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Warum die Autofiktion der Gesellschaft einen Spiegel vorhält

Essay 2017 4 Seiten

Literaturwissenschaft - Allgemeines

Leseprobe

Wie Autofiktion der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und warum ihre Wahrheit nur eine Illusion ist

Der Grund, der die Kontroverse über Autofiktion ausgelöst hat, und warum viele sie nun verteufeln oder belächeln, liegt tief im Ursprung unserer Menschlichkeit begraben.

Wir können gar nicht anders: wir erwarten, wir wünschen, wir arbeiten dafür. Und dann werden wir enttäuscht. Das ist in unserem Alltag der Fall aber auch, wenn wir uns der Kunst widmen. Wir wollen unterhalten werden, wir wollen Ästhetik erfahren, aber und vor allen Dingen soll es authentisch sein. Filme auf wahren Begebenheiten, Performances ohne Schauspiel und ohne Trennung von Künstler und Werk, Bücher, die Lebensgeschichten erzählen. Am besten Autobiografien. Aber nur die spannenden, nicht die langweiligen. Vielleicht so etwas wie Autofiktion.

Aus der Erwartungshaltung entsteht die Unterstellung, dass in jeder Erzählung auch Wahrheit stecken muss, ganz gleich wie verrückt und kreativ die künstlerischen Mittel auch seien, wer will schon eine gänzlich ausgedachte Geschichte lesen, in der sich kein Funke Identität des Autors finden lässt?

Und somit kommen wir zum ersten Problem: wir wollen uns identifizieren. Immer und überall. Mit dem Offensichtlichen oder mit dem Verborgenen, aber wir sind ständig auf der Suche nach der kleinsten Übereinstimmung mit unserem eigenen Leben. Ebenso wie wir ständig auf der Suche nach uns selbst sind. Daher rührt die Faszination für das offensichtlich Wahrhafte. Und spätestens bei dieser Identifikation belügen wir uns selbst. Wir wollen einen mutigen, starken und schönen Menschen in uns sehen. Niemand erkennt sich im Schwächling wieder, in der Rolle der weniger beliebten Schwester oder in dem tragischen „Nichtswisser“, der die Normalität wahren soll, während um ihn herum alle ein anderes, aufregenderes Leben verbringen. Niemand tut das und zugeben wollen wir es auch nicht.

Wir sind nicht bereit, all unsere Masken fallen zu lassen, weil es uns noch immer viel wichtiger erscheint, das perfekte Abbild unseres Selbst zu zeigen, als eine Mischung aller Abbildungen, die von uns existieren. So können wir es „ehrlich“, „nach einer wahren Begebenheit“ oder auch „Autofiktion“ nennen, aber der Teil, der in uns verborgen bleiben soll, wird es auch solange bleiben, wie wir es ihm erlauben.

Welches Bild will uns der Autor vermitteln und welche Anerkennung sind wir bereit, ihm entgegenzubringen? Welcher Teil des Autors steckt im Werk und welchen Teil wollen wir in uns wiedererkennen?

Die Frage, die also in den Fokus rückt, ist die nach der Identität. Wer sind wir? Wie können wir uns und unsere Lebensgeschichte veritabel vermitteln? Und lassen wir das überhaupt zu?

Bei diesen Überlegungen wird vor allem eines direkt ersichtlich: Die Frage zu stellen, wer man selbst ist, lässt uns in den meisten Momenten kalt und wird als „zu komplex“ abgetan, denn man wisse ja eigentlich sehr genau, wer man denn ist. Die andere Variante, die des „Insichgehens und Grübelns“ führt in den häufigsten Fällen zu Disharmonie und Unzufriedenheit mit sich selbst. Was uns gestern als wahr und richtig vorkam, wird heute zu einer unüberbrückbaren Differenz mit unseren Wert- vorstellungen und Gefühlen. Und jedes Mal, wenn wir versuchen unsere Identität in eine Beschreibung zu zwängen und dieses und jenes miteinander verknüpfen zu wollen, werden wir an die Grenzen unserer Möglichkeit stoßen.

Wir wollen uns selbst wie ein großes Buch lesen, auf der wir bei Seite eins wissbegierig und erwartungsvoll starten, während wir auf der letzten Seite eine Erkenntnis lesen möchten. Eine Lösung, eine Definition. Doch stattdessen wissen wir bereits auf Seite 50 nicht mehr, was auf Seite 7 stand.

Und so unmöglich es ist, unser Leben wie ein Buch zu lesen, so unmöglich ist es auch, es detailgetreu und authentisch in ein Buch zu zwängen.

Trotzdem bleibt uns die zuversichtliche Lesart erhalten, denn letztendlich geht es uns in jedem Augenblick um einen Sinn. Vielleicht sogar um DEN Sinn, der des Lebens. Den wollen wir natürlich auch finden. Vielleicht erlaubt uns die Literatur in all ihren Facetten eine mögliche Betrachtung der Welt. Einen Vorschlag, eine Idee, wie man sich selbst und sein Leben einordnen möchte. Welchen Sinn man sieht und welche Perspektive sich am besten für das eigene Leben eignet. Es wäre also denkbar, dem Autoren eine Art privilegierte Position zuzuschreiben, mit derer Hilfe er uns seinen eignen Lösungsvorschlag mitteilt, denn er habe ja nie davon gesprochen den allgemeingültigen Sinn zu kennen.

Wie können wir also der Autofiktion vorwerfen, uns mit einem Abbild von der Realität täuschen zu wollen, wo doch jedes geschriebene Wort auf den Autoren zurückfällt, der uns in jedem Fall nur eine Idee von sich selbst beschreiben kann. Wie auch John von Düffel in seinem Werk Wovon ich schreibe schon sehr treffend formuliert hat: „Alles, was ich zu sein glaube, ist Fiktion“.

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Details

Seiten
4
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346002037
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497161
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Autofiktion Literatur Literaturwissenschaft Germanistik Autobiografie Essay Gesellschaft Roman Kurzgeschichte Künstler Wahrheit Illusion

Autor

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