahl kognitiver Screeningverfahren [eigene Darstellung]

2.2.5 Geriatrische Behandlung

Die Geriatrie als medizinische Spezialdisziplin überwindet charakteristischerweise Schnittstellen, Sektoren- und Systemgrenzen und ist dabei insbesondere auch rehabi­litativ tätig. Diese Behandlungsaspekte, die explizit auf die altersassoziierten funktio­nellen Einschränkungen abzielen, sind in der geriatrischen Frührehabilitation der geri­atrischen Akutkliniken sowie geriatrischen Rehabilitation integriert [vgl. Rummer, Schulz 2012: A746; vgl. Bruder et al 1991: 5-16].

Die Sektion Geriatric Medicine der UEMS kommt zu der Feststellung, dass Geriatrie in Deutschland flächendeckend eine gute Verteilung aufweist [vgl. Gm-Uems o.J.: o.S.; vgl. Statistisches Bundesamt 2014a: o.S.]. Bundesweit sind derzeit 306 stationäre geriatrische Einrichtungen mit einer Bettenkapazität von 15.344 etabliert. Hier werden jährlich etwa 327.000 Fälle behandelt bei einer mittleren Behandlungsdauer von 15,6 Tagen und einer hohen Bettenauslastung von 91,3 %. [vgl. Borchelt et al 2003: 3].

In der dortigen Behandlung findet das sogenannte geriatrische Basisassessment bzw. das umfassende geriatrische Assessment Anwendung. Dieses beinhaltet als diagnos­tischer und multiprofessioneller Prozess die Erfassung diverser Aspekte. Hierbei wer­den durch mehrere Berufsgruppen die individuellen Problemfelder eines geriatrischen Patienten strukturiert aufgedeckt und nachfolgend Therapieziele formuliert. Zu den erfassten Teilbereichen zählen: Barthel-Index (Pflegekraft), Timed Up-and-Go-Test und Tinetti-Test (Physiotherapie), Geldzähl-Test, Handkraftmessung, Uhrentest (Er­go-therapie), Mini-Mental-Test, Depressionsskala (Psychologie) sowie Sozialstatus nach Nikolaus (teamintegrierter Sozialdienst). Dieser diagnostische Schritt hat einen Zeitansatz von 30 - 60 Minuten und gilt nur in spezifischen Abteilungen als umsetzbar [vgl. Agast 1997: o.S.; vgl. Freund 2014: 45], so dass diese in geriatrischen Behand­lungsabteilungen möglich sind.

3 Struktur der notfallmedizinischen Versorgung in Berlin

Zum besseren und weiteren Verständnis soll an dieser Stelle die grundsätzliche Struktur der Notfallversorgung in Berlin skizziert werden und dabei insbesondere die involvierten Sektoren betrachtet werden.

3.1 Drei Sektoren der Notfallmedizinischen Versorgung in Berlin

Die Notfall- und Akutmedizin wird bundesweit nach einem gestaffelten Hilfeleistung-systeme gewährleistet. Diese wird zusammen mit der sektoralen Zuordnung in der nachfolgenden Tabelle 4 für Berlin visualisiert [vgl. Arbeitskreis Interdisziplinäre Not­auf-nahmen und Notfallmedizin der Ärztekammer Berlin 2011: 6]. Auf die einzelnen Bereiche wird in den nachfolgenden Abschnitten eingegangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Struktur der Notfallmedizin in Berlin [Arbeitskreis Interdisziplinäre Notauf-nahmen und Notfallmedizin der Ärztekammer Berlin 2011: 6, eigene Anpas­sung]

3.2 Ambulante Notfallversorgung

Die nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen und Verletzungen werden durch Vertrags-ärzte, Notfallpraxen und Bereitschaftsdienste (§ 75 SGB V) versorgt und Unterliegen der Selbstverwaltung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV Berlin), deren Auf­sichtsbehörde die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales (SenGesSoz) ist. Als Berliner Spezifikum gilt die Vorhaltung eines fahrenden ärztlichen Bereitschaftsdiens­tes für minderschwere Erkrankungsfälle. Umgekehrt bestehen jedoch nur wenige kas­senärztliche Notfall- bzw. Kooperationspraxen [vgl. Beivers, Dodt 2014: 190-198; vgl. Kassenärztliche Vereinigung Berlin o.J.: o.S.]. Auch die Krankenhausnotaufnah­men nehmen in relevantem Umfang an der ambulanten Behandlung notfälliger Pati­enten teil.

3.3 Präklinische Notfallmedizin und Rettungsdienst

Unter dem Rettungsdienst wird eine präklinische professionelle Notfallversorgung ver-standen [vgl. Weidenfeld 2013: 26]. Dieser agiert in der Rettungskette mit den Ele­menten Erste Hilfe durch Laien, Meldung eines Notfalls an die Rettungsleitstelle, Ein­satz des Rettungsdienstes (ggf. mit notärztlicher Versorgung) und Notaufnahmevor­stellung sowie stationärer Versorgung.

Diese präklinische Notfallversorgung ist sozialmedizinisch keine eigenständige Tätig-keit, sondern wird im Sinne einer Krankenbeförderung als begleitende Leistung be­wertet [vgl. Koretvoß, Krafft 2005: 146-147]. Es existieren bundesweit sehr unter­schiedliche Organisations-, Einsatz- und Finanzierungsformen [vgl. Nüßen 2014; vgl. Deutscher Bundestag 2016: 4-7]. In Berlin wird ein kommunales Betreibermodell mit Erbringung der Rettungsdienstleistung aus städtischen Mitteln in eigener Organisation verfolgt. Wie in vielen anderen Großstädten wird die Durchführung durch die Berufs­feuerwehr vorgenommen [vgl. Niehues 2012: 26], die in ihrer Ausführung der Senats­verwaltung für Inneres und Sport nach dem Landesrettungsdienstgesetz unterliegt [vgl. Senatsverwaltung für Inneres und Sport o.J.: o.S.; vgl. Berliner Vor-schrifteninformationssytem o.J.: o.S.].

Während im Jahr 2005 bundesweit noch etwa 8 Millionen Kontakte in den Notzentralen eingingen, waren es 2010 bereits 12 Millionen [vgl. Eiff von 2011: 5]. Bundesweit werden jährlich ca. 14 Millionen Rettungsdiensteinsätze mit Notaufnahmeziel durch-geführt. Hinsichtlich der Krankheitsentitäten sind etwa die Hälfte unfallchirurgische In­dikationen, 40 Prozent internistische Notfälle und etwa 10 Prozent neurologische Fälle [vgl. Lange, Popp, Erbguth 2016: 592-602]. In Berlin ist eine deutliche Zunahme der Inanspruchnahme mit einer um 16 Prozent angestiegenen Alarmierungsrate (2008 bis 2013) bei einem Einsatzvolumen von etwa 400.000 zu verzeichnen [vgl. Berliner Feuerwehr 2013: 86]. Für die schweren Krankheitsbilder sind Hilfsfristen und kurze Fahrwege zu den nächstgelegenen Kliniken einzuhalten [vgl. Inm, Agswn 2007: o.S.]. Im Kontext der Fragestellung ist von Bedeutung, dass etwa 20 Prozent der Berliner Klinikzuweisungen aus dem Rettungsdienst erfolgen.

3.4 Aufnahmekrankenhäuser und Notaufnahmen

Den Notaufnahmen kommt eine besondere sektorenübergreifende Nahtstellenfunktion zu [vgl. Brünner 2007: 121-125]. Der Kernprozess der stationären Krankenhausauf-nahme ist dabei im Innenverhältnis von diversen Berufsgruppen geprägt [vgl. Schmola 2016: 141]. Zudem existieren zwischen präklinischem Sektor, einschließlich ambu-lanter Behandlung und Rettungswesen, sowie klinisch-stationärem Bereich im Gesamt-system der Notfallversorgung starke Berührungspunkte [vgl. Niehues 2012: 33].

Im Krankenhausplan 2016 des Landes Berlin sind die für die Notfallversorgung be­stimmten Krankenhäuser mit Rettungsstelle als Aufnahmekrankenhäuser aufgeführt. Bei diesen wird wiederum zwischen 33 Notfallkrankenhäusern und sechs Notfallzen­tren unterschieden. In Berlin sind neben der Bezeichnung Notaufnahme „Rettungs­stelle“ und „Erste Hilfe“ ebenfalls üblich [vgl. Sobotta 2007: 806-810].

Für Berlin wurde die Wohnortnähe der Basisversorgung fortgeschrieben und damit die rasche Erreichbarkeit als wesentliches Kriterium der Notfallversorgung für die räum-liche Planung festgelegt. Je zwei Bezirke bilden einen der sechs Versorgungsbereiche Mitte, Nord, West, Südwest, Ost und Südost [vgl. SenGesSoz 2015: 5, 58-60]. Die nachfolgende Abbildung 1 benennt und visualisiert diese räumlich im Stadtgebiet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Strukturräumliche Verteilung der Aufnahmekrankenhäuser in Berlin [SenGesSoz 2015: 60]

Die Notfallkrankenhäuser verfügen dabei mindestens über Abteilungen für Innere Me­dizin sowie Unfall- und Viszeralchirurgie, zusätzlich werden alle für eine 24-Stunden-Notfallversorgung benötigen Fachabteilungen (Anästhesiologie, Radiologie, Laborme­dizin, Blutdepot, psychiatrische Beratung) verbindlich vorgehalten. Notfallzentren ha­ben besondere personelle Ressourcen und organisatorische Bedingungen für ein in­tensives Patientenaufkommen.

In Berlin wird eine zentrale und interdisziplinäre Notaufnahme als eigenständig ge-leitete Abteilung seitens der Senatsverwaltung vorgesehen. Diese Organisationsform mit eigener ärztlicher und pflegerischer Leitung ist mit einer Ausnahme in allen teil­nehmenden Kliniken verwirklicht [vgl. Senatsverwaltung für Justiz und Ver­braucherschutz 2011: o.S.; vgl. SenGesSoz 2012: 62-63].

4 Notwendigkeit spezifischer geriatrischer Notfallversorgung

Der geriatrische Notfallpatient erscheint mit dem Akronym GOMER ("Get out of my emergency room") in Samuel Shems belletristischem Roman „House of God“ [vgl. Shem 2010: 27] und verweist hier auf einen pointiert gezeichneten und besonders missliebigen hochbetagten Patienten im Krankenhaus. In dieser Darstellung wird ein spezifischer Typus Patient dargestellt, der in besonderer Weise aufwändig ist und im Krankenhaus als Problem imponiert. Die Notwendigkeit spezifischer geriatrischer Not­fallversorgung ergibt sich zum einen aus der wachsenden Patientenzahl (Abschnitt 4.1) sowie zeitgleich vielfältigen Besonderheiten und eben großem Behandlungsaufwand (Abschnitt 4.2) [vgl. Schmidbauer, Hasper, Kerner 2008: 196-202].

4.1 Wachsende Inanspruchnahme durch geriatrische Notfallpatienten

In diesem Abschnitt sollen die soziodemographischen Rahmenbedingungen geriatri­scher Notfallpatienten zunächst in Deutschland und dann für die Situation in Berlin skizziert werden.

4.1.1 Soziodemographische Entwicklung und Inanspruchnahme der Notauf-nahmen durch geriatrische Patienten in Deutschland

Die soziodemographische Entwicklung in Deutschland beinhaltet den mittlerweile eta-blierten Begriff der demographischen Alterung. Die Steigerung des mittleren Lebens-alters und ein deutlicher Anstieg des Anteils der älteren Bevölkerung kennzeichnen diesen Prozess. Die angloamerikanischen Begriffe „Baby Boomer“, „Demographic Imperative“, „Silver Tsunami“ verweisen auf die besondere Dynamik dieses Prozesses [vgl. Walsh, Stiles 2013: 23-25].

In Bevölkerungsprognosen wird die Altersgruppe der über 65-Jährigen von relativ 16,6 auf 20,7 Prozent bei Zunahme des Durchschnittsalters von 41 auf 43 Jahre bis in das Jahr 2030 ansteigen, bis 2050 wird mit einem Anteil von 30 - 40 Prozent der Gesamt-bevölkerung gerechnet [vgl. Singler et al 2011: 934-938].

Vor allem die über 80-Jährigen stellen den am schnellsten wachsenden Bevölkerungs-anteil dar, in welchem sich körperliche Einschränkungen im Alltag sowie Hilfe- und Pflegebedarf konzentrieren. Entsprechend ist eine Zunahme von chronischen Er-krankungen sowie multimorbiden, geriatrischen Patienten zu verzeichnen und zu-künftig zu erwar­ten [vgl. Nowossadek 2012: 151-157].

In einer bundesweiten Betrachtung zeigt sich ein Anstieg der in deutschen Notaufnah­men behandelten Patienten auf 20 - 22 Millionen pro Jahr. Dabei weisen die stationä­ren Notfallaufnahmen im Zeitraum 2005 bis 2012 einen bundesweiten Zuwachs um 42 Prozent auf (absolut 7,5 Millionen). Dies entspricht einer Notfallaufnahmerate von 9.211 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2012. Der stationäre Aufnahmeanteil liegt dabei bei 41 - 51 Prozent mit deutlichen regionalen Unterschieden, jedoch ubiquitär erheblich steigenden Trends [vgl. Nienhues 2012: 152-153; vgl. Huke, Robra 2015: 62-63]. Derzeit liegt das jährliche Wachstum der Notfallkontakte bei etwa 8 Prozent [vgl. Eiff von 2011: 5].

Die geriatrischen Krankenhausaufnahmen weisen in Deutschland den bereits zweit-höchsten Anstieg der stationären Krankenhausbehandlungsfälle erkennen, der von 2002 - 2007 auf 23 Prozent beziffert wird [vgl. Bvg 2010: 12-37; vgl. Statistisches Bundesamt 2011a: 34, 2011b: 27]. Interessanterweise existieren betreffend die geriat­rischen Patienten nur wenige und letztlich inkonsistente Daten. Amizadeh und Kollegen gehen von einem Anteil von zwanzig Prozent der über 65-jährigen aus. Nach der bis­her einzigen Umfrage im deutschsprachigen Raum durch die DGINA-Arbeitsgruppe „Der ältere Patient in der Notfallmedizin“ (ÄlPaNo) wird von einem bereits 30-prozenti­gen Anteil der über 70-jährigen (absolut 7 Millionen jährliche Patienten) ausgegangen.

Einen überproportionalen Anstieg verzeichnen die über 80-Jährigen mit derzeit ca. 20 Prozent Anteil an den Notaufnahmepatienten [vgl. Singler et al 2016: 496-499; vgl. Groening, Schwarz, Lock 2013: 262-265]. Nach Schätzungen von Pinter wird bei den über 80-Jährigen bundesweit ebenfalls ein 30 Prozentiger Anteil beziffert [vgl. Dgg 2014: o.S.], so dass hier divergente Daten bestehen.

4.1.2 Soziodemographische Entwicklung und Inanspruchnahme der Notauf-nahmen durch geriatrische Patienten in Berlin

Auch Berlin weist einen stetigen Zuwachs in der Notfallaufnahmeversorgung auf. In den Jahren 2008 bis 2012 kam es zu einer Steigerung um 19 Prozent auf etwa 1,2 Millionen Patienten in den Berliner Rettungsstellen. Auf die zeitgleiche Steigerung der Notfallrettungszahlen wurde bereits verwiesen (Abschnitt 3.2). Exemplarisch kann für die Charité Universitätsmedizin Berlin von 2007 bis 2010 ein Zuwachs von 176.000 auf 207.000 jährlicher Kontakte gezeigt werden [vgl. Arbeitskreis Interdisziplinäre Notaufnahmen und Notfallmedizin 2011: 12-13].

In Berlin besteht ein mit 50 Prozent im Bundesvergleich sehr großer, jedoch für Regio­nen mit hoher Bevölkerungsdichte typischer, notfälliger Aufnahmeanteil [vgl. Huke, Robra 2015: 67, 73]. Zu den dabei führenden Aufnahmeindikationen gehören Erkran­kungen des Kreislaufsystems, Traumata aber auch Intoxikationen. Im Ergebnis be­deutet dies einen Zuwachs auch zeitkritischer nicht-traumatologischer Krankheitsbilder. Weiter betrachtet werden müssen routinemäßige Krankenhauseinweisungen (absolut 9,2 Millionen) sowie Geburten und Verlegungen [vgl. Schöpke, Plappert 2011: 371-378; vgl. Statistisches Bundesamt 2014c: o.S.; vgl. Lange, Popp, Erbguth 2016: 592-602].

Als urbaner Ballungsraum weist Berlin eine starke Dynamik mit erheblichem Wachstum der ältesten Bevölkerungsanteile auf. Mit der „Bevölkerungsprognose für Berlin und die Bezirke“ im zeitlichen Planungshorizont bis 2030 wird seitens der Senatsverwaltung eine Arbeits- und Planungsgrundlage für die Fachverwaltungen und Bezirke sowie die zukünftige Stadtentwicklung festgelegt. Hierbei wird von 2012 bis 2030 von einem Be­völkerungszuwachs von etwa 254.000 Personen (7,2 Prozent) ausgegangen, der bis 2020 zu bereits 70 Prozent erreicht sein soll. Insbesondere die Gruppe der Hochbetag-ten (80 Jahre und älter) wird im Prognosezeitraum überproportional um ca. 80 Pro­zent (absolut 120.000) auf 263.000 Menschen anwachsen. Die getroffenen Annahmen werden auch im Krankenhausplan 2016 als valide angenommen [vgl. SenGesSoz 2015: 56].

Bezogen auf die stationäre Notfallversorgung muss festgehalten werden, dass exakte Daten über die dortigen geriatrischen Patienten in Berlin derzeit nicht hinreichend ver­fügbar sind. Für die hiesige Betrachtung ist allerdings die folgende Feststellung von großer Bedeutung: „Es ist bekannt, dass ältere Menschen die Notfallaufnahmen öfter aufsuchen, öfter stationär aufgenommen werden, länger in der Notaufnahme bleiben und 2x so häufig in der Notaufnahme wieder vorgestellte werden (eigene Anmerkung: im Vergleich zu Jüngeren)“ [Adams, Gerson 2003: 271-274]. Bezogen auf insgesamt 1,2 Millionen Notfallpatienten in Berlin muss, eine bundesweite Schätzung von 30 Pro­zent zugrunde gelegt (Abschnitt 4.1.1), mit derzeit 360.000 jährlichen altersmedizini­schen Notfallvorstellungen in den Aufnahmekrankenhäusern gerechnet werden. Bei einer derzeitigen Aufnahmewahrscheinlichkeit von 50 Prozent entspricht dies 180.000 ungeplanten stationären Notfallaufnahmen altersmedizinischer Patienten mit steigen­dem Trend (eigene Kalkulation). Eine in diesem Kollektiv höhere Aufnahmewahr­scheinlichkeit wurde dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Die Veränderung der Krankheits- und Altersspektren mit insbesondere Zunahme al­tersbezogener Störungsbilder hat Einfluss auch auf die Versorgung in den Notaufnah­men Berlins.

4.2 Besonderheiten des geriatrischen Notfallpatienten

Die interdisziplinären Notaufnahmen begegnen geriatrischen Patienten durch rasche und qualifizierte Initialbehandlung [vgl. Eiff von 2016: 25, 28]. Dennoch ist bezogen auf deren hohen Anteil eine bereits dortige qualifizierte und spezialisierte geriatrische Versorgung naheliegend [vgl. Schwarz, Lock 2013: 262-265]. Auf die Spezifika älterer Patienten und die Notwendigkeit geriatrischer Expertise bereits in der Notaufnahme wird nun eingegangen.

4.2.1 Diversität älterer Patienten

Ältere Patienten sind in besonderem Maße durch Diversität hinsichtlich ihrer körper-lichen und funktionellen Ressourcen gekennzeichnet und stellen dabei eine inhomo-gene Population dar: „there is no homogenous biomass called ´the elderly’ “ (Isaacs, 1992) [vgl. Werner 2009: 95-96]. Insofern ist die Behandlung dieses Kollektivs von Individualität gekennzeichnet, weshalb eine banale Einordung nach kalendarischem Alter als obsolet gilt. Sogar Hundertjährige weisen oft ein hohes Maß an Gesundheit auf, während bereits 60-Jährige unter schwersten Komorbiditäten und diversen Ein­schränkungen leiden können [vgl. Deutsches Ärzteblatt 2016e: o.S.].

4.2.2 Vulnerabilität und Multimorbidität

Als kennzeichnend für den geriatrischen Patienten gelten die oft reduzierte Kompen-sationsfähigkeit des Organismus durch Einschränkungen des Herz-Kreislaufsystems, respiratorischer Limitationen, Begrenzungen des Bewegungsapparats, der Sensorik, des Elektrolyt- und Wasserhaushalts und des Metabolismus [vgl. Schmidbauer, Hasper, Kerner 2008: 196-202]. Dieser im Kontext der alterstypischen Multimorbidität als Vulnerabilität bezeichnete Aspekt stellt eine Besonderheit gegenüber jüngeren Pa­tienten dar. Eine besondere Risikogruppe stellen kognitiv beeinträchtigte Patienten und Bewohner von Pflegeeinrichtungen dar [vgl. Cernic, Likar, Pinter 2013: 107-108].

Dies hat Einfluss auch auf die Notfallaufnahmen: Die typische dortige Behandlung ist auf einen isolierten Organfokus ausgerichtet und wird oft Multimorbidität nicht hinrei­chend gerecht [vgl. Eggert 2013: 29-30].

Zudem ist die gesundheitsbezogene Prognose von altersmedizinischen Notfallpatien­ten gerade von deren Ausgangssituation, insbesondere deren funktionellem Status abhängig. Hier kommt der Gebrechlichkeit eine besondere Bedeutung zu. Wichtig ist anzumerken, dass hochbetagte und kritisch Kranke zu nur 25 Prozent eine vollständige funktionelle Wiederherstellung binnen zwölf Monaten erreichen [vgl. Heyland et al 2015: 1911-1920]. Hinzu tritt ein deutlich erhöhtes Risiko für eine erneute Aufnahme­bedürftigkeit nach erfolgter Krankenhausbehandlung, zudem eine signifikant erhöhte Mortalität [vgl. Salvi et al 2007: 292-301; vgl. Friedmann et al 2001: 125; vgl. Caplan et al 1998: 697-702].

4.2.3 Atypische Krankheitspräsentation

Die notfallmedizinische Behandlung richtet sich primär nach leitenden Beschwerden und körperlichen Befunden im Sinne typischer Krankheitspräsentationen. Altersmedi-zinische Patienten zeigen oft atypische Beschwerden, so dass das Risiko erschwerter Diagnosestellung und einer potenziellen Unterversorgung besteht. Hinzu tritt der Um-stand, dass für Teile geriatrischer Patienten unklare Behandlungsaufträge existieren und eine zeitnahe Einordnung erschweren.

Als Resultat ergeben sich klare Belege dahingehend, dass bei altersmedizinischen Patienten in signifikantem Umfang relevante Diagnosen nicht hinreichend erkannt wer­den [vgl. Grossmann et al 2012: 317-325]. Dies gilt beispielsweise für akute Verwirrt­heitszustände (Delirien) Patienten, die in 32 bis 66 Prozent von Ärzten und zu 43 Pro­zent von Pflegepersonen nicht detektiert werden, aber sowohl Warncharakter für an­dere bestehende Erkrankungen haben, als auch die Prognose beeinflussen. Im Be­reich der Risikoeinschätzung stellt der oft alterierte Temperaturbereich mit fehlender Fieberentwicklung und mangelnder Veränderung anderer Vitalzeichen ein Detektions-problem für schwere Infektionserkrankungen bei Gebrechlichen dar. Dies gilt auch für Labordaten. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade Infektionserkrankungen eine der Haupttodesursachen für ältere Patienten sind und somit zeitkritische Dimension haben [vgl. Hortmann et al 2015: 601-606; vgl. Häsli 2013: o.S.]. Zudem seien mangelnde Wahrnehmung von Organschmerzen aufgrund Symptomwandel oder die verschleierte Präsentation von Pneumonien in Röntgenbildern und körperlicher Untersuchung ge­nannt [vgl. Gatterer 2013: 67-68].

Die fehlerhafte Erkennung von somatischen und psychischen Diagnosen, von Risiko-faktoren, die mangelhafte Erfassung von Medikamenten und schweren Akuterkran­kungen sowie die Nicht-Berücksichtigung von Wünschen nach Therapiebegrenzung sind häufig und verweisen auf einen Handlungsbedarf [vgl. Cernic, Likar, Pinter 2013: 113; vgl. Lafont 2011: 645-660].

4.2.4 Komorbiditäten, Iatrogenese und Polypharmazie

Altersmedizinische Patienten weisen infolge der Vulnerabilität ein hohes Risiko für Komorbiditäten wie Delirien, Frailty (Gebrechlichkeit), Bettlägerigkeit, Stürze, Volumen-mangel, Infektionen und Dekubitus (Druckgeschwüre) auf. Im Kontext unfallchirurgi­scher Behandlung erleiden geriatrische Patienten häufiger Komplikationen als junge Patienten [vgl. Beck et al 2014: 90-94]. Teile dieser Komorbiditäten gelten als ver­meidbar, wie etwa die Delirien mit einem Reduktionspotenzial von etwa 40 Prozent [vgl. Saxena, Lawley 2009: 405-413]. Spezifische Komorbiditäten können infolge einer medizinischen Behandlung (iatrogen) entstehen. Für geriatrische Patienten stellt der Einsatz von Medikamenten, insbesondere der Anwendung einer Vielfachmedikation (Polypharmazie) ein besonderes Risiko dar [vgl. Budnitz et al 2011: 2002-2012]. Auf­grund der eingeschränkten Organreserven können hier schwere Komplikationen resul­tieren, die ein besonders sorgfältiges Vorgehen und die Kenntnis darüber erfordern.

4.2.5 Geriatrische Syndrome

Für die Notfallaufnahme stellen die beiden großen Gruppen internistisch-neurologscher Notfälle und die Unfallfolgen auch für altersmedizinische Patienten den Schwerpunkt dar. Besonders häufig sind Dehydratationen, Delirien, Suizidalität, und hüftgelenknahe Knochenbrüche. Für die Altersmedizin spezifisch sind allerdings die sogenannten geri­atrischen Syndrome, zu denen unter anderem Stürze, Verwirrtheit und Inkontinenz zählen und als Spezialwissen gelten [vgl. Singler et al 2015: 2237-2245]. Gerade Stürze und deren oft ausgeprägte Traumafolgen sind mit 15 - 30 Prozent häufige An­lässe für notfällige Vorstellungen [vgl. Samaras et al 2010: 261-269]. Letztere wiederum führen zu oft langfristigen Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit und selbstständigen Lebensführung [vgl. Sleltvold 2011: 18].

4.2.6 Gerontopsychiatrische Krankheitsbilder

In der Altersmedizin kommen zudem gerontopsychiatrische Krankheitsbilder wie akute Erregung, Aggression und Agitation vor. Hinzu kommen Bewusstseinsstörung, sowie neben Suizidalität und ängstlichen Krankheitsbildern auch ein breites Spektrum kogni­tiver Störungen mit akuter und chronischer Verwirrtheit [vgl. Jagsch 2013: 73-92]. Pa­tienten mit diesen Störungen bedeuten eine besondere Belastung in nicht spezialisier­ten Behandlungseinheiten. Vor dem Hintergrund steigender Zahlen älterer und de­menter Patienten mit Häufigkeiten von 5 - 20 Prozent der Krankenhauspatienten [vgl. Schütz, Füsgen 2013: 203-207] bestehen bereits derzeit personelle Defizite und ein „gravierender Mangel in der Versorgung“ [vgl. Gesundheitsstadt Berlin 2016b, o.S.; vgl. Isfort et al 2014: 18]. Gerade bei diesen Patienten ist ein proaktives Management bereits ab der Notaufnahme mit Hinblick auf das Risiko von intrahospitalen Stürzen, akuter Verwirrtheit und dramatischer Verschlechterung der Autonomie sowie beson­dere Vorsicht bei medikamentöser Therapie zu fordern [vgl. Renteln-Kruse von et al 2015: 103-112]. Einen besonderen Aufwand bedeuten der Einbezug von An- und Zu­gehörigen einschließlich ethisch-juristischer Aspekte (rechtliche Betreuung, Vollmach-ten).

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Details

Seiten
109
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346021137
ISBN (Buch)
9783346021144
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497422
Institution / Hochschule
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Note
1,7
Schlagworte
versorgung patienten aufnahmekrankenhäuser bundesland berlin

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Titel: Notfallmedizinische geriatrische Versorgung in den Kliniken Berlins