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Globalisierung und politische Ökonomie der Armut in Indien

Doktorarbeit / Dissertation 1995 466 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Contents

Verzeichnis der Tabellen

Verzeichnis der Abbildungen

1 Einleitung

2 Entwicklungstheoretische Einbettung und Aufbau der Arbeit
2.1 Entwicklungs- und fachtheoretische Einbettung
2.1.1 Zur Ideologie von Entwicklung und Unterentwicklung
2.1.2 Die Perspektive von Entwicklung in der vorliegenden Arbeit
2.2 Der Aufbau der Arbeit
2.2.1 Die globale Systemebene
2.2.2 Die nationale Systemebene
2.2.3 Die bundesstaatliche Ebene Tamil Nadu
2.2.4 Die lokale Systemebene: Das Fischerdorf Nochikuppam
2.3 Die theoretische Einbettung der Untersuchungsergebnisse

3 Die globale Systemebene: Weltwirtschaftliche Strukturen im Wandel
3.1 Der weltwirtschaftliche Strukturwandel bis in die 80er Jahre: Anteile und Beziehungsstrukturen in der Weltwirtschaft
3.1.1 Die erste große Krise des fordistischen Akkumulationsmodells
3.1.2 Die globale Strukturkrise der Gegenwart
3.2 Von der internationalen zur globalen Wirtschaft
3.2.1 Die Dimension globaler Finanztransaktionen
3.2.2 Die weltwirtschaftliche Bedeutung von Transnationalen Unternehmen
3.2.3 Transnationale Konzerne und Nationalökonomien - zur Interessenlage
3.3 Der Staat und die Wirtschaft
3.3.1 Staat und Wirtschaft: Vom Keynesianismus zum Monetarismus
3.3.2 Supply-Side-Economics in den USA (Reaganomics): Die Praxis monetaristischer Wirtschaftspolitik

4 Die Integration sog. Entwicklungsländer in das globale Wirtschaftssystem
4.1 Die Verschuldung der sog. Entwicklungsländer
4.1.1 Die Konditionalität von Strukturanpassungskrediten
4.1.2 Erfahrungen mit Strukturanpassungsprogrammen in anderen Ländern als Indien
4.1.3 Strukturanpassung und Armut in den sog. Entwicklungsländern
4.2 Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen
4.2.1 Ausnahmeregelungen und Schutzmaßnahmen im GATT
4.2.2 Die Uruguay-Runde des GATT
4.2.3 Die USA zwischen Bi- und Multilateralismus in Handelsfragen

5 Wirtschaftliche Entwicklung in Indien
5.1 Die Ordnungsprinzipien der indischen Wirtschaft
5.1.1 Indiens » mixed Economy « und die Phase des Self Reliance
5.1.2 Indien zwischen kapitalistischer und sozialistischer Welt
5.1.3 Zusammenfassung: Die Phase der importsubstituierenden Wirtschaftspolitik
5.2 Die Phase der Systemkrise: 1966-77
5.2.1 Neustruktuierung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse
5.2.2 Der nationale Ausnahmezustand unter Indira Gandhi
5.3 Die Janata-Regierung von 1977-1979
5.4 Die Phase der beginnenden Globalisierung: 1980-1991
5.4.1 Die „Neue Wirtschaftspolitik“ in den 80er Jahren
5.4.2 Die Wirtschaftspolitik unter der Regierung Rajiv Gandhi
5.4.3 Die Organisierung einer indischen Bauernbewegung
5.5. Die Regierung der National Front
5.5.1 Die Wirtschaftspolitik unter V.P. Singh
5.5.2 Der Zerfall der politischen Kultur nach 1989: Mandal, Mandir und Macht
5.6 Die Regierung Chandra Shekhars (1990 - 91)
5.6.1 Die Wirtschaftspolitik der Janata Dal(S)-Regierung
5.7 Zusammenfassung: Entwicklung der Politischen Ökonomie (1966-1991)

6 Strukturanpassung in Indien
6.1 Strukturanpassung und Politische Ökonomie
6.1.1 Konkrete Maßnahmen der Strukturanpassung
6.2 "Staatsklassen", ihr Klientel und Strukturanpassung
6.2.1 Die Privatisierung indischer Staatsbetriebe.
6.3 Indien und die “Uruguay-Runde” des GATT
6.3.1 Die Ergebnisse im Bereich der Landwirtschaft
6.3.2 Die Auswirkungen auf das staatliche Nahrungsmittelverteilungssystem (PDS)
6.3.3 Die Regelung im Bereich handelsrelevanter Aspekte des Schutzes geistigen Eigentums
6.3.4 Die Ergebnisse im Textilbereich
6.3.5 Die Ergebnisse bei den handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen (TRIMS)
6.3.6 Die Ergebnisse im Bereich des Dienstleistungshandels
6.4 Zusammenfassung: Wirtschaftliche Herausforderungen der 90er Jahre

7 Der Wandel in der Weltfischerei und seine Auswirkungen auf Indien.
7.1 Die Entwicklung des Weltfischfangs
7.2 Der Handel mit Fischereiprodukten
7.3 Die Fischereiwirtschaft in Indien - eine Übersicht
7.3.1 Expansionsmöglichkeiten in der indischen Meeresfischerei
7.4 Aspekte der Modernisierung der Fischerei: eine konfliktorientierte Betrachtung
7.4.1 Kleinfischer contra Trawler: Das Indisch-Norwegische Fischereiprojekt in Kerala (INP)
7.4.2 Kleinfischer contra Purse-Seiner: von Trawlern und Purse-Seinern eingekreist
7.4.3 Die Auswirkungen der Mechanisierung auf die Kleinfischer
7.4.4 Kleinfischer versus „big business“ - Der Segen der Aquakultur.
7.5 Zusammenfassung: Fischereientwicklung in Indien: Devisen vs Menschenrechte

8 Staatliche Agrarpreis- und Nahrungsverteilung: Das Public Distribution System in Indien
8.1 Der Beginn staatlicher Kontrollpolitik bei der Verteilung von Nahrungsmitteln
8.1.1 Die Anfänge des Public Distribution Systems 1942/43
8.1.2 Das PDS nach der Unabhänigkeit
8.2 Die Ziele indischer Agrarpolitik und das PDS
8.3 Funktionsweise und Struktur des PDS
8.3.1 Die Preisfestsetzung im PDS
8.3.2 Die Rolle der Bundesländer im PDS
8.4 Das PDS in Tamil Nadu
8.5 Auswirkungen des PDS auf Armutsgruppen
8.6 Das Public Distribution System in den 90er Jahren
8.6.1 Das PDS und die Politische Ökonomie Indiens

9 Die Bedeutung Sozialer Sicherungssysteme
9.1 Das System der Sozialen Sicherheit im formellen Sektor Indiens
9.1.1 Die Finanzierung des gesetzlichen Sozialversicherungsystems
9.1.2 Soziale Sicherheit und Strukturanpassung
9.2 Initiativen zur Sozialen Sicherheit im informellen Sektor Tamil Nadus
9.2.1 Alterspensionen für verschiedene Personengruppen
9.2.2 Weitere Maßnahmen zur Sozialen Sicherheit im informellen Sektor
9.3 Eine Bewertung der Programme zur Sozialen Absicherung in Tamil Nadu
9.3.1 Vergleich informeller vs formeller Sektor
9.3.2 Bewertung nach den erbrachten Leistungen
9.4 Probleme der Durchführbarkeit Sozialer Absicherungsprogramme
9.4.1 Die Finanzierbarkeit von Maßnahmen zur Sozialen Absicherung im informellen Sektor

10 Die Entwicklung des Politischen Systems in Tamil Nadu
10.1 Das Entstehen eines „drawidischen“ Nationalismus
10.1.1 Die Drawidische Bewegung und die Klassenfrage
10.1.2 Das Erstarken drawidischer Parteien in Tamil Nadu (1947-1967)
10.1.3 Die DMK an der Macht (1967-1977)
10.1.4 Kurzer Abriß der parteipolitischen Konstellationen nach 1977
10.1.5 Der Aufstieg MGRs und der Niedergang der politischen Kultur in Tamil Nadu
10.2 Zusammenfassung: Politische Kultur in Tamil Nadu
10.3 Die politischen Ereignisse während der Feldforschung
10.3.1 Die DMK-Regierung unter Karunanidhi (1989-1991)
10.3.2 Machtpolitik contra Verfassungsprinzipien: Die Absetzung der DMK-Regierung im Januar 1991
10.3.3 Die politische Kultur in Tamil Nadu nach Übernahme

11 Das Leben in einem Fischerdorf -Methodische Überlegungen

12 Nochikuppam - Ein „Fischerdorf“ im Herzen von Madras
12.1 Die „Geschichte“ von Nochikuppam
12.1.1 Christianisierung unter der Fischerbevölkerung
12.1.2 Die Rivalitäten unter den europäischen Kolonialmächten
12.1.3 Seehandel und Fischerei
12.2 Die Bevölkerung von Nochikuppam
12.2.1 Verflechtung von Beschäftigungsverhältnissen
12.2.2 Erwerbstätigkeit und Bildung
12.2.3 Beschäftigung in Exportunternehmen
12.2.4 Fast-Food-Vendor
12.2.5 Regierungsangestellte

13 Naturräumliche Bestimmungsfaktoren für die KleinFischer von Madras

14 Die Entwicklung der Kleinfischerei von Madras
14.1 Fischereifahrzeuge und Fischereigerät
14.1.1 Die „traditionelle“ Kleinfischerei an der Coromandelküste vor Einführung von Kunstfasernetzen
14.2 Die Arbeitsorganisation in der "traditionellen" Kleinfischerei
14.2.1 Die Aufteilung des Fischfangs
14.3 Der heutige Stand der Fischereitechnologie in der Kleinfischerei von Madras
14.3.1 Stand und Perspektiven hinsichtlich der Bootstechnologie
14.3.2 Stand und Perspektive der Netztechnologie in der Kleinfischerei
14.4 Verteilung von Booten und Netzen in Nochikuppam
14.5 Die gegenwärtige Arbeitsorganisation in der Kleinfischerei
14.5.1 Geschlechterspezifische Merkmale der Arbeitsorganisation
14.6 Zusammenfassung: Der Wandel in der Netztechnologie und die Arbeitsorganisation .
14.7 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Landwirtschaft und Kleinfischerei

15 Die Analyse der Fangergebnisse im Zeitraum vom Mai 1991 - August 1992
15.1 Finanzierung der an der Untersuchung teilgenommenen Boote
15.2 Finanzierung der Netze
15.3 Darstellung der Ergebnisse der Fanguntersuchung Fangfahrten
15.4 Aufteilung der Fangerlöse
15.4.1 Arbeitskräfte- und Netzeinsatz während des Untersuchungszeitraums
15.4.2 Berechnung des durchschnittlichen Monatseinkommens eines Fischereiarbeiters
15.5 Subsistenzeinkommen
15.6 Zusammenfassung der Analyse der Fangeinkommen
15.7 Einkommen außerhalb der Fischerei
15.7.1 Renteneinkommen in den untersuchten Haushalten

16 Die Analyse der Haushaltsausgaben im Zeitraum vom Mai 1991 - August 1992
16.1 Untersuchungen zum Ausgabeverhalten von Fischerhaushalten in Tamil Nadu
16.2 Die Struktur der Haushaltsausgaben in Nochikuppam
16.2.1 Die Ausgaben für Nahrung
16.2.2. Das Ausgabenverhalten für Alkohol in Nochikuppam
16.2.3 Die Ausgaben für Kleidung
16.2.4 Die Ausgaben für Gesundheit
16.2.5 Haushaltsausgaben für Energie
16.2.6 Haushaltsausgaben für Transport
16.2.7 Sonstige Haushaltsausgaben
16.3 Vergleich der Haushaltsausgaben und -einnahmen

17 Selbsthilfe und staatliche Intervention
17.1 Der informelle Kreditsektor in der Kleinfischerei
17.1.1 Die Rückzahlung von Krediten während des Untersuchungszeitraums
17.1.3 Die Institition des Geldverleihs
17.2 Das Sparverhalten der Kleinfischer
18.2.1 Kollektive Spar- und Kreditkassen (Chit-funds)
17.2.2 Chit-Funds in Nochikuppam
17.2.3 Sparen durch Geldanlage in Sachwerten
17.2.4 Der Geldverleih als Mittel des Sparens
17.2.5 Die Dorfkasse in Nochikuppam
17.2.6 Entwicklung der Sparrücklagen während des Untersuchungszeitraums
17.3 Staatliche Intervention in sozialen Bereichen
17.3.1 Das Public Distribution System in Nochikuppam
17.3.2 Staatliche Programme für Kleinfischer und andere Berufsgruppen

18 Der Wandel in der politischen Struktur von Nochikuppam
18.1 Ein Tempelstreit als Ausdruck dörflicher Desintegration
18.2 Ein "Landkonflikt" als Ausdruck politischer Diversifizierung
18.2.1 Ein "Landverkauf" in Nochinagar
18.3 Die Bedeutung des "Middleman" im Dorfleben
18.4 Zusammenfassung: Der Wandel in der politischen Struktur Nochikuppams

19 Das Leben in einem Fischerdorf aus Sicht der Menschen selbst
19.1 Die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation
19.1.1 Die quantitative Dimension
19.1.2 Gründe für eine Verbesserung der Lebenssituation
19.1.3 Gründe für eine Verschlechterung
19.2 Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit

20 Zusammenfassung und Theoretische Einbettung
20.1 Nahrungsunsicherheit und gesellschaftliche Verwundbarkeit: Ein kon-zeptioneller Rahmen
20.2 Analytische Zuordnung der Untersuchungsergebnisse
20.2.1 Politisch-Ökonomischer Bereich
20.2.2 Der verfügungsrechtliche Bereich
20.2.3 Der humanökologische Ansatz

Vorwort

Indien erlebt gegenwärtig den schwerwiegendsten wirtschaftlichen Transformationsprozeß seit seiner Unabhängigkeit. Liberalisierung, Exportorientierung und Globalisierung das sind die Schlagworte, die die wirtschaftliche Elite des Landes auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ausländische Unternehmen sehen in der 300 Millionen Menschen umfaßenden Mittelschicht einen Markt der Zukunft.

Heute, sechs Jahre nach Beginn der von IWF und Weltbank unterstützten Strukturanpas­sungspolitik, sind die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme des Landes nicht geringer geworden. Alleine zwischen 1990 und 1992 hat sich nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde der Anteil der unter der Armutsgrenze lebenden Inderinnen und Inder von 35,5 auf 40,7 Prozent erhöht. Hinter diesen fünf Prozentpunkten verbergen sich immerhin 57 Millionen Menschen. Die Congress-Partei, die nach ihrem Wahlsieg im Juni 1991 mit der Liberalisierung der Wirtschaft begonnen hatte, sieht sich politisch immer mehr in die Defensive gedrängt, da der von ihr versprochene wirtschaftliche und soziale Gesundungsprozeß bislang ausgeblieben ist. In mehreren Wahlen zu Länderparlamenten konnten sich inzwischen Parteien durchsetzen, die mit populistischen Maßnahmen wie z.B. mit der starken Subventionierung von GrundNahrungsmitteln die von vielen Wählerinnen und Wählern empfundenen Defizite in der Politik erfolgreich ansprachen.

Nicht erst da wurde deutlich, daß Nahrung eine politische Dimension aufweist. Politiken können dazu führen, daß Menschen den Zugang zu einer ausreichenden Nahrungsmittelversorgung verlieren. Eine ungenügende Nahrungsversorgung kann andererseits aber auch zum Sturz von Regierungen führen.

Die Feldforschung zu der vorliegenden Arbeit fiel in eine Zeit, in der sich Indien in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise befand. Eine für indische Verhältnisse sehr hohe Inflationsrate, vor allem für Grundnahrungsmittel, bestimmte die 18 Monate, in denen der Autor seine Befragungen in einer Fischersiedlung in der südindischen Metropole Madras durchführte. Kein Thema wurde dabei von den Menschen häufiger angeschnitten, als die beständig ansteigenden Nahrungsmittelpreise und ihre tägliche Sorge um die Sicherstellung der Ernährung ihrer Familien. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den von diesen Menschen aufgeworfenen Fragen. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie die Nahrungsmittelpreise derart in die Höhe schnellen konnten, obwohl - die Zeitungen berichteten ständig darüber - die Nahrungsmittelproduktion des Landes so hoch war wie nie zuvor. Sie versucht, diese Problematiken aus der Perspektive der Politischen Ökonomie zu beleuchten, d.h. mit Blick auf die in der indischen Gesellschaft bestehenden Machtstrukturen, die auch exogen beeinflußt werden. Sie beschäftigt sich in diesem Sinne mit Verflechtungen und Zusammenhängen zwischen Armut und Reichtum auf unter-schiedlichen Ebenen.

Der Forschungsaufenthalt, auf dem die vorliegende Arbeit basiert, fand zwischen November 1990 und Mai 1992 statt und wurde durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Indischen Regierung ermöglicht, für deren finanzielle Unterstützung ich mich herzlich bedanken möchte. Nach meiner Rückkehr aus Indien wurde die Förderung von der Friedrich-Ebert-Stiftung fortgeführt, der ebenfalls mein Dank gebührt.

In Indien gilt mein besonderer Dank meinem Betreuer Herrn Dr. K. Rajaratnam sowie den Mitarbeitern des von ihm geleiteten Centre for the Research of New International Economic Order, in dem ich mit sehr viel Freundlichkeit aufgenommen wurde. An Stelle vieler sei hier besonders Herr Dr. P.J. Sanjeeva Raj genannt, dessen detailierte Kenntnisse über das marine Ökosystems Tamil Nadus mir eine große Hilfe waren.

Desweiteren möchte ich mich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bay of Bengal Programme for Small - Scale Fisheries Development in Madras für ihre wertvolle Un­terstützung bedanken. Hier sei ganz besonders Frau Cathrine Joseph genannt, die mir bei meinen Literaturrecherchen überaus behilflich war.

Ebenfalls zu Dank verpflichtet bin ich Herrn Dr. S. Subbiah vom Geographischen Institut der Universität Madras, in dem ich immer einen geduldigen und kompetenten Gesprächspartner fand. Er öffnete mir durch seine Kontakte so manche Tür zu staatlichen Behörden, die ansonsten verschlossen geblieben wäre.

Großen Dank schulde ich auch Herrn James Melchior, Direktor des Indian Cultural Deve­lopment Centres, mit dem mich über den wissenschaftlichen Rahmen hinaus eine mittlerweile langjährige Freundschaft verbindet.

Bei der Erhebung meiner Daten standen mir besonders Frau P. Padmini, Frau S. Shanti, Frau P. Nithya, Herr K. Ramesh, Herr K. Gunasekar, Herr B. Nagarajan, Herr K. Ravi, Herr P. Kamaraj, Herr P. Sivakumar und Herr R. Murali hilfreich zur Seite. In ganz besonderer Weise möchte ich mich bei Herrn Dr. V.M. Ramesh bedanken, der die Forschung in allen Phasen geduldig begleitete und mir durch sein besonderes Einfühlungsvermögen den Zugang zu den Menschen in Nochikuppam erleichterte. In Nochikuppam selbst war ich häufig zu Gast bei Herrn Dr. B. Subramanian und seiner Familie, die mir unschätzbare Einblicke in dorfinterne Angelegenheiten vermittelten.

Die Bewohner von Nochikuppam dürfen nicht unerwähnt bleiben. Ohne ihre Aufgeschlos­senheit und geduldige Mitarbeit hätten die Feldstudie nicht durchgeführt werden können. Ich hoffe, daß die vorliegende Arbeit interessierten Leserinnen und Lesern einen Einblick in ihr Leben eröffnet, an dem sie mich so freundlich haben teilnehmen lassen. Ihnen möchte ich in großer Verbundenheit meinen Dank aussprechen.

In Deutschland möchte ich meinem Doktorvater Prof. Dr. H.-G. Bohle sehr herzlich danken, durch den meine wissenschaftlichen Arbeit entscheidende Anregungen erhalten hat. Als besonders angenehm empfand ich es, daß er mich einerseits vertrauensvoll gewähren ließ, mir aber andererseits stets mit Rat und Tat zur Seite stand, wenn es die Umstände erforderten.

Wichtige inhaltliche Anstöße und konstruktive Hilfe erhielt ich auch von Herrn Rainer Kruse von Brot für die Welt (Stuttgart), der sich schon seit vielen Jahren mit Problemen der indischen Fischereientwicklung beschäftigt. Ihm gilt mein in freundschaftlicher Ver­bundenheit ausgesprochener Dank.

Besonders gedankt sei auch Frau Ina Schneider, die nicht nur die Befragung der Frauen aus Nochikuppam durchführte, sondern auch einen Großteil der Datenflut in den Computer eintippte. Ohne ihre aktive Mitarbeit wäre die Untersuchung in vorliegender Form nicht möglich gewesen.

Ganz besonderen Dank gebührt meiner innig geliebten Frau Susanne van Dillen, der ich diese Arbeit widme. Sie hat mich wie kein anderer/keine andere bei der inhaltlichen Ausarbeitung des Manuskriptes kritisch und konstruktiv unterstützt und hat zusammen mit Herrn Dieter Wollbrink - auch ihm sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt - große Teile der sprachlichen und formalen Überarbeitung des Manuskriptes übernommen. Allerdings bin ich für Schwachstellen und verbliebene Fehler alleinig verantwortlich.

Verzeichnis der Tabellen

Tab. 1: Erfahrungen mit Strukturanpassungsprogrammen in ausgewählten Ländern

Tab. 2: Beschäftigung im formellen Sektor und Industrieproduktion

Tab. 3: Die weltgrößten Fischereinationen (1938, 1970 und 1993)

Tab. 4: Die zehn größten Exportländer von Fischereiprodukten (1992)

Tab. 5: Die zehn größten Importländer von Fischereiprodukten (1992)

Tab. 6: Entwicklung der Fischereiexporte Indiens (1960-1992)

Tab.7: Exporterlöse für Fischereiprodukte

Tab. 8 Fänge und geschätztes Potential nach Meerestiefen und Küstenabschnitten (in '000 Tonnen)

Tab. 9: Entwicklungspotential für Aquakulturen in Indien (in '000 ha)

Tab. 10: Entwicklung von procurement und issue price (1982/83 - 1994/95)

Tab. 11: Fair Price Shops in den indischen Bundesländern (1990)

Tab. 12: Entwicklung von issue price und Konsumentenpreisen für Nahrungsmittel in den Fair Price Shops

Tab. 13: Nahrungsmittel- und Kerosinpreise in den FPS von Tamil Nadu (1993)

Tab. 14: Die wichtigsten Gesetze zur Sozialen Sicherheit im formellen Sektor

Tab. 15: Pensionsprogramme in den verschiedenen Bundesländern (1988)

Tab. 16: Entwicklung der Anzahl der TeilnehmerInnen an verschiedenen Pensions-programmen in Tamil Nadu

Tab. 17: Verteilung der PensionsempfängerInnen nach Distrikten (1990)

Tab. 18: Soziale Sicherungsprogramme für den informellen Sektor in Tamil Nadu

Tab. 19: Direkte Einkommenstransfers im Haushaltsplan Tamil Nadus (1990-1993)

Tab. 20: Pensionszahlungen der Regierung Tamil Nadus an ihre Beschäftigten

Tab. 21: Erhöhung der Teuerungszulage (Dearness Allowance) für Pensionen (1991-93)

Tab. 22: Anzahl und Anteile der Arbeitskräfte in Tamil Nadu nach Sektoren (1991)

Tab. 23: Schätzungen zum Finanzvolumen eines Fish Workers Welfare Funds

Tab. 24: Entwicklung der Reispreise in den Fair Price Shops Tamil Nadus

Tab. 25: Die Erhöhung der Busfahrpreise im Oktober 1991

Tab. 26: Anhebung der Stromtarife im September 1991 und März 1993

Tab. 27: Zusammensetzung der Haushalte Nochikuppams nach Kaste bzw. Religionsgruppe

Tab. 28: Bevölkerung nach Kastengruppen und Geschlecht

Tab. 29: Heiratsalter nach Geschlecht und Altersgruppe

Tab. 30: Formaler Bildungsstand nach Kaste und Geschlecht

Tab. 31: Personen ohne jede Schulbildung nach Alter, Kaste und Geschlecht

Tab. 32: Personen mit höherem Bildungsabschluß (mind. 11. Klasse abgeschlossen)

Tab. 33: Erwerbstätigkeit nach Geschlecht und Kastenzugehörigkeit

Tab. 34: Individuelle Erwerbstätigkeit und Erwerbstätigkeit des Haushaltsvorstandes

Tab. 35: Individuelle Erwerbstätigkeit und Erwerbstätigkeit des Haushaltsvorstandes

Tab. 36: Formale Bildung nach einzelnen Berufsgruppen (Fischerkaste)

Tab. 37: Formale Bildung nach einzelnen Berufsgruppen (andere Kasten)

Tab. 38: Arbeiterinnen für Exportunternehmen: Alter und Familienstand

Tab. 39: Beschäftigung im staatlichen Sektor

Tab. 40: Aufteilung der Fänge zwischen Boots- und: Netzbesitzer (angenommener Fangwert 1000 Rs)

Tab. 41: Charakteristika der wichtigsten Kiemennetze in Nochikuppam

Tab. 42: Verteilung von Netztypen auf die Fischerhaushalte

Tab. 43: Finanzierung der Kattumarame der untersuchten Fischerteams

Tab. 44: Finanzierung der Netze der untersuchten Fischerteams

Tab. 45: Fangfahrten während des Untersuchungszeitraums

Tab. 46: Wert der vermarkteten Fänge nach Netztypen und Fischerteams (in Rs)

Tab. 47: Durchschnittlicher Wert der Fänge nach Netztypen (in Rs)

Tab. 48: Aufteilung der Fangergebnisse nach Netztyp und Wertegruppen

Tab. 49: Fangergebnisse nach Netztypen und Monate

Tab. 50: Fangergebnisse zwischen dem 27. November und 10. Dezember 1991 (in Rs)

Tab. 51: Fangergebnisse nach Anzahl der eingesetzten Netze und Arbeitskräfte (in Rs)

Tab. 52: Aufteilung der Fänge nach Besitzern von Produktionsmitteln und Arbeitskräfte

Tab. 53: Durchschnittliches Einkommen pro teilgenommener Fangfahrt (in Rs)

Tab. 54: Fanganteil der Fischereiarbeiter mit überdurchschnittlich vielen Fangfahrten

Tab. 55: Durchschnittliches Monatseinkommen aus Vermarktung und Subsistenzanteil

Tab. 56: Erwerbstätigkeit in den untersuchten Haushalten

Tab. 57: Zusammensetzung der Erwerbseinkommen der untersuchten Haushalte

Tab. 58: Ermitteltes Gesamteinkommen der untersuchten Haushalte (in Rs)

Tab. 59: Einkommen nach Anzahl der unterschiedlichen Einkommensarten

Tab. 60: Ausgabenstruktur von Fischerhaushalten in Tamil Nadu (Angaben in %)

Tab. 61: Ausgabenstruktur der untersuchten Haushalte

Tab. 62: Häufigkeit und Höhe der Ausgaben für Gesundheit (Fischerhaushalte)

Tab. 63: Häufigkeit und Höhe der Gesundheitsausgaben (Fischereiarbeiterhaushalte)

Tab. 64: Häufigkeit und Höhe der Ausgaben für Transport (Fischerhaushalte)

Tab. 65: Häufigkeit und Höhe der Ausgaben für Transport (Fischereiarbeiterhaushalte)

Tab. 66: Einnahmen und Ausgaben der Haushalte

Tab. 67: Überschuß bzw. Defizit durch unterschiedliche Einkommensarten

Tab. 68: Häufigkeit und Höhe der Kreditrückzahlungen (Fischereiarbeiterhaushalte)

Tab. 69: Häufigkeit und Höhe der Kreditrückzahlungen (Fischerhaushalte)

Tab. 70: Verwendung der rückbezahlten Kredite

Tab. 71: Kredite nach unterschiedlichen Quellen

Tab. 72: Häufigkeit und Höhe der Sparrücklagen (Fischerhaushalte)

Tab. 73: Häufigkeit und Höhe der Sparrücklagen (Fischereiarbeiterhaushalte)

Tab. 74: Gesamtausgaben für Nahrung und Nahrungskauf im Ration-Shop

Tab. 75: Kosten und Wert der Rationen

Tab. 76: Besitz von Ration-Cards in Nochikuppam

Tab. 77: "Alternativer" Verwendungszweck der Ration-Cards

Tab. 78: Kritik an den Ration-Shops

Tab. 79: Anzahl der bekannten Programme im sozialen und wirtschaftlichen Bereich

Tab. 80: Art der bekannten Programme im sozialen und wirtschaftlichen Bereich

Tab. 81: Teilnahme und Bewertung des Sparprogramms

Tab. 82: Unfallversicherung für Fischer

Tab. 83: Bestechungssummen bei der Unfallversicherung

Tab. 84: Angaben zum "Landverkauf" nach Ortsteilen

Tab. 85: Angaben zu Zahlungen im Zusammenhang mit dem "Landverkauf"

Tab. 86: Begründungen von Streitigkeiten in Nochikuppam

Tab. 87: Subjektive Einschätzung der Lebenssituation

Tab. 88: Lebenssituation nach Alter und Bildungsabschluß

Tab. 89: Lebenssituation und Erwerbsfähigkeit

Tab. 90: Begründungen für die Verbesserung der Lebenssituation

Tab. 91: Begründungen für die Verschlechterung der Lebenssituation

Tab. 92: Unterschied beim Heiratsalter

Tab. 93: Berufliche Mobilität in Nochikuppam

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1: Entstehung eines Abwertungskreislaufs

Abb. 2: Anzeige in „THE HINDU“ 3.11.1991

Abb. 3: Die Organisation des Public Distribution Systems in Indien

Abb. 4: Entwicklung der Gemüsepreise zwischen dem 25.01. und 09.02.1991

Abb. 5: Entwicklung der Gemüsepreise zwischen dem 20.05. und 05.06.1991

Abb. 6: Entwicklung der Gemüsepreise vom 07.12.1991 bis 05.01.1992

Abb. 7: Bevölkerung nach Alter, Geschlecht und Erwerbsstatus

Abb. 8: Jahresgang der Beständigkeit des Windes an der Coromandelküste

Abb. 9: Anzahl der Wirbelstürme, die an Madras vorüberzogen (1877 - 1980)

Abb. 10: Konstruktionsschema eines Kattumarams

Abb. 11: Mada Valai (Hebenetz) beim Fang an einem Kambi

Abb. 12: Ein Thuri Valai (Schleppnetz) im Einsatz

Abb. 13: Funktionsweise eines Kiemennetzes

Abb. 14: Anzahl der Tage ohne Fangfahrten

Abb. 15: Entwicklung der Lebenshaltungskosten ausgewählter Gruppen

Abb. 16: Die Entwicklung der gesamten Haushaltsausgaben

Abb. 17: Entwicklung der Ausgaben für Nahrung (Fischerhaushalte)

Abb. 18: Entwicklung der Ausgaben für Nahrung (Fischereiarbeiterhaushalte)

Abb. 19: Entwicklung der Ausgaben für Zigaretten und Alkohol

Abb. 20: Entwicklung der Ausgaben für Kleidung

Abb. 21: Entwicklung der Ausgaben für Gesundheit

Abb. 22: Entwicklung der Ausgaben für Energie

Abb. 23: Entwicklung der Haushaltsausgaben für Transport

Abb. 24: Entwicklung der Kreditrückzahlungen

Abb. 25: Funktionsweise eines Chit-Funds (Beispiel)

Abb. 26: Entwicklung der Sparrücklagen in Chit-Funds

1 Einleitung

Als im Dezember 1991 Meldungen über Hungertote im indischen Bundesstaat Andhra Pra­desh über die Titelseiten lokaler Tageszeitungen ihren Weg in die nationale Presse fanden, wurde deutlich, daß trotz beachtenswerter Fortschritte in der Nahrungsproduktion seit den späten 60er Jahren die Gefahr von Hungersnöten in Indien auch heute nicht vollkommen gebannt werden konnte (Nagaraj et al. 1991d: 58). Die gesicherte Ernährung der indischen Bevölkerung ist bei weitem noch nicht erreicht (Griffin 1987: 19).

An sich nichts Ungewöhnliches in einem Land wie Indien, in dem Hungersnöte Jahrhunderte lang zur gesellschaftlichen Realität gehörten. Nichts Ungewöhnliches auch in einem Land, das trotz aller technischen Verbesserungen in seiner Landwirtschaft nach wie vor von den Launen des Monsuns abhängig ist, dessen Ausbleiben bewirken kann, daß Rückschläge in der Nahrungsmittelproduktion niemals vollkommen ausgeschlossen werden können.

Nichts Außergewöhnliches also? Vielleicht doch. Denn analysiert man das Problem der Unter- bzw. Fehlernährung in Indien, tauchen alsbald Widersprüche auf, die in das altbekannte Schema von Hunger als Ausdruck einer Produktionskrise nicht so recht passen wollen.

Zeitgleich mit den Meldungen über die Hungertoten in Andhra Pradesh berichtete die indische Presse von der dritten Rekordernte hintereinander; trotzdem stiegen gerade in diesem Jahr die Preise für Nahrungsmittel stärker an als für andere Produkte. Bemerkenswert ist auch, daß bei keinem Produkt größere Exportsteigerungen zu verzeichnen waren als bei Reis. Es mag auch verwundern, daß die Opfer nicht in den trockenen und (agrar)wirtschaftlich wenig entwickelten Gebieten Andhra Pradeshs zu beklagen waren, sondern in den fruchtbaren und landwirtschaftlich hochentwickelten Delten des Godavari- und Krishna-Flusses. Und es fällt weiter auf, daß die Opfer ausschließlich einer einzigen Berufsgruppe angehörten, nämlich der der Handweber.

Die Ursachen für diese Tragödie sind schnell aufgezählt. Baumwollgarn, der Rohstoff für die We­ber, wurde von den Herstellern häufiger ins Ausland exportiert, anstatt die heimische Nachfrage zu befriedigen. Die mächtige Spinnerei-Lobby hatte bei der indischen Regierung die Lockerung der Exportbeschränkungen für Baumwollgarne durchsetzen können. Als Folge davon hat sich das Exportvolumen für diese Produkte zwischen 1987 und 1990 fast verdreifacht. Schon Ende der 80er Jahre hatten sich die Rohstoffpreise für die Weber dadurch drastisch verteuert. Für einfaches Baumwollgarn stieg der Preis zwischen 1985 und dem Sommer 1991 um mehr als 260 Prozent. Bei solchen Preisen konnten die Weber nicht mehr rentabel wirtschaften, zumal der Markt mit billigeren Produkten aus der industriellen Fertigung überschwemmt wurde (Nagaraj et al. 1991c: 56). Parallel dazu stiegen die Lebenshaltungskosten in Indien sehr stark an, vor allem im Bereich der GrundNahrungsmittel.

Zur Hungerkatastrophe entwickelte sich die Situation der Weber, als Anfang Juli 1991 die indi­sche Regierung - als erste Maßnahme ihrer vom Internationalen Währungsfond und der Weltbank „empfohlenen“ neuen Wirtschaftspolitik - die Abwertung der indischen Rupie um knapp 20 Prozent beschloß und gleichzeitig Exportbeschränkungen für Baumwollgarne vollständig abschaffte. In kurzer Zeit verlagerten sich die Warenströme für diese Produkte weiter auf den Exportmarkt, das Binnenangebot wurde weiter reduziert, und die Produktionskosten für die Weber schnellten abermals in die Höhe. Zuvor hatten die Weber sich und ihre Familien mit einem kärglichen Monatseinkommen von etwa 600 Rupien mehr schlecht als recht ernähren können, doch die verbleibenden 300 Rupien, die nun im Laufe eines Monats in die Haushalts­kassen flossen, reichten bei weitem nicht mehr aus, um auch nur die wichtigsten Dinge des (Über)Lebens zu kaufen (Venkateswara Rao 1992: 82).

Daß sich die Maßnahmen zur Exportförderung verhängnisvoll für die Handweber auswirken konnten, hatte aber tieferliegende Ursachen. In ihnen kommt die gesellschaftliche Stellung der Weber zum Ausdruck, die bereits zuvor durch ihre Arbeit kaum genug verdienen konnten als sie zum Leben brauchten. Die Zuspitzung der Ereignisse im Sommer 1991 muß deshalb als vorläufiger „Höhepunkt“ einer Entwicklung angesehen werden. Die Konkurrenz durch die in­dustrielle Massenfertigung von Textilien, veränderte Nachfragegewohnheiten der Verbraucher, aber auch die Stellung der Handweber im Kastensystem sind wichtige solcher tieferliegende Ursachen. Hinzu kommt aber auch, daß - nach Durchsicht der verschiedenen Berichte zu diesen Ereignissen1 - nicht alle Handweber aus der Region gleichermaßen betroffen waren.2

Hunger entpuppt sich aus dieser Perspektive nicht als ein Versagen des Produktionssystems im Nahrungsbereich, sondern als ein weitaus komplexeres, gesellschaftliches Phänomen.

„First of all, a crisis of this nature clearly has a long-term basis, closely related to the socio-economic relations which characterise the weaving community and also to long-term developmental policies pursued by the Government. These policies, shorn of official socialist rhetoric, essentially rely on a strategy of taxing the poor and pampering the rich. Secondly, such a crisis can be triggered by certain immediate developments which push a vulnerable community below the threshold of survival“ (Frontline, 6.12.1991: 52f.).

Hunger ist demnach nicht aus einer Rückständigkeit des landwirtschaftlichen Sektors zu erklä­ren, sondern aus dem Zusammenwirken zwischen Produktion, Verteilung und Konsum von Nahrungsmitteln sowie den Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Bereiche verändern. Diese Rahmenbedingungen werden in immer stärkerem Maße außerhalb der lokalen Ebene ge­setzt; sie reichen hin bis in die Entscheidungsgremien multinationaler Institutionen.

Diese Rahmenbedingungen werden auf unterschiedlichen gesellschaftlichen und quasiräum­lichen Ebenen wirksam. Angefangen bei der globalen Systemebene, über die nationale, reichen sie bis auf die lokale Ebene und wirken sich dort als strukturelle Verteilungskrise aus. Auch wenn sich akute Hungerkrisen im Indien der Gegenwart sowohl zeitlich als auch räumlich ein­grenzen lassen, ist Unter- und Mangelernährung keineswegs ein konjunkturelles Problem, das dadurch gelöst werden kann, indem staatliche Intervention den Nahrungsengpass zu überbrüc­ken hilft. Einer solchen Sichtweise steht die Erfahrung entgegen, daß von Verteilungskrisen i.d.R. ganz bestimmte gesellschaftliche Gruppen betroffen sind, die auch dann noch ständig unter Hunger und Fehlernährung zu leiden haben, wenn die eigentliche Verteilungskrise - sei es durch staatliche Intervention oder Marktkräfte - behoben zu sein scheint.3 Konjunkturelle Fak­toren verschärfen allerdings bestehende gesellschaftliche Ungleichgewichte erheblich.

Fehlentwicklung (in ihrer offensichtlichsten Form als Hunger) in Indien wird deshalb vom Autor als das Resultat des Zusammenwirkens zwischen Markt, Politik (Staat) und ziviler Gesellschaft verstanden, bei dem dem Begriff der „Macht“1 eine entscheidende Erklärungsfunktion zufällt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nicht mit einer konkreten Hungersituation, sondern viel-mehr mit den Rahmenbedingungen, die zu einer latenten Krisenanfälligkeit führen. Die Annahmen, die dabei zugrunde gelegt werden, sind, daß Veränderungen im globalen Wirt­schaftssystem auf verschiedene Ebenen eines Nationalstaates einwirken, dort auf endogene Strukturen treffen und mit diesen in Wechselwirkung treten. Dadurch entsteht ein vollkommen neuer Zustand, der nur durch die Vermischung exogener und endogener Faktoren erklärt werden kann.

Diese Veränderungen auf allen Ebenen sind nicht zufällig, sondern unterliegen bestimmten In­teressen, die im Laufe dieser Arbeit aufgedeckt werden sollen. Unter dieser Prämisse kann deshalb auch „Markt“ nicht als unpolitische Kategorie verstanden werden, die nach eigenen Ge­setzmäßigkeiten (Invisible Hand) funktioniert, sondern als Prinzip, in dem gesellschaftliche Machtstrukturen zum Ausdruck kommen und gefestigt bzw. verändert werden (Kurien 1992: 246; vgl. auch Griffin 1987).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich demnach mit Strukturen und Wechselwirkungen unter­schiedlichster Art: zum einem mit einem vertikalen Beziehungsgeflecht (global <==> national <==> bundesstaatlich <==> lokal), zum anderen aber auch mit einem horizontalen (Markt <==> Staat <==> konkurrierende Gruppen der Zivilen Gesellschaft).

Dabei können bei weitem nicht alle relevanten Wechselwirkungen aufgezeigt und analysiert werden. Es sollen vielmehr bestimmte, als besonders relevant erscheinende Bereiche in den Mit­telpunkt gestellt werden.

Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich aus sehr unterschiedlichen Motivationen. Eine zwischen Mai 1991 und Mai 1992 im Rahmen der Feldforschung zu der vorliegenden Arbeit durchgeführte Befragung in einer Fischersiedlung der südindischen Metropole Madras hatte ergeben, daß stei­gende Preise, niedrige Einkommen, dorfinterne Konflikte sowie fehlende Arbeitsalterna­tiven von den befragten Menschen als vordringlichste Probleme empfunden wurden. Ausgehend von diesen Problembeschreibungen soll deshalb den Ursachen dieser Defizite auf den Grund gegangen werden.

Gleichzeitig nimmt diese Arbeit aber auch Bezug auf die Diskussion um entwicklungs- und wirtschaftspolitische Strategien. Seit zu Beginn der 80er Jahre immer mehr Nationen des Südens in eine „Verschuldungsfalle“ gerieten und in Folge davon ihre oftmals binnenorientierten Volkswirtschaften immer mehr dem Weltmarkt öffnen mußten, bestimmen Schlagworte wie „ Globalisierung “, „ Liberalisierung “, „ nachholende Industrialisierung “ und nicht zuletzt „ Entstaatlichung der wirtschaftlichen Sphären “ immer mehr diese Diskussion. Aus diesem Grunde ist es naheliegend, die Konsequenzen solcher Maßnahmen näher zu beleuchten und zwar sowohl in ihren konkreten Auswirkungen auf das Leben der Menschen im untersuchten Fischerdorf wie auch auf die indische Gesellschaft als Ganzes.

Folgende Aspekte werden deshalb die Schwerpunkte dieser Arbeit bilden:

a. die Entwicklung der Fischereiwirtschaft Indiens und ihre Auswirkungen auf die Entwick­lungsdynamik in der Kleinfischerei des Landes. Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich nicht zuletzt aus der Wahl der Untersuchungsgemeinde in Madras. Es wurde deshalb versucht, die Produktionsbedingungen in der Kleinfischerei und ihre Veränderungen exemplarisch an Hand dieser Fischersiedlung nachzuzeichnen und in Verbindung zu setzen zu der sozio-ökono­mischen und politischen Dynamik dieser urbanen Siedlung. Aus der Synthese unterschiedli­cher Betrachtungsweisen der dörflichen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wird der Hand­lungsspielraum von verschiedenen Gruppen im Produktionsprozeß herausgearbeitet. Von entwicklungspolitischem Interesse ist darüber hinaus, wie sich die Lebensbedingungen in einem wirtschaftlichen Sektor verändert haben, der schon sehr lange und sehr intensiv an den Weltmarkt angebunden ist. Bestimmte Produkte aus der Fischerei unterliegen keinerlei men­genmäßigen und kaum tarifären Zugangsbeschränkungen zu den Märkten der Industrienationen, und sie erzielen dort sehr hohe Preise. Beides hat dazu beigetragen, daß der Fischerei­sektor Indiens als wichtige „Devisenquelle“ des Landes angesehen wird. Es wird deshalb zu fragen sein, ob sich an Hand der Entwicklungen im Fischereibereich Rückschlüsse auf andere Sektoren der Wirtschaft ziehen lassen, in denen gegenwärtig der Trend zu einer intensiveren Ankopplung an den Weltmarkt unübersehbar ist. Dies trifft insbesondere auf den landwirtschaftlichen Sektor zu, dem - nicht zuletzt aufgrund der schwierigen Devisensituation Indiens- eine immer größere Bedeutung im indischen Außenhandel zugemessen wird.1 Auch diesbe­zügliche Veränderungen in außerlandwirtschaftlichen Sektoren dürfen dabei nicht außer Acht gelassen werden, wie dies das eingangs angeführte Beispiel der Weber in Andhra Pradesh ver­deutlicht.
b. das Nahrungsverteilungssystem Indiens als solches, d.h. die Wechselwirkungen von staatlicher Verteilungspolitik und „freiem“ Markt im Nahrungsbereich und ihre Auswirkungen auf die Versorgung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Die Auswirkungen selbst werden dabei an Hand der empirischen Daten problematisiert, die relevanten Dynamiken können jedoch nur aus den Wechselwirkungen weiterer gesellschaftlicher Gruppen und Sub-Gruppen ver­standen werden. Dazu gehören die verschiedenen Gruppen der landwirtschaftlichen Produk­tion (Landarbeiter, subsistenz- und marktorientierte Landwirte), den unterschiedlichen Kon­sumentengruppen (ländliche/städtische Armutsgruppen, Mittelschichten und Eliten), sowie jenen Gruppen, die für die Verteilung von Nahrungsmitteln und anderen Produkten des Grundbedarfs zuständig sind.
c. die Prozesse und Strukturen des indischen Arbeitsmarktes als wichtigem Bereich gesellschaftlicher Entwicklung. Hier wird nach den Bedingungen zu fragen sein, unter denen Menschen aus­serhalb des Fischereibereiches eine Beschäftigung finden können, um den bestehenden Ressour­cendruck zu vermindern und den verbleibenden Fischern eine gesicherte Existenz zu er­möglichen.
d. die Motivation, Maßnahmen und Auswirkungen staatlicher Intervention im Bereich der so­zialen und wirtschaftlichen Absicherung gesellschaftlich verwundbarer Gruppen.

Die Betrachtungsweise selbst ist die der Politischen Ökonomie, d.h. es wird versucht werden, bestimmte Machtkonstellationen in ihren Auswirkungen auf die oben umrissenen Problem­felder herauszuarbeiten. Dabei wird es unumgänglich sein, in Bereiche vorzustoßen, die auf den ersten Blick mit den konkreten Fragestellungen wenig zu tun haben. Sie erweisen sich schließlich aber als unverzichtbar, wenn es darum geht, die Dynamiken und Strukturen zu verstehen, die zur Perpetuierung von Armut und der Entstehung gesellschaftlicher Verwund­barkeit beitragen.

2 Entwicklungstheoretische Einbettung und Aufbau der Arbeit

2.1 Entwicklungs- und fachtheoretische Einbettung

Geographische Beschäftigung mit sogenannten Entwicklungsländern hat in den vergangenen 25 Jahren eine starke Akzentverschiebung erfahren. Dieser Richtungswechsel hat nicht zuletzt seine Ursache in der Diskussion über Entwicklungstheorien, die zunächst außerhalb der Geo­graphie geführt wurde (Leng 1979: 21). Ohne diese Diskussion im Einzelnen nachvollziehen zu wollen (vgl. u.v. Bohnet (Hrsg.) 1971; Menzel 1993, Hurtienne 1984, Nohlen/Nuscheler (Hrsg.) 1974, 1982, 1992) bleibt festzustellen, daß sie seit Anfang/Mitte der 70er Jahre auch sehr stark in die Geographie hineinwirkte und dort zu einem Paradigmenwechsel geführt hat: das Selbstverständnis, die Forschungsschwerpunkte und -methoden haben sich dadurch grundlegend geändert.

Vor allem in der Sozialgeographie hatte diese Umorientierung tiefgreifende Konsequenzen. Verstand sich die Geographische Entwicklungsländerforschung, die vor 1970 betrieben wurde, noch explizit als Raumwissenschaft, so fand nun eine Hinwendung zu den Gesellschaftswissenschaften statt (Blenck 1979).

Die Vertreter der Geographischen Entwicklungsländerforschung gingen in ihren Arbeiten vielfach nach dem Länderkundlichen Schema vor (Stewig (Hrsg.) 1979; Wardenga 1987; Wirth 1978). Die Bemühungen des Wissenschaftlers bestanden darin, ein bestimmtes Land in seiner Individualität (naturräumliche Ausstattung, kulturelle, wirtschaftliche, soziale Rahmen­bedingungen) darzustellen und gegebenenfalls noch zu analysieren. Sofern Aspekte der „Unterentwicklung“ überhaupt problematisiert wurden, geschah dies zumeist in der Tradition der Modernisierungstheorien, die die Gründe von „Unterentwicklung“ als intern verursacht betrachteten, d.h. durch die naturräumliche Ausstattung und den kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und naturräumlichen Rahmenbedingungen eines bestimmten Landes (Blenck 1979).

Dahingehend hatte es sich die Geographische Entwicklungsforschung zur Aufgabe gemacht, nicht vordergründig den Raum (sprich das individuelle „Entwicklungsland“ oder Teilgebiete davon) in das Zentrum der Betrachtung zu stellen, sondern nun wurden verstärkt Prozesse und Strukturen untersucht, die das Phänomen der Entwicklung aus den mannigfaltigen Verflechtungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu erklären versuchten. Bei dieser Betrachtungsweise kam auch die Analyse der historischen Genese des kapitalistischen Weltsystems hinzu und ihre Auswirkung auf die Kolonien bzw. die inzwischen unabhängig gewordenen Nationen (Leng/Taubmann (Hrsg.) 1988).

„Da der Prozess der Entwicklung als unteilbar betrachtet wird, ist die Geographische Entwicklungsforschung gleichermaßen an Entwicklungsprozessen in Entwicklungsländern wie in Industrieländern, besonders aber auch an deren Interdependenzen interessiert. Sie steht damit der Dependenztheorie, der Theorie des peripheren Kapitalismus näher als modernisierungstheoretischen Vorstellungen“ (Blenck et al.. 1985: 69; vgl. Blenck 1979: 15).

Seit Beginn der 80er Jahre sind jedoch die Dependenztheorien ihrerseits heftiger Kritik ausge­setzt. Ihre einseitige Konzentration auf externe Erklärungsfaktoren für die Entstehung von „Unterentwicklung“ hatte dazu geführt, daß interne Faktoren fast vollkommen außer Acht ge­lassen wurden. So wurden die nationalen Eliten der sog. Entwicklungsländer vielfach zu bloßen „Marionetten“ der Industrienationen degradiert, denen eigenständige Interessen und eigenstän­diges Handeln und damit auch Eigenverantwortung abgesprochen wurden (vgl. kritisch dazu: Schmidt-Wulffen 1987: 131; Menzel 1991: 22). Es wurde auch zu wenig bedacht, daß die von Entwicklungsland zu Entwicklungsland variierenden Realitäten (sowohl was historische, sozio-ökonomische, kulturelle als auch naturräumliche Rahmenbedingungen betrifft) viel zu mannigfaltig sind, als daß es möglich sei, eine allgemeingültige „Theorie der Unterentwicklung“ zu entwerfen.

So ist es kein Zufall, daß das „ Ende der Entwicklungstheorien “ in etwa zeitgleich mit dem „ Ende der Dritten Welt “ festgestellt wird (Menzel 1983, 1991). In den neueren entwicklungstheore­tischen Veröffentlichungen kommt dieser Sachverhalt unverblümt zum Ausdruck (Altvater 1989; Hirschmann 1989; Marmora/Messner 1989; Wallerstein 1988; Boeckh 1985, 1992); die allgemeine Wahrnehmung dabei ist, daß die Entwicklungstheorien keineswegs sich in einer Krise befänden, sondern sie werden schlicht und unwiederbelebbar für tot erklärt.

Offensichtlich wurde das Scheitern der Globaltheorien aus zwei Hauptgründen: den Abhängig­keitstheorien hat der Erfolg der jungen ostasiatischen Schwellenländer, die heute das Paradebei­spiel für die Befürworter „nachholender Industrialisierung“ sind, das Genick gebrochen, weil er mit einer Wirtschaftspolitik erzielt wurde, die nach den Annahmen der Dependencia geradewegs in die Entwicklungskatastrophe hätte führen müssen. Für das Scheitern der Modernisie­rungstheorien bieten sich nach wie vor die lateinamerikanischen Staaten an, deren wirtschaftlicher Niedergang ja schon zum Entstehen der Abhängigkeitstheorien geführt hatte. Seit spätestens Mitte der achtziger Jahre sind es aber auch die Vereinigten Staaten selbst, die zeigen, daß das Konzept der Modernisierung nicht unwiderruflich den Wohlstand für alle hervorgebracht hat, der vor wenigen Jahrzehnten noch als „Ziel und Endpunkt“ von Entwicklung betrachtet wurde (Boeckh 1992: 115).

Die geographische Entwicklungsforschung ist von diesem „Scheitern der großen Theorien“ (Menzel 1992) nicht verschont geblieben, hatte sie sich doch an der Theorieentwicklung ori­entiert, die außerhalb ihres Faches vorangetrieben wurde. Auch in den geographischen Disziplinen gibt es gegenwärtig keine Theorien, die in einem umfassenderen Sinne als „Theorien der Unterentwicklung“ angesehen werden können.

Was es gibt sind bestimmte Ansätze, die Teilbereiche des Phänomens der „Unterentwicklung“ zum Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung nehmen, wie etwa der Verflechtungsan­satz, der seine Wurzeln in der Produktionsweisendiskussion1 hat, die Konzepte der Nachhalti­gen Entwicklung2 (sustainable development) und zum Ressourcen-Mangament sowie die An­sätze einer erweiterten Agrargeographie,3 die sich u.a. stark mit Nahrungssystemen be­schäftigen und dabei die Erklärung von Nahrungskrisen4 ins Zentrum der Untersuchung rüc­ken.

Wenn wir also heute feststellen müssen, daß es keine gültige (Gesamt-)Theorie zur Erklärung von Unterentwicklung gibt, so muß dies aber nicht automatisch bedeuten, daß in den bisherigen Theorien und Ansätzen nicht auch „Wahrheitsfunken“ enthalten waren. Eine „neue“ Theorie kann es nicht mehr geben, sondern höchstens eine Vielzahl von Theorien, die für sich weder Globalität beanspruchen können noch sich einseitig auf interne oder externe Erklärungsfaktoren von Unterentwicklung beschränken, und die Entwicklung erheblich weiter als ökonomisches Wachstum fassen. Die Anforderung, die einer umfassenden Betrachtung von Entwicklungspro­zessen gerecht wird,

„liegt in der Kombination von hausgemachten und von "exogenen" [...] Faktoren, die für jeden Einzelfall anders gemischt werden müssen.[...] Unterentwicklung ist ein komplexer Zustand und Prozeß, der nicht mit griffigen Formeln erfaßt werden kann. Monokausale Erklärungen, die den Krankheitszustand der Un­terentwicklung auf einzelne Ursachen - sei es auf den Kolonialismus, den Weltmarkt oder Einstellungen und Verhaltensweisen der "Unterentwickelten" - zurückführen, bringen allenfalls vereinfachende Halbwahrheiten hervor. Solche Halbwahrheiten sind verführerisch, weil sie leichter zu handhaben sind als umständliche Bemühungen, das ganze Problem der Unterentwicklung in den Griff zu bekommen.“ (Nuscheler 1991: 92ff)

2.1.1 Zur Ideologie von Entwicklung und Unterentwicklung

Viele der Ansätze und Theorien, die bislang versucht haben, die Entstehung von Entwicklung bzw. Unterentwicklung zu erklären, lassen sich nur schwer miteinander verbinden. Nicht, weil eine Integration nicht wünschenswert oder nicht möglich wäre, sondern weil es ideologische Sichtweisen immer wieder vortrefflich verstanden haben, diese unterschied­lichen Ansätze gegeneinander zu stellen (vgl. Kostner 1993: 348).

Es kann nicht geleugnet werden, daß die Formulierung von Entwicklungstheorien nie in einem ideologisch freien Raum stattgefunden hat, sondern bei Entwicklungstheorien handelte es sich auch immer um „gesellschaftspolitische Entwürfe“ (Boeckh 1992: 115), die immer eindeutig vom Ost-West-Konflikt, d.h. vom ideologischen Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus geprägt waren. Durch das Ende des Ost-West-Konfliktes endete auch dieser ideologische Kampf um den Entwicklungsbegriff und -weg, nicht jedoch die ideologische Betrachtung von Entwicklung und Unterentwicklung selbst. So muß die Frage gestellt werden, ob es in der gegenwärtigen Situation tatsächlich möglich geworden ist, sich nun ideo­logiefrei mit den Problemen von Entwicklung und Unterentwicklung auseinanderzusetzen, oder ob nicht vielmehr das Verschwinden dieser Bipolarität dazu geführt hat, daß der „Sieger“ im ideologischen Kampf gleichzeitig auch für sich beansprucht, die Normen dafür zu setzen, was Entwicklung ist und wie sie erreicht werden kann (vgl. Klingebiel 1993: 437f; Kostner 1993: 352f).

Die Hochkonjunktur monetaristischer Wirtschaftskonzepte, wie sie in den Strukturanpassungspro­grammen von Internationalem Währungsfond und der Weltbank zum Ausdruck kommen, ist ein deutlicher Beleg dafür, daß wieder in althergebrachter Tradition versucht wird, Modernisierung voranzutreiben, und man gleichzeitig hofft, daß zumindest langfristig dies auch zu den einkommensschwachen Gruppen durchsickern wird. Das Grundverständnis von Entwick­lung/Unterentwicklung vollzieht sich dabei wieder in dualistischen Sichtweisen, d.h. wieder wird verkannt, daß Entwicklung gleichzeitig Unterentwicklung hervorbringen kann und wird. Im Gegensatz zu den Modernisierungstheorien „alter“ Prägung hat sich jedoch die Rolle, die dem Staat im Entwicklungsprozeß zugeschrieben wird, vollständig gewandelt. Wurde er unter den „alten“ Modernisierungstheorien noch als Initiator von Modernisierung betrachtet, so gilt er heute vielfach als wesentliche Ursache für die Entstehung von Unterentwicklung und deshalb eher als „Bremse“ denn als „Motor“ der Modernisierung.

2.1.2 Die Perspektive von Entwicklung in der vorliegenden Arbeit

Aus der Konzeption der vorliegenden Arbeit ergibt sich, daß eine ausschließlich „nationale“ Betrachtungsweise von Entwicklungsprozessen nicht sinnvoll ist, sondern daß Veränderungen auf vielerlei Ebenen betrachtet werden müssen. Die Perspektive dabei ist aber eindeutig. Untersucht wird, wie sich Strukturen und Prozesse, die auf unterschiedlichen Ebenen wirksam werden, auf das Leben von Menschen auswirken. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, daß Wirtschaft und Gesellschaft keinen Zweck in sich darstellen, sondern in Bezug zu Menschen und ihren Schicksalen gestellt werden müssen.

Die eigentliche Perspektive der Untersuchung ist deshalb eine lokale, d.h. die Menschen im untersuchten Fischerdorf stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, auch wenn dabei Vorgänge angesprochen werden müssen, die weit von ihnen entfernt stattfinden.

Diese Feststellung ist zentral für das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit. Es kann nicht darum gehen, „Entwicklung“ von Volkswirtschaften oder Regionen zu untersuchen, sondern im Zen­trum der Untersuchung muß der Mensch stehen. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, daß positive Beziehungen zwischen der Verbesserung von Indikatoren auf der Makroebene und den Verhältnissen auf der Mikroebene bestehen, doch als zwangsläufig wird eine solche gleichgerichtete Veränderung nicht angese­hen. Auch wenn eine „gesunde“ Volkswirtschaft eine notwendige Grundlage für „Entwicklung“ darstellt, reicht die Verbesserung von makroökonomischen Indikatoren nicht aus, um „Entwicklung“ zu diagnostizieren.

„We must realize that food stocks with the Government is not something which the people eat, the savings rate is not something which you wear and one cannot sleep under the roof of foreign exchange. These are just the instruments, which have to be translated to basic needs. That did not happen in India. This is a puzzle not only about the Indian performance but in what it says about economic theory and development economics“ (Basu 1990: 108).

Ob „Entwicklung“1 auch tatsächlich stattfinden kann, hängt nicht zuletzt von der Macht­verteilung auf verschiedenen Ebenen des System ab: der Machtverteilung zwischen unter­schiedlichen Interessensgruppen in den Industrienationen, zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern und der Machtverteilung in den Entwicklungsländern selbst und zwar sowohl auf der nationalen wie auch auf untergeordneten Ebenen.

Mit der skizzierten, sehr breit angelegten Auswahl des Untersuchungsrahmens wurde der For­derung Rechnung getragen, sowohl mögliche interne als auch externe Ursachen von Unterent­wicklung bei der Untersuchung zu berücksichtigen. Aus mehreren Gründen ist es jedoch in der vorliegenden Arbeit nicht möglich, alle Analyseebenen gleichgewichtig zu behandeln. Wenn Strukturen angefangen vom Internationalen Währungsfond bis hin zu der Machtverteilung in einem Fischerdorf -untersucht werden, dann kann es nicht ausbleiben, daß die Analyse der einzelnen Komponenten zwangsläufig in den Hintergrund treten muß zugunsten der Analyse der Wechselwirkungen zwischen diesen Einzelkomponenten.

Ebenso vermissen wird man die historische Tiefendimension, die viele dependenztheoretische Arbeiten noch aufwiesen. Der analytische Zeitrahmen der Arbeit reicht selten in die koloniale Zeit Indiens zurück, der Schwerpunkt der Untersuchung noch nicht einmal bis in die Jahre vor 1980.

Viele Leser mögen jetzt, und zwar zu Recht, einwenden, daß Unterentwicklung in Indien nicht erst ein Problem des vergangenen Jahrzehnts ist, und daß eine Arbeit, die einen Beitrag zum besseren Verständnis zur Genese von Unterentwicklung erbringen will, diese historische Dimen­sion nicht außer Acht lassen dürfe. Auch wenn bereits angemerkt wurde, daß sich die De­pendenztheorien in einer Krise befinden, ist es sicherlich legitim, sich nach wie vor auf Ergeb­nisse dieser Disziplin zu berufen, die zwar nicht unwidersprochen sind, denen sich der Autor aber verbunden fühlt, und die die Ursachen der Unterentwicklung in Indien in ihrer historischen Dimension hinreichend analysiert haben (vgl. u.v. Dutt 1960; Naoroji 1901; Ranade 1983; Keller 1977). Das Dilemma der Dependenztheorien besteht ja nicht vordergründig darin, daß sie uns nicht brillante Analysen zur Entstehung von Unterentwicklung durch die koloniale Deformierung von Gesellschaften geliefert hätten, sondern daß sie sich als nicht fähig gezeigt haben, die wirtschaftliche und politische Differenzierung der Länder der Dritten Welt in der jüngeren Vergangenheit hinreichend zu erklären (vgl. Menzel 1983; 1991). Hier eine weitere Analyse der historischen Genese von Unterentwicklung hinzuzufügen, würde sicherlich keine weiteren Erkenntnisse hervorbringen, sondern lediglich die kontroverse Diskussion nachzeichnen können.

Ebenso wird sich das Analyseraster von der globalen zur lokalen Ebene hin erheblich ver­feinern müssen. Damit soll keineswegs die besondere Bedeutung der lokalen Ebene vor­weggenommen werden, sondern es soll darin dem Umstand Rechnung getragen werden, daß das Wissen über globale und nationale Strukturen in der Regel viel fundierter vorhanden ist als das Wissen über lokale/regionale Strukturen und Interdependenzen.

2.2 Der Aufbau der Arbeit

Nicht nur in Ländern der Dritten und Vierten Welt kann festgestellt werden, wie unterschiedliche Ebenen eines staatlichen Gebildes sich wechselseitig beeinflussen und von internationalen Entwicklungen beeinträchtigt werden. Auch in den Industrienationen sind ständig solche Strukturen und Prozesse zu beobachten. In den Zeitungen lesen wir von Haushaltsdefiziten, von Sparplänen der Bundesregierung, Rationalisierung, von Stellenabbau und Arbeitslosigkeit; wir bemerken, daß Gesundheits- und Pflegedienste immer teurer werden, und daß die Krankenkassen einen immer größeren Anteil der Kosten auf die Versicherten abwälzen. Viel ist auch die Rede von der internationalen Konkurrenzfähigkeit der einheimischen Wirtschaft, die es zu wahren gilt. Wir nehmen wahr, daß französische Bauern importierte Nahrungsmittel vernichten, daß Interes­sensvertetungen mit zähem Atem um jedes Komma z.B. bei TarifVerhandlungen ringen; wir registrieren, wie Bundesregierung, Landesregierungen und Kommunen sich um die Finanzierung bestimmter Aufgaben streiten.

Vieles davon wird uns auch bei der Lektüre dieser Arbeit immer wieder begegnen, doch auch wenn manche Strukturen und Prozesse ähnlich erscheinen mögen, sollten wir doch nicht ver­gessen, daß die Konsequenzen dieser Prozesse in den Industrienationen (noch ?) nicht mit jenen in Indien und anderen Entwicklungsländern gleichgesetzt werden dürfen.

Einschnitte ins soziale Netz z.B. sind nur dort möglich, wo ein solches zuvor in einem nennenswerten Umfang aufgebaut worden war. Es sollte allerdings nachdenklich stimmen, wenn im Zusammenhang mit dieser Entwicklung in den Industrienationen immer häufiger das Schlagwort einer „Dualisierung der Gesellschaft“ fällt. Gemeint ist damit, daß Arbeitslosig­keit und Sozialabbau inzwischen solche Dimensionen angenommen haben, daß von einer „Neuen Armut“ gesprochen werden muß, die in manchen Fällen nicht nur die soziale Existenz von Mitgliedern der Gesellschaft, sondern auch ihre physische bedroht. Mit der Überschrift „Immer mehr Deutsche müssen in Armut leben“ berichtet die Badische Zeitung am 15. Juli 1994 auf ihrer Titelseite davon, daß 1992 7,5 Prozent der westdeutschen und 14,8 Prozent der ostdeutschen Haushalte mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen mußten und kommentiert:

„Fast lautlos öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. [...] Noch wird nichts Einschnei­dendes unternommen gegen immer mehr Armut und Obdachlosigkeit. [...] Keine der politischen Parteien ist bereit, sich für die Armen einzusetzen. Denn in der Zweidrittelgesellschaft ist das untere Drittel nicht nur materiell benachteiligt. Es hat auch keine politische Stimme, keine Chance, Interessen zu artikulieren, ge­schweige denn durchzusetzen. Wer Arbeit und Wohnung verliert, verliert auch politisches Gewicht. Wen störte es schon, wenn Sozialhilfeempfänger streikten ?“ (Badische Zeitung, 15.07.1994).

2.2.1 Die globale Systemebene

Ohne Zweifel sind heute alle Nationen der Erde integraler Teil eines kapitalistischen Weltssy­stems, in dem die einzelnen Nationen der systemimmanenten Logik der Kapitalakkumulation unterworfen sind (Frank/Frank 1990: 7). Die Existenz eines solchen Systems ist nicht zu leugnen, kontrovers diskutiert wurde und wird allerdings die Bedeutung dieses Systems für seine Subsysteme.

Autoren wie Wallerstein und Frank interpretieren den Kapitalismus als ein „Weltsystem“ von monopolistisch geprägten, asymmetrisch strukturierten Austauschbeziehungen, die bewirken, das in den Peripherieländern erzielte Mehrprodukt abzuschöpfen und in die imperialistischen Zentren zu transferieren (Matis/Stiefel 1991: 228). Einer derartigen Sichtweise jedoch haften genau jene Schwachstellen an, die bei der Kritik der Dependenztheorien angeführt wurden, denn letztlich erweist sich ein solches Verständnis von einem kapitalistischen „Weltsystem“ auch nicht in der Lage, die Dynamik dieses Systems hinreichend zu erklären. Gleichzeitig muß festgestellt werden, daß in den Subsystemen des „Weltsystems“ selbst polarisierende Tendenzen zum Tragen kommen.

Zwei Meldungen, die am 25.01.1994 in verschiedenen deutschen Tageszeitungen erschienen, verdeutlichen diesen Trend. In der ersten erfährt der Leser aus einem Beitrag mit der Überschrift „Die Armut in Deutschland wächst - und die Politik schaut zu“, daß es nach Angaben des Deut­schen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes mehrere Millionen Arme in Deutschland gäbe, deren Anzahl beständig zunehme (Badische Zeitung 25.01.1994). In der zweiten, diesmal mit der Überschrift „Deutschlands Reiche werden immer reicher: Zahl der Millionäre steigt“, informiert das Statistische Bundesamt, daß sich die Gruppe der Personen mit einem Jahreseinkommen von über 10 Millionen DM innerhalb von drei Jahren fast verdoppelt und die Gruppe jener, die jähr­lich mindestens 1 Millionen DM verdienen, ebenfalls stark vergrößert habe (Badische Zeitung 25.01.1994).1

Solange man also eine Analyse des kapitalistischen „Weltsystems“ vornimmt, und dabei Nationalstaaten als analytische Einheit herangezogen werden, verschwinden diese polari­sierenden Tendenzen in der hohen Aggregatsdichte des Analysematerials. Eine Analyse des globalen Wirtschaftssystems kann deshalb bei der Interpretation der Struktur nicht stehen bleiben, sondern muß berücksichtigen, daß sich ständig Veränderungen in seinen Subsystemen vollziehen.

In einem ersten Abschnitt der vorliegenden Arbeit sollen deshalb wesentliche Veränderungen in den Industrienationen zur Sprache kommen. Es wird zu zeigen sein, wie sich aus den „Wirtschaftswundergesellschaften“ der Nachkriegszeit krisengeschüttelte Wohlstandsnationen entwickelt haben, deren Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur sich sehr stark verändert haben. Diese Veränderungen haben erhebliche Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Problemen in den sog. Entwicklungsländern zur Folge und führen zu einer ganzen Reihe von Abwehrmecha­nismen, angefangen von verschärften Einwanderungs- bzw. Asylgesetzen, Reglementierungen bei der Wareneinfuhr (Protektionismus) und von den Industrienationen dominierten Initiativen der internationalen Gemeinschaft zu globalen Umweltproblemen bis hin zu den Versuchen, auf die Wirtschaftspolitiken der sog. Entwicklungsländer direkt Einfluß nehmen zu können. Struk­turanpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds sowie die Neuordnung des Welthandelssystems durch die Uruguay-Runde des GATT versuchen, sich einer veränderten weltwirtschaftlichen Situation zu stellen. In den Vordergrund rücken dabei nicht selten die Interessen von multinationalen Konzernen aus den Industrienationen. Anders als vor Beginn der 80er Jahre, als von diesen Direktinvestitionen in sog. Entwicklungsländer zur Senkung der Produktionskosten vorgenommen wurden, kommt nun der Aspekt der Erschließung neuer Massenmärkte hinzu. In der vorliegenden Arbeit soll und kann jedoch die Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems im 20. Jahrhundert weder ausführlich nachgezeichnet noch analysiert werden. Angesprochen werden sollen lediglich einige Aspekte dieser Entwicklung, die zum Verständnis sich wandelnder wirtschaftlicher Konzepte in Bezug auf die sog. Entwicklungs­länder unbedingt notwendig sind.

2.2.2 Die nationale Systemebene

Indien unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von anderen Staaten, die ebenfalls als Entwick­lungsländer bezeichnet werden. Es kann inzwischen auf eine fast 50-jährige demokratische Tradition zurückblicken, die sich trotz aller Krisen als lebensfähig erwiesen hat. Im Gegensatz zu vielen Entwicklungsdiktaturen ist Indien ein äußerst pluralistisches Land, in dem Meinungsfreiheit und andere unveräußerliche Rechte sehr viel gelten. Im wirtschaftlichen Bereich ist es dem Land gelungen, eine stark diversifizierte Industrie aufzubauen, was sich auch in der Diversifizierung des Außenhandels niederschlägt. Gleichzeitig muß auch hervorgehoben werden, daß das unabhängige Indien bislang von Hungersnöten mit afrikanischen Ausmaßen verschont blieb, was einerseits einem starken Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion, andererseits aber auch einer aktiven staatlichen Intervention in Krisenzeiten zuzuschreiben ist.

Gleichzeitig ist Indien die Nation, die die größte Anzahl an unter- bzw. vor allem mangel­ernährten Menschen beherbergt, eine Nation, die nach den USA und der ehemaligen So­wjetunion die meisten ausgebildeten Nuklearwissenschaftler vorweisen kann, obwohl die Alphabetisierungs­quote gerade einmal 36 Prozent beträgt (Sen 1990: 9).

(The Indian system) „permits endemic malnutrition and hunger that is not acute, so long as these happen quietly; it does not permit a famine both because it would be too acute and because it cannot happen quietly. It permits the injustice of keeping a large majority of the people illiterate while the elite enjoys the benefits of vast system of higher education [...] The elections, the newspapers, and the political liberties work powerfully against dramatic deprivations and new sufferings, but easily allow the quiet continuation of an astonishing set of persistent injustices“ (Sen 1990: 20f)

Unter- und Fehlernährung in Indien kann nicht aus einer Mangelsituation heraus verstanden werden, sondern als das Ergebnis einer ungenügenden und ungerechten Verteilung gesellschaftlichen Reichtums. Diese gesellschaftliche Ungleichheit vollzieht sich vor dem Hintergrund spezifischer wirtschaftlicher, politischer und kultureller Rahmenbedingungen, die im zweiten Abschnitt dieser Arbeit untersucht werden.

Bohle (1992) weist auf verschiedene Zusammenhänge zwischen Hunger und anderen gesellschaftlichen Problemfeldern hin. So etwa auf den Zusammenhang zwischen Hunger und Ar­mut, Waffen, (Bürger)-Kriege, Umweltzerstörung, gesellschaftliche Diskriminierung und Ent­wicklungspolitik (Bohle 1992: 79f.). Weiterhin besteht ein enger Zusammenhang zwischen monetaristischen Strukturanpassungspolitiken und Hunger, sowie zwischen Internationalen Handelspolitiken bzw. -praktiken und Hunger (Kent 1980, 1984).

Ausgehend von der Wirtschaftsentwicklung (sowohl der realen Wirtschaft als auch ihrer Ord­nungsprinzipien) soll dargestellt werden, welche Auswirkungen eine stärkere Integration Indiens in das Weltsystem hat.

Durch das Strukturanpassungsprogramm, das 1991 mit dem Internationalen Währungsfond aus­gehandelt wurde, ist eine solche verstärkte Integration in vielen Bereichen inzwischen (ordnungs­politisch) weit vorangeschritten und hat dazu geführt, daß sich die indische Wirtschaftspolitik - und dadurch ausstrahlend auf andere Politikbereiche (Sozialpolitik, Umweltpolitik, Außenpolitik) - in kurzer Zeit stark verändert hat. Neben dem Anpassungsdruck, der bei diesen Entscheidungen von außen auf die indischen Entscheidungsträger gewirkt hat, ist es notwendig, die Aufgabe grundsätzlicher wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Positionen auch aus einer innerindischen Dynamik heraus zu erklären.

In diesem Zusammenhang müssen zweierlei Aspekte berücksichtigt werden. Erstens der Klas­sencharakter der indischen Gesellschaft, d.h. die Konflikte, die aus Interessenskonflikten zwi­schen produktionsmittelbesitzenden und produktionsmittellosen Schichten herrühren. Zweitens aber auch die Konflikte um unterschiedliche Interessen innerhalb dieser gesellschaftlichen Gruppen. Aus diesem Grund ist es wenig zweckmäßig, von einer Dichotomie der tatsächlichen Interessenslagen im marxistischen Sinne auszugehen. Die unterschiedlichen Sozialgruppen im Produktionsprozeß sind in sich selbst so heterogen, daß ein Analyserahmen einer zweigliedrigen Klassengesellschaft zu grobmaschig ist, um die gesellschaftliche Realität auch nur annähernd wiedergeben zu können. Viele Konflikte lassen sich auch nicht dadurch erklären, daß produkti­onsmittelbesitzende und produktionsmittellose Gruppen sich in einem Klassenkampf miteinander befinden, sondern vielmehr dadurch, daß unterschiedliche privilegierte Gruppen um die gesellschaftliche (Vor)-Macht konkurrieren. Am deutlichsten wird dies im Interessensgegensatz zwischen industriellen und landwirtschaftlichen Eliten. Eine weitere Differenzierung ist auch deshalb notwendig, da mit der staatlichen Bürokratie eine weitere wichtige Gruppe berücksichtigt werden muß, die sich nicht über den Besitz von Produktionsmitteln definiert.

In diesem Zusammenhang erhält die Frage nach der Politischen Kultur 1 eine besondere Bedeutung. Wenn oben ein enger Zusammenhang zwischen politischen Instabilitäten in Form von Kriegen bzw. Bürgerkriegen und Hunger angesprochen wurde, dann wird gleichzeitig die Frage aufgeworfen, wie solche Instabilitäten entstehen, welchen Zielen sie dienen und in welcher Weise sie die Nahrungssicherheit von Menschen beeinträchtigen.

In den letzten Jahren macht sich in Indien eine besorgniserregende politische Instabilität be­merkbar. Die Anzeichen auf nationaler Ebene sind unsichere Mehrheitsverhältnisse im Parlament und daraus resultierend eine zeitweise Handlungsunfähigkeit der nationalen Regierung. Einher­gehend damit ist eine Umstrukturierung der Parteienlandschaft, charakterisiert durch die Zer­splitterung bestehender Parteien und der Bedeutungszuwachs ehemals kleinerer, häufig lediglich regional auftretender Parteien. Auch während der Feldforschung zu der vorliegenden Arbeit durchlebte Indien eine schwere innenpolitische Krise. Auf nationaler Ebene wurden in dieser Zeit insgesamt drei Regierungen ins Amt eingeführt, zweimal als Resultat von Wahlen, die von schwerwiegenden Gewalttätigkeiten und Wahlmanipulationen begleitet waren. Daneben prägten gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen unterschiedliche Kasten und unterschiedlichen Religionsgemeinschaften die innenpolitische Atmosphäre. Die Ermordung des früheren Minister­präsidenten Rajiv Gandhi im Mai 1991 nahe Madras war ein vorläufiger Höhepunkt dieser Wel­len von Gewalt. Gleichzeitig muß festgestellt werden, daß die Einhaltung bestimmter verfas­sungsmäßig garantierter Rechte (Menschenrechte, Pressefreiheit) einer zunehmenden Erosion ausgesetzt sind.

2.2.3 Die bundesstaatliche Ebene Tamil Nadu

Indien ist eine föderalistische Nation. Wichtige Bereiche (Bildung, Landwirtschaft, Transport, Gesundheit, u.a.) fallen in den Zuständigkeitsbereich der Landesregierungen. Neben der natio­nalen Regierung treten diese zudem auch als Wirtschaftssubjekte auf, d.h. sie unterhalten Staats­betriebe und sind deshalb in vielfältiger Weise für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des jeweiligen Bundesstaates verantwortlich, wobei sie allerdings auf die Unterstützung der Na­tionalregierung angewiesen sind. Durch die Existenz eines weiteren (politischen und wirtschaftlichen) Akteurs wird das Macht- und Entscheidungsgefüge noch komplexer. Durch eine starke fiskale Abhängigkeit der Landesregierungen werden viele Entwicklungsdefizite vom Zentralstaat auf die Gliedstaaten verlagert, die ihrerseits in hohem Maße verschuldet und dadurch handlungs­unfähig sind. Dies führt dort ebenfalls zu politischen Instabilitäten und verschärft gleichzeitig auch Spannungen, die zwischen der nationalen Regierung und den Länderregierungen bestehen.

Die Untersuchung der bundesstaatlichen Ebene muß deshalb diese beiden Aspekte berücksich­tigen. Erstens das Spannungs- und Interessenverhältnis zwischen Nationalstaat und seinen fö­derativen Gliedern (in der vorliegenden Arbeit also zwischen Indien als Nation und Tamil Nadu als einem Bundesland innerhalb dieser Nation); zweitens gilt es, die internen Interessenslagen im Bundesstaat selbst zu beleuchten, also den Konflikt zwischen unterschiedlichen Interessens­gruppen auf der Landesebene. Stärker noch als bei der Analyse der nationalen Ebene kommt hierbei der Aspekt der Politischen Kultur zum Tragen, die in ihrem regionalen Charakter zu beleuchten ist.

2.2.4 Die lokale Systemebene: Das Fischerdorf Nochikuppam

Machtkonstellationen, Politiken und Maßnahmen auf den bislang beschriebenen Syste­mebenen sind dann als bedeutungslos anzusehen, wenn festgestellt wird, daß sie auf das Leben der Menschen keinen Einfluß haben. Zu dieser Feststellung kann es aber nicht kommen, weil es sich bei der lokalen Ebene nicht um eine autonome Einheit handelt. Ziel der Untersuchung kann es also nicht lediglich sein, einen solchen offensichtlichen Zu­sammenhang herzustellen, sondern es wird notwendig sein, die Wirkungsmechanismen der Verflechtung zu analysieren und die Ergebnisse einer solchen Verflechtung zu bewerten.

Die Feldforschung für die vorliegende Arbeit wurde in einem Fischersiedlung der südindi­schen Metropole Madras durchgeführt. Zum großen Teil sind die Menschen dieses Fischerdorfes auch heute noch in der Fischerei beschäftigt und zwar in jenem Bereich, der als „Kleinfischerei“ oder im Englischen als „ Small-Scale-Fishery “ bezeichnet wird.

Fischer sind, wie andere Armutsgruppen auch, in vielfältiger Weise Veränderungen ausgesetzt, die außerhalb ihrer Entscheidungssphäre gefällt werden, die aber auf ihr Leben einen großen Ein­fluß ausüben. Sie sind in Strukturen eingebunden, die oftmals auf den ersten Blick überhaupt keinen Einfluß auf ihr Leben zu haben scheinen, die sich dann aber bei genauerer Be­trachtung doch als relevant erweisen. Die Untersuchung ist deshalb weni­ger eine klassische Dorf-/Slumstudie, in der die untersuchte Gemeinschaft isoliert von der „Restgesellschaft“ unter die Lupe genommen wird.

In den diesem Kapitel vorausgehenden Abschnitten wurden diese exogenen Prozesse untersucht, ohne bislang die Frage beantwortet zu haben, wie sie das Leben von Menschen beeinflussen, die von Außenhandelsdefizit, Meistbegünstigungsklauseln, dem Handelsstreit zwischen Japan, EG und den USA etc. noch nicht viel gehört haben. Für diese Menschen stellt ihre unmittelbare Umwelt das Zentrum ihres Lebens dar, d.h. das empirische Ergebnis einer solchen Studie wird in erster Linie lediglich endogene Strukturen und Prozesse zu Tage fördern, die dann zu den übergeordneten Dyn­amiken in Beziehung gesetzt werden müssen. Manche dieser Prozesse sind augenscheinlich mit dem Leben der Kleinfischer verbunden, z.B. die Auswirkungen von exportfördernden Maßnahmen bei Meeresprodukten. Aufgabe einer Analyse wird deshalb lediglich sein abzuschätzen, ob eine solche Politik die Kleinfischer eher begünstigt, weil sie für ihre Produkte von den Exportagenturen hohe Preise erhalten, oder benachteiligt, weil die hohen Profiterwartungen in diesem Bereich Veränderungen bewirken, die den Kleinfischern ihre Wirtschafts- und damit auch ihre Lebensgrundlage rauben.

Aus der Wahl der Untersuchungsgemeinde ergibt sich zunächst, daß in der Arbeit Aspekte des Wirtschafts- und Sozialwandels im indischen Fischereisektor analysiert werden. Die Menschen im Fischerdorf sind jedoch nicht nur Produzenten, sondern auch Konsumenten. Für ihr Leben wichtig sind eine ganze Reihe von Ereignissen, die sie als Konsumenten betreffen, etwa die Preisentwicklung von grundlegenden Gütern und Dienstleistungen, die Bereitstellung von Infrastruktur, die Unterstützung in Not- und Krisenzeiten durch den Staat etc.

Ein erstes Herantasten an die Lebenssituation eines Teils der Menschen im Fischerdorf wird der Produktionsbereich sein, konkret die Veränderungen in der Fischerei, die charakterisiert ist durch natürliche Faktoren (Wetterverhältnisse, Meeresströmungen, Fischvorkommen und daraus resultierend eine Saisonalität der Fischfänge und der Einkommen), durch technische Innovationen und - dadurch beeinflußt - die Veränderung der Arbeitsorganisation. Ebenfalls Bestandteil des Produktionsbereichs stellt die Verteilung der Produktionsmittel (bzw. Pro­duktionsfaktoren) dar, also der Besitz von Booten und anderem Fischereigerät.

Mit diesem Aspekt wird der Produktionsbereich auch schon verlassen, und die anschließende Untersuchung gilt der sozial-ökonomischen Schichtung im Fischerdorf und ihrer Dynamik. Hier sollen zunächst unterschiedliche Gruppen herausgearbeitet werden, die sich aufgrund bestimmter Faktoren voneinander unterscheiden. Dabei wird untersucht, wie diese unterschiedlichen Gruppen auf eine sich ändernde Umwelt reagieren (können), d.h. ob es für sie Verhaltensmuster gibt, um die für sie spezifischen Probleme besser meistern zu können. Ebenfalls Bestandteil der Untersuchung der sozial-ökonomischen Schichtung wird die Frage sein, wie sich lokale Macht legitimiert, und wofür sie gebraucht wird.

2.3 Die theoretische Einbettung der Untersuchungsergebnisse

Es mag ungewöhnlich sein, die theoretische Einbettung einer solchen Arbeit an ihr Ende zu stel­len. Wenn dies dennoch geschieht, dann hat dies seine ganz spezifischen Gründe. Zum ersten ist es schwierig geworden, in einer Zeit, in der viel vom „Ende der Theorien“ gesprochen wird, eine theoriegeleitete Arbeit vorzulegen. Die Unsicherheit, was denn heute überhaupt noch theoretisch als gesichert betrachtet werden kann und was inzwischen längst überholt und obsolet geworden ist, ist auch beim Autor nicht spurlos vorübergegangen. Ein Vorgehen, bei dem zunächst die Beschreibung und Analyse von realen Vorgängen im Vordergrund steht, ohne sich dabei vorab bereits in seiner Theorie festlegen zu wollen, kann jedoch auch als Tugend verstanden werden. Ein induktiver Forschungsansatz hat zudem den großen Vorteil, daß es dem Wissenschaftler viel leichter möglich ist, im Laufe der Untersuchung auftauchende neue Gesichtspunkte mit in die Betrachtung aufzunehmen. Darin besteht aber gleichzeitig ein großer Nachteil einer induktiven Vorgehensweise: nämlich die Gefahr, daß die Zielrichtung der Untersuchung dadurch verwässert wird.

Nun wird sich aber auch ein Wissenschaftler, der sich für ein induktives Vorgehen entschieden hat, nicht fern von jeglicher Theorie an die Arbeit machen. Aus der Absicht, verschiedene Analyseebenen in die Betrachtung einer Fischergemeinschaft mit einzubeziehen, bietet sich ein Ansatz an, der im deutschsprachigen Raum unter der Bezeichnung des „Bielefelder Verflechtungsansatzes“ bekannt wurde (vgl. Schmidt-Wulfen 1987). In der theoretischen Betrachtung der Untersuchungsergebnisse soll deshalb auf Kernaussagen dieses Ansatzes zurückgegriffen werden, um erstens die vertikale Verflechtung verschiedener Analyseebenen theoretisch einzubetten, zweitens aber auch, um das Handeln von Gruppen bzw. Individuen als Konsequenz des Wirksamwerdens solcher unterschiedlichen Ebenen zu verstehen.

Gleichzeitig sollen aber auch Theorien verarbeitet werden, die bislang zur Erklärung des Entstehens von Hungerkrisen herangezogen wurden, die sich aber auch dazu eignen, Prozesse von Unterentwicklung zu erklären, die nicht unbedingt in einer Hungerkatastrophe enden müssen. Verfügungsrechtliche Ansätze sind hierfür ebenso geeignet wie Ansätze zu Erklärung von Krisenanfälligkeit gesellschaftlicher Systeme.

Die vorliegende Arbeit behandelt das Spannungsverhältnis zwischen Markt, Staat und ziviler Ge­sellschaft. Sie erhebt nicht den Anspruch, dieses Spannungsverhältnis in all ihren Facetten beleuchten zu wollen. Ein sektorspezifischer Schwerpunkt liegt bei der Kleinfischerei, wobei an­dere Wirtschaftsbereiche - wenngleich weniger intensiv - ebenfalls angesprochen werden sollen. Eine weitere thematische Einengung wird in der Form vorzunehmen sein, daß besonders die soz­iale Absicherung von gesellschaftlichen Gruppen angesprochen wird: einerseits die Formen der sozialen Absicherung außerhalb von staatlicher Intervention, andererseits aber auch gerade die staatlichen Maßnahmen, die zum Ziel haben, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen sozial abzusichern.

3 Die globale Systemebene: Weltwirtschaftliche Strukturen im Wandel

Die Reformen in der indischen Wirtschaftspolitik stellen u.a. einen Versuch dar, die Wirt­schaft des Landes, die seit der Unabhängigkeit (1947) durch eine Politik der Importsubsti­tuierung von externen Einflüssen - wenngleich nicht vollkommen - abgeschottet war, wieder näher an den Weltmarkt heranzuführen. Ohne zunächst Bezug darauf zu nehmen, welchen gesellschaftlichen Gruppen eine solche Internationalisierung der indischen Wirtschaft zugute kommt, wird einleitend die Frage zu behandeln sein, wie das globale Wirtschaftssystem strukturiert ist, und welche Machtkonstellationen in ihm zum Ausdruck kommen. Es sollen in diesem Zusammenhang besonders zwei Aspekte angesprochen werden:

1. die sich wandelnde Bedeutung von Volkswirtschaften im globalen kapitalistischen System, die vor allem in einer zunehmenden Transnationalisierung der Kapitalakkumulation ihren Ausdruck findet.
2. die Antworten, die staatliche und multinationale Wirtschaftspolitiken auf die sich än­dernden Bedingungen der Kapitalakkumulation geben konnten. In diesem Zusammenhang wird - be­zogen auf die Industrienationen - der Wandel von keynesianischen zu monetaristischen Wirtschaftspolitiken anzusprechen sein. Anschließend soll dann geprüft werden, wie diese neoliberalen Konzepte in Form von Strukturanpassungsprogrammen und der Neuordnung des Welthandelssystems auch auf sog. Entwicklungsländer übertragen werden.

3.1 Der weltwirtschaftliche Strukturwandel bis in die 80er Jahre: Anteile und Be­zie­hungsstrukturen in der Weltwirtschaft

Bis in die 80er Jahre hinein vollzog sich ein bedeutender Strukturwandel in der Weltwirtschaft. Während 1950 die USA noch 61 Prozent der Wertschöpfung im OECD-Raum erwirtschafteten, war dieser Anteil 1987 auf 38 Prozent zurückgegangen. Der Anteil Japans hat sich in dieser Zeit verneunfacht (von 2,5 auf 21 Prozent), und auch der Anteil der westeuropäischen Industrienationen konnte sich - wenngleich weniger drastisch - von 31 auf 38 Prozent erhöhen (Christl 1990: 22). Außerhalb der OECD konnten vor allem einige ostasiatische Nationen wie Südkorea, Taiwan, Hong-Kong und Singapur ihre Stellung in der Weltwirtschaft stark ausweiten (Menzel 1988: 79-91; Weidmann 1990: 42). In dieser Zeit stieg das Welthandelsvolumen um knapp das Fünfzigfache an (Christl 1990: 22). Die Weltwarenströme flossen zum großen Teil zwischen den Industrienationen, was Senghaas (1992) zu der Aussage veranlaßte, die Weltökonomie sei in Wirklichkeit eine OECD-Ökonomie (Senghaas 1992: 1071). Josling (1987) verweist zwar darauf, daß die sog. Entwicklungsländer zwischen 1970 und 1980 ihren Anteil am Warenhandel um fast 10 Prozent (von 18 auf 27,5 Prozent) erhöhen konnten, führt aber anschließend diesen Prozeß in erster Linie auf den starken Preisanstieg für Rohöl zurück. Hauptsächlich die erdölexportierenden Staaten dürften daher für den größeren Welthandelsanteil dieser Ländergruppe verantwortlich sein (Josling 1987).

„Die hohe Wachstumsdynamik der metropolitanen Massenkonsumgütermärkte wies den externen Märkten eine neue Rolle zu: während der Außenhandel der Industrieländer vor dem 2. Weltkrieg als komplementärer Aus­tauschprozess zu zwei Drittel auf Agrar- und Rohstoffländer ausgerichtet war, verschob er sich in dem fordis­tischen Nachkriegsboom auf den substitutiven interindustriellen Austausch zwischen Industrieländern [...] Dementsprechend sank der Anteil der agrarischen Primärgüter am Welthandel von fast der Hälfte 1913/17 auf ein Fünftel 1970“ (Hurtienne 1986: 89).

Beim Handel mit Dienstleistungen ist die Konzentration auf Industrienationen noch ausgeprägter, wobei die USA eine unbestrittene Führungsposition einnehmen (GATT-IT 1992a: 12). Der Handel mit Dienstleistungen wuchs in den 80er Jahren schneller als der Warenhandel. Von 1984 bis 1990 nahm letzterer um 83 Prozent zu, wohingegen der Dienstleistungshandel einen Zuwachs von 97 Prozent zu verzeichnen hatte. So wurden z.B. in den USA, Großbritannien und Frankreich zwischen 40 und 50 Prozent der Gesamtausfuhren im Dienstleistungsbereich getätigt (Schultz 1987: 157).

Trotz dieser Strukturdaten ist nicht davon auszugehen, daß Weltwirtschaft und Welthandel im­mer mehr zu den Angelegenheiten einiger weniger Industrienationen werden. Die in ihnen zum Ausdruck kommende Dynamik verdeutlicht jedoch, wie es mit den Realisierungschancen von Strukturanpassungsprogrammen (SAP) bestellt ist, die darauf abzielen, die sog. Entwicklungsländer intensiver in die Weltwirtschaft einzubinden. Diese sehen sich nun der Situation ausgesetzt, daß in den Industrienationen - durch ein geringes Bevöl­kerungswachstum in Verbindung mit einer starken Rezession - die Märkte heute erheblich langsamer wachsen als in den 50er und 60er Jahren (Schütz-Müller 1993: 442).

Drei weitere wichtige Aspekte, die einer wachsenden Beteiligung der sog. Entwicklungs­länder am Welthandel entgegenstehen, seien hier noch kurz erwähnt:

- erstens schotten die Industrienationen ihre Märkte immer mehr gegen ausländische Konkurrenten ab, wobei die Handelsschranken gegenüber Entwicklungsländer höher sind als gegenüber andere Industrienationen (vgl. FES 1992: 47; Hartwig 1991).
- zweitens ist die Zahl der Entwicklungsländer, die in den letzten Jahren durch Strukturan­passungsprogramme stärker in den Weltmarkt eingebunden wurden, sehr groß geworden.1 In der Folge findet immer mehr ein Verdrängungswettbewerb unter ihnen statt: die Preise ihrer Exportsprodukte - meist agrarische und andere Rohstoffe - sinken.
- drittens wird seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gleichzeitig die Integration einer großen Anzahl ehemals sozialistischer Länder - einst der sog. Zweiten Welt zugerechnet - in den Weltmarkt vorangetrieben. Ihre augenblicklich noch sehr geringe Wirtschaftskraft2 be­droht zwar die Exportchancen der sog. Entwicklungsländer noch nicht akut, doch werden Strukturanpassungsmaßnahmen in Verbindung mit umfangreichen Auslandskrediten sie bald zu höheren Exportleistungen zwingen und damit zu Konkurrenten der sog. Entwicklungslän­der machen (Hetmeier 1993: 48f; Klingenbiel 1993: 429). Es ist jedoch sehr fraglich, ob sie in absehbarer Zeit auch zu Märkten für Produkte aus den sog. Entwicklungsländer werden können (vgl. Chahoud 1992).3

In den vergangenen 50 Jahren haben sich nicht nur die Beziehungsstrukturen zwischen den Industrie- und sog. Entwicklungsländern verändert. Auch die Branchenstrukturen der Volks­wirtschaften in den Industrieländern haben sich gewandelt.

Wenn für den Handel mit Dienstleistungen ein stärkeres Wachstum festgestellt wurde als für den Warenhandel, kommt darin auch ein veränderter volkswirtschaftlicher Stellenwert dieser Bereiche zum Ausdruck. Die Rolle des Dienstleistungssektors ist dabei sogar noch bedeutender, als es ihr Anteil am Außenhandel vermuten läßt (Schultz 1987: 156). Während der primäre und sekundäre Sektor einen erheblichen Bedeutungsverlust hinnehmen muß­ten, wird vom ter­tiären Sektor nicht nur ein immer größerer Anteil der gesamten Wertschöpfung erzielt, sondern auch ein immer größerer Anteil von Arbeitsplätzen gestellt. Der Trend zur Dienstleistungsge­sellschaft ist in den Industrienationen unübersehbar (Tertiärisierung). In diesem Zusammenhang ist es wenig verwunderlich, daß im Rahmen der Uruguay-Runde des GATT besonders die USA dem Dienstleistungsbereich eine herausragende Bedeutung zumaßen. Gleichzeitig darf aber auch nicht übersehen werden, daß die Landwirtschaft - obwohl sie in den Industrienationen sowohl hin­sichtlich ihrer Bedeutung für die Wertschöpfung als auch der Beschäftigung eine immer geringer werdende Rolle spielt nach wie vor durch hohe Importbarrieren vor ausländischer Konkurrenz geschützt wird.

3.1.1 Die erste große Krise des fordistischen Akkumulationsmodells

1 Das fordistische Akkumulationsmodell ist eng verbunden mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA seit Beginn dieses Jahrhunderts. Das Zu­sammenwirken der bereits gegen Ende des letzten Jahrhunderts von Frederick Taylor ent­wickelten „wissenschaftlichen Betriebsführung“ - d.h. der Zergliederung des Arbeitsprozesses in einfachste Teiloperationen und des von Henry Ford 1913 eingeführten mechanischen Fließbandes waren Voraussetzung für die Massenproduktion langlebiger Konsumgüter. Diese betriebswirtschaftlichen Innovationen führten durch „Zerstückelung“ und „Standardisierung“ des Produktionsprozesses zu erheblichen Steigerungen der Arbeitsproduktivität bei gleichzeitigem Rückgang der Produktionskosten (Hirsch 1985: 167). Da die Arbeiterlöhne auf diese Weise angehoben werden konnten und die Preise für die Produkte der Massenproduktion gleichzeitig sanken, entwickelte sich eine schnell anwachsende Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern wie z.B. Autos, Waschmaschinen, Kühlschränke, Radios, etc. In den 20er Jahren dieses Jahrhunderts (golden twenties) erlebten nicht nur diese neuen Produktionsmethoden einen Durchbruch, sondern mit ihnen entstand - zunächst in den USA - die Massenkonsumgesellschaft. Die anfänglich nahezu unstillbare Nachfrage bot Gewähr für eine andauernde Ausweitung industrieller Produktionskapazitäten und historisch einmaliger Gewinne (Hurtienne 1984 Bd-2: 273-285). Es konnten jedoch nicht alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen an diesem Massenkonsum teilhaben, und ungeachtet des „Konsumrausches“ entwickelte sich zunehmend eine Ungleichverteilung der Einkommensverhältnisse. Während zwischen 1923 und 1929 die Löhne der gesamten Arbeiterschaft um lediglich elf Prozent anstiegen, erhöhten sich die Gewinne aus der Industrie um 62 Prozent und die aus Dividenden um 65 Prozent (Hurtienne 1984 Bd-2: 295). Ab 1926 war die Erstnachfrage der kaufkräftigen Gesellschaftsschichten befriedigt und ein starker Nachfragerückgang setzte ein.

„Ein zunehmender Teil der wachsenden Profitmasse und Kapitaleinkommen wurde nicht mehr von den Un­ternehmen produktiv investiert oder von Vermögenshaushalten in zur Investitionsfinanzierung dienende In­dustrieaktien angelegt, sondern floß in einen rasch wachsenden Spekulationsmarkt von Wertpapieren aller Art“ (Hurtienne 1984 Bd-2: 305).

Durch den „Börsensturz“ an der Wall Street am 23. Oktober 1929 (Schwarzer Freitag) wurden die Eskalationen im Spekulationsgeschäft jäh abgebrochen, was zunächst das amerikanische und infolgedessen auch das europäische Bankensystem zum Einsturz brachte. Die sich anschließende Weltwirtschaftskrise führte in den meisten Industrienationen zu einem erheblichen Produktions­rückgang (vgl. Galbraith 1988; Hurtienne 1984 Bd-2: 265; Rothermund 1992). Der Verlust an Welthandelsdynamik führte zu einem Abwertungswettlauf bislang unbekannten Ausmaßes. Um ihre Waren günstiger auf dem Weltmarkt anbieten zu können, übertrafen sich die unterschiedli­chen Regierungen bei der Abwertung ihrer Währungen, schotteten aber gleichzeitig ihre eigenen Märkte gegen ausländische Konkurrenten ab.

„1938 erreichte der Welthandel nur wenig mehr als zwei Drittel seines Umfangs von 1913, und 1948 lag der europäische Handel noch einmal 15 Prozent unter diesem bescheidenen Niveau. Seit Beginn der indus­triellen Revolution hatte es keinen derartigen Rückschlag gegeben“ (Hobsbawm 1981: 43).

Die Krise des Kapitalismus in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts bewirkte auch, daß die Re­gierungen der Industriestaaten neue wirtschafts- und sozialpolitische Wege beschreiten mußten, um die wachsende Unzufriedenheit großer Bevölkerungsgruppen kontrollieren zu können.

„In den daraus hervorgehenden populistischen Reformkoalitionen des nordamerikanischen New Deal und der Volksfront in Frankreich wurden die wohlfahrtsstaatlichen Innovationen der Weimarer Republik (staatlich-rechtlich geregelte kollektive Arbeitsbeziehungen mit Tarifverträgen, Kündigungsschutz, Minimallöhnen, Streikrecht, institutionelle Risikoabsicherung gegen Arbeitslosigkeit, Invalidität und Alter, steigende staatliche Regulierungen des ökonomischen Prozesses) gegen den erbitterten Widerstand der Mehrheit der Unternehmen zu den Grundstrukturen einer neuen, die Dynamik der Massenkaufkraft auch bei Konjunktureinbrüchen oder hoher Arbeitslosigkeit garantierenden Regulierungsweise weiterentwickelt“ (Hurtienne 1986: 82f).

Die mit Ende des Zweiten Weltkrieges einsetzende Prosperitätsphase in den Industrieländern (Wirtschaftswunder) war wiederum das Ergebnis einer steigenden Arbeits- und Kapi­talproduktivität und der Ausweitung der Massenkonsumgesellschaft, diesmal sowohl in den USA als auch - bedeutend stärker als in den 20er Jahren - in Europa.

Anders als während der wirtschaftlichen Hochphase in den USA der 20er Jahre war der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas von Anfang an verbunden mit der Ausweitung staatlicher Wohlfahrt. Die Zeit bis zum Ende der 60er Jahre war sowohl von einer hohen Profitrate für die Unternehmen als auch durch den raschen Anstieg der Reallöhne für die Arbeiterschaft gekenn­zeichnet (Hirsch 1985: 166f). In dieser Phase verlor der traditionelle Klassenkonflikt an Be­deutung.

„Trotz hoher [...] jährlicher Reallohnsteigerungen 1950/73 von 4-5% stieg die Arbeitsproduktivität noch schneller, so daß die realen Lohnkosten sanken und die Profitquote bei hohen zyklischen Fluktuationen sich im Trend geringfügig verbesserte. Da gleichzeitig die Kapitalintensität der Industrie in der Bundesrepublik bis 1955/60, in Frankreich bis 1970 langsamer zunahm als die Arbeitsproduktivität, erhöhte sich in diesen Zeiträumen die Kapitalproduktivität und damit auch die industrielle Profitrate“ (Hurtienne 1986: 84).

3.1.2 Die globale Strukturkrise der Gegenwart

Mit dem Beginn der 70er Jahre geriet das fordistische Akkumulationsmodell abermals in eine strukturelle Krise, von der es sich im Prinzip bis in die 90er Jahre hinein nicht erholen konnte. Bestand gegen Ende der 20er Jahre die Ursache der Krise darin, daß die Produktivitätsentwick­lung der Industrie schneller voranschritt als der Reallohnanstieg der Arbeiterschaft - also in einem Kaufkraftdefizit großer gesellschaftlicher Gruppen - so war das nunmehr auftretende Nach­frageproblem nicht mehr durch staatliche Interventionsmaßnahmen mit dem Ziel der Kaufkraft­erhöhung zu bewältigen. Inzwischen hat der Massenkonsum in den westlichen Industrienationen nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen - wenngleich auf verschiedenen Niveaus - erreicht, d.h. die Erstnachfrage nach den gängigsten langlebigen Konsumgütern ist in weiten Bereichen gedeckt (Geißler 1992: 45; Hauck 1990: 77f). Wachstumsindustrien im Konsumgüterbereich finden sich jedoch vor allem in jenen Branchen, in denen vollkommen neue, massenkonsumfähige Produkte auf dem Markt eingeführt werden, wie im Bereich der Compu­terindustrie und der Unterhaltungselektronik.

Da der Binnenmarkt für viele industrielle Produktionsbereiche - trotz noch so gezielten Marke­tings - dennoch keine ausreichenden Absatz- und damit Wachstumsperspektiven bieten kann, werden die Märkte jener Nationen, in denen ein enormer „Nachholbedarf“ an Konsumgütern zu vermuten ist, immer bedeutender. Mit dieser Strategie der Erschließung neuer Absatzgebiete geht in vielen Fällen auch eine Verlagerung der Produktionsstätten selbst einher. Ein großer Anteil der Direktinvestitionen konzentriert sich daher auf Länder, die sowohl über kaufkräftige Mittelschichten als auch über qualifizierte bzw. rasch qualifizierbare Arbeitskräfte, die dann in Betrieben mit hoher Arbeitsproduktivität eingesetzt werden können, verfügen. Es sind dies gegenwärtig vor allem die Märkte der Länder des ehemaligen Ostblocks, aber auch die derjenigen sog. Entwicklungsländer, die bereits - in absoluten Zahlen - über große konsumorientierte und fähige Käuferschichten verfügen. Waren Betriebsauslagerungen in sog. Entwicklungsländer früher zumeist durch den „komparativen Standortvorteil“ der Billiglöhne motiviert - zwecks Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf den Märkten der Industrieländer - ist inzwischen immer mehr die Durchdringung der Märkte bestimmter sog. Entwicklungsländer selbst zum Motiv von Unternehmensentscheidungen geworden.

3.2 Von der internationalen zur globalen Wirtschaft

„Die alte Weltordnung baut auf dem modernen Territorial- bzw. Nationalstaat auf, dessen ökonomisches Komplement eine territorialstaatlich organisierte Volkswirtschaft (Nationalökonomie) ist, die über den Welthandel mit anderen Volkswirtschaften im Austausch steht. Nationale Souveränität ist gewissermaßen das Markenzeichen der wesentlichen Akteure in dieser überkommenen Ordnung. Demgegenüber werden die Rahmenbedingungen für die neue Weltordnung durch eine sich heraus­bildenden „Weltökonomie“ gesetzt. In ihr findet Weltproduktion statt. Das heißt, die Investitionsprospektierung findet vor allem von Seiten multinationaler bzw. von Weltfirmen weltweit statt“ (Senghaas 1992: 1069f).

Eine wichtige Grundlage der internationalen Wirtschaft war, daß die handelnden Einheiten in na­tionalen Grenzen verstanden werden konnten, d.h. die Beziehungen bestanden zwischen Na­tionalstaaten bzw. zwischen in nationalen Grenzen agierenden Unternehmen. Die Beziehungen der „alten Weltordnung“ beruhten hauptsächlich auf dem Warenhandel. Um das reibungslose Funk­tionieren dieses Austausches zu gewährleisten, bedurfte es eines Austauschmediums, das den Wert der Waren auf beiden Seiten exakt ausdrücken konnte. Es sind - zusammengefaßt - demnach drei wichtige Merkmale, durch die internationale Wirtschaftsbeziehungen charakterisiert werden können:

- nationale Volkswirtschaften sind die maßgeblichen Einheiten
- ihr Verhältnis zueinander ist durch den Austausch von Gütern bestimmt
- dieser Austausch wird über ein anerkanntes Währungsmedium getätigt

Angesichts dieser Kriterien wird deutlich, daß es die hier skizzierte Art der internationale n Wirtschaft heute nicht mehr gibt. Sie wurde von einer globalen Wirtschaft abgelöst. In Anleh­nung an obige Kriterien stützt sich die globale Wirtschaft auf folgende Pfeiler:

- ohne daß die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen verschiedenen Volkswirtschaften hinfällig geworden wären, findet eine zunehmende Transnationalisierung der Kapitalakku­mulation statt. Produktion, Handel und andere wirtschaftliche Aktivitäten überschreiten zunehmend nationale Grenzen, ohne dabei den Einflußbereich eines bestimmten wirtschaftlichen Unternehmens zu verlassen.
- wenngleich Warenproduktion und -handel nach wie vor einen wichtigen Bereich der Kapi­talakkumulation darstellen, haben andere Bereiche inzwischen erheblich an Bedeutung ge­wonnen, wie z.B. Produktion und Handel mit Dienstleistungen oder Finanztransaktionen und Spekulationen unterschiedlichster Art.
- während in der internationalen Wirtschaft „Währung“ ein Medium des Austausches war - und es auch in der globalen Wirtschaft noch ist - wird diese jedoch zunehmend selber zur Quelle der Kapitalakkumulation.

Ein internationales Wirtschaftssystem gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt dieses System jedoch eine neue Qualität (Weidmann 1990: 42). Nach 1945 setzte ein ungebremstes Wachstum der Weltwirtschaft und eine zunehmende Ver­flechtung der Akteure ein, die erst durch die Rezession zu Beginn der 70er Jahren abgeschwächt wurde (Ölpreiskrise). Die Ursachen des Wandels von der internationalen zur globalen Wirtschaft sind sowohl in der wirtschaftlichen Boom phase von 1945 bis 1973 wie auch in der wirtschaftlichen Rezession nach 1973 zu sehen. In der ersten Phase konnten aufgrund des günstigen Investi­tionsklimas finanzkräftige - und damit sehr mächtige - Unternehmen in den Industrienationen entstehen. Nach 1973 sahen sich diese Unternehmen dann dazu gezwungen, neue Wege zu beschreiten, um weiterhin günstige Bedingungen der Kapitalakkumulation sicherzustellen. Darüberhinaus sorgten Verbesserungen in Kommunikation und Transport dafür, daß der Reich­weite wirtschaftlicher Aktivitäten kaum noch Grenzen gesetzt sind.

In der internationalen Wirtschaft waren Kapitalismus und Nationalstaat eng miteinander ver­bunden. Es war so durchaus sinnvoll, von einem britischen, einem deutschen oder einem ame­rikanischen Kapitalismus zu sprechen, die jeweils eigene Charakteristika und Interessen aufwiesen. Heute bestehen zwar in vielen Bereichen weiterhin enge Verbindungen zwischen Nationalstaat und einer spezifischen Ausprägung des Kapitalismus. Kapitalismus als Wirtschaftsordnung kann jedoch nicht mehr an geographischen Grenzen festgemacht werden. Die Globalisierung des Kapitalismus ist nicht zuletzt das Resultat einer Umstruktuierung der Eigentumsverhältnisse. Inzwischen hat sich die zu Beginn dieses Jahrhunderts noch vorherrschende national-kapitalistische Unternehmensstruktur gewandelt und ist de facto und de jure transnational geworden. Kapitaleigner aus unterschiedlichen Nationen haben sich dabei in ein und demselben Unternehmen zusammengeschlossen, welches in verschiedenen Ländern der Erde gleichzeitig „beheimatet“ ist (Friedmann 1993: 49; Kurien 1992: 99 Senghaas 1993: 51).

Diese neuen Produktionsstrukturen haben weitreichende Folgen für die Weltwirtschaft. Dadurch, daß die Produktionsstätten für die verschiedenen Komponenten einer einzigen Ware zunehmend über den Erdball verstreut sind, hat sich die Bewegung von Gütern über nationale Grenzen hinweg drastisch erhöht und den Eindruck eines gewaltigen Welthandelswachstums entstehen lassen (Friedmann 1993: 51; Hein 1991: 78).

„Dieser Handel ist jedoch häufig nicht die Bewegung von Fertiggütern von einem Land in ein anderes, sondern es handelt sich dabei um den Transport von Komponenten eines einzigen Endproduktes aus einer Werk­statt eines riesigen Unternehmens in eine andere. Nicht selten sind die meisten von ihnen (den Transnation­alen Konzernen, der Verf.) Weiterverarbeiter, oft bis hin zum Endprodukt und können so den gesamten Pro­duktionsprozeß kontrollieren. Ihr Kapitalkraft macht es ihnen weiter möglich, auf den Rohstoffbörsen und im Warentermingeschäft Weltmarktpreise zu beeinflussen, was direkte Konsequenzen für die Exportländer hat, bzw. deren private oder staatliche Firmen“ (Haude 1985: 14).

Auch wenn die Produktionsstätten solcher Transnationaler Konzerne (TNK) in den Rechtsbe­reich unterschiedlicher Nationalstaaten fallen, sind die Güterbewegungen in hohem Maße „intern“. Der Produktionsprozeß kann so als eine Art „nationale Grenzen überschreitende Fertigungsstraße“ (Broll 1993: 55) verstanden werden.

Die Standortentscheidungen der einzelnen Unternehmen richten sich gemäß den Bedingungen der Kapitalakkumulation nach einer Vielzahl unterschiedlichster Überlegungen. Dazu gehören z.B. Lohn- und Transportkosten, Arbeitsproduktivität, Markt- und Rohstoffnähe, Wechselkurse, evtl. staatliche Einflußnahme in den Wirtschaftsprozeß, politische Stabilität etc. (vgl. Broll 1993: 54ff; Haude 1985: 11). Je nachdem, wie sich diese Bedingungen ändern, ändern sich auch die Präferenzen für bestimmte Standorte. Damit wird von Transnationalen Un­ternehmen den staatlich vorgegebenen Bedingungen, unter denen Produktionsverlagerungen durchgeführt werden können, große Bedeutung zugemessen (Kurien 1992: 100).

Umstritten ist, wie intensiv die Entwicklungsländer in die hier beschriebene Transnatio­nalisierung der Kapitalakkumulation einbezogen sind, und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Während aus einer dependenztheoretischen Perspektive die Transnationalen Konzerne als Inbegriff kapitalistischer Ausbeutung der Entwicklungsländer angesehen wurden, hat sich die Einschätzung in der neueren Entwicklungstheorie - nicht nur der neo­liberalen Richtung - diesen Unternehmen gegenüber vielfach geändert (Lall 1991: 14, 13-36; Windfuhr 1993: 493).

Während bis in die frühen 80er Jahren noch 25 bis 40 Prozent der ausländischen Direktinvesti­tionen in Entwicklungsländer gingen, hatte sich ihr Anteil zum Ende des Jahrzehnts auf 10 bis 15 Prozent verringert. 95 Prozent dieser Investitionen kamen aus den Industrienationen (Jungnickel 1993:1

In den verschiedenen Zeiträumen konzentrierte sich ein beträchtlicher Anteil der Direktin­vestitionen in Entwicklungsländer auf eine Handvoll von Staaten. In den 70er Jahren waren dies vor allem lateinamerikanische Länder, während in den 80er und Anfang der 90er Jahre der ost- und südostasiatische Raum die meisten Direktinvestitionen anziehen konnte. Aus globaler Perspektive sind alle anderen Regionen in der Dritten Welt hinsichtlich der in ihnen getätigten Direktinvestitionen unbedeutend (Jungnickel 1993).

„Trotzdem kann von einer „Zwangsabkoppelung“ nicht einmal in bezug auf Afrika die Rede sein. Denn in den schwachen Ökonomien der Zweidrittelwelt haben bereits kleine Anteile große Wirkungen auf wirtschaftliche Abläufe. Liegt bei den entwickelten Ländern der Anteil der Auslandsinvestitionen an den Gesamtinvestitionen von 1985 bis 1987 im Schnitt bei 3,4 Prozent, ist dieser Anteil in den Entwicklungsländern mit 6,1 Prozent beinahe doppelt so hoch, in Afrika liegt er sogar bei 9 Prozent“ (Pentzlin 1993: 318)

Nach einem Rückgang in den 80er Jahren nehmen heute Direktinvestitionen in den sog. Ent­wicklungsländern einen bislang unerreichten Stand ein (Hein 1991: 77). Vor allem 1993 sind die Direktinvestitionen nach einer Untersuchung der Konferenz für Welthandel und Entwicklung der Vereinten Nationen (UN-Conference on Trade and Development, UNCTAD) sehr stark ange­stiegen. Die sog. Entwicklungsländer konnten dabei mit einem Anteil von 40 Prozent der getätigten Investitionen erheblich besser abschneiden als in den Jahren zuvor. Eindeutig an der Spitze lag dabei China mit einem Investitionsvolumen von 26 Mrd. US-Dollar (Chandrasekhar 1994: 108).

3.2.1 Die Dimension globaler Finanztransaktionen oder: Die Bedeutung nicht-warenge­bundener Kapitalakkumulation

Die Kapitalverwertungsstrategien transnational agierender Unternehmen verlagern sich immer mehr in Bereiche außerhalb der Warenproduktion. Mehrwert kann zwar nach wie vor durch die Aneignung von Arbeitskraft (Produktion) erzielt und durch Handel realisiert werden, für eine ganze Reihe von Unternehmen ist die Produktion jedoch keine notwendige Voraussetzung für Kapitalbildung. Dies ist z.B. bei Handelsgesellschaften der Fall; die höchsten Renditen werden jedoch mittlerweile bei Finanz- und Währungsspekulationen oder auch mit Unternehmensbetei­ligungen erzielt.

„Mit privaten Investitionen ist seitdem nur noch zu rechnen, wenn die zu erwartende Rendite das Realzinsniveau auf den internationalen Finanzmärkten übersteigt“ (Messner/Meyer-Stamer 1993: 99).

Der Umfang des internationalen Devisenhandels übersteigt inzwischen den Güterhandel wert­mäßig bei weitem (Christl 1990: 21). 1988 betrug z.B. der Tagesumsatz (!) im Devisenhandel 660 Mrd. US-Dollar und überstieg damit den Jahreswert der Güterströme zwischen den USA, Westeuropa und Japan (600 Mrd. US-Dollar) (Bonder/Röttger 1993: 67). 1991 hatten die täglichen Währungstransaktionen bereits etwa 900 Mrd. US-Dollar erreicht. Auch der internationale Handel mit Obligationen (bonds) boomt: 1982 betrug der Wert internationaler Schuldverschreibungen noch 259 Mrd. US-Dollar. Bis 1991 war dieser Wert auf 7,5 Trillionen US-Dollar gestiegen (Kurien 1993: 101).

Dieser grenzenüberschreitende Kapitalverkehr ist zwar z.T. an eine Warenproduktion gekoppelt, entwickelt aber in zunehmendem Maße eine eigene Akkumulationsdynamik: die hier erwähnten, zweifellos gewaltigen Umsätze an gehandeltem Kapital können immense Profite abwerfen, ohne daß auch nur eine einzige Produktionsstätte errichtet oder eine einzige Schraube gefertigt worden wäre. Viele dieser gewinnträchtigen Geschäfte sind nur durch die geschickte Ausnutzung der vorhandenen weltwirtschaftlichen Disparitäten möglich, wie sie z.B. in Währungsunterschieden zum Ausdruck kommen.

3.2.2 Die weltwirtschaftliche Bedeutung von Transnationalen Unternehmen

Was hinsichtlich der Direktinvestitionen in Form von Zahlen wiedergegeben wurde, bedeutet natürlich, daß quasi überall auf der Welt ständig neue Unternehmen entstehen, bzw. daß bestehende Unternehmen in den jeweiligen Ländern zunehmend von ausländischen Eigentümern (mit)besessen werden. Diese Entwicklungen sind bezeichnend für die steigende Bedeutung transnational agierender Konzerne im globalen Wirtschaftsgeschehen.

Nationale Unternehmen beliefern ihre Auslandmärkte durch Exporte. Bei stagnierenden Inlands­märkten können sie so den Doppelcharakter der Löhne - einerseits als niedrig zu haltender Kostenfaktor und andererseits als hoch zu haltendes Nachfrageaggregat - auflösen: Für das ex­portierende Unternehmen sind Löhne nur noch Kosten, die mit allen Mitteln zu drücken sind (Huffschmid 1994). Durch die Errichtung Transnationaler Unternehmen tritt zunehmend eine Alternative zum internationalen Handel in den Vordergrund (Broll 1993: 54). Diese besteht darin, daß die Produktion selbst in Marktnähe durchgeführt wird. Das ist vor allem dann interessant, wenn eine ähnlich hohe Arbeitsproduktivität bei bedeutend niedrigeren Lohn­kosten erreicht werden kann (Lall 1991: 36).

Einige dieser Transnationalen Konzerne sind so groß und mächtig geworden, daß ihre Umsätze das Bruttoinlandsprodukt vieler Länder übersteigen. Nach einer Schätzung der Wirtschaftszeitung The Economist stellen die 100 größten Unternehmen etwa ein Sechstel der „productive assets“ der Welt und halten zwischen 40 und 50 Prozent der transnationalen Aktiva. General Motors verfügte z.B. 1990 über ein Vermögen an Produktionsstätten und Geldkapital in einer Höhe von über 180 Mrd. US-Dollar. Diese Konzentrationsprozesse kommen z.T. in einer monopolartigen Marktbeherrschung zum Ausdruck. Im Bereich der Produktion langlebiger Konsumgüter erzielten z.B. 1992 die fünf größten Unternehmen 70 Prozent des gesamten Weltumsatzes; in der Automobil- und Luftfahrtindustrie waren es immerhin knapp 60 Prozent (The Economist 27.03.1993). Fast ein Drittel des gesamten Welthandelsvolumens wird von den machtvollen transnationalen Unternehmen abgewickelt. Bereits 1978 betrug der Handelsanteil der jeweils 15 größten TNK bei folgenden Produkten über 85 Prozent: Kakao, Tabak, Tee, Kaffee, Weizen, Baumwolle, Kupfer, Eisenerz und Bauxit (Haude 1985: 13).

3.2.3 Transnationale Konzerne und Nationalökonomien - zur Interessenlage

Die Interessen von (transnationalen) Wirtschaftsunternehmen unterscheiden sich in deutlicher Weise von denen nationaler Volkswirtschaften. Das Interesse eines Wirtschaftsunternehmens besteht in erster Linie darin, vorhandenes Kapital möglichst gewinnbringend anzulegen. Dies geschieht - wie bereits erwähnt - z.B. durch die Produktion von Waren, durch Handel, mittels Kapitalgeschäften und Spekulationen etc. Das Unternehmen versucht, dabei die Bedingungen der Kapitalakkumulation möglichst optimal zu gestalten. Bei Tätigkeiten außerhalb des Stammlandes eines Unternehmens ist es z.B. besonders wichtig, unter welchen Bedingungen Kapital aus dem Produktionsland in andere Länder transferiert werden kann.

Weiterhin darf angesichts der zunehmenden Globalisierung der Wirtschaft der Prozeß der Branchenstrukturdiversifizierung nicht aus den Augen verloren werden. Transnationale Unter­nehmen sind in vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gleichzeitig tätig, in denen sie sich - orientiert an der konjunkturellen Lage - u.U. auch wechselnd, also nicht unbedingt dauerhaft, engagieren (Haude 1985: 14).1 Viele Unternehmen suchen nach einträglichen Tätigkeiten außerhalb der Warenproduktion - wie beim Handel mit Dienstleistungen oder im Bereich der Finanztransaktionen - die sehr viel höhere Profitraten versprechen. Eine ähnliche Anpassungs­fähigkeit liegt hinsichtlich der Standortentscheidungen vor, die sich flexibel am Investitionsklima festmachen lassen.

Es ist also im globalen Wirtschaftsgeschehen insgesamt ein deutlicher Trend zu einer Konzen­tration der Eigentumsverhältnisse festzustellen, dem eine Diversifizierung der Aktivitäten gegenübersteht.

Die Interessen einer Volkswirtschaft sind im Vergleich zu denen eines Wirtschaftsunternehmens vielschichtiger strukturiert. Die im „magischen Viereck“ des Stabilitäts- und Wirtschaftsgesetzes beschriebenen gesamtwirtschaftlichen Ziele - Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht, Wirtschaftswachstum - sind bei den TNK ebenso von untergeordneter Bedeutung wie andere gesellschaftsrelevante Aspekte wie z.B. Umweltschutz oder Verteilungsgerechtigkeit. In vielen Fällen behindern sie sogar akkumulationsrationale Ent­scheidungsfindungsprozesse von Unternehmen. Kein Staat aber kann Profitmaximierung zu seinem einzigen oder auch nur wichtigsten Anliegen machen; er muß darüberhinaus Aufgaben wahrnehmen, die unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten unrentabel sind. Volkswirt­schaften müssen dabei ein komplexes Gefüge von Faktoren wie Ressourcenausstattung, Produk­tion, Beschäftigung, Sozial- und Umweltverträglichkeit, Wohlfahrt etc. in ihren Entscheidungen berücksichtigen (Hein 1993: 53).

Ein Wirtschaftsunternehmen investiert nicht um der Produktion sondern um des Profites willen. Investitionen während einer wirtschaftlichen Krise sind vor allem Rationalisie­rungsinvestitionen - d.h. betriebliche Maßnahmen zur Verbesserung der Rentabilität - und häufig mit einem Verlust von Arbeitsplätzen verbunden (Buhbe et al. 1984: 21). So führen Produktivitätssteigerungen und Kapazitätsabbau („Gesundschrumpfen“) zu einer verbesserten Kapitalverwertung. Dadurch wird zwar einerseits die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens verbessert, andererseits aber die Nachfrage gedrosselt.

Ein Staat kann sich seiner „unproduktiven“ Bereichen nicht so einfach entledigen, ohne dadurch in eine Legitimationskrise zu geraten. Eine monetaristische Wirtschaftspolitik, die Nationalstaa­ten fast wie Unternehmen begreift, die - um ihre Probleme zu lösen - lediglich ihre Bilanzen ins Reine bringen müssen, wird vor allem dort großen gesellschaftlichen Schaden anrichten, wo besonders viele der im wirtschaftlichen Sinne eher als „unproduktive Elemente“ betrachteten Menschen leben.

3.3 DER STAAT UND DIE WIRTSCHAFT

3.3.1 Staat und Wirtschaft: Vom Keynesianismus zum Monetarismus

Die kurz skizzierten Krisen des fordistischen Akkumulationsmodells - und damit des kapitalistischen Wirtschaftsansatzes - mußten zwangsläufig zu einer Krise des „Interventions- und Sozialstaates“ führen. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in den Industrieländern in den 70er Jahren - stagnierende Produktion, Beschäftigungsrückgang etc. - waren die Regierungen nicht mehr fähig, die bestehenden strukturellen Defizite durch staatliche Intervention im nötigen Umfang abzufangen. Die Zeit der hohen Wirtschaftswachstumsraten, die auch die staatlichen Kassen füllten, war vorüber. Durch die wirtschaftliche Strukturkrise wurde der „Interventions- und Sozialstaat“ - vor allem von neoliberalen Wirtschaftswissenschaftlern und Arbeitgeberverbänden - als kontraproduktiv angesehen. Weitere Zugeständnisse an die Arbeitnehmerschaft in Form konsumptiver Staatsausgaben konnten ihrer Auffassung nach nur zu einem forcierten Abbau der Wettbewerbsfähigkeit führen.

„Entscheidende Ursache der Krise sind die über Jahre hinweg überzogenen Lohnerhöhungen, verbunden mit einer extremen Ausdehnung der "konsumptiven" (d.h. im weiteren Sinne sozialstaatlichen) Staatsausgaben und der damit einhergehenden Staatsverschuldung. Weiter verteuert wurde der "Faktor Arbeit" durch kostenträchtige wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidungen des Staates (Ausbau der Sozialversicherungssysteme, Arbeits- und Kündigungsschutz usf.)“ (Hirsch 1985: 160; vgl. Huffschmid 1994).

Volkswirtschaftliche Dynamik verläuft nicht linear sondern konjunkturell; d.h. Phasen hoher Pro­duktion und Nachfrage wechseln sich mit Phasen des Produktions- und Nachfragerückgangs ab. Eine Rezessionsphase bedeutet nicht nur einen Produktions- sondern auch einen Beschäftigungs­rückgang. Die Zahl der Arbeitslosen steigt, das Konsumniveau dieser Menschen sinkt, und es tritt ein Nachfragerückgang ein. Wirtschaftswissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von „zyklischen Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität“ (Olsson/Piekenbrock 1993: 178). Überlagert werden diese konjunkturellen Schwankungen des Wirtschaftsgeschehens vom Auftreten sogenannter „Langer Wellen“ der kapitalistischen Entwicklung. Diese bringen weniger eine Konjunktur - als vielmehr eine Struktur krise zum Ausdruck. Solche strukturellen Krisen treten dann auf,

„ [...] wenn es im Rahmen einens gegebenen Akkumulationsmodells und einer Hegemonialstruktur nicht mehr möglich ist, ausreichende Gegentendenzen zum Fall der Profitrate zu moblisieren, und die weitere Kapital­verwertung eine Transformation dieser Struktur, d.h. die Durchsetzung einer neuen kapitalistischen Formation verlangt“ (Hirsch 1985: 163).

Eine solche strukturelle Krise bewirkt eine Neudefinition der politisch-ökonomischen Kräfte­verhältnisse. An dieser Stelle soll weniger auf wirtschaftstheoretische Erklärungsmodelle1 dieser Phänomene eingegangen werden, als vielmehr die Handlungsspielräume des Staates als Bestandteil dieses politisch-ökonomischen Kräftefeldes untersucht werden.

Nach den Vorstellungen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946) besteht die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik in der Beeinflussung der Gesamtnachfrage einer Volks­wirtschaft und der Stabilisierung des Investorenverhaltens. Dies gilt besonders dann, wenn von privater Seite diesen Aufgaben nicht nachgekommen wird (Kromphardt 1987: 170). Wird in einer Rezession das Wirtschaftsgeschehen ausschließlich den Marktkräften überlassen, sind Arbeitslosigkeit und Lohnrückgang die Folge. Der damit einhergehende Rückgang der Bin­nennachfrage betrifft nicht nur Konsumgüter, sondern beeinflußt „je nach Reaktion des Preisniveaus und des Zinssatzes“ auch die Investitionsgüternachfrage (ders. 1987: 171). Dem Staat fällt also die Aufgabe zu, in seiner Wirtschaftspolitik antizyklisch zu agieren, d.h. vor allem dann Investitionen anzuregen oder selbst zu tätigen, wenn die Investitionsbereitschaft auf privater Seite niedrig ist und eine Rezession droht. Eine solche, auf das Beschäftigungsproblem fixierte Wirtschaftspolitik, ist jedoch inflationsfördernd. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die konsumptiven Staatsausgaben schneller wachsen als die Wirtschaft; einem Mehr an Kaufkraft kein angemessenes Mehr an Waren und Dienstleistungen gegenüber steht.

Die Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Boom wirtschaft. Nicht Arbeitslosigkeit, sondern vielmehr Arbeitskräftemangel prägten das Bild jener Zeit. Nicht Marktsättigung, sondern zunehmender Konsum und damit wachsende Produktion sorgten dafür, daß keynesiani­sche Konzepte sich beinahe von selbst bestätigten. Verbunden mit der wirtschaftlichen Wachstumsphase war auch ein zunehmender Lebensstandard der Arbeiterschaft. Neben erheblichen Reallohnzuwächsen verbesserte sich auch die soziale Absicherung deutlich.

In der wirtschaftlichen Rezession der frühen 70er Jahre - verschärft durch den Erdölpreisschock von 1973 - veränderten sich nicht nur die Bedingungen der Kapitalakkumulation, sondern auch Möglichkeiten des Staates, auf wirtschaftliche Prozesse einwirken zu können. Stagnierende Pro­duktion und ausufernde Staatsdefizite führten dazu, daß das Sozialprodukt langsamer zunahm als die Geldmenge. Bis in die zweite Hälfte der 60er Jahre war Inflation kein Problem der westlichen Industrienationen. Ab 1966 begannen jedoch die Inflationsraten allmählich zu steigen, um bereits in der ersten Hälfte der 70er Jahre auf Nachkriegsrekordwerte zu klettern (Galbraith 1988: 320).

So wie der Keynesianismus aus den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise (1929-1933) und dem damit verbundenen Ruf nach regulierenden Eingriffen des Staates in das Wirtschaftsgeschehen erklärt werden kann, kann der Neoliberalismus als direkte Antwort auf ein teilweises Versagen staatlicher Globalsteuerung - besonders hinsichtlich der Preisstabilität - verstanden werden (vgl. Franz 1985: 241). Eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik, die über staatliche Fiskalpolitik - d.h. durch zunehmende Staatsverschuldung - das Wirtschaftsgeschehen ankurbeln will, begün­stigt inflationäre Prozesse und wird damit selbst zur Ursache von Konjunkturkrisen (Kromphardt 1987b: 193-198).

Das unter dem Einfluß von Milton Friedman (geb. 1912) entwickelte monetaristische Wirt­schaftskonzept rückt deshalb von der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik keynesianischer Prägung ab und fordert eine Stärkung der Angebotsseite, d.h. eine Stärkung jener, die den Produktionsprozeß in Gang bringen: den Unternehmern.

Man vertraut wieder dem Say'schen Gesetz, wonach sich das Angebot eine entsprechende Nach­frage selber schafft (Kromphardt 1987b: 198). Es wird von einer solchen angebotsorientierten staatlichen Wirtschaftspolitik lediglich erwartet, daß sie die Handlungsspielräume der Unternehmen nicht durch staatliche Reglementierungen einschränkt. Vielmehr soll sie „staatlichen Ballast“ über Bord werfen; Unternehmen sollen wieder aktiv das Wirtschaftsgesche­hen beeinflussen können (Franz 1985: 247). Entscheidend ist dabei, daß die Geldmenge in einer Volkswirtschaft nicht mehr das Resultat staatlicher Intervention sein darf, sondern sich an der langfristigen Zunahme des Sozialproduktes orientiert (Olsson/Piekenbrock 1993: 129). Das Ziel staatlicher Wirtschaftspolitik muß es deshalb sein, die Geldmenge zu begrenzen und sie nicht etwa durch „unproduktive Investitionen“ weiter zu vergrößern, da besonders sie die Geldmenge erhöhen, ohne jedoch zum Wachstum des Sozialproduktes beizutragen. Nach Auffassung neoliberaler Wirtschaftsexperten führen alle Versuche des Staates, sich und seine Bürger von Unsicherheit und Risiko zu schützen, letztlich nur dazu, „daß das ganze System in Gefahr gerät“ (Franz 1985: 247). So wendet sich der Monetarismus gegen die seit 1945 erfolgte Ausweitung des Sozial- und Wohlfahrtsstaats, dem eine massive »öffentliche Verschwendung« und damit ein Betrug am Steuerzahler vorgeworfen wird (Matis/Stiefel 1991: 172).

Es versteht sich von selbst, daß eine monetaristische Politik die Verwertungsinteressen des Ka­pitals begünstigt; die Verbesserung der Bedingungen auf der „Angebotsseite“ meint schließlich die Verbesserung der Produktionsbedingungen der Unternehmen. Mit der geforderten Schwä­chung wirtschaftsfremder Motivationen werden nichts weniger als die sozialen Errungenschaften der zivilen Gesellschaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufs Spiel gesetzt. Im gleichen Zuge sind z.B. auch ökologisch motivierte staatliche Interventionen in Frage gestellt; mehr Markt und weniger Staat bedeutet ja auch mehr Marktpreise anstelle staatlich beeinflußter Preise z.B. für Bildung, Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Umwelt etc. So laufen die angebotsökonomischen An­sätze darauf hinaus,

„ [...] die Leistungsstarken noch stärker zu belohnen und den Leistungsschwachen soziale Hilfen zu entzie­hen, um sie zur Leistung zu zwingen. Die damit verbundene Umverteilung von den ökonomisch Erfolglosen zu den ökonomisch Erfolgreichen (in Schlagworten: Von Arm zu Reich) wird von Angebotsökonomen häufig damit begründet, auf Dauer würden die höheren Leistungen der Erfolgreichen auch den Erfolglosen zugute kommen („trickle down“-Effekt), da auf Dauer von einer gestiegenen volkswirtschaftlichen Gesamtleistung alle Bewohner profitieren“ (Kromphardt 1987b: 207).

3.3.2 Supply-Side-Economics in den USA (Reaganomics): Die Praxis monetaristischer Wirtschaftspolitik

Die späten 60er und frühen siebziger Jahre brachten wichtige Einschnitte in den weltwirtschaftlichen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg mit sich. Im vorausgehenden Kapitel wurde bereits erwähnt, daß in dieser Zeit das in Bretton Woods geschaffene Währungssystem zusammenbrach und durch ein System freier Wechselkurse abgelöst wurde. Es wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls darauf hingewiesen, daß sich darin auch die abnehmende Dominanz der USA bzw. der Bedeutungszuwachs westeuropäischer Staaten und Japans im Welthandel widerspiegelte. Es soll nun auf einen weiteren Wandel hingewiesen werden, der sich in dieser Zeit in vielen westlichen Industrienationen abzeichnete und der mit den bereits beschriebenen Prozessen in enger Beziehung steht. Es ist dies der Wechsel von einer an Keynes orientierten Wirtschaftspolitik hin zu einer Politik, die in starkem Maße von der Lehre Milton Friedmans oder - allgemeiner ausgedrückt - von neoliberalen Wirtschaftskonzeptionen beeinflußt ist, wie sie in einigen wenigen Grundzügen im vorangegangenen Kapitel bereits skizziert wurde.

Die Schilderung der wirtschaftspolitischen Reformen in den USA der 80er Jahre ist notwendig, da die Art der Reformmaßnahmen in Form von Strukturanpassungsprogrammen (SAP) wieder­zufinden sind, die von IWF und Weltbank in vielen sog. Entwicklungsländern „angeregt“ wurden. Diese Programme und Maßnahmen basieren auf demselben wirtschaftstheoretischen Hintergrund wie die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die seit Beginn der 80er Jahre schon in den westlichen Industrienationen strukturelle Massenarbeitslosigkeit und eine „Neue Armut“ hat entstehen lassen.

Mit dem erfolgten Wiederaufbau Europas und Japans geht eine beispiellose weltwirtschaftliche Wachstumsphase zu Ende. Nicht nur die Interessen des Kapitals konnten sich ungestört entfalten, sondern es wurde auch das Lebens- bzw. - genauer - das Konsum niveau der Arbeiterschaft in den westlichen Industrienationen erheblich gesteigert. Mit der wirtschaftlichen Rezession ab den 70er Jahren geriet das keynesianische Wirtschaftskonzept immer mehr in Widerspruch zu den Bedingungen der Kapitalakkumulation; die zunehmende Verschuldung der öffentlichen Haushalte ließ eine offensive Konjunktursteuerung durch den Staat nicht mehr zu.

So hatte die Staatsverschuldung im Falle der USA einen Umfang erreicht, wie sie nicht nur von der Regierung nicht weiter hingenommen werden konnte, sondern gleichzeitig die gesamte Weltwirt­schaft in eine tiefe Krise stürzten. Das dramatische Ansteigen des Zinsniveaus brachte vor allem viele der sog. Entwicklungsländer an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Ab Mitte der 70er Jahre begann sich in den USA daher eine in zunehmendem Maße von monetaristischer Sichtweise geprägte Wirtschaftspolitik die Bahn zu brechen. Nachdem Ronald Reagan 1981 das Präsidentenamt angetreten hatte, gewannen diese angebotsorientierten Konzepte und Strategien endgültig die Oberhand. Neue Rahmenbedingungen sollten durch die folgenden Maßnahmen geschaffen werden.

1. Durch eine restriktive Geldpolitik sollte die Inflation - deren Rate bis 1980 auf 14 Prozent geklettert war (de Thier 1988: 15) - in den Griff bekommen werden.
2. Die Ausgaben im öffentliche Bereich sollten zurückgedrängt und den Privatinitiativen größerer Freiraum eingeräumt werden. Dies sollte bes. erreicht werden durch:

a. den Abbau von Steuern und Abgaben und die dadurch verbesserte private Nachfrage. Diese Steuerreform1 begünstigte de facto die Bezieher hoher Einkommen, die Besitzer großer Vermögenswerte sowie die Wirtschaftsunternehmen (de Thier 1988: 18,21; Moore 1982: 281f), „während für die wenig Verdienenden relativ wenig Vorteile heraussprangen, zumal gleichzeitig für Arbeitnehmer die Sozialabgabesätze leicht erhöht wurden“ (Kromphardt 1987a: 212). Durch Steuerreduzierungen und verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten sollte der Anstieg der Real­zinsen kompensiert werden, um die Renditen auf Investitionen ansteigen zu lassen.

b. den Abbau von Sozialleistungen. Davon waren vor allem die Menschen betroffen, die z.B. Sozialhilfe empfingen, arbeitslos oder krank waren sowie auch Kinder. Die Sozialausgaben wurden auf eine minimale Grundversorgung reduziert (de Thier 1988: 22).

c. die Verringerung der Staatsquote - über den Abbau staatlicher Sozialleistungen hinaus - durch die Privatisierung wenig profitabler öffentlicher Unternehmen. Ausgenommen von diesen Maßnahmen wurde lediglich der Rüstungsbereich, der sogar noch ausgeweitet wurde (de Thier 1988: 17; vgl. Moore/Kroszner 1988).

d. die Verringerung der Staatsverschuldung, basierend auf der Senkung der Staats­usgaben und der gleichzeitigen Erhöhung der Steuereinnahmen. Ebenso wurden auch etliche Aufgaben an die Ein­zelstaaten und Gemeinden „delegiert“, was wesentlich zur nationalen Haushaltsentlastung beitragen sollte (New Federalism) (Guterman 1984; Keynes 1984; de Thier 1988: 17) 1.

3. Die Spielräume der Unternehmer sollten ausgeweitet werden. Über eine Schwächung der Gewerkschaften wurde eine „Mäßigung“ in der Lohnpolitik zu erreichen versucht, um die Preisstabilität zu erhöhen. Investitionshemmnisse, vor allem bezüglich der Umweltverträg­lichkeit, des Arbeitsschutzes, der Arbeitssicherung usw. sollten abgebaut und die staatliche Kompetenz in diesen Fragen zurückgedrängt werden (Kromphardt 1987a: 193ff).

Die zurückgehende Wirtschaftsakivität des Staates (Punkt 1.) sollte durch die Punkte 2. und 3. kompensiert werden und insgesamt zu einer steigenden Investitionsbereitschaft und der Schaf­fung zusätzlicher Arbeitsplätze führen.2

Die Erwartungen, die in diese angebotsorientierte Wirtschaftspolitik gesetzt wurden, konnten sich jedoch zunächst nicht erfüllen. Die restriktive Geldmengenpolitik führte schon sehr bald zu extrem hohen Zinssätzen und ließ die Investitionsbereitschaft weiter sinken (Galbraith 1988: 329).3 Einzig die Inflation konnte unter Kontrolle gebracht werden, während das Sozialprodukt für das Jahr 1982 um 2,1 Prozent zurückging und die Zahl der Beschäftigten um 1,6 Prozent sank (Moore 1982: 307). Eine Verringerung des Staatsdefizits konnte jedoch nicht erreicht werden, weil sich neben den Rüstungsausgaben auch die Sozialausgaben - trotz schärfster Kürzungen - erhöhten, da durch die verschlechterte wirtschaftliche Entwicklung die Zahl der Leistungsempfänger emporschnellte (Kromphardt 1987a: 213). Daneben belasteten die Agrarsubventionen die öffentlichen Haushalte stärker als erwartet (de Thier 1988: 22).

Nach 1982 trat in einigen Bereichen der amerikanischen Wirtschaft eine gewisse Erholung ein; dies jedoch nur, weil wichtige Prinzipien der monetaristischen „Wirtschaftsideologie“ über Bord geworfen wurden, allen voran die staatliche Haushaltsdiziplin. Die Einschnitte in das Sozialsys­tem oder die Steuerreform zugunsten der Besserverdienden wurden nicht zurückgenommen. Man kann daher ohne Übertreibung feststellen, daß die wirtschaftliche Krise der USA in den 80er Jahre aus einer verfehlten monetaristischen Wirtschaftspolitik und die zwischenzeitliche wirtschaftliche Gesundung aus der selektiven Anwendung „nachfrageorientierter“ Konzepte erklärt werden kann (vgl. Franz 1985: 256, 260).4 In der zweiten Hälfte der 80er Jahre ent­wickelte sich die wirtschaftliche Situation der USA zwar insgesamt etwas günstiger, doch nahezu durchweg aufgrund der Rückgriffe auf nachfrageorientierte Maßnahmen. Das wird u.a. schon daran ersichtlich, daß das Ziel der Regierung Reagan, das Haushaltsdefizit bis zum Jahr 1984 vollkommen abzubauen, nicht verwirklicht werden konnte. Es stellte sich, im Gegenteil, zwischen 1981 und 1986 mehr als eine Verdreifachung des Defizits - von 64.300 Mio. auf 220.698 Mio. US-Dollar - ein (de Thier 1988: 22; Guterman 1984: 87). Das negative Wirtschafts­wachstum konnte überwunden werden, und innerhalb von sieben Jahren wurden mehr als 17 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen; es muß jedoch zu denken geben, daß das Pro-Kopf-Einkommen der Bürgerinnen und Bürger im Jahr 1986 auf den Stand von 1968 zu­rückgefallen war und daß Armut in den USA eine vollkommen neue Dimension angenommen hat.

„Daß jeder achte Amerikaner in Armut lebt, auf der anderen Seite aber 17 Millionen neue Arbeitsplätze ent­standen sind, erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich. Einen entscheidenden Beitrag hierzu hat jedoch das Stagnieren des gesetzlichen Mindestlohnes geleistet. Seit 1981 beträgt der Mindestlohn, der nicht einmal der Inflationsrate angepaßt wurde, 3,35 US-Dollar pro Stunde. Ein überproportionaler Teil der neuen Jobs bewegt sich in diesem unteren Bereich“ (de Thier 1988: 23).

Schließlich darf auch nicht vergessen werden, daß der „New Federalism“ dazu geführt hat, daß die dezentralen Körperschaften, die noch zu Beginn der 70er Jahre Haushaltsüberschüsse auf­wiesen, inzwischen vielfach rote Zahlen schreiben. Es waren schlichtweg zu viele staatliche Auf­gaben - vor allem im Sozialbereich - auf sie abgewälzt worden (de Thier 1988: 23; Keynes 1984: 13-17).

4 Die Integration sog. Entwicklungsländer in das globale Wirtschaftssystem

Bislang wurde der globale Kapitalismus weitgehend in bezug auf Veränderungen betrachtet, die in den Industrienationen stattgefunden haben. Probleme der Kapitalverwertung dort haben dazu geführt, daß das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft neu definiert wird mit der Folge einer „Dualisierung und Segmentierung der Gesellschaft“ (Hirsch 1985).

„Innerhalb des Kerns der weltmarktverflochtenen "modernen" Industrie-, Finanz- und Dienstleistungssektoren erweitert sich die Trennung zwischen "stabilisierten" Lohnabhängigen mit qualifizierten, hochbezahlten und relativ sicheren Beschäftigungsverhältnissen und den "destabilisierten" Arbeitern in den einfachen, fluk­turierenden und unsicheren Jobs, in Zeit- und Leiharbeitsverhältnissen ohne "Betriebsbindung", bis hin zu den in die formelle Selbsttätigkeit abgedrängten Quasi-Lohnabhängigen. Gleichzeitig ist mit einem weiteren enormen Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Auf ihrer Grund­lage bildet sich ein marginalisierter Pro­duktions- und Dienstleistungssektor heraus“ (Hirsch 1985: 176)

Da die Inlandsnachfrage in den Industrienationen kein kontinuierliches Wachstum mehr gewähr­leisten kann und die Produktionskosten dort erheblich gestiegen sind, richtet sich das Un­ternehmensinteresse immer mehr auf die Erschließung neuer oder bislang weniger beachteter Märkte und Produktionsstandorte. „Nachholende Entwicklung“ - verstanden als Durchkapitali­sierung sog. Entwicklungsökonomien und Einführung von Massenkonsum in Entwicklungsge­sellschaften - wird dadurch zum ureigensten Interesse des Kapitalismus. Aus bereits erläuterten Gründen wird eine solche Durchdringungsstrategie vor allem in jenen Ländern ansetzen, die bevölkerungsreich sind und über kaufkräftige Mittelschichten verfügen (Marktbereich), die ge­eignet sind, „moderne“ Technologien sinnvoll einzusetzen und dennoch ein Lohnniveau deutlich unter jenem der Industrienationen aufweisen (Produktionsbereich).

Zu diesen Zwecken müssen die Wirtschaftspolitiken und rechtlichen Bestimmungen, die Produktion, Handel, Finanztransaktionen etc. betreffen, global angeglichen werden. Da die Industrienationen - allen voran die USA - maßgeblich die Normen einer solchen Angleichung vorgeben, führt dies innerhalb der sog. Entwicklungsökonomien zu einer Zurückdrängung staatlicher Einflußmöglich­keiten im Wirtschaftsgeschehen und damit notwendigerweise auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Wie in den Industrienationen findet auch dort eine Neudefinition der Beziehungen zwischen Staat und Wirtschaft statt und bewirkt damit eine Umstrukturierung der Machtverhältnisse im Bereich der Politischen Ökonomie. Dieser Aspekt soll jedoch zunächst zurückgestellt und erst bei der Analyse des Strukturanpassungsprogrammes in Indien wieder aufgenommen werden.

An dieser Stelle soll zunächst dargestellt werden, wo und wie eine Strategie zur strukturellen Neuordnung sog. Entwicklungsökonomien ansetzt. Im Mittelpunkt stehen dabei die Strukturan­passungsmaßnahmen von IWF und Weltbank und die Liberalisierung des Welthandels durch die Ende 1993 abgeschlossenen achte Verhandlungsrunde des GATT und der Schaffung der Multi­nationalen Handelsorganisation (MTO).

4.1 Die Verschuldung der sog. Entwicklungsländer

Den meisten Strukturanpassungsprogrammen geht eine hohe Verschuldung des „anzupassenden“ Landes voraus; ein Land sieht sich dann dazu veranlaßt, beim IWF und Weltbank um „Anpassungskredite“ nachzufragen. Nicht selten haben Struktur und Umfang der Verschuldung eine Größe erreicht, bei der dem betreffenden Land - unter Inkaufnahme der damit verbundenen Bedingungen - eigentlich nur noch dieser Schritt zu tun bleibt. Spätestens wenn die Devisenzu­flüsse - aus Exporteinnahmen, Überweisungen und Krediten aus dem Ausland - zusammen mit den eigenen Devisenreserven nicht mehr zur vereinbarten Leistung des Schuldendienstes aus­reichen, tritt eine Überschuldung ssituation1 ein. Nicht nur eine defizitäre Handelsbilanz läßt eine solche Situation entstehen, auch der Abzug von Devisen aus einem Land über in- und ausländische Anleger (Kapitalflucht) können zum gleichen Ergebnis führen. In der Realität tritt beides zumeist parallell auf; die gleichen Gründe, weshalb sich Geschäftsbanken und private An­leger scheuen, Geld in einem bestimmten Land anzulegen, führen auch zum Abfluß von ange­legtem Geld aus ebendiesem Land. Ein einmal hochverschuldetes Land mit „ungünstigem Investitionsklima“ kann kaum damit rechnen, daß Privat banken und -anleger weiterhin Kredite geben oder Investitionen tätigen (Erbe 1985: 271ff).

Die Ursachen, die zu der Überschuldung eines Landes führen, können sowohl interner als auch externer Art sein. Durch die Ölpreiserhöhungen in den 70er Jahren stieg der Kapitalbedarf vieler sog. Entwicklungsländer einzig zur Begleichung ihrer Importkosten für Öl erheblich an. Zugute kam ihnen dabei, daß sie auf den internationalen Kreditmärkten Kredite zu günstigen Konditionen erhalten konnten (Perumal 1994: 127; Schröder 1988: 8). Selbst wenn diese Kredite - außer zur Begleichung der gestiegenen Ölkosten und anderer konsumptiver Ausgaben - auch in industrielle Produktions­anlagen investiert wurden, führte der zunehmende Protektionismus der Industrienationen dazu, daß die realisierbaren Exporteinnahmen sanken. Der durch die Hochzinspolitik der USA ab 1979 ständig steigende Schuldendienst war so in vielen Fällen nicht mehr zu erbringen. Als wichtige „interne“ Ursache der Schuldenkrise werden häufig wenig produktive Investitionen in den betreffenden Ländern angeführt. Inwieweit diese „interne“ Ursache auch „externe“ Aspekte aufweist, kann nur in der Einzelfallanalyse ermittelt werden. Wenn man jedoch einmal von den (hinreichend beklagten) teuren „Prestigeobjekten“ in den sog. Entwicklungsländern absieht, sollten zumindest zwei Argumente angeführt werden, die den rein endogenen Charakter dieser Fehlinvestitionen relativieren:

1. es kann zweifellos davon ausgegangen werden, daß Waffenkäufe durch die Regierungen vieler sog. Entwicklungsländer einen beträchtlichen Teil der zur Verfügung stehenden Devi­sen verschlungen haben. Die Waffenexporteure saßen bzw. sitzen jedoch zumeist in den westlichen Industrienationen bzw. der früheren Sowjetunion. Weder die dortigen Regierungen noch die Rüstungsunternehmen scheinen ein Interesse daran gehabt zu haben, genau diese „fehlinvestierten“ Devisen produktiver als in Waffen angelegt zu sehen.
2. selbst wenn man unterstellt, daß viele der Kredite unwirtschaftlich angelegt wurden, bleibt die Frage bestehen, weshalb die betreffenden Kreditinstitute dies nicht bemerkten. Schließlich werden Kredite vor ihrer Vergabe - den Gepflogenheiten des Gewerbes entsprechend - sog. Rentabilitätsprüfungen unterworfen (Schröder 1988: 9).

4.1.1 Die Konditionalität von Strukturanpassungskrediten

Kredite, die von IWF und Weltbank vergeben werden, sind in aller Regel mit wirtschaftspoliti­schen Auflagen verbunden. Diese Konditionalität besteht nicht nur in Bezug auf Strukturanpas­sungskredite, sondern setzt bereits vorher ein.1 Lediglich die Reserve-tranche, die von dem betreffenden Land zuvor in Devisen eingezahlt wurde, wird ohne Auflagen ausgezahlt. Mit der Inanspruchnahme der ersten Kredittranche sind jedoch bereits wirtschaftspolitische Auflagen „von gemäßigter Natur“ verbunden (Sandner/Sommer 1992: 46). Bei den drei oberen Kredit­tranchen sind diese Auflagen schon deutlich umfangreicher und härter. Wie die oberen Kredit­tranchen gilt die Erweiterte Fondsfazilität als „bedingt verfügbare Liquidität“ und ist ebenfalls mit wirtschaftspolitischen Auflagen verbunden (Deutsche Bundesbank 1992: 25; Jayaraj 1994: 178-81; Mukherjee 1994: 78; Singh 1994: 53).

Die in Abstimmung zwischen IWF und Weltbank „angeratenen“ Strukturanpassungsprogramme1 umfassen in der Regel zwei Hauptkomponenten:

1. Maßnahmen, die das betreffende Land enger in die Weltwirtschaft einbinden und damit hel­fen sollen, das Handelsbilanzdefizit abzubauen.
2. Maßnahmen, die die staatlichen Ausgaben reduzieren und damit die interne Staatsverschul­dung vermindern sollen.

Die i.d.R. „vorgeschlagenen“ konkreten Schritte sind:

- die Abwertung der inländischen Währung zur Verbesserung der internationalen Konkurrenz­fähigkeit.
- die Abschaffung von Exportbeschränkungen oder -verboten, um die durch die Abwertung verbesserte Exportfähigkeit nicht durch staatliche Restriktionen zu erschweren.
- die Reduzierung bzw. Abschaffung von Importbeschränkungen und Zöllen, um die Versorgung der einheimischen Industrie mit technologisch hochwertigen Investitionsgütern zu verbessern.
- die Abschaffung von Bestimmungen, die den Zugang ausländischer Unternehmen und ihre Tätigkeit im „Gastland“ erschweren.
- Subventionsabbau, vor allem in jenen Bereichen, die als „unproduktiv“ gelten (Bildung, Ge­sundheit, Ernährung etc.).
- die Schließung oder Sanierung unrentabler und die Privatisierung der rentablen oder sanierten Staatsbetriebe.
- arbeitspolitische Maßnahmen zur Begrenzung von Lohnsteigerungen.
- die Einschränkung des Geldmengewachstums und Veränderung der Zinspolitik.
- die Reformierung des Steuersystems (vgl. Bajpai1990).

Wie der IWF betont auch die Weltbank, daß bei den Bedingungen zur Vergabe solcher Kredite die jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Betrachtet man jedoch die re­gelmäßige Wiederkehr bestimmter Reformforderungen, muß dies in Zweifel gezogen werden.

4.1.2 Erfahrungen mit Strukturanpassungsprogrammen in anderen Ländern als Indien

Um eine Bewertung des Strukturanpassungsprogrammes in Indien vornehmen zu können, ist es auf­schlußreich, auf die Erfahrungen anderer Länder mit solchen Programmen zu blicken. Untersuchun­gen über die Auswirkungen von Strukturanpassungsmaßnahmen beschränken sich sehr häufig auf den makroökonomischen Bereich. Angaben zu sozialen Auswirkungen nehmen allenfalls einen sehr geringen Raum ein.

Aber selbst wenn man nur die makroökonomischen Ergebnisse der Strukturanpassungspro­gramme betrachtet, sieht die Bilanz eher düster aus. Bei vielen Ländern ist am ehesten noch ein günstiges Ergebnis auf das Wirtschaftswachstum festzustellen. Es muß dabei allerdings offen bleiben, ob dies ohne die Strukturanpassungsprogramme nicht auch der Fall gewesen wäre; für eine Reihe der betroffenen Länder1 war nicht fehlendes Wirtschaftswachstum das eigentliche Problem, sondern ein wachsendes Zahlungsbilanzdefizit. Viele Länder erzielten in der zweiten Hälfte der 70er Jahre Wachstumsraten, die z.T. deutlich über denen der Industrienationen lagen; allerdings war dieses Wirtschaftswachstum in nicht wenigen Fällen durch Auslandskredite finanziert worden, was durch Hochzinspolitik, Protektionismus und den Verfall der Rohstoff­preise in die Verschuldungskrise führte. Strukturanpassungsprogramme, die nicht gleichzeitig eine Anpassung der Industrieländerökonomien vorsehen, werden deshalb in ihren außenwirtschaftlichen Zielen scheitern müssen (Lingnau 1993: 450; Massarrat 1993: 30; Petersmann 1988: 61). Vor allem die mit Strukturanpassungsprogrammen häufig einhergehende Abwertung der inländischen Währung kann das Verschuldungsproblem verschärfen, da sie nicht immer zu einer Verbesserung der Handelsbilanz des jeweiligen Landes führt. Die Währungsabwertung führt nicht selten dazu, daß die Weltmarktpreise für manche Produkte der sog. Entwicklungsländer weiter sinken, da viele Nationen mit vergleichbaren Produkten auf den Weltmarkt drängen. Da gleichzeitig aber die Preise für Importe ansteigen, haben es diese Länder noch schwerer, ihre Exportstruktur zu diversifizieren. Die Folge von diesem Mechanismus ist nicht selten ein Abwertungskreislauf, der dazu führt, daß das Exportvolumen zwar deutlich aus­geweitet werden kann, die Exporterlöse aber denoch stagnieren oder sogar zurückgehen.

Die binnenwirtschaftlichen Anpassungsziele wie Inflationsbekämpfung, Deregulierung der Wirt­schaft, Subventionsstreichungen etc. sind zwar in einigen Fällen erreicht worden, dabei mußte jedoch vielfach eine Erosion sozialer Indikatoren hingenommen werden. Verbunden mit den Anpassungsprogrammen sind deshalb vielfach Einkommensumverteilungen, der Abbau staatlicher Sozialleistungen und in Folge die Zunahme von Armut und nicht selten auch die Destabli­sierung der politischen Ordnung. So berichtet Siebold (1989) von diesbezüglichen Folgen des Strukturanpassungsprogramms in Ghana:

„Um das Programm durchzusetzen, bedarf es eines repressiven Regimes. Anders gesagt, eine Demokratie nach westlichem Muster oder auch eine sozialistisch-basisdemokratisch verfaßte Gesellschaft, ist mit dem Programm nicht vereinbar [...] Damit allerdings [...] verlor das Regime seine ursprünglichen Stützen: Arbeiter, untere Lohnbezieher und Marginalisierte. Das Regime sah sich sogar genötigt, gegen diese Schichten und ihre Interessenorganisationen, vor allem gegen den Gewerkschaftsdachverband TUC repressiv vorzugehen.“ (Siebold 1989: 29f).

Tab. 1: Erfahrungen mit Strukturanpassungsprogrammen in ausgewählten Ländern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Nach Berechnungen des IFO-Instituts haben die realen (d.h. um Inflations- und Wechselkurseinflüsse be­reinigten) Rohstoffpreise ihre Talfahrt fortgesetzt und Anfang 1992 den tiefsten Stand der Nachkriegszeit er­reicht“ (Hetmeier 1993: 40).

Erfolgreich waren die Programme häufig bei der Durchsetzung „marktgerechter“ Preise und bei der Reduzierung öffentlicher Ausgaben durch Stillegung wenig profitabler Staatsbetriebe bzw. Entlassung „überzähliger“ Arbeitskräfte (Chahoud 1988: 51). Für ausländische Unternehmen verbesserten sich oftmals die Bedingungen, häufig allerdings auf Kosten der heimischen Produ­zenten. So mußte z.B. die Elfenbeinküste im Jahr 1987 die Zahlungen an seine Gläubiger einstellen.

„Die auferlegte Liberalisierung der Importe hatte zahlreiche einheimische Unternehmen ruiniert, gegenüber den niedrigen Preisen der einströmenden Importwaren konnten sie nicht länger konkurrieren“ (Chahoud 1988: 53).

Durch den Verfall der Rohstoffpreise seit Beginn der 80er Jahre1 gingen die Exporteinnahmen vieler Länder zurück. Die von der Anpassungspolitik geforderte Exportsteigerung führte zu einem weiteren Sinken der Rohstoffpreise. Der Preisverfall für Rohstoffe und Strukturanpas­sungsprogramme in Ländern mit ähnlichen Exportstrukturen hängen häufig ursächlich zusammen und führen dazu, daß durch die geringen Rohstoffpreise ein Süd-Nord-Einkommenstransfer stattfindet (Hetmeier 1993; Massarrat 1993; Rolf 1993 für Uganda; Willenborg 1993 für Kenia).

Gerade in den nicht realisierbaren Exporterlösen kommt ein makroökonomisches Dilemma der Strukturanpassungsprogramme deutlich zum Vorschein. Um das vorhandene Zahlungsbilanzdefizit möglichst schnell auszugleichen und damit die Auslandsschulden abtragen zu können, werden auf Anraten von IWF und Weltbank die traditionellen Exportgüter gefördert. Durch die Abwertung der Währung gelingt es zwar häufig, das Exportvolumen zu steigern, die Exporterlöse gehen trotzdem vielfach zurück. So haben die Weltmarktpreise z.B für Kakao inzwischen nicht zuletzt deshalb einen historischen Tiefstand erreicht, weil mehrere Erzeugerländer - in diesem Falle Ghana, Elfenbeinküste, Malaysia und Nigeria - ihre Exportanstrengungen verstärkt haben, und es dadurch zu einem Überangebot für Kakao auf dem Weltmarkt gekommen ist (Siebold 1989: 27-28).

4.1.3 Strukturanpassung und Armut in den sog. Entwicklungsländern

Bei den ersten Strukturanpassungsprogrammen der Weltbank spielten soziale Faktoren über­haupt keine Rolle. Es ging lediglich um die Verbesserung makroökonomischer Indikatoren. Erst als Weltbank und IWF wegen ihren armutsverursachenden Auflagenpolitiken immer mehr in die Kritik der Öffentlichkeit gerieten, wurde den sozialen Auswirkungen der Programme größere Aufmerksamkeit geschenkt.

Inzwischen gesteht die Weltbank ein, daß Strukturanpassungsprogramme sozial differenzierend wirken,1 und es in vielen Ländern zu erheblichen innenpolitischen Problemen gekommen ist. Diese Erkenntnis hat jedoch bislang nicht zu einer Änderung der Auflagenpolitik geführt. Viel­mehr versucht die Weltbank in Zusammenarbeit mit anderen UN-Organisationen seit Mitte der 80er Jahre, die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf Armutsgruppen durch die Anregung und (finanzielle) Unterstützung kompensatorischer Sozialmaßnahmen in den betroffenen Ländern abzumildern (Bohe et al. 1990; Fues/Unmüßig 1988; Siebold 1990; Siegler/Theis 1993; Zuckermann 1991). In vielen der von der Weltbank im Jahr 1986 untersuchten Ländern hat die Arbeitslosigkeit deutlich zugenommen und zum Sinken des Lebensstandards geführt (vgl. Siegler/Theis 1993: 75ff). Daß man gerade diese Effekte erzielen wollte, wird in der Studie keineswegs ver­schwiegen:

„Allerdings[...] sollte nicht vergessen werden, daß Einkommensverluste sowie ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit durchaus beabsichtigte Ziele der Anpassungsprogramme waren“ (Weltbank, zit. in: Chahoud 1988: 52).

In der Türkei gingen die Reallöhne drastisch zurück, ohne daß dadurch die Anzahl der Be­schäftigten nennenswert erhöht werden konnte. Gleichzeitig kam es zu erheblichen Vermögens­umschichtungen (Wolf 1989: 39f).

„By 1985 real wages in manufacturing had dropped to their 1965 level. Real wages and salaries as a share of nonagricultural factor income were estimated to have fallen from 52 percent in 1977 to 22 percent in 1986. [...] Agricultural labor experienced a similar deteriorating trend in income. According to recent estimates, the agricultural terms of trade [...] deteriorated by 53 percent during 1976-86. Such a dramatic relative price change is unique in the postwar history of Turkey“ (Khan 1991: 455f).

Aus Chile und Mexiko wird von ähnlichen Auswirkungen berichtet. Trotz der wirtschaftlichen Erholung in Chile in den späten 80er Jahren, haben besonders die unteren Lohngruppen starke Einkommensverluste hinnehmen müssen. Während sich die Profitrate zwischen 1980 und 1987 deutlich verbesserte, gingen zwischen 1982 und 1987 die durchschnittlichen Reallöhne um 13 Prozent und die Mindestlöhne sogar um 44 Prozent zurück (Mora 1991: 485). In Mexiko sind die Reallöhne zwischen 1982 und 1988 um 40 Prozent gefallen, und die Arbeitslosigkeit hat trotz niedrigerer Löhne zugenommen (Nash 1991). Selbst wenn man berücksichtigt, daß Bezieher fester Einkommen und Staatsbedienstete in der Regel nicht zu den ärmsten gesellschaftlichen Gruppen gehören, verbirgt sich in diesen Zahlen ein gehöriges soziales und politisches Konfliktpotential.

Erfahrungen mit Strukturanpassungsmaßnahmen aus Peru zeigen, daß sich auch im Verlauf der 90er Jahre Armut und Verelendung in den sog. Entwicklungsländern durch die Anpassungspolitik (wahr­scheinlich) eher vergrößern werden. Dort wurden 1990, nach dem Wahlsieg von Präsident Fujimori, Wirtschaftsreformen nach Strukturanpassungsauflagen von IWF und Weltbank eingeleitet. Bislang konnten die gesteckten Ziele einer Stabilisierung der Makroindikatoren der Volkswirtschaft nicht erreicht werden. Dafür aber sind - abgesehen von einer verschwindend kleinen Elite - nahezu alle anderen gesellschaftlichen Gruppen negativ von den Maßnahmen betroffen. Das Reformprogramm setzte in ähnlichen Bereichen1 an, wie ein Jahr später in Indien (vgl. Kapitel „Strukturanpassung in Indien“). Die negativen Auswirkungen dieser Reformen sind nach Ansicht des kanadischen Ök­onomen Chossudovsky einzigartig in der „Geschichte“ der Strukturanpassungspolitik von IWF und Weltbank. Anstatt die peruanische Inflation einzudämmen, stiegen die Preise für viele Produkte des täglichen Bedarfs ins Grenzenlose. Von einem auf den anderen Tag verteuerten sich im August 1990 z.B. Treibstoffe um fast 3000 Prozent und der Preis für Brot um 1150 Prozent. In einem einzigen Monat betrug die Inflationsrate für Nahrungsmittel 446 Prozent (Chossudovsky 1992: 341). Da gleichzeitig die Indizierung der Löhne aufgegeben wurde, mußten die meisten Lohnempfängerinnen und Lohnempfänger einen Rückgang ihrer Reallöhne um weit mehr als 60 Prozent hinnehmen.2 Eine 1991 ausgebrochene Choleraepidemie mit 200.000 Krankheitsfällen und mehr als 2000 Toten sowie ein epidemieartiges Ansteigen von Tuberkuloseerkrankungen sollen direkte Auswirkungen der Wirtschaftsreformen gewesen sein (vgl. Herf/Recknagel 1991: 62f,; Knauth 1991). Die Wirtschaft Perus schlitterte in eine tiefe Rezession, da durch den Abbau der Zollbarrieren ausländische Produkte ungehindert auf den Markt drängen konnten; das Zahlungsbilanzproblem Perus verschärfte sich weiter.

So wie monetaristische Wirtschaftspolitiken in den Industrienationen die Verwertungsinteressen des Kapitals auf Kosten einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaften gestärkt haben, kann dies auch in den Entwicklungsländern festgestellt werden. Dort sind jedoch die Auswirkun­gen erheblich schwerwiegender, da die sozialen Errungenschaften westlicher Industrienationen erst rudimentär vorhanden sind und durch den auferlegten Sparzwang im Bereich der öf­fentlichen Körperschaften auch nicht weiter ausgebaut werden können.

Die wirtschaftliche Elite der betreffenden Länder, d.h. das moderne Unternehmertum, konnte zwar vielfach die Bedingungen der Kapitalakkumulation durch die Senkung der Lohnkosten und ggf. den Wegfall staatlicher Konkurrenz verbessern, sieht sich gleichzeitig aber auch immer mehr ausländischer Konkurrenz gegenüber, sei es, weil Importrestriktionen abgebaut oder der Marktzugang für ausländische Investoren erleichtert wurde. Für diese haben sich die Bedingun­gen (theoretisch) verbessert; vielfach wurden Restriktionen hinsichtlich des Kapitaltransfers abgebaut, Investitionsbeschränkungen aufgehoben, die Lohnkosten reduziert, das Wettbewerbs­recht geändert etc. Für die Produzenten von Agrarprodukten haben sich vielfach die Produktionsbedingungen verbessert, vor allem, wenn sie Exportprodukte anbauen. Ob damit eine Verbesserung der Einkommenslage und der Ernährungssituation im betreffenden Land einhergeht, kann letztlich nur in differenzierten Einzelfallanalysen beurteilt werden.

Durch den Ausbau der Exportproduktion fallen zunehmend Flächen weg, die bislang für lokale bzw. inländische Märkte (bes. zur Nahrungsmittelproduktion!) genutzt wurden. Je lukrativer die Exportproduktion ist, desto rapider verläuft dieser Wandel der Landnutzungs- und Anbaumuster. Somit werden (theoretisch) auch die Anbaubedingungen für Produzenten des lokalen Marktes günstiger, da ihre Produkte knapper werden. Fehlende Kaufkraft drängt aber viele, vor allem landlose (Konsumenten)-Gruppen vom Markt, was hinsichtlich ihrer Ernährungssituation durch den parallel verlaufenden Abbau von Nahrungssubventionen zusätzlich bedeutsam wird. Insgesamt nimmt durch einkommenssenkenden Maßnahmen im formellen Sektor und einen allgemeinen Rückgang der Beschäftigtenzahlen die aggregierte Kaufkraft der Bevölkerung ab, und die bäuerlichen Familien können u.U. - trotz günstigerer Produzentenpreise - eher weniger als mehr erwirtschaften. Für Zambia z.B. stellt Rauch fest:

„Die IWF-Strukturanpassungspolitik führte in Zambia zwar zu einem Abbau des ,urban bias'. Angesichts der eher auf Beschränkung als auf Förderung von Massenkaufkraft außerhalb der Landwirtschaft ausgerichteten Strategie ist der Markt für Agrarprodukte jedoch zu begrenzt, als daß die Masse der Kleinbauern die ver­besserten Einkommenschancen nutzen könnte. Da der Zugang zum Markt sozial und regional selektiv ist, wird die Differenzierung der kleinbäuerlichen Bevölkerung verstärkt und das Problem der ländlichen Armut eher verschärft“ (Rauch 1990: 25).

Weiterhin muß berücksichtigt werden, daß die Liberalisierung des Außenhandels i.d.R. zu einem Abbau von Importkontrollen bzw. -verboten im agrarischen Bereich führt, und die Märkte vieler Länder mit importierten Nahrungsmitteln überschwemmt werden. So hat z.B. Präsidentin Aquino auf den Philippinen gleich nach ihrer Amtsübernahme im Jahr 1986 die Liste der Pro­dukte mit Importbeschränkungen erheblich reduziert, darunter auch viele Agrarprodukte.

„Seit 1987 hat die Regierung ihre Importe von Reis und Mais gesteigert, zum Schaden der lokalen Produzenten. In einer Situation der Unterversorgung bleiben die Erzeugerpreise für Palay und Mais wegen des fortgesetzt hohen Imports dieser Waren auf niedrigem Niveau. [...] Es ist deshalb kein Zufall, daß die ReisProduktion zu einem unrentablen Geschäft geworden ist. Wachsende Kosten und viel zu niedrige Preise lassen für die lokalen Erzeuger keine komparativen Kostenvorteile gegenüber anderen asiatischen Erzeugern und den übermächtigen nordamerikanischen Exporteuren zu“ (Lara 1991: 125).

Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank sollen helfen, die Volkswirtschaften der betroffenen Länder (wieder) auf Wachstumskurs zu bringen. Es wird dabei (offensichtlich) an­genommen, daß dies mittels der Stärkung privater Initiative bei gleichzeitiger intensiver Welt­markteinbindung auch erreicht werden kann. Der entscheidende Ansatzpunkt für Reformen wird demnach in den betroffenen Ländern selbst gesehen. Es wird dabei schlichtweg verkannt, daß die Entwicklungen in diesen Ländern über die zunehmende Anbindung an das globale Wirtschaftssystem von den dort herrschenden Strukturen und Prozessen beeinträchtigt werden. Weltbank und IWF vergeben Kredite und sorgen dafür, daß auch andere Banken das betreffende Land (wieder) als kreditwürdig erachten. Weitere Kredite folgen. Die Rückzahlungen dieser Kredite hängt letztlich davon ab, wie weit das betroffene Land seine Exporte gegenüber den Importen ausweiten kann, um genügend Devisen zum Schuldendienst zu erwerben. Die Prioritäten sind mithin gesetzt.

4.2 Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen

Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade, GATT) trat am 1. Januar 1948 in Kraft. Ziel von GATT ist die schrittweise Liberalisierung des Welthan­dels durch den Abbau von Handelsschranken zwischen den Nationen. Bislang wurden im Rahmen des GATT acht Verhandlungsrunden abgeschlossen, die jüngste von ihnen - die sog. „Uruguay-Runde“ - nach mehr als sieben Jahren Verhandlungsdauer im Dezember 1993.

Der wichtigste Grundsatz, denen sich die Vertragsparteien des GATT verpflichten, sind: Handel ohne Diskriminierung. Dieser Grundsatz ist in der sog. Meistbegünstigungsklausel niedergelegt, die jegliche Diskriminierung im internationalen Handel untersagt (GATT Art.I 1986: 371). Nach diesem Grundsatz hat keine Vertragspartei das Recht, einer anderen besondere Handelsvergün­stigungen gegenüber anderen Vertragsparteien einzuräumen.

Um eine Tranzparenz der Marktzugangsbedingungen herzustellen, legt das GATT fest, daß Schutz­maßnahmen auf Zölle zu beschränken sind und jegliche Art nicht-tarifärer Handelshemmnisse,1 „sei es in Form von Kontingenten, Einfuhr- und Ausfuhrbewilligungen oder in Form von anderen Maßnahmen weder erlassen noch beibehalten werden dürfen“ (GATT Art.XI 1986: 384). Die Vertragsparteien verpflichten sich dadurch also nicht zu einem vollständigen „Freihandel“, sondern erkennen zunächst lediglich den Anspruch der formalen Transparenz bei Handelsbeschränkungen an. Dieses „tariffs-only“-Prinzip vereinfacht den schrittweisen Abbau von Handelshemmnissen, da „nur noch“ über Zollsenkungen verhandelt werden muß. Zusätzlich wird durch das GATT eine Zollbindung festgelegt, in der vereinbart wird, daß ein durch Verhandlungen einmal erreichtes Zollniveau nicht wieder erhöht werden darf (Gröner/Schüller 1989).

Als weiteres wichtiges Prinzip kommt das der Reziprozität hinzu. Das Prinzip der Gegenseitigkeit besagt im wesentlichen, daß alle Staaten, denen von anderen Vertragsparteien des GATT Zugeständnisse eingeräumt werden, gleichwertige Gegenleistungen zu erbringen haben (Ipsen/Haltern 1991: 27). Dadurch soll gewährleistet werden, daß die im Rahmen von Zollverhandlungen gemachten Zugeständnisse in einem Bereich durch Vorteile in einem ande­ren Bereich ausgeglichen werden. Das Prinzip der Gegenseitigkeit lei­stet jedoch einem Bilateralismus Vorschub, da die Ausgleichsregelungen immer nur im konkreten Fall zwischen den betroffenen Nationen ausgehandelt werden. Dabei erweist es sich nicht selten als zutreffend, daß Nationen von „gewichtiger Verhandlungsmasse“ einseitig profitieren. Aus diesem Grund wurde das Prinzip der Gegenseitigkeit vor allem von seiten der sog. Entwicklungsländer in Frage gestellt. Diese sahen darin nichts anderes, als ein Druckmittel der - hinsichtlich des Handels - starken Nationen zu Lasten der schwachen Staaten (Senti 1986: 66).

4.2.1 Ausnahmeregelungen und Schutzmaßnahmen im GATT

Schon der im vorigen Abschnitt angeführte Hinweis auf eine Vielzahl heute bestehender, dem Geiste des GATT widersprechender nichttarifärer Handelshemmnisse, läßt im Vertragswerk des Abkommens eine ganze Anzahl von „Hintertüren“ vermuten. Oppermann/Baumann sehen in diesen sog. Ausnahmeregelungen eine Erhöhung der Flexibilität des GATT, um der unterschiedlichen Wirtschaftslage und -struktur der Vertragsparteien besser gerecht werden zu können (dies. 1991: 104). Dem muß allerdings entgegengehalten werden, daß diese „Flexibilität“ letztlich das Eingeständnis bedeutet, daß ein liberaler Welthandel nur dann erwünscht ist, wenn er nationale Wirtschaftsinteressen nicht bedroht. Ausnahmeregelungen1 sollen die Auswirkungen der Strukturanpassung auf die Beschäftigungslage oder das Wirtschaftswachstum abfedern.

4.2.1.1 Die Sonderstellung der sog. Entwicklungsländer im GATT

2 Das GATT verzichtet in seinen Vertragsbestimmungen auf eine nähere Definition der Bezeichnung „Entwicklungsland“ und versteht darunter jene Vertragsparteien, „deren Wirtschaft nur einen niedrigen Lebensstandard zuläßt und sich in den Anfangsstadien der Entwicklung befindet“ (GATT-ART. XVIII: 1; 1986: 394). Genauere Bestimmungen, wie sie z.B. IWF, Weltbank oder auch die OECD vornehmen, sind im GATT nicht zu finden. Verschiedene Regelungen des GATT bewirken, daß die sog. Entwicklungsländer innerhalb des Vertragswerkes in Bezug auf die Bereiche der Gegenseitigkeit und Meistbegünstigung eine Sonderstellung einnehmen (Ipsen/Haltern 1991: 30ff; Oppermann/ Bau­mann 1991: 104f; Senti 1986: 312ff). Bereits die Havanna-Charta aus dem Jahr 1947 gewährte den Entwicklungsländern einen solchen Sonderstatus; da diese Charta nie zur ursprünglich beabsichtigten - Gründung einer Internationalen Handelsorganisation (ITO) führte, wurden diese Bestimmungen auch nicht wirksam (Engels 1991: 61; Seitz 1989: 21; Seitz/Windfuhr 1989: 96; Senti 1990: 21). In den späteren Verhandlungsrunden wurden immer wieder Arbeitsgruppen eingerichtet, die Vorschläge zu einer Sonderbehandlung der Entwicklungsländer ausarbeiten sollten, doch bis Mitte der 60er Jahre konnten für diese Länder keine wesentlichen Verbesserungen erreicht werden (Senti 1990: 22). Zwar hatte sich mit der Zeit die Mitgliederstruktur des GATT zugunsten der Entwicklungsländer erheblich verbessert,3 doch nur allmählich konnten die Entwicklungsländer zumindest formell eine Sonderbe­handlung im GATT erringen. 1966 wurde unter Druck des damaligen Generalsekrätärs der UNCTAD, Raul Prebisch, ein neuer Bereich in das GATT-Vertragswerk eingefügt, der ausschließlich den Status der Entwicklungsländer im GATT zum Inhalt hat (vgl. Engels 1991: 62; Ipsen/Haltern 1991: 30ff; Senti 1986: 312ff; Langhammer 1987: 120ff; Müller 1983: 50ff). In diesem neuen Teil des GATT-Abkommens wird vor allem das Prinzip der Gegenseitigkeit von Maßnahmen in Bezug auf die Entwicklungsländer aufgehoben (GATT-Art. XXXVI).

Mit Ausnahme dieses Verzichtes auf Reziprozität beinhaltet der eingefügte Teil zum Status der Entwicklungsländer keine substantiellen Verbesserungen, sondern „ähnlich einer Gesetzesprä­ambel werden allgemeine Zielvorstellungen und Grundsätze festgehalten, ohne dabei [...] bis zu normativen Bestimmungen vorzustoßen“ (Senti 1986: 314). Schultz sieht in der Nicht-Reziprozität sogar eine Benachteiligung für die Entwicklungsländer. Vor allem bezüglich der Er­gebnisse der Tokio-Runde (1973-1979) stellt er fest, daß - während die Zölle für gewerbliche Produkte weiter reduziert wurden - die Zollsenkungen für Produkte, an denen vor allem Ent­wicklungsländer ein Exportinteresse hatten, deutlich geringer ausfielen (ders. 1990: 14). Mit Abschluß der Tokio-Runde im Jahr 1979 wurden dann die sog. Entwicklungsländer einseitig vom Prinzip der Meistbegünstigung ausgenommen. Die sog. enabling clause legt fest:

„Ungeachtet des Artikels I des GATT können die Vertragsparteien den Entwicklungsländern eine differenzierte und günstigere Behandlung gewähren, ohne diese Behandlung den anderen Vertragsparteien zu gewähren“ (GATT 1990: 23).

Dabei handelt es sich also um eine legalisierte, GATT-konforme Ausnahme vom Prinzip der Meistbegünstigung, die den Entwicklungsländern gewährt werden kann. Bevor diese Bestimmung in das GATT-Vertragswerk aufgenommen wurde, bedeutete eine solche Ausnahme von dem Prinzip der Meistbegünstigung ein Verstoß gegen die Grundsätze des GATT, bzw. es mußten durch sog. Waiver (s.u.) im Einzelfall Genehmigungen erteilt werden. Abgesehen davon, daß der Verzicht auf das Prinzip der Meistbegünstigung in diesem Fall lediglich auf einer „Kann“-Bestimmung beruht, muß ihre Bedeutung auch noch in der Form relativiert werden, daß der in den Genuß von Präfer­enzen kommende Welthandelsanteil relativ klein ist, schätzungsweise drei bis vier Prozent des vom GATT erfaßten Welthandels (Senti 1986: 317). Darüberhinaus besteht bei den Industrienationen die Neigung, solche Präferenzabkommen mit sog. Entwicklungsländern vorrangig für solche Produkte abzuschließen, die keine Konkurrenz für einheimische Produzenten bedeuten (Senti 1990: 23). Die zwischen der EG und den AKP-Staaten abgeschlossenen Präferenzvereinbarungen im Rahmen der verschiedenen Lomé-Abkommen bezogen sich deshalb schwerpunktmäßig auf nichtkonkurrierende, tropische Anbauprodukte, während für konkurrierende Produkte quantitative und saisonale Begrenz­ungen immer noch die Regel sind (Michelsen et al. 1991: 85ff). Dabei bedient sich die EG beson­ders häufig des sog. „freiwilligen Selbstbeschränkungsabkommens“, einer Variante der nicht-tarifären Handelshemmnisse, bei der sich die Exportländer freiwillig dazu verpflichten, nur die zwischen den Regierungen ausgehandelte Menge bestimmter Produkte in das Importland auszu­führen (Bender 1990). Ipsen/Haltern (1991) nennen die “Freiwilligkeit“ bei dieser Form des „ negotiated protectionism “ eine Farce, da die Produzenten regelmäßig mit der Androhung von Importverboten zum Abschluß gezwungen werden (dies. 1991: 38). Diese Art von Exportabkom­men sind überdies besonders schwer durch das GATT zu überwachen, weil sie seine Kontrollme­chanismen unterlaufen, die ohne eine Beschwerde nicht aktiviert werden können (dies. 1991: 38ff).

Generell zeigte sich in den 60er und verstärkt den 70er Jahren, daß die traditionellen Schutzme­chanismen der Zölle immer mehr durch die flexibleren und vom GATT bis dahin nicht behandelten nicht-tarifären Handelshemmnisse abgelöst wurden („neuer Protektionismus“) (vgl. Senti 1990: 26f). Zwar gilt die den Entwicklungsländern gewährte Ausnahme von der Meistbegünstigung auch für diesen Bereich, d.h. daß auch bei nicht-tarifären Handelshemmnissen den sog. Entwicklungslän­dern eine „großzügigere“ Behandlung zukommen soll. Da dieser Bereich aber weitaus schwieriger zu überwachen ist als Zollbestimmungen, haben sich die Zugangschancen der sog. Entwicklungslän­der zu den Märkten der Industrienationen auch durch die Ausnahme von der Meistbegünstigung nicht verbessern können (Schultz 1990: 16). Neben diesen wichtigsten Bestimmungen, die den sog. Entwicklungsländern formell einen besonderen Status im GATT einräumen, gibt es weitere Ausnahmeregelungen und Schutzbestimmungen, die für alle Vertragsparteien in gleicher Weise gelten.

4.2.1.2 Sondergenehmigungen (waiver)

In Art. XXV des Vertragswerkes ist es vorgesehen, daß eine Vertragspartei unter besonderen, im GATT-Vertragswerk nicht näher umschriebenen Umständen von den ihr durch das GATT aufer­legten Verpflichtungen befreit werden kann (GATT ART. XXV: 5; 1986: 407). Im Grunde genommen stellen diese waiver nichts anderes als eine Möglichkeit dar, die im GATT-Abkommen niedergelegten Grundsätze zu umgehen. Dadurch werden „Vertragsverletzungen, Maßnahmen und Vorkehrungen, die offenkundig gegen den Geist des GATT verstoßen, zuge­lassen und legalisiert“ (Senti 1986: 283).

Seit Bestehen des GATT nehmen die waiver einen großen Stellenwert ein, wobei seit den 70er Jahren ihre Bedeutung nachzulassen scheint (Senti 1986: 284). Darin eine Abnahme von protektionistischem Verhalten zu sehen, wäre allerdings verfehlt. Es ist vielmehr zu vermuten, daß mit der anhaltenden Rezession ab den 70er Jahren verstärkt protektionistische Maßnahmen ergriffen wurden, ohne daß dafür Sondergenehmigungen von den Vertragsparteien vergeben worden wären. Die beträchtlichsten Sondergenehmigungen, die bis heute fortbestehen, betreffen bestimmte Produkte1 der Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten. Diese Bereiche dürfen mit Zustimmung des GATT seit 1955 durch Sub­ventionen und Importerschwerungen geschützt werden (Oppermann/Beise 1991: 455).

4.2.1.3 Unterscheidung zwischen Industriegütern und Rohprodukten

In mehreren Bestimmungen des GATT-Abkommens werden Industriegüter und Rohprodukte unterschiedlich behandelt. So sind Exportsubventionen für Industriegüter verboten, nicht aber für Grundstoffe (GATT ART. XVI). Dadurch werden die Exportländer für Rohprodukte - zu denen i.d.R. besonders die sog. Entwicklungsländer gehören - benachteiligt, da subventionierte Rohprodukte aus den Industrienationen ihre Wettbewerbschancen auf dem Weltmarkt schmä­lern. Nach Art. XI werden Produkte aus Landwirtschaft und Fischerei unter bestimmten Um­ständen auch aus dem Verbot mengenmäßiger Importbeschränkungen ausgenommen, so daß sich - aufgrund ihrer Produktionsstruktur - auch aus dieser Bestimmung tendentiell eine Be­nachteiligung der sog. Entwicklungsländer gegenüber den Industrienationen ergibt.

4.2.1.4 Schutzmaßnahmen

Eine große Anzahl weiterer Bestimmungen erlauben es den Vertragsparteien, von Prinzipien des GATT-Abkommens abzuweichen, wenn die Erfüllung einzugehender Verpflichtungen ihrer Wirtschaft ernsthaften Schaden zufügen würde (GATT Art XIX). Da die Bestimmungen der Schutzklauseln recht großen Raum für unterschiedliche Interpretationen lassen, sind sie bestens dazu geeignet, im „Notfall“ das GATT-Abkommen einfach außer Kraft zu setzen und sich bila­teralen Handelspraktiken zuzuwenden. Dies wird vor allem in Zeiten der Rezession relevant, wie in den letzten Jahren eine wachsende Inanspruchnahme der Schutzbestimmungen des GATT - vor allem durch die Industrienationen - verdeutlichte (vgl. Senti 1986: 199f). In Art. XIX, auch als Schutzklausel (escape clause) bezeichnet, wird festgelegt:

„Wird infolge unvorhergesehener Entwicklungen und der Auswirkungen der von einer Vertragspartei auf Grund dieses Abkommens eingegangenen Verpflichtungen, einschließlich der Zollzugeständnisse, eine Ware in das Gebiet dieser Vertragspartei in derart erhöhten Mengen und unter derartigen Bedingungen eingeführt, daß dadurch den inländischen Erzeugern gleichartiger oder unmittelbar konkurrierender Waren in diesem Gebiet ein ernsthafter Schaden zugefügt wird oder zugefügt zu werden droht, so steht es dieser Vertragspartei frei, ihre hinsichtlich einer solchen Ware übernommene Verpflichtung ganz oder teilweise aufzuheben oder das betreffende Zugeständnis zurückzunehmen oder abzuändern, soweit und solange dies zur Verhütung oder Behe­bung des Schadens erforderlich ist“ (GATT Art. XIX; 1986: 400f).

Eine weitere Schutzmaßnahme betrifft die Landwirtschaft, die von dem allgemeinen Verbot mengenmäßiger Beschränkungen faktisch ausgenommen wurde. Vor allem Art. XI erlaubt die Anwendung nicht-tarifärer Handelshemmnisse zum Schutz der eigenen Agrarpolitik (GATT-Art. XI: 2c 75). Die Umstände, unter denen die Anwendung solcher Maßnahmen in Frage kommen, sind ausgesprochen vielfältig interpretierbar. Sie konnten dazu führen, daß die Landwirtschaft der Industrienationen seit Bestehen des GATT de facto aus den Prinzipien des Vertragswerkes aus­geschlossen ist. Senti bezeichnet deshalb Art. XI (2c) als einen „der schwächsten Artikel des gesamten Vertragswerkes, nicht nur, weil er dem Protektionismus zugunsten der Landwirtschaft Tür und Tor öffnet, sondern weil er in direktem Widerspruch zu den Zielsetzungen des GATT steht“ (ders. 1986: 257). Art. XII und XVIII erlauben schließlich handelsbeschränkende Maßnahmen zum Schutz der Zahlungsbilanz.

4.2.2 Die Uruguay-Runde des GATT

„The Uruguay Round is an attempt to change the nature of the GATT in ways which give rise to great concern. For it is an attempt to restructure and refashion the rules of the international trading system in accordance with the interests and concerns of the major trading nations“ (Südkommission, zitiert nach Ipsen/Haltern 1991: 1).

„Die Uruguay Runde ist vielleicht einer der seltenen Orte, wo Geschichte nicht bloß aus der Summe kleiner unscheinbarer Ereignisquanten abgesondert wird, sondern wo sie sich als Ganzes erfassen und steuern, sicher aber beeinflussen ließe. [...] Mit ihren Ergebnissen könnte sie wirtschaftlichen Span­nungen vorbeugen und somit auch Konflikte verhindern. In diesem Sinne ist die Uruguay Runde mindestens so wichtig wie weit mehr beachtete Bemühungen, vorhandene Konflikte als solche zu entschärfen und die verheerendsten Mittel ihrer Austragung zu ächten, denn sie befaßt sich unmittelbar mit einer der eigentlichen Ursachen der Bedrohung“(Balz 1988: 125).

Wie die oben angeführten Zitaten verdeutlichen, werden die Auswirkungen der Achten Verhand­lungsrunde des GATT, die im Jahr 1986 in Punta del Este (Uruguay) eingeleitet und im Dezember 1993 in Brüssel abgeschlossen wurde, recht unterschiedlich eingeschätzt. Beide Sichtweisen sind dabei wahrscheinlich zutreffend, beziehen sich aber jeweils nur auf einen be­stimmten Aspekt des Welthandelssystems. Als tatsächlich besorgniserregend stellen sich die zu erwartenden Auswirkungen des Vertragswerkes auf die Stellung der sog. Entwicklungsländer im Welthandel dar, wie es von der Südkommission formuliert wurde. Der im zweiten Zitat angesprochene Aspekt der Konfliktvermeidung bezieht sich hauptsächlich auf das Verhältnis der Industrienationen zueinander und dabei vor allem auf das Verhältnis zwischen den Nationen der Eu­ropäischen Union, den USA und Japan. Diese drei Wirtschaftsblöcke haben die Ver­handlungen in weiten Teilen bestimmt und gehören zu den voraussichtlichen Gewinnern einer weiteren Liberalisierung des Welthandels. Schätzungen gehen davon aus, daß durch die Ergeb­nisse der Uruguay-Runde zu Beginn des kommenden Jahrhunderts das Welthandelsvolumen jährlich um über 200 Mrd. US-Dollar ansteigen wird. Über 66 Prozent der Zunahmen soll dabei auf die Industrienationen entfallen, während unter den sog. Entwicklungsländern vor allem China und die Schwellenländer Asiens profitieren werden. Für den afrikanischen Kontinent wird sogar ein Rückgang des Welthandelsvolumens vorausgesagt.

Schon die Verhandlungszeit von über sieben Jahren, in denen die abschließenden Verhandlun­gen mehrmals verschoben wurden, verdeutlichen, wie verschieden die Interessen der teilneh­menden Staaten bei den Verhandlungen waren. Erschwert wurden die Verhandlungen dadurch, daß eine ganze Reihe von Themen aufgenommen worden waren, die bislang vom GATT nicht behandelt worden waren oder einen Sonderstatus hatten.

„Bereiche wie Landwirtschaft, Dienstleistungen (im Bank-, Versicherungs-, Telekommunikations-, Verkehrs-, Tourismusbereich ebenso wie bei Management, Ingenieur- und Planungsleistungen), handelsbezogene Aspekte des Schutzes “Geistigen Eigentums“ und handelsrechtliche Aspekte internationaler Investitionen tauchten - vor allem aufgrund US-Initiative - neben den bisherigen Verhand­lungsthemen erstmals als verhandlungswürdige Materie auf“ (Oppermann/Baumann 1991: 106).

Die Vertragsparteien waren untereinander die Vereinbarung eingegangen, daß ein Abschluß nur dann zu erreichen sei, wenn alle zur Verhandlung anstehenden Fragen geregelt sind. Es war also nicht möglich, lediglich einzelnen Verhandlungsergebnissen in einigen Bereichen zuzustimmen, sondern den Nationen blieb nur übrig, dem ausgehandelnden Vertragswerk beizutreten oder aber aus dem GATT auszuscheiden (MAY 1993: 463). In letzterem Falle hätten sie alle Vorteile, die sich aus einer Zugehörigkeit zum GATT ergeben, aufgeben müssen. Dieser Grundsatz des „take it or leave it“ - in der Literatur auch als „kuhhandelsähnliche Vorgehensweise“ bezeichnet (vgl. Oppermann/Baumann 1991: 106) - brachte vor allem die sog. Entwicklungsländer in arge Bedrängnis (Ipsen/Haltern 1991: 47).

Auf der einen Seite wollten sie auf die in Aussicht gestellten verbesserten Zugangsmöglichkeiten ihrer Agrarprodukte und Textilien auf die Märkte der Industrienationen nicht verzichten, auf der anderen Seite sahen sie in den neuen Verhandlungsbereichen eine ernsthafte Bedrohung ihrer nationalen Souveränität, zumal die voraussichtlichen Gewinne nur sehr schwer abzuschätzen waren. Dies wurde umso folgenreicher empfunden, da Vertragsverletzungen in einem Bereich mit Sanktionen in einem vollständig anderen Bereich geahndet werden können (Cross Retalia­tion; vgl. Stewart/Callahan 1994: 2802f).

4.2.2.1 Die Bedeutung des Agrarberei­ches für die Uruguay-Runde

1 Schon bald nach Beendigung der Siebten Verhandlungsrunde des GATT im Jahr 1979 (Tokio-Runde) unternahmen die USA den Versuch, eine neue Verhandlungsrunde einzu­berufen, die bereits im Jahr 1982 beginnen sollte (Ipsen/Haltern 1991: 45).

„So hat die Regierung Reagan Anfang der achtziger Jahre mit großem Aufwand versucht, eine neue GATT-Runde einzurichten, doch wurden diese Bemühungen jahrelang verzögert - zum einen von der Eu­ropäischen Gemeinschaft, die den Agrarhandel nicht in das GATT integrieren wollte, und zum an­dern von Entwicklungs­ländern, vor allem Indien und Brasilien, die gegen die neuen Bereiche und vor allem gegen die Einbeziehung der Dienstleistungen waren“ (May 1993: 468).

Mit ihrer Agrarpolitik greift die EG/EU marktverzerrend in den Handel mit Agrarprodukten ein. Sie begibt sich damit in einen Konflikt zu anderen Nationen, die zwar komparative Kostenvorteile bei der Produktion von Nahrungsmittel haben, ihre Produkte aber - trotzdem sie die günstigsten An­bieter sind - nicht in den Ländern der Europäischen Union absetzen können. Das Gegenteil ist der Fall: durch die Überschüsse der EG/EU, die hochsubventioniert auf den Weltmarkt gelangen, kommt es dort zu einem Preisverfall. Selbst wenn ein Markt also nicht direkt durch protektionist­ische Maßnahmen abgeschottet ist, können diese günstigsten Anbieter keine realen (d.h. kosten­deckenden) Preise für ihre Produkte erzielen. Dadurch wurden die Weltmarktpreise für bestimmte Agrarprodukte wie z.B. Zucker, Milchprodukte, Getreide und Rindfleisch regelrecht zerstört (Walter 1994). Die EG hat im Jahr 1986 z.B. Rindfleisch zum Preis von 1 DM/kg nach Brasilien exportiert; die dabei bezahlten Exportsubventionen überstiegen den erzielten Erlös um das Dreifache. Gegen diese aggressive Preispolitik hatten die einheimischen Erzeuger keine Chance - deren Produktions­kosten lagen bei 2,60 DM/kg (Michelsen et al. 1991: 64; vgl. Tangermann 1987).

Wie beträchtlich die Subventionen für die Landwirtschaft z.B. in der BRD sind, verdeutlichen die Zahlen, die von der Bundesregierung - anläßlich einer Großen Anfrage der SPD zu den GATT-Verhandlungen im Dezember 1991 - genannt wurden. Die Subventionen, die den deut­schen Landwirten im Jahr 1990 von EG, Bund und Ländern ausgezahlt wurden, beliefen sich auf insgesamt 18,1 Mrd. DM. Bei 961.000 Erwerbstätigen im landwirtschaftlichen Sektor „errechnet sich an Subventionen ein Betrag von 18.835 DM pro Erwerbstätigem in diesem Sektor“ (Deutscher Bundestag 1991, Drucksache 12/1745: 7).

Wenngleich die EG/EU-Agrarpolitik gerne als „subventionierte Unvernunft“ bezeichnet wird, wäre es falsch, sie als „irrational“ zu charakterisieren (OPPERMANN/BEISE 1993: 6); sie ist - im Gegen­teil - auf eine ganze Reihe nachvollziehbarer Ursachen zurückzuführen: In der BRD waren im Jahr 1992 lediglich rund 1,2 Millionen Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, was einem Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen von 3,4 Prozent gleichkommt (Agrarbericht 1994: 10). Von den 6,2 Millionen exportabhängigen Arbeitsplätzen in der BRD sind lediglich 200.000 (unmittelbar) in der Landwirtschaft angesiedelt (Oppermann/Beise 1993: 5). Hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein erhebliches Konfliktpotential, da sich der überwiegende Teil dieser Landwirte in einem freien Wettbewerb gegenüber ausländischer Konkurrenz nicht behaupten könnte. Paradoxerweise verursachte gerade der hohe technologische Standard dieser Landwirtschaft auch ihre Kon­kurrenz un fähigkeit; der hohe Einsatz betriebsfremder Produktionsmittel hat die Produktionskosten inzwischen derart ansteigen lassen, daß eine „ungeschützte“ Landwirtschaft unweigerlich einer Strukturanpassung zum Opfer fallen und viele der direkt und indirekt in der Landwirtschaft Beschäftigten arbeitslos werden lassen würde. So wären schließlich nicht nur die unmittelbar im landwirtschaftlichen Produktionsbereich Beschäftigten, sondern auch die in den von diesem Sektor abhängigen vorgelagerten Produktionsbereichen betroffen. Dazu gehören z.B. die chemische Industrie mit Produkten wie Düngemitteln und Pestiziden etc. oder auch der Landmaschinenbau.

Neben diesen beiden - hauptsächlich ökonomisch und arbeitsmarktpolitischen - Motiven, darf ein anders motiviertes Interesse nicht übersehen werden: eines der wichtigsten Ziele nationaler Agrarpolitik besteht in der Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln. Dieses Ziel wurde durch die Gemeinsame Agrarpolitik der EG/EU ohne Zweifel erreicht; heute hat die EG/EU für nahezu alle Agrarprodukte, die in diesem Wirtschaftsraum produziert werden, einen Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent erreicht (vgl. Statistisches Bundesamt 1994: 61). Durch eine Liberalisierung der Agrarmärkte würden bedeutend mehr Agrarprodukte aus Drittstaaten auf den EG/EU-Markt gelangen und heimischen Produkte verdrängen. Es würde dann spiegelbildlich das eintreten, was bislang Billigexporte der EG/EU in anderen Ländern angerichtet haben, nämlich die Behinderung bzw. Zerstörung der inländischen Produktion mit dem Ergebnis einer verstärkten Abhängigkeit von ausländischen Nahrungsmittellieferungen. Ökonomisch wäre dies von der EG/EU leicht zu bewältigen, zumal die Konsumentenpreise für Agrarprodukte dadurch sinken würden. Doch politisch gesehen ist eine verstärkte Abhängigkeit in einem derart existentiell bedeutsamen Bereich sicherlich nicht erwünscht. Die Macht der „Agrarlobby“ ist also weitaus größer, als es die volkswirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors vermuten läßt.

In wesentlichen Aspekten unterscheiden sich sowohl die Interessen als auch die Methoden der US-Agrarpolitik nicht allzu sehr von denen der EG/EU. Bislang haben sich die USA keineswegs durch eine „Freihandelspolitik“ im Agrarbereich ausgezeichnet; ihre Landwirtschaft ist in hohem Maße subventioniert und gegen Einfuhren abgeschottet. Doch die USA sind eher in der Lage, auf dieses umfangreiche und kostenzehrende Stützungssystem zu verzichten, da sie im Vergleich zur EG letztlich die wettbewerbsfähigere Produktionsstruktur besitzen (Ipsen/Haltern 1991: 77). Hier steht die hohe Kapitalintensität in einem weitaus besseren Verhältnis zur Produktionsstruktur, was die Landwirtschaft der USA konkurrenzfähiger und weniger anfällig gegenüber möglichen Importen macht. Trotzdem werden auch hier durch die Liberalisierung des Agrarhandels Strukturanpassungsprozesse erwartet:

„Ein völliger oder weitgehender Abbau der nationalen Beihilfen ist auch in ihrem eigenen Land (den USA, d.Verf.) nicht durchsetzbar. Bestimmte Bereiche wie Zucker, Erdnüsse und Milch genießen hohen Importschutz. [...] Auf jeden Fall würde ein substantielles GATT-Reformpaket auch weitreichende Anpassungsmaßnahmen in der amerikanischen Landwirtschaftsgesetzgebung nötig machen. Insbesondere die Importquoten, das im Vergleich zu Europa bescheidene Exportförderungsprogramm und die Höhe der nationalen Beihilfen stehen zur Disposition. Zudem müssen die Vereinigten Staaten Konzessionen gegenüber den effizienteren Produzenten der Cairns-Gruppe (s.u., d. Verf.) und der Entwicklungsländer machen, die Kosten für amerikanische Produzenten mit sich bringen werden“ (Falke 1991: 196).

Dennoch ist zu erwarten, daß eine Liberalisierung des Agrarhandels den Landwirten in den USA weniger abverlangen wird als ihren Kollegen in der EG/EU. Marktanteile, die die USA an andere Länder verlieren, können z.T. durch eine Ausweitung ihres Handels mit der EG kompensiert werden.

Als dritte Wirtschaftsmacht, die die GATT-Verhandlungen stark beeinflußt hat, ist Japan zu nen­nen. Anders als die USA und die EG/EU ist Japan ein Netto-Nahrungsmittelimporteur. Einem Exportwert in Höhe von 1,7 Mrd. US-Dollar steht ein Importwert von 21 Mrd. US-Dollar gegenüber (Surendra 1993: 57). Gemessen an den Nettohandelsströmen für Agrarprodukte ist Japan der größte Nahrungsmittelimporteur der Welt (Tangiguchi 1991: 72). Wie in der EG/EU oder den USA bestimmt auch in Japan die Subventionierung einer kapitalintensiven - und damit teuren - landwirtschaftlichen Produktion die Agrarpolitik, die den Landwirten so eine Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstandsgewinn ermöglichen soll. Als eine Nation, deren eigene Landwirtschaft kaum komparative Vorteile aufzuweisen hat und die in hohem Maße von Nahrungsmittellieferungen aus dem Ausland abhängig ist,1 hat Japan kaum Interesse an einer Liberalisierung des Agrarhandels. Dies ist besonders aus zwei Gründen der Fall:

- erstens würde eine Liberalisierung die Preise für die importierten Nahrungsmitteln für Japan erhöhen
- zweitens müßte Japan seinen Reismarkt - d.h. den einzigen Bereich im landwirtschaftlichen Sektor, in dem es Selbstversorger ist - für Importe öffnen.

Am zweiten Punkt sind vor allem die USA interessiert. Sie sehen darin eine Möglichkeit, ihr Handelsdefizit mit Japan zu verringern (Tangiguchi 1991: 78).

4.2.2.2.1 Die divergierenden Interessen der sog. Entwicklungsländer im Agrarbereich

Neben den USA trat vor allem die sog. Cairns-Gruppe für eine Liberalisierung des Welthandels mit Agrarprodukten ein. Dabei handelt es sich um einen heterogenen Verbund von 14 Nationen,2 deren landwirtschaftlichen Kapazitäten jeweils weit über die Befriedigung des Eigenbedarfs hinausgehen. Wegen ihrer relativ niedrigen Produktionskosten versprechen sie sich aus der Liberalisierung des Agrarhandels starke wirtschaftliche Impulse. Auch wenn in der Cairns - Gruppe einige Entwicklungsländer vertreten sind, steht der Großteil dieser Nationen einer Liberalisierung des Agrarhandels mit eher gemischten Gefühlen gegenüber und sieht sich aus verschiedenen Gründen vor eine problematische Situation gestellt.

Auf der einen Seite nehmen Agrarexporte i.d.R. einen großen Teil des Außenhandelsvolumens sog. Entwicklungsländer ein; sie könnten daher durch Handelsliberalisierung und (damit) stei­gende Preise für Agrarprodukte den Wert ihrer Exporte erhöhen. Höhere Weltmarktpreise könnten auch den Produzenten in den betreffenden Ländern durchaus zugute kommen und die inländische Produktion u.U. dynamisieren.

Auf der anderen Seite bedeutet die Liberalisierung jedoch auch, daß die staatliche Interventi­onskompetenz im Produktions- und Verteilungsbereich verringert bzw. aufgegeben werden muß. Die Durchführung vieler z.B. sozialpolitisch motivierter Programme könnten dadurch erschwert oder gar unmöglich gemacht werden (Hein 1994). Gleichzeitig kann ein Ansteigen der Welt­marktpreise für Agrarprodukte - in Verbindung mit einem uneingeschränkten Zugang zu den Märkten in Europa und den USA - auch dazu führen, daß eine verstärkte Exportorientierung zu einer inländischen Verknappung von Nahrungsmitteln führt. Es würde sich dann zwar u.U. die volkswirtschaftliche Bilanz dieser Länder verbessern, was jedoch auf Kosten einer weiteren sozialen Differenzierung und der Nahrungssicherheit geschähe.

Viele (besonders der afrikanischen) Staaten sind augenblicklich jedoch noch weit davon entfernt, gesicherte Überschüsse für den Export produzieren zu können (Hein 1994: 73). Obwohl sie den Großteil ihrer Exporteinnahmen durch Agrarprodukte erzielen, sind etliche von ihnen gleichzeitig immer noch Netto-Importeure von Agrarerzeugnissen (Ipsen/Haltern 1991: 78). Ein Ansteigen der Weltmarktpreise für Agrarprodukte würde (vermutlich) nicht nur ihre Handelsbilanzen negativ beeinflussen, sondern zusätzlich noch die soziale Differenzierung vor­antreiben und die nationale Handlungsfähigkeit weiter einschränken.

Unter den sog. Entwicklungsländern nehmen die AKP-Staaten eine besondere Position ein. Zu­mindest für tropische Agrarprodukte hatten diese Nationen praktisch einen zollfreien Zugang zum EG/EU-Markt. Mit dem „neuen“ GATT-Abkommen wird diese Vorzugsbehandlung auf­gegeben. Die AKP-Staaten müssen sich, sobald die Liberalisierung der Agrarmärkte abge­schlossen ist, der Konkurrenz anderer Produzenten stellen, die dann ebenfalls einen uneinge­schränkten Zugang zum EG/EU-Markt haben werden (Windfuhr 1989: 31).

Trotz der erheblichen sachlichen Divergenzen bestand ein gemeinsames Interesse von EG/EU und den USA darin, dem Agrarbereich bei den Verhandlungen eine derart zentrale Position ein­zuräumen, die andere Verhandlungsgebiete in den Hintergrund treten ließ (Westerhoff 1993: 453ff). Vor allem die vom GATT erstmals behandelten Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen oder handelsrelevante Patentfragen (s.u.) konnten so leichter verhandelt werden.

„Der Agrarhandel ist nicht das Fundament, sondern die Klammer für eine im Rahmen der Uruquay-Runde angestrebte “große Paketlösung“: nur so war eine genügend große Verhandlungsmasse vorhanden, um einen Kompromiß auszuarbeiten, dem alle Teilnehmerstaaten zustimmen könnten. [...] Ohne eine Einbeziehung des Agrarhandels hätte der amerikanische Kongress nicht das erforderliche Verhandlungsmandat erteilt, ohne eine Reform des Weltagrarhandels ist ein erfolgreicher Abschluß der Uruguay-Runde nicht möglich, weil viele Entwicklungsländer und Agrarexporteure dies als Gegenleistung für Zugeständnisse in den “neuen“ Verhand­lungsbereichen verlangen“ (Engels 1991: 49f; vgl. May 1993: 464).

Dadurch, daß eine Zustimmung zu den Verhandlungsergebnissen nur insgesamt möglich war, bliebt - wie erwähnt - jenen Ländern, die sich aus einem erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen positive Effekte auf ihren Handel mit Agrarprodukten versprachen, nichts anderes übrig, als auch die Ergeb­nisse in den „neuen“ Bereichen zu akzeptieren, selbst wenn sie z.B. ihren Dienstleistungsbereich aus verschiedenen Gründen auch weiterhin lieber vor ausländischen Konkurrenten geschützt sähen.

4.2.2.3 Der Textilbereich

Bereits lange bevor der Textilbereich im Jahr 1974 zum Bestandteil des GATT-Abkommens wurde und dort eine weitreichende Sonderbehandlung erfuhr, hatten die Industrieländer - aus Furcht vor der wachsenden ausländischen Konkurrenz - bereits damit begonnen, ihn zu schützen (Hauser/Schanz 1995; Hurewitz 1993).

Das Multifaserabkommen (MFA) ist ein Sonderabkommen im Rahmen des GATT. Es trennt den Textilbereich aus den GATT-Bestimmungen heraus und unterwirft ihn eigenen Regeln. Das Abkommen steht allen Vertragsparteien des GATT, aber auch anderen Ländern offen. Bis Mitte der 80er Jahre wurde es von 41 Ländern unterzeichnet, die einen Welthandelsanteil im Textilbereich von etwa 95 Prozent aufwiesen (Senti 1986: 290). Das MFA ist ein Rahmenabkommen, das durch bilaterale Verträge ergänzt wird. Den Unterzeichnerstaaten ist es nach diesem Abkommen gestattet, zur Vermeidung von „Marktzerrüttung“ bestimmte Schutzmaßnahmen für die nationale Textil- und Bekleidungsindustrie zu erlassen (Windfuhr 1994: 77). Diese Schutzmaßnahmen bestehen i.d.R. in bilateralen Abkommen über Quoten für den Import von Textil- und Bekleidungsprodukten. Diese Abkommen zwischen einzelnen Nationen gelten jeweils für ein Jahr, und die zugestandenen Quoten dürfen das Niveau des Vorjahres nicht unterschreiten.1

Auch wenn dadurch der Welthandel mit Textilien mengenmäßigen Beschränkungen unterworfen wurde, stimmten auch die sog. Entwicklungsländer immer wieder einer Verlängerung des MFA zu. Eine Weigerung hätte wahrscheinlich zur Aushandlung noch ungünstigerer „Selbstbeschränkungsabkommen“ geführt. Da durch das MFA jedoch zumindest die Genehmi­gung der Ausfuhrmengen des Vorjahres garantiert wird, friert es den Protektionismus auf einem erreichten Stand ein. Nachteile entstehen den sog. Entwicklungsländern bes. dadurch, daß das MFA eine Marktausweitung verhindert. ErweiterungsInvestitionen im Textilbereich werden dadurch praktisch unmöglich gemacht (Senti 1986: 308).

Einer in der Uruguay-Runde angestrebten Rückführung des Textilbereichs in den Regelkomplex des GATT wird somit von allen beteiligten Nationen mit gemischten Gefühlen entgegenge­sehen. Die Industrienationen bangen um den Bestand ihrer nationalen Industrien, und die im MFA etablierten sog. Entwicklungsländer sehen sich bei einer Liberalisierung der Konkurrenz von Nationen gegenüber, die bislang zwar nur geringe Quoten hielten, aber nach Abschaffung der Quotierung vermutlich relativ schnell konkurrenzfähige Unternehmen aufbauen könnten.

4.2.2.4 Der Handel mit Dienstleistungen

„Ein Beitrag in der Sondernummer der Zeitschrift Trade and Development zum 20-jährigen Bestehen der UNCTAD führt den beziehungsreichen Titel Transnational Corporations and Services: The Final Frontier. Offenkundig be­ziehen sich seine Verfasser auf den US-amerikanischen Mythos von der »frontier« als Ausdruck für eine der histo­rischen Formen imperialer »Landnahme« der natürlichen und der gesellschaftlichen »Umwelt« durch das moderne Weltsystem. Die Verfasser möchten die gegenwärtige Expansion der transnationalen Konzerne im Dienstleistungs­sektor als unwiderruflich letztmöglichen Akt solcher Landnahme verstanden wissen“ (Starnberger Institut 1988: 7).

In der Uruguay-Runde wurde der Dienstleistungsbereich zum ersten Mal auf Drängen der USA und gegen den Widerstand vieler sog. Entwicklungsländer im Rahmen des GATT behandelt (Hauser/Schanz 1995; Reyna 1993). Mit der Aufnahme dieses Bereiches in die GATT-Verhandlungen ergab sich zunächst einmal ein definitorisches Problem. Welche Bereiche waren überhaupt unter dem Begriff „Handel mit Dienstleistungen“ zu verstehen? Die bisherigen Be­stimmungen des GATT waren eindeutig auf den Handel mit Waren ausgerichtet, und Dienstleis­tungen fanden darin nur dann Erwähnung, wenn sie als „unsichtbares“ Beiwerk des Warenhan­dels betrachtet wurden (Ipsen/Haltern 1991: 84, 88). Durch Entwicklungen auf Gebieten wie der Telekommunikation und der Computertechnologie sowie durch den Bedeutungsgewinn der Servicekomponenten im Güterhandel sind Dienstleistungen inzwischen zu einem wichtigen Element im Welthandel geworden. Wichtige Bereiche, die beim Dienstleistungshandel erfaßt werden sollten, waren z.B. Transport, Banken und Versicherungen, Finanzwesen, Kommunika­tion, Tourismus, professionelle Dienstleistungen etc. (Reinhardt et al. 1989). So war z.B. die Frage zu klären, ob mit „grenzüberschreitenden Dienstleistungen“ nur die Leistungen selbst ge­meint sind, oder ob in einer Definition auch Aspekte der Niederlassungs- und Investitionsfreiheit der Dienstleistungsanbieter miteinbezogen werden sollen, wodurch - entgegen den Absichten der USA - politisch hochsensible Themen wie Arbeitnehmerfreizügigkeit1 angesprochen werden.

Entsprechend der Bedeutung des Dienstleistungssektors für die Volkswirtschaften, aber auch durch die ordnungspolitische Bedeutung, die einzelne Staaten diesem Bereich zumessen - man denke z.B. an jene Nationen, in denen der Banken- und Versicherungsbereich verstaatlicht ist - gehen Hoffnungen und Befürchtungen bei einer Liberalisierung des Dienstleistungshandels weit auseinander.

Vor allem jene Entwicklungsländer, die einen z.T. durchaus modernen Dienstleistungssektor haben - allen voran Brasilien und Indien - wehrten sich lange gegen die Liberalisierung des Dienstleistungshandels (Clairmonte 1991; Schultz 1990). Durch die Öffnung des Dienstleistungssektors für ausländische Anbieter könnten die eigenen Anbieter von Dienstleistungen nicht nur vom Markt gedrängt werden, sondern es müßten u.U. auch strategisch wichtige Bereiche staatlicher Souveränität an ausländische Unternehmen abgegeben werden (Keppler 1990: 58).

Selbst wenn einige der sog. Entwicklungsländer in einigen Dienstleistungssparten den Industrienationen gegenüber konkurrenzfähig sind - z.B. im Bausektor2 - muß dennoch davon ausgegangen werden, daß eine Liberalisierung des Dienstleistungsverkehrs für die Entwicklungsländer vorwiegend negative Auswirkungen hätte (Starnberger Institut 1988: 34). Es steht zu befürchten, daß die Aktivitäten ausländischer Konzerne zunehmen werden, ohne daß eine entsprechende Ausweitung der Inlandsnachfrage stattfindet. Generell ist anzunehmen, daß das Angebot der (extern eingebrachten) Dienstleistungen weniger speziell auf den inländischen Bedarf zugeschnitten sein wird. Nach marktwirtschaftlicher Logik werden hauptsächlich solche Dienstleistungen angeboten werden, die auf eine kaufkräftige Nachfrage treffen. Es wird auch befürchtet, daß durch die Liberalisierung des Dienstleistungshandels der Kapitaltransfer aus sog. Entwicklungsländern ansteigen wird und damit deren Verschuldungsprobleme nur noch ver­schlimmert (Starnberger Institut 1988: 42).

4.2.2.5 Handelsrelevante Aspekte des Schutzes geistigen Eigentums

Während mit der Aufnahme des Dienstleistungsbereiches ein bislang unberücksichtigter Wirt­schaftssektor Eingang in die GATT-Verhandlungen gefunden hat, wird mit der Aufnahme „Handelsrelevanter Aspekte des Schutzes geistigen Eigentums“ (Trade Related Intellectual Property Rights; TRIPS) ein bislang unberücksichtigter „Produktionsfaktor“ vom GATT behan­delt: das technologische Vermögen.1

Wie bereits der Dienstleistungssektor wurde auch dieser Bereich von den USA als Verhand­lungsgegenstand ins GATT eingebracht. Hier stand jedoch nicht etwa eine fortschreitende Libe­ralisierung bei der Weitergabe technologischen Wissens auf der Verhandlungsagenda sondern - im Gegenteil - eine striktere staatliche Überwachung im Bereich des Technologietransfers in Form strengerer Patent- und Urhebergesetze.

Von den Befürwortern strengerer Urheberrechte wird angeführt, daß ein ungenügender Schutz geistigen Eigentums einer Subventionierung gleichkäme: da bei der Nutzung „fremden geistigen Eigentums“ Forschungs- und Entwicklungskosten wegfallen, können Güter billiger produziert werden, was einer Verzerrung des Marktes entspräche. Gleichzeitig verringere sich die Bereit­schaft von Unternehmen, ihre Produktionsanlagen in bestimmten Ländern mit dem neuesten Stand der Technik auszustatten. Es sei schließlich zu befürchten, daß über eine technische Zu­sammenarbeit Produktionsgeheimnisse offengelegt werden, gegen deren Mißbrauch kein hinrei­chender Schutz bestünde. Unzureichende Regelungen in diesem Bereich könnten den Techno­logietransfer erschweren und dazu führen, daß den sog. Entwicklungsländern moderne Techno­logien vorenthalten würden. Nicht zuletzt aus diesen Gründen seien einheitliche Schutzstandards anzustreben, die sich (am besten) an den bestehenden einschlägigen Gesetzen der Industrienationen orientieren sollen. Grundsätzlich müßten möglichst alle Produktionsbereiche urheberrechtlich geschützt werden, wobei Produktpatente mit langer Laufzeit den Produktionspatenten, 2 wie sie in vielen der sog. Entwicklungsländer bereits existieren, vorzuziehen seien.

Von den Gegnern eines verschärften Schutzes geistigen Eigentums wird darauf verwiesen, daß von ihren Regierungen sehr wohl Patentgesetze und andere Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums erlassen wurden. Weiterhin sei es auch in ihrem Sinne, daß das Verbot der „Produktpiraterie“ Bestandteil der GATT-Rechtsordnung werden solle. Alle Regelungen, die darüber hinausgehen, werden von ihnen jedoch energisch abgelehnt. Sie schnitten die sog. Entwicklungsländer von den technologischen Neuerungen der Industrienationen ab bzw. führten zur Forderung hoher Lizenzgebühren von jenen Unternehmen, die die moderne Technologie bei der Produktion einsetzen wollten. Damit würden die sog. Entwicklungsländer unweigerlich weiter in die Verschuldung getrieben (Ipsen/Haltern 1991: 105). Durch ein strengeres Recht beim Schutz geistigen Eigentums würden die Industrienationen bzw. ihre Transnationalen Konzerne den erreichten technologischen Vorsprung weiter ausbauen können, und die Kluft zwischen den entwickelten und unterentwickelten Nationen würde sich weiter vergrößern (vgl. Engels 1994).

In dem Bemühen der Industrienationen, die Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums überall auf das dort bestehende Niveau anzuheben, ist eine Versuch zu sehen, vehement in die Souveränität der einzelnen Vertragsparteien des GATT eingreifen zu wollen. Die Kompetenz der Staaten bei der Durchsetzung eigener Gesetze zu Fragen des Mißbrauchs von Eigentumsrechten soll damit beschnitten und die Interessen einzelner Unternehmen über wichtige gesellschaftliche Schutz­interessen1 gestellt werden.

4.2.2.6 Handelsrelevante Investitionsmaßnahmen

Unter handelsrelevanten Investitionsmaßnahmen (Trade Related Investment Measures; TRIMs) versteht man „Bedingungen, die Regierungen Investoren auferlegen und die (die) Handelsströme künstlich verändern“ (Ipsen/Haltern 1991: 110; vgl. Engels 1993, 1994; Fennel/Tyler 1993; Hauser/Schanz 1995). Dazu gehört z.B. die Auflage, daß bei der Produktion ein bestimmter Teil der „inputs“ aus dem Gastland stammen müssen (local content requirements), oder auch, daß ein bestimmter Anteil der Produktion exportiert werden muß (export performance requirements), oder daß die von einer Regierung genehmigten Importmengen vom Wert exportierter Produkte abhängig gemacht werden (trade balancing requirements). Ebenfalls in den Bereich „Handelsrelevanter Investitionsmaßnahmen“ fallen Bestimmungen, nach denen bestimmte Ausgangsprodukte im Gastland selbst zu produzieren sind (manufacturing re­quirements) bzw. nicht im Gastland produziert werden dürfen (manufacturing limitations). Auch die Regelung bzw. Beschränkung von Unternehmensbeteiligungen - z.B. in der Form, daß ein bestimmter Aktienanteil von inländischen Investoren gehalten werden muß - fallen ebenso in diesen Bereich wie Devisenbeschränkungen oder die Beschränkungen des Gewinntransfers in das Mutterland des Unternehmens.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Industrienationen -allen voran die USA und Japan - mit der rechtlichen Einschränkung von TRIMs durch das GATT die Handlungsspiel­räume ihrer Transnationalen Unternehmen vergrößern wollen, während dieser Versuch von ver­schiedenen sog. Entwicklungsländern als ein empfindlicher Schlag gegen ihre nationale Sou­veränität gewertet wird. Sie sehen sich dadurch des Rechtes beraubt, multinationale Unterneh­men kontrollieren zu können, wodurch sie wichtige Entscheidungsbefugnisse hinsichtlich ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik hätten aufgeben müssen (Ipsen/Haltern 1991: 113f).

4.2.3 Die USA zwischen Bi- und Multilateralismus in Handelsfragen

2 Die USA gehörten zwar zu den wichtigsten Initiatoren der Uruguay-Runde, und sie brachten dort die neuen Verhandlungsthemen auch am nachdrücklichsten vor, haben aber gleichzeitig auf bilateraler Ebene versucht, Positionen, die sie in den GATT-Verhandlungen durchzusetzen gedachten, voranzutreiben. Dieser zweigleisige Weg muß als eine Strategie verstanden werden, in der über bilateralen Druck die Position (der USA) in den GATT-Verhandlungen gestärkt werden sollte. Die US-Regierung machte auf diesem Wege deutlich, daß ihr - auch im Falle eines für sie unbefriedigenden Ausgangs der GATT-Verhandlungen - ausreichende Machtmittel zur Verfügung stünden, um ihre Interessen notfalls auch bilateral durchzusetzen.

„Abschnitt 301 (des us-amerikanischen Handelsgesetzes, d. Verf.) erlaubt es der US-Regierung, gegenüber Handelspartnern, die “unfaire Handelspraktiken“ angewandt haben sollen, Sanktionen anzudrohen und anzu­wenden“ (Hauser/Schanz 1995: 245).

Das Lavieren der USA zwischen Bi- und Multilaterismus folgt durchaus einer konsequenten Logik. Einerseits konnte sich die US-Regierung bis zum Ende des Jahres 1993 nie vollkommen sicher sein, daß die GATT-Verhandlungen in allen wichtigen Teilen tatsächlich auch zu ihren Gunsten abgeschlossen werden würden. Bilateraler Druck wurde also schon deshalb ausgeübt, um Interessen (notfalls) auch in „Einzelverhandlungen“ mit bestimmten Nationen realisieren zu können. Es ist zu beachten, daß sich viele Nationen - schon während der laufenden Verhandlungsrunde des GATT - dem Druck der US-Regierung beugen mußten; d.h. es wurden von diesen Ländern auf bilateraler Ebene Zugeständnisse gemacht, die in manchen Bereichen die Verhandlungsergebnisse des GATT vorwegnahmen. Daher konnten diese Länder in den GATT-Verhandlungen nicht mehr in Opposi­tion zur amerikanischen Verhandlungslinie auftreten. So ist es auch wenig verwunderlich, daß sich gerade jene Staaten, die während der GATT-Verhandlungen als hardliner in ihren Beziehungen zu den USA aufgetreten waren, einem besonderem Druck ausgesetzt sahen.

So wurde z.B. Brasilien 1989 mit Handelssanktionen nach dem amerikanischen Handelsgesetz bedroht, weil es nach Ansicht der US-Regierung ein unzulängliches Patentrecht hatte, das den Interessen der chemischen, pharmazeutischen und agraren Industrie der USA widersprach. Um die Sanktionen abzuwenden, wurde 1990 das brasilianische Patentrecht entsprechend abgewan­delt. Die EG und Australien wurden mit Sanktionen bedroht, weil sie in ihren Gesetzgebungen den Zugang amerikanischer audiovisueller Medien auf die entsprechenden Märkte erschwerten. Aus Gründen des Patentrechts und der Marktzugangsbeschränkungen in unterschiedlichen Be­reichen fanden sich im Jahr 1990 19 Handelspartner der USA auf einer „ Watch List for special attention “ wieder, darunter Argentinien, Chile, Deutschland, Japan, Südkorea, Taiwan. Die Entwicklungen in diesen Staaten wurden vom US-Handelsbeauftragten besonders intensiv ver­folgt, um im Bedarfsfall Sanktionen anordnen zu können. Drei Nationen, die sich als besonders widerspenstig erwiesen - Brasilien, Indien und Thailand - sowie die Staaten der ehemaligen Sowjetunion wurden in einer „ Priority Watch List “ geführt (USIS 1991: 93). Wie Anfang 1995 China wurden den Nationen auf dieser „ Priority Watch List “ Handelssanktionen angedroht, sofern sie sich nicht bereit zeigten, den us-amerikanischen Forderungen nachzukommen.

Unter diesen Bedingungen wurde der erfolgreiche Abschluß der GATT-Verhandlungen zum ureigendsten Interesse so manch eines Staates, der kurz zuvor noch als vehementer Kritiker dieser Verhandlungen aufgetreten war. Das Interesse dieser Länder war es nun, die Verpflich­tungen, die sie bereits im Zuge von Strukturanpassungsprogrammen und auf bilateralen Druck seitens der USA hin eingegangen waren, möglichst auch für andere Nationen verbindlich zu machen, und damit ihre eigene schlechte Situation - zumindest relativ - zu verbessern.

Soweit ein kurzer Überblick zur Entstehung des GATT und zu den unterschiedlichen Interessen, die mehr als sieben Jahre lang die Verhandlungen im Rahmen der Uruguay-Runde geprägt hatten. Diese Verhandlungsrunde wurde im Dezember 1993 abgeschlossen, und im April 1994 wurden die Vertragstexte im marokkanischen Marrakesch von 115 Nationen unterzeichnet. Eine Bewertung der Verhandlungsergebnisse soll an dieser Stelle nicht vorgenommen werden, da dies ohne die Berücksichtigung der jeweils bestehenden Rahmenbedingungen einer Volkswirtschaft nicht zweckdienlich erscheint. Dies wird an anderer Stelle am Beispiel Indiens nachgeholt werden.

5 Wirtschaftliche Entwicklung in Indien

Wenn von Beobachtern das Jahr 1991 als wichtiger Wendepunkt in der indischen Wirtschafts­politik bezeichnet wird, dann meinen sie vor allem die nach der Wiederwahl der Congress-Par­tei einsetzende Liberalisierung. Betrachtet man sich jedoch die Entwicklung der Politischen Ökonomie des Landes genauer, dann wird deutlich, daß die indische Wirtschaftsordnung bereits Mitte der 80er Jahre keineswegs jener zu Beginn der 50er Jahre mehr ähnlich war (Ghose 1990: 171). Es hatten seither erhebliche Veränderungen stattgefunden, die sowohl für die Wirt­schaftsstruktur des Landes, ihre Ordnungsprinzipien, aber auch für die jeweils vorherrschenden Machtkoalitionen bedeutsam waren.

Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit war der industrielle Sektor des Landes relativ unbedeutend und zu einem großen Teil auch von ausländischem, vorwiegend britischem Kapital dominiert (vgl. Kidron 1965). Dort, wo sich Industrien in indischen Händen befanden, handelte es sich vor allem um „agro-based industries and repair shops“ (Swamy 1994: 39). Eine nationale Schwerindustrie nennenswerten Umfangs gab es ebensowenig wie eine Konsumgüter- oder Investi­tiongsgüterindustrie. Die Landwirtschaft war größtenteils von feudalistischen Strukturen geprägt, und ihr Produktionsniveau war auf einem extrem niedrigen Stand.

In den 90er Jahren weist Indien eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur auf (vgl. Ahluwalia 1988; Betz 1988); die Industrie deckt nahezu alle Branchen bis hin zur Weltraum- und Com­puterindustrie ab. Die Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft waren groß genug, um nicht nur das Bevölkerungswachstum zu kompensieren, sondern Indien ist inzwischen vom Im­porteur zum Exporteur von Nahrungsmitteln geworden.

Trotz dieser auf den ersten Blick positiven Entwicklung muß zu Beginn der 90er Jahre festge­stellt werden, daß das Problem der Armut, Unter- und Mangelernährung für einen Großteil der indischen Bevölkerung noch keineswegs als gelöst gelten kann und daß sich die indische Wirt­schaft in ihrer bislang schwersten Krise befindet; und dies, obwohl das vorausgegangene Jahr­zehnt ein bislang unerreichtes Wirtschaftswachstum gebracht hatte, und Indien seine Exporte so stark steigern konnte wie zu keinem Zeitpunkt zuvor (Mehta 1988: 208ff).

Wenn 1991 die Rufe nach Anbindung der indischen Wirtschaft an den Weltmarkt, nach Zurück­drängung staatlichen Einflusses aus der Wirtschaft und nach Reduzierung von Subventionen von vielen Seiten immer lauter wurden, dann kann die Ursache solcher Forderungen nur aus der his­torischen Genese der Politischen Ökonomie verstanden werden, d.h. aus der Entwicklung der Machtkonstellationen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen.

5.1 Die Ordnungsprinzipien der indischen Wirtschaft

Die indische Wirtschaftsordnung entspricht der einer „gemischten Wirtschaft“ (mixed economy), d.h. ihre Ordnungsprinzipien enthalten sowohl privat- als auch planwirtschaftliche Elemente. Die Anfänge einer solchen Ordnung können bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückverfolgt werden, wobei der Krieg selbst als der entscheidende Wegbereiter für eine solche Entwicklung anzusehen ist. Die Kriegswirtschaft begünstigte einen interventionistischen Staat, und wichtige Elemente indischer Entwicklungskonzeptionen sind während der Zeit zwischen 1939 und 1945 entstanden.

Zwei wichtige Prinzipien indischer Ordnungspolitik haben in dieser Zeit ihren Ursprung, ein weiteres reicht in seiner Entstehung noch weiter in die Vergangenheit zurück:

1. durch den „ Bombay Plan1, der 1944 vom indischen Großunternehmern entworfen wurde, erhielt der Staat die Rolle zugewiesen, Wirtschaftsbereiche abzudecken, die zumeist sehr kapitalintensiv und kurz- bis mittelfristig als wenig renditeträchtig angesehen wurden. Die privaten Unternehmen sollten dagegen in solchen Bereichen agieren können, die gute Ge­winne auch kurzfristig zuließen.
2. durch die Versorgungsengpässe mit Nahrungsmitteln, die 1943 u.a. zur großen Hungerkata­strophe von Bengalen führte (vgl. Sen 1981), begann eine systematische staatliche Interven­tion bei der Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung der hauptsächlich städtischen Zentren. Von der indischen Zentralregierung und einzelnen Provinz-regierungen wurde mit dem Aufbau eines staatlichen Interventionsapparates im Nahrungsbereich begonnen, der im unabhängigen Indien weiter ausgebaut wurde.
3. die politische und administrative Ordnung Indiens wurde bereits erheblich früher in die Wege geleitet. Mit der Verfassungsreform von 1935 (Government of India Act) wurde in großen Teilen die politische Ordnung des unabhängigen Indiens vorweggenommen.

5.1.1 Indiens » mixed Economy « und die Phase des Self Reliance

Bei der Gestaltung der Wirtschaftsordnung im unabhängigen Indien konnten sich die Vertreter des indischen Großunternehmertums weitgehend durchsetzen. Mit dem „Cripps-Bevin-Plan“ hatten die Briten 1942 eine Schwerpunktsetzung bei der indischen Landwirtschaft erreichen und die industrielle Entwicklung darauf aufbauend durch staatliche und private Unternehmen voran­treiben wollen. Obwohl dieser Plan bereits eine gemischte Wirtschaftsordnung vorwegnahm, wurde er niemals veröffentlicht, sondern vom Vizekönig fallengelassen (Rothermund 1985: 147). Innerhalb des Indischen Nationalkongresses konnten sich die Vorstellungen von Mahatma Gandhi und seinen Anhängern ebenfalls nicht durchsetzen, die der Förderung der Landwirtschaft und des Dorfhandwerks erste Priorität einräumen wollten (Madan 1989; Rao 1992). Während 1944 die wichtigsten Repräsentanten des Indischen Nationalkongresses inhaftiert waren, wurde von führenden Vertretern der indischen Wirtschaft ein Fünfzehnjahresplan (Bombay-Plan) vor­gelegt, in dem die Schwerpunkte der späteren Wirtschaftspolitik bereits enthalten waren. Kern­stück dieses Planes war die rasche Industrialisierung Indiens, wobei die Investitionen in der Schwerindustrie von staatlicher und die der Konsumgüterindustrie von privater Seite bereit­gestellt werden sollten. Der landwirtschaftliche Sektor sollte das Wachstum der Industrie unter­stützen (Ghose 1990: 173ff; Rothermund 1985: 148).

Im landwirtschaftlichen Sektor waren die ersten Jahre nach der Unabhängigkeit von dem Ver­such geprägt, die feudalen Verhältnisse in der Landwirtschaft zu zerschlagen. Von staatlicher Seite wurde dies jedoch nur halbherzig angegangen und von Seiten der feudalen Landlords durch vielerlei Strategien umgangen (Baru 1990; Bhalla 1990).

Mit dem eingeschlagenen Wachstumskonzept sollten vor allem die Bedingungen der Kapitalak­kumulation verbessert werden. Spar- und Investitionsraten sollten erheblich gesteigert werden, denn zum Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur, einer modernen Industrie und Landwirtschaft und eines modernen Sozialsystems war Kapital in einer Höhe notwendig, das bei Erlangung der Unabhängigkeit nicht zur Verfügung stand (Chakravarty 1990; Kabra 1990; Krishnaswamy 1991; Krishnamurthy et al. 1990; Lucas 1988). Die Schwierigkeiten bei der Steigerung von Investitions- und Sparrate bestanden in erster Linie darin, daß sich sowohl die industrielle als auch die agrare Elite hohe, schnelle und risikolose Gewinne auf ihre Investitionen erhoffte, die jedoch aufgrund des hohen Investitionsbedarfs und der geringen Kaufkraft großer Teile der indischen Bevölkerung kaum erreichbar waren. Investitionen wurden daher nur zögerlich vorgenommen (Kabra 1990: 156; Sen 1982: 91). Unter den gegeben Bedingungen wurde es von den politischen Entscheidungsträgern als unerläßlich angesehen, daß neben der privaten Wirtschaft der Staat selbst als Investor auftrat sowohl was den Ausbau der Infrastruktur als auch den der Industrie betraf (Tendulkar 1990).

Zudem führten auch sicherheitsrelevante Aspekte dazu, daß die Bereiche der Rüstungsindustrie und große Teile der Schwerindustrie der staatlichen Domäne zugeschrieben wurden. Gleichzeitig wurde eine Agrarreform geplant, um die quasifeudalen Zustände in der indischen Landwirtschaft zugunsten einer kapitalistischen Landwirtschaft zu verändern, in der Kapitalakkumulation und Reinvestition stattfinden konnte. Dabei sollten nicht nur die Produktionsverhältnisse mod­ernisiert werden, sondern als sehr wichtig wurde auch die Abschaffung der ländlichen Geldverleiher angesehen. An deren Stelle sollte ein formeller ländlicher Kreditsektor rücken, der notwendig für die Kapitalisierung der Landwirtschaft angesehen wurde, aber auch mithelfen sollte, die Sparquote in ländlichen Regionen anzuheben (Randhawa 1986-IV: 216ff).

Mit der so vorgenommenen Zuteilung einzelner „Aufgabenbereiche“ im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens konnte die indische Unternehmerschaft leben (Kabra 1990: 158; Madan 1989: 135).

Der industrielle Sektor wurde in drei Kategorien eingeteilt, wobei Kategorie A jene Zweige um­faßte, die ausschließlich staatlicher Betätigung vorenthalten bleiben sollten; Kategorie B waren solche Zweige, in denen Betriebsneugründungen vornehmlich von öffentlicher Hand vorgenom­men werden sollten, Privatunternehmen jedoch auch zugelassen waren. Die restlichen Zweige sollten weitgehend von privaten Unternehmen betrieben werden (Bellinghausen 1966; Chenoy 1990; Dhar 1988; Kapila 1990).

Mit der Zweiteilung der wirtschaftlichen Ordnung (staatlich/privat) wurden auch eine Wirt­schaftsplanung und eine Investitionskontrolle notwendig. Der Einfluß des Staates beschränkte sich nicht nur darauf, daß er selbst als Unternehmer tätig wurde und die Infrastruktur für die privaten Unternehmen aufbaute, sondern ihm fiel auch die Rolle eines Koordinators des Wirtschaftsprozesses zu. Er tat dies einerseits in Form von Wirtschaftsplänen (Fünf-Jahres-Plänen), in denen ein Orientierungsrahmen für die wirtschaftliche Entwicklung festgelegt und den einzelnen Wirtschaftsbereichen Haushaltsmittel zugewiesen wurden. Andererseits versuchte er durch ein aufwendiges Lizenzierungsverfahren, Kontrolle über die private Wirtschaft zu erhalten (Lucas 1988).

5.1.2 Indien zwischen kapitalistischer und sozialistischer Welt

So wie Indien in seiner Wirtschaftsordnung versuchte, sozialistische und kapitalistische Ele­mente zu verknüpfen, hat es auch bei seinen Außenbeziehungen vermieden, feste Position in Bezug auf die beiden rivalisierenden Weltmächte zu beziehen (Kidron 1965: 113ff). Da der ehrgeizig geplante Aufbau einer staatlichen Industrie nicht ohne ausländische Kapital- und Technologiehilfe verwirklicht werden konnte, wandte sich der indische Staat zuerst der Sowjet­union und anderen Ostblockstaaten zu (Swamy 1994: 51).

Erst als Indien gegen Ende der 50er Jahre seine erste Wirtschaftskrise nach der Unabhängigkeit durchlebte, suchte es auch verstärkt Hilfe in der kapitalistischen Welt (Kidron 1965: 119ff; Paranjape 1986: 60; Srinivasan 1992: 138). Ein starker Rückgang der Devisenreserven hatte dazu geführt, daß die Investitionen im staatlichen Wirtschaftsbereich stark eingeschränkt werden mußten.1 Indien fragte deshalb bei westlichen Industriestaaten und der Weltbank um Kredite nach (Dhar 1988: 6). Gleichzeitig versuchte die indische Regierung, westliche Investoren zu ermutigen, in Indien Betriebe zu errichten. Um seiner privaten Industrie Investitionsanreize zu geben, wurden Wirtschaftsbereiche, die bislang ausschließlich staatlichen Investitionen offenstanden, für die private Wirtschaft geöffnet (Kidron 1965: 143-51). Die Weltbank, der IWF und das Aid India Consortium 2 erklärten sich bereit, Indien einen Kredit in Höhe von 600 Millionen US-Dollar zu geben, allerdings nur unter der Bedingung, daß das Land seine Zugangsbeschränkungen für ausländische Investoren weiter lockerte. Erst als Indien sich dem westlichen Druck beugte, erhielt es den Kredit.

Auch wenn die Kreditbewilligungen durch das Aid India Konsortium in den folgenden Jahren aus politischen Gründen3 hinter den gemachten Zusagen zurückblieben, konnten ausländische Unternehmen ihre Präsenz in Indien stark ausweiten. Während 1948 der Anteil bei der Industrie­produktion ausländischer Unternehmen bei 28 Prozent lag, konnte er sich bis 1961 auf 38 Prozent erhöhen (Swamy 1994: 62).

Als schwerwiegendste Probleme der Wirtschaftsentwicklung stellten sich jedoch immer deutlicher das geringe Wachstum der KonsumgüterIndustrie und die ungenügende Nahrungsmittelproduktion der indischen Landwirtschaft heraus. Verursacht wurde das geringe Wirtschaftswachstum nicht etwa durch ungenügende industrielle Kapazitäten, sondern durch die geringe Nachfrage nach Konsumgütern (Ahluwalia 1988; Kalecki 1965).

Die Landreform war fehlgeschlagen, und die verfügbaren Ressourcen flossen zum größten Teil in den Ausbau der Industrie anstatt in die Landwirtschaft (Parthasarathy 1990). Das niedrige Produktionsniveau der Landwirtschaft blieb so zunächst bestehen, und geringe Erzeugerpreise führten zusätzlich dazu, daß die Mehrheit der indischen Bevölkerung weiterhin unter der Ar­mutsgrenze lebte und schon deshalb kaum langlebige Konsumartikel erwerben konnte. Auch ein weiterer Versuch einer Landreform in den 60er Jahren wurde von der ländlichen Elite zur Wirkungslosigkeit verurteilt, die Unterstützung von der Weltbank und der Ford Foundation bekam, die bereits 1958 in der Landreform keine Lösung des Problems einer ungenügenden Produktion von Nahrungsmitteln sahen. Sie traten vielmehr für eine technologische Modernisierung der Landwirtschaft ein.

Mitte der 60er Jahre erlebte Indien eine neuerliche Finanzkrise. Der Indisch-Chinesische Krieg (1962) hatte die Rüstungsausgaben weit über die Zuweisungen im Fünf-Jahres-Plan hinaus­schießen lassen (Dhar 1988: 6) und die Produktionsergebnisse der staatlichen Unternehmen blieben deutlich hinter den gesteckten Erwartungen zurück. Die wirtschaftliche weitete sich bald zur politischen Krise aus, die damit begann, daß die Planungskommission von mehreren Seiten heftig kritisiert wurde. Von der ländlichen Elite, weil sie den größten Teil der Ressourcen für die Industrialisierung anstatt zur Modernisierung der Landwirtschaft bereitstellte. Kritik von Seiten der privaten Unternehmer an der Planungskommission kam auf, weil diese in ihr den Grund sah, daß das wirtschaftliche Wachstum in Indien hinter seinen Potentialen zurückblieb. Von ausländischen Investoren wurde zusätzlich kritisiert, daß die Planungskommission ihre Entfal­tungsmöglichkeiten behinderte.

Die Weltbank sah in der wirtschaftlichen und politischen Krise die Gelegenheit, die indische Wirtschaftsordnung erneut in Frage zu stellen, vor allem die staatlich dominierten Bereiche (Ganguly 1992). Als Indien 1965 um einen Kredit in Höhe von 1,6 Mrd. US-Dollar bei der Weltbank nachfragte, bestand diese (a) auf einer Veränderung der nationalen Agrarpolitik, d.h. statt Landreform sollte der Modernisierung der Landwirtschaft Vorrang eingeräumt werden, (b) auf die Liberalisierung der Industriepolitik, vor allem auf die Abschaffung des Lizenzsystems und (c) auf eine Abwertung der indischen Währung (Ganguly 1992; Swamy 1994: 76-88). Zunächst zeigte die indische Regierung wenig Interesse, sich diesem Druck zu beugen und die Forderungen zu erfüllen.

Als durch den Indisch-Pakistanischen Krieg (1965) von den USA sämtliche Entwicklungsgelder­zusagen an Indien (und Pakistan) eingefroren wurden, in Indien aufgrund einer schweren Dürre die Nahrungsmittelproduktion stark zurückging und die Preise für Nahrungsmittel erheblich anstiegen, verstärkte sich der Druck auf die indische Regierung (Dhar 1988: 6f). Die amerikanische Regierung zögerte, mit Weizenlieferungen die schlechten Ernteergebnisse in Indien auszugleichen. In Indien selbst setzten die ländliche Elite und die privaten Unternehmer die Regierung heftig unter Druck. Unter diesem Druck wurde von der Regierung der Vierte Fünf-Jahres-Plan ausgesetzt und ein Plan für 1966/67 verabschiedet, in dem die Modernisierung der Landwirtschaft und die Liberalisierung der Importpolitik eingeleitet wurde.

Von der Weltbank war errechnet worden, daß mit einem Kredit von 900 Millionen US-Dollar Importe zum Aufbau weiterer Industriekapazitäten durchgeführt werden könnten, die das Land durch die empfohlene Abwertung seiner Währung befähigen sollte, sein Exportvolumen beträchtlich auszuweiten. Eine von der indischen Regierung in Auftrag gegebene Studie ergab jedoch, daß das Wachstum der indischen Industrieproduktion nicht von mangelnden Kapazitäten behindert wurde, sondern durch eine fehlende Nachfrage, die dazu führte, daß noch nicht einmal die bestehenden Industriekapazitäten voll ausgeschöpft waren (Chakravarty 1979: 1241; Lucas 1988: 190; Mehta 1988: 206).

Auf Drängen der Weltbank wurde die Importliberalisierung dennoch beschlossen, wobei die indische Regierung zunächst weniger die Beschränkungen für Warenimporte verminderte, sondern ausländischen Unternehmen den Zugang erleichterte. Vor allem in den Bereichen Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel konnten sich ausländische Unternehmen engagieren, wobei ihnen von der indischen Regierung sogar Sonderkonzessionen eingeräumt wurden (Swamy 1994: 80).

Zwei Bedingungen der Weltbank (Umorientierung in der Agrarpolitik; Importliberalisierung) waren damit erfüllt. Die dritte, nämlich die Abwertung der indischen Rupie, wurde jedoch weiter hinausgezögert. Erst als die Weltbank und die amerikanische Regierung weitere Kredite von einer Abwertung abhängig machten, wurde im Juni 1966 die indische Rupie gegenüber dem ameri­kanischen Dollar um 36,5 Prozent abgewertet (Agarwal 1970; Salam 1994: 214; Srinivasulu 1994: 220; Srinvasan 1992: 139). Nur zehn Tage danach nahmen die USA und die Weltbank die Wirt­schaftshilfe an Indien wieder auf (Swamy 1994: 82). Trotz der Abwertung gingen 1966-67 die Exporteinnahmen gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent zurück (Dhar 1988: 7).

Wie schon in den 50er Jahren ging die amerikanische Wirtschaftshilfe an Indien bald wieder deutlich zurück, und bis zum Jahr 1972 hatte sich sogar ein Nettokapitalabfluß von 120 Millio­nen US-Dollar eingestellt (Dhar 1988: 8; vgl. Muralidharan 1994).

5.1.3 Zusammenfassung: Die Phase der importsubstituierenden Wirtschaftspolitik

Mit der Umorientierung der Agrarpolitik und einer immer weiter gehenden Liberalisierung der Importpolitik ging Mitte der 60er Jahre die eigentliche Phase der importsubstituierenden Wirt­schaftspolitik im Grunde genommen bereits zu Ende (vgl. Kabra 1990; 167ff.; Sen 1982: 629f.). Die zur Modernisierung der Landwirtschaft benötigten Inputs (Düngemittel, Pestizide, Saatgut) mußten trotz bemerkenswerter Erfolge beim Aufbau eigener Industrien zu beträchlichen Teilen jahrelang noch importiert werden (vgl. für Düngemittel: Agrawal 1993: 133; Economic Survey 1993-94: S-27;S-87 - S-89).

Mit dieser Entscheidung wurde auch die Durchführung einer Landreform endgültig aufgegeben. Der Widerstand der ländlichen Elite und der häufig mit ihr verbündeten Landesregierungen machte eine Umverteilung von Land an Landlose sowie die Errichtung von Genossenschaften wirkungslos (Lakdawala 1991). Nach 1966 wurden die Planzuweisungen für die Landwirtschaft viel stärker gesteigert als jene für die industriellen Bereiche, wobei die Mittel hauptsächlich der ländlichen Oberschicht zuflossen.

Die zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit bestehende Interessenallianz zwischen Staat und privater Wirtschaft begann langsam zu zerbrechen. Die „gemischte Wirtschaftsordnung“ wurde von den privaten Unternehmern immer mehr in Frage gestellt und mit Unterstützung der Weltbank zunehmend verwässert. Der staatliche Einfluß auf das Wirtschaftsgeschehen hatte inzwischen eine neue Elite hervorgebracht. Da durch den Planungsprozeß die Ressourcen jeweils bestimm­ten Wirtschaftsbereichen zugewiesen wurden, konnten jene Bürokraten, die mit der Vergabe von Lizenzen betraut waren, aus ihrer Machtposition ein zusätzliches (illegales) Einkommen erwirt­schaften. Mit der Durchführung staatlicher Entwicklungsaufgaben wurde auch eine Entwick­lungsbürokratie geschaffen, bei der ebenfalls ein Teil der vorgesehenen Gelder „zweckentfremdet“ wurde. Eine weitere Nische wurde von Mittelmännern eingenommen, die ihr Wissen und ihre Kontakte zu staatlichen Behörden profitabel umsetzen konnten (Swamy 1990; 1994). Da diese Klassen eine großen Teil ihres Einkommens der starken Stellung des Staates in der Wirtschaft verdankten, standen (und stehen) sie einer Zurückdrängung des staatlichen Einflußes auf die Wirtschaft ablehnend gegenüber.

Mit dem Jahr 1966 ging auch die Zeit der unangefochtenen politischen Dominanz der Congress-Partei zu Ende. In mehreren Bundesstaaten büßte die Partei 1967 erstmals ihre Mehrheit ein, und die vom Congress geführte Zentralregierung sah sich fortan immer häufiger einer Opposition in vielen Bundesstaaten gegenüber.

5.2 Die Phase der Systemkrise: 1966-77

Mit dem Einfluß, den die USA als wichtiger Nahrungslieferant erworben hatten, nahmen die Bemühungen Indiens zu, in der Nahrungsmittelversorgung unabhängiger zu werden (Bhatia 1990: 207f). Mit der Modernisierung der Landwirtschaft wurde jedoch die Abhängigkeit Indiens von Nahrungsmittelimporten lediglich hin zu Importen landwirtschaftlicher Betriebsmittel verla­gert. Dies verstärkte die Abhängigkeit, weil nun nicht mehr nur das Produktionsdefizit in Dürre­jahren eine Außenabhängigkeit darstellte, sondern die produktivsten Agrarregionen Indiens und damit ein bedeutender Teil der NahrungsmittelProduktion (ob in guten oder schlechten Jahren) von außen beeinflußt werden konnte.

Insgesamt wuchs die indische Industrie nach 1966 bedeutend langsamer als zwischen 1951 und 1966, wobei die privaten Unternehmen stärker als zuvor expandieren konnten. Der staatliche Anteil ging hingegen zurück, sowohl was das Wachstum der Investitionen als auch der Produk­tion betraf. Industrielle Massenprodukte fanden sich nun auch immer häufiger auf ländlichen Märkten, wo sie von der Oberschicht, deren Kaufkraft durch die Modernisierung der Landwirt­schaft erheblich gestiegen war, den Produkten der lokalen Produktion vorgezogen wurden (Vaidyanathan 1991: 134).

5.2.1 Neustruktuierung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse

Mit der Grünen Revolution wurde die Stellung der ländlichen Elite gefestigt. Bereits zuvor hatten sie die Genossenschaften und lokalen Körperschaften (panchayats) unter ihre Kontrolle bringen können und damit auch den Fluß der Entwicklungsgelder für den landwirtschaftlichen Bereich (Parathasarathy 1991). Mit den landwirtschaftlichen Produktionssteigerungen wurde auch das industrielle Wachstum positiv beeinflußt, nicht zuletzt deshalb, weil die notwendigen Produktionsmittel der Landwirtschaft auch ein Wachstum in den vorgelagerten Industriebereichen mit sich brachte.

Die Privatunternehmen, die sich nun immer deutlicher gegen den staatlichen Industriebereich ausspra­chen, konnten jedoch ohne die Mithilfe der Bürokratie nicht expandieren. Sie waren nach wie vor auf die Vergabe von Lizenzen angewiesen. Von den privaten Unternehmen wurde daher zunächst gefor­dert, daß der staatliche Sektor sich zukünftig nur noch aus seinen Gewinnen finanzieren sollte und die Mittelzuweisungen aus den öffentlichen Haushalten stark gekürzt werden müssten.

Im Jahr 1967 hatten diese Forderungen, die vor allem von der Swatantra Partei, einer Koalition der privaten Großindustrie und ländlichen Oberschicht, zur Wahlniederlage der Congress-Partei in neun Bundesländer geführt (Swamy 1994: 123). Um die Allianz zwischen privater Großindustrie und der Swatantra Partei zu zerstören, verbot Indira Gandhi 1967 Parteispenden durch Unternehmen. Die feudalen Repräsentanten (Maharajas) verloren ihre Privilegien und waren fortan einer strengen Überwachung durch die Finanzbürokratie ausgesetzt.

Steigende Arbeitslosigkeit und Armut, die durch die Wirtschaftskrise noch verschärft wurden und eine hohe Inflation führten dazu, daß die politische Ordnung Indiens in Unruhe geriet.

„The misery caused by the deepening economic crisis, and the fact that as State patronage to the rural rich in­creased, they became more and more oppressive. [...] Since that time there have been widespread revolts of the rural poor in the plains and the tribals in the forests“ (epw 23.03.1985: 499).

Zunächst schien es, als ob die regierende Congress-Partei auf diese Herausforderung mit einem „Linksruck“1 reagieren würde, doch schon sehr bald zeigte sich, daß Indira Gandhi bereit war, darauf mit autoritären Mitteln zu reagieren. Sie konnte zwar in den Wahlen von 1971 durch eine populistische Politik, die die Beseitigung der Armut in den Mittelpunkt rückte (Garibi Hatao = fort mit der Armut), ihre Machtposition noch einmal stabilisieren, mußte aber in den folgenden Jahren zu immer drastischeren Mitteln greifen, um die wachsende Unzufriedenheit in Indien unter Kontrolle halten zu können.

Durch die Dürre von 1972 verarmten viele der Landwirte, die noch wenige Jahre zuvor durch die Grüne Revolution profitieren konnten. Sie konnten ihre Situation auch nicht verbessern, als ab 1974 die Ernteergebnisse wieder stark zunahmen. Die Kostensteigerung für landwirtschaftliche Betriebsmittel (Düngemittel, Treibstoffe, Pestizide) und landwirtschaftliche Kredite führten dazu, daß trotz erheblicher Subventionen die in der Landwirtschaft erwirtschafteten Profite nach 1973 zurückgingen (vgl. Swamy/Gulati 1986; Rao 1991; Vaidyanathan 1991: 134).

Als Indira Gandhi im Frühjahr 1973 den Großhandel mit Nahrungsgetreide verstaatlichen wollte, wurde dies von der ländlichen Oberschicht als direkter Angriff gewertet und führte bei Landwirten und Händlern zu heftigen Protesten und Boykottmaßnahmen, die die Nahrungsmittelpreise heftig ansteigen ließen. Im September 1973 mußte Indira Gandhi ihre Entscheidung beim Reis und im März 1974 beim Weizen wieder zurücknehmen (Swamy 1994: 141f; vgl. Bapna 1990).

Die Finanzsituation der indischen Regierung hatte sich ebenfalls wieder stark verschlechtert. Die schlechten Ernteergebnisse von 1972 und 1973, der dritte Indo-Pakistanische Krieg von 1971, die Ausgabensteigerungen, die durch die populistische Politik Indira Gandhis verursacht wurden (Nahrungsmittelsubventionen, Teuerungszuschlag für Beschäftigte im staatlichen Sektor) und der Ausbau der Polizeikräfte hatten die Staatsausgaben stark ansteigen lassen und verschärften die inflationären Tendenzen in Indien. Verschlimmert wurde die Situation dadurch, daß die USA nach dem Indo-Pakistanischen Krieg von 1971 ihre Wirtschaftshilfe an Indien eingestellt hatten und sich durch die Ölpreiskrise 1973/74 das Zahlungsbilanzdefizit Indiens deutlich verschlechterte (Thornton 1992).1 Weiner (1989) beschreibt die politische und wirtschaftliche Situation Indiens 1974 wie folgt:

„The business community was able to make its profits, create untaxed wealth, and protect itself against stringent taxation, but it had not been free enough to play an expansive role in the economy. The bureaucracy had not demonstrated that it could run the public sector profitably or productively, but it could impose restrictions on the expansions of the private sector, limit the investment of larger industrial houses, and with the support of the left, threaten to nationalise industries. The peasant proprietors (the middle and rich farmers), at least those who lived in areas with assured irrigation, demonstrated their ability to substantially raise agricultural productivity, but they were politically able to resist efforts to impose an agricultural income tax. It was this balance of forces that created limits on India's capacity to tax, to raise the rate of savings, expand investment, and thereby substantially increase economic growth. And it was the same balance of forces that limited the capacity of the government to achieve a more equitable distribution of wealth and income“ (Weiner 1989: 283f).

Wie schon bei den Wirtschaftskrisen zuvor suchte Indien auch diesmal die Hilfe der westlichen Industrienationen, und auch diesmal wurde diese Hilfe nicht ohne Bedingungen gegeben. Als Indien 1974 beim Internationalen Währungsfond um einen Kredit nachfragte, wurde dieser mit folgenden Auflagen bewilligt:

1. Indien sollte seine Importe weiter liberalisieren und die Exporte durch eine weitere Abwer­tung der indischen Rupie ausweiten.
2. die indischen Staatsausgaben sollten eingefroren werden.
3. die indische Regierung sollte Investitionsanreize für die private Industrie schaffen, die Löhne auf dem damaligen Stand einfrieren sowie ein Streikverbot erlassen.

Die indische Regierung stellte ihre Entschlossenheit, das Investitionsklima in Indien zu verbessern, sehr bald unter Beweis, als sie im Mai 1974 einen Streik der Eisenbahnergewerkschaft verhinderte, indem sie 50.000 streikwillige Arbeiter und Gewerkschaftsfunktionäre inhaftierte (Schmitt 1982: 150). Im Juli 1974 wurden die Löhne der staatlichen Bediensteten eingefroren, eine verschärfte Geldpolitik beschlossen, Importbeschränkungen für viele Produkte abgeschafft bzw. verringert und das Lizenzierungsverfahren weiter vereinfacht und beschleunigt (Swamy 1994: 147).

5.2.2 Der nationale Ausnahmezustand unter Indira Gandhi

1971 war Indira Gandhi mit dem Motto zur Wahl angetreten, einen erbitterten Kampf gegen die Ar­mut und auch gegen die indische Großindustrie und ausländische Unternehmen in Indien führen zu wollen. Während in einer Zeit, in der das wirtschaftliche Wachstum stagnierte, die großen Unterneh­men (sowohl indische als auch ausländische) in Indien ihre Umsätze und Profite deutlich vergrößern konnten, verschärften sich die sozialen Gegensätze jedoch immer mehr. Bereits 1973 kam es in vielen Städten Indiens zu gewalttätigen Ausschreitungen von Studenten, Unberührbaren und Lan­darbeitern. Auch 1974 kam Indien nicht zur Ruhe. Die Inflationsrate kletterte auf über 30 Prozent, und überall machte sich Unmut gegen die Regierung breit. Im Bundesstaat Gujarat wurden Lagerhäuser geplündert, und die Regierung konnte nur mit Hilfe der Armee wieder „Ruhe und Ordnung“ herstellen. In Bihar brach ein Aufstand gegen die dortige Congress-Regierung aus, der ebenfalls nur mit Hilfe der Armee niedergeschlagen werden konnte. Zum größten Teil wurden die Unruhen von Studenten getragen, denen sich jedoch große Teile der übrigen Bevölkerung anschlossen. Unter Führung des angesehenen Gandhianers Jayaprakash Narayan (J.P.)1, stellten die Studenten folgende Forderungen:

1. Änderung der Entwicklungspolitik: Statt Industrialisierung Grundbedürfnisbefriedigung.
2. Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Föderung der Landwirtschaft.
3. Bekämpfung der Korruption.
4. Bekämpfung der Inflation durch harte Bestrafung der Nahrungsmittelspekulation.
5. Rücktritt von Indira Gandhi und Einsetzung einer „Volksregierung“ (Janata Government), bei der lokale Körperschaften die politische Macht ausüben (Narayan 1975).

Als Narayan im Juni 1975 weitere Demonstrationen ankündigte und die Armee dazu aufrief, die Ausführung verfassungsfeindlicher Befehle zu verweigern, rief Indira Gandhi den Nationalen Notstand aus und ließ zwischen 175.000 und 200.000 Personen ohne Gerichtsverfahren inhaft­ieren (Frank 1977: 465).1

Indira Gandhi versuchte nun, die Defizite ihrer Politik durch populistische Maßnahmen zu ver­decken. In einem 20-Punkte-Programm machte sie Versprechungen wie z.B.:

- Senkung der Preise für Grundnahrungsmittel
- Wiederaufnahme und konsequente Durchführung der Landreform
- Annulierung der Schulden der Kleinbauern
- Bereitstellung von Bauland für die ärmeren städtischen Schichten
- Abschaffung der Schuldknechtschaft
- Ausbau des Bewässerungssystems
- Verbesserung der Stromversorgung und des Transportwesens (Schmitt 1982: 151).

In der Realität war die Regierung Indira Gandhis jedoch alles andere als populär. Sie verfolgte eine Politik im Interesse der privaten Industrie und der indischen Mittel- und Oberschicht und erfüllte in weiten Bereichen die ein Jahr zuvor geäußerten Forderungen des IWF und der Weltbank. Als erste Maßnahme beschloß sie ein generelles Streikverbot, senkte die Löhne der Industriearbeiter und verlängerte die Arbeitszeit (vgl. Frank 1977: 465ff).

„Kein Wunder, daß da der Chef einer deutsch-indischen Pharmazeutikfirma äußerte: "Zum ersten Mal seit 17 Jahren waren wir bei den Verhandlungen vor dem Schlichtungsausschuß nicht mehr in der Defensive". Eine Angehörige der Millionärsfamilie Oberoi schwärmte: "Der Ausnahmezustand ist wundervoll. Früher hatten wir dauernd Probleme mit den Gewerkschaften, heute werden diese eingesperrt" (Schmitt 1982: 152; vgl. auch: Frank 1977: 465; Swamy 1994: 153 und Business Standard 29.08.1975).

J.R.D. Tata, einer der bedeutendsten Vertreter der indischen Industrie, begrüßte den Ausnahmezustand:

„Things had gone too far. You can't imagine what we have been through here - strikes, boykotts, demonstra­tions. [...] The parlamentary system is not suited to our needs“ (zit. nach: Frank 1977: 465).

Der privaten Wirtschaft wurden Steuererleichterungen, Investitionsanreize und Importerleichte­rungen zugestanden, Lizenzbestimmungen wurden aufgehoben und Importzölle gesenkt. Die Bedingungen für ausländische Unternehmen wurden mit der Liberalisierung des „ Foreign Ex­change Regulation Acts (FERA)“ verbessert, der höhere ausländische Beteiligungsanteile zuließ. Gleichzeitig erhielten sie Steuererleichterungen und konnten Gewinne besser in ihr Mutterland transferieren (epw, 04.12.1976: 1884).

Weltbankpräsident Robert McNamara sah darin einen entscheidenden Durchbruch in der indischen Wirtschaftspolitik. Während eines einwöchigen Aufenthaltes in Indien sagte er vor Journalisten:

[...] import policy has been relaxed, a variety of generous subsidies and concessions have been extended to exports, foreign companies are being encouraged to expand under the liberal provisions of FERA, personal income tax and indirect taxes have been cut and there is confident expectation of a cut in the rates of corpora­tion taxation in the next budget. In other words, major advances have been made in the direction of an open, free market, private enterprise economy. The World Bank has never made a secret of the fact that these are the policies it favours. Private businessmen, whether American or British, have sought to conceal their preferences even less. So there is really no reason for the Finance Minister to be bashful“ (epw 20.11.1976: 1909f).

Der Einkommenssteuerhöchstsatz wurde von 77 auf 66 Prozent gesenkt, ebenso die Vermö­genssteuer und die Steuer auf Luxusartikel wie Kühlschränke, Fernsehgeräte und PKWs. Während die Zahl der durch Streiks verlorenen Arbeitstage drastisch zurückging (von 11,8 Millionen Arbeitstagen 1971 auf 2,8 Millionen 1976), nahm im selben Zeitraum sowohl die Zahl der Aus­sperrungen zu (von 4,7 Millionen verlorenen Arbeitstagen auf 9,9 Millionen) (Agrawal et al. 1993: 188) als auch die betriebliche Unfallrate „ which reflect the intensity of work under bad working conditions “ (Swamy 1994: 153). Den meisten Unmut unter der armen Bevölkerung lösten jedoch die Zwangssterilisationen und die brutalen Maßnahmen gegen Slumbewohner aus, von denen hunderttausende Menschen betroffen waren (Schmitt 1982: 64; vgl. auch iz3w, Nr.54(1987): 31).

Noch unter der Regierungszeit von Indira Gandhi konnte die wirtschaftliche Rezession überwunden werden (Ahluwalia 1988: 156; Nayyar 1990; Rangarajan 1988: 257). Gute Ernteergebnisse in den Jahren 1975 und 1976 hatten dafür gesorgt, daß Nahrungsmittelimporte stark verringert werden konnten, daß die staatlichen Getreidevorräte auf 18 Millionen Tonnen angewachsen und die Preissteigerungsraten deutlich zurückgegangen waren. Durch die Entlastungen bei den Nahrungsmittelimporten konnte Indien 1976 sogar einen Außenhandelsüberschuß von 77 Millionen US-Dollar erzielen und bei seinen Währungsreserven, die sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelten, mit über 3 Mrd. US-$ einen neuen Höchststand erreichen (Economic Survey 1993-94: S-86, S-74).

Die makroökonomische Gesundung und die autoritäre Herrschaft Indira Gandhis fallen demnach zusammen (Kulke/Rothermund 1982: 352) und verdeutlichen, daß wirtschaftliche Indikatoren keine zuverlässigen Aussagen über den Entwicklungsstand eines Landes machen können. Während die Wirtschaft zu einer bislang unbekannten Blüte aufstieg, saßen hunderttausende Oppositionelle in indischen Gefängnissen, war die Pressefreiheit aufgekündigt, wurden Streiks von Polizei und Militär blutig niedergeschlagen, wurden hunderttausende Slumbewohner in Bombay, Neu Delhi, Kalkutta und anderen Städten gewaltsam aus ihren Behausungen vertrieben1 und Millionen Männer und Frauen von der Polizei zur Durchführung von Zwangs­sterilisationen abgeführt.2 Zwischen 1971 und 1977 stieg die Anzahl der Menschen unter der Armutsgrenze nicht nur um 66 Millionen Personen an, sondern die Armutsquote erhöhte sich ebenfalls, vor allem im ländlichen Indien (Agrawal et al. 1993: 55).

5.3 Die Janata-Regierung von 1977-1979

Als Moraji Desai 1977 das Amt des Premierministers übernahm, gestützt durch eine Koalitions­regierung, die von der extremen Linken bis zur extremen Rechten große Teile des indischen Parteienspektrums abdeckte, wurde der wirtschaftliche Aufschwung keineswegs als Anlaß zur Zufriedenheit empfunden, denn Arbeitslosigkeit und Armut waren in Indien so stark verbreitet wie selten zuvor. Mit einer Wirtschaftspolitik, die sich nach Aussage ihres Schöpfers Charan Singh stark an den Vorstellungen Mahatma Gandhis orientierte, wollte die neue Regierung die sozialen Probleme des Landes überwinden (Singh 1978).

Die Kernpunkte des von Singh entworfenen Wirtschaftskonzeptes räumten der Förderung der Landwirtschaft und des ländlichen Raumes einen größeren Stellenwert ein als der Industrie und den städtischen Zentren. Der staatliche Bereich sollte gegenüber der privaten Wirtschaft wieder gestärkt werden. Außerdem sollten die kleinen Industrie- und Handwerksbetriebe gegen die Konkurrenz aus der Großindustrie besser geschützt werden, indem die für sie reservierten Pro­duktionsbereiche stark ausgeweitet und für die private Großindustrie ein Einfrieren der Kapazi­täten beschlossen wurde (Datt 1987: 295f).

Bereits an der Person Charan Singhs, dem Architekten dieser Wirtschaftsreform und mächtiger Bauernführer, wird deutlich, daß die Förderung der Landwirtschaft den erneuten Versuch einer Landreform nicht beinhalten konnte. Dazu war die Regierung viel zu heterogen und vor allem zu sehr von der agraren Elite dominiert. So schreibt Singh (1978):

„Anyway, the believe that distribution of surplus land available on imposition of ceilings was going to solve the prob­lem of the Harijans, the landless or the marginal farmers and thus remove the poverty of the rural society to any ap­preciable degree, has proved a delusion. [...] The ultimate solution of the economic problem not only of agricultural labourers but also of tens of millions of other poor or unemployed and underemployed persons in the country will depend, by and large, on development of non-agricultural resources. [...] The Janata Party and its government should now create such conditions that all those who are unemployed and underemployed including agricultural la­bourers and the very small farmers as also the educated unemployed are attracted to cottage and small-scale indus­tries and other small non-agricultural enterprises“ (Singh 1978: 24).

Im Grunde genommen enthielt das „alternative“ Wirtschaftskonzept Singhs alle Elemente, die auch bislang bezeichnend für die indische Wirtschaftsordnung gewesen waren: staatliche und private Unternehmen existieren parallel, ausländische Unternehmen haben eine vom Staat kon­trollierte Berechtigung, Agrarpolitik bedeutet Modernisierungspolitik, jedoch keine Umvertei­lungspolitik etc. Das wirklich Neue an diesem Wirtschaftskonzept war, daß die einzelnen Berei­che neu gewichtet wurden, vor allem das Verhältnis zwischen Industrie und Landwirtschaft. Ge­messen an der ideologischen Basis der „Janata“-Regierung war auch wenig anderes zu erwarten. Zu großen Teilen reflektierte dieses Parteienpotpourri den Versuch der ländlichen Elite, die Macht der privaten Großindustrie zu brechen und den Staatsapparat zur Durchsetzung der Ziele der Agrarelite einzusetzen. Die Politik der Janata-Regierung

„kam natürlich insbesondere der reichen und mittleren Bauernschaft zugute, deren Exponent Charan Singh war. Desai, der ein Jahrzehnt zuvor als Finanzminister in Indira Gandhis Kabinett eine Agrarvermögenssteuer konzipiert hatte, um endlich einmal die reichen Bauern, die vom Fiskus bisher ungeschoren gelassen wurden, zur Kasse zu bitten, war nun als Janata-Premier ganz anderer Meinung und wollte von diesem kühnen Plan nichts mehr wissen. Die bewährte indirekte Besteuerung der großen Masse der Bevölkerung wurde beibehalten, statt durch direkte Steuern einflußreiche Schichten zu reizen“ (Kulke/Rothermund 1982: 355).

Die in der Janata-Partei vertretenen ideologischen Gegensätze ließen schon nach etwas mehr als zwei Jahren die Regierung zusammenbrechen, als Charan Singh mit der Janata Party (S) seine eigene Partei gründete und Premierminister Desai daraufhin zurücktrat. Singh wurde vom indi­schen Präsidenten Sanjiva Reddi zwar mit der Regierungsbildung beauftragt, doch das Amt des Premierministers hatte er nur wenige Monate inne, weil die erste Minderheitsregierung Indiens politisch handlungsunfähig war (Kulke/Rothermund 1982: 356). Ein Mißtrauensvotum durch die ihn bislang unterstützende Congress-Partei brachte im August 1979 seine Regierung zu Fall (vgl. Malhotra 1990: 278).

Nicht eine neue Beliebtheit, sondern eine zerstrittene Opposition verhalfen Indira Gandhi dazu, bei den Wahlen von 1980 wieder die politische Macht in Indien zu erringen. Hinzu kamen eine erneute Wirt­schaftskrise und die Zuspitzung gewalttätiger Ausschreitungen von Landbesitzern gegen Harijans, die von der Janata-Regierung nicht energisch unterbunden wurden (Malhotra 1990: 279). So erlebte Indien 1979 den stärksten Ernterückgang seit der Unabhängigkeit,1 und die Preissteigerungsrate für Nahrungsmittel nahm wieder beträchtlich zu, konnte von der Congress-Regierung jedoch durch Inter­vention auf dem Getreidemarkt gedämpft werden (Agrawal et al. 1993).

Externe Faktoren hatten die neuerliche Wirtschaftskrise Indiens verschärft. Durch den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan erlebte der Rüstungswettlauf zwischen Indien und Pakistan einen neuen Höhepunkt. Pakistan konnte die Militärhilfe durch die USA erheblich ausweiten, und Indien versuchte, in diesem Bereich mit Unterstützung durch die Sowjetunion nachzuziehen (Cohen 1992). Innerhalb zweier Jahre (von 1980 - 82) stiegen in Indien die Rüstungsausgaben um mehr als 20 Prozent. Mit den Ölpreissteigerungen 1979 wurde das wirtschaftliche Wachstum ebenfalls beeinträchtigt. Zwischen 1970 und 1980 waren die Ausgaben für Ölimporte von 180 Millionen auf 6,6 Mrd. US-Dollar angestiegen, obwohl sich die Einfuhrmenge noch nicht einmal verdoppelt hatte (Rangarajan 1988). Während 1970 für Ölimporte etwa neun Prozent der Exporteinnahmen aufgewendet werden mußten, waren es im Wirtschaftsjahr 1980/81 fast 80 Prozent (berechnet nach: Economic Survey 1993/94).

Das kurze Regierungsintermezzo der Janata-Partei konnte wegen der ideologischen Zerstrittenheit für Indiens Wirtschaftspolitik keine neuen Akzente setzen. Der Versuch der ländlichen Eliten, sich gegenüber der privaten Großindustrie zu etablieren, war damit fehlgeschlagen.

5.4 Die Phase der beginnenden Globalisierung: 1980-1991

Durch das beträchtliche Ansteigen der Ölpreise und vermehrte Rüstungsimporte verschlechterte sich das Zahlungsbilanzdefizit Indiens nach 1980 erheblich (Nayyar 1988). Zwar nahmen Geldüberweis­ungen von InderInnen, die in den Golfstaaten Arbeit gefunden hatten, stark zu,1 doch sie reichten bei weitem nicht aus, das zunehmende Handelbilanzdefizit auszugleichen. Die Zahlungsbilanzprobleme konnten während der gesamten 80er Jahre nicht behoben werden, sondern verschlimmerten sich auch dann noch, als die Rohölpreise deutlich zurückgegangen waren. (vgl. Gulati 1982: 727; Eco­nomic Survey 1993-94: S-74;S-75f). Wie schon in der Vergangenheit waren besonders die USA auch diesmal dazu bereit, Indien mit Krediten zur Seite zu stehen; hatten sie doch durch den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und den Veränderungen im Iran ein verstärktes Interesse daran, ihren Einfluß in der Region zu stärken.

5.4.1 Die „Neue Wirtschaftspolitik“ in den 80er Jahren

Halbherzige Reformversuche der indischen Wirtschaft hat es nach 1974 immer wieder gegeben. In den 80er Jahren wurden Wirtschaftsreformen jedoch zielstrebiger und vor allem radikaler ange­gangen (Mehta 1988: 210ff). Der IWF-Kredit von 1981 hat diesen Trend beschleunigt, jedoch keineswegs ausgelöst, denn bereits zu diesem Zeitpunkt waren indische Interessensgruppen stark genug, um eine Liberalisierung der Wirtschaftspolitik voranzutreiben. Der vom IWF 1981 an Indien vergebene Kredit im Rahmen der Erweiterten Fond Fazilität war der bislang größte vom IWF unter diesem Programm vergebene Einzelkredit. Auch wenn Indien den zugesagten Kreditrahmen nicht voll ausschöpfte, war an die Kreditvergabe eine Reihe von Bedingungen geknüpft, die zu einer weiteren Zurückdrängung der staatlichen Industrie und der Aufwertung ausländischer Unternehmen in Indien führte.

Bereits im März 1980 wurde beschlossen, daß die staatlichen Unternehmen zukünftig keine Haushaltszuweisungen mehr erhalten sollten, sondern ihre Investitionen durch ihre eigenen Rücklagen bzw. durch Kreditaufnahmen am Markt aufzubringen hätten. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurden auch staatlich festgesetzte Preise angehoben, etwa bei den Düngemitteln, die im Mai 1980 von Rs. 1.450 auf 2.350 je Tonne anstiegen. Mit der Anhebung der Preise im Eisenbahnverkehr, der Elektrizitätserzeugung und dem Postwesen wurde gleich eine ganze Reihe staatlicher Dienstleistungen verteuert (vgl. Gulati 1982).

Im Juli 1980 verkündete die Regierung Indira Gandhis ihre neue Industriepolitik. Datt (1987) faßt die wichtigsten Punkte wie folgt zusammen:

- optimale Auslastung bestehender Kapazitäten. Illegal aufgebaute Kapazitäten (d.h. durch Um­gehung von Lizenzauflagen) werden legalisiert. Außerdem können bestehende Kapazitäten automatisch um 25 Prozent ausgeweitet werden.
- Steigerung von Produktion und Produktivität bei gleichzeitiger Steigerung der Beschäftigung.
- Beseitigung räumlicher Disparitäten durch bevorzugte Betriebsneugründungen in wenig in­dustrialisierten Regionen.
- Förderung von Exportindustrien.
- die Landesregierungen werden angehalten, unrentable Betriebe mit dem Ziel zu übernehmen, diese zu sanieren.
- Aufhebung der Unterscheidung zwischen Klein- und Großindustrie (Datt 1987: Lucas 1988) .

„To sum up, the new Industrial Policy (1980) is motivated more by considerations of growth than by those of enlarging employment or curbing monopoly. It intends to liberalise licensing for large and big business houses. In the name of integrating the interests of small and large units, in a very shrewd way, it promotes the interests of big business at the cost of small enterprises. Thus instead of adopting policies of economic decentralization, the new Industrial Policy will result in the promotion of a capital-intensive pattern of development“ (Datt 1987: 301).

Die Liste der Produkte, die ohne Lizenz importiert werden konnten (Open General Licence, OGL) wurde für Investitionsgüter zwischen 1981 und 1984 von 343 auf 761 erweitert, vor allem für Pro­dukte aus der Elektro- und Textilindustrie. Ebenfalls stark erweitert wurde die entsprechende Liste für Grund- und Rohstoffimporte (vgl. Lucas 1988; Srinivasan 1992). Unternehmen, die ausschließlich für den Export produzierten, konnten ihre Rohstoffe und Investitionsgüter nun vollständig aus dem Ausland beziehen. Ausländischen Unternehmen wurde es gestattet, ihre Kapitalbeteiligung in Indien zu erhöhen. In Bereichen mit hohen Exportpotentialen und solchen, in denen moderne Technologien eingesetzt wurden, wurde ausländische Alleinbeteiligungen zugelassen. Bereiche, die ausländischen Investoren bislang verschlossen waren, wurden geöffnet, und die in vielen Branchen bestehenden Verpflichtungen zum vollständigen Export der produzierten Waren gelockert.1

Um das Produktivitätsniveau zu steigern, wurde den Betrieben ein Produktivitätsrabatt in Form einer 10 bis 20 Prozentigen Ermäßigung auf den jeweiligen Verbrauchssteuersatz eingeräumt, sofern ihre Produktion das jeweilige Vorjahresniveau um 10 Prozent überschritt. Durch diese Maßnahme wurde vor allem die Produktion von Gütern angeregt, die mit hohen Verbrauchssteuern belegt waren, da für solche Produkte der gewährte Produktivitätsrabatt am höchsten war (vgl. Gulati 1982: 731).

Die neuen Bestimmungen wurden vom internationalen Kapital mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Die Zusammenarbeit ausländischer Unternehmen mit der privaten Großindustrie in Indien nahm nach 1980 einen stetigen Aufschwung. Während 1979 267 solcher Kollaborationen beschlossen wurden, hatte sich die Zahl der neuen Vertragsabschlüsse bis zum Jahr 1985 auf 1024 erhöht (Kurien 1989: 793). Innerhalb von fünf Jahren nahm die Summe der jährlichen Investitionen ausländischer Firmen um mehr als das vierzehnfache zu (von 89 Millionen Rs 1980 auf 1,26 Mrd. Rs 1985; Mehta 1988: 211).

Tab. 2: Beschäftigung im formellen Sektor und Industrieproduktion

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: Agarwal et al. 1993: 146; Economic Survey 1993/94: S-53; S-54

Mit der neuen Wirtschaftspolitik erlebte der staatliche Wirtschaftsbereich einen weiteren Einbruch. Statt staatlicher Schwer- und Investitionsgüterindustrie wurde die private Chemie- und Konsumgüterindustrie in den 80er Jahren zu den wichtigsten Wachstumsindustrien (Kurien 1989: 794). Ermöglicht wurde dieser Strukturwandel vor allem dadurch, daß in den 80er Jahren eine schnell wachsende Mittelschicht in Indien entstehen konnte, die verstärkt nach hochwertigen (d.h. westlichen) Konsumgütern nachfragte. Diese Mittelschicht war weniger aus erfolgreichen Umverteilungsmaßnahmen des Volkseinkommens entstanden, als vielmehr dadurch, daß die Bedi­ensteten des staatlichen Sektors überproportionale Einkommensverbesserungen zu verzeichnen hatten. Während zwischen 1971 und 1992 der Verbraucherpreis-Index um etwas mehr als 500 Prozent anstieg, erhöhten sich die Einkommen im staatlichen Sektor um fast 1000 Prozent (Economic Survey 1993-94: S-55).

Die Produktion von Kühlschränken, Klimaanlagen etc. nahm in den 80er Jahren jährlich um durchschnittlich 12 Prozent, die von Radio- und Fernsehgeräten um durchschnittlich 29 Prozent und die von Motorrädern und -rollern um durchschnittlich 19 Prozent zu. Insgesamt wuchs die Produktion langlebiger Konsumartikel um durchschnittlich 14,7 Prozent pro Jahr (Kelkar/Kumar 1990: 211; vgl. auch: Coondoo et al. 1993: M-45; Narayana/Joseph 1993). Bezeichnend ist, daß sich die hohen Wachstumszahlen bei der Industrieproduktion kaum auf die Anzahl der dort Beschäftigten niederschlugen.

Die Liberalisierung der Importpolitik und der daraus erwachsene Transfer moderner Fertigungs­anlagen nach Indien hatte dazu geführt, daß das Produktionswachstum zum großen Teil durch eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität erreicht wurde. Zur Lösung des Problems der Arbeits­losigkeit vermochte dies nichts beizutragen.

5.4.2 Die Wirtschaftspolitik unter der Regierung Rajiv Gandhi

Die Politik der Importliberalisierung wurde auch nach der Ermordung Indira Gandhis von ihrem Sohn Rajiv - vor allem während seiner beiden ersten Regierungsjahre - mit Nachdruck weiter­verfolgt (vgl. HarrisS 1987). Bei der Industriepolitik wurde der Lizenzierungszwang in 25 Sektoren aufgehoben, wobei es sich hauptsächlich um Produktionsbereiche der Elektrokonsum­güterindustrie (Farbfernseher, Video- und Kasettenrekorder) handelte (Kumar 1985: 718). Mit der Lockerung des Antimonopolgesetzes (MRTP-Gesetz) wurde die Zahl der Großbetriebe erheblich reduziert (Betz 1988; Chenoy 1990; Krishna 1990; Tandon 1993).1 Um die Lizenzvergabe zu vereinfachen und zu beschleunigen, wurden für 29 Industriebranchen sogenannte Breitbandlizenzen eingeführt, wodurch nicht mehr die Produktion für eine bestimmte Ware beantragt und genehmigt werden mußte, sondern die Lizenzen wurden für ganze Produktionsbereiche ausgestellt (Rieger 1989: 85). Exportbeschränkungen wurden reduziert bzw. abgeschafft. Für eine ganze Reihe von Branchen, vor allen für solche, für die ein hohes Exportpotential vermutet wurde, wurden Importlizenzen zur Einfuhr von Investitionsgütern vollkommen abgeschafft und die Einfuhrzölle drastisch reduziert (Wadhva 1988: 1331). Um einen weiteren Anreiz zur Exportproduktion zu schaffen, wurde auf die Profite der Exportproduktion ein Steuerrabatt von 50 Prozent gewährt. Nach 1988 wurden die Profite aus Exportgeschäften sogar ganz von der Besteuerung befreit. Einfuhrverbote wurden in vielen Fällen durch Zölle ersetzt, bestehende Tarife drastisch reduziert bzw. für Maschinen und Anlagen zur Düngemittelerzeugung und Kraftanlagen ganz abgeschafft. Weitere Bereiche, die bislang dem staatlichen Sektor vorbehalten waren, wurden für private Unternehmen geöffnet, darunter die Telekommunikation. Die Anwendung des Foreign Exchange Regulation Acts wurde gegenüber Joint Ventures liberaler gehandhabt, vor allem wenn es sich um exportorientierte oder high-tech Unternehmen handelte. 17 neue Branchen wurden für Großunter­nehmen und für Kooperationen mit ausländischen Unternehmen geöffnet. Kapazitätserhöhungen durch Modernisierung wurden bis zu 49 Prozent automatisch genehmigt.

Um die Inlandsnachfrage anzuregen, wurde der Spitzensteuersatz bei der privaten Einkommens­steuer von 62 auf 40 Prozent gesenkt. Die anderen Steuersätze wurden ebenfalls um 12 bis 15 Prozentpunkte reduziert und das steuerfreie Nettoeinkommen von 15.000 auf 18.000 Rs angehoben, wodurch ein Bruttoeinkommen von etwa 30.000 Rs steuerfrei blieb (Jhaveri 1985: 725; Kumar 1985: 717).

„Out of about four million income tax payers, one million are becoming entirely tax-free, while the remaining three million will pay substantially less than at present (Datta 1985: 694).

Gleichzeitig wurde die Registrierungsgebühr für Radio- und Fernsehgeräte abgeschafft (Basu 1985: 715) und die Körperschaftssteuer-, Grund- sowie die Vermögenssteuersätze erheblich ge­senkt und auf fünf Jahre festgeschrieben (Rieger 1989; Swamy 1994).

Um den Steuerausfall teilweise auszugleichen, wurde eine Reihe von Verbrauchssteuern und Einfuhrzöllen angehoben, wie z.B. auf Rohölimporte, Gemüse und Zigaretten, und auch die Eisenbahnfrachttarife wurden erhöht (Baru 1985: 703f; Jhaveri 1985: 725f; Kumar 1985: 718). Durch diese Maßnahmen verteuerten sich die Produkte mit hohen Transport- und/oder Energieanteilen besonders stark (Basu 1985: 715f).

„The basic fact behind all this is that on the net balance the rich will benefit from the tax reliefs and the poor will bear the burden of the tax-pushed rise in prices“ (Datt 1985: 697; vgl.: Patnaik 1985: 699).

Oder wie es Basu (1985) ausdrückt:

„The Union Budget, 1985-86, should make everybody happy. The highly paid company executive should be happy because he will have to pay less income tax, less wealth tax and no estate duty. The industrialist should be happy because the corporate tax has been lowered by 5 per cent and there is assurance that it will be lowered further in the years to come. The rural capitalist should be happy because he will continue to be exempt from income tax and he can now have insurance against crop failures. Finally, the poor should be happy seeing so much happiness all around! This seems to be the essential philosophy behind this year's Budget“ (Basu 1985: 715).

5.4.2.1 Der Widerstand gegen die „Neue Wirtschaftspolitik“

Widerstand gegen die Wirtschaftsreformen der 80er Jahre kam vor allem von jenen Gewerkschaften, die nicht eng mit der Congress-Partei liiert waren. Da Mitte der 80er Jahre mehr als 70 Prozent der im organisierten Sektor Beschäftigten auf den staatlichen Bereich entfielen, sahen die Gewerkschaften in der versuchten Zurückdrängung des staatlichen Sektors einen Angriff auf ihre Machtposition. Dies war vor allem auch deshalb der Fall, weil arbeits-, tarif- und streikrechtliche Bestimmungen im staatlichen Sektor leichter durchzusetzen sind als im privaten (Malhotra 1990: 135f).

Kritik an der neuen Wirtschaftspolitik kam aber auch aus Teilen der privaten Industrie und aus der regierenden Congress-Partei selbst und führte schließlich dazu, daß nach 1986 einige Reformmaß­nahmen (vor allem die Senkung von Importzöllen) teilweise wieder zurückgenommen wurden. Der Abbau von Zollschranken in vielen Bereichen hatte nämlich dazu geführt, daß viele indische Unter­nehmen gegen die Importe ausländischer Anbieter nicht konkurrieren konnten. Diese Unternehmer mußten nun feststellen, daß sie unter den hohen Importzöllen nicht etwa gelitten, sondern vor aus­ländischer Konkurrenz geschützt expandieren konnten. Sie setzten Rajiv Gandhi immer mehr unter Druck, er solle die Importzölle wieder erhöhen. Im Haushaltsplan 1987-88 gab der Premierminister diesem Druck schließlich nach und erhöhte die Einfuhrzölle für alle Investitionsgüter auf 85 Prozent (zuvor 55%). Die Einfuhrzölle auf Anlagen zur Energiegewinnung wurden auf 35 Prozent (zuvor 25%) und zur Düngemittelherstellung auf 15 Prozent (zuvor 0%) erhöht (Budget 1987-88).

Es war immer deutlicher geworden, daß die indische Industrie in ihren Strukturen und Technologien hoffnungslos veraltet war und lediglich ausländische und kapitalkräftige indische Unternehmen konnten den nun einsetzenden Verdrängungswettbewerb zu ihren Gunsten entscheiden. Zwischen 1980 und März 1992 hatte die Anzahl der hochverschuldeten Industriebetriebe von knapp 25.000 auf über 240.000 Betriebe zugenommen, wobei 1992 mit 99,6 Prozent fast ausschließlich Kleinbetriebe (small-scale-industries) betroffen waren (Economic Survey, verschiedene Jahrgänge). Am stärksten stieg die Zahl hochverschuldeter Betriebe zwischen 1981 und 1982 an, als innerhalb eines Jahres die Anzahl der „kranken“ Betriebe um 125 Prozent zunahm (Agrawal et al. 1993: 153).

Da durch das indische Industriegesetz (Industrial Disputes Act) Unternehmen mit mehr als 100 Be­schäftigten Betriebsschließungen nur mit Zustimmung der jeweiligen Landesregierung vornehmen konnten, die mindestens 90 Tage vor der beabsichtigten Schließung einzuholen war, wurden viele „kranke“ Privatunternehmen in Staatsunternehmen umgewandelt oder einfach illegal geschlossen (Garg 1992: 134).1 Weitgehend verschont von dieser „behinderten“ Konkurswelle waren die indischen Großbetriebe. Die 20 größten Privatunternehmen konnten zwischen 1981 und 1988 ihr Betriebsver­mögen um fast 400 Prozent und ihre Umsätze um 325 Prozent steigern (CMIE 1981, 1988-89).

Entlassungen und Betriebsschließungen haben in den 80er Jahren das Beschäftigungswachstum in der organisierten Wirtschaft stark abgeschwächt. Während die private Wirtschaft kaum neue Arbeitsplätze schaffen konnte, hat die staatliche Wirtschaft wenigstens eine leichte Zunahme verzeichnen können. Inwieweit in diesen beiden Trends die staatliche Übernahme privater „kranker“ Betriebe zum Ausdruck kommt, kann aufgrund fehlender Daten nicht analysiert werden. Anzeichen deuten darauf hin, daß viele Beschäftigungsverhältnisse vom organisierten in den informellen Sektor verlagert wurden (Swamy 1994: 203; vgl. Lucas 1988: 189f.).

Daneben führten Inflation und zurückgehende Realeinkommen sowohl in der privaten Industrie wie auch in der Landwirtschaft verstärkt zu sozialen Spannungen. Die staatliche Bürokratie sprach sich ebenfalls immer deutlicher gegen eine Fortsetzung der Liberalisierungsmaßnahmen aus, da sie um ihre „Nebeneinkommen“ aus den Lizenzierungsverfahren bangte.

Am deutlichsten zeigte sich jedoch die Wirtschaftskrise, die sich allmählich zur politischen Krise ausweitete, bei den Staatsfinanzen und der Außenverschuldung. Eine ungenügende Steigerung der Staatseinnahmen bei gleichzeitig starker Zunahme der Ausgaben hatten dazu geführt, daß das Haushaltsdefizit immer größer wurde (Lakdawala 1991: 263f). Drei Gründe waren hauptsächlich für diese Entwicklung verantwortlich:

Erstens blieben die direkten Steuereinnahmen hinter den Erwartungen zurück und konnten auch nicht durch die Anhebung verschiedener Verbrauchssteuern ausgeglichen werden. Zweitens nahmen die Rüstungsausgaben vor allem in der zweiten Hälfte der 80er Jahre überproportional zu.2 Drittens nahmen unterschiedlichste Subventionen noch schneller zu, wobei vor allem Subventionen für Düngemittel (in den 80er Jahren um durchschnittlich 41 Prozent pro Jahr), Exportsubventionen (20 Prozent pro Jahr) und Nahrungsmittelsubventionen (16 Prozent pro Jahr) am schnellsten wuchsen (Swamy 1994: 214).

Zum steigenden Haushaltsdefizit kam hinzu, daß sich die Schere zwischen Importausgaben und Exporteinnahmen immer mehr ausweitete. Die Importliberalisierung hatte dazu geführt, daß immer mehr ausländische Waren nach Indien strömten, es jedoch nicht gelungen war, im gleichen Ausmaß Exportmärkte zu erschließen. Weiterhin machte sich die zunehmende Auslandsverschuldung Indiens immer deutlicher bemerkbar. Mehr als 25 Prozent der Deviseneinnahmen aus Exportgeschäften mußten inzwischen zum Schuldendienst aufgebracht werden (Economic Survey 1992-93).

5.4.3 Die Organisierung einer indischen Bauernbewegung

Durch die Konzentration auf die industrielle Entwicklung und der damit einhergehenden Ver­nachlässigung der Landwirtschaft fühlte sich die ländliche Elite immer mehr von der Regierung zurückgesetzt (Padmanabhan 1988a).

Während die landwirtschaftliche Produktion zwischen 1970 und 1984 um über 40 Prozent an­gestiegen war, hatte das durchschnittliche Nettoeinkommen der Produzenten um weniger als acht Prozent zugenommen. Das lag daran, daß die Kosten für landwirtschaftliche Betriebsmittel fast 2,5 mal so schnell gestiegen waren wie die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise (Frontline 12.11.1988: 16; Dantwala 1991; Nadkarni 1991).

In den Jahren von 1986 bis 1988 erlebte Indien in den meisten Bundesstaaten die schwerste Dürre seit der Unabhängigkeit, die den Forderungen der mittleren und größeren Landwirte nach stärkerer staatlicher Berücksichtigung weiter Nachdruck verlieh. Trotz einiger Zugeständnisse an die ländlichen Eliten,1 fühlten sich diese auch weiterhin benachteiligt (Rath 1988: 735).

Bislang war die indische Bauernschaft auf nationaler Ebene nur wenig organisiert. Es gab zwar in vielen Bundesstaatenstarke Bauernverbände, die auch großen Einfluß auf die jeweiligen Landes­regierungen hatten, doch eine einflußreiche nationale Bauernbewegung konnte sich nur langsam entwickeln. Die Janata-Regierung wurde zwar von vielen Bauernführern unterstützt und hatte mit Charan Singh den anerkannten Führer der indischen Agrarelite in ihren Reihen, doch erst nach dem Zusammenbruch der Regierung formierte sich unter seiner Führung ein gesamtindischer Bauernver­band (Bharatyia Kisan Union, BKU), der jedoch nur mäßigen Erfolg hatte (Roy 1988b).

Bald nach Charan Singhs Tod (1987) übernahm Mahendra Singh Tikait, ein 52-jähriger Großbauer aus Uttar Pradesh, die Führung in der BKU, die kurz vor ihrer Auflösung stand. Ein Jahr später hatte er den indischen Bauernverband zu einer ernstzunehmenden Interessensvertretung der Agrarelite aufgebaut. Schon als Sekretär der BKU hatte er in den Jahren 1986 und 1987 mit Massenversamm­lungen die Rücknahme einer bereits beschlossenen Stromtariferhöhung für die Landwirtschaft von der Regierung in Uttar Pradesh erzwingen können. Um weitere Forderungen durchzusetzen, belagerte Tikait mit über 50.000 Bauern im Januar/Februar 1988 25 Tage lang die nordindische Stadt Meerut (Uttar Pradesh) (Roy 1988a). Bereits im Oktober 1988 war Tikait in Neu Delhi. Zusammen mit zehntausenden Bauern belagerte er sieben Tage lang das Parlamentsgebäude, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Tikait vermied bei beiden Aktionen, Verbündete unter den politischen Parteien zu suchen. Sowohl der Congress-Partei als auch den Oppositionsparteien, die ihre Unterstützung anboten, erteilte er eine Absage (Varadarajan 1988; Roy 1988b).

Durch diese Aktionen stieg sein Einfluß innerhalb der Bauernbewegung beträchtlich. Bis zu den Bundestagswahlen im Spätjahr 1989 gewann die indische Bauernbewegung weiterhin an Profil. Erfolgreich versuchte sie, die Unterstützung der Kleinbauern und Landarbeiter zu gewinnen, indem Maßnahmen wie die Anhebung der Mindestlöhne und Verkürzung der täglichen Arbeits­zeit für Landarbeiter, die Abschaffung der Mitgift, die Bekämpfung der Korruption u.a. in den Forderungskatalog aufgenommen wurden (Singh/Sahni 1989). Wie schon 1977 gelang es damit der ländlichen Elite, die Klassengegensätze auf dem Land dadurch zu verschleiern, daß die Hauptkonfliktlinien zwischen der Landwirtschaft (ländliches Indien) und der Industrie (städtisches Indien) gezogen wurden.

Gleichzeitig gelang es, über 30 regionale Bauernverbände - zunächst unter der Führung der BKU - zu einem schlagkräftigen Dachverband zu vereinen (All India Kissan Coordination Committe, AIKCC).

Bei den indischen Bundestagswahlen im Jahr 1989 unterstützten der BKU und andere Bauern­vereinigungen die Janata Dal, auch wenn von allen anderen Parteien in deren Wahlprogrammen den Landwirten ebenfalls großzügige Versprechungen gemacht worden waren. Mit dem späteren stellvertretenden Premierminister Devi Lal, einem mächtigen Bauernführer aus Haryana und mit Ajit Singh, dem späteren Industrieminister, war die einflußreiche Jat-Kaste, der auch Tikait angehörte, in der Janata Dal mit einflußreichen Persönlichkeiten vertreten.

So konnte die ländliche Elite mit Unterstützung der Klein- und Marginalbauern sowie der Land­losen der Congress-Partei in NordIndien eine empfindliche Wahlniederlage beibringen. Von den 218 Parlamentssitzen, die die Congress-Partei bei den Wahlen des Jahres 1984 in NordIndien erringen konnte, blieben ihr 1989 gerade noch 31. Der Mandatszuwachs im Süden (von 68 auf 103) konnte die Wahlniederlage der Congress-Partei nicht abwenden (Agrawal/Aggarwal 1990: 196). Die größten Verluste erlitt die Congress-Partei bei den Wählern aus den Reihen der Scheduled Castes and Tribes und bei der muslimischen Wählerschaft (India Today 15.12.1989: 73).

Mit V.P. Singh wurde zum dritten Mal in der indischen Geschichte ein Politiker Premiermini­ster, der nicht aus den Reihen der Congress-Partei kam. Er war allerdings auf die Unterstützung der BJP und der Kommunisten angewiesen, die der Regierung zwar nicht beitraten, sie jedoch „von außen“ unterstützen.

5.5. Die Regierung der National Front

Die Regierung der National Front war eine Minderheitsregierung, die nur durch die Unterstüt­zung des äußersten rechten und des äußersten linken Flügels des nationalen indischen Parteien­spektrums zustande kam und daher äußerst instabil war. Die beiden schärfsten Konkurrenten in­nerhalb der Janata Partei waren Premierminister V.P.Singh und sein Stellvertreter Devi Lal.

V.P. Singh, der frühere Finanzminister Rajiv Gandhis und Architekt seiner Wirtschaftsreformen, stand einer Regierung vor, die in ihrem Wahlkampf dafür eingetreten war, den Belangen des ländlichen Indiens bedeutend mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dies bislang der Fall gewesen war. Ihm zur Seite stand Devi Lal, mächtiger Großgrundbesitzer im Bundesstaat Haryana und politischer Führer der nordindischen Bauernschaft. Der Interessenskonflikt zwi­schen „Bharat“, dem ländlichen Indien und „India“, dem städtischen, an industrieller Entwick­lung orientiertem Indien, war also in der Führung der Janata-Regierung personell zugegen.

Unterstützt wurde diese Regierung von der Bharatiya Janata Partei, die eine zweite Konfliktlinie einbrachte, nämlich den Konflikt zwischen Moslems und Hindus. Von der „linken“ Seite her wurde die Regierung noch von den beiden kommunistischen Parteien ergänzt. Diese repräsentierten eine dritte Konfliktlinie, nämlich den Konflikt zwischen produktionsmittelbesitzenden Klassen und solchen ohne Produktionsmittel.

Diese drei nur schwer miteinander in Einklang zu bringenden Konfliktfelder, prägten die ideo­logischen Auseinandersetzungen in den 11 Monaten, in denen V.P. Singh die Regierungsgeschäfte wahrnahm und führten schließlich Anfang November 1990 zu seinem Sturz. Mehr noch, 1990 sollte für Indien ein Jahr werden, in dem Gewalt und Terror das Land an den Rand eines Bürgerkrieges brachten. Die angesprochenen Konfliktlinien, vor allem die beiden erstgenannten, waren dafür ausschlaggebend. Sie führten dazu, daß sich die regierende Janata Dal zerfleischte und die BJP die Regierung von außen zum Sturz brachte. Die Congress-Partei ihrerseits tat ihr Bestes, um die politische Kultur des Landes von der Oppositionsbank aus zu schwächen, indem sie geschickt die ideologischen Gegensätze innerhalb der Janata Dal schürte.

5.5.1 Die Wirtschaftspolitik unter V.P. Singh

1990 war ein Jahr, in dem von der neuen Regierung wirtschaftspolitische Initiativen erwartet wurden, hatte sie doch die Reformpolitik unter Rajiv Gandhi immer wieder scharf angegriffen. Auf der anderen Seite ließen die ideologischen Differenzen in der Regierung selbst und mit den Kräften, die sie von außen stützte, wenig Spielraum für einen radikalen Wandel. Die einzelnen Kräftegruppen innerhalb des Regierungsbündnisses waren mehr damit beschäftigt, sich auf eine „Zeit nach dieser Regierung“ vorzubereiten als konstruktive (wirtschafts)politische Initiativen einzuleiten. Das einzige wirtschaftspolitische Dokument der V.P. Singh-Regierung ist der im April 1991 eingebrachte Finanzhaushalt. Obwohl mit Spannung erwartet, wurde darin die Chance versäumt, strukturelle Veränderungen in der indischen Ökonomie und Gesellschaft einzuleiten (Paranjapa 1990; Rath 1990).

Mit der Anhebung des steuerfreien Nettoeinkommens auf jährlich 22.000 Rs wurde eine weitere Million Erwerbstätiger von der Einkommenssteuer befreit (Nayak 1990: 885).1

Um diese Zugeständnisse finanziell zu kompensieren, wurden die indirekten Steuern für eine Reihe von Luxuskonsumgütern erhöht, aber auch die Einfuhrzölle für Rohölimporte und die Ab­gabepreise für Benzin und Diesel angehoben. Gerade diesen beiden letzten Maßnahmen sowie der Erhöhung der Frachttarife bei der Eisenbahn, hafteten vermutlich inflationäre Folge­erscheinungen an (Datta 1990: 858, 863). Die Gewerbesteuer wurde von 50 auf 40 Prozent reduziert, gleichzeitig jedoch einige Abschreibungsmöglichkeiten gestrichen, so daß sich das Steuereinkommen aus diesem Bereich erhöhte (Datta 1990: 858; Lakdawala 1990: 871; Paranjape 1990: 877). Wie schon unter der Regierung Rajiv Gandhis stiegen die Rüstungs­ausgaben weiter, diesmal um 21,5 Prozent (Datta 1990: 859). Das Wahlversprechen der Janata-Dal, die Ausgaben für Landwirtschaft und Ländliche Entwicklung bedeutend auszuweiten, spiegelte sich nicht im Haushaltsplan wider oder wenigstens so unscharf, daß man von einer neuen Schwerpunktsetzung kaum sprechen konnte. Der Anteil der Planausgaben für ländliche Belange stieg im Vergleich zum vorjährigen Haushaltsplan zwar von 44 auf 49 Prozent an (Nayak 1990:885), ging jedoch - bezogen auf die gesamten Haushaltsausgaben - von 11,2 auf 10,8 Prozent zurück, da die Nichtplan-Ausgaben (Schuldendienst, Subventionen, Rüstung) un­gleich stärker zunahmen (Kurien 1990: 867).

Mit der Einführung eines Employment Guarantee Schemes in Dürregebieten und Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit (Nayak 1990: 885) wurde zwar das Wahlversprechen konkretisiert, ein „Recht auf Arbeit“ in Indien zu verwirklichen, zusätzliche Haushaltsmittel wurden dafür jedoch nicht ausgewiesen (Rath 1990:882). Mit dem Erlaß von landwirtschaftlichen Schulden bis zu einer Höhe von 10.000 Rs wurde ein weiteres Wahlversprechen eingelöst. Entgegen der An­kündigung im Wahlprogramm konnten nicht nur Klein- und Marginalbauern, Dorfhandwerker und Landlose, sondern alle Landwirte von diesem Schuldenerlaß profitieren. Nayak (1990:883), Paranjape (1990:875) und Rath (1990:881) weisen darauf hin, daß von dieser Maßnahme vor allem die mittleren und größeren Bauern profitierten, da Klein- und Marginalbauern oder Landlose nur selten als kreditwürdig angesehen wurden. Sinnvoller (und billiger) wäre es z.B. gewesen, die Maßnahme nur auf diese Gruppen zu beschränken, oder Kreditmöglichkeiten für solche Gruppen zu schaffen, die bislang von formellen Krediten ausgeschlossen waren/sind.

Wesentliche Veränderungen an der wirtschaftspolitischen Zielsetzung hat der erste Haushalts­entwurf der Janata Dal-Regierung nicht gebracht. Viele Programme der alten Regierung mußten übernommen werden, ebenso wie auch viele wirtschaftliche Probleme. So lassen sich die Haushaltsausgaben nicht beliebig umschichten oder gar erhöhen, da ein beträchtlicher Anteil der Staatsausgaben gebunden ist; einerseits scheint eine drastische Reduzierung dieser festen Ausgaben politisch nicht durchführbar (Rüstung, Subventionen), andererseits sind diese Mittel auch gar nicht verfügbar (Schuldendienst). Dennoch darf man von einer Partei, die mit einem ausgesprochen auf „Armutsbeseitigung“ ausgerichteten Programm zur Wahl angetreten und die von vielen Wählern aus ärmeren gesellschaftlichen Gruppen gewählt worden war, erwarten, daß sie in ihrer ersten Haushaltsvorlage deutlichere Akzente zur Beseitigung von Armut setzt, als es die Janata Dal tat.

So muß sich die Janata Dal-Regierung den gleichen Vorwurf gefallen lassen, den sie zuvor selbst immer wieder an die Congress-Partei gerichtet hatte, als diese noch die Regierungsverantwortung hatte: Sie rede viel von der Beseitigung der Armut, doch verfolge eine Politik, die die Reichen be­günstige. Besonders deutlich wird dies bei der Steuerpolitik, durch die weiterhin die Bezieher ge­sicherter und hoher Einkommen Zugeständnisse erhielten, während die ärmeren Bevölkerungsgrup­pen in zunehmendem Maße die Steuerausfälle auszugleichen und die Haushaltslücken zu stopfen hatten.

Vielleicht hätte der zweite Haushaltsplan dieser Regierung deutlichere Akzente gesetzt, doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Die Gründe dafür sollen in den folgenden Kapiteln ausführlicher an­alysiert werden. Es wird dabei deutlicher werden, warum eine armutsorientierte Politik in Indien selbst dann sehr problematisch ist, wenn eine Regierung neben den Vertretern der Bauernelite auch eine beträchtliche Anzahl angesehener Sozialisten (z.B. den Finanzminister Dandavate) in ihren Reihen hat und von den beiden kommunistischen Parteien Indiens unterstützt wird, aber eben auch von der BJP. Die eben beschriebene Konstellation bewirkt, daß sich Politiker mit unterschiedlichem ideologischen Hintergrund als Interessensvertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen verstehen und sich dadurch gegenseitig blockieren. Ein weiteres Problem ergibt sich aber auch aus der Tatsache, daß in Indien die ärmeren Bevölkerungssegmente zwar die Mehrheit der Wählerschaft bilden, jedoch keineswegs eine homogene Gruppe darstellen und durch die Betonung anderer Konfliktlinien (Kaste, Religion, Stadt <=> Land) leicht auseinander zudividieren sind. Und schließlich muß auch noch darauf hingewiesen werden, daß Politik in Indien häufig eine „Privatangelegenheit“ einzelner Politiker bzw. ganzer Dynastien zu sein scheint, die der eigenen Entwicklung bedeutend mehr Gewicht beimessen als z.B. der Verringerung von Armut (vgl. India Today 30.11.1989: 182-90). Sofern sich beides vereinbaren läßt, ist dies nicht unwillkommen; zumeist besteht allerdings zwischen beiden Bestrebungen ein unüberwindlicher Zielkonflikt. Das Jahr 1990 ist bestens dazu geeignet, diesen Charakter indischer Politik exemplarisch darzustellen.

5.5.2 Der Zerfall der politischen Kultur nach 1989: Mandal, Mandir und Macht

Korruption, Patronagewirtschaft und politische Gewalt sind schon seit langem Bestandteil der politischen Verhältnisse in Indien. In ihrem Wahlkampf hatte die Janata Dal diesen Verhältnis­sen einen erbitterten Kampf angesagt, und mit V.P. Singh hatte ein Politiker das Amt des Mini­sterpräsidenten übernommen, der ein integres Image vorzuweisen hatte.1

In einer demokratischen Gesellschaft, die wie die indische in viele ethnische, religiöse, sprachliche und sozio-ökonomische Gruppen fragmentiert ist, müssen die politischen Parteien bestrebt sein, in ihren Ideologien und Politiken Themen anzuschneiden, die über Gruppengrenzen hinweg möglichst viele Wähler ansprechen. Eine Partei, die die Regierungsverantwortung inne hat, wird sich schwer tun, alle Interessen gleichermaßen in ihrer Politik zu berücksichtigen. Sie muß allerdings bestrebt sein, keine wichtige Gruppe so zu vernachlässigen, daß diese in den nächsten Wahlen die Gefolgschaft verweigert.

Die Repräsentanten einer Partei sind demnach bestrebt, ihre Wählerschaft (vote bank)1 bei „guter Laune“ zu halten, vor allem dann, wenn die nächsten Wahlen nicht mehr fern sind.

Sachzwänge, Unfähigkeit oder auch Interessenkollisionen führen nicht selten dazu, daß sich reale Politik nicht an den Wünschen und Bedürfnissen der jeweiligen Wählerschaft ausrichtet. Trotzdem muß ein Politiker bestrebt sein, sich ein „Image“ aufzubauen. Er tut dies, wenn er - aus welchen Gründen auch immer - nicht fähig ist, eine Politik im Interesse seiner ursprünglichen Wählerschaft durchzusetzen, mittels symbolischer Gesten, die - Geschenken gleich - die Bindung zur Wählerschaft aufrechterhalten helfen, ohne im eigentlichen Sinne ihre Interessen zu vertreten. Solche populistischen Politiken sind nicht neu in Indien. Schon viele Politiker und Parteien sind mit dem Versprechen an die Macht gekommen, die Armut zu beseitigen und haben dennoch de facto Politiken verfolgt, die die soziale Polarisierung in Indien verschärft haben.

Als im Dezember 1989 die Regierung der National Front ins Amt eingeführt wurde, war es äußerst zweifelhaft, ob sie die volle Regierungszeit die Amtsgeschäfte würde durchführen können. Genauso zweifelhaft war es auch, ob die heterogene Janata Dal selbst langfristig überleben könnte. Die wichtigsten Politiker waren deshalb von Anfang an bestrebt, ihr „Image“ bei der Wählerschaft zu festigen, bzw. sich ein solches „Image“ zu schaffen. V.P. Singh war dabei um ein soziales „Image“ bemüht, d.h. er versuchte, aus den unter-privilegierten Klassen, Kasten und Gruppen ein stabiles Wählerpotential aufzubauen.

5.5.2.1 Reservierungspolitik oder: Wie ein Premierminister seine Regierung stützt

Am 7. August 1990 erklärte V.P. Singh, daß seine Regierung beabsichtige, die Empfehlungen der Mandal-Kommission aus dem Jahre 1980 umzusetzen. So sollten (a) 27 Prozent der Arbeits­stellen im Staatsdienst für benachteiligte Kasten, die bislang nicht in den Genuß früherer Re­servierungsquoten gekommen waren (Other Backward Communities/Classes OBCs), reserviert werden. Die gleiche Reservierungsquote sollte (b) bei der Vergabe von Studienplätzen in allen Hochschulen der Zentral- und Landesregierungen gelten (Radhakrishnan 1990).

Es ist zwar nach wie vor richtig, daß soziale Ungleichheit in Indien auch heute noch weitgehend in der Kastenzugehörigkeit ihren Ausdruck findet. Während die Angehörigen der Other Backward Classes (OBCs) einen Anteil von 52 Prozent an der Gesamtbevölkerung einnehmen, sind sie mit knapp 13 Prozent der Beschäftigten bei Einrichtungen der Zentralregierung deutlich unter­repräsentiert und nehmen dort vor allem die niedrig bezahlten Arbeitsplätze ein (epw 13.01.1990: 83). Bei den Scheduled Castes and Tribes (SC/ST) beträgt der Anteil an der Gesamtbevölkerung 22,5 Prozent. Sie stellen knapp 19 Prozent der Beschäftigten der Zentralregierung (Choudhary 1990: 1930).2

Eine Illusion ist es dennoch zu glauben, daß durch eine Politik der positiven Diskriminierung das Problem der Armut dieser Gruppen nachhaltig gelöst werden kann. Erstens ist die Gesamtzahl der Arbeits- und Ausbildungsplätze, um die es letztlich geht, verschwindend gering. 1992 wurde die An­zahl der Beschäftigten in Indien auf 301 Millionen Menschen geschätzt (Economic Survey 1993-94:156). 19 Millionen davon waren in Bereichen beschäftigt, für die die Reservierungsquoten relevant sind. Bei einer Reservierungsquote von 50 Prozent (23% für SCs/STs und 27% für OBCs) entfallen auf diese Gruppen gerade 9,5 Mill. Arbeitsplätze. Die jährlich neu zu besetzenden Stellen nehmen einen Bruchteil dieser Zahl ein.1

Zweitens schafft eine Reservierungspolitik keine neuen Arbeitsplätze, sondern ordnet lediglich die Verteilung der staatlichen Arbeitsplätze neu. Drittens ist mit der Arbeitsaufnahme in staatlichen Bereichen zumeist ein höherwertiger Bildungsabschluß verbunden. Auch wenn im Bildungsbereich ebenfalls Reservierungsquoten bestehen und es für unterprivilegierte Gruppen im universitären Bereich vielfältige Förderprogramme gibt, setzt ihre Inanspruchnahme bereits einen bestimmten sozio-ökonomischen Status voraus. In der Regel erreichen die Mitglieder der ärmsten Gruppen der Gesellschaft noch nicht einmal einen Hauptschulabschluß und scheiden daher sowohl für die Förderprogramme in höheren Bildungsbereichen wie auch für die Arbeitsplatzreservierung im staatlichen Sektor aus.2 Die Folge davon ist, daß in der Regel lediglich die Eliten der unterprivi­legierten Gruppen von der Reservierungspolitik profitieren. Viertens gibt es in Indien durchaus eine Reihe von Gruppen, die zwar einen niedrigen Kastenstatus haben, ökonomisch aber durchaus gut gestellt sind wie z.B. die Kaste der Yadava in großen Gebieten Nord­Indiens. Während bei den SC/ST eine Kategorisierung verhältnismäßig einfach ist, ist es praktisch unmöglich, genau festzulegen, welche Gruppen eigentlich gemeint sind, wenn von OBCs gesprochen wird. Politischer Patronage wird dadurch Tür und Tor geöffnet.

Die privilegierten Gruppen (FC, Forward Communities) bringen, soweit sie nicht verarmt sind, gute Eingangsvoraussetzungen für den staatlichen Sektor mit, sehen sich nun aber dadurch be­droht, daß ihnen ein beträchtlicher Anteil dieser Arbeitsplätze per Gesetz vorenthalten wird. Die Anzahl der Arbeitsplätze, in denen theoretisch ein freier Wettbewerb (open competition) besteht, reduziert sich um weitere 27 Prozent.3

Die Ankündigung zur Umsetzung der Empfehlungen der Mandal-Kommission spaltete die Wählerschaft der Janata Dal in zwei sich unerbitterlich gegenüberstehende Gruppen: jene, die hofften, von dieser Politik zu profitieren und solche, die befürchteten, in ihrer sozialen Entwick­lung zurückgeworfen zu werden. In den ländlichen Gebieten NordIndiens trat diese Spaltung am heftigsten zutage und führte dort zu den folgenreichsten Auseinandersetzungen. Die von den Großbauern unter Devi Lal mit Hilfe von Tikait und anderen Bauernführern geschaffene Allianz zwischen unterschiedlichen Bauern- und Landlosenkasten zerbrach dabei.

Während die einflußreichsten Bauernkasten (Ahirs, Jats, Gujjars und Rajputs)4 - mit Ausnahme der Ahirs - nicht zu den OBCs gerechnet werden, fallen die Yadavas und andere Kleinbauern­gruppen ebenso in diese Kategorie wie die Masse der Landarbeiter, sofern sie nicht der SC/ST -Kategorie zuzurechnen sind (vgl. Menon 1990: 106).

„Bihar went up in flames. Rajputs especially, who went all out in support of V.P. Singh during the last elections, viewed the Prime Minister's action as a betrayal. [...] Frenzied mobs of youth and students went on the rampage, damaging and setting ablaze railway stations and trains, police and private vehicles, government offices, post offices and telephon exchanges and holding up rail and road movement for almost a fortnight“ (Upadhyaya 1990a:28).

Ähnliche Ausschreitungen fanden in fast allen anderen Bundesstaaten NordIndiens statt. Sie hielten auch in den folgenden Monaten an und verschärften traditionelle Konflikte, die durch die Wahlallianz überwunden geglaubt schienen.

Als V.P. Singh am 8. Oktober 1990 auf einer Massenversammlung in Patna (Bihar) die Reser­vierungspolitik verteidigte, nahmen die Auseinandersetzungen weiter an Schärfe zu.

Die Gründe, weshalb von den höherrangigen Kasten die Reservierung so vehement bekämpft wird, sind naheliegend: die Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft hinken schon seit Jahrzehnten hinter der Entwicklung im industriellen Sektor her. Investitionen in Kleinunterneh­men sind kaum lohnend, da diese mit der Macht der großen Konzerne nicht konkurrieren können. Viele Mittel- und Großbauern sehen deshalb im lukrativen staatlichen Sektor die einzige Möglichkeit, ökonomisch weiter aufzusteigen und sind bereit, viel in die Erziehung und Aus­bildung vorwiegend ihrer Söhne zu investieren. Wenn schon nur wenige tatsächlich einen sol­chen Aufstieg erreichen können, wird er durch die Reservierungspolitik noch unwahrscheinli­cher. Dadurch werden die Forward Communities nicht nur ökonomisch getroffen, sondern auch in ihrer Psyche, denn sie müssen mit ansehen, wie Angehörige von Kasten, die in der Ka­stenhierarchie weit unter ihnen stehen, sie wirtschaftlich überholen.

So bleibt nur noch die Frage, welches Interesse V.P. Singh daran gehabt haben konnte, eine Al­lianz von Wählergruppen, die entscheidenden Anteil daran hatten, daß er das Amt des Premier­ministers in Indien erringen konnte, in einen regelrechten Kastenkrieg anzustacheln. Zunächst muß noch einmal darauf hingewiesen werden, daß dieses Wählerpotential die „Hausmacht“ von Devi Lal war und nicht die von V.P. Singh. Singh hatte von dieser Allianz zwar profitieren können, doch er mußte sich ein eigenes Wählerpotential aufbauen. Er konnte schließlich nicht wissen, wie lange seine Regierung in der vorliegenden Konstellation Bestand haben würde.

5.5.2.2 Die erste Regierungskrise 1990: V.P. Singh vs Devi Lal

Vieles deutete schon bald nach dem Wahlsieg der National Front darauf hin, daß die Regierung nicht die volle Legislaturperiode Bestand haben würde. Bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1990 gerieten Premierminister V.P. Singh und sein Stellvertreter Devi Lal zunehmend mitein­ander in Konflikt. Erstmals getrübt wurde ihr Verhältnis bereits im Dezember 1989, als Singh ankündigte, die Reservierung von Parlamentssitzen für unterprivilegierte Gruppen im indischen Unterhaus und den Landesparlamenten für weitere zehn Jahre fortzuschreiben (Menon 1990; Roy 1990; Upadhyaya 1990b; Joshi 1990; Sebastian 1990). Zum Bruch kam es jedoch im Juli 1990, als Devi Lal seinem Sohn Om Prakash Chautala dazu verhalf, wieder Ministerpräsident im Bundesstaat Haryana zu werden.

Nachdem Devi Lal im Dezember 1989 stellvertretender Premierminister der Janata Dal -Regierung geworden war, übernahm sein Sohn das nun verwaiste Amt des Ministerpräsidenten in Haryana. Da er bislang dem Parlament nicht angehört hatte, mußte er sich bei nächster Gelegenheit der Wahl stellen und kandidierte deshalb im Februar 1990, als in einem Wahlkreis Haryanas Nachwahlen anstanden. Allerdings wurden ihm dabei wenig Siegchancen eingeräumt, da sein Gegenkandidat vom mächtigen örtlichen Panchayat unterstützt wurde. Mit Hilfe der Polizei und der politischen Rückendeckung seines Vaters ließ er großangelegte Wahlmanipulationen durchführen (Lakshmana 1990a: 131).

In einem Dorf wurden seine Helfer jedoch vor einer aufgebrachten Menschenmenge im Wahl­lokal festgehalten und konnten erst von ca. 1000 Polizisten befreit werden, die über Funk um Hilfe gerufen worden waren. Neun Personen kamen dabei durch Polizeikugeln ums Leben; insgesamt forderte der Wahlfeldzug mehr als 20 Menschenleben (Lakshmana 1990a). Die Wahl wurde von der nationalen Wahlkommission für ungültig erklärt und Chautalas Regierung wurde vom indischen Innenminister beauftragt, eine Kommission einzusetzen, die die Vorfälle unter­suchen sollte (!) (Shourie 1992: 74).

Als die Wahl neu angesetzt worden war (und Chautalas Siegchancen sich aufgrund der bisheri­gen Vorfälle weiter verschlechtert hatten), wurde ein Gegenkandidat Chautalas ermordet und der neue Wahltermin daraufhin verschoben (Shourie 1992: 75).1

Die verantwortlichen Politiker der Janata Dal-Regierung sahen, was in Haryana vor sich ging und daß die Entwicklungen dort ihre Partei, die Regierung und damit ganz Indien in eine tiefe politische Krise gestürzt hatten. Chautala mußte zwar zurücktreten, solange die Untersuchung der Vorgänge nicht abgeschlossen war, aber ansonsten unternahm V.P. Singh jedoch wenig, was die Regierung hätte gefährden können. Das „Problem Chautala“ schien damit für die Janata Dal aus der Welt geschafft. Bis Devi Lal Anfang Juli mit einem arglistigen Täuschungsmanöver und unter Umgehung des Parteivorstandes den neuen Ministerpräsidenten in Haryana zum Rücktritt zwang und seinen Sohn wieder in den Ministerpräsidentensessel hievte. Die abgewendet geglaubte Partei- und Regierungskrise verschärfte sich zusehends. Gegen Chautala vorzugehen wäre einem Bruch mit Devi Lal gleichgekommen und hätte damit (wahrscheinlich) zum Sturz der Zentralregierung und zu Neuwahlen geführt. Im Raum stand zusätzlich eine Drohung Devi Lals, in diesem Fall eine eigene Partei zu gründen, d.h. bei eventuellen Neuwahlen hätte die National Front nicht mehr mit der Unterstützung der Hausmacht Devi Lals rechnen können.

Als jedoch 15 Minister seines Kabinetts ihren Rücktritt erklärten, reichte V.P. Singh ebenfalls seinen Rücktritt ein. Er konnte aber von seiner Parteiführung und den anderen, die Regierung unterstützenden Parteien dazu überredet werden, seinen Entschluß zurückzunehmen (vgl. Menon 1990: 4-13; 123-127).

Devi Lal mußte hinnehmen, daß sein Sohn als Ministerpräsident von Haryana nicht mehr zu halten war; es wurden ihm jedoch weitreichende Zugeständnisse gemacht. Zum einen wurden drei der zurückgetretenen Minister1 nicht wieder ins Kabinett aufgenommen, zum anderen wurde es Devi Lal gestattet, einen Kandidaten nach seinem Wunsch in Haryana zum Ministerpräsidenten zu „krönen“.2

Als Devi Lal seine Korruptionsvorwürfe gegen führende Janata Dal-Politiker wiederholte, wurde er von V.P. Singh am 1. August 1990 aus dem Regierungskabinett entlassen (The Hindu 02.08.1990). In der Bundestagsfraktion der Janata Dal weitgehend isoliert, versuchte Devi Lal, die Unterstützung seiner ursprünglichen Hausmacht zu demonstrieren und rief deshalb die ländliche Bevölkerung für den 09.08.1990 zu einer Massenkundgebung nach Neu Delhi zusammen (The Hindu 03.08.1990).

„So V.P. Singh played his trump card by announcing the decision to reserve for OBCs 27 per cent of all categories of posts under the Central Government and in its undertakings. This was on August 7, two days prior to Devi Lal's massive kisan (peasant) rally on the central vista in New Delhi. The only way to meet the challenge posed by Devi Lal was to meet him on his own ground - the rural constituency“ (Chakravarty 1990b: 24).

V.P. Singh mußte zügig handeln. Devi Lal versuchte nach seiner Absetzung, die Loyalität mit den OBCs, den SC und bestimmten Minderheitengruppen zu festigen. So traf sich sein Sohn Om Prakash Chautala zwei Tage nach der Absetzung seines Vaters mit Kanshi Ram, dem Präsidenten der Bahujan Samaj Partei (BSP) (The Hindu-IE 11.08.1990). Diese Partei hatte bei den nationalen Wahlen 1989 als Vertreterin der Harijans, Backward Communities und Moslems immerhin einen ähnlichen Stimmenanteil wie die CPI erringen können (Agrawal/Aggarwal 1990). Devi Lal selbst setzte sich mit Imam Bukhari von der Jama Masjid in Neu Delhi, dem obersten Führer der indischen Moslems, in Verbindung. V.P. Singh seinerseits sicherte sich die Rückendeckung von Ajit Singh, neben Devi Lal dem zweiten wichtigen Repräsentanten der Jat-Kaste in seinem Kabinet (The Hindu 16.8.1990).

5.5.2.3 Die zweite Regierungskrise 1990: V.P. Singh vs BJP

V.P. Singh konnte die Auseinandersetzung mit seinem Stellvertreter Devi Lal auch deshalb schadlos überstehen, weil die BJP und die beiden kommunistischen Parteien ihm Rückendeckung gaben. Sie machten ihre Unterstützung der Janata Dal-Regierung davon abhängig, daß V.P. Singh weiterhin Premierminister blieb. Dadurch wurden Machtkämpfe zwischen den unterschiedlichen Fraktionen der Janata Dal abgemildert, weil eine Alternative zum amtierenden Premierminister nicht gegeben war. Der Sturz V.P. Singhs hätte automatisch das Ende der Janata Dal-Regierung bedeutet und wahrscheinlich zu vorzeitigen Neuwahlen geführt. Diese Konstellation war so deutlich, daß sogar Devi Lal aus Gründen der Machterhaltung nicht umhin konnte, V.P. Singh auch weiterhin als Premierminister zu akzeptieren. Bis zu diesem Zeitpunkt stellten die BJP und die beiden kommunistischen Parteien also eher einen stabilisierenden Faktor für die Regierung dar. Mit der Ankündigung, die Empfehlungen der Mandal-Kommission umsetzen zu wollen, wurde V.P. Singh dann allerdings der BJP zur Bedrohung.

„The implementation of the Mandal report threw the BJP into a panic. Even though BJP leaders deny this in public, the reality is that the party saw the report as a dire threat to its very existence. The 27 per cent reservations for the backward castes augured to sunder the party's vote banks by dividing the Hindu vote. [...] That may have been the point at which Advani decided to wield the Ayodhya sword with ruthless determination“ (Pachauri 1990:31)

Nach V.P. Singhs Ankündigung am 7. August entschloß sich der Vorsitzende der BJP, Lal Kris­han Advani, zu einer Prozession (Rath Yatra) durch fast ganz Indien. Diese sollte Ende Oktober 1990 in der Stadt Ayodhya (auch Oudh genannt) die angebliche Geburtsstätte des legendären Königs Rama erreichen, wo 1528 der Moghulenherrscher Babur eine Moschee hatte errichten lassen.1 Angekündigtes Ziel war es, die Moschee zu zerstören und an gleicher Stelle (wieder ?) einen Hindu-Tempel zu Ehren Ramas zu errichten.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich vor allem extreme Hinduorganisationen, wie z.B. der Vis­hwa Hindu Parishad (VHP = Hinduistischer Weltrat) und der militante Rashtriya Swayam Sevak Sangh (RSS) für die Zerstörung der Moschee in Ayodhya ausgesprochen. Zwei Faktoren begün­stigten es, daß nun die BJP ihre Zurückhaltung in der Ayodhya-Frage aufgab. Erstens hatte die Partei bei den Wahlen 1989 die Erfahrung machen können, daß sie mit einer religiös angehauchten Politik durchaus ein großes Wählerpotential hinter sich vereinen konnte.1 Als Stütze der Janata Dal-Regierung zog sie es jedoch vor, die Regierung nicht zu gefährden. Schließlich war bis zum Termin der kommenden regulären Wahlen genügend Zeit, die erreichte Position zu konsolidieren, um im Wahlkampf zu versuchen, mit einer pro-hinduistischen Politik den Stimmenanteil zu vergrößern (India Today 15.12.1989: 128). Spätestens dann wäre die Ayodhya Frage zentral für die BJP geworden. Die Entwicklungen in der Janata Dal machten inzwischen aber deutlich, daß die nächsten Wahlen u. U. bereits unmittelbar bevorstanden. Als V.P. Singh mit der Reservierungsfrage praktisch den Wahlkampf einläutete, sah sich die BJP gezwungen nachzuziehen. Am 25.09.1990 begann Advani in Somnath (Gujarat) seine Rath Yatra, die er in den folgenden Wochen durch fast ganz Indien führte.1

„Er scheute dabei sogar nicht vor der Geschmacklosigkeit zurück, mit Pfeil und Bogen auf einen zum Streit­wagen Ramas umgebauten Lastwagen zu steigen und so quer durchs Land zu fahren, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gerade bei der Jugend fand Advani eine begeisterte Gefolgschaft“ (Rothermund 1993: 629).

Fast scheint es, als sollte der Demonstrationseffekt der Rath Yatra wichtiger sein als die dabei immer wieder angekündigte Zerstörung der Babri Moschee. Der indischen Bevölkerung sollte die neue Führungsmacht eines hinduistischen Selbstbewußtseins vorgeführt werden, und dazu konnte der Prunk der Prozession nicht groß genug sein. Es sollte damit doch die Erinnerung an ein „Goldenes hinduistisches Zeitalter“ wachgerufen werden, als König Rama mit der Hilfe treuer Bundesgenossen das Böse bekämpfte und der Gerechtigkeit zum Sieg verhalf. Eine Geschichte, die jedes Kind in Indien kennt und die genau an die Sehnsüchte einer entwurzelten Generation appelliert.

Eine solche Ideologie hat keinen Platz für Klassen- und Kastengegensätze, sondern versucht, eine Hindusolidarität wachzurufen, die jedoch nur durch die Existenz einer existentiellen Gefahr bestehen kann: den andersgläubigen Moslems und auch Christen. Diese Ideologie kann sich deshalb nicht mit symbolischen Akten wie der Rath Yatra oder der Zerstörung einer Mosche begnügen, sondern muß ein eindeutiges Feindbild aufbauen, d.h. sie lenkt bestehende Bedro­hungsängste auf eine eindeutige Zielgruppe hin.

Nachdem Advani seine Rath Yatra begonnen hatte, wurde ihm von der Regierung deutlich ge­macht, daß sie nicht zulassen würde, daß er bis nach Ayodhya gelangte. Am 17.10.1990 ent­gegnete die BJP ihrerseits, daß eine Behinderung des Prozesszuges ihre sofortige Aufkündigung der Unterstützung der Regierung zur Folge hätte. Dennoch wurde Advani zusammen mit weiteren Politikern der BJP, des VHP und der RSS sowie etwa 200.000 Anhängern dieser Organisationen am 23.10.1990 in der Stadt Samastipur (Bihar) in Haft genommen (Pachauri 1990: 33). Noch am selben Tag teilte der Fraktionsvorsitzende der BJP, A.B. Vajpayee, dem indischen Präsidenten mit, daß seine Partei der Regierung V.P. Singh die Unterstützung entzo­gen habe (Aggarwal/Chowdhry 1991: 48f; Hindustan Times, 24.10.1990).

Obwohl V.P. Singh durch den Bruch mit der BJP keine Mehrheit mehr im Parlament hatte, glaubte er, bis zum 7. November eine parlamentarische Mehrheit vorweisen zu können und weigerte sich zu­nächst zurückzutreten. Dabei spekulierte er darauf, daß die Congress-Partei sich bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage am 7.11. der Stimme enthalten werde, und er so eine Mehrheit erzielen könne. Um dies sicherzustellen, versuchte er zunächst, die unterschiedlichsten Fraktionen innerhalb seiner eigenen Partei hinter sich zu vereinen. Eine Zeitlang sah es sogar danach aus, als ob Devi Lal ihm Unterstützung gewähren würde. Als jedoch die Congress-Partei deutlich machte, daß sie in der Vertrauensabstimmung gegen V.P. Singh stimmen würde, formierten sich auch in seiner eigenen Partei die Fraktionen neu. Während eine Fraktion unter Führung von Chandra Shekhar und Devi Lal den amtierenden Premierminister am 5. November aus der Janata Dal ausschlossen, schloß V.P. Singh seinerseits am selben Tag nach einer Fraktionssitzung Chandra Shekhar und 24 weitere Parlamentsmitglieder aus der Janata Dal aus (Muralidhar Reddy 1990: 12). Die Vertrauensabstimmung am 7.November beendete dann schließlich die Regierung V.P. Singhs. Gegen die Regierung stimmten 356 Abgeordnete, für sie 151, und 6 Abgeordnete enthielten sich der Stimme (Frontline 24.11.1990).

5.5.2.4 Zusammenfassung: Die Regierung der National Front

Nach nur elf Monaten im Amt konnte die Regierung V.P. Singh die hochgesteckten Erwartungen derjenigen, die sie als eine Alternative zur Congress-Partei gewählt hatten, nicht erfüllen. Die Regierung stürzte von einer Krise in die andere und zeigte dabei deutlich, daß die Beseitigung von Korruption und politischer Gewalt von ihr nicht zu erwarten war. Ganz im Gegenteil, um den Bestand der Regierung zu erhalten, verstrickten sich die an ihr beteiligten Parteien immer mehr in zweifelhafte Aktionen und entfesselten schließlich bürgerkriegsähnliche Zustände. Die ausgeprägte ideologische Heterogenität der Regierung konnte eigentlich nur zu diesem Chaos führen. Jeder Politiker und jede Fraktion waren damit beschäftigt, die möglichst besten Ausgangsbedingungen für die nächste Wahl zu schaffen.

„That was why [...] it was completely wrong to assume that V.P. Singh was looking for a way out - out of Mandal, out of the Masjid-Mandir. He had set himself consciously and determinedly on a course - an early election is inevitable and I'll win by capturing the votes of the Scheduled Castes, the OBCs and the Muslims- and he would keep to it. The greater the violence, he frequently told his colleagues, the greater the polarisation as a result of the reaction to a step like Mandal, the more firmly the three banks of votes would consolidate behind him“ (Shourie 1992:185).

Es ist allerdings zu einfach, die alleinige Schuld bei V.P. Singh zu suchen. Sein Fehler oder der Fehler der Janata Dal-Partei insgesamt war es gewesen, Devi Lal nicht frühzeitig in seine Schranken gewiesen zu haben. Und dies selbst dann, wenn es den Bruch der Regierung bedeutet hätte. Ihn jedoch gewähren zu lassen führte dazu, daß seine Macht immer weiter zunahm, während das Ansehen der Janata Dal von Monat zu Monat bei der Wählerschaft zurückging und damit auch die Siegeschancen bei zukünftigen Wahlen.

Schuld an der Misere von 1990 ist aber vor allem der Umstand, daß in Indien die Verquickung von Kriminalität, Patronagewirtschaft und Politik auf dem Vormarsch ist. Devi Lal und seine Familie, die schon zuvor praktisch ganz Haryana quasi als Fürstentum regierten und dabei häufig die Grenzen der Legalität überschritten, sind in Indien keine Ausnahmefälle. In Bihar sieht die Situation noch schlimmer aus. Feudalähnliche Strukturen führen dazu, daß Politiker ganze Wahlkreise beherrschen, notfalls mit Korruption, Gewalt und Wahlfälschung („ money and muscle power “). Sie bedienen sich dazu ganzer Privatarmeen und verbreiten Schrecken und Entsetzen unter der Bevölkerung.

Die politische Kultur, d.h. die Vorstellungen darüber, welche Mittel zur Durchsetzung politischer Forderungen oder zum demokratischen Machterwerb als legitim erachtet werden, hat in Indien in den vergangenen Jahrzehnten eine beständige Erosion erleiden müssen. Das Jahr 1990 hat dabei neue Maß­stäbe gesetzt. Abgesehen davon, daß der unstillbare Machthunger der Politiker billigend tausende von Toten in Kauf genommen hat, hat er auch verhindert, daß die Politiker sich um das kümmern, was eigentlich ihre Aufgabe ist: nämlich mit konkreten Vorschlägen und Maßnahmen die Lebensbeding­ungen der Menschen - und sei es auch lediglich jener, denen sie sich nahestehend fühlen -, zu verbessern.

Trotz vieler dringlich zu lösender Probleme ruhten 1990 die parlamentarischen Geschäfte weit­gehend, anstehende Entscheidungen hinsichtlich der Handels- und Industriepolitik wurden auf­geschoben. Selbst die Ausarbeitung und Verabschiedung des Achten Fünf-Jahres-Planes, der 1990 beginnen sollte, mußte verschoben werden.

„For the poor, there was not even a gesture - only a catalogue of legislation passed and the glitter of more to come. [...] Indeed, the poor were being driven to the wall by the rising prices, the Mandal-generated division and the canker of communalism. [...] Once the riots began -first caste-based in early September and then denominational- they never seemed to abate. They are still blazing; if anything, the fury has intensified and they have spread all over the country. Nothing like this has happened in recent times. The system seemed in chaos“ (Sahay 1990:10f).

5.6 Die Regierung Chandra Shekhars (1990 - 91)

Mit der Abstimmungsniederlage V.P. Singhs und seinem darauffolgenden Rücktritt stellte sich nun wiederum die Frage nach dem kommenden Preminierminister. Präsident Venkataraman hatte die Möglichkeit, das indische Parlament aufzulösen und Neuwahlen festzusetzen. V.P. Singh wäre dadurch bis zur Wahl eines neuen Parlamentes als Übergangspremierminister im Amt geblieben (Goswami/Shukla 1990:29).

Der Präsident konnte aber auch festzustellen versuchen, ob es im bestehenden Parlament eine mehrheitsfähige Konstellation von Kräften gab. Er bot deshalb Rajiv Gandhi - dem Führer der stärksten Einzelpartei - die Bildung einer neuen Regierung an, was dieser jedoch dankend ablehnte. Die Congress-Partei war sich zwar bewußt, daß Neuwahlen ihr in der gegenwärtigen Situation, in der die BJP von einer hinduistischen Begeisterungswelle getragen wurde, nur hätte schaden können, wollte jedoch auch nicht die Regierungsverantwortung übernehmen. Wie immer auch die Konstellation gewesen wäre, die Congress-Partei hätte dazu die Unterstützung einer anderen Partei benötigt. Rajiv Gandhi erklärte sich jedoch dazu bereit, eine Minderheitsregierung der Janata Dal zu tolerieren, vorausgesetzt daß V.P. Singh nicht Premierminister blieb. Dies beschleunigte den Zerfallprozess der Janata Dal weiter (Chakravarty 1990: 14f; Muralidhar Reddy 1990: 14).

Die inzwischen gegründete Janata Dal (Socialist) war bereit, eine von der Congress-Partei un­terstützte Regierung zu bilden. Am 9. November 1990 wurden Chandra Shekhar als Premier­minister und Devi Lal als sein Stellvertreter vereidigt.

5.6.1 Die Wirtschaftspolitik der Janata Dal(S)-Regierung

Während die Janata Dal-Regierung unter V.P. Singh wenig Gelegenheit gehabt hatte, sich um wirtschaftliche Probleme zu kümmern, blieb Chandra Shekhar gar nicht viel anderes übrig. Die politischen Unruhen während der zweiten Hälfte des Jahres 1990 hatten auch die angeschlagene Wirtschaft des Landes immer tiefer in eine Krise gestürzt. Hinzu kam, daß mit dem Einmarsch irakischer Truppen in Kuweit im August 1990 die indische Wirtschaft gleich in mehrerer Hinsicht unter zusätzlichen Druck geriet.

Erstens stiegen die Kosten für Rohölimporte erheblich an, wodurch sich das Handelsbilanzdefizit weiter verschlimmerte und die Inflation in Indien zusätzliche Nahrung erhielt. So nahmen die Devisen­ausgaben für Ölimporte im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent zu, während sich die Einfuhrmenge lediglich um 12 Prozent erhöhte. Mit über 106 Mrd. Rs. erreichte Indien sein bislang größtes Handelsbilanzdefizit. Es war um fast 40 Prozent höher als im Vorjahr (Economic Survey 1993-94: S-85;S-89; vgl. auch: Chandrasekhar 1991; Gopalakrishnan 1991). Zweitens gingen dem Land durch ausbleibenden Überweisungen der in Kuweit und dem Irak arbeitenden InderInnen Deviseneinnahmen im Wert von etwa 8 Mrd. Rs verloren (Mukherjee 1991:26). Drit­tens kam hinzu, daß eine großangelegte Evakuierungsaktion von InderInnen aus Kuweit und dem Irak den Staatshaushalt zusätzlich belastete.

In diesen auch wirtschaftlich schweren Zeiten war es für die Regierung Chandra Shekhars nahezu unmöglich, eine stringente Wirtschaftspolitik zu verfolgen. Zwar war die Regierungspartei durch das Zerbrechen der Janata Dal inzwischen homogener geworden, dennoch war Chandra Shekhar, dessen Partei im Parlament lediglich die Unterstützung von weniger als 12 Prozent der Abgeordneten hatte, unfähig, eine eigenständige Politik zu verfolgen (Ram 1991). Die Regierung beschloß deshalb, den Haushaltsplan für das Wirtschaftsjahr 1991-92 nicht wie üblich im März 1991 vorzulegen, sondern sie entwarf lediglich einen Nachtragshaushalt, der die Ausgaben der Regierung für die nächsten Monate sicherstellte (India Today, 15.03.1991: 44f). Die Regierung umging dadurch die parlamentarische Debatte um die Schwerpunkte ihrer Wirtschaftspolitik und zwar in einer Situation, in der das Land kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Die Devisenreserven reichten gerade noch aus, um die Importe für zwei Wochen bezahlen zu können und dies, obwohl Indien erst im Januar 1991 vom IWF einen Kredit in Höhe von 1,8 Mrd. US-$ erhalten hatte (Chandrasekhar 1991: 20).

Mit dem Nachtragshaushalt vom März 1991 begann in Indien das Strukturanpassungsprogramm, durch das in den folgenden Jahren die indische Wirtschaftsordnung ihren bedeutendsten Wandel seit der Unabhängigkeit erleben sollte. Dieser Wandel wurde eingeleitet, ohne daß im Parlament darüber eine Debatte geführt worden wäre. Nicht einmal die Bedingungen, die die Regierung gegenüber dem IWF eingegangen war, als sie den Kredit im Januar aufgenommen hatte, wurden der indischen Öffentlichkeit mitgeteilt (Chandrasekhar 1991: 133f; Frontline 16.03.1991: 26).

Die Regierung, aber auch die sie stützende Congress-Partei, stand vor dem Problem, daß eine Politik, die den IWF zufriedenstellen würde, innenpolitisch kaum durchsetzbar war, zumal Neu­wahlen inzwischen unumgänglich schienen (Chandrasekhar 1991:134).

Der Nachtragshaushalt sah vor, das indische Haushaltsdefizit deutlich zu reduzieren, indem z.B. für den Teuerungszuschlag (Dearness Allowance) der Staatsbediensteten keine Haushaltsmittel ausge­wiesen wurden. Gleichzeitig wurde der Verkauf staatlicher Unternehmensbeteiligungen an die Privat­wirtschaft und eine Verringerung der Subventionen um 60 Prozent beschlossen. Trotz dieser bedeut­enden Ein­sparungen sollten die Staatsausgaben dennoch um fast neun Prozent ansteigen, weil wachs­ender Schuldendienst und Verteidigungsausgaben die Einsparungen aufzehrten (Chandrasekhar 1991:21).

Vor allem die Kürzungen bei Nahrungsmittelsubventionen aber auch Einsparungen bei staatlichen Beschäftigungsprogrammen hätten dabei negative Auswirkungen auf ärmere Bevölkerungsgruppen gehabt. Kaum hatte die Regierung ihren Nachtragshaushalt beschlossen, trat Chandra Shekhar jedoch als Premierminster zurück, worauf Präsident Venkataraman das Parlament auflöste und Neuwahlen auf Mitte Mai 1991 festlegte.

5.7 Zusammenfassung: Entwicklung der Politischen Ökonomie (1966-1991)

Die nach 1966 prägenden Entwicklungen in der indischen Wirtschaftspolitik waren sicherlich nicht kontinuierlich. Dennoch lassen sich bestimmte Tendenzen feststellen. Eine dieser Tendenzen besteht darin, daß (bis auf eine kurze Periode zwischen Ende der 60er und den frühen 70er Jahren = Beginn der Grünen Revolution) die Einkommensentwicklung in der Landwirtschaft der im industriellen Sektor hinterherhinkte (Subbarao 1992). Die Vernachlässigung der Landwirtschaft, besonders aber jener Gebiete, die ungünstige Anbauverhältnisse aufweisen, setzte sich also fort. Dies läßt sich sowohl im Wachstum der Produktion, den staatlichen Finanzzuwendungen als auch bei der Einkommen­sentwicklung der in den jeweiligen Sektoren Beschäftigten feststellen (Chakravarty 1984: 845;Tandon 1993: 239f). Dieser Trend wurde auch durch die Regierungszeit der Janata Partei 1977 - 79 nicht grundsätzlich durchbrochen.

Weiterhin wurde die private Industrie gegenüber der staatlichen deutlich aufgewertet, wobei der Nutzen vor allem der indischen Großindustrie und den ausländischen Investoren zufiel, während die Kleinindustrie kontinuierlich ihren besonderen Status und staatlichen Schutz verlor. Staatliche Kontrollinstrumente zur Überwachung und Lenkung der privaten Wirtschaft wurden immer mehr unterhöhlt, jedoch nicht vollkommen aufgegeben. Die Wachstumsindustrien der 50er und 60er Jahre (Schwer- und Investitionsgüterindustrie) verloren an Bedeutung, Konsumgüterindustrien stiegen hingegen auf. Darin kommt nicht nur eine Schwerpunktverlagerung innerhalb der Industrie zum Ausdruck, sondern auch die Verschiebung hinsichtlich der staatlichen und privaten Sektoren in der Industrie. Privatisierungsmaßnahmen finden sich jedoch in dieser Phase kaum (Mehta 1988: 204); ganz im Gegenteil, seit den späten 70er Jahren wurde der staatliche Sektor immer häufiger zum „Krankenhaus der Privatindustrie“.

In der ersten Hälfte der 80er Jahre gewannen diese Tendenzen an Dynamik und Kontur, wobei ein besonderes Gewicht auf die technologische Modernisierung der privaten Industrie gelegt wurde. Immer mehr der bislang dem staatlichen Sektor vorbehaltenen Industriezweige wurden für private Investoren geöffnet, und der Import von Hochtechnologie wurde nicht nur erleichtert, sondern sogar gefördert. Exportorientierte Industriezweige wurden dabei besonders begünstigt. Einhergehend mit diesen Prozessen verbesserten sich die Investitionsbedingungen für ausländische Unternehmen in Indien zusehends. Das wirtschaftliche Wachstum der 80er Jahre lag deutlich über den Wachstumszahlen aller vorausgehender Perioden, wobei es hauptsächlich von einem überdurchschnittlichen Wachstum bei der Produktion langlebiger Konsumgüter getragen wurde.

Trotzdem können die 80er Jahre gleichzeitig als das Jahrzehnt der wirtschaftlichen Krisen gelten. Das Zahlungsbilanzdefizit stieg praktisch von Jahr zu Jahr, und die Exporterlöse blieben deutlich hinter den Erwartungen zurück, während die Importe stark zunahmen. Immer mehr ausländische Kredite mußten aufgenommen werden, um diese Wirtschaftspolitik zu finanzieren. Sofern an die Kredite Bedingungen geknüpft waren, förderten sie die eingeschlagene Richtung, indem sie die private Großindustrie, den Abbau staatlicher Einflußnahme, Hochtechnologien und ausländische Investoren begünstigten.

Die seit dem Jahr 1980 eingeleitete und dann 1985 weiter gefestigte Wirtschaftspolitik konnte das Problem der Arbeitslosigkeit und Inflation nicht beheben. Trotz hoher Wachstumsraten bei der industriellen Produktion wurden so gut wie keine neuen Arbeitsplätze im modernen Sektor geschaffen. Das beständig ansteigende Haushaltsdefizit der Zentralregierung, das durch Kredite und durch die Notenpresse ausgeglichen wurde, ließ die Inflationsrate auf deutlich über 10 Prozent ansteigen.

Gleichzeitig stieg auch die interne Verschuldung Indiens stark an. Eine in den 70er Jahren Oberhand gewinnende populistische Politik versuchte, die Strukturdefizite der Wirtschaft auszugleichen. Statt Strukturreformen durchzuführen wurden immer häufiger Zuwendungen an bestimmte gesellschaftliche Gruppen finanziert, sei es in Form von Entwicklungsmaßnahmen, Sozialprogrammen oder auch an Zuweisungen an die im staatlichen Sektor Beschäftigten. Zur Steigerung der Exportproduktion wurden häufig Exportsubventionen gewährt. Um die ländliche Elite zufriedenzustellen, wurden Subventionen auf landwirtschaftliche Inputs, vor allem Energie und Düngemittel, stark erhöht. Vor allem städtische Armutsgruppen (aber nicht nur diese) profitierten von steigenden Nahrungsmittelsubventionen, die gleichzeitig dazu beitrugen, daß die Lohnkosten in der privaten Industrie niedrig blieben. Die staatlichen Industriearbeiter konnten ihre Position ebenfalls deutlich verbessern, indem ihre Löhne und vielfältigen Zulagen erheblich ausgeweitet wurden.

Durch interne und externe Verschuldung nahm der Schuldendienst einen immer größer werdenden Anteil an den Staatsausgaben ein. Dies wird dadurch noch prekärer, da die Struktur der Außenverschuldung sich in den 80er Jahre stark wandelte. Anstelle von langfristigen Entwicklungskrediten nahmen kurzfristige, mit höheren Zinsen belastete Kredite von Geschäftsbanken einen immer größeren Anteil ein (Kurien 1994:96f).

Die staatlichen Einnahmen konnten jedoch mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Versu­che, die landwirtschaftlichen Einkommen der mittleren und großen Landwirte zu besteuern, scheiterten an deren Widerstand. Die Einnahmen des Staates durch Überschüsse der staatlichen Betriebe gingen ebenfalls zurück. Durch die Liberalisierung der Importe (vor allem durch die Senkung vieler Zölle) wuchsen auch die Zolleinnahmen nur langsam.

Die Senkung von Einkommenssteuern und Unternehmenssteuern sowie die Einführung vieler Steuerbefreiungen bzw. -reduzierungen für die private Industrie führten dazu, daß die Einnah­men des Staates weiter erodiert wurden bzw. er seinen Schwerpunkt immer mehr auf die Be­steuerung von Waren und Dienstleistungen legte (Baru 1990).

Versuche, die „Steuermoral“ zu erhöhen, schlugen ebenfalls fehl und führten lediglich zum Sturz des Finanzministers V.P. Singh, der einen beherzten Feldzug gegen Steuerhinterziehung und andere Formen der Korruption eingeleitet hatte (Betz 1988:66).

Gegen Ende der 80er Jahre erlebte das Wirtschaftswachstum der Jahre zuvor einen Einbruch. Die Nachfrage einer kaufkräftigen Mittelschicht ließ stark nach, die Armut der Menschen vor allem in ländlichen Regionen erlaubte es nicht, neue Konsumtenkreise in nennenswertem Um­fang zu erschließen (Lucas 1988: 190).

Die wirtschaftliche Krise war deshalb weniger eine Angebotskrise, die etwa durch fehlende Industriekapazitäten hervorgerufen wurde, sondern eine Nachfragekrise. Sie führte dazu, daß das wirtschaftliche Wachstum gegen Ende der 80er Jahre stark zurückging, und die indische Wirt­schaft in eine tiefe Rezession schlitterte.

Die politische Instabilität in der zweiten Hälfte der 80er Jahre verschärfte diese Krise und konnte auch durch eine Regierung der Janata Dal ab 1989 nicht überwunden werden. Ganz im Gegenteil: um die Allianz der ländlichen Eliten mit den ländlichen Unterschichten nicht zu gefährden, wuchsen die Staatsausgaben für den ländlichen Bereich erheblich, ohne jedoch durch ausreichende zusätzliche Staatseinnahmen gedeckt zu sein. Die Staatsverschuldung wuchs dadurch noch weiter.

Machtkämpfe innerhalb der Regierungspartei führten dazu, daß nationale Probleme nicht ange­gangen wurden, sondern ungebremst weiter eskalieren konnten. Als zu Beginn des Jahres 1991 die wirtschaftliche Krise fast zur Zahlungsunfähigkeit Indiens gegenüber seinen ausländischen Gläubigern führte, konnte nur noch ein Kredit vom IWF den Staatsbankrott für einige Wochen aufschieben helfen. Schon im Januar 1991 war jedoch absehbar, daß der Kredit über 1,8 Mrd. US-$ lediglich ausreichen würde, die Zahlungsschwierigkeiten Indiens für weniger als ein halbes Jahr zu überbrücken. Weitere, weitaus höhere Kredite schienen deshalb unvermeidlich.

6 Strukturanpassung in Indien

Als im Juni 1991 nach 20 monatiger Verbannung auf die Oppositionsbank die Congress-Partei unter Ministerpräsident Narashima Rao wieder die Regierungsgeschäfte in Indien übernahm, befand sich das Land in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. Neben den bereits oben angeführten außen- und binnenwirtschaftlichen Problemen verlor Indien mit dem Zusammenbruch der früheren Sowjetunion und ihrer Satelittenstaaten wichtige Handelspartner. Das war auch deshalb schwerwiegend, weil die Handelsgeschäfte zwischen Indien und den Ostblocknationen in der Regel als Kompensationsgeschäfte abgewickelt wurden und dadurch mithalfen, Devisen zu sparen.

Zum vollen Ausbruch kam die Krise im Frühjahr 1991 als die Devisenreserven des Landes einen Tiefststand erreicht hatten und gerade noch ausreichten, um die Importe für weniger als zwei Wochen zu bezahlen (Singh 1991: 6). Galt Indien in den 80er Jahren noch als Land, dessen Auslandsverschuldung wenig Anlaß zur Besorgnis gab, so hatte die Verschuldung inzwischen lateinamerikanische Dimensionen erreicht.

Nach Mexiko und Brasilien war Indien damit in kurzer Zeit zum drittgrößten Schuldner in der Dritten Welt geworden. Nicht nur im Ausland war der indische Staat jedoch hoch verschuldet, auch die interne Verschuldung war in den letzten Jahren ständig angewachsen. Anders als bei den lateinamerikanischen Ländern, deren Auslandsschulden 1986 2,5-mal so hoch wie die In­landsverbindlichkeiten waren, betrugen in Indien 1988 die Auslandsschulden "nur" ca. 10% der Gesamtschulden (Chandrasekhar 1991: 5).

Schon wenige Tage nachdem im Juni 1991 die Congress-Partei wieder die Regierung in Indien stellte, wurden deshalb die Verhandlungen mit dem IWF um ein milliardenschweres Kreditpaket weitergeführt. Indien kam in dieser schwierigen wirtschaftlichen Situation unter zusätzlichen Druck, weil internationale Kredite erheblich reduziert und von weitreichenden wirtschaftlichen Strukturänder­ungen abhängig gemacht worden waren. So gingen auch die Kredite privater Geschäftsbanken an Indien nach 1989 stark zurück, und die noch gewährten Kredite wurden zu weitaus ungünstigeren Bedingungen als zuvor gewährt. Um die drohende Zahlungsunfähigkeit hinauszuschieben, versuchte die indische Regierung Kreditauszahlungen durch die International Development Association (IDA) zu beschleunigen. Immerhin standen noch bereits zugesagte Kredite in einer Größenordnung von über 10 Mrd. US-Dollar aus. Die Weigerung der Weltbank, diese Kredite vorzeitig auszuzahlen, führte bei im Ausland lebenden Inderinnen und Indern (Non-Residental Indians, NRIs) zu Panikreaktionen. Inner­halb kürzester Zeit transferierten sie einen Teil ihrer auf indischen Konten angesparten Guthaben ins Ausland. Zwischen April und Juni 1991 zogen sie fast eine Milliarde US-$ aus Indien ab und in den folgenden Monaten ca. 200 Millionen US-$ monatlich (Swamy 1994: 247). Auch die Verpfänd­ung von Gold im Wert von insgesamt 400 Millionen US-$ konnte die Zahlungsunfähigkeit nicht aufhalten.

Weitere Kredite durch den IWF und die Weltbank waren in der gegebenen Situation un­umgänglich. Da die Ziehungsmöglichkeiten der unteren Tranchen beim IWF bereits ausge­schöpft waren, war zu erwarten, daß mit diesen Krediten weitreichende Auflagen verbunden sein würden. Ende Juli sagte der IWF einen Kredit über SDR 166 Millionen zu, und die Weltbank organisierte ein Kreditprogramm für den Zeitraum 1992-95.

1. Die Weltbank stellte Strukturanpassungskredite von 2 Mrd. US-$ jährlich in Aussicht.
2. von der IDA wurden Kredite in Höhe von 900 Millionen US-$ jährlich bewilligt.
3. Darüberhinaus wurde ein einmaliger Kredit von 650 Millionen US-$ durch die IDA gewährt.

Insgesamt sagte damit die Weltbankgruppe bei ihrem erstmals an Indien vergebenen Struk­turanpassungskredit Zahlungen in Höhe von 12,25 Mrd. US-$ zu (Swamy 1994: 251f.).

Kaum waren die Verhandlungen über dieses Kreditpaket abgeschlossen, erklärten sich auch andere Kreditgeber zu neuen Zahlungen bereit. Das AIC beschloß Kreditzusagen für 1991 in Höhe von 6,7 Mrd. US-Dollar und für 1992 in Höhe von 7,2 Mrd. US-Dollar (Economic Survey 1992-93: 111).

Das von IWF und Weltbank geschnürte Reformpaket bestand aus zwei unterschiedlichen, jedoch eng miteinander verbundenen Wirtschaftsprogrammen. Das erste, das unter Federführung des IWF durchgeführt wird, ist ein makroökonomisches Stabilisierungsprogramm, das sich vor allem auf die Verbesserung der Zahlungsbilanzsituation und die Reduzierung des indischen Haushaltsdefizites konzentriert. Unter der Federführung der Weltbank soll gleichzeitig ein umfangreiches Programm zum Wandel der Wirtschaftsstruktur durchgeführt werden, das u.a. die Bereiche Handel, Industrie, ausländische Investitionen und den staatlichen Wirtschafts- und Finanzsektor abdeckt (vgl. Pederson 1994: 279f). Nach Muralidharan (1992) verpflichtete sich die indische Regierung gegenüber der Weltbank, Maßnahmen in folgenden Bereichen durchzuführen:

- die vollkommene Umgestaltung der Außenhandelsordnung, um das Außenhandelsdefizit zu verringern. Dazu wurde "empfohlen":

1. die Abschaffung von Importgenehmigungen für Kapitalgüter in Höhe von bis zu 100 Mio. Rs.
2. die Entstaatlichung ("decanalisation") aller Importe mit Ausnahme von Erdöl, Düngemitteln, Speiseölen und Getreide.
3. die vollkommene Abschaffung von Importverboten.
4. die Reduzierung der Einfuhrzölle.
5. die Lockerung von Exportkontrollen.

- Das Haushaltsdefizit, das gegen Ende der 80er Jahre etwa 9 Prozent des Bruttoinland­produktes (BIP) betrug, soll zunächst auf 6,5 Prozent und später dann auf 5 Prozent des BIP reduziert werden. Hierzu sollen zunächst Subventionen in vielen Bereichen abgeschafft bzw. deutlich reduziert werden; außerdem soll sich der indische Staat nach und nach aus vielen wirtschaftlichen Bereichen zurückziehen. Die rentablen Staatsunternehmen sollen in Aktiengesellschaften umgewandelt werden und die Mehrheit der Aktien verkauft werden, während die unrentablen geschlossen werden sollen, wenn eine Sanierung unmöglich erscheint (Exit Policy). Mit dieser Maßnahme verspricht sich die Regierung zunächst zusätzliche Einnahmen durch den Aktienverkauf und in der Zukunft eine geringere Haushaltsbelastung durch unwirtschaftliche Betriebe.
- Der ausufernde Bürokratismus (Licencing Raj) soll sowohl in der Industrie- als auch in der Handelspolitik eingedämmt werden. Investitionslizenzen, Einfuhr- und Zollbestimmungen, Kartellgesetzgebung etc., sollen am besten abgeschafft oder zumindest stark vereinfacht werden, um die Entfaltung der Produktivkräfte nicht zu behindern.
- Betriebsschließungen und Entlassungen in der privaten Wirtschaft sollen vereinfacht werden. Die dazu notwendigen Gesetzesänderungen sollen umgehend beschlossen werden. Außerdem soll ein National Renewal Fund eingerichtet werden, der die sozialen Auswirkungen der Betriebsschließungen mildern soll.
- Der staatliche Einfluß auf die Kredit- und Versicherungswirtschaft soll mittelfristig verringert werden. Die von Indira Gandhi zu Beginn der 70er Jahre durchgeführte Verstaatlichung der Banken soll rückgängig gemacht werden.
- Innerhalb von drei Jahren sind die Haushaltszuweisungen an Staatsbetriebe einzustellen, sofern sie nicht der Schaffung/Aufrechterhaltung von Infrastrukturen dienen.
- Innerhalb von höchstens drei Jahren müssen Zinssubventionen, die bei besonderen Kreditprogrammen gewährt werden, abgeschafft werden.

6.1 Strukturanpassung und Politische Ökonomie

IWF und Weltbank haben die wirtschaftliche Krise, vor allem die sich abzeichnende Zahlungsunfähig­keit des indischen Staates im Hinblick auf seine Auslandsschulden dazu benutzt, um Druck auf die indische Regierung auszuüben. Gleichzeitig sollte auch nicht vergessen werden, daß bereits mit dem IWF-Kredit von 1981 in Indien eine Wirtschaftspolitik unterstützt wurde, die erheblichen Anteil am Entstehen der Krise gegen Ende der 80er Jahre hatte. Wirtschaftsreformen in Indien, so wie sie 1980 und 1984 eingeleitet worden waren, spiegeln die Interessen der wirtschaftlichen Eliten in den Industrienationen wider; durch die fortschreitende Liberalisierung wird der indische Markt zunehmend für Importe aus den Industrienationen geöffnet und die Investitionsbedingungen für ausländische Un­ternehmen verbessert. Wie schon zu anderen Gelegenheiten nutzten die Industrienationen eine wirtschaftliche Krise aus, um ihren Interessen in Indien nachzukommen. Aus der Sicht der wirtschaftlichen Eliten in den Industrienationen ist das Strukturanpassungsprogramm nach 1991 eine Fortführung und Intensivierung der Reformen von 1980 und 1984, die zwischenzeitlich an Dynamik verloren hatten.

Allerdings ist ein solches Verständnis von Strukturanpassungspolitik unvollständig, denn innerhalb Indiens lassen sich ebenfalls gesellschaftliche Gruppen ausmachen, die ein starkes Interesse an einer ordnungspolitischen Wende haben. Es soll an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen werden, daß das wirtschaftliche Wachstum der 80er Jahre nur durch eine Einkommensumverteilung „von unten nach oben“ erreicht werden konnte. Um die interne Nachfrage anzuregen und die Akkumulationsbe­dingungen der Großindustrie zu verbessern, waren die direkten Steuern (Einkommenssteuer, Gewerbesteuer) weiter gesenkt und Importzölle und -beschränkungen reduziert worden. Die dadurch verminderten Steuereinnahmen mußten durch indirekte Steuern und der Ausweitung der Staatsverschuldung ausgeglichen werden, was inflationäre Tendenzen verstärkte. Der Abbau des Außenschutzes verursachte eine Konkurswelle unter den kleinen und mittleren privaten Industriebetrieben, stellte aber auch viele Staatsbetriebe vor ernsthafte Probleme.

Mit dem Strukturanpassungsprogramm ab 1991 wird also eine bereits zuvor eingeleitete Politik weiter­verfolgt, die allerdings neue Qualitäten aufweist. Während bislang der staatliche Wirtschaftssektor nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurde, wird nun eine breitangelegte Privatisierungwelle eingeleitet.

6.1.1 Konkrete Maßnahmen der Strukturanpassung

Wirtschaftspolitische Entscheidungen in Indien werden vor allem bei der Vorlage des Haus­haltsplanes der Zentralregierung getroffen, der i.d.R. Ende Februar eines jeden Jahres im Parlament eingereicht wird. In diesem Haushaltsplan werden den einzelnen Ressorts für das ausstehende Wirtschaftsjahr ihre Mittel zugewiesen, werden Grundsatzentscheidungen bezüglich der Geldmengenpolitik der 'Reserve Bank of India' getroffen, wird über die Erhöhung/Reduzier­ung von Steuern, Zöllen, Abgaben und Subventionen entschieden. Dann, nachdem die Staatsausgaben und -einnahmen sich gegenübergestellt wurden, wird auch die Neuverschuldung der Zentralregierung festgelegt.

Kurzum: Im jährlichen Haushaltsplan werden die wirtschaftspolitischen Maßnahmen festgelegt, soweit sie die Finanzen der Zentralregierung betreffen. Der Haushaltsplan ist damit das wichtigste Planungsinstrument im fiskalen Bereich. Daneben werden in Indien Fünf-Jahres-Pläne (Perspektiv­pläne) erstellt, an die sich die Zentralregierung bei der Formulierung ihrer jährlichen Haushaltspläne nach Möglichkeit halten soll, die aber in ihrer konkreten Ausgestaltung weit weniger detailliert sind als die jährlichen Pläne. Seit dem 1. April 1992 ist der achte Fünf-Jahres-Plan in Kraft, der wegen der politischen Instabilität erst mit zweijähriger Verspätung verabschiedet werden konnte.

Was die Handelspolitik betrifft, so trat am 1. April 1992 ein Perspektivplan für die Jahre 1992 bis 1997 in Kraft, in dem in erster Linie Maßnahmen bezüglich Handelslizenzen, -beschränkungen, -verbote, -tarife beschlossen bzw. angekündigt werden. Außerdem werden in diesem Plan Institutionen und Programme zur Exportförderung eingerichtet.

Die nachfolgende Zusammenstellung der wichtigsten Reformen ist nicht vollständig. Sie wurde zusammengestellt aus der Durchsicht der Haushaltspläne 1991-92 bis 1994-94 sowie der den Haushaltsplänen vorausgehenden "Economic Surveys" der jeweiligen Jahre.

6.1.1.1 Maßnahmen, die den Außenhandel betreffen

Kaum hatte der neue indische Finanzminister Manmohan Singh sein Amt angetreten, wertete er am 01. und 03. Juli 1991 - als erste Amtshandlung - die indische Währung gegenüber den wichtigsten Währungen der Industrienationen um ca. 20 Prozent ab; innerhalb von drei Tagen hatte die indische Währung somit diesen gegenüber um gut 1/5 an Wert verloren und die Verschuldung Indiens hatte sich gleichzeitig um diesen Wert erhöht.1

Da die Importe nach Indien durch diese Maßnahme um 20 Prozent teurer wurden und die Ex­porte sich um die gleiche Prozentzahl verbilligten, glaubte die Regierung, mit diesem Mittel eine Verringerung der Importe und eine starke Ausweitung der Exporte erreichen zu können. Diese Logik ist jedoch nur in Teilen nachvollziehbar: es ist zwar richtig, daß sich die Exporte aus Indien um 20 Prozent verbilligen, d.h. indische Produkte werden auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger, aber um die gleiche Devisenmenge zu erwirtschaften, muß (vereinfacht) das Exportvolumen erst einmal um 20 Prozent gesteigert werden.

Erst bei einer Steigerung von mehr als 20 Prozent fließen zusätzliche Devisen nach Indien. Außerdem wurden auch in vielen Bereichen die Importzölle stark reduziert und die Importbedingungen (Importverbote, -lizenzen, etc) vereinfacht, so daß für viele ausländische Produkte der Zugang zum indischen Markt verbilligt und dadurch erleichtert wurde. Kritiker dieser Maßnahme gehen davon aus, daß der indische Markt dadurch von ausländischen Produkten überschwemmt und die indische Konsumgüterindustrie vom heimischen Markt verdrängt werden könnte.

Um dann das weiter anwachsende Außenhandelsdefizit doch noch in den Griff zu bekommen, müßte sich die indische Wirtschaft verstärkt auf Exportbereiche stützen, die einen geringen Importbedarf haben, d.h. vor allem auf den Export von mineralischen und agrarischen Rohstoffen und Produkten einfacher Verarbeitungsstufe. Selbst Reis, das wichtigste indische Nahrungsgetreide, bleibt davon nicht ausgenommen. Bei keinem anderen Produkt wurde nach 1991 eine größere Steigerung des Exportvolumens erreicht (Ghosh 1993b: 47).

Dem Land droht auf diese Weise langfristig eine Deindustrialisierung, verbunden mit einer noch höheren Arbeitslosigkeit und dem weiteren Zerfall der Währung (Abwertungskreislauf).

Eine starke Öffnung der Wirtschaft zum Weltmarkt hin kann auch die Inflation weiter an­wachsen lassen, denn der inländische Preis für bestimmte Waren, die wegen dem Wegfallen von Exportbeschränkungen und Ausfuhrzöllen auch auf dem Weltmarkt verkauft werden können, wird sich mittelfristig dem Weltmarktniveau anpassen.

Abb. 1: Entstehung eines Abwertungskreislaufs

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für die indischen Konsumenten könnte dies bedeuten, daß Luxusgüter - sie lagen in ihrem Preis bislang deutlich über dem Weltmarktniveau - erheblich billiger werden, während sich einfache Konsumgüter und vor allem Nahrungsmittel verteuern, vor allem wenn durch die Ergebnisse der Uruguay-Runde mittelfristig die Weltagrarpreise tatsächlich steigen.Schließlich - und hierin dürfte wohl die größte Gefahr der Währungsabwertung liegen - verteuern sich eben auch jene Importe, die für das Land unverzichtbar sind, vor allem wenn es darum geht, die heimische Industrie wieder auf Wachstumskurs zu bringen. So ist mit der Abwertung z.B. auch gleichzeitig die indische Erdölrechnung - bei gleichbleibendem Einfuhrvolumen und Weltmarktpreisen - um 20 Prozent gestiegen; bei einer Wirtschaft, die jedoch - so die Absichten der Politiker - stark expandieren soll, wird es wohl kaum gelingen, die Erdöleinfuhren auf dem jetzigen Stand einzufrieren. Es kann vielmehr damit gerechnet werden, daß die Importe in den nächsten Jahren in diesem Bereich sehr stark anwachsen. Ähnlich wird es bei den Importen von Investitionsgütern sein. Allein diese beiden Produktgruppen machten 1992 fast die Hälfte der Importe (in US-$) aus. Da die indische Regierung kein Geld haben dürfte, diese Steigerung durch Subventionen vom Verbraucher fernzuhalten, wird von der Verteuerung der Importe ein Inflationsschub ausgehen.

6.1.1.2 Reformmaßnahmen in der Handels- und Industriepolitik

Mit der Abwertung der indischen Rupie wurde eine wichtige Maßnahme durchgeführt, um den indischen Außenhandel zu fördern. Zusätzlich wurden zur Belebung der Produktion und des Exportes weitere Maßnahmen beschlossen:

- Abschaffung der Industrielizenzen in fast allen Bereichen. Die Anzahl der Produkte, für deren Herstellung eine Lizenz notwendig ist, hat sich auf 15 reduziert (Economic Survey 1993-94).
- Reduzierung der ausschließlich für den Staatssektor reservierten Industriezweige von 17 auf jetzt nur noch sechs, die strategische oder Sicherheitsfragen berühren.1
- Generelle Abschaffung von Standortgenehmigungen mit Ausnahme von 23 Großstädten mit über einer Million Einwohnern.
- Die Grenze für Anteile ausländischer Investoren wurde in einer großen Anzahl von In­dustriezweigen (priority industries) von 40 auf 51 Prozent erhöht. Antrags- und Ge­nehmigungsverfahren wurden vereinfacht, ebenso der Gewinnabfluß in die Mutterländer der Multinationalen Konzerne. Zusätzlich wurden für ausländische Investoren Steu­ererleichterungen eingeführt.
- Unternehmen, die in industriell strukturschwachen Regionen investieren, werden für fünf Jahre von der Unternehmenssteuer befreit (Economic Survey 1993-94: 93)
- Bei der Umwandlung von landwirtschaftlich genutztem Land in Industrieflächen muß zukünftig nicht mehr die Zustimmung der Regionalbehörden eingeholt werden.
- Die Einfuhr von Kapitalgütern wird zukünftig automatisch genehmigt, wenn diese durch ausländische Direktinvestitionen finanziert werden.
- Mit der Privatisierung von Staatsunternehmen wurde inzwischen begonnen, ebenso mit der Schließung von unrentablen Staatsbetrieben. Als soziales Auffangnetz wurde dabei mit Unterstützung der Weltbank ein National Renewal Fund eingerichtet.
- die Verbotslisten für Importe und Exporte wurden stark ausgedünnt, Import- und Ex­portbeschränkungen für viele Güter aufgehoben, das Lizenzverfahren im Außenhan­delsbereich stark vereinfacht; für viele Produkte die Lizenzpflicht ganz abgeschafft.
- für eine ganze Reihe von Produkten (vor allem für Rohmaterialien und Investitionsgü­ter) wurden die Einfuhrzölle drastisch reduziert (Budget 1994-95: 17).

6.1.1.3 Inflation und Strukturanpassung

Die ersten Folgen der Abwertung der indischen Währung wurden deutlich, als der Finanzminister am 24.07.1991 im indischen Parlament den Haushaltsentwurf für das Wirtschaftsjahr 1991/92 einreichte. Um die Importrechnung für Erdölprodukte überhaupt bezahlen zu können, wurde der Preisanstieg an die Konsumenten weitergegeben. Die Preise für Benzin, für Flüssiggas zu Kochzwecken und für Flugbenzin wurden um 20% angehoben. Alle anderen Petroleum-Produkte (mit Außnahme von Dieselkraftstoff und Kerosin) wurden um 10% teurer. Lediglich Kerosin für private Haushalte wurden um 10% im Preis gesenkt. Im Januar 1994 wurden die Preise für Kraftstoffe, diesmal auch für Dieselkraftstoff, nochmals deutlich angehoben (The Hindu 02.02.1994).

Die Runde der Subventionskürzungen wurde mit der Streichung der Subventionen für Düngemittel eingeläutet, was einer Verteuerung von 40 Prozent gleichkam. Schon bald nachdem diese Maßnahme verkündet war, formierte sich bei den Bauernverbänden heftiger Widerstand, und die Regierung Rao mußte deshalb im August 1991 in diesem Punkt weitreichende Zugeständnisse machen. So wurde die Preisanhebung auf 30 Prozent reduziert und außerdem wurden Klein- und Kleinstbauern ganz von der Preisanhebung ausgenommen (The Hindu 25.08.1991). Mit dem Wegfall der staatlichen Unterstützung waren viele indische Düngemittelproduzenten nicht mehr in der Lage, gegen ausländische Anbieter zu konkurrieren. Bis Mitte Juni 1993 mußten deshalb mehr als 30 Betriebe in Indien schließen, was die Regierung zum Anlaß nahm, neue Subventionen für einheimische Erzeuger einzuführen (The Hindu 19.06.1993).

Ebenfalls gestrichen wurden die Subventionen für Zucker im staatlich organisierten Vertei­lungssystem. Zwischen Sommer 1991 und Februar 1994 stieg dadurch der Preis für Zucker in den staatlichen Verkaufsläden (Fair Price Shops) von 5,25 Rs/kg auf 9,05 Rs/kg. Zwischen Dezember 1991 und Januar 1994 wurde der Ausgabepreis für Getreide in den staatlichen Lebensmittelläden in mehreren Schritten deutlich angehoben.

"When the Govenment took office, the price of wheat issued from the public distribution system (PDS) was Rs. 234 a quintal. Today it is Rs. 402. And while the issue price for the common variety of rice stood at Rs. 289, when the reforms began, today it is Rs. 537" (Muralidharan 1994: 30)

Beim Haushaltsplan für die indische Eisenbahn wurden zwischen 1991/92 und 1994-95 jedes Jahr die Fahrt- und Frachtkosten deutlich gesteigert.1 Für Produkte wie Getreide und Hülsenfrüchte, Dieselkraftstoff, Zucker und Ölkuchen, für die bisher verbilligte Frachttarife gegolten hatten, galten ab 01.April 1993 die normalen Tarife. Eine Zugfahrt zweiter Klasse von Madras nach Neu Delhi, die im Juni 1991 noch 165 Rs. gekostet hatte, kostete nach dem 1. April 1994 246 Rs. Erstmals wurden mit dem Haushaltsplan 1994/95 auch 14 Bahnstrecken stillgelegt. Die indische Regierung hatte zuvor den Landesregierungen angeboten, diese Strecken weiterhin zu betreiben, aber nur unter der Bedingung, daß sich die Landesregierungen zur Hälfte an den Verlusten beteiligten (The Hindu, 26.02.1994).

Bei den bislang aufgezählten Preissteigerungen handelte es sich ausschließlich um die Anhebung von Preisen für Waren und Dienstleistungen, die von der Zentralregierung festgesetzt werden. Hinzu kamen Preissteigerungen, die in den Zuständigkeitsbereich der einzelnen Landesregierungen fallen wie z.B. Elektrizität, Straßentransport etc. sowie Preiserhöhungen für Waren und Dienstleistungen, die zwar keiner staatlichen Kontrolle unterliegen, die jedoch durch die staatlichen Maßnahmen ausgelöst wurden. So bestätigte sich ein langjähriger Trend, daß die Getreidepreise auf dem freien Markt sich den Veränderung der Preise in den staatlichen Lebensmittelläden anpassen.

Im Vergleich zu 1991 ist 1992 die Preissteigerung deutlich zurückgegangen, dennoch verteuern sich nach wie vor auf breiter Front viele Produkte. Einer durchschnittlichen Steigerung der Konsumentenpreise von 13,6 Prozent im Wirtschaftsjahr 1991/92 steht ein Jahr später eine Steigerung von 8,4 Prozent entgegen. Der Trend, daß sich vor allem Nahrungsmittel überdurchschnittlich verteuern, hält nach wie vor an (Economic Survey 1992/93: 77). Im März 1994 überschritt die Inflationsrate wieder die 10 Prozentmarke (The Hindu 11.04.1994), nachdem es der Regierung nicht gelungen war, die staatliche Neuverschuldung zu begrenzen; die nur zwei Monate zuvor beschlossenen Preissteigerungen bei Reis, Weizen, Zucker und Kraftstoffen taten ihr übriges. Die angekündigte, jedoch in Haushaltsjahr 1993-94 nicht eingehaltene Ausgabendiziplin des Staates sollte verhindern, daß sich die in Umlauf befindliche Geldmenge nicht weiter vergrößert. Damit sollte die Inflation bekämpft werden. Da die Einsparungen jedoch zum größten Teil über den Abbau von Subventionen und den Rückzug des Staates aus wirtschaftlichen Aktivitäten erreicht werden, wird der Nutzen einer unter Umständen neu gewonnen Geldwertstabilität sehr ungleich verteilt sein, da eine solche Haushaltsdisziplin inflationäre Tendenzen begünstigt, von denen vor allem die Armen betroffen sind. Im Nahrungsbereich ist weiterhin mit deutlichen Preissteigerungen durch die Reduzierung von Subventionen für Düngemittel und direkte Nahrungsmittelsubventionen zu rechnen, da der Wegfall der Düngemittelsubventionen durch die Anhebung der Erzeugerpreise kompensiert werden soll. Vor allem Landwirte, die einen hohen Marktanteil produzieren, werden dadurch begünstigt.

Zudem sind Konsumenten aus den unteren Einkommensschichten von Preissteigerungen auch dadurch erheblich betroffen, da sie nicht - wie die Angehörigen der Mittelschichten - die Preissteigerungen durch einen erhöhten Steuerfreibetrag und eine Teuerungszulage (s.u.) auffangen können (Ghosh 1994: 891).

In anderen gesellschaftlichen Bereichen lassen sich Verteuerungen nicht über die Inflationsrate ausdrücken, so etwa im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Erste Anzeichen deuten darauf hin, daß auch hier in den nächsten Jahren drastische Veränderungen eintreten könnten. So wurde z.B. im Februar 1992 von der vom Congress geführten Landesregierung Keralas die Schließung von 1.064 „unwirtschaftlichen“ Schulen verkündet „Unwirtschaftlich“ meint dabei Schulen, die weniger als 50 Schüler in den vier untersten Klassen aufweisen. Gleichzeitig schießen in Kerala die privaten Schulen wie Pilze aus dem Boden (Bhaskar 1992). Kerala, das im Bildungsbereich einzigartig in Indien ist, fängt damit an, Armutsgruppen aus diesem Bereich auszugrenzen, denn viele der geschlossenen Schulen lagen in Gebieten mit einem hohen Stammesbevölkerungsanteil, auf isolierten Backwater-Inseln und in anderen benachteiligten Regionen.

Schließlich zeigte sich, daß die Steuererleichterungen für Privathaushalte und Industrie ebenfalls inflationäre Tendenzen förderten, weil sie nicht zu einer zusätzlichen Nachfrage und neuen Investitionen führten, sondern große Summen in Kapitalspekulationen angelegt wurden (Sau 1994: 941). Bereits nach dem Wahlsieg der Congress-Partei hatten die Börsen in Indien kräftige Kurs­anstiege verzeichnet. Viele Anleger wurden dadurch zusätzlich ermuntert, Aktien zu er­werben, was die Kurse weiter in die Höhe schnellen ließ. Das überaus freundliche Bör­sengeschehen wurde allerdings nicht durch ein tatsächliches Wachstum in der realen Ökonomie gestützt. Durch die Spekulationsgewinne an der Börse1 wurde die Geldmenge weiter aufgebläht, ohne daß im gleichen Umfang die Produktion der Wirtschaft ausgeweitet wurde.

6.1.1.4 Steuerpolitische Maßnahmen

Mit dem Haushaltsplan 1992/93 begann die indische Regierung mit der Reformierung des Steuersystems. Der Einkommenssteuerfreibetrag wurde dabei von 22.000 Rs auf nun 28.000 Rs heraufgesetzt. Der Spitzensteuersatz (für versteuerbare Einkommen über 100.000 Rs) von 50 auf 40 Prozent gesenkt (Economic Survey 1992-93: 32). Die Regierung geht davon aus, daß sich so das Steuereinkommen erhöhen läßt (Finanzminister Singh 1992: 18f). Mit dem Haushaltsplan 1994/95 wurde dann der Einkommenssteuerfreibetrag auf 35.000 Rs pro Jahr angehoben. Damit werden alle Bruttoeinkommen bis zu 50.000 Rs jährlich von der Einkommenssteuer ausgenommen. Gleichzeitig wurde die Bemessungsgrenze für den Spitzensteuersatz (40%) auf 120.000 Rs angehoben (Budget 1994-95: 26f).

Eigentümern von Aktien, Wertpapieren, Staatsanleihen und Bankeinlagen wird eine „Steuerehrlichkeit“ erst gar nicht mehr abverlangt: für diese „produktiven“ Wertanlagen muß zukünftig keine Vermögenssteuer mehr bezahlt werden, und Zinsen aus solchen Anlagen sind von der Einkommenssteuer befreit. Bei der Vermögenssteuer für „unproduktive“ Vermögenswerte (z.B. Gold, Schmuck, Flugzeuge, Immoblien und Grundstücke) wird der Freibetrag von 0,5 auf 1,5 Millionen Rs angehoben. Für den übersteigenden Betrag muß eine Vermögenssteuer von einem Prozent abgeführt werden (Economic Survey 1992-93).

Damit diese Steuerbefreiungen vom entsprechenden Personenkreis auch gebührend gefeiert werden können, wurde die Luxus-Steuer für klimatisierte Restaurants abgeschafft, denn "[...] airconditioning in restaurants [...] is no longer a luxury item of the rich" (Finanzminister Singh 1992: 22)

Mit der Errichtung einer National Housing Bank wurde Steuerhinterziehung praktisch legalisiert. Illegal erworbenes Geld konnte bei dieser Bank angelegt werden, ohne daß nach seiner Herkunft gefragt wurde.

Mit dem Haushaltsplan von 1992/93 wurden Goldeinfuhren von Indern und Personen indischer Abstammung bis zu einem Gewicht von 5 kg legalisiert. Der Einfuhrzoll betrug 450 Rs/10g (später auf 220 Rs/10g gesenkt). Am 1. März 1992, als diese Bestimmung in Kraft trat, konnte beim Import vom 5 kg Gold wegen des gegenüber dem Weltmarkt höheren Goldpreises in Indien nach Abzug der Einfuhrsteuer ein Gewinn von Rs 525.000 erzielt werden (The Observer 01.03.1992). Für jene, die diese Legalisierung hatten kommen sehen und schon zuvor mit dem (noch illegalen) „Goldimport“ be­gonnen hatten, richtet der Finanzminister ein Anlageprogramm für Gold ein.

"The bond would be for a period of five to seven years and would be liquidated by return of gold, or equivalent value, at the option of the holder. It would enjoy a small interest, which will not attract income-tax. As an added incentive, holders of such bonds will not be asked any questitons about the source of the gold holding" (Finanzminister Singh 1992: 6)1

6.1.1.5 Strukturanpassung und Beschäftigung

Die kapitalintensive Wirtschaftspolitik der 80er Jahre hatte zwar zwischenzeitlich zu den bislang höchsten industriellen Wachstumszahlen im unabhängigen Indien geführt, gleichzeitig jedoch kaum neue Arbeitsplätze schaffen können. 1972-1977 stieg die Beschäftigung pro ein Prozent Wirtschaftswachstum um 0,61 Prozent, 1977-83 um 0,55 Prozent und 1983-1988 um 0,38 Prozent (Ghosh 1993: 37).

"A decade in which the growth rate was the highest, the increase in employment was the lowest" (Kurien 1994: 97).

Durch die Maßnahmen der Strukturanpassung wird sich daran wenig ändern. Es ist sogar zu erwarten, daß sich die Beschäftigungssituation in Indien weiter verschlechtert. Während in den 80er Jahren viele unrentable Privatbetriebe verstaatlicht wurden, ist der indische Staat dazu heute nicht mehr bereit, sondern versucht seinerseits, seine unwirtschaftlichen Betriebe zu schließen. Mit den Änderungen des Industrial Dispute Acts, die im Haushaltsplan 1994-95 angekündigt werden, soll bei Entlassungen und Betriebsschließungen künftig keine Zustimmung der Regierung mehr notwendig sein, sofern die Betriebe nicht mehr als 300 festangestellte ArbeiterInnen haben (bislang 100; Budget 1994-95: 110). Die Schließung privater Betriebe wird dadurch erheblich vereinfacht.

In der Durchführungsperiode des Achten Fünf-Jahres-Plans (1992-1997) wird die erwerbsfähige Be­völkerung Indiens um etwa 35 Millionen Personen zunehmen, in den darauffolgenden fünf Jahren um weitere 36 Millionen. Zum 1. April 1992 bestand bereits ein Arbeitsplatzangebotsdefizit von 23 Millionen Stellen. Bis zum Jahr 2002 müssen in Indien also 94 Millionen neue Arbeitsplätze einge­richtet werden, will man bis dahin das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht haben, d.h. die Beschäftigung müßte jährlich um 3 Prozent steigen (Ghosh 1993: 37).

Wenn sich der Staat mittel- bis langfristig aus vielen Unternehmensbereichen zurückziehen wird, liegt es bei der privaten Industrie, diese Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Hier sieht der Trend jedoch eher entmutigend aus. Zwischen Dezember 1981 und Dezember 1988 gingen die Beschäftigtenzahlen bei der privaten Industrie Indiens von 4,6 Millionen auf 4,3 Millionen zurück, während sie in den staatlichen Industriebetrieben von 1,59 auf 1,86 Millionen zunahmen. Insgesamt stagniert die Beschäftigtenzahl im organisierten Sektor seit 1981 auf einem Stand von etwa 6,2 Millionen Stellen; in den meisten Jahren, die in diesen Zeitraum fallen, hat sich die Produktion jährlich zwischen 7 und 8 Prozent erhöht, die Produktivität konnte also deutlich gesteigert werden. Mit der angekündigten „Exit“-Politik sind mehr als 2 Millionen Arbeitsplätze in der privaten und staatlichen Industrie gefährdet. Es ist kaum zu erwarten, daß die fehlenden Arbeitsplätze in der Landwirtschaft geschaffen werden können, denn hier wird von einer Zunahme der Arbeitsplätze von ca. 1 Prozent jährlich ausgegangen (Ghosh 1993: 37).

6.2 "Staatsklassen", ihr Klientel und Strukturanpassung

Mit dem Strukturanpassungsprogramm wird nicht nur versucht, die Wirtschaft Indiens zu modern­isieren und enger an die Weltwirtschaft anzubinden, sondern einhergehend damit wird die Aufgabenverteilung zwischen Staat und Wirtschaft vollkommen neu definiert. Während die Wirtschaftsreformen der 80er Jahre viele Bereiche der Wirtschaft privaten Investoren öffnete, ohne jedoch die staatlichen Betriebe in private umwandeln zu wollen, wird der Aspekt der Privatisierung staatlicher Wirtschaftsunternehmen nach 1991 zu einem Schwerpunkt der Strukturanpassungspolitik.

Jene Wirtschaftsreformen, die auf die Rückdrängung des Staates aus dem Wirtschaftsgeschehen zielen, werden u.a. auch immer wieder damit begründet, daß die bestehende Ordnung (a) die Entwicklungsmöglichkeiten der indischen Industrie verhindere und (b) zu einer Fehlallokation von Ressourcen führe, indem politische und administrative Macht zur persönlichen Bereicherung bei Teilen der Staatsklasse führten (rent-seeking) (Ghosh 1994: 13).

Wenn im vorliegenden wirtschaftstheoretischen Zusammenhang von „Rente“ gesprochen wird, dann wird darunter in der Regel die Erzielung eines „arbeitslosen“ Einkommens verstanden, das aufgrund einer speziellen Marktsituation entsteht. Sie kann also als Vorzugseinkommen begriffen werden, welches dadurch zustande kommt, daß sich der Preis einer Ware nicht nach dem tatsächlichen Marktpreis bestimmt, sondern indem marktfremde Einflüsse - etwa staatliche Einwirkungen auf den Preisbildungsprozeß - wirksam werden (vgl. Weede 1985: 274f).

Unter diesem Blickwinkel wären unter „Renteneinkommen“ jene Teile des Unternehmensprofits zu verstehen, die z.B. erst durch Importschranken oder komplizierte Genehmigungsverfahren möglich werden. Staatliche Reglementierungen sorgen also dafür, daß Unternehmen überhöhte Preise auf „unvollkommenen“ Märkten verlangen können.

Weiterhin können in diesem Sinne überhöhte Lohneinkünfte der im staatlichen Sektor Be­schäftigten als „Renten“ bezeichnet werden, weil sich auch hier die Löhne nicht durch Marktkräfte sondern durch marktfremde Kräfte bilden. Nach dieser Logik wären dann auch die Löhne der Arbeiterschaft in Unternehmen mit starken gewerkschaftlichen Kräften als „Renten“ zu bezeichnen, weil auch hier marktfremde Aspekte bei der Lohnbildung eine große Rolle spielen. Spätestens hier zeigt sich, daß mit wirtschaftstheoretischer Logik dem Problem der „Rente“ nicht beizukommen ist, denn Tatsache ist, daß sich immer marktfremde Elemente bei der Entstehung von Preisen und Löhnen finden lassen, die Ausdruck gesellschaftlicher Macht sind, da schon im Begriff der „Arbeitsleistung“ gesellschaftliche Wertungen und Machtverteilungen enthalten sind.1

Als „Renteneinkommen“ wird zudem ein Einkommen verstanden, das durch den Einsatz administrativer und politischer Macht erzielt wird. Dies ist z.B. der Fall, wenn sich ein Beamter mit der Erteilung von Investitionslizenzen für die Industrie dadurch bereichert, indem er eine schnelle und im Sinne des Antragsstellers günstige Entscheidung herbeiführt. Mit der Privatisierung staatlicher Wirtschaftsunternehmen - verbunden mit dem Rückzug des Staates aus Bereichen der Wirtschaftskontrolle - sollen die Möglichkeiten dieses Rentenerwerbs erheblich reduziert werden. Davon sollen in erster Linie die Konsumenten profitieren, da sie nun billigere Produkte/Dienstleistungen in besserer Qualität erhalten können.

So einleuchtend diese Kritik an staatlicher Intervention im Wirtschaftsbereich auf den ersten Blick auch ist, muß sie dennoch in mehrfacher Hinsicht relativiert werden. Verfolgt man die Entwicklung der Politischen Ökonomie in Indien, erscheint zunächst das Argument, durch den starken Einfluß des Staates auf das Wirtschaftsgeschehen würde das Wachstum der privaten Industrie behindert, nicht logisch.

Richtig ist, daß das bürokratische System durch politische und administrative Macht „Renten“ im privaten Sektor abschöpfen konnte. Dies geschah vor allem dort, wo Bürokraten Entscheidungsbefugnisse hinsichtlich Import- und Investitionslizenzen wahrnahmen. Ob dies jedoch die industrielle Entwicklung verzögert oder gar verhindert hat, ist fraglich, denn die private Industrie wurde quasi als Gegenleistung vor ausländischer Konkurrenz geschützt und konnte dadurch überdurchschnittliche Profitraten erzielen. Das System der Lizenzen zur Errichtung neuer Industriekapazitäten hat auch nicht zu einer Drosselung des Angebots geführt. Abgesehen davon, daß die indische Industrie, vor allem die private Großindustrie, fast durchgängig respektable, wenngleich nicht sensationelle Wachstumsraten vorweisen konnte, kann auch in keiner Weise davon die Rede sein, daß industrielles Wachstum dadurch behindert worden wäre, daß notwendige Kapazitäten aufgrund fehlender Lizenzen nicht errichtet werden konnten.

Die indische Großindustrie hat durch das Lizenzierungsverfahren eher profitiert, als daß es ihr ge­schadet hätte (Pinto 1994: 315f). Sie konnte es sich leisten, ganze Abteilungen zu beschäftigten, die ausschließlich darauf spezialisiert waren, sich im Dickicht der staatlichen Bürokratie zurechtzufinden. Sie erhielt dadurch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber kleineren Unternehmen, die in der Flut von Vorschriften, Formularen etc. untergingen. Da die Großindustrie gleichzeitig finanzkräftig genug war, um "die Dinge zum Laufen" zu bekommen, wurde sie durch die hohen Importbarrieren nicht nur vor ausländischer, sondern durch das Lizenzierungsverfahren auch vor inländischer Konkurrenz geschützt.

Trotz des Schutzes der indischen Großindustrie durch den Staat wurde von dieser die Ord­nungsmacht des Staates im Wirtschaftsgeschehen seit Mitte/Ende der 60er Jahre immer heftiger kritisiert. Das führte zu Beginn der 80er Jahre dazu, daß der Staat seine Wirtschaftspolitik radikal umzustrukturieren begann. Doch auch dieser Wandel kann kaum als zunehmender Interessenskonflikt zwischen Staat und privater Wirtschaft verstanden werden. Durch die beiden Erdölkrisen hatten sich die Importausgaben des Staates erheblich erhöht, und es hatte sich ein chronisches Zahlungsbilanzdefizit eingestellt. Das Interesse des Staates, dieses Defizit durch vermehrte Exporte abzubauen, fand bei der privaten Indu­strie große Unterstützung, weil eine begrenzte einheimische Nachfrage die Wachstumschancen erheblich schmälerte. Hinzu kam, daß die private Industrie durch die staatlichen Investitionen in der Schwerindustrie zwar preisgünstig mit deren Produkten versorgt wurde, sich allerdings technologisch nicht modernisieren konnte, da durch hohe Importzölle bzw. Importbeschränkungen die technologische Erneuerung der indischen Industrie blockiert war. Mit der zunehmenden Konzentration auf ausländische Märkte muß die technologische Rückständigkeit überwunden werden, weil sie die Exportchancen indischer Unternehmen schmälerte. Die dazu notwendige Liberalisierung des Außenhandels hat in den 80er Jahren dann allerdings das Zahlungsbilanzproblem des indischen Staates nicht etwa gelöst, sondern erheblich verstärkt.

Was in Indien das wirtschaftliche Wachstum behindert, ist eine durch geringe Kaufkraft verhinderte Massennachfrage. Die Ursachen, die dabei eine Rolle spielen, können durchaus auch mit dem Phänomen des Rent-seekings erklärt werden, nämlich in der Form, daß staatliche Maßnahmen die Bildung einer solchen Massenkaufkraft verhindert haben.

Durch die Konzentration auf die (groß)industrielle Entwicklung - bei gleichzeitiger relativer Ver­nachlässigung des landwirtschaftlichen Sektors und des Kleinunternehmertums - konnte sich die Großindustrie ungehindert entfalten. Sie konnte ihre Produkte weit über Marktpreis absetzen, also Renten erzielen, während die Landwirtschaft und die Kleinunternehmen (a) in ihrem Entwicklungs­potential notgedrungen zurückblieben und (b) darüber hinaus die Großindustrie durch billige Nahrungsmittel bzw. billige Zulieferprodukte subventionierte. Innerhalb der Landwirtschaft wurden dabei ebenfalls "Renten" erzielt. Die mittleren und großen Landwirte konnten durch Düngemittel- und Energiesubventionen und günstige Kredite ihre Produktionskosten ungleich günstiger gestalten als die kleinen und marginalen Betriebe. Am ungünstigsten war jedoch die Lage der Landarbeiter, da sie infolge der fehlgeschlagenen Landreformen weiterhin nicht mehr anzubieten hatten als ihre Arbeitskraft. Eine Politik, die verstärkt auf eine Privatisierung staatlicher Betriebe und den Abbau des staatlichen Kontrollapparates setzt, kann zwar im günstigsten Fall dazu beitragen, daß die Möglichkeiten des "Rentenerwerbs" durch die Bürokratie abgebaut wird (vgl. Pederson 1994: 281), sie wird jedoch, solange sie die Bildung von Massenkaufkraft zu fördern versäumt, wirtschaftliches Wachstum nicht erzeugen können. Etliche Anzeichen sprechen jedoch dafür, daß durch die Privatisierung bestehender Staatsbetriebe lediglich neue Formen des "Rent-seekings" gefördert wurden.

6.2.1 Die Privatisierung indischer Staatsbetriebe.

Der indische Wirtschaftssektor, der der Kontrolle der Zentralregierung untersteht, umfaßte 1991 237 Unternehmen, wovon 134 Gewinne und 102 Verluste erzielten.1 Die gewinnbringenden Betriebe erwirtschafteten insgesamt 61,5 Mrd. Rs, während die Verluste 36,7 Mrd. Rs betrugen (Economic Survey 1992-92: 146). Insgesamt trug der staatliche Wirtschaftssektor knapp 10 Prozent zum Brutto­inlandsprodukt bei und lag damit nicht viel höher als in den Industrienationen, wo der entsprechende Wert durchschnittlich 9,6 Prozent betrug (Chandrasekhar 1994: 109).

Mit der Privatisierung der ersten Staatsbetriebe wurde im Jahr 1991 begonnen. In mehreren Schritten wurden dabei bis zu 20 Prozent der Unternehmensbeteiligungen wirtschaftlich gesunder Betriebe abgestoßen.2 Die hiermit erzielten Einnahmen sollten (a) für Abfindungen von Beschäftigten in zu schließenden Betrieben, (b) zur Sanierung von "angeschlagenen" Betrieben und (c) für Umschulungsmaßnahmen für Beschäftigte aus zu schließenden bzw. umzustrukturierenden Betrieben verwendet werden (Brahmachary 1994: 248,250).

Im ersten Schritt sollten 31 Unternehmen teilprivatisiert werden. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt: Unternehmen mit sehr guter, solche mit guter und mit durchschnittlicher Wirtschaft-lichkeit. Die Beteiligungen wurden nicht einzeln angeboten, sondern in Aktienpaketen, in denen jeweils drei Unternehmen der verschiedenen Kategorien vertreten waren. Dadurch sollte verhindert werden, daß die Aufkäufer lediglich die wirtschaftlichsten Unternehmensbeteiligungen erwerben.

Jedes Aktienpaket hatte einen Wert von 50 Mio. Rs, der beim Verkauf nicht unterschritten werden sollte. Abgesehen davon, daß bereits dieser "reserve price" zu niedrig angesetzt war - nur der Einheitswert (auch Steuerwert, Grundbuchwert) der Immobilien der jeweiligen Unternehmen, jedoch nicht ihr aktueller Marktwert3 wurde berücksichtig - wurden die Aktienpakete schließlich auch noch erheblich unter dem "reserve price" verkauft. Es gab zu wenige Gebote, die darüberhinaus zumeist deutlich unter dem Mindestpreis lagen. Bei der ersten Ausschreibung reichte für über 72 Prozent der Aktienpakete lediglich jeweils ein einziger Interessent ein Gebot ein. Das ist auch dadurch zu erklären, daß das Mindestgebot auf 25 Millionen Rs festgesetzt wurde, und nur finanzkräftige Unternehmen zum Zuge kamen, die sich über ihre Monopolstellung4 im klaren waren (Brahmachary 1995: 252f).

"Of the 825 bundles offered for sale on December 10, 1991, bids were received for 533. In as many as 387 bundels, there was no more than a solitary bid - making the procedure largely non-competitive in nature.[...] To illustrate: the shares of Bharat Petroleum were sold at 48 per cent, of National Fertilizers at 85 per cent, and of the Steel Authority of India at 71 per cent below the respective reserve prices" (Muralidharan 1994: 117).

Die zweite Privatisierungsrunde fand unter gleichen Bedingungen im Februar 1992 statt. Die Verluste, die die Regierung in der ersten Privatisierungsrunde hinnehmen mußte, werden sehr unterschiedlich beziffert.1 Die Regierung selbst ist mit etwa 11 Mrd. Rs hinter ihren Mindesterwartungen zurückge­blieben. Andere Schätzungen gehen jedoch von einem weitaus höheren Schaden aus.2 Eine realisti­sch­ere Einschätzung kann die Differenz zwi­schen Auktionspreis und späterem Marktwert der Aktien geben. So erzielten eine Aktie von Bharat Petroleum Coporation Ltd (BPCL) einen Auktionswert von durchschnittlich 244 Rs. Ihr späterer Marktwert belief sich später auf bis zu 1250 Rs. Bei der Hindu­stan Petroleum Corporation (HPC) betrugen die entsprechenden Werte 243 Rs bzw. 1050 Rs (Sound­ararajan 1992: 115). Ein von der Regierung eingesetzter Untersuchungsausschuß (Janakiraman Committee) kommt zu dem Schluß, daß bei der Privatisierung staatlicher Betriebe vielerlei Unregel­mäßigkeiten aufgetreten sind. Am schwerwiegendsten haben sich dabei ungesetzmäßige Absprachen zwischen staatlichen Finanzinstituten und Börsenmaklern ausgewirkt. Diese hatten zur Folge, daß Aktien nach dem Erwerb durch die Finanzinstitute illegal über private Kanäle verkauft wurden, anstatt über die Börse (Muralidharan 1994: 117).3

Eine erste Zwischenbilanz der bisherigen Privatisierungsmaßnahmen macht deutlich, daß nicht das Ziel verfolgt wurde, durch Abstoßung unwirtschaftlicher Unternehmen die staatliche Belastung zu senken, sondern es wurden - ganz im Gegenteil - Privatisierungsschritte für jene Betriebe eingeleitet, die bislang wirtschaftlich arbeiteten, während die "kranken" Betriebe in staatlicher Hand verblieben.

Bei den teilprivatisierten Betrieben handelt es sich z. T. um Unternehmen, die auch nach internationalem Standard als äußerst effizient und profitabel bezeichnet werden können. So wurde die Bharat Elektronics Ltd 4 - ein Unternehmen, das im großen Umfang im Rüstungsbereich tätig ist und über modernste Technologien verfügt - ebenso teilprivatisiert wie die staatliche Ölfördergesellschaft Hindustan Petroleum und das Kraftanlagenunternehmen Bharat Heavy Electricals Ltd (BHEL) (Bidwai 1994; Menon 1994).

Durch den Teilverkauf der "Vorzeigeunternehmen" sollten Löcher in der indischen Haushaltskasse gestopft bzw. bestehende Schulden zurückbezahlt werden. Die ursprüngliche Zielsetzung, aus dem Verkaufserlös die kranken Staatsbetriebe zu sanieren sowie Abfindungszahlungen und Umschulungsprogramme für entlassene Arbeiter zu finanzieren, wurde inzwischen aufgegeben.5

Die in dieser Form vorgenommene Teilprivatisierung öffentlichen Eigentums hat mit dazu beige­tragen, daß sich die Devisenreserven Indiens auf einem hohen Niveau stabilisieren konnten, weil ausländische Investoren verstärkt Aktienanteile erwarben, anstatt DirektInvestitionen vorzunehmen. Von den 4,3 Mrd. US-Dollar, die zwischen 1991 und 1994 von privaten ausländischen Investoren angelegt wurden, handelte es sich bei 1,3 Mrd. US-Dollar um Direktinvestitionen und bei 3 Mrd. US-Dollar um Portfolioinvestitionen (Economic Survey 1993-94: 76). Anstatt neue Produktionsstätten in Indien zu errichten, ziehen es ausländische Investoren vor, an bestehenden Staatsunternehmen Anteile zu erwerben. Ganz so unlukrativ, wie oftmals behauptet, können diese Betriebe kaum sein.

"More than $2.5 billion of `hot money´ has flowed into the country in the past eight months in pursuit of high interest rates and quick profits. The Government assiduously facilitated, indeed connived at, its entry through its capital gains and interest rate policies. After the Budget, even more speculative capital is expected to pour in - $3 billion and upwards in the next year. These investors eye Indian PSUs, especially the profitable units, as world-class prize catches - fabulous bargains unthinkable until only a few years ago" (Bidwai 1994: 112).

Im Haushaltsplan 1994-95 wird eine Intensivierung der Privatisierung angekündigt. Erstmals wird es auch ausgewählten ausländischen Finanzinstituten erlaubt sein, bei der Privatisierung direkt Unternehmensbeteiligungen zu ersteigern und sich so den Umweg über die Börse zu ersparen (Chandrasekhar 1994: 109).

Bislang wurden vor allem Anteile produzierender Staatsunternehmen privatisiert. In einer näch­sten Runde sollen auch Dienstleistungsunternehmen eingeschlossen werden, so z.B. das Bank- und Versicherungswesen, die Eisenbahnen sowie Post und Telekommunikation. In den meisten dieser Bereiche gibt es bereits - parallell zu den staatlichen Einrichtungen - private Dienstlei­stungsanbieter, was nicht immer den Service verbessern konnte. So existieren inzwischen neben den drei staatlichen Fluggesellschaften 15 private Unternehmen, die in erbittertem Konkur­renzkampf zueinander stehen, was die Flugsicherheit deutlich reduziert (Cherian 1994).

Im Versicherungsbereich steht die Privatisierung unmittelbar bevor. So empfahl ein Kommittee unter Führung des früheren Gouverneurs der Reserve Bank of India, R.N. Malhorta, die Mehrheit der Unter­nehmensbeteiligungen der staatlichen Versicherungsgesellschaften (Life Insurance Corporation (LIC) und General Insurance Coporation (GIC)) an private Investoren zu verkaufen. Ausländische Versicherungsgesellschaften sollen bevorzugt berücksichtigt werden. Zuvor soll das Aktienkapital beider Unternehmen deutlich aufgestockt werden (Economic Survey 1993-94: 57; Padmanabhan 1994: 110).

Diese Versicherungsgesellschaften zählen zu den profitablen staatlichen Musterbetrieben. Ein Festhalten am staatlichen Charakter der Versicherungswirtschaft würde Indien jedoch in absehbarer Zeit in Konflikt mit den Dienstleistungsbestimmungen des neuen GATT-Abkommens bringen. Schon während der laufenden GATT-Verhandlungen hatten die USA Indien wirtschaftliche Sanktionen für den Fall angedroht, daß das Land nicht bereit ist, seinen Versicherungsbereich für ausländische Investoren zu öffnen (Padmanabhan 1994: 113). Eine Privatisierung des Versicherungswesen würde jedoch weite Kreise ziehen. So ist die LIC z.B. in vielen Bereichen wirtschaftlich engagiert, etwa im Wohnungsbau, der Strom- und Wasserversorgung, im landwirtschaftlichen Kreditwesen und im öffentlichen Verkehrswesen (Padmanabhan 1994: 111). Dies alles sind Bereiche, die häufig "unwirtschaftlich" sind und die von privaten Investoren wahrscheinlich entweder fallengelassen oder gewinnbringend umstrukturiert werden.

Bislang wurde vor allem die Teilprivatisierung bestehender Staatsunternehmen angesprochen. Eine andere Art der Privatisierung vollzieht sich in der Form, daß bislang dem staatlichen Sektor vorbe­haltene Branchen für private Investoren geöffnet werden. Eine der ersten Privatisierungsmaßnahmen dieser Art betrifft den Energiesektor. Hier wird versucht, ausländische Investoren zu gewinnen, die Aktienanteile neuer Kraftwerke erwerben können. Ihnen wird eine Rendite von 16 Prozent garantiert, die jedoch nach Schätzungen indischer Experten nur erreicht werden kann, wenn sich die Stromtarife mehr als verdoppeln (Sridhar 1994: 119). Eine solche Gewinngarantie stellt nicht nur eine kaum übersehbare Abweichung vom vielgelobten Marktprinzip dar. Die Projekte erscheinen auch aus einem anderen Grund äußerst fragwürdig. Die hohen Kosten fallen vor allem deshalb an, weil die mit dem Kraftwerksbau beauftragten ausländischen Firmen die Projektkosten mehr als doppelt so hoch veranschlagen wie indische (Staats)-Firmen (Ghosh 1994: 14). Während die staatlichen Kraftwerkbauer vergeblich auf Aufträge warten, können ausländische Unternehmen zu überhöhten Preisen auf dem indischen Markt Fuß fassen und lassen sich ihre Gewinne obendrein - auf Kosten der Konsumenten und des Staates - staatlich garantieren (Bidwai 1994: 112).

"Would the opponents of `rent-seeking´ in the Indian economy analyse the rent seeking proclivities of foreign investors in India? Or the absurdity of a free market philosophy which suddenly turns into a philosophy of assured returns for a few favoured groups?" (Ghosh 1994: 15).

Die staatlichen Betriebe stellen allesamt ungeheuere Sachwerte dar. Alle Staatsunternehmen, die unrentablen eingeschlossen, erwirtschafteten unterm Strich immerhin Nettoprofite, d.h. sie trugen zu den Staatseinnahmen bei. Mit der Teilprivatisierung der rentablen Betriebe schafft sich die Regierung lediglich eine kurze Verschnaufpause, weil sie die Einnahmen zur (Teil)Finanzierung ihrer Schuldenverpflichtungen verwenden kann. Mittel- und langfristig werden ihr jedoch die Gewinne dieser Unternehmen fehlen, während die Schulden der in staatlichlicher Hand verbleibenden Betriebe weiterhin die Staatskasse belasten werden, solange sie nicht geschlossen werden.

Viele dieser Unternehmen, gerade im Dienstleistungsbereich, lassen sich angesichts der notwendigen und hohen Infrastrukturinvestitionen und der geringen Kaufkraft der indischen Bevölkerungsmehrheit nicht wirtschaftlich führen, ohne daß dabei die ärmere Bevölkerung noch mehr vom Entwicklungsprozess ausgegrenzt wird als dies ohnehin geschieht. Wenn in nächster Zeit die Privatisierung des Bankensektors ansteht, wird sich diese Problematik erneut stellen. Die Kreditinstitute nehmen Entwicklungsaufgaben wahr, indem sie Kapital für Investitionen zur Verfügung stellen. Wer anmerkt, daß die Banken dieser Aufgabe bislang nur unzureichend nachgekommen sind, vor allem was die Kreditversorgung ärmerer Bevölkerungsfgruppen betrifft, hat sicherlich nicht Unrecht. Wer aber annimmt, unter privatwirtschaftlich geführten Banken würde sich dies verbessern, ist schlichtweg ein Thor.

Die angesprochene Problematik entwickelt sich immer mehr zu einem Teufelskreis, weil die Re­gierung davor zurückschreckt, die Einkommen der (Groß)Industrie, der privilegierten städtischen Mittelschichten und der ländlichen Eliten anzugreifen. So bleibt ihr nicht viel anderes übrig, als ihre "Vorzeigebetriebe" zu Schleuderpreisen zu verkaufen, um wenigstens einen Teil der Finanzierungs­lücke im Haushalt zu stopfen. Ihr Klientel wird weiterhin gehätschelt und kann sich selbst dann vor staatlicher Verfolgung relativ sicher wähnen, wenn die Grenzen der Legalität überschritten werden.

Verschiedene Autoren weisen z. B. darauf hin, daß "Schwarzgeld" in Indien einen nicht unbeträchtlichen Anteil am Volkseinkommen ausmacht. Gupta/Gupta (1982) errechneten z.B., daß zwischen 1967 und 1978 der Anteil von "Schwarzgeld" von 9,5 auf fast 49 Prozent des indischen Bruttosozialproduktes angestiegen ist. Sie führen diesen starken Anstieg auf die hohen Steuersätze zurück, die dazu geführt haben, daß es immer mehr Erwerbstätige in Indien lukrativ finden, ihre tatsächlichen Einkünfte den Finanzbehörden zu verschweigen (Gupta/Gupta 1982).

"Over the years, a number of schemes have been floated to mop up undeclared income. It was estimated that the amount of black money in 1983-84 was anything between Rs 31,000 - Rs 37,000 crore, or between 18 and 21 per cent of the GNP. If the 21 per cent figure still holds good, today's estimates would be around Rs 80,000 - Rs 1,00,000 crore (=800 - 1000 Mrd. Rs, d. Verf.)" (India Today 15.8.1991).

Selbst wenn man diese niedrigere Schätzung zugrunde legt, ist der Wert des sich im Umlauf befindlichen Schwarzgeldes siebenmal höher als das bislang höchste Haushaltsdefizit der Zentralregierung (1990 mit 115 Mrd. Rs; Economic Survey 1993-94: 25).

Es gibt also ein großes Einnahmepotential, das der indische Staat nutzen könnte, um seine Finanzen zu verbessern. Ein konsequenter Kampf gegen Steuerhinterziehung und Schmuggel wäre ein Anfang. Tatsächlich hat der indische Staat recht "ungewöhnliche" Wege eingeschlagen, um "Schwarzgeld", Steuerhinterziehung und (Gold)Schmuggel zu bekämpfen:

Der "Kampf" gegen Steuerhinterziehung findet vor allem in der Form statt, die Steuersätze derart in die Höhe zu schrauben, daß kaum noch eine Privatperson in Indien Einkommenssteuer geschweige denn Vermögenssteuer, bezahlen muß.1 Auch Industriebetriebe können durch die Senkung der Gewerbesteuersätze profitieren. Ihre Abschreibungsmöglichkeiten wurden verbes­sert, und in vielen Fällen werden Betriebe sogar (zeitweise) vollkommen von der Steuerzahlung befreit (tax - holiday), und das, obwohl die Renditen in der indischen Industrie höher sind als im internationalen Durchschnitt (Sau 1994: 938). Der "Kampf" des indischen Staates gegen "Schwarzgeld" besteht vor allem darin, daß Programme eingerichtet werden, die mit mäßigem Erfolg versuchen, das "Schwarzgeld" zur staatlichen Kapitalbildung zu erschließen. Fragen, wo und wie das Geld verdient wurde, werden - staatlich garantiert - nicht gestellt (vgl. India To­day 15.8.1991: 24). Eine ähnliche Strategie schlägt die Regierung bei der "Bekämpfung" des Goldschmuggels mit der bereits erwähnten Liberalisierung der Goldimporte und dem Gold-Bond Scheme ein. Bezeichnend an diesem Programm ist, daß es den Goldschmuggel und die Steuerhinterziehung nicht unterbinden, sondern eher fördern, denn das Gold-Bond Scheme eignet sich hervorragend dafür, "Schwarzgeld" weiß zu waschen (Dandekar 1994: 989).

6.3 Indien und die “Uruguay-Runde” des GATT

Kaum eine Maßnahme auf internationaler Ebene hat in Indien eine ähnlich zwiespältige Reak­tion hervorgerufen, wie die Verhandlungen zur Uruguay-Runde des GATT. Dabei waren es nicht nur die Verhandlungsergebnisse, die in Indien von unterschiedlichen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen extrem unterschiedlich bewertet wurden. Kritisiert wurde vielmehr auch die Arroganz der indischen Regierung, die eine Zustimmung zu den Verhandlungsergebnissen am Parlament vorbei gefällt hatte (Bidwai 1994: 111).

In Indiens gab es viele Gruppen, die sich gegen das GATT-Abkommen ausgesprochen hatten. Ende November 1992 fand in Neu Delhi eine Demonstration mit über 500.000 TeilnehmerInnen statt, die sich gegen Globalisierungstendenzen allgemein und gegen das GATT-Abkommen im besonderen richtete (Morehouse 1993: 60). Im April 1994 kam es in Neu Delhi und anderen Städten zu Massen­kundgebungen gegen die in diesem Monat stattgefundene Unterzeichnung des GATT-Abkommens in Marrakesch/Marokko. Eine Kundgebung in Neu Delhi mit über 250.000 Teilnehmern wurde von der Polizei brutal aufgelöst (Muralidharan 1994: 5). Schon zuvor war es auch zu direkten Protestak­tionen gekommen, z.B. als Ende Dezember 1992 etwa 500 indische Landwirte das Büro des Cargill-Konzerns in Bangalore stürmten (Searle 1994; Otterbein 1993). Sie wollten damit gegen die US-Regierung protestieren, die in den GATT-Verhandlungen, aber auch bilateral, starken Druck auf die indische Regierung ausgeübt hatte.

Die unterschiedlichen Reaktionen in Indien zeigen, daß die GATT-Verhandlungen mehr als einen internationalen Vertrag hervorbrachten, über dessen Folgen in Indien Uneinigkeit herrscht. Sie sind vielmehr Ausdruck eines fundamentalen Wandels in der wirtschaftspolitischen Philosophie Indiens, der bereits mit den Wirtschaftsreformen in Folge der Strukturanpassungskredite durch den Internationalen Währungsfond eingeleitet wurde und der zu einer großen Verunsicherung breiter gesellschaftlicher Bereiche geführt hat. Die Ängste, die dabei übermächtig zu werden scheinen, haben ihre Ursache darin, daß sich gesellschaftliche Gruppen - angefangen von Kleinbauern bis hin zu Teilen der nationalen Industrie - in ihrer Existenz bedroht sehen. Die Blickrichtung indischer Wirtschaftspolitik ist immer mehr auf weit entfernte Märkte im Ausland gerichtet, anstatt die internen Probleme wahrzunehmen und gesellschaftspolitisch verantwortlich darauf zu reagieren.

Die wirtschaftspolitische Richtungsänderung, die durch das GATT-Abkommen und die Struk­turanpassungsprogramme zum Ausdruck kommen, bedeuten für Indien, daß es sich viel stärker als bisher den internationen Handels- und Kapitalströmen öffnen und dadurch verwundbarer gegenüber externen Einflüssen wird. Dies gilt vor allem dann, wenn seine Exportmärkte nicht schnell genug wachsen und es den eingegangenen Verpflichtungen nicht nachkommen kann.

Große Hoffnungen bei den GATT-Verhandlungen hatte Indien deshalb in die Liberalisierung der Landwirtschaft und des Textilbereiches gesetzt. Mit der endgültigen Liberalisierung dieser beiden Sektoren ist das Land jedoch ins nächste Jahrhundert vertröstet worden, während die Rückzahlung aufgenommener ausländischer Kredite bereits erheblich früher akut werden wird.

Indien war 1986 zu Beginn der GATT-Verhandlungen als eine der wichtigsten Sprecherinnen der "Entwicklungsländer" mit dem Anspruch angetreten, ihre Position im GATT zu verbessern. Damit verbunden war eine scharfe Ablehnung der in dieser Verhandlungsrunde erstmals eingebrachten Themen, vor allem der Verhandlungen über Dienstleistungen, handelsrelevante Fragen von geistigen Eigentumsrechten und handelsrelevante Investitionsmaßnahmen. Die Ergebnisse vom Dezember 1993 müssen auch unter diesem Gesichtspunkt als vernichtende Niederlage indischer Positionen angesehen werden, denn in keinem Verhandlungspunkt war es gelungen, gegenüber den Vorstellungen der wichtigen Industriemächte (USA, EG und Japan) die eigenen Positionen durchzusetzen.

6.3.1 Die Ergebnisse im Bereich der Landwirtschaft

Bei der Landwirtschaft konnte ein Abbau der Subventionen nur unzufriedenstellend erreicht werden. Die Industrienationen behalten das Recht, auch weiterhin ihre Landwirtschaft subventionieren zu können. Die Exportsubventionen müssen nicht vollständig beseitigt werden, sondern innerhalb eines Übergangszeitraums von sechs Jahren lediglich um 21 Prozent in der Menge und um 36 Prozent im Wert reduziert werden (AGHUE 1993; Hauser/Schanz 1995; Hein 1994; Langhammer 1994; Spurk-Schäfer 1994). In letzter Minute wurde für die Berechnung der zulässigen Exportsubventionen auch noch der Referenzzeitraum von 1986-90 auf 1992 verschoben. Dadurch kann die EU in den nächsten sechs Jahren zusätzlich acht Mio. Tonnen Getreide, 362.000 Tonnen Rindfleisch und erheblich mehr Milchprodukte und Tabak exportieren. 25 Mio. Tonnen Getreidelagerbestände werden bei den Reduzie­rungen überhaupt nicht berücksichtigt und können dadurch weiterhin exportiert werden (AGHUE 1993; Agrarbericht 1994: 143; Hein 1994). Außerdem wurden genügend Ausnahmeregelungen in das Vertragswerk aufgenommen (Green Box), die heimische Preisstützungen in der Landwirtschaft der Industrienationen auch zukünftig noch ermöglichen. Ob sich der Zugang von Produkten der sog. Entwicklungsländer auf die Märkte der Industrienationen verbessert und gleichzeitig auch die Weltagrarpreise steigen, bleibt abzuwarten. Durch das Blair-House-Abkommen, das in letzter Minute bilateral zwischen den USA und der EG ausgehandelt wurde und einen Handelskrieg zwischen diesen beiden Wirtschaftsmächten gerade noch verhindern konnte, wurde festgelegt, daß nationale Preisstützungsmaßnahmen bis zum Jahr 2000 um 20 Prozent gegenüber der Referenzperiode 1986/88 abgebaut werden müssen.

"Der am Ende des Abbauzeitraums für die EG zulässige Stützungsbetrag von 61 Mrd. ECU ist heute schon unterschritten, so daß diese Verpflichtung für die EG keine Schwierigkeiten mit sich bringt" (Agrarbericht 1994: 143; vgl. Pascher 1994; Spurk-Schäfer 1994).

Ganz vom Abbau ausgenommen sind flächen- und tierzahlbezogene Kompensationszahlungen im Rahmen von Programmen zur Produktionseinschränkung (in der EG) und flächenbezogene Ausgleichszahlungen (in den USA) (Langhammer 1994; Spurk-Schäfer 1994). Stimmen aus den Entwicklungsländern bemerken zurecht, daß so Subventionen weiterhin erlaubt seien, die für Entwicklungsländer nicht relevant sind. Diese befinden sich nämlich nicht in der Situation, bestehende Überproduktionen abbauen, sondern die Nahrungsmittelversorgung ihrer Bevölkerung sicherstellen zu müssen (Menon 1993a: 47).

Bestehende Importbeschränkungen werden in Zölle umgewandelt (Tarifizierung), die im Falle von sog. Entwicklungsländern innerhalb von zehn Jahren um 24 Prozent gesenkt werden müssen. Ein Mindestmarktzugang von 3,33 Prozent des nationalen Verbrauchs1 muß von sog. Entwicklungsländern nach sechs Jahren - bezogen auf die Basisjahre 1986 - 1988 - auf jeden einzelnen Markt eingeräumt werden (Spurk-Schäfer 1994). Für Indien bedeutet dies, daß das Land dann Getreideimporte von über vier Millionen Tonnen gestatten müßte (berechnet nach: Economic Survey 1992-93: S-24).

Die Produktionsbedingungen in der indischen Landwirtschaft dürften allerdings durch die Be­stimmungen des GATT-Vertrages unmittelbar wenig beeinflußt werden. Die inländischen Preis­stützungsmaßnahmen sind gegenwärtig so niedrig, daß sie nicht unter den beschlossenen Sub­ventionsabbau fallen (India Today15.01.1994). Für staatliche Zuschüsse im Zuge von regional orientierten Maßnahmen (z.B. Förderung des Regenfeldbaus, Förderungen in dürregefährdeten Gebieten etc.) bleibt so noch genügend Spielraum, zumal staatliche Subventionen im Rahmen von Programmen zur Förderung der Ländlichen Entwicklung explizit von der Abbaupflicht ausgenommen sind (Hein 1994).

6.3.2 Die Auswirkungen auf das staatliche Nahrungsmittelverteilungssystem (PDS)

Die durch das GATT-Abkommen vereinbarten Regelungen bezüglich Subventionen in der Landwirtschaft werfen die Frage auf, ob das in Indien bestehenden staatliche Verteilungs­system für Nahrungsmittel in seiner bis­herigen Form weiterbestehen kann.

Die Anlage 2 zur Vereinbarung über die Landwirtschaft enthält tatsächlich Bestimmungen, die bei einer strikten Auslegung das Ende des PDS bedeuten würden. Relevant dürfte dabei weni­ger die Bestimmung sein, daß Unterstützungsmaßnahmen nicht in Form von Produ­zentensub­ventionen1 (price support to producers) durchgeführt werden dürfen (MTN/FA II-AIA-3, 1993: 16), sondern Anlaß zur Sorge gibt vielmehr der Abschnitt 3 derselben An­lage, in dem die Bedingungen für staatliche Nahrungsmittelreserven aus Gründen der Nahrungssicherheit ("public stockholding for food security purposes") festgelegt werden.

"Food purchases by the government shall be made at current market prices and sales from food security stocks shall be made at no less than the current domestic market price for the product and quality in ques­tion" (MTN/FA II-AIA-3, 1993: 17).

Da die indische Regierung bei ihrer staatlichen Nahrungsverteilungspolitik weder ihre Nahrungsmittelaufkäufe zu Marktpreisen vornimmt noch die Nahrungsmittel in den Fair Price Shops zu Marktpreisen ausgibt, kann eine strenge Auslegung dieser Bestimmung den Fortbestand des PDS tatsächlich gefährden. Allerdings sieht der Vertragstext in einer Fußnote vor, daß ein staatlich kontrolliertes Verteilungssystem von Nahrungsmitteln, bei dem Nahrungsmittel zu staatlich festgesetzten Preisen bei den Produzenten aufgekauft und an die Konsumenten abgegeben werden, nicht der oben zitierten Bestimmung widerspricht. Durch den Vertragstext festgelegt wird auf jeden Fall, daß sich staatliche Programme zur Nahrungsmittelversorgung an „eindeutigen ernährungswissenschaftlichen Kriterien“ orientieren müssen (MTN/FA II-AIA-3, 1993: 17; vgl. Dubey 1994: 29f.). Daraus kann abgeleitet werden, daß die indische Regierung zukünftig das staatliche Verteilungssystem von Nahrungsmitteln eindeutiger zielgruppenorientiert gestalten muß. Aus dem bloßen Vertragstext kann eine generelle Unvereinbarkeit zwischen den Bestimmungen des GATT und dem staatlichen Nahrungsverteilungssystem in Indien nicht abgeleitet werden, jedenfalls nicht im dem Sinne, daß es für bedürftige Gruppen ein solches System nicht auch weiterhin geben könne (Adiseshiah 1994).

Allerdings muß man sich nochmals die möglichen Folgen einer Liberalisierung der Landwirtschaft ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn tatsächlich - wie von den Befürwortern der Liberalisierung immer wieder angeführt - die Weltagrarpreise kräftig ansteigen werden, dann ist zu erwarten, daß die indische Regierung nur schwerlich in der Lage sein dürfte, Getreidereserven in einer Größenordnung von über 10 Millionen Tonnen einzulagern. Nicht, weil dies den Bestimmungen des GATT widersprechen würde, sondern weil wegen der geringen Kaufkraft in Indien die Warenströme für landwirtschaftliche Produkte auf den Weltmarkt hin umgelenkt würden, zumal durch andere Bestimmungen des GATT, aber auch durch die im Zuge der Strukturanpassung durchgeführten Handelsreformen, der Nahrungsmittelexport dereguliert wurde.

"In a drought year, as in 1987-88, there was a distinct increase in the quantity of foodgrains distributed, almost emptying foodgrain silos. In fact, the present buffer stocks are good enough to last only a season or two if a severe drought strikes India" (Sharma 1994: 175f).

Vor allem im Bereich der Nahrungssicherheit zeigt sich, wie GATT und der Exportdruck - ausgelöst durch das 1991 begonnene Strukturanpassungsprogramm - sich gegenseitig verstärken. Um seine Auslandsschulden bezahlen zu können, muß sich Indien auf jene Exportbereiche konzentrieren, die einen geringen Importbedarf haben. Dies sind vor allem Agrar- und Meeresprodukte und andere Rohstoffe. Durch steigende Preise auf dem Weltmarkt für diese Produkte, aber auch durch den Wegfall staatlicher Exportkontrollen, werden Veränderungen der Handelsströme begünstigt. Gleichzeitig geht aber das Binnenangebot an Nahrungsmitteln zurück und kann in Dürrejahren zu einer akuten Mangelsituation führen, wenn die Getreidespeicher der indischen Regierung nicht auf einem ausreichenden Stand gehalten werden.1

6.3.3 Die Regelung im Bereich handelsrelevanter Aspekte des Schutzes geistigen Eigentums

Durch die vom GATT geregelten Urheberrechtsbestimmungen muß Indien sein Patentrecht ändern, das bei seiner Verabschiedung 1970 von der UNCTAD noch als Modellgesetz für andere Entwicklungsländer angesehen wurde. Dieses Gesetz gewährleistet zwar einen weitreichenden Patentschutz, wird jedoch in wichtigen Bereichen den GATT-Bestimmungen und den US-amerikanischen Erwartungen nicht gerecht. Erstens kennt das indische Patentrecht bei pharmazeutischen und chemischen Produkten sowie bei Nahrungsmitteln kein Produktpatent, sondern patentierbar ist lediglich ein bestimmter Produktionsprozess (Abrol 1991;1992; Chandrasekhar 1994; Keayla 1994; ). Vor allem die indische Pharmaindustrie konnte durch diese Art des Patentrechts bislang profitieren. Medikamente, die nach einem anderen Herstellungsverfahren produziert wurden, sich ansonsten aber nicht von denen der westlichen Produzenten unterschieden, konnten dadurch sehr billig in Umlauf gebracht werden (Sen 1991: 102). In der Regel war es der indischen Pharmaindustrie möglich, für ein neues ausländisches Medikament innerhalb von 1-6 Jahren ein modifiziertes Herstellungsverfahren zu entwickeln und auf dem indischen Markt einzuführen (Keayla 1994; Sridhar 1991). Ähnliches gilt auch für die Herstellung von Pflanzenschutzmitteln (Abrol 1991).

Zweitens konnte die indische Regierung nach Ablauf von drei Jahren den Patentschutz aufheben, wenn der Patentinhaber sein Produkt der Allgemeinheit nicht zu einem angemessenen zur Verfügung stellte oder die Belange der Allgemeinheit andersweitig verletzte (Keayla 1994).2

Mit Abschluß der GATT-Verhandlungen verpflichtet sich Indien, sein Patentgesetz innerhalb von fünf Jahren dem Standard der Industrienationen anzupassen (Langhammer 1994: 10). Für die Wirtschaft des Landes werden aus dieser Regelung weitreichende Veränderungen in drei Bereichen erwartet: (a) bei der Versorgung der Landwirtschaft mit Hochertragssaatgut, (b) bei der preisgünstigen Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten und (c) durch die Patentierbarkeit von Lebensformen, die es im indischen Patentrecht bislang nicht gegeben hatte. Durch die letztgenannte Veränderung sind Landwirtschaft und chemisch-pharmazeutische Industrie gleichermaßen betroffen.

6.3.3.1 Geistiges Eigentum und Landwirtschaft

Mit der Umsetzung des GATT-Abkommens sind vor allem jene Landwirte bedroht, die „modernes“ Saatgut verwenden. So dürfen neue Saatsorten nur noch dann von Fremdzüch­tern vermehrt und verkauft werden, wenn diese an die Hersteller Lizenzgebühren bezahlen (Goswami 1994). In den USA - wo solche strengeren Vorschriften bereits seit einiger Zeit in Kraft sind - hat dies z.B. zu einer Verdopplung der Preise für Maissaaten innerhalb kurzer Zeit geführt (Menon 1993a: 47).

Wie die Landwirte sehen auch die mit der Entwicklung verbesserter Nutzpflanzen betrau­ten Forschungseinrichtungen schweren Zeiten entgegen. So weist z.B. K.S. Gill, Vizeprä­sident der Punjab Agricultural University, darauf hin, daß der kostenlose Austausch von Saatgut die in­ternationalen Bemühungen bei der Züchtung von Hochertragssorten erst er­möglicht hatte (Goswami 1994: 6). Kritiker der schärferen Urheberrechtsbestimmungen sehen auch die Gefahr, daß viele der kleineren Saatgutproduzenten in Indien verschwinden werden, weil sie nun hohe Lizenzgebühren für die Verbreitung von Saatgut bezahlen müssen, das in den Labors der großen multinationalen Unternehmen entwickelt wurde. Ihnen bleibt höchstens noch, ihren eigenen Forschungs- und Entwicklungsbereich erheblich aus­zuweiten, wozu viele dieser Be­triebe mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in der Lage sein werden (Menon 1993a: 47).

Durch die strengeren Patentrechtsbestimmungen in der Pflanzenzucht erhalten Multinatio­nale Unternehmen einen riesigen Machtzuwachs. So hat sich z.B. der US-amerikanische Konzern Agracetus das Herstellungsverfahren für eine Baumwollsorte patentieren lassen, bei der das Erbgut so verändert wurde, daß die Sorte gegen die häufigsten Baumwoll­schädlinge resistent ist. Jede Weiterentwicklung dieser Sorte ist ebenfalls durch das Patent geschützt, weil sie darauf beruht, daß die genetisch veränderte Sorte das Ausgangsprodukt einer Weiterentwicklung ist. Im Grunde genommen ist damit keine Technologie, sondern eine Lebensform urheberrechtlich geschützt. Als die indische Regierung das Saatgut des amerikanischen Herstellers in einheimi­sche Sorten einkreuzen wollte, sollte sie an den amerikanischen Patentinhaber 16 Millionen US-Dollar bezahlen, nur damit mit der neuen Sorte wissenschaftliche Versuche unter­nommen werden könnten. Eine komerzielle Verbreitung jener Saaten, die aus diesen Ver­suchen entwickelt würden, war durch diese Zahlung noch nicht einmal abgedeckt (Roychowdhury 1994).

Die indische Regierung sieht diesen Auswirkungen des GATT-Abkommens eher gelassen ent­gegen. Sie sieht im Bereich der Pflanzenzüchtung sogar Vorteile auf indischer Seite. So ver­weist C.R. Bhatia vom Department of Biotechnology darauf, daß Indien durchaus die Befähi­gung habe, zu einem wichtigen Exporteur von Hyprid-Saatgut heranzuwachsen (Goswami 1994: 5). Argumentative Unterstützung erhält die Regierung dabei teilweise von wissenschaftli­cher Seite, so etwa von M.S. Swaminathan, der ebenfalls ein sehr großes Potential genetischer Vielfalt und biotechnologischer Fähigkeiten in Indien zu erkennen glaubt (Goswami 1994: 8). Von wissenschaftlicher Seite wird deshalb der indischen Regierung vorgeschlagen, sie solle umgehend die gesetzlichen Rahmenbedingungen schaf­fen, die zum Aufbau einer florierenden Saatgutindustrie notwendig sind. Dadurch solle verhindert werden, daß sich Saatguthersteller aus den Industriestaaten weiterhin kostenlos mit Genmaterial aus Indien eindecken können. Eine solch pragmatische Einstellung hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß es sich Indien nicht leisten kann, einfach zuzusehen, wie von ausländischen Unternehmen die Pa­tentierung und Kommerzialisierung von Le­bensformen vorangetrieben wird. Die Gefahr, dadurch in der Nahrungsmittelproduktion vollkommen von multinationalen Saatgutherstel­lern abhängig zu werden, wird in Indien sehr hoch eingeschätzt. Gerade in Ländern, die keine solch ausgeprägte For­schungsstruktur im agrarwissenschaft­lichen Bereich vorweisen können wie etwa Indien, wird sich Kom­merzialisierung von Lebensformen jedoch weit­aus negativer auswirken.

Durch die Bestimmungen hinsichtlich „handelsrelevanter Aspekte geistiger Eigentums­rechte“ wird also befürchtet, daß sich ausländische Konzerne die Verwertungsrechte an einheimischen Pflanzen sichern könnten. Bereits seit Jahrhunderten nimmt in Indien z.B. der Neem-Baum (Azadirchta Indica) eine herausragende Rolle bei traditionellen Formen der Schädlingsbekämp­fung und in den unter­schied­­lichen traditionellen Medizinsystemen ein (Menon/Bagla 1993; Khanna 1992; Venkataramani 1993). Dieses tradi­tionelle Wissen wird seit einigen Jahren auch immer häufiger von ausländischen Chemie­konzernen entdeckt, die - anders als die einheimischen Nutznießer des Neembaumes - mit der Patentierung von Neem-Produkten be­gonnen haben (Khanna/Warrier 1992; Menon 1993bcd, 1994; Sahai 1994a, 1994b; Sharma 1994; Shiva 1994). Da die Schädlingsbekämpfungsmittel, die aus dem Neem-Baum gewonnen werden können, in hohem Maße umweltverträglich sind, stoßen sie in den westlichen Industrienationen auf einen stark expandierenden Markt. So bringen in den USA in­zwischen auf Neem beru­hende Pestizide einen jährlichen Umsatz von etwa 400 Millionen Dollar ein. Sie sind durch mehr als 40 US-Patente geschützt (Ebbers 1994: 53). Für die indi­sche Pharma- und Kosmetikindustrie, die Neem-Produkte bereits seit über 40 Jahren kommer­ziell ver­treibt, ergibt sich durch das GATT-Abkommen eine vollkommen neue Situation. Wird im indischen Patentrecht ein Produktpatent eingeführt, dann dürfen die indischen Hersteller diese Produkte nicht mehr ohne eine Lizenz aus den USA produzieren und vertreiben (Sahai 1994a, 1994b: 49; Sen 1991: 102).

Es wird auch befürchtet, daß die Patentierung langfristig die freie und unbeschränkte Nut­zung des Baumes durch lokale Gemeinschaften verhindern wird. Da die Patentrechtsinha­ber in den USA ihre Produkte nur herstellen können, wenn sie ausreichend mit dem tropischen Rohstoff Neem beliefert werden, haben sich schon seit einiger Zeit die Warenströme vom inländischen auf den internationalen Markt zu verlagern begonnen. Seit 1975 ver­zehnfachten sich die Preise für Neem-Samen (Menon 1993d: 80) Für die lokale Bevölke­rung wird es immer schwieriger, Samen oder Blätter des Baumes zu kaufen. Vielfach sind sie schon ganz von den lokalen Märk­ten verschwunden (Ebbers 1994: 54).

6.3.3.2 Die Auswirkungen auf den Gesundheitsbereich

Noch gehören die Medikamentenpreise in Indien zu den niedrigsten der Welt. Dies liegt nicht zuletzt am indischen Patentrecht (Abrol 1994; Rao 1994). Mit der notwendigen Reformie­rung des indischen Patentrechts ist zu erwarten, daß die Medikamentenpreise stark ansteigen werden, wie Vertreter der indischen Pharmaindustrie zu bedenken geben. Statt 30 Prozent der Bevölkerung hätten dann aller Voraussicht nach nur noch etwa 10 Prozent einen Zugang zum modernen Gesundheitssystem. (Morehouse 1993: 60).1

Bei einem vom lateinamerikanischen und indischem Verband der Arzneimittelhersteller in Neu-Delhi veranstalteteten Treffen hatten schon vor Abschluß der Uruguay-Runde Spre­cher beider Verbände auch davor gewarnt, daß durch das voraussichtliche Verhandlungs­ergebnis im Be­reich des Schutzes geistigen Eigentums die lokalen Pharmaunternehmen vom Markt gedrängt werden. Der dem US-Patentrecht folgende Vertragsentwurf, der der privaten Verfügungsgewalt zulasten der allgemeinen Gesundheitsversorgung Vorrang ein­räume, führe neben der Verteue­rung der Präparate zur Monopolbildung auf dem Pharma­markt. Das indische Patentrecht hat die Pharmaindustrie des Landes mit einem Jahresum­satz von 1,2 Mrd. Dollar zu einer der dy­namischsten Branchen der Region werden lassen (epd-Entwicklungspolitik, 18/1993). Mit der Umstellung vom Herstellungs- zum Produktpatent wird es indischen Firmen nicht mehr möglich sein, patentrechtlich geschützte Medikamente herzustellen, ohne dafür hohe Lizenzgebühren zu zahlen. Ein verändertes Pa­tentrecht wird sich allerdings nur für neuentwic­kelte Arzneimittel auswirken und die Preise für bereits auf dem Markt eingeführte Medikamente nicht beeinflussen. Es ist dennoch davon auszugehen, daß durch ein GATT-konformes Pa­tentrecht mittelfristig die Kosten für Medika­mente in Indien stark ansteigen werden. Gerade Medikamente gegen Infektionskrankheiten und Impfstoffe müssen ständig weiterentwickelt und verändert werden, weil die Krankheitser­reger schnell Resistenzen entwickeln und die Medika­mente dagegen wirkungslos werden (Keayla 1994).

6.3.4 Die Ergebnisse im Textilbereich

Neben dem Agrarbereich setzte Indien seine größten Hoffnungen auf die Verhandlungen über den Textilhandel. Schon während der Verhandlungen wurde von der indischen Regie­rung ein Erfolg von den Ergebnissen in diesem Sektor abhängig gemacht. Die indische Verhandlungsde­legation strebte eine Beendigung des Multifaserabkommens bis zum 31. Juli 1996 an (Hurewitz 1993: 320f.). Im Schlußdokument konnte lediglich erreicht werden, daß das Multifaserabkommen zehn Jahre nach Inkrafttreten des GATT-Abkom­mens (1. Januar 1995) auslaufen wird. Am Tag vor dem Verhand­lungs­ende konnte ein gemeinsamer Schulterschluß von Indien und Pakistan verhindern, daß die Frist auf 13 Jahre verlängert wurde. Die USA hat­ten dies für den Fall gefordert, daß Indien nicht seinen Markt für US-amerikanische Textilien öffnen würde (Abraham 1994b: 35; vgl. Abraham 1994a).

Erst zum 1. Januar 2005 wird der Textilbereich vollständig in das GATT-Vertragswerk einbe­zogen (Hauser/Schanz 1995: 158, 163). Für weitere acht Jahre, d.h. bis zum Jahre 2013, können Vertrags­staaten Bestimmungen zum Schutz der inländischen Industrie gegen Länder - darunter auch Indien - erlassen, die einen Importanteil von über drei Prozent haben (Madden/Madeley 1994: 92). Die im Multifaserabkommen festgeschriebenen Quoten müssen innerhalb zehn Jahren schritt­weise abgebaut werden, wobei in den ersten neun Jahren 51 Prozent der mengen­mäßigen Be­schränkungen wegfallen müssen und im zehnten Jahr die restlichen 49 Prozent (India To­day 15.01.1994: 42). Bevor das Multi­faserabkommen endgültig ausläuft, werden jedes Jahr die Importquoten der verschiedenen Länder ausgehandelt. Zuvor müssen allerdings die sog. Entwicklungsländer ihre Einfuhrzölle für 17 Textil- und Bekleidungs­produkte auf 40 Prozent reduzieren. Für Indien bedeutet dies eine sofortige Zoll­senkung um 45 Prozent. Handelsminister Muh­kerjee betonte am 2. Januar 1994 in einem Radioin­terview, er wolle diese bilateralen Verhandlungen im Rahmen des Multifaserabkommens dazu nutzen, um für indische Textilien einen besseren Zugang auf den US-amerikanischen Markt zu erhalten (Chowdhry/Aggarwal 1994). Es ist allerdings mehr als fraglich, ob das gelingen kann. Bereits im Sommer 1994 sollte sich zeigen, daß die USA noch nicht einmal bereit sind, Produkte auf ihrem Markt zuzulassen, die vom Multifaserabkommen ausdrücklich von Quotenbeschränkungen ausge­nommen sind, wie etwa handwerkliche Textil- und Be­kleidungswaren der traditionellen Volkskunst (Deutscher Bundestag, Drucksache 12/7986, 1994).

Im August 1994 verbot die amerikanische Verbraucherschutzkommission (U.S. Consumer Pro­duct Safety Commission (CPSC)) den Verkauf eines traditionellen Damenbeklei­dungsstüc­kes aus Indien (ghaghara), verpflichetete die Einzelhändler zu einer großange­legten Rückru­faktion und warnte die Konsumentinnen davor, diesen Damenrock zu tragen. Grund für diese Maßnahmen war, daß nach Ansicht der CPSC von diesem Kleidungsstück eine erhebliche Be­drohung der Kon­sumentinnen ausging, da es neben Baumwolle zum (geringeren) Teil aus Rayon (Kunstseide) gefertigt und deshalb in hohem Maße entflamm­bar sei. Bereits zuvor hatte der amerikanische Zoll versucht, den Import dieses Produktes zu verhindern, da es mit einem Gummiband ausge­stattet sei und daher keine „traditionelles“ Produkt sei (Chandrasekhar 1994). Nach genauer Durchsicht der Verfahrensvorschriften mußte der Zoll allerdings zugestehen, daß dies kein Grund zum Einfuhrverbot war.

"The ghaghra, which obviously caught the fancy of the American consumer as an exotic substitute for the "long skirt", had in recent months turned a bestseller in leading American supermarkets. As a re­sult, trade sources claim that exports of the item during the first five months of 1994-95 are more than its cumulated exports during the previous two financial years" (Chandrasekhar 1994: 96).

Nicht Sicherheitsbedenken1 führten zum Verkaufsverbot dieses Produktes, sondern die ein­heimische Textilindustrie sollte vor einem ausländischen Produkt ge­schützt werden. Diese kurze Episode läßt erahnen, was geschehen wird, wenn tatsächlich nach Auslaufen des Multifaserab­kommens Textilien auf den amerikanischen Markt drän­gen, die eine ungleich größere Bedeu­tung haben als ein Rock indischer Stammesvölker. Die Industrienationen, die bereits seit den 70er Jahren große Phantasie bei der Errichtung „nichttarifärer Handelshemmnisse“ entwickel­ten, dürften auch weiterhin Mittel und Wege finden, ihre Märkte im Bedarfsfall erfolgreich ab­zuschotten.

6.3.5 Die Ergebnisse bei den handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen (TRIMS)

Durch die Ergebnisse der Uruguay-Runde werden staatliche Kontrollen über Transnatio­nale Unter­nehmen erheblich erschwert. Bestimmungen, wonach bestimmte Vorprodukte von indi­schen Unter­nehmen erworben werden müssen oder auch, daß bestimmte Produktionsanlagen ausschließlich für den Export produzieren dürfen, werden damit hinfällig. Für die Produktionsbedingungen von Unter­nehmen, die global engagiert sind, bringt diese Be­stimmung erhebliche Verbesserungen mit sich. Sie ist geradezu Voraussetzung einer globalen Produktion, in der unterschiedliche Fertigungsstufen eines Produktes in vielen Ländern herge­stellt werden. Gleichzeitig muß damit die indische Regierung ihren Markt auch für Unterneh­men öffnen, die bislang ausschließlich für den Export wirtschafteten. Der Schutz der einheimi­schen Industrie durch diese Bestimmung wird dadurch vollständig abgebaut. Diese Erosion setzte bereits durch das Strukturanpassungspro­gramm ein und ist durchaus auch im Sinne der indischen Regierung, die die Wirtschaft technologisch modernisieren will. Ohne solche Bestim­mungen würden sich kaum Unternehmen finden, die bereit wären, in Indien zu investieren.

6.3.6 Die Ergebnisse im Bereich des Dienstleistungshandels

Zum ersten Mal wird der Handel mit Dienstleistungen in das GATT-Vertragswerk einge­bracht, wobei allerdings die getroffenen Bestimmungen weit hinter den Erwartungen der USA zurück­bleiben. Vor allem in den Bereichen finanzieller Dienstleistungen (Banken und Versicherun­gen), Telekommuni­kation und Mobilität von Arbeitskräften müssen kon­krete Bestimmungen erst noch in weiteren Verhandlungen erarbeitet werden. Darin einen indischen Verhandlungser­folg zu sehen, wäre allerdings übertrieben, denn die indische Verhandlungsdelegation konnte nicht durchsetzen, daß die freie Mobi­lität von Arbeitskräf­ten in die Bestimmungen aufgenom­men wurde (Abraham 1994; Shukla 1994).

Gerade im Computersoftwarebereich sieht Indien Möglichkeiten, seine Deviseneinnahmen durch die Entsendung von Programmierern zu verbessern. Nach den Aussagen von Han­dels­minister Mukherjee könnten innerhalb von fünf Jahren mindestens 5 Milliarden US-Dollar auf diese Weise verdient werden (Aggarwal 1994: 180).

Auch die Bereitschaft Indiens, seinen Banken- und Versicherungssektor für ausländische Investoren zu öffnen, konnte die Industrienationen zu keinen Zugeständnissen in Fragen der Ar­beitskräftemobilität bewegen (Abraham 1994: 35). Freilich war dieses Ange­bot im Grunde genommen gar keines, denn die vorgeschlagenen Bereiche hatte Indien be­reits im Zuge der Strukturanpassung geöffnet und sich dadurch um die Gelegenheit ge­bracht, diese Bereiche beim GATT als ernstzunehmende Verhandlungsmasse einbringen zu können. Auch die im GATT beschlossene Öffnung des Tourismussektors hatte die indi­sche Regierung bereits durch ihr Strukturanpassungsprogramm vorweggenommen.

6.4 Zusammenfassung: Wirtschaftliche Herausforderungen der 90er Jahre

Zwei Aspekte haben die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Indien in den 90er Jah­ren besonders stark beeinflußt: die Auslandsverschuldung des Landes und der be­schränkte Zu­gang indischer Produkte auf die Märkte der Industrienationen. Duch Struk­turanpassung und Veränderungen in der Welthandelsordnung durch die Achte Verhand­lungsrunde des GATT sollten diese wirtschaftlichen Deformationen abgebaut werden.

Die Interessen des Staates sind dabei folgende: Indiens Auslandsverschuldung kann nur redu­ziert werden, wenn die Exporte erheblich gesteigert werden können und wenn ausländisches Kapital verstärkt nach Indien fließt. Gegenwärtig beträgt die Auslandsver­schuldung Indiens etwa 90 Mrd. US-Dollar. Eine Begleichung dieser Schulden wird nur möglich sein, wenn das Land sein Exportvolumen erheblich aus­weiten kann. Die Struk­turanpassung bindet Indien stär­ker an das globale Wirtschaftssystem an. Sie macht Indien durch die Abwertung seiner Wäh­rung auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger, erlaubt aber auch - durch die Abschaffung bzw. Verringerung des Außenschutzes - einen verbesserten Zugang für ausländisches Kapital und ausländische Produkte auf den indischen Markt. Mit der neuen Welthandels­ordnung (GATT) wird ein verbesserter Zugang indischer Produkte auf die Märkte der Industrienationen mittelfri­stig in Aussicht gestellt.

Das Interesse der indischen (Groß)Industrie an der Globalisierung besteht darin, die Stagnation der Binnennachfrage durch die Ausweitung der Exportnachfrage zu über­winden. Anstatt die Binnennach­frage durch Erhöhung der Löhne zu stärken, soll die Exportfähigkeit durch Verringerung der Löhne verbessert werden. Die außenhandelsrelevanten Aspekte der Strukturanpassungspolitik und auch die neue Welthandelsordnung sind daher prinzipiell in ihrem Interesse. Die bin­nenwirtschaftlichen Aspekte der Strukturanpassung ebenfalls, da sie die Bedingungen der Kapitalakkumulation weiter verbessern.

Für die ausländischen Unternehmen entsteht durch die Maßnahmen der Strukturanpassung und die neue Welthandelsordnung ein bedeutender Markt. Sie können ihre Produkte in Indien selbst produzieren, bei Produktionskosten, die erheblich unter jenen in den Industrienationen liegen. Sie können diese Produkte auch auf dem indischen Markt oder anderen Märkten absetzen und so die komparativen Kostenvorteile Indiens bei internationalen Geschäften nutzen.

Durch die Ergebnisse der GATT-Verhandlungen wird dem ausländischen Kapital ein Markt­segment geöffnet, das bislang weitgehend abgeschottet war: der Dienstleistungsbe­reich. Auch wenn diese Öffnung bislang nicht umfas­send ist, wurden wichtige Bereiche bereits im Zuge des Strukturanpassungsprogramms liberalisiert, bzw. stehen kurz davor.

Den Interessen von Staat, privater nationaler Industrie und ausländischen Investoren stehen auch vielerlei Befürchtungen entgegen. Selbst wenn der indische Staat einer arbeitsintensi­ven Wirt­schaftsentwicklung gerne Vorrang geben würde, wird dies durch die eingeschla­gene Au­ßen­orient­ierung oftmals un­möglich. Dies verträgt sich deshalb nicht mit der Ab­sicht, global ori­entiert zu produzieren, weil bestimmte Stand­ards eingehalten werden müssen, die von der tech­nologischen Entwicklung in den Industrienationen vorgege­ben werden. Weiterhin tut sich der indische Staat schwer, die Kontrolle über bestimmte Wirtschaftsbereiche abzugeben. Hier muß vor allem der Dienstleistungsbereich genannt werden. Durch die (staatlich kontrollierten) Banken konnten bislang Entwicklungsaktivitäten gesteuert werden, etwa dadurch, daß landwirtschaftliche Kredite subvent­ioniert oder be­stimmte Wirtschaftsbereiche (priority industries) vorrangig mit Krediten versorgt wurden. Über die Banken konnten auch gesellschaftliche Gruppen politisch gewonnen werden, etwa dadurch, daß der Staat auf die Rückzahlung landwirtschaftlicher Kredite verzichtete. Ein privates Bankensystem, in dem u.U. ausländische Investoren starken Einfluß haben, nimmt dem Staat diese Möglichkeiten. Mit einer stärkeren Anbindung des indi­schen Finanzsek­tors an das globale Finanz­system wird dieses auch verwundbarer gegen­über Entwicklun­gen auf Finanzmärkten außerhalb Indiens.

Die klein- und mittelständischen Unternehmen in Indien sehen der Globalisierung eben­falls mit gemischten Gefühlen entgegen. Diese hatten bereits in den 80er Jahre große Schwierigkeiten, sich gegenüber der indischen Großindustrie zu behaup­ten. Ihr Kapital­stock ist äußerst gering. Fast eine viertel Million dieser Unternehmen sind hoch verschul­det. Nun werden sie oftmals zusätzlich zu ausländischen Produzenten in Konkurrenz treten müssen, wobei sich die Bedin­gungen zu ihren Ungunsten auch dadurch verändern, daß staatlicher Schutz (z.B. subventio­nierte Kredite für small-scale industries) abgebaut wird.

Ausländische Investoren sind nach wie vor unsicher, ob die Reformmaßnahmen von dau­erhaf­ter Natur snd oder ob nicht etwa gesellschaftliche Konflikte das Investitionsklima „verderben“ könnten. Sie zögern deshalb, Investitionen in Indien vorzunehmen und werden durch Ereignisse wie z.B. die Agi­tationen fundamentalistischer Hindus in er­höhte Wachsamkeit versetzt. Ausschlaggebend für die bislang hinter den Erwartungen der indischen Regierung zu­rückbleibenden Investitionen ausländischer Unter­neh­men dürfte jedoch der Minderheitenstatus der indischen Regierung sein. Sowohl links als auch rechts von ihr stehen zwei mächtige Par­teiblöcke, die die Globalisierung vehement ablehnen. Es ist bislang un­ge­wiß, ob durch die Bun­destagswahlen, die spätestens 1996 stattfinden werden, nicht Parteien an die Re­gierung kom­men, die andere Prioritäten setzen, zumal popu­listische Politiken - wie z.B. die Land­tags­wah­len in Andhra Pradesh 1994 zeig­ten - weiterhin auf dem Vormarsch sind (Ilaiah 1995; Muralidharan 1995).

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Wirtschaftsreformen sind vielfältig. Konsumen­ten langleb­iger Konsumartikel werden diese billiger und in besserer Qualität kaufen können. Durch die starke Senkung der direkten Steuern wird zusätzlich Kaufkraft geschaffen, allerdings nur bei Gruppen, die bislang direkte Steuern bezahlten. Andere Gruppen - d.h. die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung - werden unter den Maßnahmen zu leiden haben, wenn­gleich unterschiedlich stark. Selbst wenn die indische Wirtschaft durch die Strukturanpassung einen starken Wachstumsimpuls erhalten sollte, wird dieses Wachstum die Beschäftigungssitua­tion nicht verbessern. Jene Menschen, die weiterhin im organisierten Wirtschaftsbereich tätig sind, werden einen Reallohnverlust hinnehmen müssen. Ungewiß sind die Effekte für die landwirtschaftlichen Erzeuger. Die Streichung von Subvent­ionen wird durch die Erhöhung der Erzeugerpreise z.T. ausgeglichen. Hierdurch werden jene Pro­duzenten begünstigt, die einen hohen Marktanteil aufweisen. Für alle anderen, d.h. für die land­losen Gruppen, aber auch für jene Produzenten, die Nahrungsmittel zukaufen müssen, werden sich die Preise für Nahrungsmittel stark erhöhen. Sollte sich die indische Regierung entscheiden, die Ober­grenzen für Land­besitz abzuschaf­fen, wie dies z.B. von der Weltbank vorgeschlagen wird (Braßel 1994: 55f), wird dies zu einer weiteren Konzentrierung von Landbesitz führen. Entwicklungen, wie sie seit Jahrzehnten im Fischereisek­tor beobachtet werden können, würden dann auch im landwirtschaftlichen Bereich stattfinden.

Der Staat wird es schwer haben, auf diese Veränderungen gesellschaftlich adäquat zu rea­gieren. Will er diese wirtschaftliche Entwicklung fördern, wird er auch weiterhin Gruppen begünstigen müssen, die als Konsumenten in Frage kommen. Soziale Disparitäten werden sich weiter ver­schärfen. Selbst wenn sich in den nächsten Jahrzehnten nochmals 200 Mil­lionen Menschen in die Reihe der heute etwa 200 Millionen Menschen umfassenden Mit­telschicht hinzugesellen, wird weiterhin mehr als die Hälfte der Bewohner Indiens von dieser Entwicklung ausgeklam­mert sein. Die dann möglicherweise 400 Millionen Men­schen fassende Mittelschicht bietet je­doch eine solide Grundlage, Indien wirtschaftlich voranzubringen, weil der Nachholbedarf die­ser Menschen ungeheuer ist.

Im folgenden Kapitel soll ein Rohstoffbereich untersucht werden, der bislang eine Son­derstel­lung im Welthandel einnahm: der Handel mit hochwertigen Meeresprodukten, vor allem Garne­len. Für diese Produkte gab es in der Vergangenheit kaum Zugangsbeschrän­kungen auf die Märkte der Industrienationen, und die Weltmarktpreise waren auch immer sehr hoch. Nicht zuletzt deswegen werden Garnelen häufig als pink gold bezeichnet.

Beim Handel mit diesen Meeresprodukten besteht also schon seit Jahrzehnten ein Zustand, der für Agrarprodukte durch die neue Welthandelsordnung erst noch erreicht werden soll. Es wird deshalb in diesem Zusammenhang zu prüfen sein, ob sich für die in der Meeresfischerei be­schäftigten Menschen und für die Konsumenten von Fisch dieser Zustand positiv auswirken konnte, so daß ähnliches auch für den landwirtschaftlichen Sektor vorausgesagt werden kann.

7 Der Wandel in der Weltfischerei und seine Auswirkungen auf Indien.

Bei der Betrachtung der Politischen Ökonomie Indiens galt das Hauptaugenmerk der land­wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung und den Machtgruppen, die diese be­stimmen. Im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit hingegen wird eine Gemeinde un­tersucht, die ursprünglich ein reines Fischerdorf war und in der auch heute noch die Mehr­zahl der berufs­tätigen Menschen eng mit der Fischerei verbunden sind. Diese Menschen sind von den Ent­wicklungen im landwirtschaftlichen Sektor vor allem als Konsumenten betroffen, da sie - mit Ausnahme von Fisch - nahezu alle anderen Nahrungsmittel über den Markt beziehen. Die industrielle Entwicklung auf der anderen Seite bestimmt u.a. die Möglichkeiten dieser in Madras lebenden Menschen, eine Beschäftigung außerhalb der Fischerei finden zu können.

Mit der Analyse der Fischereipolitik in Indien kommt nun eine weitere Perspektive hinzu: die der Angebotsseite. Hier sollen Entwicklungen aufgezeigt werden, die das Leben von Fischern als „Produzenten“ bestimmen. Im empirischen Teil der Arbeit werden dann diese beiden Be­reiche (Nachfrage- und Angebotsseite) zusammengeführt sowie weitere Aspekte der gesellschaftlichen Struktur Indiens in ihrer lokalen Dimension aufge­zeigt.

Für Indien ist der Export von Garnelen und anderen Fischereiprodukten eine wichtige De­vi­senquelle. Dies hängt damit zusammen, daß die Weltmarktpreise für Garne­len sehr hoch sind und kaum Beschränkungen beim Zugang auf die Märkte der Industrienationen bestehen.1

7.1 Die Entwicklung des Weltfischfangs

Zwischen 1951 und 1991 nahm der Weltfischfang von 23 auf über 96 Mio. Tonnen zu. Diese gewaltige Zunahme bei den Fischanlandungen führte in den 50er und 60er Jahren zu der An­nahme, daß die Meere unerschöpflich Reservoire seien, die zur Ernährung der ständig an­wachsenden Weltbevölkerung herangezogen werden könnten.2 Erst als ab den frühen siebzi­ger Jahre erste Anzeichen einer übermäßigen Ausbeutung der Fischbestände deutlich wurden, zeigte sich, daß diese Annahmen bei weitem zu optimistisch waren.

So nahmen die Sardellen-Fänge vor der Küste Perus 1972 innerhalb eines Jahres von 10.2 Mio. Tonnen auf 4.4 Mio. Tonnen ab (vgl. FAO 1975). 1983 wurden dort gerade noch 100.000 Tonnen Sardellen gefangen (WRI 1986: 358). Betrug der Heringfang in der Nord­see 1968 noch 850.141 Tonnen, so waren es 1977 gerade 44.189 Tonnen (Kroiß 1983: 307). Die FAO kommt bereits zu Beginn der 80er Jahre zu der Einschätzung, daß viele traditionelle Fanggebiete „überfischt“ seien. Bereits zu Beginn der achtziger Jahre waren weltweit elf der großen ozeanischen Fischvorkommen (sechs im Atlantik, fünf im Pazifik) bis zum Grad des vollständigen Zusammenbruchs ausgebeutet. Waren diese Zusammen­brüche ursprünglich auf den Nord-Atlantik beschränkt, so breiteten sie sich bald auf den Nord-Pazifik aus. Sogar die neu entstandenen Fischereizonen in den südliche­ren Breiten­graden - im südöstlichen Pazifik, im Golf von Thailand, im Indischen Ozean und an den Küsten Neuseelands - sind durch maßlosen Fischfang während der letzten beiden Jahr­zehnte bis an den Rand des Zusammen­bruchs gebracht worden (Brown 1986: 10). Daß trotz des teilweise enormen Rückgangs der Fischanlandungen in manchen Regionen weltweit der Fischfang bis in heutige Zeit kontinuierlich gesteigert werden konnte, liegt daran, daß viele Fischereinationen die im Schwinden befindlichen Fischgründe aufgegeben haben und nun neue Fanggebiete aufsuchen. Die Ausrüstungen ihrer Fangflotten wurden die­ser Entwicklung angepaßt. Große Schiffe, die wochenlang auf See sind und auf denen die Fänge gleich weiterverarbeitet werden, hochsensible Ortungsgeräte zum Aufspüren von Fischschwärmen, engmaschige Netze, mit denen ganze Seegebiete praktisch leergefischt werden können - so sehen heute moderne Fangboote und ihre Ausrüstung aus.

Fast 90 Prozent der Fischfänge stammen aus dem Meer, und zwar hauptsächlich innerhalb des 200-Meilen Bereichs entlang der Küsten. Der jährliche Fischfang auf der Welt über­trifft die Rindfleisch­pro­­duktion um ein Beträcht­liches. Rechnerisch deckt die Fischerei 23% des Kon­sums an tierischem Eiweiß (vgl. Brown 1986: 7). Beachtlich ist der Bei­trag, den Fisch zur Ernährung in Entwicklungs­ländern leistet. Obgleich die Bevölkerung der Entwicklungsländer weniger Fisch pro Kopf verzehrt als die Menschen in den Industrienationen, entfällt ein grö­ßerer Anteil ihrer Versorgung mit tier­ischem Eiweiß auf Fisch. In Asien beziehen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung zu über 30 Prozent ihres tieri­schen Eiweißes durch Fisch (FAO, WFC/83/1, 1983). In Ghana und Sierra Leone trägt Fisch sogar zu jeweils knapp 70 Prozent zur Versorgung der Bevölkerung mit tierischem Eiweiß bei (Courier, Mai/Juni 1984: 69).

Bedingt durch die rasch ansteigende Bevölkerungszahl ist die weltweite Nachfrage nach Fi­schereiprodukten seit den 50er Jahren erheblich gestiegen und wird auch in den kom­menden Jahren weiter ansteigen. 1980 ging die FAO davon aus, daß bis zum Jahre 2000 ein Gesamt­bedarf von 113 bis 125 Mio. Tonnen Fisch bestehen wird (BML 1982: 102). In der Vergan­genheit wurde der Weltfischfang von einer handvoll Staaten beherrscht, die meisten unter ihnen Industrieländer. Die Entwicklungsländer zo­gen wenig Vorteile aus dem Potential der Ozeane. Sie landeten 1952 nur 27 Prozent der Weltfänge an (FAO, WFC/83/1, 1983: 22).

Tab. 3:Die weltgrößten Fischereinationen (1938, 1970 und 1993)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Fischer-Weltalmanach 1966 (für 1938); FAO-CRO 1973/74 und 1991/92

Nicht zuletzt Änderungen im Seerecht haben aber dazu geführt, daß immer mehr Entwicklungs­länder eine moderne Fischerei aufbauen (Gulland 1979). 1991 waren unter den zehn füh­renden Fischereinationen sieben Entwicklungsländer, auf die 40 Prozent der weltwei­ten Fischfänge entfielen. Andere Entwicklungsländer trugen weitere 20 Prozent bei, so daß in diesem Jahr insgesamt 60 Prozent der weltweiten Fischfänge von Entwicklungsländern erzielt wurden. Diese angedeutete Entwicklung ist jedoch unter mehreren Gesichtspunkten äußerst pro­blematisch. Die intensive Nutzung der Fischbestände hat in vielen Meeresge­bieten der Dritten Welt inzwischen ebenfalls zu einer Überfischung beigetragen. Fische­reiprodukte werden immer häufiger aus lokalen/regionalen Wirtschaftskreisläufen auf in­ternationale Märkte umgelenkt. Nicht selten, um lediglich Zusatzfutter für die Masttierhal­tung zu lie­fern, wie dies z.B. bei der Sardellen-Fischerei Perus größtenteils der Fall war (Kent 1976; vgl. auch: WRI 1986). Diese Entwicklung hat auch zu sozio-öko­nomischen Differenzierungspro­zessen in den betroffenen Nationen geführt.1

In den vergangenen 10 bis 20 Jahren wird Fischereientwicklung in Entwicklungsländern nicht mehr nur unter dem Aspekt der Einführung moderner Fangmethoden betrie­ben. Mit der Förderung von Aquakulturen ist ein neues Element hinzugekommen. Immer mehr Länder sehen in den hohen Garnelen­preise einen Anreiz, landwirtschaftliche Nutzflä­chen oder Ödland in Fisch- bzw. Garnelen­teiche umzuwandeln. Für das Jahr 1988 schätzte die Weltbank allein die Garnelenproduktion aus Aquakulturen auf 560.000 Ton­nen. Fast 60 Prozent davon entfielen auf China (180.000 Tonnen), Indonesien und Ecuador (jeweils 70.000 Tonnen). Am beeindruckendsten hat sich die Produktion in China entwic­kelt. Zwischen 1980 und 1988 hat das Land seine Garnelenproduktion aus Aquakulturen verdreizehnfacht (IBRD 1992: 3).

7.2 Der Handel mit Fischereiprodukten

Neben den ökologischen Problemen, die eine industrielle Fischerei aufwirft, sind Verände­rungen in den Warenströmen für die Ernährungssicherheit von Armutsgrup­pen von wich­tiger Bedeutung. Produkte, die für den menschlichen Verzehr unprofitabel sind, werden zu Fisch­mehl für die Viehfütterung weiterverarbeitet.2 Auch bei der Herstellung von Fischkonserven fallen „Abfälle“ an, die für den menschlichen Konsum geeignet wären.

„The industrialization of fisheries may contribute to the spread of chronic undernutrition. Much of the fish used for fishmeal could be used for direct human consumption. Of the fish that is consumed di­rectly, most goes to people who already have enough food. Only a relatively small share goes to those who are at risk of undernutrition. The supplies of fisheries resources for the poor are reduced because the market system tends to move fish toward those with higher incomes“ (Kent 1984: 2f; vgl. auch: Kent 1980, 1982).

Etwa 70 Prozent des Weltfischfangs ist für den menschlichen Verzehr bestimmt, während 30 Prozent als Viehzusatzfutter, zur Fischölgewinnung oder auch zur Düngung verwendet werden. Überhaupt nicht er­faßt sind jene Mengen, die gefangen, aber unmittelbar danach wieder über Bord der Fangboote geworfen werden, da sie ansonsten knappen Lagerraum für teurere Arten wegnehmen (Galtung 1984: 255; Kent 1980: 17). Bei der Garnelen­fischerei im Golf von Bengalen macht dieser „By-catch“ zwischen 85-95 Prozent des Fanggewichts aus (Bay of Bengal News, September 1990: 20; ausführlich: Gordon 1991). Allein an der Nordostküste Indiens gehen so jährlich etwa 100.000 Tonnen Fisch verloren, mehr als ein Drittel der Menge, den die Kleinfischer in dieser Region innerhalb eines Jah­res fangen (Bay of Bengal News, September 1990: 20). Weltweit gesehen wird so ein bedeutender Anteil der Fischfänge der menschlichen Ernäh­rung entzogen, weil es nicht gewinnbringend ist, diese Fische anzulanden. Gerade ein­kommensschwache Gruppen könnten mit diesem „Billigfisch“ ihr Ernährungniveau erhöhen (Kent 1980).

Bei weitem die größten Fischmengen werden in den Ländern konsumiert, in denen sie gefan­gen werden. Allerdings macht der internationale Handel einen immer grö­ßeren Anteil am Gesamtfang aus. Von den knapp 40 Mio. Tonnen, die 1960 gefan­gen wurden, wurden 4 Mio. Tonnen interna­tional vermarktet. 1987 waren es bereits über 26 Prozent des gesamten Welt­fischfangs (berechnet nach: Loayza 1992: 70 und YITS, ver­schie­dene Jahre).

Tab. 4: Die zehn größten Exportländer von Fischereiprodukten (1992)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: United Nations, Yearbook of International Trade Statistics 1992

Diese Prozesse führen dazu, daß die einheimischen Preise für Fischereiprodukte ansteigen. Bei Produkten, die international vermarktbar sind, nähern sich die einheimischen Preise dem Welt­marktniveau an. Ein Produzent wird solange internationale Märkte beliefern als dort das Preisni­veau höher ist. Durch die interne Knappheit steigen jedoch auch die einheimischen Preise, und es ist eine Grenze vorstellbar, bei der die inländische Vermarktung profitabler ist. Ist diese Grenze erreicht, werden Gruppen mit niedrigem Einkommen dennoch diese Produkte nicht kaufen können, da der Preis für sie unerschwinglich ist. Noch nicht einmal Fischer, die selbst Garnelen fan­gen, essen diese ge­wöhnlich (vgl. Down to Earth, 31.08.1992: 34).

Tab. 5: Die zehn größten Importländer von Fischereiprodukten (1992)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Uited Nations, Yearbook of International Trade Statistics 1992

Durch moderne Fischereimethoden werden auch die billigeren Fischarten dezi­miert und las­sen auf lokalen Märkten das Angebot sinken. Kleinfischer beginnen, selektiv teurere Arten zu fangen. Gruppen mit einem niedrigen Einkom­men werden so von billigen Proteinquellen abgeschnitten. Für die 60er Jahre errechnete Kent, daß allein die Sardellenfänge Perus ausge­reicht hätten, die Proteinversorgung des gesamten südamerikanischen Kontinents auf ein Ni­veau der südli­chen Länder Europas anzuheben. Fischmehl, das aus Afrika exportiert wurde, hätte ausgereicht, das bestehende Proteindefizit dieses Kontinents um mindestens die Hälfe zu reduzieren (Kent 1976: 38). Diese Problematik der späten 60er Jahre hat heute in ihrer Bedeutung nichts verloren. Ganz im Gegenteil: der dort beschriebene Trend hat sich seit­her weiter fortgesetzt. Unter den zehn größten Importländern für Fischereiprodukte befand sich mit Thailand an neunter Stelle lediglich ein einziges sog. Entwicklungsland, das jedoch gleichzeitig zweitgröß­ter Exporteur war. Diese zehn Nationen nahmen 1992 wertmäßig fast 80 Prozent der Fischerei­importe auf. Während also immer mehr Fisch in sog. Entwicklungsländern gefangen wird, konzentrieren sich die Im­porte auf eine Handvoll von Industrienationen. Fischereipro­dukte dienen so immer weniger der Ernährung lokaler Bevölkerungsgruppen als der Versor­gung kaufkräftiger Kunden in den Industrienationen sowie zur Fütterung in der Viehhaltung. Allein bei Frischfisch gingen 1992 zwei Fünftel aller Importe nach Japan und den USA. Bei den Weich- und Krustentieren waren es fast 60 Prozent. In die Europäische Gemein­schaft gin­gen 40 Prozent der Frischfischimporte, 27 Prozent der Importe von Weich- und Krustentieren und 45 Prozent der Importe von verarbeiteten Fischerreiprodukten (YITS 1993).

Sowohl von der FAO (vgl. u.a. FAO/WFC/NF/1984/2), der Weltbank (vgl. u.a. Emmer­son 1980) und anderen internationalen Entwicklungsagenturen, werden Fischereipro­dukte als ein wichtiger Beitrag zur Ernährung einkommensschwacher Gruppen aufgefaßt. Im Widerspruch dazu werden jedoch nicht selten von denselben Organisationen Vorhaben gefördert, die den Han­delswert von bestimmten Fischereiprodukten in den Vordergrund rücken und dem Agro­business dabei eine Vorreiterrolle zuweisen. Am deutlichsten wird dies bei der Förderung von Aquakultu­ren. So beschloß die FAO 1984 auf ihrer Fischereikonferenz in Rom:

„In view of the increasing priority being given to aquaculture (including mariculture), FAO's assis­tance to its member nations in this area needs further strengthening.[...] The reasons include the need to di­versify rural pro­duction, to provide alternative employment for rural people, especially women, to pro­duce more fish for local con­sumption, and to increase opportunities of earning foreign ex­change“ (FAO 1984: 44).

Abb. 2: Anzeige in „The Hindu“ 3.11.1991

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Fischereistrategie, die ländli­che Be­schäftigung und die lokale Versor­gung mit Fi­scherei­produk­ten in den Vordergrund rückt, ist angesichts der hohen Investitions­kosten bei Aqua­kulturen illuso­risch. Es werden sich kaum Investoren finden lassen, die in ihren Tei­chen „Billigfisch“ für lokale Märkte halten, wenn sie gleichzeitig die Wahl haben, gutbe­zahlte Lu­xus­produkte für den Weltmarkt herzustel­len. Die Beschäftigungs­wirksamkeit solcher Projekte für die lokale Bevöl­kerung dürfte in den meisten Fällen ebenfalls niedrig sein. Das Manage­ment von Aquakulturen verlangt hochquali­fizierte Fachleute, die sich i.d.R. im ländlichen Raum nicht fin­den lassen. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist eine Anzeige, die am 03. No­vember 1991 in der indischen Ta­geszeitung „The Hindu“ er­schien: in der unter­such­ten Fischersiedlung in Madras fand sich kein einziger aktiver Fi­scher, der die geforderte Qua­lifikation erfüllen konnte.

Aquakulturen werden derzeit weltweit sehr stark gefördert. Die Erschöpfung vieler Fang­ge­biete und eine sich immer stärker ausweitende Schere zwischen Angebot und Nachfrage bei Fischereiprodukten sind dafür die Ursache. Dabei muß man feststellen, daß sich viele Produ­zenten auf Produkte konzentrieren, bei denen die Weltmarktpreise sehr hoch sind, vor allem Garnelen. Gerade bei die­sen Produkten sind in den letzten Jahren große Preisschwankungen aufgetreten, weil sie sehr nachfrageelastisch sind. Bei einer Rezession in den Importländern können die Konsumenten dort leicht auf diesen Luxus verzichten.

7.3 Die Fischereiwirtschaft in Indien - eine Übersicht

Die gesamte Küstenlänge Indiens beträgt ca. 6000 km,1 wobei auf die unterschiedlichen Kü­stenanrainerstaaten folgende Anteile entfallen: West Bengalen 400km, Orissa 720km, Andhra Pradesh 960km, Tamil Nadu 1000km, Kerala 480km, Karnataka 288km, Maha­rashtra 840km, Gujarat 1100km. Von den Küstenanrainerstaaten hat Kerala mit knapp 23,5 Prozent (1991) den höchsten Anteil am Fischfang. Es folgen Gujarat (22,6%), Maharashtra (16,5%), Tamil Nadu (12,7%) und Karnataka (7,7%).

Die indische Fischerei­wirtschaftszone (Exclusive Economic Zone (EEZ)) umfaßt etwa 2,02 Mio. km2 (Singhal 1992: 171). Über 414000 km2 nimmt davon das Konti­nentalschelf ein. In dieser Zone werden über 90 Prozent des maritimen Lebens der indischen Wirtschaftszone vermutet (Srivastava et al. 1982: 8; FSI 1988).

Im Fischfang, der Fischvermarktung und der fischverarbeitenden Industrie sind über eine Million Menschen beschäftigt, wovon ca. 450.000 aktiv Fischfang betreiben. Der überwie­gend größte Teil der Fischer geht sei­ner Arbeit auf traditionellen Fischerbooten nach, so wie sie schon seit Jahr­hund­erten in bei­nahe unveränderter Form existieren. Seit Erlangung der Unabhängigkeit hat sich das Ge­sicht der indi­schen Fischerei dennoch in vielerlei Hinsicht stark gewandelt. Nicht nur, daß seither sich die jährlichen Fänge fast verfünffacht haben, heute wird ein Großteil der Anlandungen durch Fische­reifahrzeuge erbracht, die es vor 40 Jahren in Indien noch gar nicht gab, der Fisch wird viel­fach anders verarbeitet als noch vor wenigen Jahrzehnten, anders und oft auch woanders vermarktet, und er findet heute zu großen Teilen auch ganz andere Käufergruppen. Mit dieser Moder­nisierung wurden auch räumliche und soziale Differenzierungen in die Wege geleitet. So­ziale und wirtschaftliche Organisationsformen haben sich verändert, Ab­hängigkeiten wurden geschaffen und bestimmte Wirtschaftsräume durch staatliche Maßnahmen aufgewertet bzw. im gleichen Prozeß andere abge­wertet. In einigen Regionen Indiens sind auch schon deutliche Anzeichen einer Überfischung ein­getreten, die auf eine hemmungslose Ausbeu­tung der Fischereiressourcen zurückzuführen ist (vgl. für Kerala: Choudhuri 1986; Iyengar 1985; Kochery/Achari 1985; Kurien 1991, 1993).

Nach den neusten erhältlichen Daten (1991) beträgt der Anteil des indischen Fischfangs 4,2 Prozent des Weltfischfangs. Bei den Exporten von Fischereiprodukten beträgt der indi­sche Anteil etwa zwei Prozent des gesamten Handelswerts und weniger als ein Prozent des Han­delsvolumens. Hieraus wird ersichtlich, daß das Land vor allem preislich hochstehende Pro­dukte auf dem Weltmarkt absetzt.

Für die Wirtschaft des Landes ist der Fischereisektor von geringer Bedeutung. Fi­scherei und fischverarbeitende Industrie tragen gerade ca. zwei Prozent zum Bruttoin­lands­produkt bei. Der Anteil der Fischerei an den Exporterlösen liegt gegenwärtig (1992-93) bei 3 bis 4 Prozent. Fischereiprodukte nehmen damit wertmäßig den siebten Rang un­ter den Ex­portpro­dukten ein, nachdem sie 1960-61 noch an 19. Stelle gelegen hatten. Seit Beginn der 60er Jahre stieg der Exportwert der Fischerei­produkte ungleich schneller an als die Export­menge.

Tab. 6: Entwicklung der Fischereiexporte Indiens (1960-1992)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Economic Survey 1993-94:S-91ff

In den 70er Jahren war Indien der weltgrößte Produzent von Garnelen. Inzwischen ist es hinter China und Indonesien an dritte Stelle zurückgefallen. China konnte seinen Anteil an der Welt­pro­duktion von 11,5 auf 21 Prozent steigern, während der indische An­teil trotz einer Produktions­zu­nahme von fast 90.000 Tonnen von 10 auf 9,9 Prozent sogar leicht abgenommen hat und in­zwischen nicht einmal die Hälfte der chinesischen Produktion erreicht (MPEDA 1991: 107; vgl. Kant 1991). Die hohen Weltmarktpreise machen auch heute noch den Export von Fische­rei­pro­dukten für Indien sehr lukrativ, wenngleich festgestellt werden muß, daß seit Beginn der 90er Jahre die Exporterlöse (in US-Dollar) stagnieren. Dies hängt nicht zuletzt mit dem Wert­verfall der indischen Währung zusammen. So erzielten die Fischereiexporte 1992-93 einen Erlös von 2856 US-Dollar je Tonne. Gegenüber 1980 ist dies ein Rückgang von über 1000 US-Dollar je Tonne bzw. 28 Prozent.

Tab.7: Exporterlöse für Fischereiprodukte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Economic Survey 1993-94:S-91ff

Unabhängig von der Entwicklung der indischen Währung sind aber auch die internationa­len Preise für Garnelen und anderen Krustentiere sehr schwankend. Vor allem der Markt in Japan, Indiens Hauptexportland für Garnelen und Hum­mer, stagnierte zu Beginn der 90er Jahre. Indien hat zwar versucht, für dieses Pro­dukt neue Märkte zu erschlie­ßen (z.B. Spanien, Italien und die Niederlande), doch 1991 wurden noch immer 44 Prozent der Garnelenexporte mit Japan abge­wickelt. Bei anderen Fischereiprodukten ist eine ähnliche Konzentration auf ein einziges Land festzustellen, wobei auch hier Japan häufig das wichtig­ste Exportland ist: so etwa bei Tintenfischfilets (50%), Krabbenfleisch (75%) und gekochtem Hummer (80%) (MPEDA 1991: 9ff). Fast die Hälfte aller Einnahmen aus Exporten von Fi­schereiprodukten wurden 1991 im Handel mit Japan erzielt (MPEDA 1991: 11).Über 88 Prozent der Erlöse stammten 1991 aus dem Export von Garnelen, Hummer und Tintenfi­schen, wobei Gar­nelen mit über 73 Prozent bei weitem das wichtigste Fischereiex­port­produkt war (MPEDA 1991: 6ff). Eine solche Kon­zentration auf wenige Märkte und Pro­dukte macht Indien in hohem Maße ver­wundbar gegenüber Preisschwank-ungen und Nachfragerück­gängen (Dasmunsi 1987; Dhillon 1987). So gingen die Großhandelspreise für gekochten Hum­mer in Japan 1992 während den ersten neun Mo­nate um 11 Prozent gegenüber dem Vor­jahr zurück. Gleichzei­tig nah­men auch die Exporte indischer Hummer nach Japan im gleichen Zeitraum von 1.027 Tonnen auf 576 Tonnen ab (Infofish 02.02.1993). Noch stärker war der Preisrückgang bei Garnelen. Zwischen De­zember 1990 und Februar 1992 sanken die Großhandelspreise für Garnelen aus Indien auf dem japanischen Markt um über 20 Prozent (Infofish 01.12.1992). Mit der Über­schrift „ Oversupply from aqualculture depresses shrimp market “ berichtete die FAO in ihrem Commodity Review and Outlook 1990-91 von der Situation in Japan:

„In 1989, the world shrimp market was overshadowed by slow demand in Japan which, combined with large cold storage holdings, led to a sharp decline in prices. Some shrimp species recorded a 40 to 50 percent re­duction in prices“ (FAO-CRO 1990-91: 138).

Ein Jahr später war an gleicher Stelle zu lesen:

„Japanese shrimp consumption collapsed in 1991 as a result of the liberalization of meat imports. Prices fell abruptly, in June-July 1991, almost to the disastrous level of 1989. [...] Demand and con­sumption in the United States were rather depressed in 1991, as the recession influenced restaurants sales. Black tiger shrimp was in over-supply on the United States market“ (FAO-CRO 1991-92: 145).

7.3.1 Expansionsmöglichkeiten in der indischen Meeresfischerei

Das Fischereipotential des indischen Kontinentalschelfs wird unterschiedlich hoch einge­schätzt (Kant 1991). Zu Beginn der 80er Jahre gingen Srivastava et al. noch davon aus, daß sich die damaligen Fänge um den Faktor 3, 4 oder sogar 8 erhöhen ließen (Srivastava et al. 1982: 9). Dies hätte ein Potential zwischen 4 und 11 Mio. Tonnen be­deutet. Inzwischen sind diese Schätzungen stark nach unten korrigiert worden. Im ach­ten Fünf-Jahresplan wird nur noch von einem jährlichen Fangpotential von 3,9 Mio. Ton­nen aus­gegangen (GOI 1992-II: 23). Bei Fängen von 2,6 Mio. Tonnen (1992-93) bedeutet dies, daß dieses Potential bereits zu etwa zwei Drittel ausgeschöpft wird. Mit 2,3 Mio. Tonnen wird das höchste Potential in Gewässern mit einer Tiefe unter 50 m vermutet. 1,3 Mio. Tonnen entfal­len auf die Bereiche zwischen 50 und 200 m Tiefe, während die Gewässer über 200 m ledig­lich 0,3 Mio. Tonnen erwarten lassen (Singhal 1992: 171).1

Tab. 8: Fänge und geschätztes Potential nach Meerestiefen und Küstenabschnitten (in '000 Tonnen)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle:Fishery Survey of India 1988:8

Fast alle Fänge stammen aus Gewässern mit einer Tiefe von bis zu 50 m. In den fla­cheren Meeresgebieten dürften bereits heute kaum noch Möglichkeiten bestehen, die Fänge bedeu­tend auszuweiten. Manche Küstenge­biete wurden bereits Mitte der 80er Jahre über ihr Po­tential hinaus ausgebeutet. Ein zukünftiger Zuwachs wird sich deshalb auf größere Tiefen konzentrieren müssen. Hierzu gibt es in Indien auch heute noch kaum geeignete Fangschiffe. Bis 1990 wurden lediglich 157 tiefseefähige Schiffe in Dienst gestellt, von denen - sieht man einmal von zwei Schiffen ab, die Thunfische fangen - alle in küstennahen Gewässern Garne­len fangen (Srivastava 1991: 1). Der Grund für die große Zurückhaltung, in tiefere Ge­wässer vorzudringen, liegt in den erheblichen Investitions­kosten, die dazu aufgebracht werden müßen. Ein für den Tiefseefang geeignetes Boot mit einer Länge von 25 m kostete zu Beginn der 90er Jahre etwa 13 Mio. Rs (Srivastava 1991: 2; vgl. Dandekar 1987). Diese Investitionen können nur durch den Garnelenfang wieder erwirtschaftet werden. Und dieser ist in den küstennahen Gebieten am produktivsten.

In der Meeresfischerei soll der Fang von Fischarten gefördert werden, die bislang von geringer Bedeutung waren, allen voran Thunfisch im Tief­seebe­reich (Dasmunsi 1987). Ins Auge gefaßt hat man aber auch die Ausbeutung von Arten, die zur Fischmehlherstellung ver­wendet werden sollen und die in der Kleinfischerei und bei der Versorgung einkommens­schwacher Gruppen eine sehr wichtige Rolle spielen. Besonders be­sorgniserregend sind dabei die Entwicklungen, die sich beim Sardellenfang abzeichnen. Nach E.G. Silas, Vizekanz­ler der landwirtschaftlichen Universität von Trichur, Kerala, und frühe­rer Direktor des Cen­tral Marine Fisheries Research Institues (CMFRI) wird eine neue Fische­reistrategie u.a. folgenden Punkt umfassen müssen:

„Utilisation of underexploited or unexplored conventional and non-conventional resources from the conti­nental shelf water through development of post-harvest technologies including product develop­ment to suit internal and foreign markets. This will include utilization of high volume, low value fish such as anchovies for conversion into fish meal and other products. A standing stock of about 0,4 to 0,8 million tonnes has been estimated while hardly 52.000 tonnes are harvested now“ (Silas 1989: 242).

Sehr ehrgeizige Ziele verfolgt man auch im Bereich der Aquakulturen:

„The population of India is expected to rise to 100 crores by 2000 AD and 70 per cent of this is likely to be non-vegetarian eating fish, if it is available at affordable prices. [...] India needs major changes in fisheries development policies to change the pattern of growth and ensure more investment in areas where the return per unit of effort and time is the highest. The waterlogged areas are used for fish based mixed farming and extensive aquaculture. Now a move must be made from extensive aquacul­ture to hi-tech industrial aquacul­ture “ (Dwivedi 1991: 227ff; Hervorhebungen hinzugefügt).1

Schon heute haben Veränderungen in der indischen Fischerei zu sozialen Spannungen geführt, die dort am intensivsten ausgetragen werden, wo die Modernisierung am weit­esten fortge­schritten ist. Mehrere Konflikte lassen sich unterscheiden. Erstens der Kon­flikt zwischen Klein­fischerei und der industriel­len Fischerei. Hierbei handelt es sich um einen Konflikt zwischen unter­schiedlichen Produktionsgruppen um diesselbe Ressource und um den­selben Wirtschaftsraum. Zweitens der Konflikt zwischen Klein­fischern und landwirtschaftlichen Gruppen. Vor allem in Brack­wassergebieten (back­waters) werden immer mehr landwirtschaftliche Gruppen von den Profitmöglich­keiten des Garnelen­fangs angezogen und geraten so in Konflikt mit etablierten Kleinfischern, die diese Ressourcen selbst ausbeuten wollen. Drittens der Konflikt zwischen Großunternehmen und landwirtschaftlichen Grup­pen/Kleinfischern. Hier geht es darum, daß landwirtschaftliche Nutzflächen in Fisch- bzw. Garnelen­teiche umgewandelt werden oder aber Brackwassergebiete von Großunternehmen für die Garne­len­zucht „privatisiert“ werden. Im ersten Fall sind davon vor allem Landarbeiter betroffen, die ihre Be­schäftigung verlieren, im zweiten Kleinfischer, deren generationenalten Nutzungsrechte entwertet werden.

7.4 Aspekte der Modernisierung der Fischerei: eine konfliktorientierte Betrach­tung

Die Modernisierung der Fischerei ist das durchgängige Ziel der indischen Fischereipolitik seit den frühen 50er Jahren. Was Mitte der 60er Jahre in Indien unter dem Schlagwort der Grünen Revol­ution in der Landwirtschaft bedeutsam wurde, setzte als Entwicklungsstra­tegie in der Fischerei bereits mehr als zehn Jahre zuvor ein. Die Auswirkungen solcher Strategien sind in der Fischerei­wirtschaft ähnlich wie später in der Landwirtschaft. Sozio-ökonomische Diffe­renzierungsprozesse und die daraus resultierenden Konflikte zwischen unterschiedlichen Gruppen im Produktionsprozeß lassen sich in beiden Bereichen finden.

Die Modernisierung der Fischerei bedeutet mehr als die bloße Einführung moderner Fische­reiboote. Ähnlich wie bei der Modernisierung in der Land­wirtschaft könnte man hier von einem ganzen „Paket“ von Maßnahmen sprechen, von dem der Einsatz neuartiger Fangboote lediglich ein Aspekt unter vielen ist. Modernisierung bedeutet darüberhinaus die Schaffung einer modernen Infrastruktur, ohne die der Einsatz moderner Boote gar nicht durchgeführt werden kann. Angefangen mit dem Bau von Häfen für die Trawler, über die Einrichtung von Reparaturbetrieben, die Versorgung mit Treibstoffen für die Boote, bis hin zum Aufbau eines „modernen“ Verar­beitungs- und Vermarktungssystems, sind eine ganze Reihe von Maßnah­men notwendig, bevor eine Modernisierung greifen kann (Schneider 1990).

Erste Schritte einer solchen Modernisierung wurden während der britischen Kolonialzeit durchgeführt, auf denen der eigentliche Modernisierungsprozeß nach der Unabhängigkeit aufbaute. Zunächst war dies die Erfassung der Fischarten der indischen Gewässer, mit der bereits im 18. Jahrhundert von britischen Biologen begonnen wurde (Gokhale 1988). Die systematische Erfassung des indischen Fischreich­tums war in seinen Grundzügen 1869 mit dem Erscheinen des Marine Fisheries Survey von Col. Alcock abgeschlos­sen.

Erstes sozio-ökonomische Interesse an der Entwicklung der indischen Fischerei wude 1898 laut. Sir Frederick A. Nicholson schlug damals der Regierung der Madras Presidency den industriellen Aus­bau der südindischen Fischerei zur Bekämpfung von Hungersnöten vor. Auch wenn von ihm vorge­legte Pläne zunächst nicht beachtet wurden, führte sein Engagement dazu, daß 1905 in Madras die Stelle eines Fischereibeamten eingeführt wurde, dessen Aufgabe es war, eine Untersuchung der Meeres- und Binnenfischerei der Madras Presidency sowie der Möglichkeiten einer industriellen Entwicklung in diesen Bereichen durchzuführen. 1907 wurde die Stelle des Fischereibeamten zum Fischereidepartment ausgebaut, dessen Direktor der britische Meeresbiologe James Hornell wurde. In der Folgezeit wurde vom Fischereidepartment der Aufbau der südindischen Fischerei in Angriff genommen und zwar zunächst dadurch, daß Fischereischulen errichtet und staatliche Versuchs­traw­ler ange­schafft wurden. Die Pläne des Fischereidepartments fanden bei Regierung und Öffentlich­keit jedoch wenig Zustimmung. Kritisiert wurde, das Fischereidepartment verschwende zu viele Mittel, da die hochsubventionierten Einrichtungen und Boote kaum Einnahmen hatten. Ende der 20er Jahre wurde sogar ernsthaft darüber nachgedacht, das Fi­schereide­partment zu schließen.

Erst nach der Unabhängigkeit wurde die Modernisierung der indischen Fischereiwirtschaft systematisch vorangetrieben. In Neu Delhi fand 1948 die erste gesamtindische Fischerei­kon­ferenz statt, auf der der schnelle Aufbau einer indischen Fischereiindustrie beschlossen wurde. Bei dieser Konferenz kam man überein, in den ersten Fünfjahresplänen verstärkt Geldmittel zur Anschaffung von Trawlern auszuweisen und beim Ausbau des Fischereisek­tors um ausländische Hilfe (sowohl technischer, finanzieller als auch personeller Art) nachzufra­gen. Begonnen wurde mit den Pro­grammen 1952 als zwischen der indischen Regierung, den USA und den Vereinten Nationen ein Vertrag über die technische Zusammenarbeit im Fi­schereibereich abgeschlossen wurde. Im Zuge dieses Technical Coopera­tion Agreements wurden vollausgerüstete Fangboote, Eisfabriken, Fisch­verarbeitungsfabri­ken, Netze etc. in den USA gekauft. Gleichzeitig entsandte die FAO Fischerei­experten nach Indien, um dort beim Aufbau der Fischindustrie mitzuwirken. Als Folgeprojekt wurde 1953 die indisch-nor­wegische Entwicklungszusammenarbeit be­gonnen, die die Fischerei in SüdIndien (vor allem in Kerala) in wenigen Jahrzehnten voll­kommen verändern sollte.

Bereits vor der Unabhängigkeit gab es allerdings immer wieder Stimmen, die vor einer Me­chanisierung der Fischerei warnten. F.A. Nicholson, Direktor des Fischereidepartments in Madras, wies bereits 1908 darauf hin

„[...] that Madras did not need steam trawlers and that to jump from the catamaran to the steamer was im­possible and would be unwise even if it were possible, because revolutionary methods here as elsewhere were a mistake“ (zit. nach Anugraham 1940: 208).

Ähnlich Anugraham, der in seiner Untersuchung über Kleinfischer in Madras bereits 1940 Entwicklungen kommen sah, die sich mehr als 30 Jahre später bewahrheiten soll­ten:

„If steam trawling is undertaken, it will certainly revolutionise fishing in India and give rise to an in­tense competition between the poor fishermen and the rich capitalists. [...] The fishermen are likely to complain of a depletion of stock in the fishing grounds because of the activities of a trawler anywhere near their fishing limits“ (Anugraham 1940: 210).

Um diese Entwicklungen für die Kleinfischer sozial erträglich zu gestalten, schlug Anu­graham vor, eine Fischereizone zu schaffen, die ausschließlich von den Klein­fischern ge­nutzt werden dürfe. Es sollte jedoch mehr als 40 Jahre dauern, bis auf Druck der Kleinfischer von den einzelnen Bundesstaaten entsprechende Gesetze verabschiedet wurden.1

7.4.1 Kleinfischer contra Trawler: Das Indisch-Norwegische Fischereiprojekt in Kerala (INP)

2 Ziel des Indisch-Norwegischen Fischereiprojekts war es, die Nahrungsmittel­versorgung der Bevölkerung, vor allem der Armen und Unterernährten, zu verbessern. Für die Kleinfischer sollte dies durch die Steigerung der Fischanlandungen bei gleichem Ar­beitsaufwand erreicht werden. Durch die Einführung moderner Technologien (Motorisierung bestehender Boote) und der Errichtung der zu ihrem Betrieb notwendigen Infrastruktur sollte also nicht nur die Produktion zunehmen, sondern auch die Produktivi­tät, d.h. der „Stundenlohn“ der Fischer (Galtung 1984: 253; Nishad 1987). Neben der Verbesserung des Lebensstandards der Fischer sollte auch die billige Versor­gung der Bevölkerung mit Fisch gewährleistet werden (Choudury 1986: 19).3

Die ersten Norweger, die das Projekt betreuten, waren vor allem Techniker und Organisa­to­ren. Von indischer Kultur und Tradition verstanden sie nur wenig (Galtung 1984: 259; Schneider 1990: 63). Sie gingen die gestellte Aufgabe vor allem von ihrer techni­schen Seite her an und erhofften sich positive Auswirkungen auf die sozialen Sektoren. Würde es gelingen, Produktion und Produktivität der Fischer erst einmal zu steigern, wür­den die ande­ren Ziele - Verbesserung des Lebensstandards, des Gesundheitswesens etc. - durch die finan­zielle Besserstellung der Fischer und der besseren Proteinversorgung der Bevölkerung fast schon von alleine erreicht.

Der Versuch, die bereits vorhandenen Boote mit Außenbordmotoren auszustatten, schei­terte kläglich (Iyengar 1985: 2150; Hoering 1988; Platteau 1984: 80f).4 Auch neue Bootstypen, die den Strand anlaufen und dadurch unabhängig von Hafen­anlagen ein­gesetzt werden können (Beach-landing Craft), konnten sich nicht durchsetzen, da sie während des Monsuns nicht benutzt werden konnten. Schließlich wandte man sich dem Bau vollkom­men neuartiger Boote zu, die abhängig waren von kleinen Naturhäfen, wie sie in Kerala die Verbindungsarme von Meer und Backwater bieten.

Zunächst wurden Kleinfischer für die Testphase mit diesen neuartigen Boo­ten ausgewählt. Nach einer Trainingszeit konnten sie Boot und Netze erwer­ben. Trotz hoher Zuschüsse beim Kauf waren viele der ursprünglichen Besitzer nicht in der Lage, War­tung und Unterhalt der Boote zu finanzieren, so daß ihr Eigentum bald in die Hände von Geldverleihern und Fisch­händlern überging (Choudury 1986; Kumar 1988; Kurien 1980; Murickan 1987). Anfang der 60er Jahre steckte das Projekt in großen Schwierigkei­ten. Das ursprüngli­che Ziel, breite Käuferschichten in entfernten Gegenden mit Fisch zu erschwinglichen Preisen zu versorgen, war nicht erreicht worden. Im Gegenteil: die ho­hen Energiekosten, die beim Fang (Diesel, Kerosin), bei der Haltbarma­chung (Gefrieranlagen, Eisboxen) und beim Trans­port (Kühlwagen) entstanden, verteuer­ten den Fisch so sehr, daß er für bisherige Konsumen­ten nicht mehr erschwinglich war. Es entstand so ein schwerwiegendes Vermarktungspro­blem. Die reicheren Bevölke­rungs­schichten, die die hohen Preise für Fisch hätten bezahlen können, zeigten wenig Inter­esse, Fisch zu konsumieren. Die traditionellen Konsumenten in den Küstenregionen kauften weiterhin den billigeren, auf herkömmliche Art verarbeiteten und vermarkteten Fisch. Und die entfernt lebenden Menschen mußten weiterhin auf frischen Fisch verzichten und wie bis­her mit Trockenfisch vorlieb nehmen (vgl. Schneider 1990).

Anstatt das Projekt in Frage zu stellen, d.h. statt zu überlegen, ob nicht Fehler bei der Technolo­gie­wahl begangen worden waren, wurde ein Ausweg aus der Misere auf einer anderen Ebene gesucht: Nicht der Preis des Fisches war unpassend, sondern die Fischarten und die Käuferschich­ten (Muri­ckan 1987: 4f). Um Fisch teuer verkaufen zu können, muß es Fisch bester Qualität sein, wie z.B. Pomfret, Thunfisch, Seer fish etc., nicht Ölsar­dinen, Sardellen und Makrelen (Choudhury 1986). Außerdem entdeckte man in kü­stennahen Gewässern große Vorkommen an Krustentieren, die bei der Ernährung der ein­heimischen Bevölkerung nicht genutzt wurden und höchstens als Dünger in der Landwirt­schaft Verwendung fanden. Das inzwischen stark angestie­gene Weltpreisniveau für Quali­tätsfisch und Krustentiere bewirkte eine Änderung der Fang- und Vermarktungsstrategie. Ge­fördert wurde nun vor allem der Fang von Garnelen für den internatio­nalen Markt (Nishad 1987).

Der indischen Regierung kam diese Strategieänderung gerade zur rechten Zeit, litt sie doch Anfang der 60er Jahre unter einem empfindlichen Devisenmangel. Der Handel mit auf dem Weltmarkt hochbe­zahlten Meerestieren wie Garnelen, Tintenfischen, Langusten sollte die dringend benötigten Devisen einbringen. Es dauerte nicht lange, bis große Industrieun­terneh­men wie z.B. Tata, Union Carbide, Kelvinator, ITC Ltd. auf den nun lukrativen Fischereibereich aufmerksam wurden. In der Schiffswerft des Indisch-Norwegischen Fischereiprojektes wurde mit dem Bau von 10 m langen Trawlern begon­nen, die mit 84 - 90 PS starken Motoren zum Schleppnetzfang aus­gestattet wurden. Für den Fang der am Meeresboden lebenden Garnelen und Langusten wurden in Zusammenarbeit mit dem Central Institute of Fisheries Technology spezielle Grund­schleppnetze entwickelt (Platteau 1984).

So gab es z.B. 1969 in Kerala etwa 1.200 Trawler, wovon 780 Boote kleiner als 10 m und die übrigen zwischen 10 und 15 m groß waren (George 1988: 11). Fast alle dieser Boote wurden zum Garnelenfang eingesetzt. Viele befanden sich schon damals in Händen von Unter­nehmen. 1980 waren nur 745 von 2.630 beim Garnelenfang eingesetzter Boote im Besitz von Fischern oder Fisch­erkoope­rativen (George 1988: 11ff; vgl. Nishad 1987). Es entstand so eine Schicht von Unter­nehmern, die - absenttee owner gleich - nur am schnellstmöglichen Profit interessiert waren (Pan­gare 1993: 34; vgl. Kurien 1980). So hielt das „big busi­ness“ Einzug in die Fischerei (Kurien 1978).

Das so entstehende Problem war nicht ein Konflikt zwischen Markt- und Subsistenzwirtschaft. Auch die Kleinfischer waren in sehr hohem Maße an Märkte angebunden, vor al­lem dann, wenn sie über kein eigenes Ac­kerland verfügten und Nahrungsmittel deshalb zukaufen mußten. Die Kleinfischer waren jedoch in hohem Maße immobil - sowohl räum­lich als auch beruflich -, d.h. sie waren auf die Ressourcen angewiesen, die sie bereits seit Generationen ausbeuteten Sie konnten kaum ein Interesse daran haben, diese Ressourcen über ihre Regene­rationsfähigkeit hin­aus zu nutzen. Anders die Unternehmer, die von außen in diesen Wirtschaftsbereich vordrangen. Sie waren mobil, ihr Interesse war, die Ressourcen vollständig auszubeuten, denn mit jedem Kilogramm Garnelen, das mehr gefangen wurde, stieg der Gegenwert ihrer Investition. Je höher die Aus­beutung der Ressource war, desto höher war auch der Profit (vgl. Shiva 1991: 318ff). Würde die Resource vollständig ausgebeutet sein, haben sie die Möglichkeit, sich anderen gewinn­bringenden Beschäftigungen zuzuwenden. Diese Möglichkeit ist den lokalen Klein­fischern nicht gegeben. Bis Mitte der 80er Jahre war die Anzahl der mechanisierten Boote in Kerala auf über 30001 angestiegen, wovon mehr als die Hälfte davon ohne die notwendige Lizenz betrie­ben wurde (Down to Earth, 15.04.1993: 33; Nair 1989: 104).

Was ürsprünglich dazu gedacht war, die Proteinversorgung der einheimischen Bevölke­rung zu verbessern, diente nun dem Profit der Großkonzerne, den Gelüsten zahlungskräfti­ger Konsumen­ten in den Industrienationen und der Devisenkasse des indischen Staates (Galtung 1984: 254). Die indische Oberschicht vergaß schnell ihre Tabus und ihre Ab­neigung gegen Fisch und dem Fang desselben. Der Einstieg in den neuen Wirtschafts­zweig wurde zudem durch eine ganz be­sondere Vergünstigung versüßt: die am Export be­teiligten Firmen erhielten über diesen Umweg eine Importberechtigung, ohne die es ihnen nicht möglich war, Investitionsgüter nach Indien ein­zuführen (Kurien 1978: 1562). Überall an der Küste Keralas entstanden nun Bootswerften, Eis­fabriken, garnelenverarbei­tende Industrien. Zentrum dieser aufstrebenden Industrie war das Ge­biet von Neendakara und Sakthikulangara, das von den Einheimischen bald „Klein Amerika“ genannt wurde (Galtung 1969: 10).

7.4.2 Kleinfischer contra Purse-Seiner: von Trawlern und Purse-Seinern eingekreist

Das Purse-Seine Netz (Ringwade, Umschließungsnetz) wurde in Südamerika entwickelt und in Indien erstmals 1975 (Murickan 1987: 6). Bei diesen Netzen handelt es sich um riesige Beutelnetze, die ganze Schulen oberflächennaher Fischarten (z.B. Makrelen, Sardellen und Sardinen) abfischen (v. Brandt 1964, 1975, 1984). Bevor um 1979 die Purse-Seiner auch in Kerala eingeführt wurden, fischten viele dieser Boote be­reits von Karnataka aus vor den Küsten Keralas und führten dazu, daß etwa zehn Prozent der Kleinfischer alternative Be­schäftigungen aufnehmen mußten. (Menon 1985: 22; vgl. Choudhury 1986; Korakandy 1984). Zu Beginn der 80er Jahre fingen Purse-Seiner zu 92 Prozent Sardinen und Makrelen, Fischarten, die bislang ausschließlich von Kleinfischern gefangen wurden (Korakandy 1984: 567).2

Der Konflikt zwischen Kleinfischern und mechanisierter Fischerei enthält demnach zwei Aspekte: zum einen handelt es sich um einen Konflikt bezüglich des Fischereiraumes. Trawler­fischer und Kleinfischer konzentrieren sich vor allem in den küstennahen Gewäs­sern. Selbst wenn sie unter­schiedliche Fischarten fangen, kommt es dennoch zum Konflikt, weil die beiden unterschiedlichen Fischereitechnologien nicht kompatibel sind. Während die Trawlerfischerei eine aktive Art des Fanges ist, wenden die Kleinfischer zumeist pas­sive Fangmethoden an. Ein Trawler, der mit seinem Schleppnetz die bodennah lebenden Garne­len abfischt, zerstört dabei auch häufig die Kiemennetze der Kleinfischer, die wie Stell­wände im Wasser stehen. Viele Auseinandersetzungen in den frühen 70er Jahre hat­ten vor allem darin ihre Ursache (Tandel 1981: 23). Erst später, als sich die Über­fischung der Küstengewässer Keralas allmählich andeutete und die Kleinfischer begannen Garnelen zu fangen, kam ein zweiter Konflikt hinzu: der Streit um dieselben Ressourcen (Sathiendrakumar/ Tisdell 1982). Bei der lukrativen Garnelenfischerei wurden die Kleinfischer durch die Traw­ler vom Zugang zu den Ressourcen ausgegrenzt. Durch eine ein­zige Fangfahrt können Trawler einen ganzen Küstenstreifen nahezu lückenlos leerfischen. Mit Einzug der Purse-Seiner wurden nun auch jene Fischarten gefangen, die bislang ausschließ­lich den Kleinfischern bebehalten waren (Dwivedi 1973).

Während beim ersten Konflikt die Forderungen der Kleinfischer vor allem darin bestanden, beschädigte Netze (und z.T. auch Boote) ersetzt zu bekommen, tritt beim zweiten Konflikt die Forderung nach einer Ausgrenzung der mechanisierten Boote aus dem Fischereiraum der Kleinfischer in den Vordergrund.

Sowohl Trawler als auch Purse-Seiner sind für die Fischerei in tieferen Gewäs­sern ent­worfen. Nach den Gesetzen der meisten indischen Küstenanrainerländer dürfen sie küsten­nah über­haupt nicht fischen. So ist in Kerala z.B. eine Zone von 10 km von der Küste den Kleinfischer vorbe­halten (Verghese 1989: 4); in der Nacht und während der Monsun­zeit dürfen Traw­ler nicht näher als 22 km zur Küste fischen (India Today 31.07.1988, 30.09.1989). Diese Bestimmungen werden jedoch nicht ein­gehalten und von der Regie­rung Keralas (und anderer Bundesländer) auch nicht ernsthaft überwacht (Kurien 1984).

Da der Fischreichtum in küstennahen Gewässern am größten ist und die besten Fanger­geb­nisse während der Monsunzeit erzielt werden können, ist eine räumliche und zeitli­che Be­grenzung der Trawler ökonomisch nicht sinnvoll. Viele dieser Boote müßten ihren Betrieb einstellen, wenn die bestehenden Gesetze konsequent angewandt würden. Eine Untersuchung im Auftrag der Regierung Keralas hat ergeben, daß in den Monaten Juni-August das Garne­lenvorkommen in küstennahen Gewässern etwa 10 mal höher ist als im September (Indian Express, 07.10.1989). Die Trawler erreichen deshalb hier während der Monsunzeit eine Produktivität, die um ein Vielfaches über der der Tiefseefi­scherei liegt. Hinzu kommt, daß sowohl Anfahrtsweg als auch -zeit geringer sind. Dies hilft, Treibstoffkosten zu senken und führt damit gegenüber der Tiefseefischerei zu einer wesent­lichen Senkung der Betriebskosten (Sathiendrakumar/Tisdell 1982: 24). Trotz der sozialen und ökologischen Beden­ken gegen die Trawler fischerei während der Monsunzeit, war der politische Einfluß der Bootsbesitzer groß genug, die gesetzlichen Bestimmungen zur Monsunfischerei in Kerala lockern zu können. Bei seiner Einführung 1989 galt das Fangverbot 40 Tage, 1990 wurde es auf 21 Tage verkürzt und 1992 waren es 23 Tage, während denen in der Monsunzeit die Trawler nicht zum Fischfang ausfahren durften (Pangare 1993: 36).

7.4.3 Die Auswirkungen der Mechanisierung auf die Kleinfischer

Mit der Modernisierung des Fischereisektors war nicht lediglich ein moderner Wirtschafts­sektor entstanden, der losgelöst vom „traditionellen“ Sektor existiert und der keinerlei Ein­fluß auf die Kleinfischerei hat. Vielmehr sind die Verflechtungen vielfältig. Es zeigte sich, daß die Fischer, die moderne Technologien einsetzten, eine vielfach höhe­re Produktivität er­reichten als die Kleinfischer und damit ein ungleich höheres Ein­kommen erziel­ten. Bis in die späten 60er Jahren stiegen Produktivität und Einkommen in beiden Sektoren an, da auch die Kleinfischer vom Preisanstieg für Fisch und Garnelen profitieren konnten.

Ab Mitte der 70er Jahre, als die Konkurrenz sich nicht mehr nur auf den Operationsraum, sondern auch auf die Fischarten bezog, ging aber die Produktivität im Kleinfischersektor deutlich zurück, zumal durch den Schleppnetzfang auch die Brut anderer Fischarten dezi­miert worden war (Iyengar 1985). Im modernen Sektor hatten die hohen Weltmarkt­preise dazu geführt, daß der Bestand an Trawlern und Purse-Seinern zu groß geworden war, so daß die modernen Boote mit­einander um die Fänge konkurrieren. Seit langem ist der moderne Fischereisektor Keralas vollkommen überkapitalisiert, was dazu geführt hat, daß die Rendite auf auf­gewandtes Kapital, die 1969 noch 14% jährlich betragen hatte, inzwischen negativ ist. Subventionen verhin­dern jedoch, daß sich die Anzahl der modernen Boote ver­ringert (Kurien 1987: 84).1 Ohne diese Subventionen sind die mechanisierten Boote nicht mehr profitabel und schnei­den gegenüber den traditionellen Boot-Netz-Kombinatio­nen denkbar schlecht ab. Durch die weitaus geringeren Investitionskosten wird in der Kleinfischerei eine höhere Wirtschaftlichkeit er­reicht als in der modernen. Der indische Staat hat jedoch allen Grund, die Subventionen für die moderne Fischerei beizubehalten. Durch sie kann „wertlose“ einheimische Währung (in Form von Subventionen) in Devisen umgewandelt werden. Dies kann jedoch nicht der einzige Grund sein, die industrielle Fi­scherei weiterhin staatlich zu fördern, denn die Garnelen, die von den Kleinfischern gefan­gen werden, brin­gen der Staatskasse ebenfalls Devisen ein. Die Kleinfischer haben allerdings - im Gegen­satz zu der starken Lobby der industriellen Fischer - kaum politisches Gewicht, um ihre Forderungen durchsetzen zu können.

Trotz der zunehmenden Unwirtschaftlichkeit des modernen Fischfangs konnten die Ge­winne der Besitzer moderner Boote kontinuierlich ansteigen. Neben den bereitgestellten Subventio­nen wurde dies durch einen relativen Rückgang der Arbeitereinkommen erreicht. 1969 erhiel­ten in Kerala die Arbeiter auf den modernen Booten einen Anteil von 63 Prozent vom Wert der Gesamtfänge. 1974 waren es nur noch 54 und 1982 gerade noch 45 Prozent. Die Boots­besitzer im modernen Sektor dagegen konnten ihren Anteil dementspre­chend steigern (Kurien 1988: 87f; vgl. Nishad 1987). Nach Kurien (1988) erzielte 1969 ein Bootsbe­sitzer einen Bruttoertrag von durchschnittlich 12.600 Rs im Jahr, 1974 waren es bereits 68.000 Rs und 1982 über 98.000 Rs (Kurien 1988: 88f).

Manche ehemalige Kleinfischer konnten eine Beschäftigung auf einem der vielen modernen Booten erhalten, doch darf dabei nicht übersehen werden, daß in der Kleinfi­scherei selbst viele Arbeitsplätze „vernichtet“ wurden (Galtung 1984: 256f). Beim Blick auf die Zahlen ist dies jedoch nicht sofort erkennbar, denn trotz aller Probleme im traditionellen Sektor nimmt die Zahl der aktiven Klein­fischer beständig zu. Betrachtet man sich jedoch die Ent­wicklung des Arbeitseinsatzes im traditionellen Sektor, dann wird deutlich, daß in diesem Sektor die Unterbeschäftigung sehr stark zugenommen hat. Trotz einer erheblich größeren Anzahl aktiver Fischer in Kerala werden jährlich bedeutend weniger Arbeitsstunden im tradi­tionellen Sektor geleistet. Damit einher geht auch ein star­ker Rückgang der Einkommen im Kleinfischerbereich (Nishad 1987) . Nach einer Un­tersuchung im Auftrag des Obersten Verwaltungsgerichtes von Kerala hatte 1979 der durchschnittliche Fang eines Fischers jähr­lich über 3,8 Tonnen Fisch betragen. 1984 waren es mit 1,55 Tonnen weniger als die Hälfte. Die Zahl der aktiven Kleinfischer hatte in diesem Zeitraum um nur 14 Prozent zuge­nommen (Down to Earth, 15.01.1994: 12).

Heute, über 40 Jahre nach dem Beginn der Modernisierung der Fischereiwirtschaft in Ke­rala, gehören die Kleinfischer zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen dieses indischen Bun­desstaa­tes.1 Für die Konsumenten von Fisch hat diese Entwicklung ebenfalls keine Ver­besserungen gebracht. Standen 1956 einer Person noch 14,5 kg Fisch im Jahr zur Verfü­gung, so waren es 1982 gerade noch 9,4 kg. Gehörte Fisch 1953 noch zu den billigen Nahrungsmittel, so zählte er 1985 zu den teuersten (Ibrahim 1992: 68; Kurien 1988: 91). Wurden 1956-58 noch 47 Prozent der gefangenen Ölsardinen auf lokalen Märkten verkauft, so waren es 1974-76 nur noch 28 Prozent (Galtung 1984: 256).

Diese am Beispiel Keralas beschriebenen Folgen der Modernisierung der Fischerei treffen für alle anderen indischen Küstenanrainerstaaten2 zu, wenngleich unterschiedlich stark. Seither hat die An­zahl der me­chanisier­ten Boote weiter erheblich zugenommen. Waren 1981 in ganz Indien etwa 17.500 me­chanisierte Boote registriert (Nerreter 1989: 100), sah der siebte Fünf-Jah­res-Plan für 1989-90 eine Steigerung auf 25.000 Boote vor. Die Anzahl der Hä­fen/Landungszentren für mech­anisierte Boote sollte im gleichen Zeitraum von 86 auf 140 erhöht werden (Srivastava et al. 1991: 328).

Lokal/regional kommen häufig weitere Aspekte hinzu, die das Leben und die Wirtschaftsweise der Kleinfischer bedrohen; so die Meeresverschmutzung in der Nähe von Großstädten und/oder Indus­trieanlagen (Tamil Nadu, Maharashtra), Atomkraftwerke (Tamil Nadu, Karna­taka), der Aufschwung des Küstentourismus (Goa, Kerala, Tamil Nadu, Orissa) (vgl. NFF 1989a; Dietrich 1989), aber auch internationale Konflikte wie z.B. dem zwischen Indien und Sri Lanka um Fischereirechte. Heute ist die Atmosphäre in vielen indischen Küstenregio­nen hochexplosiv. Gewalttätige Auseinander­setzungen, die auch immer wieder Menschenle­ben fordern, sind an der Ta­gesordnung.

„I don't see this as a law and order problem but a consequence of failing to address devel­opment issues. If we don't put a check to this, the situation is bound to explode. In Kerala, everybody is tense. The fisherfolk, the administrators, the politicans are tense. But nobody wants to get together and address the issue- it's so highly political. [...] The issue is whether they (the traditional communi­ties, d.Verf.) will be given a chance in the political economy of today“ (Kurien 1994: 44).

Johan Galtung faßt seine jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem indischen-norwegischen Fischereiprojekt in Kerala wie folgt zusammen:

„My evaluation is that it is a scandal, and not a partial scandal but a total scandal. [...] the INP project failed in four ways: less protein became available to the population, the level of living of the fishermen de­creased, partly violent conflict between the tradi­tional and modern sectors emerged, and depletion of the raw material, particularly the shrimps, set in. Still, however, the project was a success in the sense of being a major source of foreign currency“ (Galtung 1984: 259, 263).

7.4.4 Kleinfischer versus „big business“ - Der Segen der Aquakultur.

Durch die hohen Weltmarktpreise für Garnelen waren Gruppen auf die Fischerei aufmerk­sam geworden, die bislang ganz anderen Beschäftigungen nachgegangen waren. Der Ein­zug des big business durch den Einsatz von Trawlern in der Meeresfischerei ist ein Aspekt davon, der in den vorausgegangenen Kapiteln angesprochen wurde. Hochproduktive Garnelenfanggebiete, vor allem die Brackwasserseen und Lagunen an der Ostküste Indiens, haben in jüngster Zeit eben­falls die Aufmerksamkeit der Großindustrie auf sich gezogen und zu heftigen Auseinandersetz­ungen geführt. Gleichzeitig versuchen aber auch viele lokale Gruppen, vom Garnelenreichtum zu profitieren. Dies hat seit Mitte der 80er Jahre in vielen Regionen immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwi­schen unter­schiedlichen lokalen Kastengruppen geführt, die Mitte der 90er Jahre zu eskalieren dro­hen.1 Noch steht Indien ganz am An­fang der Garnelenproduktion in Aquakulturen. Ende der 80er Jahre wurde auf weniger als sechs Prozent der für Aquakulturen geeigneten Flächen tat­sächlich Fisch- bzw. Garnelen­zucht betrieben.

Tab. 9: Entwicklungspotential für Aquakulturen in Indien (in '000 ha)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Srivastava et al. 1991: 61

1992 produzierte Indien etwa 40.000 Tonnen Garnelen in Aquakulturen. China (200.000 Tonnen), Thailand und Indonesien (jeweils 150.000 Tonnen) liegen in dieser Hinsicht noch weit vor Indien (BDM, Dezember 1994).

„During the past few years, the Asian production profile has changed. Several of the large producers have experi­enced declines in production. Excessive use of chemicals and toxic substances adversely affected the coastal envi­ronment and thereby the productivity of aquaculture. In Taiwan, for example, shrimp production declined sharply from about 100,000 tones in 1987 to 30,000 tonnes in 1988“ (BDM, Dezember 1994: 16).

7.4.4.1 Kleinfischer contra Großindustrie: Das Chilika Aquatic Farms Ltd -Projekt (CAFL-Projekt) in Orissa.

Der Chilika-See im Süden des Bundesstaates Orissa ist Asiens größter Brackwassersee. Seine Länge beträgt 64 km und seine größte Breite 20 km. Vom Golf von Bengalen wird er durch eine 60 km lange Sandbank abgetrennt, die durchschnittlich 150m breit ist. Im nördlichen Küstenabschnitt gibt es eine schmale Verbindung zwischen dem See und dem Meer (Shankar 1992). Fischerei wird hier bereits seit Jahrhunderten betrieben. Die lokale Fi­scherbevölkerung, die am unteren Ende der Kastenhierarchie eingeordnet ist, hatte dazu ein äußerst kompliziertes Nutzungs­system entwickelt, das den einzelnen Fi­scherdörfern am See Fischereirechte für ein be­stimmtes Areal zuwies. Erst durch staatliche Intervention wurde dieses System untergra­ben, als Ende der 50er Jahre die neu entstande­nen Fischereigenossen­schaften damit beauf­tragt wurden, die Nutzrechte am See in regel­mäßigen Abständen an ver­schiedene Dörfer zu verpachten (Sridhar 1992: 64).

Solange die Garnelenpreise niedrig waren, hat sich außer den Fischern kaum jemand um den Fischfang gekümmert. Erst als Mitte der 60er Jahre ein gewaltiger Preissprung für Garnelen auf dem Weltmarkt stattfand, entdeckten auch andere, zumeist hochkastige Gruppen, daß sich mit Garnelen sehr viel Geld verdienen läßt. Die hohen Gewinne im Garnelengeschäft führten dazu, daß die Regierung von Orissa die Pachtgebühren innerhalb eines Jahres vervierfachte und Verpachtungen nun auch an Einzelpersonen zulässig wurden. So konnte es geschehen, daß sich die lokale Elite, aber auch immer mehr Geschäftsleute von außerhalb, die Fischerei­rechte sichern konnten (Sridhar 1992: 64). Innerhalb weniger Jahre hatten sich die lokalen Gemeinschaften so zerstritten, daß gewal­tätige Auseinandersetzungen unter ihnen zur Tages­ordnung gehörten.

„There is a direct link between the entry of commercial prawn cultivation and the rise in violence and crime in the area. It is so profitable that powerful interests have become well-entrenched in the area“ (Sridhar 1992: 64; vgl.auch: Ray 1994)

Bereits seit Mitte der 80er Jahre hatte auch immer wieder die indische Großindustrie Inter­esse daran gezeigt, den Chilika-See zur Garnelenzucht zu nutzen. 1988 nahm der TATA-Konzern Verhandlungen mit dem damaligen Ministerpräsidenten J.B. Patnaik (Congress-Partei) über die Errichtung eines Garnelenzuchtbetriebes auf. Nach den Landtagswahlen vom Februar 1990 schien das Projekt gestorben zu sein, da die Congress-Partei von der Janata Dal als regierende Partei abgelöst wurde. Biju Patnaik, der neue Ministerpräsident, hatte sich während des Wahl­kampfes gegen das Pro­jekt ausgesprochen und dadurch auch die Unterstützung der lokalen Fi­scher erhalten (Down to Earth, 31.08.1992: 30). Nach seinem Wahlsieg vollzog er jedoch eine vollkommene Wende und schon wenige Monate nach seinem Regie­rungsantritt begann der Tata-Konzern mit den Bauarbeiten vor Ort. Die Regierung Orissas war mit einem Anteil von 49 Prozent am Projekt vertreten, während die TATA Iron and Steel Co Ltd (TISCO) zu 30 Prozent, die TATA Oil Mill Co Ltd zu 18 Prozent und die Otto India Pvt Ltd zu 3 Prozent am Projekt be­teiligt sein sollten (Sridhar 1992b: 73).

Insgesamt hatte die Regierung Orissa 400 ha Land zu einem sehr niedrigen Preis von 835 Rs/ha an den Konzern verpachtet, auf dem zunächst insgesamt acht Teiche angelegt werden sollten. Weitere 380 ha Land wurden dem Konzern in Aussicht gestellt. Das Wasser für die Teiche sollte nach ihrer Fertigstellung aus dem See bezogen werden. Dazu waren 140 Diesel­pumpen - jede mit einer Leistung von 200 PS - vorgesehen (Ray 1994: 85).

Im Anfangsstadium sollte der jährliche Umsatz aus dem Export von Garnelen etwa 275 Mio. Rs betragen.Von den lokalen Fischern wurde befürchtet, daß das Projekt das hoch­sensible Ökosystem des Chilika-Sees unwiederbringlich zerstören würde und damit auch ihre Lebens­grundlage. Schon ohne das Projekt ist der See seit Jahren von der Verlandung bedroht. Ab­holzungen im Einzugsgebiet der Flüsse, die den See speisen, hatten dazu geführt, daß seine Größe von 906 (1914) bis Ende der 80er Jahre auf 800 km2 zurückgegan­gen war. Die durchschnittliche Wassertiefe hatte in diesem Zeitraum von 2,4 m auf 1,5 m abgenommen (Shankar 1992: 26). Durch die Wasserentnahme für die Teiche würde der Verlandungs­prozeß vorangetrieben. Zusätzlich würden die bei intensiv betrieben Aquakul­turen verwende­ten Chemikalien beim Austausch des Teichwassers dem Ökosystem des Sees zugeführt werden. Auch hierin sehen viele Umweltschützer ernste Gefahren, die allerdings von den Ver­antwortlichen des TATA-Konzern nicht geteilt werden.

Proteste der lokalen Bevölkerung, die häufig von der Polizei brutal niedergeknüppelt wurde, konnten erreichen, daß der Umweltminister der Zentralregierung, Kamal Nath (Congress-Partei), eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchführen ließ und das Projekt anschließend erst einmal auf Eis legte. Von großer Bedeutung waren auch die Ergebnisse eines Untersu­chungskommittees des Obersten Verwaltungsgerichts, das - ohne sich direkt auf das Tata-Projekt zu beziehen - zu dem Ergebnis gelangte, daß die Einführung der Garnelenzucht die dörfliche Harmonie empfindlich gestört hatte (Ray 1994: 86). Aus diesen Gründen erließ das Gericht ein Verbot für intensive Formen der Garnelenzucht, während traditionelle extensive Formen weiterhin zulässig sind.

7.4.4.2 Landarbeiter contra Aquakulturen: Die Garnelenzucht in Tamil Nadu

Während die Bevölkerung am Chilika-See erreichen konnte, daß das Gar­nelen­projekt des Tata-Konzerns eingestellt werden mußte, sehen sich Landarbeiter und Kleinfischer in Tamil Nadu durch ähnliche Projekte bedroht. Im August 1991 hatte die Regierung Tamil Nadus angekündigt, Aquakulturen verstärkt zu fördern.1 Genau drei Jahre später gelangten die ersten sozialen Konsequenzen einer solchen Politik an die Öffentlichkeit. Am 10. Au­gust 1994 wurde nahe Karaikal eine Protestversammlung von Landarbeitern von der Poli­zei mit Waf­fengewalt aufgelöst. 35 Hütten von Landarbei­tern wurden dabei niederge­brannt (Viswanathan 1994: 77).

Unzureichende Niederschläge, aber auch ein Streit mit der Regierung des benachbarten Bun­desstaates Karnataka um die Nutzung des Cauvery-Wassers, hatten die Landwirtschaft im nördlichen Teil des Cauvery-Deltas empfindlich gestört.

„The aquaculturalists, therefore, found no difficulty in acquiring land. About 150 firms owned by var­ied in­terests, such as businessmen, liqour barons, industrialists and politicians took possession of about 2,000 hectares using all means“ (Frontline, 02.12.1994: 78).

Innerhalb von weniger als zwei Jahren waren dadurch die Bodenpreise von 17.500 Rs/ha auf über 200.000 Rs/ha angestiegen (Viswanathan 1994: 78).2 Auch wenn nach dem Gesetz Aquakulturen auf landwirtschaftlich nutzbarem Land nicht errichtet werden dürfen, fanden viele Käufer Mittel und Wege, diese Bestimmung zu um­gehen; notfalls, indem sie das Land einfach für einige Zeit brach liegen ließen. Dort, wo diese Veränderungen als erstes einsetzten, lebten etwa 14.000 Landarbeiter­familien. Die meisten von ihnen sind heute arbeitslos und sahen sich gezwun­gen, das Gebiet zu ver­lassen, um woanders Arbeit zu finden. Einige der Landarbeiter haben sich jedoch unter Führung von S. Jagannathan und seiner Frau Krishnammal zu einer ge­waltfreien Protestbewegung zusammenge­schlossen mit dem Ziel, die Ausbreitung der Garnelen­zuchtbetriebe in der Region aufzuhalten.

„While millions of people are denied a quare meal a day, the country is forced to produce shrimp for the af­fluent abroad. Even as the Government is withdrawing subsidies given to the farmers, at the in­stance of the World Bank and the International Monetary Fund, hundreds of crores of rupees are given as loans and subsidies1 to big business and industrial concerns entering shrimp farming“ (Jagannathan, zit. nach Viswanathan 1994: 80).

Neben den sozialen Auswirkungen auf die Landarbeiter sieht die Protestbewegung Gefah­ren auch für die Umwelt. Indem ursprüngliches Reisland in Garnelenteiche umgewandelt wird, geht es für den landwirtschaftlichen Anbau unwiederbringlich verloren. Mit starken Pumpen werden die flachen Teiche mit Seewasser gefüllt, was in sehr kurzer Zeit zur Ver­salzung auch der umliegenden Felder führt und das Grundwasser gefährdet. Schon heute müssen viele Dörfer in Andhra Pradesh ihr Trinkwasser über Tanklastwagen beziehen, weil das Grundwasser un­genießbar geworden ist. Einige Dörfer mußten sogar umgesiedelt werden (Pandey/Chaturvedi 1994; Subramanyam 1994). Gefahren gehen auch von den Chemikalien aus, die bei der Garnelenzucht eingesetzt werden, auch wenn sie häufig Krankheiten nicht verhindern können.

„Intensive prawn monoculture has repeatley seen epidemics wiping out entire crops [...] In Taiwan, aquacul­ture has boomed since 1984 and production reached 100,000 tonnes by 1987 - 21 per cent of Asia's cultured shrimps. The yield nose-dived to 20,000 t in 1988, 10,000 t the following year and, later, less than 5,000 t“ (Down to Earth, 15.5.1995: 31).

Im September 1994 zerstörte eine Viruskrankheit die Produktion in Andhra Pradesh und Tamil Nadu fast vollständig. Garnelen im Wert von zwei Mrd. Rs gingen dabei ein.

„Even when the viral disease first showed up, the dollar-happy entreprenuers ignored the MPEDA's warning notes urging a voluntary crop-holiday“ (Martin 1995: 26)

Chlor, Nitrophosphate und Antibiotika können leicht ins Grundwasser gelangen, wenn das Wasser aus den Teichen nicht ordnungsgemäß entsorgt wird. Die Analyse von Boden- und Grundwasser-proben, die vom Gandhigram Rural Institute in Madurai durchgeführt wurde, hatte ergeben, daß in vielen Dörfern der Küstenregion Tamil Nadus schon nach weniger als zwei Jahren Garnelenzucht die Kon­zentration bestimmter Schadstoffe über den zulässigen Höchstwerten lag (Viswanathan 1994: 80). Unter dem Motto „ Towards Sustainable Aquaculture “ warb im März 1993 die indische Regie­rung auf der INDAQUA 93 in Madras mit den Garnelenprojekten in Tamil Nadu und Andhra Pradesh (INDAQUA Bulletin, 20.03.1993). Bislang unternahm auch die Regierung Tamil Nadus wenig, um auf die Bedenken der lokalen Bevölke-rung zu reagieren. Wissenschaftler und Vertreter der zu­ständigen Behörden weisen die geäußerte Kritik als übertrieben zurück, so auch der General Manager der Tamil Nadu Fisheries Development Corporation Ltd (TNFDC):

„It is unfortunate that the multi-billion-dollar project is meeting with so much resistance at its nascent stage. Scientific aquaculture will do no harm and, in fact, the answer to India's poverty and malnutri­tion lay in ex­ploring this gold mine“ (zit. nach Viswanathan 1994: 78).

Um die Goldmine „Garnelenzucht“ auszubeuten, ist die Zunkunft nicht mehr fern, daß Fi­scher ihre Fänge nicht mehr auf die lokalen Märkte bringen, sondern Aquakulturen beliefern, wo sie zu Garnelenfutter veredelt werden (Kurien 1994: 44).

7.4.4.3 Klein- und mechanisierte Fischer contra Tiefseefischerei oder: Wie zwei er­bit­terte Gegner Freunde werden

Seit mehr als 30 Jahren stehen sich Kleinfischer und mechanisierte Trawlerfischer in einem uner-bit­terlichen Kampf um Ressourcen gegenüber. Viel Blut ist bei unzähligen Auseinandersetzungen ge­flossen, viele Trawler wurden während dieser Zeit ein Raub der Flammen.1 Neuere Entwick-lungen in der indischen Fischereipolitik haben jedoch dazu geführt, daß sich diese beiden Gruppen gegen einen neuen, gemeinsamen Feind zusammengeschlossen haben: die Tiefseefischerei. An anderer Stelle wurde bereits darauf hingewiesen, daß die Tiefseefischerei in Indien bislang kaum eine Rolle spielte. Großen Investitionen standen immer bescheidene Gewinnen gegenüber (Dandekar 1987; Dasmunsi 1987). 1992 gab es in Indien nur 171 tiefseetaugliche Fangboote (GOI 1992-II: 7), die zumeist in den flacheren Küstengewässern fischten. Der Aufbau einer eigenen Tiefseefangflotte mit etwa 300 - 500 Schiffen, wie er in den 80er Jahre von der indischen Regierung ins Auge gefaßt worden war, scheint inzwischen gescheitert zu sein, obwohl die indische Regierung den einheimi­schen Bootswerften einen Zuschuß von 33 Prozent beim Bau von Tiefseetrawlern angeboten hatte (Fishing News Internatio­nal April 1980). Statt dessen konzentriert sich die Regierung inzwischen darauf, an ausländische Unternehmen Fanglizenzen zu vergeben. Bereits seit 1977 konnten ausländische Fangschiffe Genehmigungen erhalten, um in indischen Hohheitsgewässern zu fischen (Subramaniam/Kalavathy 1994: 77). 1985 waren es etwa 90 solcher Schiffe gewesen, und bis zu Beginn der 90er Jahre hatte sich ihre Zahl auf 680 erhöht (Down to Earth, 15.11.1993: 12). In der Regel sind die Fänge dieser Fangschiffe nicht für den indischen Markt bestimmt; im Rahmen von Gemeinschaftsbeteiligungen (joint ventures) besteht sogar eine Verpflichtung zum vollständigen Export („ hundred per cent export orientated schemes “) (Dasmunsi 1987: 13; Kant 1991: 26).

1993 beschloß die indische Regierung, weitere 2000 Lizenzen an indische und ausländi­sche Unternehmen zu vergeben „ to boost marine food exports “ (Subramaniam/Kalavathy 1994: 77). Kleinfischer, aber auch Besitzer von kleineren mechani­sierten Booten, befürchten, daß diese Fangschiffe die ihnen zuge­wie­senen Gebiete nicht einhalten und auch in flacheren, erheblich ertragreicheren Gewäs­sern fischen, wie dies bereits seit Jahren in Andhra Pradesh, Maharashtra und Ke­rala zu beobachten ist (Down to Earth, 31.01.1993: 10; Subramaniam/Kalavathy 1994: 78). Doch selbst wenn sich diese Schiffe tatsächlich auf die Tiefseegebiete beschränken, ist zu befürchten, daß die Küstenfischerei schweren Schaden nehmen wird, denn viele Fischarten halten sich während bestimmten Jahreszeiten in tieferen Gewässern auf.

Im Mai 1994 wurde in Ernakulam, Kerala, ein National Fisheries Action Committee Against Joint Ven­tures gegründet, dem sowohl Vertreter der Kleinfischer als auch der me­chanisierten Fischerei ange­hören. Im November 1994 traten in ganz Indien die Fischer in einen zweitägi­gen Streik, um gegen die Fischereipolitik zu demonstrieren (Business Standard 07.04.1994; Kocherry 1994: 81). Bislang konnte sich die indische Regie­rung jedoch noch nicht dazu durchringen, die Fischereirechte für ausländische Unternehmen zurückzunehmen (EPD-Entwicklungspolitik 6/1995). Der Minister für die nahrungsver­arbeitende Industrie (Union Mini­ster for Food Processing Industries (!)), T.K. Gogoi verwies darauf

„that the government cannot ban the private companies from the EEZ because of economic and em­ployment imperatives“ (!!!) (Down to Earth, 31.01.1995: 4).

Fast scheint es so, als mache sich die indische Regierung um die Arbeitsplätze auf den Schiffen fremder Nationen größere Sorgen als um die Einkommensmöglichkeiten der eigenen Fischer.

7.5 Zusammenfassung: Fischereientwicklung in Indien: Devisen vs Menschenrechte

Die in den vorausgegangenen Kapiteln beschriebenen Entwicklungen haben mehrere Ge­meinsamkeiten: in allen Fällen handelt es sich um Konflikte um den Zugang bzw. die Vertei­lung von Res­sourcen. In allen Fällen handelt es sich um Situationen, in die verschiedene Ak­teure ver­wickelt sind, deren wirtschaftliche Macht und politischer Einfluß unterschiedlich verteilt sind. Die Erwartungen dieser Gruppen lassen sich nur schwer miteinander zu Ein­klang bringen. Allen Konflikten gemeinsam ist auch, daß lokale Interessen von außen be­droht werden und Situationen entstehen, in denen die Lebensfähigkeit lokaler Gemein­schaften zer­stört wird.

Die von außen eingebrachten Interessen haben die Maximierung wirtschaftlicher Macht zum Inhalt. Die Repräsentanten dieser Interessen äußern zwar i.d.R., daß sie die lokale Situation verbessern möchten, indem sie mithelfen, Armut und Unterentwick­lung zu beseitigen, doch die Äußerungen entpuppen sich als nicht mehr als hüllenlose Lippenbe­kenntnisse. Die Reali­tät zeigt, daß die in Gang ge­setzten Entwicklungen häufig Armut und Unterentwicklung sogar vergrößern.

Ein weiteres Merkmal der beschriebenen Bei­spiele besteht darin, daß die Versorgung der lo­kalen Bevölkerung mit Fisch deshalb unprofitabel ist, weil ihre Kaufkraft im Vergleich zu der der internationalen Konsumenten zu gering ist. Die Versorgung lokaler Märkte und das Be­streben nach Gewinnmaximierung lassen sich nicht vereinba­ren, zumindest solange nicht, wie das Kaufkraftniveau in Indien diesen niedrigen Stand beibehält.

Die indische Regierung und die Regierungen der angesprochenen Bundesländer befinden sich dabei in einem Dilemma. Auf der einen Seite fördern sie diese Entwicklungen durch ihre Politiken aus mehreren Gründen offensiv. Einerseits ist ihnen daran gelegen, durch den Ex­port von Fischereiprodukten Devisen zu erwirtschaften. Gleichzeitig sind auch viele Politiker direkt in den Handel mit Fischereiprodukten verwickelt, so daß der stattliche Profit aus dem Export nicht selten ihr eigener Profit ist. Auf der anderen Seite muß sich die Politik aber auch den negativen Seiten dieser Prozesse stellen, denn in einem Land wie Indien, in dem die Zusammensetzung der Regierungen über Wahlen geregelt wird, darf diese Macht des Volkes nicht unterschätzt werden.

So müssen die Regierungen eine Doppelstrategie verfolgen. Einerseits versuchen sie die Mo­dernisierung der Fischerei mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln voranzutrei­ben. Sie schrecken dabei auch nicht davor zurück, für diesen Zweck den staatlichen Re­pressionsappa­rat mit aller Härte einzusetzen. Andererseits müssen sie um eine (minimale) soziale Absiche­rung der Kleinfischer besorgt sein; sie müssen bestrebt sein, Unzufrieden­heit durch solche Maßnahmen zu kanalisieren. Die Befähigung dazu verschlechtert sich jedoch mit der prekä­ren Finanzsituation der Regierungen beträchtlich.

Bemerkenswert ist die Rolle, die die indischen Gerichte in solchen Konflikten einnehmen. In jüngster Zeit stellen sie sich immer häufiger hinter die politisch und wirtschaftlich schwächeren Gruppen und gegen die Interessen der (Groß)Industrie, wie z.B. bei der Ge­richtsentscheidung zum TATA-Garnelen­projekt in Orissa. Ähnlich ein Beschluß des Obersten Gerichtshofes vom Juni 1994 zum Rechtsstreit zwischen der Kerala Trawlnet Boat Operators' Accociation und den Interessensver­tretungen der Kleinfischer zum Verbot des Trawler­fischfangs während der Monsunzeit. In seiner Be­gründung, das Monsunfangverbot für rechtens zu erklären, gibt Richter B.P. Jeevan Reddy zu bedenken:

„Public interest cannot be determined only by looking at the quantum of fish caught in a year. [...] The Gov­ernment is under an obligation to protect the economic interest of the traditional fishermen and to ensure that they are not deprived of their slender means of livelihood“ (nach: Subramaniam/Kalavathy 1994: 77).

Solche Gerichtsentscheide können zwar nicht verhindern, daß Regierungen auch weiterhin hauptsächlich industrielle Interessen fördern und die Einhaltung einschlägiger Gesetze nur unzureichend überwachen, sie sind trotzdem von großer Wichtigkeit, da sie der politischen Vertretung der Kleinfischer den Rücken stärken.

Die Entwicklungen im Fischereibereich, die durch hohe Weltmarktpreise für Garnelen und andere Fischereiprodukte sowie durch den ungehinderten Zugang zu den Märkten in den Industrienationen erst möglich wurden, lassen wenig Verheißungsvolles erwarten, wenn ähnli­che Rahmenbedingungen auch für den landwirtschaftlichen Bereich bestehen. Die Uruguay-Runde des GATT hat eine solche Liberalisierung eingeläutet, und die indischen Erzeuger, vor allem die Agro-Industrie, haben bereits begonnen, sich darauf einzurichten. Dabei gilt es nicht nur, die Exporte in diesem Bereich zu steigern, sondern die Hersteller haben auch den indischen Markt ins Auge gefaßt.

1991 betrug der Jahresumsatz der nahrungsverarbeitenden Industrie in Indien etwa 100 Mrd. Rs, das waren etwa 18 Prozent des gesamten Industrieumsatzes. Mit jährlichen Wachs­tumszahlen von sechs Prozent in den letzten Jahren ist die wirtschaftliche Rezession an diesem Wirtschaftsbereich weitgehend vorübergegangen. Die Profite aus diesem Be­reich liegen mit knapp 10 Prozent deutlich über den durchschnittlichen Raten der Industrie (7,4 Prozent). Die Exporte des Agro-business, die 1991 einen Wert von etwa 30 Mrd. Rs erreichten, sollen bis 1995 auf 150 Mrd. Rs gesteigert werden, wobei etwa die Hälfte davon verarbeitete Nah­rungsprodukte sein werden (Hindu Survey of Indian Industry 1993: 397).

In Indien selbst gehören vor allem urbane Mittelschichten zu den Konsumenten der Pro­dukte der nahrungsverarbeitenden Industrie. Nur sie können sich die - im Vergleich zu agraren Frischpro­dukten - ungleich höheren Preise leisten. Mit Coca Cola, Pepsico und Kellogg haben inzwischen drei führende Transnationale Konzerne aus diesem Bereich auf dem indischen Markt Fuß gefaßt. Kellogg konzentriert sich augenblicklich auf die Ver­marktung von „Frühstücksgetreide“, Coca Cola neben den bekannten „Erfrischungsgetränken“ auf Kartoffel­chips und gesalzene Erdnüsse und Pepsico auf Kar­toffelchips und Tomatenketchup. Eigens damit Kellog seine Getreidefloc­ken1 auf dem indi­schen Markt anbieten kann, haben die Gesundheitsbehörden die Lebensmittel­schutzbe­stimmungen geändert. Der US-Konzern kann nun in seinen Flocken das Anti-Oxidati­onsmittel BHA verwenden (EPD-Entwicklungspolitik; 6/1995). Auch im achten Fünf-Jahres-Plan wird der Nahrungsmittel-verarbeitenden Industrie beson­dere Beachtung ge­schenkt:

„In India, hardly one percent of the annual production of fruit and vegetables is processed, while in Brazil and USA it is 70 per cent, in Phillipines 78 per cent, in Malaysia 83 per cent and in Thailand 30 per cent. High cost of packing, non-availability of packing machinery, non-availability of quality raw material at rea­sonable rates, lack of basic infrastructural facilities, etc., are some of the con­straints faced by this sector [...] Further promotion of food processing industries would require estab­lishment of large private sector units in rural areas for production of processed food items [...] Some large industrial houses have made in­vestment and provided extensive services which has resulted in higher production and exports of food prod­ucts“ (GOI 1992-II: 147f).

Die Palette der Gefahren einer solchen „agro-based“ Entwicklungsstrategie sind im Mo­ment noch unabsehbar. Analog zu den Entwicklungen im Fischereibereich könnte eintre­ten, daß lokale Produzenten ihre Anbauflächen an die Agro-Industrie verlieren, um dann lediglich als Lohnarbeiter auf deren Farmen und Fabriken zu arbeiten bzw. in Satelliten­farmen zu Zuliefe­rern für diese Industrien zu werden.

Die Preise für Nahrungsmittel werden durch diese neue Entwicklung weiter ansteigen. Mit der Förderung von Agro-Industrien und dem teilweisen Export ihrer Produkte wird das Ange­bot frischer Nahrungsmittel sinken, es sei denn, es kommen hochintensive An­bauformen mit all ihren ökologischen Auswirkungen zur Anwendung. In beiden Fällen werden die Nahrungsmittelpreise steigen: im ersten Fall durch das sinkende Angebot, im zweiten Fall durch die erheblich höheren Produktionskosten.

Angesichts des Verpackungswahns in den Industrienationen und den daraus entstehenden Rohstoff- und Entsorgungsproblemen kann der Sinn einer solchen agraren Strategie nicht nachvollzogen werden, es sei denn unter dem Gesichtspunkt, daß hier ein hochprofitabler Wirtschaftsbereich im Entstehen ist, der - wie schon beim Fisch - Nahrungsmittel einzig als Quellen zum Profit betrachtet und soziale, ökologische, aber auch kulturelle Bedenken als unwichtig abtut. Bedenklich sind auch die Pläne der indischen Regierung, den Anbau von Schnittblumen für den internationalen Markt energisch zu fördern. Wie bei der Exportförderung für tropi­sche Früchte werden auch durch diese Entwicklung landwirtschaftliche Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln wegfallen.

„During the Eighth Plan [...] popularisation of modern agrotechniques, especially of growing horti­cultural and floricultural crops in controlled conditions such as green/glass houses (!, d. Verf.), will be vigorously promoted“ (GOI 1992-II: 13).

Anfang 1992 verkündete die niederländische Fluggesellschaft KLM, daß sie ihre Flüge zwi­schen Amsterdam und Neu Delhi von drei auf sieben die Woche erhöhen wird. Trans­portiert werden sollen holländische Touristen sowie indische Diamanten - und Blumen. Indien stellt praktisch nur den Boden und das Wasser zur Verfügung. Und die Arbeits­kräfte. Ein Landar­beiter auf einem Blumenfeld wird dann am Tag höchstwahrscheinlich weniger verdienen als bei uns eine einzige Nelke aus Indien kosten wird. In Indien bleiben der ausge­laugte Boden und die Gifte aus den Pestiziden westlicher Chemiemultis zurück.

Insgesamt betragen die Planausgaben für den Gartenbau im achten Fünf-Jahres-Plan 10 Mrd. Rs - fünfzig Mal mehr als im vorherigen (Braßel 1994: 56).

Wie schon im Fischereibereich ist zu befürchten, daß sich gerade wirtschaftlich und poli­tisch schwache Gruppen gegen solche Interessen nicht behaupten können und im Konflikt­fall we­nig Gehöhr finden werden. Sie werden entweder ganz ausgegrenzt (marginalisiert) oder aber in neu entstehende Organisationsformen so integriert, daß ihre Ausbeutung be­reits vorpro­grammiert ist, denn sie stellen nicht mehr als einen Teil der Produktionskosten dar, die beim Ziel der Profitmaximierung und des Wettbewerbsvorteils auf dem Weltmarkt minimiert werden müssen. Als Konsumenten werden ihre Interessen ebenfalls mißachtet, denn ihr Anliegen ist es nicht, horrende Preise für moderne Produktlinien und Ge­schmacksrichtungen1 zu bezah­len, sondern zentral für sie ist, daß sie Nahrungsmittel in guter Qualität zu annehmbaren Prei­sen beziehen können, wenn sie schon daran gehindert werden, diese selbst anzubauen.

„An exploitative relationship can be defined as one in which the stronger party regularly gets more out of the relationship than the weaker one. Its long term effect is that rather than converging toward some common middle zone, the gap between the strong and the weak grows steadly wider as a result of their interaction. If we accept this plausible definition we would have to conclude that ordinary bargaining, and thus also the free market system, are generally unfair and exploitative. The free mar­ket systematically creates wealth, but it also systematically creates poverty“ (Kent 1992: 23).2

8 Staatliche Agrarpreis- und Nahrungsverteilung: Das Public Distribution System (PDS) in Indien

Nahrungspolitik in Indien ist ein äußerst sensibles Thema. Die agrarische Elite ist durch ver­schiedene Bauernverbände sehr gut organisiert, und auch heute noch besitzen viele der indi­schen Parlamentarier einen landwirtschaftlichen Hintergrund und sind deshalb für die Über­zeugungsarbeit der Agrarlobby sehr empfänglich. Wie bereits die Entwicklung der politischen Ökonomie zeigte, sind diese Bauernverbände inzwischen nicht mehr nur auf bundesstaatlicher Ebene organisiert, sondern versuchen, auch die Politik auf zentralstaatlicher Ebene zu beein­flussen. Die Wahlniederlagen der Congress-Partei in den Jahren 1977 und 1989 waren zumin­dest teilweise auf ihren Einfluß zurückzuführen.

Bei der Versorgung der Bevölkerung mit GrundNahrungsmitteln (vor allem Reis und Wei­zen, aber auch Pflanzenöl und Hülsenfrüchten) hat der indische Staat einen staatlichen Ver­tei­lungsapparat errichtet, der parallel zum freien Nahrungsmittelmarkt besteht. Durch diese In­tervention soll der Interessenskonflikt zwischen Produzenten und Kon­sumenten entschärft werden, um soziale Span­nungen auf einem niedrigen Niveau zu halten. Bei ärmeren Bevölke­rungsgruppen nehmen die Auf­wendungen für Nahrungsmittel einen erheblichen Anteil der Haushaltsausgaben ein. Der Bedarf für Nahrungsgetreide, dem staple food, ist äußerst unela­stisch. Schon geringe Produktionsausfälle können die Preise in die Höhe treiben (Siddiqui/Naqvi 1989). Preissteigerungen in diesem Bereich werden deshalb in der Be­völkerung äußerst sensibel wahrgenommen und führen schnell zu Unzu­friedenheit mit den po­litischen Entschei­dungsträgern, von denen erwartet wird, daß sie die Nahrungsmittelpreise niedrig halten. Besonders bei Haushalten, die nahe der Armutsgrenze wirtschaften, können sich Preisstei­gerungen bei Nahrungsmitteln katastrophal auswirken (Bapna 1990: 104).

Hungertote in Indien sind auch heute noch Realität, doch sie stellen ein Politikum dar, und keine Partei kann es sich leisten, nicht schon bei den ersten Anzeichen einer Versor­gungs­krise tätig zu werden. Dies ist vor allem auch deshalb der Fall, weil sich eine wach­same Presse als wichtiges „Frühwarnsystem“ bei Versorgungskrisen bewährt hat (Frontline 6.12.1991: 47-75; Ram 1990. Es ist unbestritten aber auch der Verdienst staatlicher Inter­vention, daß dem unabhängigen Indien großräumige Hungerkatastrophen bislang erspart blieben, wie sie sich noch bis in die erste Hälfte dieses Jahrhunderts immer wieder ereigneten (Drèze 1990: 13-122; Tyagi 1990a: 63ff).

Auch wenn Nahrungssicherheit in Indien von den Parteien als eine zentrale Frage des poli­ti­schen Überlebens wahrgenommen wird, heißt dies noch lange nicht, daß für die Zukunft schwerwiegende Versorgungskrisen und u.U. auch Hungerkatastrohen ein für alle mal ge­bannt sind. Ob es Indien gelingt, auf Dauer eine ausreichende Versorgung aller gesellschaftlicher Gruppen mit Nahrungsmitteln sicherzustellen, wird entscheidend davon ab­hängen, wie die unterschiedlichsten Konflikte bei der Produktion (Familienbetriebe <=> Agro-Industrie), der Verteilung (Binnenmarkt <=> Welt­markt; Stadt <=> Land) und der Konsumption von Nahrungsmitteln (arm <=> reich) in Zukunft gelöst werden können. Drei Aspekte wurden bereits angesprochen.

Erstens sind mit der Diskussion um Subventionskürzungen im Zuge der Strukturanpas­sungs­kredite, und im Zusammenhang mit der Uruguay-Runde des GATT, auch Nahrungsmittelsubventionen und deren Abbau in den Blickpunkt der Diskussion geraten. So ist es auch wenig verwunderlich, daß in Indien gerade zu Be­ginn der 90er Jahre die Re­formierung des staatlichen Verteilungssystems für GrundNahrungsmittel in die Wege geleitet wurde. Ein großes Manko an der gegenwärtigen Diskus­sion um Subventionskürzun­gen im Nahrungsmittelbereich besteht ohne Zweifel darin, daß vor allem ökonomisch be­gründete Argumente ins Feld geführt werden. Es wird wenig be­rücksichtigt, daß Versor­gungssicherheit mit Nahrungsmitteln in Indien - angesichts eines Anteils von etwa 50 Prozent der Bevölkerung, der unter der Armutsgrenze oder nur unwe­sentlich darüber lebt - unzwei­felhaft eine soziale Dimension besitzt und - dies ist glückli­cherweise den politischen Ent­scheidungsträgern noch nicht ganz aus dem Bewußtsein ent­schwunden - auch eine politische.

Zweitens sehen sich die Landwirte in Indien noch immer als Opfer einer Entwicklung, die den industriellen Aufbau seit der Unabhängigkeit in den Mittelpunkt stellte. Durch den Abbau von Privilegien, d.h. durch die Abschaffung von Produzentensubventionen für Dün­gemittel, Pesti­zide und Energie, fühlen sie sich in ihrer Opferrolle bestätigt. Gleichzeitig sehen sie sich aber auch von den Bestimmungen des GATT-Abkommens bedroht, auf das sie z.T. äußerst militant reagierten. Die Regierung versuchte, diese Unzufriedenheit dadurch zu besänftigen, daß sie die staatlich festgesetzten Produzentenpreise in den vergan­genen Jahren mehrfach angehoben hat. Die Opposition bemühte sich ihrerseits, die Un­zufriedenheit der Landwirte politisch gegen die amtierende Regierung zu nutzen. Die ge­samte politische Opposition, von den kommunistischen Parteien bis hin zu den nationali­stischen Hinduparteien, hatte sich gegen die Ratifizierung des GATT-Abkommens durch die Regierung ausgesprochen (Menon/Muralidharan 1994). Von den „linken“ Parteien wurde sogar zu einer Kam­pagne des Zivilen Ungehorsams aufgerufen (Nageshwar 1994). Gleichzeitig haben die Auseinandersetzungen um GATT die Spaltung der indischen Bauernverbände vertieft. Eine Gruppe um den Bauernführer Sharad Joshi sprach sich für die Annahme der Verträge aus, weil sie sich - durch den verbesserten Zu­gang zu den Märkten der Industrienationen bei stei­genden Weltmarktpreisen für Agrar­pro­dukte - eine Verbesserung ihrer Situation verspricht (Omvedt 1992, 1993; Pad­manab­han 1993; Roychowdhury/Shankar 1993).

Drittens setzt die indische Regierung immer mehr auf die Förderung der Agro-Industrie. Die Ab­sichten sind durchschaubar. Über die Förderung des Exportes agrarer Produkte will sie ihre negative Handelsbilanz ausgleichen. Gleichzeitig versucht sie aber auch, ausländi­sche Un­ternehmen zu Investitionen im Agrarbereich zu ermutigen, weil dadurch Investiti­onskapital nach Indien strömt. Im Moment ist noch nicht absehbar, welche Auswirkungen diese Ent­wick­lungen haben werden. Einerseits können verbesserte Exportmöglichkeiten u.U. die Ein­kom­mensmöglichkeiten mancher Produzenten erhöhen. Durch die geringe Kaufkraft großer Grup­pen der indischen Bevölkerung sind hohen Profit­raten aus landwirtschaftlicher Tätigkeit auf dem Binnenmarkt enge Grenzen gesetzt. Eine grundsätz­liche Änderung wäre nur dann zu er­warten, wenn sich die Kaufkraft entscheidend verbessert. Dies wäre jedoch nur durch die An­hebung der Einkommen für Landarbeiter, aber auch für die Beschäftigten im informellen Sek­tor und in der Kleinindustrie zu erreichen. Die Aussicht auf verbesserte Export­möglich­keiten löst dieses Dilemma scheinbar, denn so können bei gleichbleibend niedrigem Ein­kommensni­veau großer Bevölkerungsgruppen dennoch stattliche Gewinne erzielt werden. Gleichzeitig werden aber vor allem kleinere Produzenten in den agraren Vorzugsgebieten verschwinden, weil sie gegen die indische und verstärkt ausländische Agro-industrie nicht konkurr­ieren können. Bislang verzögern die Gesetze der Landreform die Landkonzentration noch. Doch diese gelten nicht für be­stimmte Plantagenpro­dukte, und außerdem gibt es Be­strebungen der indi­schen Regierung - auf Anraten der Weltbank -, die Obergrenzen für Landbesitz abzuschaffen (Braßel 1994: 56).

Diese in wenigen Worten beschriebenen Veränderungen der wirtschafts- und handelspoliti­schen Rahmenbedingungen bei der Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln wird auch in Zukunft das staatliche Verteilungssystem stark be­einflussen. Wenn es tatsächlich so sein sollte, daß staatliche Intervention in Indien zwar keine soziale Gerechtig­keit schaffen, aber wenigstens Hungerkatastrophen abwenden konnte, dann müssen die jüng­sten Reform­maß­nahmen mit großer Aufmerksamkeit und leider auch mit Besorgnis verfolgt werden.

8.1 Der Beginn staatlicher Kontrollpolitik bei der Verteilung von Nahrungsmitteln

Der Beginn staatlicher Interventionsmaßnahmen bei der Verteilung von Nahrungsmitteln in Indien hatte engen Bezug zu der Häufung großräumiger Hungerkrisen, die seit dem aus­gehenden 18. Jahrhundert bis zum Zeitpunkt der nationalen Unabhängigkeit Indien immer wieder heim­suchten (Bohle 1992: 98f). So wird aus der Zeit zwischen 1770 und 1900 von 22 größeren Hungersnöten berichtet; bei der Hungersnot 1770 in Bengalen sollen dabei etwa 10 Millionen Menschen den Tod gefunden haben, was damals etwa einem Drittel der Bevölkerung des be­trof­fenen Gebietes entsprach (Annadurai 1992: 9; Sen 1987: 39).

Vor 1943, dem Jahr der großen Hungersnot von Bengalen (s.u.), wurde von staatlicher Seite allerdings wenig unternommen, um solche Ereignisse über den dauerhaften Eingriff in das Nah­rungs­system zu verhindern,1 ganz im Gegenteil: das Landbesitzsystem in Bri­tisch Indien und die Frei­handelspolitik der Briten beim Nahrungsmittelhan­del, die Getreideexporte aus Indien sogar in Mangeljahren nicht unterband (Bhatia 1967), waren wenig geeignet, Hun­gersnöte wirkungsvoll zu bekämpfen (Naoroji 1888; Dantwala 1973). Durch die unter­schiedli­chen Pachtsysteme,2 die zu einer erbar­mungslosen Ausbeutung der Pächterschaft durch die Steuereintreiber führte, wurde den Bauern wenig Anreiz zur Steigerung der Pro­duktion gege­ben (Annadurai 1992: 9). Hinzu kam, daß das traditionelle Dorfhandwerk - vor allem das Textilhandwerk - durch billige Importe aus Groß­britan­nien zerstört wurde und viele in den ländlichen Gebieten ihrer außerlandwirtschaftlichen Existenz­grundlage beraubte (Dutt 1960). Damit nahm der Druck auf die Landwirtschaft erheblich zu.

Da vor dem Zweiten Weltkrieg die Verteilung von Nahrungsmitteln vollkommen den Kräften des Marktes überlassen wurde, führte dies besonders in Mangeljahren dazu, daß sich Nahrungsmittelpreise und die Einkommen der Armutsgruppen gegenläufig entwickelten (Annadurai 1992: 10f). Dies wurde noch dadurch verstärkt, daß durch Nahrungsspeku­lationen die Knappheit künstlich vergrößert wurde. Hinzu kam, daß in den 20er Jah­ren dieses Jahrhunderts die Getrei­deproduktion häufig von anderen Anbaufrüchten - vor allem Baum­wolle und in SüdIndien Erd­nüssen - verdrängt wurde (Rothermund 1985: 100f).

Im Gegensatz zu ihren Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg in Europa, als die Briten staatliche Mechanismen zur Kontrolle der Nahrungsmärkte anwandten (Preisbeschränkungen, Ra­tionierung, staatliche Aufkaufstellen etc.), wurden in Indien sol­che Maßnahmen vor 1943 nicht als notwendig erachtet (Bhatia 1967)

Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg wechselten sich Phasen hoher mit Pha­sen extrem niedriger Agrarpreise ständig ab (Rothermund 1985: 90ff). Es ist deshalb nicht ganz richtig, wenn man behauptet, daß während der kolonialen Zeit „ the producers never got remunerative prices for their crops “ (Randhawa 1986: 222). Richtig dagegegen ist, daß das System des Steuereinzugs unter den Briten so unflexibel geworden war, daß Mißernten für kleinere Land­wirte3 mit Landverlust und sozialem Abstieg verbunden waren. Mittlere und größere Landwirte, die einen vermarktungsfähigen Überschuß erwirtschafteten, konnten hingegen von den steigenden Agrarpreisen und z.T. fallenden Bodenpreisen profitieren. In guten Erntejahren konnte es den marktabhängigen Landwirten wiederum passieren, daß ein Überan­gebot die Agrarpreise sinken ließ. Großhändler konnten diese Situation für sich nut­zen, indem sie Nahrungsmittel, die sie billig aufgekauft hatten, erst einmal einige Zeit lager­ten und damit vom Markt fernhielten. Sie erzeugten damit eine Knappheit, die nicht durch das Produktionser­gebnis zu erklären war. Wenn dann die Preise kräftig angezogen hatten, konn­ten sie ihre La­gerbestände mit gutem Gewinn verkaufen (Randhawa 1986: 222). Hinzu kam, daß sich auch die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren in vielerlei Hinsicht negativ auf die Landwirte in Indien auswirkte (Rothermund 1985: 113ff).

In vielen Gegenden Indiens kam es aus unterschiedlichen Gründen immer wieder zu Bauern­unruhen. Viele der unzufriedenen Bauern schlossen sich der indischen Unabhängigkeits­be­wegung an, die dadurch ihre Basis auswei­ten konnte, gleichzeitig aber auch die Interessen der Bauern in ihr Programm aufnehmen mußte. Die Unterstützung der Bauern und Pächter für den Indischen National Congress führte bei den Wahlen von 1937 dazu, daß die­ser seine politische Macht erheblich aus­bauen konnte (FRANKEL 1978: 28ff; Rother­mund 1985: 119).1

8.1.1 Die Anfänge des Public Distribution Systems 1942/43

Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, setzte in Indien, wie schon 1914, ein starker An­stieg der Agrarpreise ein. Gleichzeitig wurden auch erste staatliche Interventionsmaßnah­men im Nahrungsmittelbereich getestet, die anfänglich jedoch nur halbherzig durchgeführt wurden. Von der britischen Kolonialverwaltung wurde der Anstieg der Agrarpreise positiv bewertet, half er doch, die unzufriedenen Landwirte NordIndiens zu beschwichti­gen und die Unterstüt­zung der Bauern für den Indischen Na­tional Congress zurückzu­drängen (Rothermund 1983; 1985: 143). So wurde von britischer Seite zunächst wenig unternommen, um den Anstieg der Agrar­preise in Grenzen zu halten. Mit Wohlwollen be­obachtete die Kolonialver­waltung, wie sich die Agrar­preise stiegen. Bei den ersten Sitzungen der neuerrichteten Price Control Conference im Oktober 1939 und Januar 1940

„[...] no need was expressed to control the prices of foodgrains; rather price rise for agricultural commodities was considered as an incentive for the farmers [...] who suffered in the depression“ (Mishra 1985: 46).

Zwar hatte die Zentralregierung Ende 1939 die Provinzregierungen zur Festsetzung von Preis­kontrollen bevollmächtigt, da jedoch die einzelnen Provinzregierungen keine einheit­liche Politik verfolgten und der Handel mit Nahrungsmitteln keiner staatlichen Kontrolle un­terlag, führten diese Maßnahmen dazu, daß Getreide aus den Gebieten mit Preisbindung in solche mit freien (hohen) Preisen gebracht wurden (Mishra 1991: 45ff).

Mit der dritten Sitzung der Price Control Conference im Oktober 1941 gingen die Befug­nisse über Preiskontrollen im Nahrungsmittelbereich auf die Zentralregierung über (Suryanarayana 1985). Diese legte sogleich einen Höchstpreis für Weizen fest, ohne allerdings über einen hinreichend ausgebauten Überwachungsapparat zu verfügen. Nach wie vor ungelöst war auch das Problem, daß sich die Regier­ung in den Nahrungsmittelhandel nicht einmischen wollte, wodurch der Schwarzhandel mit Nahrungs­getreide be­günstigt wurde (Rothermund 1985: 145). Die ersten konkreten Maßnahmen eines sich entwic­kelnden staatlichen Verteilungssystems gingen deshalb auf die Initiative von Provinzregie­rungen zurück. Mit der kontrollierte Ausgabe von Nahrungsmitteln in sogenannten Fair Price Shops (FPS), wurden ab 1939 in Bombay erste Vorkehrungen getroffen, um Nahrungsmittelspekulationen einzudämmen (Gupta 1977: 61). Schon bald wurde diese Maßnahme auf die Provinzen Ben­galen, UP, Bihar, Madras u.a. ausgedehnt.

„The main beneficiaries of the system were the employees of Central and State Governments and in­dus­trial workers“ (Suryanarayana 1985: 25)

Wegen ihres geringen Umfangs war diese Maßnahme jedoch nicht mehr als „ a precau­tionary step “ gegen den Preisanstieg (Gupta 1977: 62). Als Burma 1942 von den Japa­nern besetzt wurde, und Britisch-Indien so ein wichtiges Reisanbaugebiet verlor, wurden von der Zentralre­gierung weitere Pläne für eine staatliche Interventionspolitik im Nahrungsmittelbe­reich erstellt. Diese blieben jedoch häufig aufgrund mangelnder Erfah­rung und fehlen­der Infrastruktur wirkungslos. Zudem versäumte es die Regierung zu diesem Zeitpunkt noch im­mer, eine konti­nuierliche Politik zu betreiben: in Bengalen wechselten sich Preiskon­trollen (1942), Aufkauf von Getreide in Überschußprovinzen (1943), anschließende Rückbe­sinnung auf Freihandel (1943) und erneute Preiskontrollen (1943) beständig ab und begün­stigten damit Nahrungsmittelspekulationen (Rothermund 1985; Suryanarayana 1985).

Im Gegensatz dazu konnte durch eine zielgerichtete Politik in der Madras Presidency, wo vom Juni 1942 an der Export von Reis über die Provinzgrenzen hinaus verboten war und we­nige Monate später mit einer staatlichen Aufkaufpolitik für Reis begonnen wurde, der Preis­anstieg unter Kontrolle gehalten werden: Der Reispreis war daher in Bengalen bald doppelt so hoch wie in Madras (Rothermund 1985: 145).

In Bengalen führte das konzeptlose Verhalten sowohl der Zentral- als auch der Provinzre­gie­rung zu einer entsetzlichen Hungersnot, der nach zuverlässigen Schätzungen etwa drei Millio­nen Menschen zum Opfer fielen (Sen 1981, Rothermund 1985: 146).

Bereits 1943, dem Jahr der Hungerkatastrophe von Bengalen, wurden in den größten indi­schen Städten damit begonnen, Rationierungssysteme einzuführen bzw. dort, wo bereits be­scheidene Anfänge in diese Richtung gemacht worden waren, diese auszuweiten. Mit der Ent­scheidung des Foodgrains Policy Committees von 1943, in allen indischen Städten mit mehr als 100 000 Ein­wohnern Fair Price Shops einzurichten, wurde ein In­terventionsinstrument ge­schaffen, das ganz Indien umfaßte und das die Grundlage für den allmählichen Ausbau des Public Distribution Sy­stems darstellte. Ende 1943 gab es in 13 indischen Städten solche Fair Price Shops, ein Jahr spä­ter waren es 103 und 1946 deckte das System bereits 771 Städte in Indien ab (Bapna 1990: 105). Unterschieden wurden dabei jene Gebiete, in denen der freie Markt praktisch abgeschafft worden war (statutory rationing) und solche, in denen parallel zum staatlich kontrollierten noch ein freier Markt bestand.

Interpretiert wurde die Hungerkatastrophe von Bengalen unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges als konjunkturelles und nicht als strukturelles Phänomen. So war es vorge­zeich­net, daß nach Ende des Krieges und der Erlangung der Unabhängigkeit die staatlichen Inter­ventionsmaßnahmen als hinfällig betrachtet und aufgegeben wurden.

8.1.2 Das PDS nach der Unabhänigkeit

Bei Kriegsende hatten sich die Preise für Nahrungsgetreide auf einem Niveau stabilisiert, das etwa vier Mal so hoch war wie das Vorkriegsniveau. Mit dem Korea-Krieg begannen sich die Getreidepreise erneut nach oben zu bewegen, so daß 1950 die Lebensmit­telrationie­rung wieder eingeführt wurde (Bapna 1990: 105; Suryanarayana 1985: 25).

Mit Beginn der indischen Entwicklungsplanung in den frühen 50er Jahren wurde das Pu­blic Distribution System als Wohlfahrtsmaßnahme übernommen und hatte zukünftig auch in Zei­ten Bestand, in denen keine Versorgungsengpässe zu befürchten waren. Nach und nach wurde versucht, das System auf ländliche Gebiete auszuweiten, was bis heute in manchen Bundes­staaten nur sehr unvollkommen gelang (Bapna 1990: 106). Dennoch kann nach der Anzahl der Fair Price Shops der ländliche Raum heute als verhältnismäßig gut ver­sorgt gelten.1

Ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre wurden die Nahrungsmittel - und dabei vor allem Wei­zen -, die durch das PDS verteilt wurden, hauptsächlich durch Importe aus Nordame­rika er­worben (Gupta 1977: 66-70). Zwischen 1954 und 1965 waren die staatlichen Auf­käufe bei indischen Produzenten weitgehend eingestellt worden. Zwar hatte das Foodgrains En­quiry Committee noch 1957 vorgeschlagen, den Getreidehandel in Indien vollkommen zu verstaatlichen und für Notzeiten anzu­legen, die indische Regierung entschied sich jedoch zunächst dafür, ausschließlich Getrei­deimporte für das PDS zu verwen­den (Bapna 1990: 106). Damit hatte sie ein Interventionsmittel in Händen, mit dem sie das Gesamtangebot an Nahrungsgetreide bei Bedarf erhöhen und somit die Preise auf einem bestimmten Niveau stabilisieren konnte. Inflationäre Auswirkungen, die für den Fall befürchtet worden waren, daß der Staat einen Teil der Getreideproduktion für das PDS aus der indischen Produktion entnehmen würde, sollten dadurch verhindert werden.

Mitte der 60er Jahre änderte die Regierung jedoch diese Politik grundlegend. Es wurde damit begonnen, Getreidelager (Buffer Stocks) einzurichten, die zunächst hauptsächlich durch Im­porte, später aber immer mehr durch eine Entnahme aus der einheimischen Produktion auf­gefüllt wurden (Gulati/Krishnan 1975: 833; Parathasarathy 1994: 74ff). Die Errichtung solcher Getreidelager war als notwendig erachtet worden, als nach einer Reihe von Mißernten (1962/63, 1965/66 und 1966/67) auch mit Nahrungsmittelimporten die Preise nicht unter Kontrolle ge­halten werden konnten (Frankel 1978: 246ff). Übertragen wurde die Aufsicht über die Getreide­lager der 1965 geschaffenen Food Corpo­ration of India (FCI), die Beschaffung, Lagerung, Transport und Verteilung von Nah­rungsge­treide unter einer einzigen Verantwortlichkeit durchführen sollte (ausführlich: Chopra 1979).

Mit dem Ende der 60er Jahre, d.h. mit dem Beginn der Grünen Revolution in Indien, nah­men Getreideimporte beständig ab, und die Beschaffung von Nahrungsgetreide durch die FCI wurde dementsprechend immer mehr auf den indischen Markt verlagert. Stammten 1966 noch 14 Prozent des verfügbaren Nahrungsgetreides aus Importen, so reduzierte sich dieser Anteil in den Jahren nach 1975 bis auf wenige Ausnahmen (1982:1.4%; 1983:3.5%; 1984:1.8% und 1988:2.9%) auf weniger als ein Prozent der Gesamtverfügbarkeit (Economic Survey 1993/94: S-25).

Das bei der Gründung der FCI angestrebte Ziel, eine Getreidereserve von fünf Mio. Ton­nen anzu­legen, wurde bereits 1971 erreicht und konnte in den folgenden Jahren beträchtlich überschritten werden (Gupta 1977: 71). 1985 wurden mit fast 29 Mio. Tonnen das bislang höchste Ergebnis erzielt (Bapna 1990: 136). Im Januar 1994 betrug der Bestand in den Lagern der FCI 11,1 Mio. Tonnen Weizen und 12 Mio. Tonnen Reis (Economic Survey 1993/94: 66,Table 4.7). Der Unterhalt dieser großen Getreidereser­ven begann nun ein immer größerer Kostenfaktor im jährlichen Haus­haltsplan der Regierung zu werden.

8.2 Die Ziele indischer Agrarpolitik und das PDS

Die Steigerung der Pro-Kopf-Versorgung mit Nahrungsmitteln ist auch heute noch das vor­rangige Ziel der indischen Agrarpolitik. Bis in die späten 60er Jahre wurde darunter vor allem eine weitgehende Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln verstanden. Sie sollte das Land von devisenzehrenden und häufig politisch konditionierten Nahrungsimporten unabhängiger ma­chen. Dieses Ziel ist heute weitgehend erreicht, zumindest wenn man die NahrungsmittelProduktion Indiens zugrunde legt. Zwischen 1951 und 1993 ist die (statistische) Pro-Kopf-Ver­fügbarkeit an Nahrungsgetreide von 334 g/Tag/Person auf 429 g/Tag/Person gestiegen. Selbst wenn man berücksichtigt, daß im gleichen Zeitraum die Verfügbarkeit von Hülsen­früchten von 60,7 auf 36,6 g/Tag/Person zurückgegangen ist, hat dennoch eine beachtliche Steigerung stattgefunden, die deutlich über der Zunahme der Bevölkerung liegt (Economic Survey 1993/94: S-24).

Fraglich ist jedoch, ob durch diese produktionsorientierte Politik ein weiteres Ziel der Agrar­politik erreicht werden konnte: die Versorgung aller Bevölkerungsgruppen mit Nahrungsmitteln zu günstigen Preisen. Hier zeigt sich ein zwiespältiges Bild. Durch die Grüne Revolution 1 wurde versucht, Ernährungsprobleme von der Angebots­seite her anzugehen. Dabei konnten hauptsächlich jene Landwirte profitieren, die nen­nenswerte vermarktungsfähige Überschüsse erwirtschafteten. Durch eine Steigerung der Flächenerträge konnten anfänglich die durch die kapitalintensive Technologie gestiegenen Produktionskosten ausgeglichen werden. Darüber­hinaus wurde ein Teil dieser Kosten vom Staat in Form von Subventionen - z.B. für Energie und Düngemittel -, aber auch durch die Befreiung von der Einkommenssteuer übernommen.

Ohne Zweifel hat die Grüne Revolution sowohl soziale als auch räumliche Disparitäten ver­größert. Da sie in den landwirtschaftlich produktivsten Regionen ansetzte, wuchs das Gefälle zwischen landwirtschaftlichen Gunst- und Ungunsträumen weiter an. Als ein Programm, das auf landbesitzende Gruppen zugeschnitten war, hat sie die Disparitäten zwischen landbesit­zenden und landlosen Gruppen ebenfalls vergrößert. Unter den landbesitzenden Gruppen hat sie jene begünstigt, die kapitalkräftig genug waren, die Investitionen für die neuen Produktionsmethoden aufzubringen.

Der erhoffte Trickle-Down-Effekt blieb nahezu vollständig aus, d.h. höhere Profiterwar­tun­gen in der Landwirtschaft haben sich z.B. nur rudimentär auf die Löhne der Landarbei­ter niedergeschlagen.2 Die Beschäftigungswirkung war allenfalls gering, wenn nicht so­gar ne­gativ (Agarwal 1981; Bardhan 1977). Das Problem der Arbeitslosigkeit und Unterbe­schäftigung in ländlichen Gebieten hat dadurch stark zuge­nommen und die „Verhandlungsposition“ der Landarbeiterschaft bei der Festsetzung der Löhne geschwächt. Häufig werden noch nicht einmal die von den Landesregierungen fest­gesetzen Mindest­löhne eingehalten, weil ihre Durchsetzung von politischer Seite kaum überwacht wird.

Für den außerlandwirtschaftlichen Bereich zeigt sich ein ähnliches Bild. Der Konflikt, den Land­wirten einerseits ein Einkommen zu ermöglichen, mit dem sie an der gesellschaftlichen Entwicklung teilnehmen können, gleichzeitig aber die Nahrungskosten für die Industriearbei­terschaft in den Städten niedrig halten zu müssen, um eine „gesellschaftliche“ Entwicklung1 zu ermöglichen, hat dazu geführt, daß sich die Disparitäten zwischen Stadt und Land vergrö­ßert haben. Der industriellen Entwicklung wurde dabei ein Vorrang einge­räumt, der sich auch in der Struktur des PDS ausdrückt.

Eine dauerhafte Einrichtung wurde das PDS also nicht, damit strukturelle Verteilungs un­ gerechtigkeit abgebaut werden konnte. Dazu ist das System ungeeignet. Vielmehr über­nimmt es die Funktion, die strukturellen Defizite durch staatliche Intervention abzumil­dern, was sie aber gleichzeitig legitimiert. Das PDS entwickelte sich so von einer Wohl­fahrtsmaßnahme für städtische Bevölkerungsschichten in Krisenzeiten zu einem Instru­ment, soziale Spannun­gen in - zunächst - industriellen Ballungszentren zu kanalisieren. Es muß deshalb als kom­plementär zur Grünen Revolution verstanden werden, die auf der An­gebotsseite eine gleiche Zielsetzung verfolgte. Nur vor diesem Hintergrund können die Subventionen verstanden werden, die den Landwirten gezahlt werden. Durch sie über­nimmt der Staat einen Teil der Produktionskosten und kann so verhindern, daß die Nahrungsmittelpreise zu stark ansteigen.

In diesem auf die Industrialisierung fixierten System profitieren auch die marktorientierten Landwirte: mit dem staatlich garantierten Aufkaufspreis wird ihnen eine Preis­garantie einge­räumt; sie sollen so einen Anreiz zur Mehrproduktion erhalten, und die Re­gierung verpflich­tet sich, alle angebotenen Getreidemengen abzunehmen. Dieser staatlich festge­legte Abnah­mepreis erreicht zwar nicht das Niveau des „Markt“preises, da durch die Auf­käufe ein Teil der Ernte vom Markt genommen wird stabilisieren sich die Marktpreise auf einem ver­gleichsweise ho­hem Niveau (Tyagi 1990a: 65f). Der freie Preis für Nahrungsmittel ist deshalb kein echter Marktpreis, sondern wird durch die staatliche Interven­tion beeinflußt. Indem den Produzenten das Vermarktungsrisiko abgenommen wird, müssen sie sich nicht um die Nachfrageseite des Nahrungssystems kümmern. Sie können dadurch die Löhne für Land­arbeiter drücken, da der Staat durch seine Konsumentensubventionen einen Teil der ReProduktionskosten der Landarbeiter übernimmt. Durch die starke Fixierung des PDS auf städti­sche Konsumenten ist dabei noch nicht ein­mal sichergestellt, daß in angebotsschwachen Zeiten die Nahrungsmittel tatsächlich wieder dahin zurückströmen, wo sie ursprünglich ange­baut wurden: den ländlichen Gebieten.

Tendenziell verlängert das PDS die Zeitspanne, in der in ländlichen Gebieten ein Nah­rungs­defizit besteht, da durch den staatlichen Aufkauf bereits unmittelbar nach der Ernte große Nahrungsmengen vom Land in die Städte strömen. Lediglich eine höhere Kaufkraft der länd­lichen Bevölkerung könnte bewirken, daß die Marktproduzenten auf die staatlich organisierte Vermarktung verzichten und ihre Produkte im lokalen Wirtschaftskreislauf belassen (Gaikwad 1979: 165).

8.3 Funktionsweise und Struktur des PDS

Im PDS werden staatliche Interventionen der Zentralregierung und der einzelnen Landes­regierungen miteinander verbunden (Kundu 1993: 95). Da sowohl die Zentralregierung als auch die Landesregierungen die politischen und administrativen Vorgaben des Systems be­einflussen können, variiert das PDS von Bundesland zu Bundesland erheblich. Auf zentral­staatlicher Ebene werden die politischen Zielsetzungen des PDS vor allem durch die Nationale Planungskommission formuliert.

Über die Planungskommission werden den unter­schiedlichen Ressorts auch die Finanzmittel zugewiesen, d.h. hier wird ent­schiede­nen, wel­chen Umfang die für das PDS zur Verfügung stehenden Subventionen er­reichen (Tyagi 1990b: 26). Bei den Zielvorgaben steht an erster Stelle die Stabilisierung der Pro­duzentenpreise.

Über das PDS gibt der indische Staat nicht nur subventionierte Nahrungsmittel aus, sondern greift durch Auf- und -verkäufe auch in den freien Markt ein und beeinflußt dadurch die Preisent­wicklung. Durch die Buffer Stocks kann er saisonale und regionale Angebotsschwankungen ausgleichen. Sobald er dem Markt größere Mengen Nahrungsmittel entnimmt als er gleichzeitig durch die Fair Price Shops (FPS) einspeist, reduziert er das verfügbare Angebot. Ent­scheidend wird deshalb sein, wann der Staat die Marktentnahmen vergrößert und die Zutei­lungen durch die FPS verrin­gert. In Zeiten geringer Produktion hat eine Marktentnahme inflationäre Tendenzen, während in Jahren mit überdurchschnittlichen Ernten die Preise auf dem „freien“ Markt stabi­lisiert werden, d.h. sie gehen nicht zurück.

Neben der Stabilisierung der Produzentenpreise soll das PDS auch Verteilungsgerechtig­keit bewirken. Es soll die Versorgung der verwundbaren Gruppen der Gesellschaft mit Gütern des Grundbedarfs zu „ reasonable prices “ sicherstellen. Wie hoch ein „angemessener“ Preis jedoch anzusetzen ist, ist kaum zu ermitteln. Dazu müßte z.B. be­kannt sein, wie hoch der Preis wäre, wenn es keine staatlichen Interventionen bei der Produktion und Verteilung gäbe.

Auf nationaler Ebene wird die Planung vom Department of Food, Ministry of Food and Civil Supplies durchgeführt (TYAGI 1990b: 25). Hier werden konkrete Pläne erstellt, wann, wo und wieviel Nahrungsmittel von den staatlichen Stellen aufgekauft und wie diese auf die einzelnen Bundesstaaten aufgeteilt werden. Solange die verschiedenen Bundesstaaten vom zentralstaatli-chen Pool profitieren wollen, sind sie auf die Verteilung durch die Zentralregierung angewiesen. Allerdings steht es ihnen offen, zusätzliche Nahrungsmittel auf dem freien Markt zu beziehen und in das öffentliche Verteilungsnetz einzuspeisen.

Abb. 3: Die Organisation des Public Distribution Systems in Indien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der zentralstaatliche Aufkauf der Nahrungsmittel (procurement) obliegt der bereits erwähnten Food Corporation of India (FCI), die bis 1980 sämtliche Getreideaufkäufe tä­tigte, aber seither nur noch für Reis und Weizen zuständig ist. Andere Nahrungsmittel werden von der National Agricultural Cooperative Marketing Federation (NAFED) auf­gekauft (Tyagi 1990b: 31). Die FCI und die NAFED sind gleichzeitig auch für die Lage­rung der Getreidere­serven in regionalen Lagern zuständig sowie für den Transport dort­hin.1 Diese regionalen Lager sind gleichzeitig auch die Buffer-Stocks, die die indische Regierung seit den 60er Jahre zur Überbrückung von Dürrejahren angelegt hat.

8.3.1 Die Preisfestsetzung im PDS

1 Die FCI arbeitet in allen wichtigen Anbaugebieten mit Agenten zusammen, die den Auf­kauf direkt vom Produzenten, aber auch von den Vermarktungsgenossenschaften organi­sieren. Der dabei be­zahlte Aufkaufspreis (Procurement Price) ist gewöhnlich geringer als der „Markt“preis. Er wird von der indischen Regierung nach Absprache mit der Com­mission for Agricultural Costs and Prices (CACP) unter Berücksichtigung der Produktionskosten, der Getreidereserven in den Lagern der FCI und der Ernteer­gebnisse festgelegt (Bapna 1990: 114; Gulati/Sharma 1990). Zu diesem Preis kauft die FCI alle Getreide­mengen auf, die angeboten werden. Men­genbeschränkungen be­stehen keine.

Tab. 10: Entwicklung von procurement und issue price (1982/83 - 1994/95)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: Agrawal et al. 1993:129 (für procurement price bis 1987/88)

Economic Survey 1995-96:88ff;

Die FCI unterhält in ganz Indien ca. 2.200 Getreidelager, in denen die Nahrungsmittel so lange gelagert werden, bis sie von der Zentralregierung den Civil Supplies Departments der Bundesländer zugewiesen und von diesen abgeholt werden. Die indi­sche Regierung legt dazu einen Abgabepreis (Issue Price) fest, den die Landesregierungen zu entrichten haben. Dieser Preis liegt deutlich über dem Procurement Price.

Die Zentralregierung gibt das Getreide also zu einem höheren Preis an die Länderregierun­gen ab, als sie selbst den Landwirten dafür bezahlt hat. Dennoch werden die Nahrungsmittelsubventionen der Zentralregierung immer höher, weil die Nebenkosten für Beschaffung (Procurement Incidentals) und Verteilung (incl. Lage­rung) (Distribution Incidentals) immer stärker anwachsen. Dadurch entfernen sich die tatsächlichen Kosten immer mehr vom staatlich festgelegten Ausgabepreis.

„In the last 14 years, the average distribution cost has gone up by about 274 per cent whereas pro­curement incidentals have increased by only 70 per cent. One of the main reasons for this increase has been the in­crease in the freight cost. It has gone up from Rs. 6.11 per quintal in 1975-76 to Rs.25.92 by 1987-88“ (Tyagi 1990b: 124).

Noch stärker als die Transportkosten sind die Lagerkosten gestiegen. Zwischen 1975-76 und 1988-89 haben sie sich von weniger als 1 Rs/100kg auf 13,60 Rs erhöht (Tyagi 1990b: 127). Während 1975-76 ein Doppelzentner Reis fünf Rs (bzw. 3,2 Prozent) unter den entstehenden Ko­sten abgegeben wurde, schoß 1985-86 die Zentralregierung 88 Rs/100kg an Haushaltsmit­teln zu. Sie gab damit den Reis um 28 Prozent billiger ab als sie selbst dafür aufwenden mußte. Da die durch das PDS verteilte Menge Nahrungsge­treide ebenfalls stark zugenom­men hat, hat dies die Ausgaben für Subventionen zusätzlich in die Höhe schnellen lassen. 1975-76 gab die Zentralre­gierung insgesamt 2,8 Mrd. Rs für Nahrungsmittelsubventionen aus, zehn Jahre später waren es bereits 18,9 Mrd. Rs (Tyagi 1990b: 131, Table 5.17). Für das Wirtschaftsjahr 1993-94 werden Ausgaben von etwa 60 Mrd. Rs erwartet (Economic Survey 1993-94: 66). Mit dem Abga­bepreis der Zentralregierung steht jedoch der Endabnehmerpreis noch nicht fest, denn die Landesregierungen haben ihrerseits die Möglichkeit, weitere Subven­tionen zu beschließen. Aus diesem Grunde variieren die Konsumentenpreise1 von Bundes­land zu Bundesland erheblich, obwohl der Issue Price, den die einzelnen Bundesländer an die Zentralregierung be­zahlen, für alle gleich ist.2

8.3.2 Die Rolle der Bundesländer im PDS

3 Sobald die Nahrungsmittel die Lagerhäuser der FCI verlassen haben, endet die Zuständigkeit zentralstaatlicher Behörden. Der Transport in die Fair Price Shops wird entweder von diesen selbst oder in einigen Bundesländern von der jeweiligen Landesregierung durchgeführt. Die Fair Price Shops selbst sind staatlich, genossenschaftlich oder privat organisiert (Bhandari/Vora 1979; Mathew 1979). Die Entscheidung, wo solche Läden errich­tet werden, fällt in den Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Distrikt-Verwaltung, wobei partei­politische Interessen nicht unterbewertet werden dürfen (Bapna 1990: 116). Die Betreiber der privaten Läden erhalten von der Landesregierung eine Pro­vision, die sich nach dem getä­tigten Umsatz bemißt (Tyagi 1990b: 24). Sie - wie auch die staatlichen und genossenschaftlichen Läden - sind für einen festen Kunden­stamm zuständig und erhal­ten - im Idealfall - genügend Nahrungsmittel und Kerosin zuge­wie­sen, um die in ihrem Einzugsbereich lebenden Haushalte mit den ihnen zustehenden Ra­tionen versorgen zu können. Das PDS steht prinzipiell allen gesellschaftlichen Gruppen offen, d.h. jeder Haus­halt kann für sich eine Berechtig­ungskarte zum Einkauf in den FPS (Ration-card) beantra­gen (Annadurai 1992: 28f; Bhargava 1994: 143f; Krishna 1967).4 In Tamil Nadu werden solche Karten alle fünf Jahre ausgestellt.5 Beschränk­ungen auf be­stimmte gesellschaftliche Gruppen können allerdings von den Landesregierungen ausge­spro­chen werden. Zumeist geschieht dies dadurch, daß Haushalte, die unter einem festge­legten Jahreseinkommen liegen, zusätzliche Einkäufe im Fair Price Shop vornehmen können.6 Eine noch stärkere Orien­tierung auf bestimmte Zielgruppen könnte dazu beitragen, daß die Belastung der Staatsfinanzen durch die Subventionen verringert wird (Gillespie/McNeill 1992; Nayyar 1991).

Tab. 11: Fair Price Shops in den indischen Bundesländern (1990)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

berechnet nach: Economic Survey 1993-94:S-114; Kundu 1993: 221

Nach offiziellen Angaben gab es 1990 über 370.000 Fair Price Shops in Indien, der größte Teil von ihnen befand sich in ländlichen Gebieten. Rein statistisch ist in vie­len Bundesländern auch die Vorgabe inzwischen erreicht worden, wonach ein Fair Price Shop nicht mehr als 2000 Haushalte versorgen soll (Economic Survey 1993/94: 65). Wie Venugopal (1992) jedoch anmerkt, kann man davon ausgehen, daß etwa 200.000 der Läden nur auf dem Papier existieren, wenn man die Ver­teilung von Getreide berücksich­tigt. Bei Kerosin sieht es nicht viel besser aus. Die meisten länd­lichen Haushalte beziehen ihr Kerosin nicht aus einem Fair Price Shop, sondern kaufen es beim privaten Händler, weil die monatliche Zuteilung1 in ländlichen Gebieten bei weitem nicht ausreicht, um die vorgesehenen Ra­tionen aller Haushalte zu decken. Auch scheint es so zu sein, daß in ländlichen Gebieten Kerosin in den FPS selten zu dem von der Regierung vorgeschriebe­nen Preis verkauft wird, sondern deutlich darüber (Venugopal 1992: 87). Bei Speiseöl sieht die ländliche Versorgung durch das PDS nicht besser aus. Berücksichtigt man die Mengen, die von der Zentral­regierung den Landesregie­rungen zugewiesen werden, dann entspricht dies noch nicht einmal einem Liter pro Kopf und Jahr. Aus diesem Grund findet sich Speiseöl fast nur im Angebot städtischer Fair Price Shops und das auch nicht jeden Monat.

Sollen die Produkte in den FPS für die Konsumenten billiger angeboten werden als sie von der FCI bezogen wurden, müssen die Länderregierungen die Kosten in Form von Subven­tionen selbst aufbringen. Vor allem die Haushaltskassen jener Bundesländer, die weit davon entfernt sind, Selbstversorger für Grundnahrungsmittel zu sein wie z.B. Assam, Bihar, Kerala, Maha­rashtra und West Bengalen, werden dadurch sehr stark belastet. Doch auch in Staaten mit einem hohen Selbstversorgungsgrad an Grundnahrungsmitteln sind diese Sub­ventionen in den letzten Jahren explosionsartig angestiegen. Auch dort klafft eine immer größere Schere zwischen den tatsächlich anfallenden Kosten und den Abgabepreisen in den Fair Price Shops.

8.4 Das PDS in Tamil Nadu

Mitte der 80er Jahre betrugen die Nahrungssubventionen in Tamil Nadu etwa 800 Mio. Rs (MIDS 1988: 150). Bis 1993 waren sie auf 5,1 Mrd. Rs angestiegen, wie Finanzminister Ne­dunchezhiyan bei der Vorlage des Haushaltsplans 1993-94 zu bedenken gab.

„The State Government strongly feels that it would have been more appropriate for the Centre to sus­tain a higher level of food subsidy for at least some more time to insulate the poor against the infla­tionary forces. It is not possible for the States to keep sustaining a higher food subsidy burden with their fragile resource base. As it is we have not fully passed on to the consumers the rice price in­crease implemented by the Cen­tre. This has resulted in our having to assume an all time high annual food subsidy burden of Rs.400 crores. Together with the arrears of subsidy of Rs.110 crores to be paid, the total provision has gone to an alarming amount of Rs.510 crores in 1993-94“ (Tamil Arasu, April 1993: 10).

Bei der Reisentnahme aus den Beständen der FCI mußte die Regierung Tamil Nadus 1993-94 für einen Doppelzentner Reis (Common Quality) 537 Rs bezahlen. In den Fair Price Shops Tamil Nadus kostete ein Kilogramm Reis dieser Qualität jedoch nur 2,75 Rs. Für jeden Dop­pelzentner Reis, der von der Regierung nicht in Tamil Nadu selbst aufgekauft wurde, mußten deshalb Haushaltsmittel in Höhe von 262 Rs aufgebracht werden. Während der issue price der Zentralregierung zwischen 1982 und 1994 je nach Reisqualität zwi­schen 186 und 208 Prozent gestiegen ist, sind die Reispreise in den Fair Price Shops in Tamil Nadu lediglich zwischen 57 und 88 Prozent angestiegen. 1982 entsprach der Preis für Reis in Tamil Nadu für die beiden besseren Qualitäten exakt dem issue price der Zen­tralregierung. Lediglich die billigste Qualität gewährte die Regierung Tamil Nadus eine Subvention von 10 Paisa/kg. 1994 war der issue price fast doppelt so hoch als der Ver­kaufspreis in den Fair Price Shops Tamil Nadus.

Selbst wenn sich die Regierung in Tamil Nadu dazu entschließen würde, keinen Reis von der Zentralregierung zu beziehen, wären ihre Ausgaben für Reissubventionen wahrschein­lich sogar noch höher. Die Regierung Tamil Nadus zahlt nämlich den Landwirten im Thanjavur-Distrikt, dem Hauptreisanbaugebiet, zu dem von der Zentralregierung festgeleg­ten Auf­kaufspreis noch einen Zuschlag von ca. 24 Prozent (1986), um einen Anreiz zur Übernahme der Technologie der Grünen Revolution zu bieten (MIDS 1988: 146f). Da die Kosten für Transport und Lagerung für die Regierung Tamil Nadus wahrscheinlich ähnlich stark ange­stiegen sind wie für die Zentralregierung, dürfte damit der Kostenpreis in Tamil Nadu über dem der Zentralregierung liegen. Aus diesem Grund unternahm die Regierung Tamil Nadus wiederholt den Versuch, die Reisquote aus dem Central Pool erhöht zu be­kommen. Zu Be­ginn der 90er Jahre erhielt Tamil Nadu monatlich etwa 75.000 Tonnen Reis von der Zentral­regierung zugeteilt.

„I had also earlier requested for allotment of one lakh tonnes of rice from Central Pool to Tamil Nadu. But the Government of India have agreed to increase the present allotment of 75.000 tonnes by another 6.000 tonnes for August, September and October 1991. I once again request the Government of India to kindly in­crease the allotment of one lakh tonnes throughout the year“ (Jayalalitha 1991: 7)

Angaben, zu welchen Anteilen in den Fair Price Shops Tamil Nadus Reis aus Beständen der Zentralregierung bzw. von den landeseigenen Aufkaufsstellen stammt, liegen nicht vor. In einem normalen Erntejahr kann davon ausgegangen werden, daß Tamil Nadu genügend Reis produziert, so daß eigentlich keine Aufkäufe von außerhalb notwendig wären.

Tab. 12: Entwicklung von issue price und Konsumentenpreisen für Nahrungsmittel in den Fair Price Shops von Tamil Nadu (in Rs/100 kg)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: Economic Survey 1991/92, 1992/93, 1993/94, Bapna 1990:142

MIDS 1988; Tyagi 1990; Hindu 31.1.1993

„What marks the cereal economy of the State is the relative self-sufficiency in a normal year. Since the dominant cereal is rice, it is the position of the State in respect of rice that really matters. Tamil Nadu is not a surplus State in rice production, like Andhra Pradesh or Punjab; neither is it a deficit State, like Kerala or West Bengal“ (MIDS 1988: 135).

Berücksichtigt werden muß jedoch, daß in den späten 70er und frühen 80er Jahren nicht mehr als etwa fünf Prozent der Gesamtreisproduktion von der 1972 ge­gründeten Tamil Nadu Civil Supp­lies Corporation, der landeseigenen Aufkaufsagentur, für das PDS aufge­kauft wurde (MIDS 1988: 148). Bis in die 90er Jahre hatte sich dieser Anteil zwar auf etwa 10 Prozent der ReisProduktion erhöhen können, doch noch immer zieht es die Regierung von Tamil Nadu vor, ihren Reis für das PDS hauptsächlich von der Zentralregierung zu beziehen.

Zwar wurde - angesichts einer akuten Dür­reperiode - bereits 1982 der private Getreide­han­del im Thanjavur-Distrikt verboten (Monopoly Procurement), doch scheint diese Maß­nahme nur eine geringe Wirkung erzielt zu haben (MIDS 1988: 148).

Eine besondere Eigenart staatlicher Aufkaufspolitik in Tamil Nadu besteht darin, daß die Regierung vor allem in Dürrejahren in den Getreidehandel einzugreifen versucht (MIDS 1988: 148). Während die Zentralregierung in guten Erntejahren Getreidevorräte für Dürre­jahre anlegt, erhöht die Regierung Tamil Nadus vor allem in Jahren schlechter Produktion ihre Aufkäufe, um genügend Vorräte für die Fair Price Shops und die Durchführung ihrer Ernährungsprogramme zu haben. Dadurch nimmt sie einen Teil des vermarktbaren Über­schusses unmittelbar nach der Ernte (vorrübergehend) vom Markt und vermindert so das An­gebot schlagartig.

„This concentration has become so intensive that even during the peak marketing period, the arrivals are getting increasingly concentrated only within a few weeks. For example, in Punjab during the 1984-85 mar­keting season as much as 65 per cent of the total marketed surplus arrived in the market in a five-week pe­riod ending 31 May 1984“ (Tyagi 1990b: 114f).

Auch wenn für Tamil Nadu keine derartigen Untersuchungen vorliegen, gibt es gute Gründe anzunehmen, daß auch dort eine zeitliche Konzentration der Vermarktung festge­stellt werden kann. Mit der Einführung hochertragsreicher und der Verdrängung vieler traditioneller Sorten mit unterschiedlich langen Wachstumsphasen hat die zeitliche Aus­dehnung der Haupt­erntezeit abgenommen. Verstärkt wird dieser Prozeß dadurch, daß der bei weitem größte Ernteanteil aus einer einzigen Region stammt1, und die Bedeutung na­turräumlicher Differenzierungen - etwa das regional unterschiedliche Einsetzen der Re­genzeit - dadurch zurückgeht. Ein Interventions­mechanismus, der in Mangeljahren zusätzlich einen Teil der Produktion vom Markt nimmt, kann einen raschen Preisanstieg nicht unterbinden, sondern wird diesen sogar begünstigen. Dies wird vor allem dann der Fall sein, wenn keine zusätzli­chen Ge­treidereserven vorhanden sind, die zur Preisstützung in den freien Markt eingespeist werden können.

„Underlying this perverse relationship has been the absence of a biffer stock policy which involves a larger pro­curement in a good crop year so as to have adequate stock to meet a situation of shortage in a bad crop year. This would have helped to even out the impact of short term fluctuations in pro­duction by adding to availability during shortage and withdrawing surplus production during relative abundance. Inciden­tally, this would have also helped to reduce the dependence on the Central pool“ (MIDS 1988: 148).

Tab. 13:Nahrungsmittel- und Kerosinpreise in den FPS von Tamil Nadu (1993)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch das staatliche Verteilungssystem werden die dem Markt entnommenen Nahrungsmittel verbilligt über das Jahr verteilt den Konsumenten wieder zugeführt, bzw. ein Teil davon wird für die unterschiedlichen Nahrungsprogramme - allen voran das Schulspei­sungspro­gramm – ver­wendet. Die durch die Fair Price Shops zugeteilten Rationen reichen jedoch nicht aus, um eine vollständige Versorgung sicherzustellen. Der größere Teil der Nahrungsmittel muß über den freien Markt bezogen werden.2 Beim Einkauf im Fair Price Shop konnte 1993 ein Haushalt in Tamil Nadu monatlich zwischen etwa 60 und 160 Rs gegen über dem Wert der bezogenen Waren auf dem freien Markt einsparen.3

Ohne Getreidereserven sind die Interventionsmöglichkeiten der Regierung in Notzeiten be­schränkt, da die zu verteilenden Nahrungsmittel von der (niedrigen) Produktion des Dürrejah­res entnommen werden müssen. In solchen Dürreperioden können deshalb die subventionier­ten Rationen zum Schutz verwundbarer Gruppen nicht erhöht, sondern müssen u.U. sogar gesenkt werden, wie dies 1985 der Fall war.

„The adverse seasonal conditions prevailing in 1985 resulted in a shortfall in foodgrains production and therefore the maximum entitlement was reduced from 20 kg to 12 kg rice per month“ (MIDS 1988: 150).

8.5 Auswirkungen des PDS auf Armutsgruppen

Ursprünglich im Zweiten Weltkrieg geschaffen als Instrument, um die damalige kriegsbe­dingte Nahrungsmittelkrise besser kontrollieren zu können, ist das PDS inzwischen zu einem wichtigen Faktor der Armutspolitik der indischen Regierung geworden und das, ob­wohl Indien - gemessen an der Nahrungsproduktion - heute erheblich besser dasteht als während des Zweiten Welt­krieges und der anschließenden Unabhängigkeit bis in die 70er Jahre hinein. Seither haben - parallel zu den über dem Bevölkerungswachstum ansteigen­den Produktions­zuwächsen - auch die Getreideaufkäufe der Zentralregierung stark zuge­nommen (Annadurai 1992: 21f; Parathasarathy 1994: 74). Man kann demnach schwerlich davon reden, daß das PDS heute vordringlich eine Maß­nahme sei, die Verteil­ung knapper Güter zu lenken (Rao 1995). Die Möglichkei­ten des Staates, mit Hilfe des PDS auf die Preisentwicklung des freien Marktes einwirken zu können, sind inzwischen in den Vorder­grund getreten. Die Auswirkungen eines solchen „dualen Marktes“ für Nahrungsgetreide auf Armutsgrup­pen ist in der Literatur bislang le­diglich ansatz­weise behandelt worden. So ist es bis heute wirt­schaftswissenschaftlich nicht geklärt, ob durch die staatlichen Eingriffe in den Getreidehandel ein Preisniveau verur­sacht wird, das höhere Konsumentenpreise bewirkt als wenn ein solches System nicht be­stehen würde.1 Unzweifelhaft ist aber, daß durch das PDS die freien Marktpreise auf einem relativ hohen Niveau stabilisiert werden (vgl. Dantwala 1993; Radhakrishna/Rao 1994; Rao 1995). Daraus kann geschlossen werden, daß zumindest jene Armutsgruppen durch das PDS benachteiligt werden, die keinen Zu­gang zu ihm haben, also nicht einen Teil ihres Getreidebedarfs stark subventioniert beziehen können.

„[...] if some of the poor are excluded from the system (i.e., they are denied foodgrains from the pub­lic dis­tribution system), they are doubly disadvantaged, for not only they are denied cheap grain from the Fair Price Shops, but the free market price is now substantially higher than it would have been in the absence of the dual price system“ (Tyagi 1990b: 87).

Aus diesem Grund wird bei einer lokalen/gruppenspezifischen Bewertung des PDS auch der Frage nachzugehen sein, welche Schwieirgkeiten bestehen, in den Genuß subventio­nierter Le­bensmittel kommen zu können. Nicht nur die Unterversorgung ländlicher Gebiete, in denen die Mehrzahl von Indiens Ar­men leben, ist dabei von Bedeutung (Gupta 1977). In der Literatur wird z.B. häufig dar­auf verwiesen, daß arme Bevölkerungsgruppen sich den nur einmal im Mo­nat möglichen Einkauf im Fair Price Shop nicht leisten können. Die Rationen in den Fair Price Shops werden monatlich2 ausgegeben, d.h. zum Zeitpunkt der Zuteilung muß der betreffende Haushalt über eine genügend große Summe Bargeld verfügen, um sich die ihm zustehende Ration überhaupt kaufen zu können. Kredite, die zu diesem Zweck aufgenommen werden müssen, ver­teuern die Ration, es sei denn, diese Kredite sind zinslos. Weitere Aspekte er­schweren den Zu­gang zum PDS, so etwa die langen Wartezeiten vor den Läden, da die Zuteilung immer nur an einem bestimmten Tag im Monat erfolgt. Gelegentlich wird auch davon be­richtet, daß Produkte nicht in der Qualität ausgegeben werden, wie sie den Fair Price Shops vorher zugeteilt worden waren (Roy 1992). Die Besitzer der Läden tauschen dann z.B. den erhaltenen Reis gegen Reis geringerer Qualität aus. Es muß angenommen werden, daß diese und weitere Beeinträchtigungen in der Funktion des PDS von Laden zu Laden sehr stark variieren, so daß eine Bewertung ledig­lich am konkreten Beispiel vorge­nommen werden kann.

8.6 Das Public Distribution System in den 90er Jahren

Durch die Kredite, die Indien 1991 von der Weltbank und vom IWF erhalten hatte, ver­pflich­tete sich das Land, sein Haushaltsdefizit deutlich abzubauen. In diesem Zusammen­hang wurde auch ein deutlicher Rückgang der Nahrungssubventionen ins Auge gefaßt. Im Haus­haltsplan für das Wirt­schaftsjahr 1991/92 ist dies jedoch nicht geschehen. Die Nah­rungssub­ventionen stiegen weiter an. Dies konnte allerdings nicht verhindern, daß die Nahrungsmittel­preise trotzdem dramatisch an­stiegen (EPW 07.01.1995; The Hindu 25.1.1992). Dies hatte mehrere Gründe: Erstens sind die Sub­ventionen, die die Regierung für das Public Distri­bution System bereitstellt, nicht die einzigen, die die Nahrungsmittelpreise beeinflussen. Sie sind absolut gesehen noch nicht einmal die höchsten. Zweitens kommt hinzu, daß sich durch die Abwertung der indischen Währung die landwirtschaftlichen Inputs verteuert hatten, zuminmdest jene, die oder deren Grundstoffe importiert werden müssen (The Hindu 28.8.1991). Drittens fallen die hauptsächlichen Kosten nicht dann an, wenn Nahrungsmittel in den FPS ausgegeben werden, sondern wenn die Regie­rung diese bei den Prod­uzenten aufkauft und anschließend lagert. Mehrere guten Ernten gegen Ende der 80er Jahren und zu Beginn der 90er Jahren hatten dazu geführt, daß die Aufkäufe der Zentralregierung stark zugenom­men hatten. Aus diesem Grund stiegen auch die Lagerkosten (Economic Survey 1993-94: 65). An­statt in einer Periode ansteigen­der Nahrungsmittelpreise einen Teil der eingelagerten Getreidere­serven in den freien Markt einzuspeisen, hortete die Regierung diese in ihren Buf­fer-Stocks.

„Despite six good monsoons in a row, the nation has continued to be in the throes of double-digit in­flation, concentrated mostly in the prices of food and necessities [...] It hardly makes any sense to bear the cost of carrying a stockpile of foodgrains exceeding 30 million tonnes even as millions of our countrymen go without food“ (Frontline 24.3.1995: 98f).

Im Wirtschaftsjahr 1990/91 wurden von der Zentralregierung etwa 26 Mrd. Rs1 für das Public Distribution System ausgegeben, aber mehr als 40 Mrd. Rs für Düngemittelsubven­tionen. Hinzu kamen auch noch die Einnahmeverluste, die den Landesregierungen durch die niedrigen Energie­preise in der Landwirtschaft entstanden. Vor allem die Kürzung der Subventionen für Düngemit­tel2 führte dazu, daß die Nahrungsmittelpreise in die Höhe schossen. Aus wirtschaftlichen, haupt­sächlich jedoch politischen Gründen mußte die Re­gierung nämlich die staatlichen Produzenten­preise für Nahrungsmittel deutlich anheben (EPW 07.01.1995). Dadurch ging auch der Issue Price der Zentralregierung für das PDS in die Höhe.

„Therefore [...] the entire burden would have to be borne by consumers of food. [...] They would have to pay progressively more for both what they purchase through the public distribution system and for what they pur­chase in the open market“ (The Hindu 25.1.1992).

Mit dieser Politik der Besänftigung der ländlichen Eliten wird eine Strategie weiterver­folgt, die erst unter Rajiv Gandhi Mitte der 80er Jahre begonnen worden war. Noch in den 70er Jahren stiegen die Erzeugerpreise in der Landwirtschaft sehr langsam. Damals ver­wies die Regierung darauf, daß durch die Grüne Revolution die Produktionsergebnisse und die Ge­winnspanne der Landwirte sehr stark angestiegen seien, zumal die Produktionsko­sten durch eine Vielzahl von Erzeugersubventionen niedrig gehalten wurden. Gerade aus den Reihen jener Landwirte, die nicht von der Grünen Revo­lution profitieren konnten, weil sie zu wenig Land besaßen oder in nicht bewässerbaren Regionen lebten, traten viele den indischen Bau­ernverbänden bei. Hier wurde am deutlichsten die industrie­zentrierte Ent­wicklung wahrge­nommen. Mit dem Erstarken der Bauernbewegungen wurden dann re­gelmäßig die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise angehoben. Über den gesamten Zeit­raum der 80er Jahre waren sie jedes Jahr um nicht mehr als fünf Rs/100 kg erhöht worden. Zwischen 1989 und 1991 wurde dann der Erzeugerpreis für Reis um 80 Rs/100 kg und der für Weizen um 59 Rs/100 kg angehoben, was die indische Regierung jährlich 10 Mrd. Rs zusätzlich kostete. Mit der Kür­zung der Düngemittelsubventionen (1991) stiegen die Produktionskosten der Landwirte um ca. 7 Rs/100 kg. Trotzdem wurden sie mit einer Erhö­hung der Erzeugerpreise um 25 Rs/100 kg „ent­schädigt“ (The Hindu 25.1.1992; vgl. EPW 07.01.1995: 21). Der hier beschriebene Trend ging auch in den folgenden Jahren weiter. Im März 1992 erklärte Premierminister Rao, daß eine Abschaffung der Nahrungs­subventionen derzeit nicht beabsichtigt sei, auch wenn dies von Weltbank und IWF emp­fohlen worden war (The Hindu 11.3.1992). Im Win­ter/Frühjahr 1991/92 kündigte die indische Regierung auch an, ein Modified Public Distribu­tion System einführen zu wollen (The Hindu 31.12.1991; 8.1.1992; 11.4.1992). Durch diese neue Initiative sollte das bestehende System auf besonders rückständige, ländliche Regionen ausgeweitet werden, damit die „ really needy “ Zugang zu verbilligten Nahrungsmitteln erhiel­ten.1 Ebenfalls geplant war, den Zugang zum Public Distribution System in den Städten auf bestimmte Gruppen zu beschränken (Indian Express 2.2.1992), nachdem es im Januar desselben Jahres von Regierungs­seite noch geheißen hatte:

„Though there were a few suggestions for delinking the rich and upper middle class from the PDS as part of an attempt to trim the foodgrains subsidy, the present Government has no such plans, accord­ing to the Un­ion Minister of State for Civil Supplies and Public Distribution System, Mr. Kamaluddin Ahmed“ (The Hindu 8.1.1992).

Die Pläne, bestimmte Konsumentengruppen aus dem PDS auszuschließen, wurden auch in den folgenden Jahren immer wieder diskutiert.

„Nearly 40 per cent of the beneficiaries of the PDS, particularly in urban areas and the “creamy layer“ of consumers in rural areas, would be knocked off the system if the Advisory Council on the PDS endores the proposals of the Central Government“ (The Hindu 21.3.1993).

Ins Auge gefaßt war, für die ländliche Bevölkerung eine haushaltsbezogene jährliche Ein­kommens­obergrenze von 8.500 Rs einzuführen. In den Städten sollten alle Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes, die ArbeitnehmerInnen im formellen privaten Sektor sowie alle Perso­nen, die Ein­kommenssteuer zu entrichten haben, zukünfig keine subventionierten Nahrungsmittel mehr erhalten können (The Hindu 21.3.1993; Indian Express 26.3.1993). Eine parlamentarische Untersuchungs­kommission zur Reformierung des PDS legte Ende Juli 1993 einen Bericht vor, in dem ebenfalls eine stärkere Zielgruppenorientie­rung des PDS vorgeschlagen wurde (The Hindu 31.7.1993).

Bislang konnte sich die indische Regierung jedoch noch nicht zu diesem Schritt durchrin­gen (India Today 15.02.1995). Politische, aber auch Verfahrensfragen2 sind die Ursa­chen dafür. Eine Reformierung des PDS wird jedoch unumgänglich sein. Das gegenwärtig bestehende Sy­stem kostet die Regierung jährlich mehr als 30 Mrd. Rs. Eine Reduzierung des Berechtig­tenkrei­ses würde die Kosten stark verringern helfen. Die Regierung müßte geringere Ge­treidemengen auf dem Markt aufkaufen und könnte die Lager- und Trans­portkosten redu­zieren. Eine will­kommene Nebenwirkung wäre, daß die Preise auf dem freien Markt von dieser Maßnahme posi­tiv beeinflußt würden, da eine geringere staatliche Intervention das Angebot an Nahrungsmitteln auf dem freien Markt vergrößern würde. Hierin dürfte wahr­scheinlich der größte politische Sprengstoff der beabsichtigten Refor­men liegen. Es sind wahrscheinlich weniger die relativ gesi­cherten Konsumentengruppen, die einer solchen Reform gegenüber ablehnend eingestellt sind. Viele dieser Konsumenten kaufen bereits heute gar nicht in den staatlichen Fair Price Shops ein, weil sie die bessere Qualität der Produkte auf dem freien Markt vorziehen und auf ihren subven­tionierten Nahrungsmittelanteil von sich aus verzichten. Eine Reformierung des Systems würde auch ihnen wahr­scheinlich Vorteile in Form von niedrigeren Nahrungsmittelpreisen auf dem freien Markt einbringen. Anders die Getreidehändler. Sie profitieren vom bestehen­den System aus zweierlei Gründen. Erstens werden dadurch die Getreidepreise auf einem relativ hohen Ni­veau stabilisiert. Zweitens profitieren die Händler gerade davon, daß bes­sergestellte Konsumen­ten auf ihre Rationen verzichten. Solange diese nämlich offiziell Zugang zum PDS haben, werden ihre Rationen in den Fair Price Shops bereitgehalten. Rationen, die am Monatsende nicht abge­holt wurden, können relativ einfach in den freien Markt einge­speist werden.

Anfang 1995 hatte die indische Regierung über 30 Mio. Tonnen Getreide eingelagert (Rao 1995). Ob­wohl 1993 und auch 1994 die Preise für Nahrungsmittel weiterhin stärker als für alle anderen Produkte anstiegen, sah sich die Regierung nicht dazu veranlaßt, aus ihren Beständen Getreide in den freien Markt einzuspeisen und damit einen Preisrückgang zu erreichen. Ganz im Gegenteil: Auch 1993 kaufte sie 28 Mio. Tonnen Getreide auf, während sie durch die Fair Price Shops le­diglich 15,1 Mio. Tonnen ausgab. Damit reduzierte sie das verfügbare Angebot um fast 13 Mio. Tonnen (Economic Survey 1993-94: S-25). Zwischenzeitlich war der staatliche Abgabe­preis sogar über den freien Marktpreis gestie­gen (Muralidharan 1995: 25). Mit dieser Entwicklung erlebten auch die ländlichen Beschäftigungsprogramme einen starken Einbruch, da diese in der Regel als Food-for-Work-Programme konzipiert sind.

The irrationalities of food policy have had an impact on rural employment programmes. The govern­ment's show­piece programme for boosting employment and earnings in depressed rural areas - the Jawahar Rozgar Yojana (JRY) - is to­day languishing in official apathy. In 1991-92, the first year of reforms, a quantum of 380,000 tonnes of foodgrains was allocated for direct distribution in lieu of wages to JRY beneficiaries. The actual offtake was only 31,000 tonnes. In the following two years, the foodgrains allocations were actually cut. Enquiring into the reasons for this, the Parlamentary Stand­ing Committee on Rural Development observed that the price at which foodgrains is issued through the JRY has tended progressively to exceed the market price. This has impelled work­ers to demand payment in cash rather than in kind“ (Muralidharan 1995: 25).

Viel stärker als die indische Zentralregierung sind jedoch die einzelnen Landesregierungen vom gegenwärtig bestehenden System finanziell betroffen, da diese den Endverkaufspreis der Produkte festlegen. Von den Konsumenten werden sie für die Preissteigerungen ver­antwort­lich gemacht, denn in den Zeitungen ist zu lesen: „ The State Government has in­creased the price of rice issued in the Public Distribution System “ (The Hindu 31.1.1993) oder „ Now that the Assembly session is over, the Tamil Nadu Chief Minister, Ms. Jayalalitha, is going into the feasibility of increasing the issue price of rice in the Public Distribution System “ (The Hindu 8.10.1991).

Trotz der mehrmaligen Erhöhung des Issue Price werden Reis und auch andere Nahrungsmittel von den Landesregierungen an die Konsumenten nach wie vor zu einem Bruchteil dessen abgegeben, was die Landes­regierungen dafür an die Zentralregierung zu entrichten haben. Ohne die Subventionen der Landesregierungen hätte 1994 ein kg Reis in Tamil Nadu fast sechs Rs gekostet. Verkauft wurde es tatsächlich für 2,50 Rs. Die seit Jahren diskutierte Reformierung des Public Dis­tribution Systems in Tamil Nadu wurde trotzdem inzwischen wohl auf Eis gelegt. Noch im April 1992 verkündete Minister­präsidentin J. Ja­yalalitha, daß ab dem 1. Juni 1992 für den Bezug von subventionierten Nahrungsmitteln und Kerosin eine Einkommensobergrenze von 750 Rs monatlich eingeführt werden solle (The Hindu 22.4.1992). Bis Ende 1994 war diese sinnvolle Absicht jedoch immer noch nicht um­gesetzt. Wie die Zentralregierung können sich auch die Landesregierungen nicht dazu durch­ringen, die Re­formierung des PDS endgültig zu verabschieden. Ganz im Gegenteil: nicht zu­letzt durch die populistische Reispolitik von N.T. Rama Rao konnte die Telugu Desam im Winter 1994 die Congress-Partei aus der Regierungsverantwortung in Andhra Pradesh ablösen.

„The reason is simple, as reflected in some basic questions asked by the voters: who will give food at a cheap rate, who will implement total prohibition, who will give relatively cheap electricity to irri­gate the fields? In all these respects the people seem to have thought NTR would do better. [...] It was a vote for food“ (Ilaiah 1995: 46).1

8.6.1 Das PDS und die Politische Ökonomie Indiens

Bereits bei der Beschreibung der drängendsten Probleme des Public Distribution Systems wurde deutlich, daß das System und die Chancen seiner Reformierung nur aus den unter­schiedlichen Kräfteverhältnissen in der indischen Gesellschaft zu erklären und abzuschät­zen sind. Produzenten und Konsumenten haben deutlich unterscheidbare Interessen. Zwi­schen ihnen steht die mächtige Lobby der Groß- und Einzelhändler.

Indiens Agrarstrategie der 70er Jahre (Grüne Revolution) hatte bewirkt, daß das Angebot an Nahrungsmitteln deutlich gesteigert werden konnte. Weniger rasch stiegen allerdings die Einkommen bedeutender Konsumentengruppen, am wenigsten die der Landarbeiter. Die Produktionskosten waren aber gerade durch den kapitalintensiven Einsatz von Ener­gie, Düngemitteln und Pestizi­den in die Höhe geschnellt. Preissteigerungen konnten bislang durch Subventionen an Produzen­ten und Konsumenten unter Kontrolle gehalten werden. Durch die zunehmende interne und ex­terne Verschuldung des indischen Staates geht jedoch die Bereitschaft und die Fähigkeit der Re­gierung zurück, solche Subventionen auch weiterhin zu bezahlen. Weltbank und IWF setzen die Regierung durch ihre Auflagen zum Subventionsabbau zusätzlich unter Druck (EPW 07.01.1995: 21). Was sich ökonomisch als sinnvoll darstellt, ist politisch aber kaum durchsetzbar, da die Re­gierungen von mehreren Seiten unter Druck geraten: die Zentralregierung sowohl von seiten der Produzenten als auch der Händlergruppen, die Landesregierungen hauptsächlich von seiten der Konsumenten.

Die Förderung von Agrarexporten könnte diese verfahrene Situation teilweise auflösen. Indem Nahrungsmittel verstärkt exportiert werden, braucht die indische Regierung nicht mehr durch ihre Aufkäufe ins Marktgeschehen einzugreifen. Die Preise ließen sich durch die Exporte auf einem relativ hohen Stand halten, da diese ökonomisch genauso wirken wie die staatlichen Aufkäufe: sie verringern das verfügbare Angebot. Für die indische Re­gierung ist dies sogar die elegantere Lö­sung, denn zusätzlich strömen Devisen ins Land und Lager- und Transportkosten in Zusammen­hang mit dem PDS verringern sich. Durch die Förderung von ausgesprochenen Exportkulturen (Schnittblumen, Gemüse, tropische Früchte, Garnelenaquakulturen etc.) werden gleichzeitig Be­triebsflächen aus der Nah­rungsproduktion für den Binnenmarkt herausgenommen. Auch dadurch verringert sich das Nahrungsmittelangebot.

Parallel dazu versucht die Zentralregierung, die Nahrungssubventionen zum Teil auf die Bun­desländer abzuwälzen, indem der Issue Price erheblich angehoben wurde. Es ist allerdings fraglich, ob die derzeit noch amtierende Congress-Regierung dies auf Dauer wird durchhalten können, ohne die Oppositionsparteien sowohl auf zentralstaatlicher als auch auf bundesstaatlicher Ebene aufzubauen. Aus der Perspektive der Bundesländer erhalten dadurch Nicht-Con­gress-Parteien einen starken Wählerzulauf, wie sich in den Wahlen Ende 1994/Anfang 1995 eindrücklich zeigte. Langfristig betrachtet führt jedoch eine po­pulistische Nahrungspolitik zu einer weiterhin explosionsartig ansteigenden Verschuldung der Bundesländer (Balagopal 1995: 136).

Die starke Förderung von Exportkulturen bietet allerdings nur vordergründig eine Lösung des Prob­lems. Auch wenn in den vergangenen Jahren immer überdurchschnittliche Ern­teergeb­nisse erzielt werden konnten, kann nicht in jedem Jahr von einer solch positiven Situation auf der Angebotsseite ausgegangen werden. Äußerst gefährlich wäre es deshalb, wenn die Regie­rung - wie angekündigt - tatsächlich ihre Buffer-Stocks erheblich reduzieren würde und auftre­tende Angebotsdefizite durch Nahrungsimporte ausgleichen wollte. Die Buffer-Stocks sind notwendig, damit die Regierung in Dürrejahren rechtzeitig - etwa in Form von Food for Work-Programmen- ins Nahrungssystem eingreifen kann.

„India's success in preventing droughts and other natural disasters from developing into large-scale famines since independence is not a spurious one. The entitlement system defined by the operation of the economy and the ordi­nary level of State provisioning leaves a large part of the population highly vulnerable to starvation in times of cri­sis. On serveral occasions, famine would undoubtedly have oc­cured in the absence of early and effective interven­tion to protect the entitlements of vulnerable groups“ (Dre?e 1990: 97).

Abgesehen davon, daß Importe häufig viel zu spät eintreffen, um wirksam die Folgen einer Dürre abmildern zu können, ist es auch fraglich, ob dies für die Regierung billiger wäre. Aufschlußreich in diesem Zusammenhang ist der „Zucker-Skandal“, der 1994 fast zum Rücktritt der Zentralregie­rung geführt hätte: bereits im Oktober 1993 hatte sich angedeutet, daß die Zuckerproduktion weit hinter den Prognosen zurückbleiben würde und daß zur Vermeidung kräftiger Preisanstiege min­de­stens eine Million Tonnen Zucker für das PDS hätten importiert werden müssen (The Hindu-IE 11.6.1994). In den folgenden Monaten stritten sich die zuständigen Ministe­rien, ob diese Importe tatsächlich notwendig seien. Der Ernährungsminister K. Rai war gegen Importe,1 während sich der Minister for Civil Supplies, A.K. Antony, für Zuc­kereinfuhren aussprach, da ansonsten der Preis für ein Kilogramm Zucker wahrscheinlich die 20 Rs-Grenze überschreiten würde (The Hindu 24.12.1994; Swami 1994: 114). In den kommenden Monaten stellte sich heraus, daß die ohnehin als niedrig vorausgesagte Zuckerproduktion bei weitem nicht erreicht werden konnte. Obwohl im März 1994 der Import von einer Million Tonnen Zucker beschlossen worden war, geschah zunächst nichts. Erst im Mai 1994 wurde eine erste internationale Aus­schreibung über die Lieferung von 600.000 Tonnen Zucker ausgegeben, die jedoch bereits am nächsten Tag vom Ernäh­rungsminister wieder rückgängig gemacht wurde. Der Grund dieser Entscheidung war, daß sich auf die Ausschreibung nur Anbieter gemeldet hatten, die nicht Mit­glied des Interna­tionalen Zuckerkartells (Refined Sugar Association (RSA)) waren. Das niedrigste Angebot, das eingegangen war, betrug 260 US-Dollar/Tonne Zucker.

„The STC (State Trading Corporation, d. Verf.), instead, entertained bids only from RSA members, accept­ing bids for relatively small lots, in the limited range of $380-405 a tonne: over $100 a tonne more than non-RSA traders's offers“ (Swami 1994: 116).

Durch die Hinhaltetaktik der Verantwortlichen und ihre Weigerung, das günstigste Ange­bot zu akzeptieren, konnten nicht nur die inländischen Zuckerhändler monatelang von den hohen Zuckerpreisen profitieren, sondern der Schaden für die indische Regierung war ebenfalls groß. Mehr als 6,5 Mrd. Rs an zusätzlichen Subventionen mußte die Regierung bereitstellen, als die überteuerten Importe über das PDS vertrieben wurden (Swami 1994: 117). Die Preise in den Fair Price Shops gingen trotzdem stark in die Höhe: bereits im Fe­bruar 1993 war der Zuckerpreis von 6,90 auf 8,30 Rs erhöht worden. Im Januar 1994 wurde der Preis dann auf 9,05 Rs festgelegt (The Hindu-IE 5.2.1994).

Der Preis für Nahrungsmittel ist nicht nur eine ökonomische Größe. Über ihn kommt der Einfluß bestimmter Gruppen auf die Regierung zum Ausdruck. Selbst wenn auf eine staatliche Inter­vention vollständig verzichtet würde, wäre dies so. Der Verzicht auf eine Inter­ven­tion wäre gleichzeitig eine Unterstützung jener Interessen, die die Warenströme dahin zu len­ken gedenken, wo sie die höchsten Gewinne einbringen. In einer Gesellschaft, in der ein be­trächtlicher Teil der Menschen dauerhaft von Unterernährung bedroht ist, weil die notwendigen Nahrungsmittel zwar vorhanden, aber viel zu teuer sind, muß die Politik re­glementierend in das Nahrungsverteilungs­system eingreifen. Äußerst fraglich ist allerdings, ob die indische Regierung dies auch im Interesse der Armutsgruppen tatsächlich macht. Eine Reformierung des Public Distribution Systems ist dringend geboten. Gruppen, die sich ihre Nahrungsmittel ohne staatliche Unter­stützung kaufen können, müssen - schon um der Finanzierbarkeit des Systems willen – ausge­grenzt werden. Gleichzeitig wäre es aber zumindest kurz- bis mittelfri­stig notwendig, daß die indische Regierung verhindert, daß Nahrungsmittel exportiert werden. Dies wird so lange geboten sein, bis durch eine gestiegene Kaufkraft der Bevölkerung die Nahrungsmittel gar nicht exportiert werden müssen, weil die Produzenten auch auf dem indi­schen Markt lohnende Preise erhalten könnten. Bevor dies allerdings so weit ist, muß sich die Politische Ökonomie Indiens voll­ständig umstrukturien. Dies in absehbarer Zeit zu erwarten, ist jedoch eine Illusion. Die Anzeichen deuten vielmehr darauf hin, daß sich die internen Gegensätze verschärfen und zu einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft führen.

Notwendig wären letztlich nicht staatliche Verteilungssysteme und staatliche Beschäfti­gungsprogramme in Form von Food-for-Work-Programmen, sondern es wäre vielmehr gebo­ten, allen Beschäftigten einen Verdienst zu ermöglichen, der sie zum Kauf von Nahrungsmitteln und anderen Waren des Grundbedarfs, aber auch zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermächtigt. Notwendig wäre es weiterhin, daß genügend solcher Ar­beitsmöglichkeiten geschaffen werden können. Bislang deutet wenig darauf hin, daß dies in absehbarer Zeit er­reicht werden kann. Im folgenden Kapitel soll deshalb der Frage nachgegangen werden, ob der Staat durch seine Sozialpolitik zumindest erreichen kann, daß verwundbare Teile seiner Gesellschaft wenigstens wirkungsvoll sozial abgesichert sind.

9 Die Bedeutung Sozialer Sicherungssysteme

Nicht zuletzt wegen den Auswirkungen makroökonomisch orientierter Strukturanpassungs­pro­grammen in den 80er Jahren, die in vielen Staaten der Dritten Welt Armut verschlimmert haben, nimmt heute die Beschäftigung mit Aspekten der Sozialen Sicherung in sog. Entwicklungsländern eine besondere Rolle ein (Scheffold 1993; Wolff 1993). „ Adjustment with a human face “ (UNICEF 1987) ist in diesem Zusammenhang zu einem Schlagwort geworden, das hervor­heben soll, daß wirtschaftliche Anpassungsprozesse durch soziale Abfederung be­gleitet sein müssen. Eine Sozialpolitik, die vor allem arme Bevölkerungsgruppen in den Mit­telpunkt stellt, muß im Prozeß der Strukturanpassung jedoch von zwei Seiten unter Druck ge­raten. Erstens von seiten der kreditgebenden Institutionen, in deren Forderungskatalog sich immer auch die Reduzie­rung der konsumptiven Staatsausgaben befindet. Zwischen den Maß­nahmen der Strukturanpas­sung, so wie sie von Weltbank und IWF gefordert werden und der Forderung nach Sozialverträg­lichkeit dieser Maßnahmen ist häufig gar keine Kohärenz herzu­stellen (Hauser 1993; Hofmeier 1993). So ist es verständlich, daß der Entstaaatlichung sozialer Aufgaben eine hohe Prio­rität eingeräumt wird und Nichtregierungsorganisationen, aber auch die private, gegenseitige Hilfe (z.B. Nachbarschaftshilfe) zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Gefahr der Entpolitisie­rung sozialer Bereich darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden. Schon heute haben Armutsgruppen in sog. Entwicklungsländer kaum einklagbare soziale Rechte. Ein weiterer Rück­zug des Staates aus sozialen Bereichen wird die Situation dieser Gruppen kaum verbessern (vgl. Burges/Stern 1991). Zweitens sind in einer Situation, in der die Ausgaben in sozialen Berei­chen zurückgehen, interne Verteilungs­kämpfe zu erwarten. Die Frage, welche Programme und Maßnahmen beschnitten werden, um Subventionen im sozialen Bereich zu verringern, ist immer auch eine Frage nach dem Einfluß unterschiedlicher Gruppen auf den politischen Prozeß. In diesem Zusammenhang erhält das „ Targeting “ einzelner, von der Weltbank im Rahmen von sozialen Abfederungsmaßnahmen finanzierter Programme, eine höchst brisante, innenpolitische Kompo­nente (Edling 1993).

Der Begriff der Sozialen Sicherheit hat zwei unterschiedliche Bedeutungsinhalte. Zum einen um­schreibt er eine gesellschaftspolitische Leitidee, zum anderen den konkreten Schutz vor bestimm­ten Risiken, der durch private und staatliche Maßnahmen sichergestellt werden soll.

Art. 22 der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen bestimmt:

„Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale Sicherheit; er hat Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Or­ganisation und der Hilfsmittel jedes Staates in den Genuß der für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persön­lichkeit unentbehrlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen“ (zit. nach: Staatslexikon Bd.4, 1988: 1274).

Soziale Sicherheit beinhaltet demnach die Forderung nach Teilhabe an allen gesellschaftlich relevanten Lebensbereichen für jedermann im Sinne der allgemeinen Menschenrechte. So­ziale Sicherheit hat darüberhinaus jedoch auch die (finanzielle) Absicherung des Indivi­du­ums (und seiner Angehörigen) vor sog. Standardrisiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter, Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten, Familienlasten, Mutterschaft, Invalidität, Tod des Un­terhaltspflichtigen etc. zum Inhalt (Queisser 1993: 245; Staatslexikon Bd.4, 1988: 1274). In diesem Sinne versteht das Internationale Arbeitsamt (International Labour Office, ILO) unter Sozialer Sicherheit

„the security furnished by a society to its members through a set of organised measures, the purpose of which is, in so far as possible, to prevent the occurence of certain contingencies involving a loss or sub­stan­tial reduction of income or extra expenses for medical treatment, and to provide a financial guaran­tee against the economic consequence of these contingencies when they do occur, and also to provide benefits for the maintenance of the children“ (ILO 1968: 3).

Durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die zu einer Umgestaltung nicht-staatlicher Sicherungssysteme geführt haben, überschneiden sich diese beiden Aspekte der Sozialen Sicherheit immer mehr, da dem Staat in seiner öffentlichen Ordnung immer mehr die Rolle zufällt, Menschen vor sozialen Risiken institutionell abzusichern. Dabei stehen ihm „vorsorgende“ (promotional) und „absichernde“ (protective) Mittel zu Verfügung.

„By promotional measures, we mean those that aim at averting or ameliorating conditions and contin­gen­cies such as low incomes (through growth-mediated as well as direct anti-poverty programmes), un­employ­ment (through employment generation), and sickness (through preventive and curative health fa­cilities)“ (Guhan 1989: 1).

Dementsprechend handelt es sich bei den protective measures um Maßnahmen, die Perso­nen und Gruppen absichern sollen, wenn die promotional measures versagt haben oder unzurei­chend sind (vgl. Burges/Stern 1991: 43; Osmani 1991).

In den Kapiteln zur Politischen Ökonomie Indiens wurden in der vorliegenden Arbeit wich­tige Aspekte dieser promotional measures immer wieder angesprochen. Dem indi­schen Staat ist es weder gelungen, ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten für seine Bewohner zu schaffen, noch Armut in großem Umfang zu beseitigen. Eine Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums „von unten nach oben“ hat zu einer weiteren Polarisierung der indischen Gesell­schaft geführt, und die eingeleitete Strukturanpassungspolitik hat Ar­mutsgruppen noch ver­wundbarer werden lassen. Ländliche Beschäftigungsprogramme (z.B. das Jawahar Rozgar Yojana), die Verteilung von Produktivvermögen an Armuts­gruppen (z.B. durch das Integra­ted Rural Development Programme) oder auch Programme im Bereich der Befriedigung von Grundbedürfnissen (z.B. das Twenty Point Programme) haben wenig dazu beigetragen, daß Armutsgruppen in nennenswertem Umfang an der gesellschaftlichen Entwicklung haben teilnehmen können.

„Eine Zusammenfassung aller Armenprogramme sowie deren Wirkung auf die Entwicklung des Landes ergibt, daß die Armenprogramme zwar drohende Hungersnöte [...] verhindern konnten, aber weder die Armen in einen von ihnen selbstständig getragenen sozioökonomischen und demokratischen Entwicklungsprozeß integri­eren, noch das Gesamtsystem derart dynamisieren, daß die BPLP (“below poverty line people“, d.Verf.) über “trickle-down“ und paternalistische Gesellschafts- und Wirtschaftsgestaltung der Ober- und Mittelschichten in einen Pro­zeß zur Überwindung von Unterentwicklung haben eintreten können. [...] Die Armenprogramme sind somit als Hilfsmaßnahmen zu bewerten, die Entwicklung eher ausschließen als fördern“ (Bauer 1990: 385).

Der indische Staat ist demnach den Verpflichtungen, die er sich in den Art. 36 - 51 seiner Verfassung selbst auferlegt hat, nicht nachgekommen, insbesondere nicht den Prinzipien, die in Art. 39 niedergelegt sind:

„The State shall, in particular, direct its policy towards securing

(a) that the citizen, men and women equally, have the right to an adequate means of livelihood;
(b) that the ownership and control of the material resources of the community are so distributed as best to subserve the common good;
(c) that the operation of the economic system does not result in the concentration of wealth and means of production to the common detriment;
(d) that there is equal pay for equal work for both men and women;
(e) that the health and strength of workers, men and women, and the tender age of children are not abu­sed and that citizens are not forced by economic necessity to enter avocations unsuited to their age or strength;
(f) that children are given opportunities and facilities to develop in a healthy manner and in conditions of freedom and dignity and that childhood and youth are protected against exploitation and against moral and material abandonment(COI 1992: 22; vgl. Heinemann 1971: 13ff).

Das Versagen des indischen Staates bei der Durchführung dieser Prinzipien soll an dieser Stelle nicht dokumentiert werden. Vielmehr wird zu fragen sein, ob er wenigstens durch pro­tective measures eine Mindestabsicherung der verwundbaren Gruppen sicherstellen kann.

Wenn in diesem Zusammenhang von Systemen der Sozialen Sicherheit gesprochen wird, dann sollen dabei zunächst nur die staatlichen Initiativen angesprochen werden, die einen Schutz vor bestimmten Risiken gewähren. Die angesprochenen nicht-staatlichen, d.h. in gesellschaftlichen Normen und Strukturen verankerten Prinzipien und Organisationsfor­men, die häufig auch Bereiche der Sozialen Sicherheit der Mitglieder einer Gesellschaft abdecken (vgl. Gsänger 1993; Platteau 1991; Queisser 1993: 245),1 können sinnvollerweise nur auf der regionalen/lokalen Ebene untersucht werden, weil diesbezüg­lich erhebliche re­gionale, gesellschaftliche und kulturelle Differenzierungen zu erwarten sind. Deshalb werden diese Aspekte erst bei der empirischen Aufarbeitung der Systeme der Sozialen Sicherheit im Rahmen der Fallstudie aufgegriffen.

9.1 Das System der Sozialen Sicherheit im formellen Sektor Indiens

Wie auch das staatliche Verteilungssystem für Nahrungsmittel fallen auch die staatlichen In­itia­tiven zur Sicherstellung der Sozialen Sicherheit in den Zuständigkeitsbereich sowohl der Zentral­regierung als auch der Länderregierungen. Die Zuständigkeit wird in der Konkurrieren­den Liste der Staatsaufgaben geregelt. Sowohl Zentral- als auch Landesregierungen haben damit das Recht, Gesetze zu erlassen, die die Soziale Sicherheit der Staatsbürger zum Inhalt haben. Bereiche, die zwar nicht im engeren Sinne unter den Begriff der Sozialen Sicherheit fallen, mit ihm jedoch sehr eng verbunden sind - wie z.B. Bildung, Gesundheitswesen etc. fal­len in aller Regel in den Zu­ständigkeitsbereich der Länder. In Abschnitt 4 der indischen Ver­fassung werden bestimmte Prinzipien festgelegt, die die staatliche Gewalt bei ihren Politiken verfolgen soll.2 Besonders in Art. 41 und Art. 42 der Verfassung ist ein System der Sozialen Sicherheit vorgesehen, jedoch nicht vorgeschrieben (vgl. Patil 1978: 108ff).3

Seit der Unabhängigkeit wurde eine Vielzahl von Gesetzen verabschiedet, die das Sozial­ver­sicherungswesen im formellen Sektor regeln. Die Initiative ging dabei hauptsächlich von der Zentralregierung aus, wobei die Durchführung häufig den Länderregierungen überlassen wurde. Anders bei den Sozialversicherungsprogrammen für den informellen Sektor. Abgese­hen von einigen wenigen Programmen, die von der Zentralregierung initi­iert wurden, waren es hier hauptsächlich verschiedene Länderregierungen, die in diesem Bereich tätig wurden. Bislang kann man aber von einem Sozialversicherungssystem nur im Hinblick auf den formel­len Sektor sprechen, da die Programme für den informellen Sektor nur ganz spezielle Zielgruppen ins Auge fassen, der gewährte Schutz als lediglich minimal zu bezeichnen ist und die verschiedenen Maßnahmen auch nur selten aufeinander abge­stimmt sind. Hinzu kommt, daß im informellen Sektor bestehende Ansprüche häufig gar nicht durchgesetzt werden können, und die Gewährung von Leistungen deshalb mehr oder weniger willkürlich ist.

In Indien besteht gegenwärtig eine Dreiteilung im Bereich der formellen Sozialen Sicher­heit. Die beste und umfassendste Absicherung genießen die Beschäftigten der Zentral- und Länder­regierungen und anderer staatlicher und quasi-staatlicher Einrichtungen wie kom­munale Körperschaften, Universitäten etc. 1989 betraf dies knapp 19 Millionen Beschäf­tigte und ihre Angehörigen. Für den privaten Bereich der organisierten Wirtschaft, d.h. Unternehmen mit mehr als 10 Vollzeitbeschäftigten, besteht ein ähnlich umfassendes Sy­stem, bei dem die Leistungen in der Regel jedoch geringer sind. Hinzu kommt, daß die Vorsorge im Falle der Arbeitslosigkeit nicht geregelt ist. In diesem Bereich waren 1989 knapp 7,5 Millionen Men­schen beschäftigt (Agrawal et al. 1993: 100). Nach der jüng­sten Volkszählung gingen 1991 in Indien 285,4 Millionen Menschen einer Vollzeitbe­schäftigung nach (Agrawal et al. 1993: 83). Während also weniger als 20 Millionen Beschäftigte und deren Angehörige von den bestehenden Sozialversicherungsgesetzen er­faßt wurden, blieben über 260 Millionen berufstätige Menschen und ihre Angehörigen von ihnen ausgeklammert. Entsprechend dieser Diskrepanz zwischen dem formellen und dem informellen Sektor (einschl. der Landwirtschaft) könnte man leicht von einem Dualismus bei der Sozialversicherung sprechen. Ein solcher Dualismus wäre allerdings nur dann ge­geben, wenn sich bei der Sozialversicherung beide Sektoren unverbunden gegenüberstän­den. Die Maßnahmen in den Bereichen der So­zialen Wohlfahrt und Sicherheit hatten in Indien auch immer das Ziel, die Produktionskosten von Unternehmen zu senken bzw. teil­weise auf den Staat zu verlagern. Patil (1978) ver­merkt dazu:

„There was a time when labour welfare was regarded as a means to keep the wages as low as possible [...] Quite a good number of welfare minded employers provided a variety of welfare amenities for the benefit of their workers, but paid wages lower than the prevailing rates“ (Patil 1978: 89).

Auch im ersten Fünf-Jahres-Plan wird auf den Zusammenhang von sozialen Sicherungs­maß­nahmen und der industriellen Entwicklung hingewiesen. Auch wenn Artikel 41 der Verfas­sung grundsätzlich für alle Bürger Indiens gelte, solle der Schutz der Industriearbei­terschaft im Vordergrund stehen:

„The industrial worker is more liable to desease and invalidity than the average citizen. The man-days lost on account of sickness and disability constitute a heavy drain not only on the slender resources of the indus­trial workers but also on the industrial output of the country. Lack of social security impedes in­creased pro­duction, leads to larger labour turn-over, and prevents the building up of a stable, efficient labour force“ (Planning Commission 1954: 585).

Die Anfänge eines indischen Sozialversicherungssystems selbst reichen jedoch bis in die Zeit vor der Unabhängigkeit zurück (vgl. das Gupta 1994, Heinemann 1971).

Mit dem Workmen's Compensation Act (WCA) von 1923 wurde erstmals Arbeitern (oder ih­ren Angehörigen) bei einem Arbeitsunfall oder einer bestimmten Berufskrankheit ein gesetz­licher Entschädigungsanspruch zugestanden (Bhattarai 1989: 531f.; Heinemann 1971: 60ff, 102ff); Wadhawan 1972: 437). Dieses Gesetz stellt heute den Min­destschutz bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten dar.1

1929 folgte der Bombay Maternity Act, der anschließend auch den Mutterschaftsschutz in anderen Provinzen regelte (Patil 1978: 109; Rath 1978: 217). Mit dem Maternity Benefit Act von 1961 wurde der Mutterschaftsschutz neu festgelegt. In diesem Gesetz wurde ein Kündigungsschutz für Schwangere eingeführt, die Beschäftigung von schwange­ren Frauen für den Zeitraum von sechs Wochen vor und sechs Wochen nach der Entbin­dung einge­schränkt und die volle Lohnfortzahlung für diesen Zeitraum verpflichtend ge­macht. Vorgesehen ist ferner die kostenlose ärztliche Betreuung vor und nach der Geburt (vgl. Heinemann 1971: 132-141).2

Mit der Verabschiedung des Employees' State Insurance Act von 1948 wurde mit der Kran­kenversicherung ein weiterer Bereich der Sozialen Sicherheit gesetzlich geregelt. Verschie­dene Kommissionen hatten dies bereits seit 1928 versucht, waren jedoch, haupt­sächlich we­gen der schwierigen Finanzierung, zunächst gescheitert (Rath 1978: 217f). Heute stellt das gesetzliche Krankenversicherungssystem zusammen mit der gesetzlichen Altersvorsorge den Grundpfeiler des indischen Sozialversicherungswesens dar. Die staatliche Versicherungsan­stalt für Arbeitnehmer (Employees' State Insurance Corporation) un­terhält mittlerweile in ganz Indien etwa 125 Krankenhäuser, die nur ihren Mitgliedern of­fenstehen. Zusätzlich haben 42 staatliche Krankenhäuser eigene Abteilungen für Mitglie­der der Krankenkasse. Hinzu kommen mehr als 1600 Ambulanzen und Diagnosenzentren und über 3700 niedergelassene Ärzte (Ramaswamy 1993: 3).

Die Altersvorsorge war bereits durch den Provident Fund 1 Act von 1925 geregelt worden, allerdings nur für Regierungsangestellte. Nach der Unabhängigkeit wurde das System der gesetzlichen Vorsor­gekassen auf weitere Gruppen des formellen Sektors ausgedehnt. Während der Employees' Provi­dent Fund Act bei seiner Verabschiedung 1952 lediglich sechs Industriezweige abdeckte, war er bis Mitte der 80er Jahre auf 173 Bereiche ausgedehnt worden (Bhattarai 1989: 535; Johri 1982: 109).

1971 wurde dem Vorsorgefond der Angestellten ein Employees' Family Pension Scheme an­gegliedert (Guhan 1992: 114). Beim vorzeitigen Tod eines Versicherten hatte sich heraus­gestellt, daß seine bislang geleisteten Einzahlungen häufig nicht ausreichten, um seine Ange­hörigen langfristig abzusichern.

„Vorgesehen sind im Rahmen des Familienrentensystems eine Familienrente und eine Versicherungsleis­tung an die Witwe oder andere unterhaltsberechtigte Angehörige des verstorbenen Versicherten sowie für die überlebenden Versicherten eine einmalige Abfindung beim Eintritt in den Ruhestand“ (Bhattarai 1989: 536).

1976 wurde mit dem Employees' Deposit-linked Insurance Scheme die Hinterbliebenen­ver­sorgung im Rahmen der Vorsorgekassen weiter ausgebaut. Bei dieser einlagengebunde­nen Versicherung erhalten die Angehörigen eines Versicherten - zusätzlich zu dessen Fondsguthaben und zusätzlich zur Familienrente - einen Betrag, der dem durchschnittlichen Fondsgut­haben der vorausgegangenen 12 Monate entspricht, jedoch nicht mehr als 25.000 Rs (Bhattarai 1989: 536). Die Beiträge für diese Zusatzversicherung teilen sich Arbeitsgeber und Zentralregierung (Garg 1993: 44,46,55).

Auch in anderen Sozialversicherungsbereichen wurde der Kreis der Anspruchsberechtigten be­ständig ausgeweitet und die Leistungen verbessert. So sind seit 1956 durch die gesetzli­che Kran­kenversicherung auch Familienangehörige mitversichert (Rath 1978: 223). Un­zurei­chend geregelt ist bislang die Absicherung im Falle des Arbeitsplatzverlustes Eine Arbeitslo­senversi­cherung gibt es in Indien bislang nicht. Nach dem Industrial Disputes Act ist der Ar­beitgeber allerdings dazu verpflichtet, bei unfreiwilliger Unterbrechung (lay-off) oder Beendi­gung (retrenchment) des Arbeitsverhältnisses dem Arbeitsnehmer eine Über­brückungsent­schädigung zu zahlen. Diese Entschädigung hat der Arbeitgeber alleine auf­zubringen, eine Beitragspflicht für den Arbeitnehmer besteht also nicht (Heinemann 1971: 186). Es gibt allerdings vielzählige Gründe, bei deren Vorliegen der Arbeitgeber von der Bezahlung einer Entschädigung befreit ist, so etwa bei: einer vom Arbeitnehmer selbst verschuldeten oder freiwilligen Kündigung, bei einem altersbedingten Ausscheiden aus dem Betrieb, bei Beendi­gung des Arbeitsverhältnisses in Folge einer langandauernden Krankheit des Arbeitnehmers, beim Auslaufen eines zeitlich befristeten Arbeitsverhältnis­ses (Garg 1992: 128f). Bei vor­übergehender Nichtbeschäftigung erhält der Arbeitnehmer eine Entschädigung in Höhe von der Hälfte des Grundlohnes (einschließlich des Teue­rungszuschlages). Diese Entschädigung muß für alle Arbeitstage jener Wochen bezahlt werden, an denen der Arbeitnehmer nicht min­destens einen Tag gearbeitet hat (Garg 1992: 129; Heinemann 1971: 189). Im Falle einer Entlassung erhält der Arbeitnehmer eine Ent­schädigung, deren Höhe ermittelt wird, indem man den Verdienst der letzten 15 Tage mit der Anzahl der Beschäftigungsjahre multipliziert (golden handshake). Ein nach zehn Jahren entlasse­ner Arbeitnehmer erhält also eine Entschä­digung in Höhe von fünf Monatslöhnen (Garg 1992: 132; Heinemann 1971: 190). Als vorübergehender Schutz vor Arbeitslosigkeit wirken auch die hohen gesetzlichen Barrieren hinsichtlich von Be­triebsschließungen und betriebsbedingten Entlassungen. Unternehmen, die mehr als 50 Personen beschäftigt haben, müssen eine Betriebs­schließung mindestens 60 Tage vor dem Schließungstermin bei der Landesregierung beantragen. Bei Be­trieben mit mehr als 100 Beschäftigten sind sogar 90 Tage vorgeschrieben (Garg 1992).

Wie an anderer Stelle bereits vermerkt, ging die Regierung vor allem in den 80er Jahren im­mer häufiger dazu über, von der Schließung bedrohte Betriebe zu übernehmen, um so­ziale Spannungen zu reduzieren. Nicht selten wurde dabei die Produktion vollkommen eingestellt und den „vorüberge­hend“ Beschäftigungslosen über Jahre hinweg die gesetzlich vorgeschrie­bene Entschädigung ausbezahlt.

Tab. 14: Die wichtigsten Gesetze zur Sozialen Sicherheit im formellen Sektor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für über 70 Prozent der Beschäftigten im organisierten Sektor ist eine Absicherung bei Ar­beitslosigkeit ohnehin von geringer Bedeutung, da sie Beamte sind (berechnet nach: Agrawal et al. 1993: 100; vgl. auch: Guhan 1992: 288,291; Johri 1982: 108).

Bislang wurden gesetzliche Bestimmungen, die die Soziale Sicherheit betreffen, vor allem für den formellen Bereich der Wirtschaft erlassen, d.h. sie gelten i.d. R. nur für festange­stellte Beschäftigte bestimmter Branchen und auch nur dann, wenn das jeweilige Unter­nehmen eine festgelegte Größe1 erreicht hat. Für die Beschäftigten des staatlichen Sektors besteht i.d.R. ein noch besserer Schutz, vor allem bei Krankenversicherung und Altersversor­gung (vgl. Johri 1982). Bei einer Eigenbeteiligung zwischen einer Rupie (monatliches Grundgehalt < 1200 Rs) und 12 Rupien (monatliches Grundgehalt > 5000 Rs) sind die Be­schäftigten der Zentralregierung und ihre Angehörigen durch das Central Government Health Scheme (CGHS) umfassend kran­kenversichert. Diese Krankenkasse unterhält in Neu Delhi und 15 weiteren Städten, die eine hohe Anzahl Beschäftigter der Zentralregierung aufweisen, eigene Ambulanzen und in 13 Städten ei­gene Krankenhäuser. Die Qualität der dabei erbrach­ten Leistungen steigt mit der Gehaltsstufe. Bei einem Monatsgehalt von über 3500 Rs hat der Patient einen Anspruch auf eine Behandlung als Privatpatient. Einige Ministerien der Zentral­regierung (z.B. Eisenbahn und Verteidigung) unterhalten für ihre Beschäftigten zusätzlich ei­gene Krankenhäuser und Ambulanzen. Diese Einrichtungen der Zentralregierung sind für die allgemeine Öffentlichkeit nur in Ausnahmefällen zugänglich (Kundu 1993: 82ff).

Die einzelnen Länderregierungen unterhalten ebenfalls eigene Krankenhäuser und Ambu­lanzen für ihre Beschäftigten, sofern diese nicht der gesetzlichen Krankenversicherung (ESI) angeschlossen sind (Kundu 1993: 85ff.; SSAI 1993: 24).

Insgesamt kann man für den organisierten Bereich der Wirtschaft tatsächlich von einem „System der Sozialen Sicherheit“ sprechen. Es ist zwar vor allem in der privaten organi­sier­ten Wirtschaft noch verbesserungsfähig (Guhan 1992: 288f.;Johri 1982: 111f.), da hier häufig lediglich die gesetzlichen Mindeststandards angewendet werden, ist jedoch in seinem Leistungsniveau und der Durchsetzbarkeit von Ansprüchen den Maßnahmen im informellen Sektor haushoch überlegen.

Während das soziale Sicherungssystem des formellen Sektors zumeist durch zentralstaatliche Gesetze geregelt ist,2 basieren die Programme für den informellen Sektor nicht selten auf Landesgesetzen oder, noch häufiger, gar nur auf Verwaltungsrichtlinien der Länder. Einen wenig verbindlichen Charakter erhalten diese Programme auch dadurch, daß sie - im Gegen­satz zu den Maßnahmen im formellen Sektor - zumeist ausschließlich der Kontrolle staatlicher Stellen unterworfen sind,3 und die genauen Durchführungsbestimmungen we­nig be­kannt sind.

9.1.1 Die Finanzierung des gesetzlichen Sozialversicherungsystems

Es versteht sich von alleine, daß die Leistungen der Sozialversicherung für den staatlichen Sektor vom Staat selbst aufgebracht werden, da er in diesem Fall selbst als Arbeitgeber auftritt. Dennoch ist es nicht einfach, einen genauen Überblick über die Versicherungsaufwendungen des Staates für seine Beschäftigten zu erhalten. Sie werden in den Statistiken nur selten einzeln und umfas­send ausgewiesen, sondern finden sich - zusammen mit z.B. den Gehältern - bei den allgemeinen Verwaltungsausgaben. Selbst in den Fünf-Jahres-Plänen ist davon keine Rede. In den Kapiteln 12 (Health and Family Welfare) und 15 (Social Welfare) des achten Fünf-Jahres-Planes sind ledig­lich Maßnahmen (und Ausgaben) für Frauen- und Kindesentwicklung, Ernährung, Altersvorsorge im informellen Sektor etc. aufgelistet (GOI 1992-II: 322-343,387-416), nicht jedoch die Maß­nahmen (und Ausgaben) für den formellen Sektor, denn diese gehören zu den allgemeinen Ver­waltungsausgaben und sind damit Non-Plan-Expenditures. Im Haushaltsjahr 1994-95 weist z.B. die indische Zentralregie­rung für die Zahlung von Pensionen an ihre (ehemaligen) Beschäftigten einen Betrag von 36 Mrd. Rs aus. Dies sind 2,4 Prozent der gesamten Ausgaben der Zentralregie­rung in diesem Jahr. Sie haben sich seit 1985 (7,27 Mrd.Rs.) fast verfünffacht (epw 16.04.1994: 1032).

Aufschlußreich ist ein Vergleich zwischen den Ausgaben der Zentralregierung für Pensi­ons­zahlungen und den vorgesehenen Ausgaben im achten Fünf-Jahres-Plan für Social Welfare. Insgesamt sind für diesen Bereich Ausgaben in Höhe von 38,5 Mrd. Rs. vorgese­hen, gerade einmal 2,5 Mrd. Rs mehr als für die Ausgaben der Zentralregierung für ihre Pensionäre (GOI 1992-I: 62). Dabei muß berücksichtigt werden, daß die 38,5 Mrd. Rs für Social Welfare Maß­nahmen zur Förderung von Frauen, Kindern, Behinderten sowie Pro­gramme zur Ernäh­rungssicherung und Altersversorgung im informellen Sektor umfas­sen und sich die Mittel auf einen Zeitraum von fünf Jahren verteilen. Schemes for the Welfare of the Aged erhalten Zu­weisungen in Höhe von 100 Millionen Rs (GOI 1992-II: 413).

Allein für die Auszahlung von Pensionen wurden damit von der Zentralregierung Finanz­mit­tel zur Verfügung gestellt, die 1994/95 nur geringfügig unter den ursprünglich vorgese­henen Nahrungsmittelsubventionen lagen (40 Mrd. Rs). Diese freilich haben sich seit 1985 (16,5 Mrd. Rs.) gerade einmal etwas mehr als verdoppelt, während sich die Pen­sionszahlungen fast verfünffacht haben (epw 16.04.1994: 1032). Nicht enthalten in diesen Ausgaben sind die laufenden Einzahlungen in die Pensionskasse der Zentralregierung, die Aufwendungen für die Krankenversicherung, die Subvention von Wohnraum für staatlich Beschäftigte sowie anderer Zulagen, die die Regierung ihren Beschäftigten gewährt. Im Gegensatz zu den Pensionen werden die Nahrungsmittelsubventionen von der Regierung dennoch als bedeutendes Hin­dernis bei der Sanierung der Staatsfinanzen angesehen.

Der Staat finanziert jedoch nicht nur die soziale Absicherung seiner Beschäftigten, sondern er übernimmt auch einen nicht unbeträchtlichen Finanzierungsanteil bei Programmen im priva­ten formellen Sektor. Dies ist etwa bei der gesetzlichen Krankenversicherung der Fall, bei der er ein Achtel des Aufwandes für Sachleistungen im Krankheitsfall übernimmt (Bhattarai 1989: 535). Bei der einlagengebundenen Versicherung der Vorsorgekassen übernimmt die Zentralregierung ein Drittel der Beiträge, die 0,75 Prozent der Lohnsumme der Beschäftigten betragen. Beim Familienrentensystem schießt die Zentralregierung 1,16 Prozent der Lohn­summe zu und kommt zusätzlich für die gesamten Verwaltungsausgaben auf (Bhattarai 1989; Johri 1982).

1992 waren in Indien 16,6 Millionen Beschäftigte durch Vorsorgekassen abge­sichert. Wenn man von einem durchschnittlichen Verdienst dieser Beschäftigten von 1000 Rs monatlich ausgeht,1 dann hätte die Zentralregierung eine Summe in der Grö­ßenordnung von einer halben Milliarde Rupien an Beiträgen für die einlagenge­bundene Versicherung bezahlt. Für das Familienrentensystem hätte die Zentralregierung etwa 2,3 Mrd. Rs als Beiträge für die Versicherten einbezahlt.

Darüberhinaus muß bedacht werden, daß Vorsorgeaufwendungen der Arbeitnehmer und -ge­ber steuerlich absetzbar sind, und der Staat somit indirekt einen weiteren Teil der Bei­träge übernimmt. So konnten bei der Steuererklärung für das Haushaltsjahr 1993-94 Ein­zahlungen für eine Vorsorgekasse und Prämien für eine Lebensversicherung bis zu einer Höhe von 12.000 Rs von der Einkommenssteuer abgesetzt werden. Ebenfalls abgesetzt werden konnten die Rückzahlungen von Krediten bis zu 10.000 Rs jährlich, die bei staatlichen und privaten Wohnungsbaugesellschaften aufgenommen wurden, Aufwendungen für bestimmte Sparförde­rungsprogramme bis zu 40.000 Rs und Aufwendungen für Kranken­zusatzversicherungen bis zu 6000 Rs jährlich. Die Bewohner von 36 indischen Städten konnten ihre Mietzahlungen bis in Höhe von 25 Prozent des Jahreseinkommens - höch­stens jedoch 1000 Rs monatlich - von der Steuer absetzen (Nabhi 1992: 28-70). Seit dem Wirtschaftsjahr 1994-95 können Ausbil­dungskredite bis zu 25.000 Rs jährlich abgesetzt werden „ as a means of helping students from poorer (!!!, d. Verf.) families “ (Finanzminister Singh in: Budget 1994/95: 27).

Über das Sozialversicherungssystem nimmt der Staat somit eine Umverteilung vor, denn die verwendeten Finanzmittel sind Steuern - und zwar vor allem indirekte Steuern -, die auch von den ärmeren Bevölkerungsgruppen zu bezahlen sind. Die Maßnahmen bei der Sozialen Absi­cherung fallen jedoch zum überwiegenden Teil bereits abgesicherten Gesell­schaftsgruppen zu, nämlich jenen, die ein festes Beschäftigungsverhältnis und zumeist auch ein überdurchschnittliches Einkommen haben.

9.1.2 Soziale Sicherheit und Strukturanpassung

Durch die Strukturanpassungspolitik der indischen Regierung werden auch Bereiche der So­zia­len Sicherheit verändert. Die begonnene Privatisierung bzw. Schließung vieler Staatsbe­triebe wird mittelfristig dazu führen, daß das zumindest im staatlichen Bereich erreichte Ni­veau der Sozial­standards erheblich zurückgeht. Dies wird aller Voraussicht nach weniger auf betrieblicher Ebene direkt geschehen. Vieles spricht dafür, daß die lukrativen Staatsunternehmen, die in priva­ter Regie weitergeführt werden, durchaus in der Lage wären, ein für indische Verhältnisse gut ausgebautes Sozialversicherungssystem aufrechtzuerhalten. Weit negativer dürfte sich aber aus­wirken, daß mit der Privatisierung von Staatsunternehmen ein erheblicher Abbau von Stellen einhergehen wird. Unter Berücksichtigung neuentstehender Arbeitsplätze kommt Bhatty (1993) zu dem Schluß, daß in den ersten fünf Jahren der Privatisierung knapp 570.000 Stellen abgebaut werden dürften. Dieser Stellen­abbau bezieht sich lediglich auf die staatlichen Industrie- und Dienstleistungsbetriebe. Der Stellenab­bau in der staatlichen Verwal­tung sowie in privaten unwirtschaftlichen Betrieben ist nicht berücksich­tigt. Etwa 320.000 Stellen fallen durch die Ent­lassung überzähliger Arbeitskräfte weg, knapp 300.000 durch die Schließung unrentabler Be­triebe. Durch die Nichtwiederbesetzung von Stellen, die durch ein altersbedingtes Ausscheiden des Arbeitnehmers/der Arbeitnehmerin vakant geworden sind, werden weitere 100.000 Stellen abgebaut. Durch Betriebserweiterungen und -neugründungen dürften nicht mehr als 150.000 neue Stellen geschaffen werden (Bhatty 1993: 42). Entlas­sene ArbeitnehmerInnen werden so zu­sätzlich auf den ohnehin überlasteten Arbeitsmarkt drängen.

Der mit finanzieller Unterstützung der Weltbank eingerichtete National Renewal Fund 1 soll dazu verwendet werden, diesen „freigesetzten“ Arbeitskräften übergangsweise eine Lohnfort­zahlung zukommen zu lassen und ihnen eine einmalige Entschädigung (lumpsum payment) auszuzahlen. Bhatty (1993) schlägt vor, den entlassenen ArbeitnehmerInnen drei bzw. vier Jahre lang1 50 Prozent des bisher bezogenen Gehaltes weiterzubezahlen.2 Nach Ablauf dieser Zeit sollen die Entlassenen eine einmalige Abfindung zwischen 27.000 und 38.000 Rs erhalten.3 Personen, die bei ihrem Ausscheiden länger als 32,5 Jahre im Unternehmen be­schäftigt waren, erhalten eine zusätzliche Abfindung (r etrenchment ben­efit) in Höhe von etwa 50.000 Rs (Bhatty 1993: 34f). Zusätzlich zu diesen Leistungen erhalten die Arbeit­nehmerInnen natürlich auch ihre gesetzlichen Abfindungen wie be­triebliche Gratifikation, Auszahlungen aus der Vorsorgekasse etc.

Die mit der Privatisierung einhergehende kapitalintensive Modernisierung der Betriebe wird zumindest kurzfristig kaum neue Arbeitsplätze nicht schaffen können (Ghosh 1993: 39). Dies würde ohne Zweifel die Soziale Sicherheit vieler ArbeitnehmerInnen erheblich ver­schlechtern. Es muß davon ausgegangen werden, daß vor allem niedrig qualifizierte Be­schäftigte entlassen werden, die bei der technologischen Umstrukturierung der Betriebe eher als Ballast empfunden werden. Für die hochbezahlten Arbeitsstellen in den privaten Großun­ternehmen werden die meisten von ihnen nicht in Frage kommen.

Aus der Perspektive der Politischen Ökonomie sind die Vorschläge, die hinsichtlich des Na­tional Renewal Funds gemacht wurden, als Besänftigungsstrategie für die bislang privi­legier­ten ArbeitnehmerInnen zu sehen, die nun ihre Arbeitstelle verlieren sollen. Ihnen wird für eine Übergangszeit ein gesichertes Einkommen in Aussicht gestellt, das zusätzlich noch durch eine einmalige Abfindung versüßt wird. Für andere Gruppen, die von der Strukturanpassung indirekt betroffen sind, stehen keine solch großzügigen Finanzmittel zur Verfügung. Gruppen, die bislang eine durchaus reelle Chance hatten, im Staatsdienst oder der privaten organisier­ten Wirtschaft eine Beschäftigung zu finden, werden es zukünftig erheblich schwerer haben, diesen beruflichen Aufstieg auch tatsächlich zu erreichen.

9.2 Initiativen zur Sozialen Sicherheit im informellen Sektor Tamil Nadus

Im vorausgegangenen Kapitel wurden die Maßnahmen zur Sozialen Absicherung von An­ge­hörigen des organisierten Sektors kurz vorgestellt. Es wurde festgestellt, daß es ein um­fassen­des System gibt, das in vielen Bereichen zwar noch ausbaufähig ist, aber trotzdem die wichtig­sten Risiken - mit Ausnahme der Arbeitslosigkeit - abdeckt. Es wurde ebenfalls darauf hinge­wiesen, daß durch die Wirtschaftsreformen der 90er Jahre kaum zu erwarten ist, daß das beste­hende System weiter ausgebaut werden wird. Vielmehr ist davon auszu­gehen, daß im Zuge von Privatisierungsmaßnahmen, Betriebsschließungen und Entlassun­gen der Anteil der Be­schäftigten, die von diesem System bisher profitierten, höchstwahr­scheinlich stark zu­rückge­hen dürfte. Schon gegenwärtig ist nur ein Bruchteil der indischen ArbeitnehmerInnen und ihrer Angehörigen in dieses System einbezogen. Die Mehrzahl der in Indien lebenden Menschen ist dagegen vollkommen unzureichend gegen bestimmte Risiken geschützt. In aller Regel handelt es sich hierbei um Menschen, die einen solchen Schutz jedoch notwendiger bräuchten als etwa die Beschäftigten der Zentral- und Landes­regierungen. Diese Menschen sind nicht nur bedeu­tend ärmer, sie sind auch gegenüber bestimmten Risken verwundbarer. Sie leben nicht selten unter katastrophalen hygienischen Umständen, die sie gegen Krankhei­ten anfälliger machen. Sie können sich eine ausgewo­gene Ernährung häufig nicht leisten, und Fehl- und Unterernäh­rung erhöhen die Krankheitsan­fälligkeit zusätzlich. Als un- bzw. angelernte Arbeitskräfte, oftmals ohne ein festes Ar­beitsverhältnis, sind sie der wirtschaftlichen Ausbeutung viel stärker ausgesetzt als die Beschäftigten im organisierten Wirtschaftsbereich, zumal dort Gewerkschaf­ten die Einhal­tung von Arbeitsgesetzen überwachen.

Tab. 15: Pensionsprogramme in den verschiedenen Bundesländern (1988)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schließ­lich üben sie häufig auch eine Beschäfti­gung in einer Umgebung aus, die unter arbeitshygie­nischen Gesichtspunkten be­denklich ist. Auch dies vergrößert das Risiko, durch Krankheit, Unfall oder Tod am Erwerb eines Einkommens „gehindert“ zu werden. Diese Menschen sind zum größten Teil auf infor­melle Systeme der Sozialen Si­cherheit angewiesen, die jedoch oftmals - unter Berücksichti­gung des geringen Einkom­mensniveaus dieser Gruppen - wenig „Sicherheit“ bieten können.

Ein System der staatlichen Sozialgesetzgebung für den informellen Sektor in Indien gibt es bislang nicht. Was es jedoch gibt ist eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen in verschiedenen Bun­desländern, die in ihrer Summe zumindest auf dem Papier z.T. recht beeindruckend sind. Ein Schutz bei Arbeitsunfällen sowie eine - wenn auch geringe - staatliche Unter-stützung im Alter besteht heute (theoretisch) in nahezu allen indischen Bundesländern.

Uttar Pradesh war das erste indische Bundesland, das 1957 ein allgemeines staatliches Pensi­onsprogramm außerhalb des organisierten Sektors der Wirtschaft einführte. Mit Andhra Pra­desh (1961), Kerala (1961), Tamil Nadu (1962), West Bengalen (1962), dem Punjab (1964) und Karnataka (1965) übernahmen weitere Staaten dieses Programm schnell, während Orissa (1975), Gujarat (1978), Madhya Pradesh (1979) und Maharashtra (1979) erst mit deutlicher Verzögerung folgten (Guhan 1992: 287).

Eine Übersicht über weitere Programme zur sozialen Absicherung im informellen Sektor kann - auf ganz Indien bezogen - nur sehr schwer erstellt werden. Programme, die von der Zentralregierung initiiert und zum Teil auch bezuschußt werden (s.u.), dürften in vielen Bun­desländern in ähnlicher Art bestehen. Inwieweit diese jedoch auch tatsächlich ange­wendet werden, wie viele Berechtigte sie tatsächlich erfassen und welche Programme dazu zusätzlich bestehen, kann hier nicht vertieft werden. Es soll vielmehr im folgenden aus­führlicher auf die Programme in Tamil Nadu eingegangen werden, so wie sie in den Veröf­fentlichungen und Statistiken der Regierung wiedergegeben werden.

Die Schwierigkeit, eine einigermaßen objektive Einschätzung vom Umfang und der Im­ple­mentierung dieser Programme zu erhalten, besteht in ihrem häufig populistischen Cha­rakter und der Tatsa­che, daß von „Unregelmäßigkeiten“ bei der Durchführung dieser Programme ausgegangen werden kann.

9.2.1 Alterspensionen für verschiedene Personengruppen

Das älteste Programm dieser Art (Old-age pension scheme, normal, OAP normal) besteht in Tamil Nadu seit nunmehr über 30 Jahren. Es wurde noch während der Regierungszeit der Congress-Partei in Tamil Nadu begonnen. Weitere Pensionsprogramme für besondere Ziel­gruppen1 wurden in den folgenden 20 Jahren eingeführt. Die monatliche Rente ist für alle Empfängergruppen gleich. 1962 betrug sie 20 Rs; sie wurde 1979 auf 25 Rs, 1982 auf 35 Rs, 1989 auf 50 Rs und schließlich im April 1992 auf 75 Rs erhöht (Guhan 1992: 252; Tamil Arasu, April 1992: 21). Neben dieser monatlichen Geldleistung haben die Be­zieher solcher Altersrenten einen Anspruch auf Nahrung und Kleidung.

Die Pensionsprogramme sollen neben der (minimalen) Absicherung im Alter auch andere Risiken abfedern helfen. So übernehmen die Witwenrente und die Rente für die von ihren Ehemännern verlassenen Frauen eine Funktion, die einer Hinterbliebenenrente ähnlich ist. Die Rente für Behinderte bietet einen (minimalen) Schutz vor bestimmten gesundheit­lichen Risiken. Bis zum Jahr 1989 wurde ein jährlicher Höchstbetrag festgelegt, den die Landesre­gierung für Pensionszahlungen bereitstellte. Diese Summe wurde auf die ver­schiedenen Di­strikte aufgeteilt. Anspruchsberechtigte Personen, die wegen fehlender Finanzmittel keine Pension erhalten konnten, wurden in eine Warteliste aufgenommen und bei Zuteilungen in folgenden Jahren vorangig behandelt.

Tab. 16: Entwicklung der Anzahl der TeilnehmerInnen an verschiedenen Pensions-programmen in Tamil Nadu (1989-1994)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: Guhan 1992 (für 1989; 1990), Statistical Handbook of Tamil Nadu 1991: 512 Government of Tamil Nadu, Budget Publication No. 30 (Social Welfare) (für 1993-94 berechnet).

Mit der Regierungsübernahme der DMK im Jahr 1989 sollten diese Wartelisten abge­schafft werden und alle berechtigten Personen innerhalb dreier Monate nach der Antrags­stellung eine Pension erhalten (Guhan 1992: 252). Daß solche Wartelisten im höchsten Maße problematisch sind, versteht sich von selbst. Sie können zu einer Entsolidarisierung der Berechtigten führen und bieten den durchführenden Organen ein leichtes Mittel, einen an sich bestehenden Anspruch abzublocken. Da sich zusätzlich die Re­gierung bei diesen und anderen Sozialprogrammen selbst „kontrolliert“, ist eine Einklagbar­keit von Leistun­gen praktisch nicht gegeben.

Zwischen 1989 und 1991, d.h. während der Regierungszeit der DMK, hat sich der Teil­neh­merkreis an den Pensionsprogrammen sehr stark erweitert. Insgesamt haben zum Ende des Wirtschafts­jahres 1990-91 nach Regierungsveröffentlichungen 515.429 Personen Unterstüt­zung durch eines der Pensionsprogramme er­halten. Dies waren etwa 12 Prozent des (hochgerechneten) Berechtigtenkreises. Im Haus­haltsjahr 1993-94 wurden Finanzmittel für 770.000 Pensionen bereitsgestellt.

Tab. 17: Verteilung der PensionsempfängerInnen nach Distrikten (1990)

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Guhan (1992) versucht festzustellen, wie hoch der Anteil der Menschen in den Distrikten Tamil Nadus ist, die tatsächlich in den Genuß von solchen Pensi­ons­zahlungen gekommen sind. Ein wichtiges Problem der Programmumsetzung wird dabei of­fensichtlich: es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, abzuschätzen, wer in Tamil Nadu überhaupt berechtigt ist, solche Pensionen zu erhalten.

Entsprechend den Altersbe­schränkun­gen der einzelnen Programme lassen sich lediglich Hoch­rechnungen darüber anstellen, wie groß der jeweilige Personenkreis ist, der die Altersvorausset­zungen erfüllt. Große Schwierig­keiten bereitet jedoch die Zielgruppenerfassung hinsichtlich des Kriteri­ums „mittellos“ (destitute).

„Destitution, defined as the condition of those without an income of their own or means of support from oth­ers, is a common eligibility criterion for all these pensions. Those without an income of their own, and with­out any relatives of age 20 and above in the form of son, daughter's son, or spouse are presumed to be desti­tutes. Persons who live in a house of value less than Rs 1000 or own marginal ex­tents of land are presumed not to have an income of their own“ (Guhan 1992: 253).

Das Kriterium ist nur schwer zu überprüfen, da die Ein­kommenssituation einzelner Haushalte nur durch umfangreiche Recherchen offengelegt werden kann. Eine landesweite Schätzung ist unmöglich, wäre jedoch notwendig, um z.B. die wahrscheinlich anfallenden Kosten solcher Pro­gramme für den Staatshaushalt ermit­teln zu können. Die in der Tabelle genannte Anzahl der Be­rechtigten dürfte zu hoch sein, denn sie orientiert sich, wie gesagt, lediglich am Alterskrite­rium. Die daraus ermittelten Kosten von 2,5 Mrd. Rs (plus Verwaltungsausgaben) sind deshalb als großzügige Schätzung zu bewerten. Sie berücksichtigt auch jene Haushalte, die an die sozialen Sicherungssysteme des formellen Sektors angeschlossen sind. Ebenfalls berücksich­tigt sind jene Haushalte, deren Mitglieder zwar keine Altersversorgung durch den formellen Bereich erhalten, dennoch aber das Kri­terium „mittellos“ nicht erfüllen.

Gulati/Gulati (1994) errechnen für Kerala, daß eine monatliche Rente von 100 Rs für alle mittel­losen Alten sowie für alle mittellosen Witwen gleich welchen Alters, den Fi­nanzhaushalt Keralas mit ca. einer Mrd. Rs belasten würde. Dies entspräche einem An­teil von 3,4 Prozent an den Gesamt­ausgaben für das Wirtschaftsjahr 1991-92. Auf Tamil Nadu übertragen wären dies bei einer Renten­höhe von 100 Rs monatlich etwa 2,2 Mrd. Rs oder bei einer Rentenhöhe von 75 Rs insgesamt etwa 1,7 Mrd. Rs (ebenfalls für 1991-92). und damit weniger als die Hälfte der Summe, die die Regierung im gleichen Jahr an Pen­sionen für ihre Bediensteten auszahlte. An Pensionen im Rahmen der Pro­gramme für den unorganisierten Sektor wurden lediglich knapp 300 Mio Rs tatsächlich ausbezahlt.

Unter der AIADMK-Regierung haben sich die Haushaltsmittel für Renten im unorganisier­ten Sektor deutlich erhöht. Selbst wenn man die Erhöhung der Pensionen von 50 auf in­zwischen 75 Rs monatlich berücksichtigt, wurde damit der Teilnehmerkreis erheblich aus­geweitet. Im Haushaltsplan für 1993-94 sind knapp 700 Mio. Rs für Pensionszahlungen vorgesehen. Da die Höhe der jährlichen Zahlungen pro Person von 600 Rs (50 Rs x 12) nach 1991 auf 900 Rs (75 Rs x 12) angestiegen ist, reichen die bereitgestellten Geldmittel aus, um etwa 770.000 Jahres­pensionen zu finanzieren.

9.2.2 Weitere Maßnahmen zur Sozialen Sicherheit im informellen Sektor

Neben den Pensionsprogrammen gibt es noch eine Reihe anderer Maßnahmen zur Sozialen Absi­cherung für Angehörige des informellen Sektors. Teilweise bestehen sie (theoretisch) für alle bedürftigen Haushalte, zum Teil jedoch nur für bestimmte Berufs- bzw. soziale Gruppen.

Eine umfassende Übersicht über die bestehenden Programme und ihren finanziellen Um­fang gibt es nicht. Viele dieser Programme werden in den einschlägigen Verlautbarungen der Regierungen zwar angekündigt, die dafür vorgesehenen Mittel sind in den Haushalts­plänen jedoch oftmals unauffindbar. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, daß die bereitge­stellten Gelder zumeist so gering sind, daß die Programme nicht selten unter den Punkten „Sonstiges“ ausgewiesen werden. Ein anderer Grund liegt darin, daß viele Maßnahmen aus dem Chief Minister's Relief Fund fi­nanziert werden und damit mehr oder weniger willkür­lich sind (Guhan 1992: 267). Hinzu kommt, daß bei einem Regierungswechsel viele Programme fallengelassen werden, und die neue Regierung aus verständlichen Gründen jedoch wenig Wert darauf legt, dies anzukündigen. Es sei denn, ein „neues“ Programm wird gleichzeitig eingerichtet. An dieser Stelle können deshalb le­diglich einige dieser Programme vorgestellt und ihr fi­nanzieller Umfang zwischen 1990 und 1993 genannt werden. Aussagen dar­über, ob und in welchem Umfang diese Programme tatsäch­lich durchgeführt werden, sind oft noch schwieriger zu machen als bei den beschriebenen Pensi­onsprogrammen. Eine Bestands­aufnahme beste­hender Programme und ihrer Durchführung kann deshalb sinnvol­lerweise nur auf lokaler Ebene erfolgen.

Tab. 18: Soziale Sicherungsprogramme für den informellen Sektor in Tamil Nadu

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9.2.2.1 Hinterbliebenenunterstützung und -renten

Die 1989 neugewählte DMK-Regierung führte eine Hinterbliebenenunterstützung für Haus­halte mit einem Jahreseinkommen von weniger als 5000 Rs ein. Danach konnten diese Haus­halte eine einmalige Unterstützung in Höhe von 2000 Rs (ab 1990: 3000 Rs) erhalten, wenn ihr Ernährer starb. Quantitative Angaben dazu liegen lediglich für das Haushaltsjahr 1990-91 vor, in dem diese Unterstützung in 20900 Fällen gewährt wurde (Guhan 1992: 262). Der Finanzierungsumfang belief sich demnach auf ca. 42 Mio. Rs. Nach dem Wahlsieg der AIADMK wurde der Betrag auf 5000 Rs angehoben, wobei für die sieben verbleibenden Mo­nate des laufenden Haushaltsjahres (September 1991 - April 1992) ein Betrag von 50 Mio Rs ausgewiesen wurde (Tamil Arasu, September 1991: 26), genug, um 10000 Familien zu unterstützen. Das Haushaltshöchsteinkommen wurde im Wirtschaftsjahr 1992-93 auf 6400 Rs angehoben (Tamil Arasu, April 1992: 4).

Im September 1991 wurde eine einmalige Hinterbliebenenzahlung in Höhe von 15.000 Rs und eine Hinterbliebenenrente in Höhe von monatlich 250 Rs für Handweber eingeführt (Tamil Arasu, September 1991: 17; April 1992: 18). Bedingung ist allerdings, daß der Verstorbene der Webergenossenschaft angehörte. Die Monatsrente von 250 Rs wird ledig­lich 10 Jahre lang bezahlt (Tamil Arasu, Oktober 1991: 20).

Tab. 19: Direkte Einkommenstransfers im Haushaltsplan Tamil Nadus (1990-1993)

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9.2.2.2 Unfallversicherungen

Unfallversicherungen gibt es für bestimmte Berufsgruppen, bei denen ein berufsbedingter Unfall abgesichert wird. Für die Allgemeinheit ist Verkehrsunfallversicherung vorgesehen. In beiden Fällen ist auch der Todesfall abgesichert, d.h. die Versicherungen haben stets auch die Funktion der Hinterbliebenenversorgung. Die Verkehrsunfallversicherung zahlt bei leichten Verletzungen eine einmalige Beihilfe in Höhe von 100 Rs bis zu 3000 Rs im Todesfall. Bei einer dauerhaften Erwerbsunfähig­keit beträgt die Unterstützung 1500 Rs (Tamil Arasu, September 1991). Bei ihrer Einführung im Jahre 1978 war geplant, diese Versicherung aus der Kraftfahrzeugsteuer zu finanzieren. Ein Anteil von einem Prozent dieser Steuer sollte da­für verwendet werden. Im Wirtschaftsjahr 1979/80 - neuere Angaben liegen nicht vor - haben die Unterstützungslei­stungen jedoch lediglich 0,2 Prozent der Kraftfahrzeugsteuer betragen (Guhan 1981: 45).

Durch die Versicherung bei Arbeitsunfällen können die Versicherten eine einmalige Un­terstützung von gegenwärtig 5000 Rs bei einer Behinderung und 10.000 Rs bei dauerhafter Erwerbsunfähigkeit erhalten. Im Todesfall steht den Angehörigen eine Unterstützung von ebenfalls 10.000 Rs zu. Seit ihrer Einführung 1977 wurde sie auf immer mehr Berufsgrup­pen ausgeweitet. Gegenwärtig werden von ihr u.a. Kanalarbeiter (1977), Landarbeiter, die häufigen Umgang mit Pestiziden haben (1977), Arbeiter beim Brunnenbau (1977), Kleinfi­scher (1978), Landarbeiter und Kleinbauern (1978), Dorfhandwerker (1978), LKW-Fahrer (1989), Auto-Rickshaw-Fahrer (1989) und Fahrer von Taxis und Bussen (1989) erfaßt (Guhan 1981, 1992).

Durch die Initiative der Zentralregierung wurde 1984 eine eigenständige Unfallversiche­rung für Kleinfischer ins Leben gerufen, die gegenwärtig eine einmalige Unterstützung in Höhe von 21.000 Rs im Todesfall gewährt. Die Versicherungsprämie von anfänglich jähr­lich 12 Rs pro versichertem Fischer wurde ursprünglich zu gleichen Teilen von der Regie­rung Tamil Nadus und der Zentralregierung getragen. Mit Wirkung vom 1. Juli 1991 hat die Regierung von Tamil Nadu ihren Prämienanteil auf 10,84 Rs erhöht, so daß anstelle der ursprünglichen Versicherungssumme von 15.000 Rs nun eine Summe von 21.000 Rs bei bleibender Arbeits­unfähigkeit und im Todesfall an den Fischer bzw. seine Angehörigen ausgezahlt werden können. Bei einer Minderung der Arbeitsfähigkeit wurde die Versiche­rungssumme von 7.500 Rs auf 10.500 Rs angehoben (Tamil Arasu, Juli/August 1992: 66). Anfang Mai 1995 be­schloß die Regierung von Tamil Nadu, die Unfallversicherung für Fischer auf 100.000 Rs anzuheben. Vieles deutet darauf hin, daß dieser Schritt sehr stark von parteipolitischen Überlegungen beeinflußt war. Nur fünf Tage zuvor hatte die Bharatya Janata Party (BJP) bei einer Protest­veranstaltung von Fischern ge­fordert, die Un­fallversicherung für Kleinfischer auf 500.000 Rupien zu erhöhen (The Hindu 29.4.1995).

9.2.2.3 Maßnahmen im Gesundheitsbereich

Maßnahmen im Gesundheitsbereich beziehen sich vor allem auf die Unterstützung schwange­rer Frauen. Die Maßnahme wurde 1989 von der DMK-Regierung eingeführt und hatten auch unter der AIADMK-Regierung Bestand, die den Unterstützungsbetrag von 200 auf 300 Rs anhob. Schwangere Frauen aus Haushalten mit einem Jahreseinkommen von weniger als 5000 Rs haben nach diesem Programm ein Anrecht auf Zahlungen von jeweils 75 Rs für die beiden Monate vor und nach der Entbindung. Diese Unterstützung erhalten sie le­diglich für die beiden ersten Geburten und auch nur dann, wenn sie bei ihrer Heirat nicht jünger als 18 Jahre alt waren.1 Im Haushaltsjahr 1993-94 wurden für diese Maßnahme 42,5 Mio. Rs zur Verfügung gestellt, ausreichend um über 140.000 Frauen eine solche Unterstützung zu ge­währen. Gegenüber den Jahren 1989 bis 1991 wurde dadurch der Teilnehmerkreis erheblich eingeschränkt, denn im Haushaltsjahr 1989-90 er­hielten noch 219.000 Frauen durch dieses Programm Unterstützung (Guhan 1992: 264,Table 7) und auch im darauffolgenden Jahr waren mit 41,8 Mio. Rs Mittel für eine ähnlich hohe Anzahl Frauen vorgesehen (GOTN, Budget Publication No.30 1990-91).

9.2.2.4 Weitere Programme zur sozialen Absicherung

Neben den bislang genannten Programmen gibt es, zumindest auf dem Papier, eine ganze Anzahl weiterer Maßnahmen, die jedoch von ihrer finanziellen Ausstattung her kaum ins Gewicht fallen und schon deshalb relativ wenige Berechtigte auch tatsächlich erreichen. Eine Ausnahme bilden in dieser Hinsicht lediglich die 1989 von der damaligen DMK-Re­gierung eingeführten Heiratsbeihilfen für Frauen unterhalb der Armutsgrenze. Programme dieser Art gehören zwar nicht zum herkömmlichen Repertoire Sozialer Absicherung, sto­ßen jedoch angesichts der Realität, daß eine Hochzeit gerade für die Familie der Braut in Indien immer teurer wird, in der Öffentlichkeit auf breite Zustimmung. Zu überlegen wäre allerdings, ob solche staatlichen Zuschüsse nicht das gesetzlich verbotene Mitgiftsystem legitimieren oder zumindestens fördern.2

Bis 1991 war bei diesem Programm das Familienhöchsteinkommen auf jährlich 5000 Rs festge­legt (Guhan 1992: 265). Im September 1991 entschloß sich die AIADMK-Regie­rung jedoch zu einer Erhöhung auf 12.000 Rs „ to enable lower, middle class women to become eligible for the Marriage assistance scheme “ (Tamil Arasu, Juli 1993: 28). Wie bereits bei der Schwange­renunterstützung ist auch an dieses Programm als zusätzli­ches Kriterium ein Heiratsalter von über 18 Jahren geknüpft. Zusätzlich dazu können nur Frauen an dem Programm teilnehmen, die mindestens das achte Schuljahr erfolgreich ab­geschlossen haben. 1990 erhielten in ganz Tamil Nadu 19.700 Frauen Heiratsbeihilfen nach diesem Programm (Guhan 1992: 266); 72 Mio. Rs wurden im Haushaltsjahr 1989-90 zu diesem Zweck ausgegeben (GOTN, Budget Publication No.30 1991-92: 68). Im Wirtschaftsjahr 1990-91 wurden insgesamt 117,2 Mio. Rs bereitgestellt, ausreichend für 23.440 Heiratsbeihilfen. Unter der AIADMK-Regierung wurden diese Beihil­fen auf 50 Mio Rs gekürzt, ausreichend für nur noch 10000 Beihilfen dieser Art. Durch die durch die Anhebung der Einkommensobergrenze erhöhte Anzahl der berechtigten Teil­nehmerinnen kann nicht ausgeschlossen werden, daß die untersten Einkommensgruppen inzwischen aus dem Pro­gramm weitgehend ausgegrenzt wurden, zumal das zur Programm­teilnahme notwendige Bil­dungsniveau in aller Regel von Frauen ärmerer Bevölkerungs­gruppen nicht erreicht wird.

Ein Programm besonderer Art wurde 1992 von der AIADMK-Regierung eingerichtet und wird aus dem Haushaltstitel Women's Development finanziert. Eltern mit höchstens zwei Töchtern, jedoch keinem Sohn, können zur deren Ausbildung Beihilfen erhalten. Dies gilt jedoch nur unter der Bedingung, daß sich ein Elternteil sterilisieren läßt.

„A sum of Rs. 2000 on account of each family will be invested in a Fund. Amounts will be given to the family at periodical intervals for the girl child to complete primary, middle, high, higher secondary and college education. When the girl attains the age of 20 years, a lumpsum amount of Rs.10.000 will be provided to enable her to estab­lish her family or to pursue higher education“ (Tamil Arasu, April 1992: 20).

Ein Programm ganz anderer Art sei am Ende dieser Ausführungen noch erwähnt. Seit 1982 gibt es in Tamil Nadu ein Spar­programm für Kleinfischer: das Tamil Nadu Marine Fisher­men Savings cum Relief Scheme. Durch diese Maßnahme sollen die Auswirkungen sai­sonalbedingter Einkommens­schwankungen im Kleinfischereisektor abgemildert werden. In seiner ursprünglichen Form bezahlten Kleinfischer und Fischereiarbeiter innerhalb eines Jah­res neun Monate lang ei­nen Betrag von 10 Rs an einen Fund, der vom Fisheries Department verwaltet wurde. Die Regierung von Tamil Nadu schoß denselben Betrag (90 Rs) zu und zahlte die Gesamt­summe in drei Raten zu je 60 Rs in den Monaten Oktober, November und Dezember an die Fischer aus. 1992 wurde der Modus des Programms geändert. Seither zahlen die Fischer acht Monate lang einen Betrag von jeweils 45 Rs in den Fund ein. Die Regierung von Tamil Nadu und die Zentralregierung schießen jeweils den­selben Betrag zu, so daß in­nerhalb eines Jahres für jeden Fischer 1080 Rs angespart werden. Dieser Betrag wird in vier Raten zu jeweils 270 Rs in den vier an­geblich einkom­mensschwachen Monaten ausbezahlt.

Seit der Einführung des Programms hat sich seine Teilnehmerzahl erheblich ausgeweitet (von knapp 2.000 im Jahr 1982 auf fast 75.000 in Jahre 1992/93; vgl.: GOTN, Budget Publication No.21 (Fisheries);Detailed Demand for Grand,1990/91-1993/94). Im Haushaltsplan von 1993-94 wurden die für das Programm bereitgestellten Geldmittel jedoch fast halbiert, was zu einer starken Einschränkung der Nutznießer aus dem Programm führte. Von den Fischern und den Fischereiarbeitern wird das Sparprogramm äußerst positiv aufge­nommen. Auch wenn es vom finanziellen Umfang eher bescheiden ist, hat der staatliche Zu­schuß dennoch bewirken können, daß die Kleinfischer inzwischen auch Geld für Notzeiten zurücklegen. Als im Früh­jahr 1992 der monatliche Sparbetrag von zuvor 10 Rs auf 45 Rs er­höht wurde, befürchteten einige, in einkommensschwachen Monaten den Sparbe­trag nicht aufbringen zu können und deshalb aus dem Programm gestrichen zu werden.

9.3 Eine Bewertung der Programme zur Sozialen Absicherung in Tamil Nadu

Eine (vorläufige) Bewertung der vorgestellten Programme kann nach unterschiedlichen Aspekten vorgenommen werden.

1. Zunächst kann untersucht werden, inwieweit sich der gewährte Schutz von den Stan­dards unterscheidet, die für den organisierten Sektor gesetzlich verbindlich sind. Dabei wird allerdings zu berücksichtigen sein, daß dort die Leistungen zumeist durch die fi­nanzielle Beteiligung von Arbeitnehmern und -gebern erbracht werden, während bei den Maßnah­men im informellen Sektor - bis auf wenige Ausnahmen - der Staat die an­fallenden Ko­sten vollständig übernimmt. Aus diesem Grund müssen die jeweiligen Subventionsleistun­gen des Staates für den formellen und den informellen Sektor einan­der gegenübergestellt werden.
2. Unabhängig davon kann eine Bewertung unter Berücksichtigung der erbrachten Lei­stun­gen vorgenommen werden. Hier gilt es zu prüfen, ob diese Leistungen hinreichend sind, um einen Schutz vor bestimmten Risiken sicherzustellen.

9.3.1 Vergleich informeller vs formeller Sektor

Im Vergleich zu den gesetzlichen Mindeststandards im organisierten Sektor sind die er­brach­ten Leistungen im unorganisierten Sektor extrem gering. Am deutlichsten wird diese Dispari­tät im Vergleich zum staatlichen Sektor.

Eine Jahrespension im informellen Bereich von derzeit etwa 1500 Rs1 wird mit Si­cherheit nicht an die durchschnittlichen Monatspensionen im staatlichen Sektor heranrei­chen, höchstwahrscheinlich noch nicht einmal an die niedrigsten. Gulati/Gulati (1994) errech­nen, daß die durchschnittliche Pensionshöhe bei den Staatsbediensteten Ke­ralas etwa 13 mal höher ist als die Pensionen im Rahmen der Social Security- Programmen dieses Bundeslandes.

Tab. 20:Pensionszahlungen der Regierung Tamil Nadus an ihre Beschäftigten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Haushaltsjahr 1993-94 hat die Regierung Tamil Nadus 5,5 Mrd. Rs für Pensionen und Hinter­bliebenenrenten ihrer Beschäftigten vorgesehen. Bei insgesamt 213.000 Pensionsemp­fängern - einschließlich Hinterbliebenen - betrug demnach die durchschnittliche Monatspen­sion etwa 2100 Rs (Tamil Arasu, November 1992: 6). An obiger Aufstellung ist auch zu sehen, daß die Ausgaben für Pensionszahlun­gen in aller Regel die ursprünglich im Haus­haltsplan (Budget Estimates) vorge­sehene Be­träge deutlich übersteigen. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß die Pensionen regelmäßig der Teuerungsrate angeglichen werden. Zwischen November 1991 und Mai 1993 ist der Teuerungszuschlag (Dearness Allowance) für ehemalige Bedienstete der Regierung Tamil Nadus dreimal erhöht worden. Die monatlichen Pensionen sind dadurch um eine Summe zwischen 112 und 732 Rs an­gestiegen. Insgesamt ko­stete diese Maßnahme die Steuerzahler zusätzlich 692 Mio. Rs. Das ist mehr als die vorge­sehe­nen Zahlungen im Rahmen von Programmen zur Sozialen Sicherheit im Wirtschaftsjahr 1992-93 betrugen (689 Mio. Rs ohne Schul­speisungspro­gramm).

Tab. 21: Erhöhung der Teuerungszulage (Dearness Allowance) für Pensionen (1991-93)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allein zum Ausgleich der Preissteigerung sind die mo­natlichen staatlichen Pensionen um durchschnittlich mehr als 270 Rs angehoben worden. Eine monatliche Pensionszahlung von 75 Rs im informellen Sektor sieht im Vergleich dazu mehr als bescheiden aus.

Bei der Hinterbliebenenunterstützung ist die Diskrepanz zum staatlichen Sektor, wie zu er­warten, ebenfalls vorhanden. Sie ist jedoch weniger ausgeprägt als bei den Altersrenten. Handweber und Kleinfischer erhalten mit 15.000 Rs und 21.000 Rs die höchsten Unter­stüt­zungsbeträge. Die Angehörigen von Staatsbediensteten erhalten nach dem Family Security Fund Scheme seit September 1991 mindestens eine einmalige Unterstützung in Höhe von 60.000 Rs (zuvor 40.000 Rs) sowie eine Hinterbliebenenrente, die vom letzten Einkommen des Verstorbenen abhängig ist (Guhan 1992: 249; Tamil Arasu, Sep­tember 1991: 26). Für bestimmte Berufsgruppen innerhalb des staatlichen Sektors gibt es jedoch höhere Absi­cherungen. So erhalten z.B. die Angehörigen von Polizisten1 beim Todesfall während der Pflichtausübung einen einmaligen Betrag von 100.000 Rs, die Mo­natsbezüge des Verstor­benen bis zu seiner vorgesehenen Pensionierung und anschließend seine Pension (Tamil Arasu, Oktober 1991: 21).

Insgesamt muß festgestellt werden, daß eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Stan­dards im staatlichen Sektor und den Maßnahmen zur Sozialen Sicherheit im informellen Bereich besteht. Weitere Vergleiche bestätigen diese Feststellung lediglich. Auf sie soll deshalb verzichtet werden, zumal die gewonnenen Erkenntnisse weder neu noch überra­schend sind, sondern hier lediglich hinsichtlich ihrer Dimensionen dargestellt werden sollten.

Wichtig ist jedoch, daß diese Standards auch den armen Menschen bekannt sind und zu einer hohen Präferenz des staatlichen Sektors bei den Be­schäftigungswünschen führen. Auf diese „Pull-Fakto­ren“, die vom staatlichen Bereich der Wirtschaft ausgehen, wird später im empi­rischen Teil der Arbeit nochmals eingegangen.

9.3.2 Bewertung nach den erbrachten Leistungen

Vergleicht man die Altersrenten im informellen Sektor mit den für diesen Sektor festgeleg­ten Mindestlöhnen, sieht die Bilanz ebenfalls dürftig aus. Zum 1.2.1993 sind die gesetzli­chen Mindestlöhne im informellen Sektor der Industrie von 15 auf 20 Rs/Tag an­gehoben worden. Geld- und Sachleistungen zusammengenommen beträgt die monatliche Alters­rente etwa 125 Rs oder zwischen sechs und acht Tagesmindestlöhnen. Sie liegt damit unter der ländlichen Armutsgrenze von 1987-88, die 132 Rs betrug (GOI 1992-II: 27).

Gulati/Gulati (1994) argumentieren, daß die Alterspensionen in Kerala in Höhe von derzeit 65 bis 85 Rs hinreichend seien, um eine Minimalabsicherung zu gewährleisten. Sie führen dabei an, daß die Rentenempfänger in den Fair Price Shops Nahrungsmittel deutlich unter den auf dem freien Markt geltenden Preisen einkaufen könnten und außerdem sei bei den meisten Bezie­hern von Altersrenten davon auszugehen, daß sie keine Ausgaben für Unterkunft haben, da sie i.d.R. bei Angehörigen wohnten. Die Menge der aus den staatlichen Lebensmittelläden bezogenen Nahrungsmittel ist jedoch nicht an die Haus­haltgröße gebunden. Großhaushalte erhalten nicht mehr Nahrungsmittel als kleinere Haus­halte und sind deshalb benachteiligt. Empfänger von Alterspensionen können demnach auch keine „Extraration“ erhalten, es sei denn, sie leben in einem eigenständigen Haushalt. Dann jedoch würden Kosten für die Unterbringung anfallen. So gesehen tragen Alterspen­sionen zwar zum Haushaltseinkommen bei, ermöglichen den Beziehern jedoch keine selbständige Lebensführung. Ihre Position im Haushalt wird dadurch trotzdem ver­bessert, werden sie doch aufgrund ihres finanziellen Beitrags weniger als unproduktive Last emp­funden.

Ähnlich sind die Beihilfen für schwangere Frauen zu bewerten. Sie sind zu niedrig, um Schwan­gere genügend abzusichern, damit sie eine geraume Zeit vor und nach der Entbindung das Arbei­ten auf dem Feld oder auch im Haushalt ein­stellen kann. Doch selbst wenn die Beihilfe höher wäre, würde dies wahrscheinlich in sehr vielen Fällen nicht der Fall sein. Diese Beihilfe ist ver­mutlich ebenfalls eher ein willkom­menes Zusatzeinkommen. Sie kann aber, wenn sie tatsächlich der Frau zukommt, dieser zumindest einen Geldbetrag in die Hände geben, der sie in die Lage versetzt, die notwendigen Arztbesuche zu bezahlen.

Eine Bewertung der anderen Leistungen ist schwierig. Die Unterstützungszahlungen bei Ver­kehrsunfällen sind mit 3000 Rs im Todesfall mit Sicherheit zu niedrig angesetzt. Im Gegen­satz dazu sind die Hinterbliebenenunterstützungen in der Größenordnung zwischen 10.000 und 21.000 Rs für indische Verhältnisse - und besonders für die Verhältnisse von Gruppen unterhalb der Armutsgrenze - sehr viel Geld. Sie dürften in der Regel das Jahres­einkommen eines solchen Haushaltes deutlich überschreiten und bieten damit den Hin­ter­bliebenen für einen relativ langen Zeitraum die Möglichkeit, sich auf ihre neue Situa­tion einzustellen. Wenn keine weiteren berufstätigen Haushaltsmitglieder vorhanden sind und - im Falle des Ablebens des männlichen Ernährers - die Witwe das zum Bezug einer Witwenpension notwendige Alter erreicht hat, kann diese Pension zusammen mit der Hin­terbliebenenunterstützung Verwundbarkeit erheblich verringern. Falls die Witwe vor dem Tod ihres Ehemanns bereits berufstätig war, kann sie den hohen Geldbetrag dazu verwenden, ihre zukünftigen Einkommensmöglichkeiten zu verbessern. So sind die 21.000 Rs, die gegenwärtig den Angehörigen von Kleinfischern bei deren Tod ausbezahlt werden, ein ausrei­chendes Startkapital für eine neue wirtschaftliche Existenz. Sie können z.B. ver­liehen werden und erbringen bei den üblichen Zinssätzen von 10 Prozent monatlich ein Monatseinkom­men von 2100 Rs, „ mehr als der Ehemann zu Lebzeiten als Einkommen nach Hause brachte “.1 Allerdings, und hier liegt der große Nachteil solch hoher Ent­schädigungszahlun­gen, gibt es bei den zur Bearbeitung der Versicherungsfälle zuständigen Behörden nicht we­nige Mitarbeiter, die an diesem „Geschenk des Staates“ ebenfalls ihren Anteil beanspruchen.

9.4 Probleme der Durchführbarkeit Sozialer Absicherungsprogramme

Am Ende des vorausgehenden Kapitels wurde eines der größten Probleme bei der Durch­füh­rung von Programmen zur Sozialen Absicherung im informellen Sektor angesprochen: die allgegenwärtige Korruption in den staatlichen Verwaltungen. Nicht genug, daß die meisten Programme von ihrem Umfang her eher bescheiden sind, (fast) immer finden sich auch noch Beamte, die von ihnen profitieren wollen. Von staatlicher Seite werden nur halbherzige Schritte unternommen, diese Art der Korruption wirkungsvoll zu unterbinden, beruht sie doch auf einer Hierarchie, die vom untersten Verwaltungsbeamten bis hin in hohe politische Kreise reicht. Kaum eine Rolle spielt bei der Durchführung, daß die Programme den Berechtigten etwa nicht bekannt wären. So gibt es z.B. das Pensionsprogramm in Tamil Nadu seit mittler­weile mehr als 30 Jahren, und keine Regierung versäumt einen geeigneten Anlaß, darauf hin­zuweisen. Zudem sprechen sich solche Programme bei potentiell Berechtigten sehr schnell herum. Wenn zuvor bereits an verschiedenen Stellen immer wieder auf den popu­listischen Charakter indischer Politik hingewiesen wurde, dann trifft dies auch auf diesen Bereich zu. Populistische Politik setzt voraus, daß einmal getroffene Maßnahmen dem Volk immer wieder nahegebracht werden. So stellt sich im empirischen Teil der Arbeit heraus, daß die meisten nach solchen Programmen befragten Personen sehr genau darüber Auskunft geben konnten.

Wichtig - wenngleich höchstwahrscheinlich nicht so wichtig wie gemeinhin angenommen - dürfte der jeweilige Bildungsstand der Berechtigten sein. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Angaben, die Guhan (1992) hinsichtlich der Aufteilung bestimmter Maßnahmen auf die unterschiedlichen Distrikte Tamil Nadus macht, von höchstem Interesse. So schneidet Madras bei fast allen Programmen unterdurchschnittlich ab (Guhan 1992: 256-60), obwohl ange­nommen werden muß, daß die Menschen dort am ehesten über solche Programme informiert sind. Ihr Bildungsstand ist weit über dem Durchschnitt von Tamil Nadu. Die Verfügbarkeit mehrerer Zeitschriften in tamilischer Sprache sowie die Präsenz aller wich­tigen Parteien müßten ebenfalls dazu beitragen, daß die Menschen sehr gut über die Exi­stenz solcher Pro­gramme Bescheid wissen. Dennoch erhielten 1990 in Madras lediglich 1,9 Prozent der Be­rechtigten eine Hinterbliebenenunterstützung. Insgesamt waren es in ganz Tamil Nadu jedoch 20,8 Prozent. Unter allen 16 Distrikten liegt Madras dabei mit Abstand an letzter Stelle. An vorletzter Stelle liegt der Coimbatore-Distrikt, der ebenfalls eine überdurchschnittliche Al­phabetisierungsquote aufweist. Ähn­lich verhält es sich bei der Bewilligung von Schwan­gerenunterstützungen. Auch hier liegt Madras mit 28,7 Prozent deutlich unter dem Landes­durchschnitt von 36 Prozent und wird lediglich durch den South Arcot Distrikt mit 22,2 Prozent vom letzten Platz verdrängt.

Aufschlußreich ist auch die räumliche Verteilung der Heiratsbeihilfen. Obgleich Madras mit 67,1 Prozent eine deutlich höhere Alphabetisierungsquote bei Frauen hat als Tamil Nadu insgesamt, liegt der Distrikt auch bei diesem Programm an letzter Stelle. Lediglich 16,3 Prozent der berechtigten Frauen konnten hier eine Heiratsunterstützung erhalten, ob­wohl diese direkt mit dem Bildungsstand verknüpft ist. In ganz Tamil Nadu waren es 25 Prozent. Auf der ande­ren Seite schneidet der Dharmapuri-Distrikt bei immerhin der Hälfte der Programme über­durchschnittlich ab, obwohl er mit knapp 40 Prozent die niedrigste Alphabetisierungsquote in Tamil Nadu hat. Guhan (1992) sieht den hauptsächlichen Grund für die unterdurchschnittliche Programmimplementierung in Madras vor allem in Verwaltungsschwierigkeiten und fehlendem politischen Druck:

„Unlike the rural districts, the city does not have a well-established or decentralized revenue admini­stration. Given the greater scope for fraud and leakages in the urban context, the administration would also tend to be cau­tious and conservative. Assembly constituencies are very large in population and elections to the Corporation have not been held for several years with the result that there is little or no persuasion or pressure from elected repre­sentatives on the people or on the administration“ (Guhan 1992: 271).

9.4.1 Die Finanzierbarkeit von Maßnahmen zur Sozialen Absicherung im informel­len Sektor

Häufig werden gegen die Ausweitung von Maßnahmen zur Sozialen Absicherung auf den informellen Sektor Schwierigkeiten bei der Finanzierung genannt. In vielen Ländern der sog. Dritten Welt sind im informellen Sektor erheblich mehr Personen beschäftigt sind, als im formellen. Diese Beschäftigten sind jedoch nicht oder nur im geringen Umfang zu Beitrags­zahlungen für die Sozialversicherung in der Lage (Gsänger 1993: 281).

In Tamil Nadu können etwa 90 Prozent der Beschäftigten Sektoren zugerechnet werden, die vom Sozialversicherungssystem nicht erfaßt werden. Die größte Gruppe ist die der Land­arbei­ter, die knapp 30 Prozent der Beschäftigten ausmachen. Kaum ein Arbeitgeber wird sich bereit erklären, für seine ArbeiterInnen Sozialabgaben zu bezahlen. Kaum ein Arbeit­nehmer wird bei seinem kärglichen Verdienst in der Lage sein, einen Teil davon auch noch an eine Kran­ken- oder Ren­tenkasse abzuführen. Vielfach gibt es solch klar definierte Arbeitgeber-Arbeit­nehmer-Beziehun­gen noch nicht einmal, sondern viele der im informel­len Sektor Täti­gen üben Gelegenheitsarbei­ten aus oder sind selbstständig. Deshalb sind die Finanzie­rungsprinzi­pien aus dem formellen Sektor, nach de­nen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich an den Kosten für die Sozialversicherung beteili­gen und bei denen der Staat ebenfalls seinen Beitrag leistet, auf den informellen Sektor nur sehr schwer übertragbar (Atkinson/Hills 1991; Burgess/Stern 1991; Gsänger 1993: 280; Queisser 1993).

In Indien bieten zwar viele Gesellschaften private Versicherungen an, doch die Prämien dürf­ten für die meisten der im informellen Sektor Tätigen nicht aufzubringen sein, zumal sie nicht die Möglichkeit haben, die Prämienzahlungen steuerlich abzusetzen. Auf der an­deren Seite bleibt dennoch der Widerspruch bestehen, daß Soziale Sicherungssysteme vor allem für jene Bevölkerungsgruppen bestehen, die strukturell relativ gut abgesichert sind.

Abge­sehen davon, daß auch in Indien der Staat es sich nicht wenig kosten läßt, die Maß­nahmen im organisier­ten Sektor zu bezuschussen, muß darauf hingewiesen werden, daß eine ganze Reihe von Maßnahmen nicht an der Finanzierung scheitern müßte und dennoch ein ver­tretbares Ni­veau der Absicherung erreichen könnte. Allen voran die Absicherung bei arbeits­bedingen Unfäl­len bzw. Todesfällen kann durch eine verhältnismäßig niedrige Versicherungs­prämie erreicht werden. So muß der Staat für die Unfall- bzw. Hinterblie­benenversicherung für die Kleinfischer pro Jahr eine Versicherungsprämie von weniger als 20 Rs pro Fischer be­zahlen und kann den­noch im Schadens­fall eine Entschädigung von 21.000 Rs bereitstellen. Die Finanzie­rung von Leistungen, die nicht einmaliger Art sind und die auch von einer großen Gruppe von Leistungs­nehmern beansprucht werden, dürfte dagegen erheblich schwieriger sein. Doch auch hier lassen sich bei gutem Willen Konzepte erarbeiten, die finanziell tragfähig sind, ohne ausschließlich auf staatliche Subventionen angewiesen zu sein. Für die Be­schäftigten lukrativ wären sicherlich Programme, die bei einem vertretbaren Eigenanteil gleich mehrere Risiken absichern helfen. Die Erfahrungen mit dem Spar­programm für Kleinfischer zeigen, daß die Fischer durchaus bereit sind, für ihre soziale Absicherung Geld auszugeben, sofern sie merken, das das Programm tatsächlich zu ihrem Nutzen ist.

Tab. 22: Anzahl und Anteile der Arbeitskräfte in Tamil Nadu nach Sektoren (1991)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Die nicht gesicherten Bevölkerungsgruppen sind nicht nur durch den Ausschluß aus dem Sicherungs­systemen benachteiligt, sondern auch durch die Existenz der Systeme selbst. Die formellen Sicherungs­systeme benötigen in vielen Ländern beträchtliche staatliche Zuschüsse; diese werden aus dem allgemeinen Steueraufkommen fi­nan­ziert, das sich überwiegend aus indirekten, also regressiv wirkenden Steuern zusammensetzt. Somit werden die Ar­men überproportional zur Finanzierung von Sozialleistungen herangezogen, auf die sie keine Ansprüche haben“ (Queisser 1993: 249).

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Forderung des National Fishermen's Forum (NFF) zur Finanzierung von Wohlfahrtsmaßnahmen im Kleinfischereisektor. Ins Auge gefaßt wird die Erichtung eines Welfare Funds, der von den Fischern, der privaten Fi­schereiindustrie und dem Staat finanziert werden soll:

1. Fischer und FischkleinhändlerInnen zahlen einen nicht näher genannten Betrag in die­sen Fund ein.
2. Die Besitzer von mechanisierten Booten entrichten eine Leistung, die von der Größe ihres Bootes abhängig ist.
3. Exporteure von Fischereiprodukten bezahlen ein Prozent ihres Umsatzes ein.
4. Die lokalen/regionalen FischgroßhändlerInnen bezahlen ebenfalls ein Prozent ihres Um­satzes.
5. Zentralregierung und die jeweilige Landesregierung schießen beide einen Betrag zu, der der Einzahlung durch die Kleinfischer und die FischhändlerInnen entspricht.

Tab. 23: Schätzungen zum Finanzvolumen eines Fish Workers Welfare Funds

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Welfare Fund soll den Fischerfamilien eine angemessene Altersversorgung ermög­lichen, sie vor den Folgen von Unfällen schützen und auch die Verhältnisse in anderen Sozialsektoren wie Bil­dung, Ausbildung, Gesundheit etc. verbessern helfen. Nach einer groben Schätzung würde in einem solchen Fund in Tamil Nadu jährlich etwa 170 Mio. Rs zusammenkommen.

Bei der Berechnung wurden die Vorgaben des NFF zugrunde gelegt bzw. durch eigene Vorgaben ergänzt. Der Beitrag eines aktiven Fischers wurde dabei auf 30 Rs/Monat festge­setzt. Dieser Be­trag ergibt sich aus der Tatsache, daß beim gegenwärtig bestehenden Sparprogramm ein aktiver Fischer bereit und fähig ist, über einen Zeitraum von acht Mo­naten jeweils 45 Rs aufzubringen. Bei den mechanisierten Booten wurde ein durchschnittlicher Pauschalbetrag von monatlich 150 Rs ange­nommen, der bei konkreter Umsetzung eines solchen Programmes entsprechend der Größe der Boote differenziert werden muß. Dieser Betrag erscheint angesichts des großen Einkommens­unterschiedes zwischen Klein- und mechanisierter Fischerei vertretbar, wenngleich er weitgehend willkürlich ange­setzt wurde.

Die Frage wird nun sein, ob sich mit diesen (mindestens) 170 Mio Rs1 im Jahr sinnvolle Maß­nahmen zur sozialen Absicherung von Kleinfischern und ihren Angehörigen finanzie­ren lassen. 1988 umfaßte die Fischereibevölkerung Tamil Nadus etwa 480.000 Menschen (TNFD 1988: 5). Für 1990 kann von einer Bevölkerungszahl von knapp 500.000 Menschen ausge­gangen werden.2 Geht man davon aus, daß etwa 7,5 Prozent von ihnen älter als 60 Jahre sind,3 müßten etwa 37.500 Alterspensionen bezahlt werden. Legt man ihre monatliche Höhe auf 250 Rs fest, würden jährlich etwa 112,5 Mio. Rs für Al­terspensionen aus dem Fund aufgewendet. Für die Unfallversicherung der Kleinfischer wurde von einer jährlichen Versicherungsprämie in Höhe von 20 Rs ausgegangen. Dies entspricht in etwa der derzei­tigen Prämie. Sie müßte für alle aktiven Fischer aufgebracht werden und würde demnach jähr­lich etwa 2,3 Mio. Rs kosten. Von den 170 Mio. Rs würden nach Sicherstellung einer Alterspension und nach Absicherung des Unfallrisikos noch etwa 55 Mio. Rs jährlich für weitere Maßnahmen üb­rigbleiben.

Bei den Maßnahmen zur Sozialen Absicherung im formellen Bereich der Wirtschaft über­nehmen Arbeitnehmer, Arbeitgeber und der Staat zu unterschiedlichen Teilen die Finan­zierung. Der Ar­beitgeberanteil ist dabei i.d.R. am höchsten. Für die beitragsgebundene Hinterbliebenenunterstüt­zung ist vom Arbeitnehmer überhaupt kein Finanzierungsanteil zu erbringen. In der Kleinfischerei gibt es ein solches Arbeitnehmer- <=> Arbeitgeberverhältnis nicht. Eine diesem Prinzip entsprechende Finanzierung ist demnach nicht möglich. Die private Wirtschaft (Exportunternehmen) und der Staat (Deviseneinnahmen) profitieren jedoch in erheblichem Maß von der Arbeit der Kleinfischer und können deshalb berechtigterweise zur Verantwortung gezogen werden. Beim vorgestellten Modell liegt der Finanzierungsan­teil der Fischer höher als jener der privaten Industrie. Der im gesetzlichen Sozial­versiche­rungswesen bestehende Grundsatz, daß die Finanzierungsbeiträge des Arbeitsgebers über denen des Arbeitnehmers liegen, wurde also umge­kehrt (Patil 1978: 139).

10 Die Entwicklung des Politischen SYSTEMS in Tamil Nadu

Bei der Entwicklung der Politischen Ökonomie Indiens wurden wesentliche Rahmenbe­dingun­gen hinsichtlich der Einschätzung entwicklungsrelevanter Aspekte für die gesamt­indische Situa­tion herausgearbeitet. Dies war notwendig, weil das indische Staatswesen, trotz seiner föderalen Ordnung, sehr starke zentralistische Elemente enthält und von der Zentralregierung wesentliche Vorgaben in der Wirtschafts- und Sozialplanung gemacht werden. Daraus kann aber keinesfalls abgeleitet werden, daß die Entwicklung der Politi­schen Ökonomie im regionalen Kontext daher zu vernachlässigen sei. Jedes Bundesland in Indien hat eine regionale Geschichte, die sein Ver­hältnis zur indischen Union bestimmt. Einige Bundesländer (u.a. Kerala, Tamil Nadu, Punjab, Kashmir, die Länder des Nord-Ostens) haben in den nunmehr fast 50 Jahren der Unabhängigkeit aus unterschiedlichen Gründen ein mehr oder weniger gespanntes Verhältnis zur Zentralmacht in Neu Delhi ge­habt. In einem Spannungsverhältnis zwischen vollständiger Abhängigkeit vom Zentrum und regionaler Autonomie konnten sich in den indischen Bundesländern Machtverhält­nisse etablieren, die durch eine gesamtindische Sichtweise nur unvollständig erklärt werden können.

Um die gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Tamil Nadu verstehen zu können, wäre es notwendig, bis in die vorkoloniale Zeit zurückzugehen, vor allem wenn die spezifisch drawidi­sche Gesellschaft des Südens der arischen des Nordens gegenübergestellt werden soll. Eine solch tiefgehende Analyse kann an dieser Stelle nicht vorgenommen werden, sondern die historische Betrachtung soll zu einem Zeitpunkt einsetzen, an welchem sich die kulturelle Eigenart des Sü­dens in politischen Bewegungen niederschlug. Anfang dieses Jahrhunderts entstand in der dama­ligen Madras-Presidency allmählich eine Drawidische Bewegung,1 die ihre ideolo­gische Stoß­richtung aus der von bestimmten Kastengruppen wahrgenommenen Dominanz der Brahmanenka­ste und ei­ner eng damit verbundenen, arischen Dominanz aus dem Norden ableitete. Die beiden Parteien, die heute das politische Leben Tamil Nadus bestimmen (DMK und AIADMK) sind beides Nachfolgeorganisatio­nen dieser Drawidischen Bewegung. Deshalb ist es wenig erstaun­lich, daß sich dort auch heute noch Versatzstücke der ideologischen Ausrichtung dieser Bewe­gung wiederfinden las­sen.

Von besonderem Interesse sind dabei die Fragen, welche Interessen durch diese beiden Par­teien vertreten werden, d.h. welche Kasten- und Klassenformationen durch diese beiden Par­teien zum Ausdruck kommen, wie von diesen Parteien Armut, soziale (Un)Gerechtigkeit und andere Entwicklungsprobleme wahr­genommen und angegangen werden und wie es diese Parteien erreichen, große Wählergruppen hinter sich zu vereinen, obwohl es ihnen bis in die Gegenwart hinein nicht gelungen ist, Armut und soziale Unge­rechtigkeit in Tamil Nadu wir­kungs­voll zu bekämpfen.

10.1 Das Entstehen eines „drawidischen“ Nationalismus

Die Congress-Partei, die Tamil Nadu die ersten 20 Jahre nach der Unabhängigkeit regierte, war vor allem die Partei der höheren Kasten, besonders der Brahmanen (Thandavan 1989: 254). Sie konnte sich bis Mitte der 60er Jahre nur deshalb an der Macht halten, weil die Opposition gespalten und weil die Wahlbe­teiligung sehr niedrig war (Washbrook 1989). Bei den unte­ren Kastengruppen konnte sie sich kaum etablieren, was auch damit zusam­menhing, daß regionale Parteien und Gruppierungen durch eine explizite „Anti-Brahmanen“- und „Anti-Zen­trums“-Politik eine sehr starke Bindung dieser unte­ren Kastengruppen an die Parteien entstehen ließen, die aus der Drawidischen Bewegung her­vorgegangen waren.

Allerdings ist diese Polarisierung zwischen Brahmanen und nicht-brahmanischen Gruppen kein Konflikt, den es im Süden Indiens nach Einsetzen des nordindischen (arischen) Ein­flus­ses schon immer gegeben hätte, sondern er entstammt den gesellschaftlichen Verände­run­gen, die seit dem 19. Jahrhundert eingesetzt hatten (Rösel 1992; Washbrook 1989).

Im Gegensatz zu NordIndien ist im Süden des Subkontinentes das Kastensystem sehr schwer exakt erfassbar. In der Rangskala der Kasten sind lediglich die oberen (Brahmanen) und die unteren (Unberührbare) Ränge eindeutig zugeord­net, während das „Mittelfeld“ von tausen­den, häufig lediglich regional auftreten­den Kastengruppen (jatis) eingenommen wird. Dabei kommt es vor, daß ein und dieselbe Kastengruppe in verschie­denen Regionen unterschied­lich bewertet wird.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich ein Konflikt zwi­schen Brahmanen und der Elite der nicht-brahmanischen Gruppen herauszukristallisieren, als die Brahmanen immer häufiger den Dienst in der britischen Kolonialverwaltung an­traten und in die städtischen Zentren ab­wanderten. Vertreter der nicht-brahmanischen Elite wollten es den Brahmanen gleichtun und wanderten ebenfalls immer häufiger in die Städte ab.

Dort konnten die Brahmanen ihren Status beibehal­ten, zumeist sogar noch verbessern. Anders die Nicht-Brahmanen: sie konnten meist weder ihre wirtschaftlichen Ambitio­nen umsetzen, noch verhindern, daß sie häufig sogar einen sozio-kulturellen Ab­stieg erleben mußten. In ihrer ländli­chen Umge­bung nahmen sie noch einen festen Platz in der Kastenhier­archie ein. Sie waren zwar keine Brahmanen, doch sie gehörten zur Elite der lokalen Gesell­schaft. In den Städten wurden sie einfach zu Nicht-Brahmanen. Während die Brahma­nenkaste eindeutig einen vorderen Platz in der Kastenhierarchie einnahm, bestimmte sich die Stellung der Nicht-Brahmanen aus der lokalen Kastenordnung, die in den Städten nichts mehr galt.1

Der Konflikt zwischen Brahmanen und Nicht-Brahmanen ist also aus der unterschiedli­chen Ent­wicklung der Brahmanen und der nicht-brahmanischen Elite (bzw. Teilen davon) ent­standen. Ideologisch aufgegriffen und in eine kulturelle Ebene eingebettet werden, konnte dieser Konflikt allerdings nur dadurch, indem ein historischer Konflikt zwischen den Brahmanen (als arische Kolonisatoren) und den Drawiden (als ein von den Ariern un­terwor­fenes Volk) konstruiert wurde.

Bereits im 17. Jahrhundert wurden von christlichen Missionaren erste Versuche einer sol­chen „Geschichtsfälschung“ vorangetrieben, weil sie zur Kenntnis nehmen mußten, daß sich vor allem die Brahmanen ihren Be­kehrungsversuchen gegenüber resistent zeigten. Gleich­zeitig wurden sie als Konkurrenten im „Missionsgeschäft“ angesehen (Washbrook 1989: 214). Im 19. Jahrhundert waren es dann wieder selbsternannte christliche „Indologen“, die dieses Bild von der durch die Arier unterdrückten drawidi­schen Kultur weiter festigten, in­dem sie die Wurzeln der reinen - d.h. von arischem Ein­fluß gesäuber­ten - drawidischen Kultur freilegten. In der von Robert Caldwell 1856 veröf­fentlichten Comparative Grammar of the Dravidian or South-Indian Family of Languages wird die Theorie vertreten, die tami­lische Sprache und Kultur sei bedeutend älter und vor allem weitaus höher entwickelt als das Sanskrit und die arische Kultur. Von der Drawidi­schen Bewegung ideologisch ausschlachten ließen sich vor allem jene neuen „kulturwissenschaftlichen“ Erkenntnisse, wonach die arisch-brahma­nischen Kolonisatoren nicht nur dem drawidischen Süden ihre Sprache und Religion aufgedrängt hätten,

„sondern auch die ursprünglich sozial gleichgestellten Dra­widen dem Regime der Kaste unterworfen (hätten). Die Masse der Drawiden - bis auf we­nige Herrscher und Händler - wird nun zu Shudras. Sie werden den Brahmanen unterworfen und müssen ihnen dienen. Caldwell entwirft das Bild einer ur­sprünglichen, egalitären und reinen Drawida-Gesellschaft, deren Sprache und Kultur nicht nur älter, sondern wertvoller als Sanskrit und Brahmanenkultur sind. Die Brahmanen werden in den Rang einer selbstsüchtigen, bigotten, ari­schen Klasse von Kolonisten gerückt“ (Rösel 1992: 437).

Die Drawidische Bewegung greift diese „kulturwissenschaftlichen Erkenntnisse“ zu Be­ginn des 20. Jahrhunderts wieder auf und macht sie zur ideologischen Grundlage ihrer Agitationen gegen das Brahmanentum. Die Bewegung setzte sich aus zwei Organisationen zusammen, die zwar in ihrer „Anti-Brah­manen“-Ideologie einen gemeinsamen Nenner hatten, ansonsten jedoch bis in die 30er Jahre hinein wenig weitere Gemeinsamkeiten aufwiesen, vor allem, was den sozialen Hintergrund der Organisationsmitglieder wie auch die gesellschaftliche Ausrichtung betraf. Es waren dies die 1916 gegründete South Indian Liberal Federation, be­kannter unter der Bezeichnung Justice Party (Arnold 1977: 19; Hardgrave 1965: 16-24) und die 1925 von E.V. Ramaswamy Naicker1 (genannt Pe­riyar = der große Weise) ins Leben gerufene Self-Respect-Movement.

In der Justice Party fanden sich vor allem jene Nicht-Brahmanen zusammen, die gebildet und wohlhabend waren, sich jedoch durch die Dominanz der Brahmanenkaste am gesellschaftlichen Aufstieg gehindert sahen. Vor allem der Zugang zu den höheren Posten in der staatlichen Verwal­tung war ihnen durch die Brahmanen versperrt (Arnold 1977: 13ff; Ram 1979: 384). In den Universitäten war die Dominanz der Brahmanen ähnlich stark. So drohte sich dies unausgewo­gene Verhältnis immer wieder zu reproduzieren, denn für den höheren Verwaltungsdienst kamen nur Kandidaten in Frage, die Englisch sprachen. Unter den vier Prozent der Bevölkerung, die der englischen Sprache mächtig waren, waren deshalb die Brahmanen, die lediglich zwei bis drei Prozent der Be­völkerung der Madras Presidency ausmachten, ebenfalls deutlich überrepräsen­tiert (Washbrook 1989: 212).

Mit ihren Forderungen nach größerer Beteiligung nicht-brahmanischer Beamter in der Kolo­nialverwaltung stießen sie bei den britischen Kolonialherren auf offene Ohren, denn diesen wurde die Abhängigkeit von brahmanischen Beamtendiensten immer unerträglicher

Sowohl die britische Kolonialverwaltung als auch die Justice Party wollten also die Do­minanz der Brahmanen brechen. Mit den Montagu-Chelmsford-Reformen von 1919/1920 si­cherte die britische Kolo­nialverwaltung den Minderheitengruppen, in der Madras Presidency aber auch den Nicht-Brahmanen,2 reservierte Sitze in den zu wählen­den Provinzparlamenten zu (Nayak 1976: 408f). Für die Interessen der aufstrebenden drawidischen Eliten schien die britische Herrschaft in Indien also äußerst nützlich zu sein, weil sie ihr Vorteile gegenüber der brahmanischen verschaffen konnte.

Gleichzeitig und zwangsläufig lehnten sie deshalb den nationalen Unabhängigkeitskampf des Ind­ischen Nationalcongresses ab, weil sie in ihm die Verkörperung brahmani­scher Dominanz sahen. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß in einem unab­hängigen, vom arischen Norden do­minierten Indien, ihre Interessen gewahrt werden würden (Sivathamby 1993: 19). 1938, als die Congress-Regierung unter C. Rajagopalachari Hindi als Pflichtfach an tamilischen Schulen einführen wollte, erhob die Justice Party zum ersten Mal ihre Forderungen nach einem unabhän­gigen Staat „ loyal to the British Raj and directly under the Secretary of State for India “ (Hardgrave 1975: 27). Obwohl die Justice Party zwischen 1920-26 und 1930-37 die Regie­rung in der Madras Pre­sidency stellte,1 nahm ihre Bedeutung in Folge der beständig stärker werdenden Populari­tät des Indischen Nationalcongresses immer mehr ab. Ihre „Anti-Brahma­nen“-Ideologie sowie die Tatsache, daß die Justice Party weitge­hend eine elitäre Partei2 geblie­ben war, fanden in einer Zeit, in der der Indische Nationalcongress be­reits zu einer Massenbewe­gung geworden war, die praktisch alle gesellschaftlichen Gruppen für den Kampf um die natio­nale Unabhängigkeit begeistern konnte, kaum noch Unterstützung (Ram 1974: 219; Washbrook 1989: 250). Der Justice Party war es zwar also gelungen, den Brahmanen die politische Macht aus den Händen zu nehmen,. an der Dominanz der Brahmanen in der Verwal­tung konnte sie aber, trotz der Anweisung, Nicht-Brahmanen bevorzugt einzustellen, kaum etwas ändern. Er­stens sabotierte eine seit Generationen etablierte brahmanische Beamten­schaft die Anwei­sungen der Justice- Regierung und zweitens kamen aus den Reihen der Nicht-Brahmanen nicht genug qualifizierte Bewerber für den hö­heren Beamtendienst (Rösel 1992: 463f; Washbrook 1989: 213).

Einen kurzen Aufschwung erlebte die Partei noch einmal 1938, als Periyar, der Führer der Self-Respect-Movement, ihren Vorsitz übernahm und sie in Tamil Nadu zu einer Massen­bewegung gerade unter ärmeren Bevölkerungs­gruppen machte (Palanithurai 1993: 75).

Neben der Justice Party war Periyars Self-Respect-Movement zur zweiten tra­genden Säule der Drawidischen Bewegung geworden.3 Anders als bei der Justice Party ging es dieser Gruppierung nicht darum, durch parteipolitische Betätigung die Dominanz der Brahmanen zugunsten der nicht-brahmanischen Elite zu durch­brechen, sondern ihre Forderungen4 stell­ten das Kastensystem und all seine ne­gativen Begleiterscheinungen radikal in Frage.

„Ramaswami Naicker [...] laid down a programme of social and political ac­tion which included: condemnation of the 'theory of superiority and inferiority'; the abolition of untouchability and the right of access to temples and wells for all communities; the proscription of holy books which prom­ulgated Brahman mythologies; diversion of temple funds for secular uses; abolition of priests and the conduct of marriages and other rituals without Brahman priests; the abolition of all caste suffixes in personal names; the uplift of women and a rational approach to all other excrescences of south In­dian society“ (Baker 1976: 83).

1933/34 zeigte sich Periyar unter bestimmten Bedingungen bereit, wieder dem Indischen Na­tionalcongress beizutreten. Als jedoch seine Forderungen von diesem abgelehnt wurden, wandte er sich endgültig der Justice Party zu (Hardgrave 1965: 26f; Ram 1974: 221). Kurz zuvor hatte er auch enge Beziehungen zu führenden südindischen Kommu­nisten ge­knüpft,5 die er jedoch bald wieder aufgab (Sivathamby 1993: 35).

1938 wurde Periyar - wie bereits erwähnt - zum Präsidenten der Justice Party gewählt, die in den folgenden Jahren vor allem damit beschäftigt war, Unterstützung für ihre Forderun­gen nach einem unabhängigen Dravidanadu zu erhalten.1 1944 schlossen sich die Justice Party und die Self-Respect-Movement zu der Drawida Kazhagam (DK; Drawidische Ver­einigung) zusammen, die die Politik der Justice Party der ausgehenden 30er Jahre weiter­führte. Das wichtigste Ziel der DK war nach wie vor die Schaffung eines unabhängigen Drawida­nadu (oder Drawi­disthans). Wie schon in den Vorgängerorganisationen wurde aber auch die anti-brahmanische und zugleich gegen die Vorherrschaft des indischen Nordens gerich­tete Tradition betont, wenngleich diese Ideologie zugun­sten eines drawidischen Nationa­lismus immer mehr in der Hintergrund trat. Die sozialreformerischen Aktivitäten Periyars verloren ebenfalls sehr stark an Bedeutung.2 Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gab die DK die Zusammenarbeit mit den Briten auf

„[...] and slowly the party changed its character from an elite ethnic group to a militant mass ethnic move­ment and it raised its image both in the state as well in the nation by proclaiming its opposition to the raj“ (Palanithurai 1993: 75f).

10.1.1 Die Drawidische Bewegung und die Klassenfrage

Auch heute geben Politiker sowohl der DMK als auch der AIADMK ihren Parteien gerne einen sozialistischen Anstrich. Sie treten als Fürspre­cher für die Armen und Ausgebeuteten auf und lassen sich als „Revolutionäre Führer“ (Puratchi Thalaivar) von den Massen verehren.

Die Analyse der Geschichte der Drawidischen Bewegung zeigt jedoch deutlich, daß weniger eine sozialistische Gesellschaftsutopie als vielmehr eine reaktionisti­sche und sehr häufig auch naive Auseinandersetzung mit vermeintlich äußeren Bedrohungen die Grund­lage der drawidischen Ideologie war. Es ist bezeichnend, daß nicht die britische Kolonial­macht als ausbeutende Instanz wahrgenommen wurde, sondern die Brahmanen, die den gesellschaftlichen Aufstieg der Nicht-Brahmanen behinderten. Indem die Justice Party ein Kastenthema (Brahmanen vs Nicht-Brahmanen) zum Kern ihrer Ideologie machte, war sie blind für die enormen Klassengegensätzen, die in Tamil Nadu zu Beginn des 20. Jahrhun­derts herrschten (Ram 1975: 395f).

Nun könnte man jedoch behaupten, daß Kasten- und Klassengrenzen damals praktisch iden­tisch waren, vor allem, wenn man auf die Dominanz der Brahmanen abhebt, die trotz starker zahlenmäßiger Unterlegenheit die gesellschaftlichen Spitzenpositionen in der Ma­dras Presi­dency einnahmen. Als 1918 ein (nach Einkommen) beschränktes Wahlrecht eingeführt wurde, waren in den städtischen Zentren mehr als 20 Prozent der auf den Steuerlisten aufgeführten Personen Brahmanen; in den ländlichen Gebieten waren es über 15 Prozent (Washbrook 1989: 212). Bedenkt man, daß der Anteil der Brahmanen an der Gesamtbe­völkerung damals zwischen zwei und drei Prozent betrug, wird die Sonder­stellung der Brahmanen durchaus ersichtlich (Nayak 1976: 409). Noch deutlicher wird aber, daß es un­ter der indischen Elite der Madras Presidency eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Nicht-Brahmanen gegeben haben muß.

Der Konflikt zwischen Brahmanen und Nicht-Brahmanen kann deshalb nicht als Klassen­konflikt verstanden werden, denn hier konkurrierten nicht unterprivilegierte Klassen (bzw. Kasten) gegen privilegierte, sondern der aufstrebenden drawidischen Elite ging es darum, die Dominanz der Brahmanen zu durchbrechen. Zwei mächtige gesellschaftliche Seg­mente konkurrier­ten um die (gesellschaftliche) Vormacht (Thandavan 1989: 254f). Der ausbeuterische Charakter der britischen Kolonialherrschaft wurde dabei überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, auch deshalb nicht, weil die drawidische Elite davon gar nicht be­troffen war. Sie profitierte vielfach von der Divide and Rule -Politik der britischen Kolonial­macht. Hinzu kam, daß die Justice Party eine starke Basis auch unter der südindi­schen länd­lichen Feudalschicht, den ländlichen Geldverleihern, den Handelshäusern und der aufstre­benden südindischen Industrie hatte.1

„In social terms, the British Raj was happiest dealing with what it conceived to be a feudal social or­der. The Justice Party, which it created out of Maharajas and traditionalistic comprador merchants, represented its ideal collaborator“ (Washbrook 1989: 248).

Der Konflikt zwischen der Justice Party und dem Indischen Nationalcongress muß auch vor diesem Hintergrund gesehen werden. Gerade was die feudalen Zustände in der indi­schen Landwirtschaft betraf, hatte Nehru bereits 1928 unmißverständlich zu erkennen ge­geben, diese zerschlagen zu wollen und Land von den großen, mächtigen Zamindaren ent­schädi­gungslos an die Bauernschaft zu verteilen (Chaudhuri 1988: 279).

Anders die soziale Reformbewegung unter Periyar: Durch sie wurden gesellschaftliche Miß­stände, die tatsächlich als Klassenkonflikte interpretiert werden können, zwar ange­prangert, nicht jedoch als solche dargestellt. Sie wurden vielmehr aus der Dominanz der Brahmanen erklärt. So suchte er seine Unterstützung nicht bei den kommunistischen Par­teien, die zu dieser Zeit großen Zulauf auch in SüdIndien hatten (Ram 1975: 395ff; Si­vathamby 1993: 32ff), sondern wandte sich der Justice Party zu. Mit ihr teilte er zwar die Ablehnung der Brahmanen und des Indischen Nationalcongresses, sie war aber den­noch der denkbar schlechteste Verbündete, weil sie eben genau jene Interessen vertrat, die für die Ausbeutung großer Bevölke­rungskreise direkt verantwortlich waren.

„He (Periyar, d.Verf.) was an atheist as no communist could ever claim; he was also anti-Brahman as no non-Brahman could ever become. Be­cause of the romantic revolutionary fervour that he showed to the poor and the destitute, he was nearer to being a Communist but as he lac­ked any conviction in structural changes based on control, ownership and use of means of production, his movement could never bring the promised millenium“ (Nayak 1976: 411).

Ursache für diese „getrübte“ Sichtweise war, daß durch den Konflikt Brahmanen vs Nicht-Brahmanen, der in den späten 30er Jahren durch den Konflikt Dravidischer Süden vs Ari­scher Norden neu belebt wurde, die notwendige Differenzierung der nicht-brahmanischen Gruppen überflüssig wurde (Sivathamby 1993: 36).

Dabei stellten - wie bereits erwähnt - die Nicht-Brahmanen beileibe keine homogene Gruppe dar, sondern waren in hunderte von verschiedenen Kastengruppen zersplittert, die zu­dem häufig nur regional bedeutsam waren und die außerdem kaum als eine Klasse aufgefaßt werden konnten (Washbrook 1989: 216-227). Zu diesen nicht-brahmani­schen Gruppen ge­hörten in den meisten Gebieten der Madras Presidency die Großgrund­besitzer, weshalb es in den mei­sten Fällen schlichtweg falsch war, die Ausbeutung der ländlichen Massen den Brahmanen zuzuschreiben (Ram 1975: 401).

10.1.2 Das Erstarken drawidischer Parteien in Tamil Nadu (1947-1967)

Aus der DK spaltete sich 1949 die Dravida Munnetra Kazhagam (DMK; Dravidische Pro­gressive Vereinigung) ab,1 die zwar weiterhin die Ziele der DK verfolgte, jedoch die Zusam­menarbeit mit ihr energisch ablehnte. Während die DK bei den Wahlen 1952 die Kandidaten der Kommunistischen Partei Indiens (CPI) unterstützte und sich nach 1954 enger an die Con­gress-Partei unter K. Kamaraj2 anlehnte, setzte die DMK ihre gegen die Zentralregierung ge­richtete Politik fort (Malhotra 1990; Ram 1974). Inner­parteiliche Streitereien, vor allem zwischen den beiden Führern M. Karunanidhi und M a­rudur G opalamenon R a­machandran (genannt MGR),3 führten 1972 zu einer weiteren Spaltung. MGR und seine An­hänger verlie­ßen die DMK und grün­deten die AIADMK (All Indian Anna Dravida Munnetra Kazhagam).

Die ersten zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit wurde Tamil Nadu jedoch wie erwähnt von der Congress-Partei regiert. Da diese Partei zeitgleich auch die Regie­rung auf nationaler Ebene stellte, konnte Tamil Nadu mit Unterstützung der Zentralregierung erhebliche Fort­schritte in wichtigen Bereichen machen. Tamil Nadu wurde so zu einem der am höchsten industrialiserten Bundesstaaten (Washbrook 1989: 216). Nach dem Tod Nehrus in den 60er Jahren führten innerparteiliche Streitigkeiten zur Schwä­chung der Congress-Partei in Tamil Nadu.

Der Versuch der Zentralregierung, in Tamil Nadu Hindi (neben Tamil) als Verwal­tungs­sprache einzuführen, führte 1965 zu erbitterten Protesten gegen die Con­gress-Partei.4 Als es dann 1967, wenige Wochen vor den Landtagswahlen, in Ta­mil Nadu zu einer an­haltenden Reisknappheit und zu starken Preisanstiegen auch für andere Güter des täglichen Bedarfs kam, waren die Tage der Congress-Partei ge­zählt (Manivannan 1992: 165;Nathan 1967: 2134; Washbrook 1989: 253). In den Landtagswahlen konnte die DMK die abso­lute Mehrheit gewinnen; außerdem wurden bei den gleichzeitig stattfinden­den Bundestags­wahlen alle ihrer 25 Kandidaten gewählt. Die DMK wurde dadurch zur viertstärksten Partei im indischen Parlament (Palmer 1971: 235).

Verschiedene Gründe waren für den überwältigenden Wahlerfolg der DMK verant­wort­lich. Ausschlaggebend war, daß sich die zuvor zersplitterte Opposition in Tamil Nadu zu einem Wahlbündnis zusammenfin­den konnte und so der Congress-Partei geschlossen entgegentrat (Nayak 1976: 412-417). Der DMK gelang es von Wahl zu Wahl auch im­mer besser, die Wahlberechtigten aus unteren Kasten zur Stim­mabgabe zu bewe­gen.

„In 1957, when the participation rate was just 49.3 per cent, the DMK won 13 seats; in 1967, when it was 76.6 per cent, the DMK won 50 seats; and in 1967, when it was 76.6 per cent, the DMK won 136 seats“ (Washbrook 1989: 252; vgl. auch Barnett 1975: 80).

Während Tamil Nadu 1957 hinsichtlich der Wahlbeteiligung noch an neunter Stelle unter den indischen Bundesländern gelegen hatte, nahm das Bundesland zehn Jahre später in dieser Hin­sicht den ersten Platz ein (Nayak 1976: 419). Der Wahlsieg der DMK kann auch damit erklärt werden, daß die Partei, die sich bei den Wahlen von 1957 noch auf Madras und sein näheres Einzugsgebiet beschränkt hatte, nun in den meisten Wahlkreisen Tamil Nadus ange­treten war (Barnett 1975: 80f). Die Congress-Partei konnte zwar ihren Stimmenanteil im Vergleich zu früheren Wahlen fast behaupten (1957:45,3% ; 1967:41,4%; Washbrook 1989: 252), mußte jedoch ei­nen gewaltigen Einbruch bei der Mandatsvergabe hinnehmen. Während sie mit 41,4 Prozent der Stimmen lediglich 49 Landtagsmandate erhalten konnte, brachte es die DMK - dank des Mehrheitswahlrechts - mit 41,2 Prozent der Stimmen auf 138 Mandate (Nathan 1967: 2138). In der Wahl von 1967 kam auch die Unzufriedenheit der jüngeren Wähler1 mit der Congress-Partei zum Ausdruck.

(The new voters) „ [...] were born in the throes of Indian independance and were not enamoured of the Con­gress role in the freedom struggle; they, in fact, had grown up in a cynical atmosphere where Congress, be­ing the ruling party, had been the target of criticism and at­tackThey had a rather negative immage of the party“ (Nayak 1976: 416,418).

Anders als der Congress-Partei war es der DMK gelungen, eine Parteistruk­tur aufzubauen, die bis in die entlegendsten Dörfer Tamil Nadus reichte. Zu den ersten Wahlen in Tamil Nadu (1952) war die DMK überhaupt nicht angetreten, sondern hat die Zeit zum Aufbau einer wir­kungsvollen Parteiorganisation genutzt. Am meisten zahlte sich in den späteren Wahlen aus, daß es ihr gelang, junge Stu­denten für sich zu begeistern, die ihre familiären Bindungen auf dem Land hatten (Nayak 1976: 413). Die Congress-Partei hingegen hatte kaum eine tiefrei­chende Struktur entwickeln können, sondern wird beschrieben als Partei „ full of leaders without cadres “ (Manivannan 1992: 165).

Seit 1967, dem Jahr in dem mit der DMK erstmals eine drawidische Partei im un­abhängi­gen Indien die Regierungsgeschäfte in Tamil Nadu übernahm, sind die beiden drawidi­schen Par­teien (DMK und ab 1972 AIADMK) in Tamil Nadu nahezu konkurrenzlos. Die Kämpfe zwi­schen ihnen werden nicht zuletzt deshalb unerbittlich aus­gefochten.

10.1.3 Die DMK an der Macht (1967-1977)

Mit dem Machtgewinn in Tamil Nadu änderte sich das Verhältnis der DMK zur Zentral­regie­rung in Neu Delhi schlagartig. Die Forderung nach einem von Indien unabhängigen Dravida­nadu wurde endgültig aufgegeben,2 und der tamilische Nationalismus stellte zukünftig ein Tamil Nadu innerhalb der indischen Union nicht mehr in Frage (Washbrook 1989: 239). In den folgenden Jahren setzte sich vielmehr eine pragmati­sche Zusammenarbeit der drawi­dischen Parteien mit den unterschiedlichen Zentralregie­rungen durch. Die pragmatische Politik wurde ergänzt durch eine tamil-nationalisti­sche Rhetorik, die verhindern sollte, daß die ideologische Grundlage der drawidischen Parteien ganz in Vergessenheit geriet. Diese Rhetorik, die häufig durch symbolische Handlungen unterstützt wurde, war also weniger gegen die Zentralmacht in Neu Delhi ge­richtet, sondern sie diente dazu, die kulturelle Identität der Tamilen wachzuhalten, die überlebenswichtig für die drawidischen Parteien ist.

Das Bekenntnis zu einem Tamil Nadu innerhalb der indischen Union führte dazu, daß die Legitimationsbasis der drawidischen Parteien durch eine z.T. neue Ideologie ersetzt werden mußte (Washbrook 1989: 215f). Da die Mischung aus einer gegen den Norden gerichte­ten kulturellen Ideologie und pragmatischer Realpolitik nicht ausreichte, um die Identifika­tion großer Bevölkerungsmassen aufrechtzuerhalten, mußte sie nach innen ergänzt werden durch eine populistische Politik, die vor allem durch die Ausweitung staatlicher Aktivitäten im „Sozialbereich“ zum Ausdruck kam.

Der Begriff des Populismus und das entsprechende Adjektiv populistisch werden in der Poli­tikwissenschaft bzw. der Politischen Soziologie auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Erscheinungsformen angewandt, so daß manche Autoren vom „Gespenst“ (Pelinka 1987: 7; Dubiel 1986: 33) oder „Phantom“ (Dubiel 1986: 34) des Populis­mus sprechen, dessen Erscheinungsform bislang undeutlich geblieben ist und erst recht nicht in einer sozi­alwissenschaftlichen Theorie erfaßt werden konnte (Ernst 1987: 10). So wie es weder eine eindeutige Begrifflichkeit geschweige denn eine Theorie des „Populismus“ gibt, variieren die „Merkmale von Populismus“ erheblich. Ernst (1987) kann dann auch nur zwei Merkmale nennen, die allen Grundtypen von Populismus ge­meinsam seien, nämlich (a) die Berufung auf das „Volk“ und seine ideologische Überhö­hung und (b) eine bestimmte Form von Anti-Elitarismus (Ernst 1987: 10ff). Bereits in diesen beiden Merkmalen wird deutlich, daß sich Populismus und die Vertretung von gesellschaftlichen Partikularinteressen nur schwer ver­tragen. In pluralistischen Gesellschaf­ten können sich populistische Bewegungen bzw. Par­teien nicht durch issues legitimieren, die gesellschaftliche Konfliktstrukturen widerspiegeln, sondern eher durch solche, die an das Gemeinschaftsbewußtsein des „Volkes“ appellieren. Für den Populismus eignen sich deshalb eher - aber nicht ausschließlich - Ideologien, die nach außen gerichtet sind. Dadurch können sie von den sozialen Spannungen und Konflikten im Inneren ablenken und rechtfertigen so „ die Zumutung von Opfern ebenso wie den klassen­übergreifenden Appell an alle, an das »Volk« “ (Puhle 1986: 25f). Populistische Politik ver­folgt demnach die Errichtung einer Solidargemeinschaft unter Gruppen, die sich miteinander in einem struk­turellen Konflikt befinden. Es sollen „Wir-Identitäten“ errichtet werden, „die quer zu Inter­essenkollektiven liegen“ und damit die kollektiven Interessenprofile unscharf machen. Damit wird erreicht, daß sich Partikularinteressen nur schwer entwickeln können, denn wer stellt sich schon gerne außerhalb der „Volksgemeinschaft“? (Vobruba 1986: 221). Häufig - wie auch im Falle Tamil Nadus - bedient sich der Populismus einer mystischen und religiösen Symbolik, die die Sehnsucht, zu einem bestimmten „Volk“ oder einer be­stimmten „Kultur“ zu gehören, wachsen läßt, um so die Gefühle von „Entwurzelung“, d.h. der Erosion „alter Werte“ zu kanalisieren (Ernst 1986: 11). Populismus greift deshalb häufig auf die Vermittlung eines Bildes einer romantischen Idealgesellschaft zurück, die in grauer Vorzeit (angeblich) einmal Bestand hatte und die es wieder zu errichten gilt. Da Populismus, wie oben angeführt, darauf abzielt, gesellschaftliche Konfliktstrukturen nicht aufbrechen zu lassen, ist es schwierig, den (vorhandenen) Klassencharakter einer populisti­schen Regierung bzw. Bewegung eindeutig festzustellen, denn dieser soll ja gerade ver­deckt werden. Schon im Versuch, den Begriff des Populismuses genauer zu fassen, wird deutlich, daß ihm be­stimmte Charaktereigenschaften anhaften, die auch dem Nationalis­mus zu eigen sind. Im vorliegenden Fall kann man sicherlich davon sprechen, daß Popu­lismus zum Teil zu einem Nationalismusersatz geworden war.

Mit dem Wahlsieg von 1967 wurde der Parteigründer C.N. Annadurai1 erster DMK-Minister­präsident in Tamil Nadu. Unter der Bevölkerung des Bundeslandes war er auch deshalb äu­ßerst beliebt, weil er im Sinne von Periyar, dessen engster Vertrauter er in der DK gewesen war, soziale Mißstände wie das Wiederverheiratsverbot von Witwen, die Un­berührbarkeit, religiöse Heuchelei etc heftig anprangerte. Diese Themen standen auch re­gelmäßig im Mit­telpunkt jener Filme, für die er die Drehbücher2 schrieb (de Wit 1993: 44; Hartgrave 1973: 291ff). Trotz seines sozialen Images und aller Versprechen, die vor der Wahl gegeben worden waren, änderte sich an den bestehenden sozialen Strukturen nach dem Regierungsan­tritt der DMK nichts. Gleichzeitig erlebte Tamil Nadu, das unter der Führung der Congress-Partei zu einem der am weitesten entwickelten Bundesländer innerhalb der indischen Union geworden war, im wirtschaftlichen Bereich einen erheblichen Rückschlag (MIDS 1988: 199f; Washbrook 1989: 239f). Unter Annadurai wurde mit der Politik der „Nahrungssubventionen“ begonnen, die auch unter den folgenden Regierungen immer weiter ausge­baut wurde und unter M.G. Ramachandran nach 1977 ihren (vorläufigen) Höhe­punkt erreichte (de Wit 1993: 45).

Nach dem Tod Annadurais übernahm M. Karunanidhi 1969 das Amt des Mini­sterpräsi­den­ten. Karunanidhi war ein Politiker, der stets im Schatten von Annadurai und M.G. Ra­machandran gestanden hatte und an deren Popularität niemals heranreichen konnte. Den­noch - oder vielleicht auch gerade deswegen - gelang es ihm, innerhalb von kurzer Zeit eine sehr effektive Verwaltung in Tamil Nadu aufzubauen. Unter seiner Regierung wurden auch etliche Sozialisierungsmaßnahmen durchgeführt (z.B. bei den Überlandbuslinien, die in Staatsbesitz übergingen), die Min­destlöhne für Landarbeiter wurden erheblich angeho­ben, es wurde eine staatliche Planungskommission errichtet - die erste ihrer Art in einem indischen Bundesland -, die einen Zehn-Jahres-Plan für Tamil Nadu aufstellte (Nayak 1976: 421f). In dieser Zeit entstand auch das Tamil Nadu Slum Clearance Board (1970), unter dessen Federführung in­nerhalb kurzer Zeit tausende von Wohneinheiten für Slum­bewoh­ner errichtet wurden, die jedoch bei weitem nicht ausreichten, um den bestehenden Fehlbestand aufzuholen.1

Unter Karunanidhi entwickelte sich die DMK aber keineswegs zu einer sozialistischen Partei. Auch wenn er - anders als sein Vorgänger Annadurai - eher durch praktische Ver­besserungen im Leben der Menschen als durch populistische Politik die Massen für sich und seine Partei gewinnen wollte, nahm er im Klas­senkonflikt eine eindeutige Haltung ein. Die Steuererleich­terungen für die Industrie wurden kräftig angehoben, unwirtschaftliche Unternehmen mit staatlichen Subventionen unterstützt (Nayak 1976: 421). Karuna­nidhi setzte auch mit aller Härte die Polizei gegen protestierende Landarbeiter, Industrie­arbeiter und Gewerkschaften ein (de Wit 1993: 45; Sathyamurthy 1989: 883). Seine Einstellung zur Zentralregie­rung in Neu Delhi war einerseits gekennzeich­net durch eine (rhetorische) Gegnerschaft (mit anti-brahmanischen und tamil-na­tionalistischen Un­tertönen), dem politischen Kampf nach mehr Länderautonomie2 sowie der Forderung nach mehr finanzieller Unterstützung für Ent­wicklungsvor­haben in Tamil Nadu (Forrester 1976: 286). Im großen Gegensatz dazu stand aber andererseits die Unter­stützung Indira Gandhis bei den 1971 stattfindenden Wahlen (Palanithurai 1991: 21f;1993: 79f)

„which resulted in a mas­sive mandate for the Congress in parliament and a large majority for the DMK in Tamil Nadu“ (MT 1988: 23).

Da Indira Gandhi durch ihren überwältigenden Wahl­erfolg nicht (mehr) auf die DMK angewie­sen war, wurde diese sehr bald von ihr fallengelassen und Karunanidhis Regierung im Januar 1976 durch die Zentralre­gierung aufgelöst. Nachdem anschließend Tamil Nadu 19 Monate lang direkt von Neu Delhi aus regiert worden war, kam nach den Wahlen im Juli 1977 die AIADMK unter dem Mini­sterpräsidenten M.G. Ramachandran an die Regierung.

10.1.4 Kurzer Abriß der parteipolitischen Konstellationen nach 1977

Seit ihrer Wahlniederlage 1967 fristete die Congress-Partei in Tamil Nadu ein Mauer­blüm­chendasein. Durch die Dominanz jeweils einer der beiden drawidischen Parteien san­ken ihre Chancen, in Tamil Nadu die politische Macht zurückerobern zu können, von Wahl zu Wahl. Allerdings war sie - als nationale Partei -, als auch ihre Position als Regie­rungspartei auf nationaler Ebene immer schwieriger wurde, auf die Unterstützung kleine­rer Parteien ange­wiesen, in Tamil Nadu also entweder auf die DMK oder auf die AIADMK (Manivannan 1992: 165).

Nach dem Ende des nationalen Ausnahmezustandes ging die AIADMK für die na­tionalen Wahlen 1977 ein Bündnis mit dem Congress(I) ein. Dieses Wahlbündnis konnte sich in Tamil Nadu durchsetzen, obwohl der Rest der indischen Bundes­länder von einer Sympa­thiewelle für das Oppositionsbündnis unter Führung der Janata Partei ergriffen worden war, das zwi­schen 1977 und 1980 die nationale Regie­rung stellte (Palanithurai 1991: 23). Bei den Wahlen zum Landesparlament von Tamil Nadu, die wenige Monate nach den Bundestags­wahlen stattfanden, lehnte die AIADMK ein solches Wahlbündnis mit der Congress(I) ab, konnte jedoch trotzdem mit 130 Mandaten die absolute Mehrheit im Landesparlament errin­gen (Palanithurai 1991: 24ff.).

Bei den Wahlen zum nationalen Parlament 1980 waren DMK und Congress(I) ein Wahl­bündnis eingegangen und hatten die Wahlen auch sicher gewinnen können. Der Un­ter­stüt­zung der Congress(I)-Partei gewiß, übte die DMK Druck auf die Zentralre­gierung aus, das Landesparlament in Madras aufzulösen und Neuwahlen festzu­setzen (Palanithurai 1991: 27). Bei dieser Landtagswahl im Spätjahr 1980 trat wiederum ein Wahlbündnis zwi­schen der Congress(I) und der DMK gegen die AIADMK an, doch im Gegensatz zu den Er­gebnissen wenige Monate zuvor, ging diesmal die AIADMK als Sie­ger aus den Wahlen her­vor, und MGR konnte weiterhin Ministerpräsident von Tamil Nadu bleiben. Nach dem Wahlsieg der AIADMK bei den Landtagswahlen 1980 wechselte die Con­gress(I) erneut die Fronten und orientierte sich fortan näher an der AIADMK.

Als nach Indira Gandhis Ermordung 1984 ihr Sohn Rajiv Gandhi Parlamentswahlen durch­führen ließ, um sich im Amt bestätigen zu lassen, ging in Tamil Nadu die Con­gress(I) ein Wahlbündnis mit der AIADMK ein. Beide Parteien konn­ten dabei, erneut von Sympathie­wellen getragen,1 ihre Positionen ausbauen.

Als MGR am 24. Dezember 1987 starb, brachen erbitterte Machtkämpfe in den Reihen der AIADMK aus. Die Partei hatte sich in zwei Lager gespalten, wobei das erste von Janaki Ra­machandran, der Ehefrau MGRs angeführt wurde und das andere von J. Jayalalitha, der beliebte­sten Schauspielerin Tamil Nadus, die durch MGR zur Politik gebracht worden war. Für kurze Zeit geriet der Machtkampf zwischen DMK und AIADMK in den Hinter­grund, und es bekämpften sich nun die beiden Fraktionen der AIADMK. Zunächst konnte sich dabei die Frau MGRs durch­setzen; sie wurde schon bald nach seinem Tod als Minister­präsidentin von Tamil Nadu vereidigt. Allerdings hatte ihre Re­gierung nur einen Monat Bestand; wegen fortgesetzter Ausschreitungen zwischen den beiden AIADMK-Fraktionen im Parlament von Tamil Nadu wurde dieses im Ja­nuar 1988 von der Zentralregierung in Neu Delhi aufgelöst, und Tamil Nadu wurde fast ein gan­zes Jahr lang von Neu Delhi aus regiert.2

Mit dem Tod MGRs ging nicht nur die zehnjährige Amtszeit des wohl populär­sten Politi­kers Tamil Nadus zu Ende, sondern auch die Regie­rungszeit der AIADMK; bei den für Januar 1989 angesetzten Landtagswahlen konnte sich die DMK als stärkste Partei durch­setzen. Der Wahlerfolg der DMK ist nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben, daß sich die AIADMK und die Congress(I) auf kein Wahlbündnis einigen konnten und deshalb jede Partei eigene Kandidaten für die Wahlen aufstellte (Manivannan 1992: 166). So wurde 1989 Karuna­nidhi, nach 12-jähriger Unterbrechung, wieder Minister­präsident von Tamil Nadu. Er konnte seine Amtszeit jedoch nicht voll ausschöp­fen, denn bereits Ende Januar 1991 wurde von der Minderheitsregierung unter Chandrashekhar das Parla­ment in Madras abermals aufgelöst. Nachdem dieser im März 1991 als Premierminister zurückgetreten war, wurden Neuwahlen zusammen mit den nationalen Parlamentswahlen für den Mai 1991 fest­gelegt. Für diese Wahlen hatten AIADMK und Congress(I) wieder ein Wahlbündnis verein­baren können. Nachdem die Wahlen - wegen der Ermordung von Rajiv Gandhi am Vorabend des Wahltages - um einen Monat verscho­ben wurden, gingen AIADMK und Congress(I) aus ihnen unangefochten als Sieger hervor. Im Juni 1991 wurde J. Jayalalitha als Ministerpräsi­dentin von Tamil Nadu verei­digt. Sie trat damit das politische Erbe von MGR an. Auch heute noch spielt seine 10-jährige Amts­zeit im politischen und gesellschaftlichen Geschehen von Tamil Nadu eine außerordent­lich wichtige Rolle.

Nachfolgend soll auf das Phänomen MGR nochmals ausführlicher eingegangen werden. Dies geschieht besonders mit der Frage, wie es möglich sein konnte, daß ein Politiker, der die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Tamil Nadus um Jahre zurückge­worfen hat, der Korruption in Politik und Verwaltung in einem Ausmaß geduldet und ge­fördert hat wie kein Politiker vor ihm, daß solch ein Politiker in den Augen vor allem der armen Menschen, auch heute noch eine Popularität besitzt, die einer göttlichen Verehrung gleichkommt.

10.1.5 Der Aufstieg MGRs und der Niedergang der politischen Kultur in Tamil Nadu

Die Regierung von M.G. Ramachandran, dessen Partei im Wahlkampf die Bekämp­fung der Korruption in Verwaltung und Politik zum wichtigsten Wahlkampfthema gemacht hatte, stellte sich im Laufe ihrer 10-jährigen Regierungszeit selbst als äußerst korrupt her­aus. Die Verwaltung in Tamil Nadu, die unter Karunanidhi zu einer gut funktionieren­den Einrichtung aufgebaut worden war, brach unter MGR vollkommen zusammmen und wurde immer mehr zum Handlanger der Parteiinteressen der AIADMK.

„In Tamil Nadu politics, the year 1977 witnessed the emergence of a matinee idol as a macho political leader of a rudderless party to which a motley horde of office hungry politicians at all levels graviti­ated. In the absence of any ideological stirrings or innovatory policy concepts within the AIADMK ranks, no one felt the need to sustain it with a sub-structure of cadres and a network of communica­tions capable of reaching out to different segments of the population“ (Sathyamurthy 1989: 884).

Allein die Popularität MGRs reichte aus, um die AIADMK bei drei Wahlen unangefochten zur Regierungspartei in Tamil Nadu zu machen. Politische Konzeptionen schienen ebenso überflüssig zu sein wie eine funktionierende Parteistruktur. Es wäre allerdings falsch, den Erfolg des Politikers MGR nur aus dem Personenkult erklären zu wollen, der um den Schau­spieler MGR entstanden war. Vielmehr hat eine Verkettung verschiedener Prozesse dazu bei­getragen, daß das Leinwandimage eines unbesiegbaren Helden, der immer auf der Seite der Armen, Schwachen und Unterdrückten steht, auf MGR als Politiker übertragen wurde. Dies führte dazu, daß er in Tamil Nadu eine religiös eingefärbte „Wohlfahrtsdiktatur“ errichten konnte.

10.1.5.1 Der Einfluß des Kinos auf die Politik in Tamil Nadu

Wie noch zu zeigen sein wird besteht der Widerspruch in der jüngsten politischen Ge­schichte Tamil Nadus darin, daß sich eine Partei als die Interessensvertreterin der (vor allem armen) Bevölkerungsmehrheit darstellen will, gleichzeitig aber an strukturellen Ver­änderungen nicht interessiert ist. Deshalb ist es neben der Aufrechterhaltung eines be­stimmten „Minimalniveaus der Armut“ auch notwendig, den „Armutsmassen“ einen emo­tionalen Identifikationsbereich anzubieten, der dafür Sorge trägt, daß die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen nicht in Frage gestellt werden. Eine solche Ideologie beinhaltet die bewußte Manipulation von Werten durch eine starke Betonung der tamilischen Kultur und Geschichte, aber auch durch das Anprangern von sozialen Mißständen und dem An­bieten von Lösungs­möglichkeiten innerhalb der bestehenden Machtstrukturen, die vor al­lem auch über das Me­dium Film den Menschen nahegebracht wird.

Innerhalb Indiens hat Tamil Nadu, auf die Bevölkerung hochgerechnet, die höchste Kinodichte (Hardgrave 1975: 27; MT 1988: 21). Die Bedeutung des Kinos geht dabei weit über die Ablenkung der Bevölkerung von ihrem „Schicksal“ hinaus,1 sondern sie besteht vielmehr in seiner Fähigkeit, nicht vom realen Leben „abzulenken“, sondern das reale Leben in den Mittel­punkt zu stellen. Dadurch werden gesellschaftliche Wertemuster und Identifi­kationsräume geschaffen. Es ist sicherlich kein Zufall, daß die meisten wichti­gen Politiker in der Ge­schichte der drawidischen Parteien sehr eng mit der Filmbranche verbunden waren. Annadurai und Karunanidhi waren bzw. sind angesehene Drehbuch­schreiber, und mit MGR und Jayalalitha sind die populärsten Politiker Tamil Nadus auch gleichzeitig die populärsten SchauspielerInnen2. Viel stärker noch als Annadurai und Karunanidhi konnten sie das Me­dium Film als politisches Instrument einset­zen, denn sie vermitteln über die Leinwand nicht nur Werte, sondern sie konnten es auch erreichen, daß sich Bevölkerungsmassen mit ihnen persönlich identifizierten.

10.1.5.2 Das Phänomen MGR

Auch heute, acht Jahre nach seinem Tod, wird MGR in Tamil Nadu wie ein Gott ver­ehrt.3 1917 in Kandy (Sri Lanka) geboren, wuchs MGR in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Als er noch keine drei Jahren alt war, starb sein sein Vater, und die Familie wanderte nach Tamil Nadu aus. Da MGR bereits sehr früh Geld verdienen mußte, konnte er die Schule nicht been­den, sondern begann bereits mit sieben Jahren als Schauspieler in einer Theatergruppe in Ma­durai zu arbeiten. Gerade diese Jahre in großer Armut wurden später von ihm und seinen Par­teifreunden propagandistisch ausgeschlachtet, indem darauf ver­wiesen wurde, daß MGR Armut und Hunger kenne und alles dafür geben werde, Armut und Hun­ger in Tamil Nadu auszurotten.4

Ab 1936 begann er, kleinere Filmrollen zu übernehmen, zumeist in Filmen, die auf hin­duisti­schen Götter- und Heldenepen basierten. Ab 1950 trat er dann hauptsächlich in Fil­men auf, die in vielfältiger Weise soziale Mißstände anprangerten und durch den Helden MGR zu ei­nen „Happy End“ geführt wurden. Charakteristische Rollen waren dabei die eines Arbeiters, der gegen die alltägliche Ausbeutung ankämpft, eines Kleinbauern, der vom Landlord um ein Stück Land gebracht wird, eines Fischers, der durch seine Bildung die Machenschaften eines betrügerischen Fischhändlers aufdecken kann etc.. Diese Filme benennen häufig im Titel die einzelnen Berufsgruppen,1 denen MGR durch sein helden­haftes Auftreten Gerechtigkeit widerfahren läßt. Die Filme haben meistens die Unterdrüc­kung der Armen zum Thema und - wie sollte es auch anders sein - MGR stellt darin immer Personen dar, die zu ihnen gehören. Dadurch wird den Zuschauern eine Identifikation leicht gemacht. Zentrales Thema in seinen Filmen nimmt die Darstellung von illegitimer Macht und ihre Überwindung ein.

„The social universe of the MGR films is one of asymmetrical power. At one end of the power spec­trum are grouped the upper caste men/women, the landlords/rich industrialists, the literate elite and, of course, the ubiquitous male -all of whom exercise unlimited authority and indulge in oppressive acts of power; at the other end of the spectrum can befound the hapless victims -lower caste men, the landless poor, the exploited workers, the illiterate simpletons and hel­pless women“ (Pandian 1992: 42).

Das „Strickmuster“ vieler Filme besteht darin, daß MGR, der aus den Reihen der Unter­drückten und Rechtlosen kommt, diese ungleiche Machtverteilung überwindet, das Böse be­siegt und dem Guten und der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhilft. Unbewaffnet und ver­letzt besiegt er ganze Armeen; mit bloßen Händen bezwingt er wilde Tiger; in aktions­gela­denen Schwertkampfszenen setzt er sich gegen seine Widersacher mit einer Leichtig­keit durch, die ihm den Anschein übernatürlicher Kräfte verleiht und ihn zum unbezwing­baren Helden macht. Eines unterscheidet ihn jedoch in seinen Filmen von den Unter­drückten und Rechtlosen. Er ist es, der Gerechtigkeit bringt, und er ist es auch, der dazu Gewalt anwendet, ein Privileg, das im wirklichen Leben den Eliten vorbehalten ist.

Neben den Filmen, in denen MGR das Böse physisch bekämpft, gibt es auch jene, in denen er Gerechtigkeit über Bildung erreicht; wiederum ein Monopol, das den Eliten vorbehalten ist. Hier wird Bildung als Waffe gegen Unterdrückung in Kontrast gesetzt zu Bil­dung als Mittel der Unterdrückung in den Reihen der Eliten.

„In Padakotti (1964), the much-dreaded villain who is an affluent fish trader forces the poor and illit­erate fishermen to put their thumb im­pressions on promissory notes - keeping them ignorant of the content. But MGR, the only literate fisherman in the hamlet, descends the same, reveals the usurious terms of the promis­sory notes and saves them from the manipulation of the trader“ (Pandian 1992: 48)

Mit diesem Mittel erreicht er wiederum die Identifikation der Zuschauer, die häufig aus den wenig bis gar nicht gebildeten Bevölkerungsgruppen kommen. Gleichzei­tig spielt er aber auch auf ein zentrales Motiv der Drawidischen Bewegung an, die Bildung als wich­tigstes Mittel zur Bekämpfung brahmanischer Dominanz ansah. Ein dritter Bereich, der durch eine asymmetrische Machtstruktur gekennzeichnet ist und der regelmäßig in den Filmen von MGR thematisiert wird, ist die Macht der Männer über die Frauen (Pandian 1992: 50).

Zentrales Thema in Filmen, in der diese Machtstruktur angesprochen wird, ist die arran­gierte Kastenhochzeit, bei dem sich MGR gleich über mehrere gesellschaftliche Konven­tionen hinweg setzt: Seine Hochzeiten sind Liebeshochzeiten, d.h. MGR schafft im Film den Frauen die Freiheit, sich der Bestimmung von Kaste und Elternhaus zu widersetzen und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Seine Hochzeiten sind immer auch Hochzeiten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kasten; mehr noch, sie werden so kon­struiert, daß die durch die Kasten vorgegebene Distanz möglichst groß ist. Es sind Hochzeiten zwischen dem armen Landarbeiter und der Tochter des Landlords, zwischen einem armen Kuhhirten und der Toch­ter eines angesehenen Rechtsanwaltes etc. Der Tri­umph des Guten in den Filmen MGRs

„zeigt sich (dann) weniger in einem Triumph der Gerechtigkeit, in der Durchsetzung sozialer Refor­men oder in einer Umverteilung, er zeigt sich in erster Linie in einer Heirat, in der MGR symbolisch die Klassen- und Kastengrenzen dieser Gesellschaft überschreitet“ (Rösel 1992: 584)

10.1.5.3 Film und Politik: Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen

Als MGR 1977 das Amt des Ministerpräsidenten übernimmt, gibt er die Schauspie­lerei auf, um sich ganz der Politik zu widmen. In 136 Kinofilmen war er aufgetreten, in tausenden MGR-Fan-Clubs, die nun als Ersatz einer AIADMK-Parteistruktur genutzt werden, hat er über ganz Tamil Nadu verteilt seine Anhängerschaft versammelt. Daß MGR aber in kurzer Zeit vom Leinwandidol zum populärsten Politiker Tamil Nadus werden kann, der schon zu Lebzeiten wie ein Gott verehrt wird, setzt mehr voraus, als daß er mit seinen Filmen den Zu­schauern aus den armen Bevöl­kerungsgruppen Identifikationsräume anbieten kannt. Es ist notwendig, daß zwischen dem Schauspieler MGR und dem Politiker MGR keine Unter­schiede gemacht werden. Das Image, das MGR durch seine Filme erhalten hat, muß auch für sein politisches Leben gelten (Forrester 1976: 288).

MGR-Filme sind auch immer DMK-Filme gewesen. Subtile bis offensichtliche Anspielun­gen auf eine bestimmte Partei, die einzig für die Lösung der Probleme der armen Bevölke­rungs­schichten in Frage kommt, durchziehen diese Filme.

„For M.G.R., Art and politics are the two sides of the same coin. The emblem of M.G.R.'s production com­pany shows the DMK flag, and his films are filled with both direct and indirect references to the party. [...] In the folklore film Nadodi Mannan (“Vagabound King“, 1958), there are numerous refer­ences in song and dialogues to “Dravida“. In the film [...] MGR, crowned king, issues a decree that could easily pass for the DMK election manifesto. In Adimai Pen, the heroine points to the ri­sing sun1 and tells to MGR, “That is our god. Pray“ (Hardgrave 1973: 299)

In Nam Nadu (Unser Heimatland, 1969) erreichte die Instrumentalisierung des Kinos für par­teipolitische Zwecke ihren Höhepunkt. MGR tritt mit einem roten Hemd und einer schwarzen Hose zum ersten Mal in den Farben der DMK auf. In einer Sequenz des Filmes hält er ein Buch in Händen, auf dessen Umschlag deutlich die Bilder von Gandhi und An­nadurai zu erkennen sind. Den ganzen Film hindurch tauchen beide Motive immer wieder auf; die Farben rot und schwarz und die Suggestion einer Verbindung von Annadurai zu Mahatma Gandhi. In einem der Film­songs wird Annadurai als “Gandhi SüdIndiens“ be­zeichnet.

„When M.G.R., the sacrificing government clerk turned politican in the case of the poor, seeks elec­tion, his posters are in the red and black form of the DMK. [...] With M.G.R.'s election victory, a song proclaims, 'The sun is rising, history is changing, and now everything will be alright'. The film con­cludes with a self-re­spect marriage under a statue of Gandhi“ (Hardgrave 1973: 299f).

Daß das wahre Leben manchmal sogar noch wundersamer sein kann, wird an den Umstän­den deutlich, die MGR bei den Wahlen 1967 zu einem Abgeordnetenmandat verhalfen. Schon im Vorfeld dieser Wahlen war es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem amtieren­den Ministerpräsidenten Karunanidhi und MGR gekommen, die dazu führten, daß Karuna­nidhi MGR für einen aussichtslosen Wahlkreis nomi­nierte. Wenige Wochen vor dem Wahl­termin verübte ein Schauspielerkollege MGRs, M.R. Radha,2 auf diesen ein Attentat. Die Konstellation vieler MGR-Filme, in denen er dem Schurken Radha gegen­über­stand, wieder­holte sich in der Wirklichkeit. Die Grenzen zwischen filmischer Scheinwelt und Realität waren nicht mehr klar zu erkennen.

Schwerverletzt wurde MGR ins Krankenhaus eingeliefert und bestritt den Wahl­kampf vom Krankenbett aus. Die Wahlen selbst gewann er mit überwältigender Mehrheit. 14 Jahre später gelang es einem schwerkranken MGR nochmals, aus seiner Krankheit politi­schen Profit zu ziehen. Nach einem Hirnschlag und beidseitigem Nierenversagen verfolgte er die Wahlen von seinem Krankenbett in Brooklyn (USA) aus. Mit 132 Mandaten er­reichte die AIADMK ihr bis dahin bestes Ergebnis. Der schwerkranke MGR1 stand bis zu seinem Tod im Dezember 1987 der Regie­rung von Tamil Nadu vor. Dem unbezwing­baren Held vieler Filme konnte im wirklichen Leben noch nicht einmal der Tod etwas antun.

„He was presented as one who was thrice-born: The first one was when he was actually born like the rest of us; the second birth was when he survived an attempt made on his life [...] on January 12, 1967, and his third birth was when he recovered beyond expectations from his debi­litating illness in 1984. [...] In his autobiography, he writes: 'As you all know, I was shot at on January 12, 1967. Peo­ple think that I died on that day and I was reborn on the next day“ (Pandian 1989: PE-66).

So wird der 13. Januar als MGRs Geburtstag gefeiert. Er selber wird damit als Reinkarna­tion in die Reihe der Götter emporgehoben. In Enga Vittu Pillai (Der Sohn unseres Hauses, 1965) singt MGR:

„If you follow me, the poor will never suffer. First Christ came and preached; then Gandhi came and preached; but the people have forgotten. Now I will set things right“ (nach Hardgrave 1973: 299).

10.1.5.4 MGR als Ponmana Chemmal

Unsterblichkeit war eine von MGRs göttlichen Eigenschaften; die andere seine Wohltätig­keit. Sie hat ihm auch die Bezeichnung Ponmana Chemmal eingebracht, d.h. „der, der mit goldenem Herzen gibt“, „der, der auf seinen Reichtum zugunsten der Armen verzichtet“.2

Wann immer Notlagen für arme Bevölkerungsgruppen entstanden, MGR war der erste, der helfend vor Ort erschien. Ob bei Flutkatastrophen, niedergebrannten Slumhütten, immer war er mit finanziellen Entschädigungen für die Betroffenen schnell zur Stelle. Er unter­stützte Kranken- und Waisenhäuser, verteilte Kleider an die Armen, ließ Häuser für die Obdachlosen bauen und verteilte an arme Schul­kinder Schuluniformen und Schulbücher. Besonders vor den Wahlen nahmen die Geschenkeversprechungen „barocke For­men“ an (Rösel 1992: 614).

Hierin kommt das Dilemma der beiden drawidischen Parteien deutlich zum Aus­druck. Ei­gentlich sind sie austauschbar. Für die Wähler lassen sie sich weder programmatisch noch ideologisch unterscheiden. Programme und Ideologien sind überflüssig geworden und werden ersetzt von „potlach-ähnlichen“ Geschenkritualen, bei denen sich beide Parteien an Groß­zügigkeit zu übertreffen suchen. Viele Kritiker dieser Wohlfahrtsmaßnahmen lasten ihnen an, daß sie zwar kurzfristig Erleichterung schafften, aber die ungleichen Strukturen in Tamil Nadu nicht beseitigen konnten. Ganz im Gegenteil: Da diese Maßnahmen den Finanzhaushalt des Bundeslandes erheblich belasten, stehen nicht genügend Finanzmittel zur Verfügung, um Entwicklungsprojekte durchzuführen.3 Zweifellos richtig ist, daß die Wohlfahrtsmaßnahmen auf Kosten anderer Entwick­lungsmaßnahmen durchgeführt werden. Auch kann unterstellt werden, daß ihr populistischer Charakter der Mobilisierung von Wählergruppen dient. Trotzdem kann man einigen von MGRs Vorhaben, die langfristiger wirken sollten und die soziale Innovationen beinhalteten, eine gewisse Sinnhaftigkeit nicht abstreiten. Er führte das Pensi­onssystem für mittellose verlassene Frauen und Witwen ein, kümmerte sich um Unfallversi­cherungen im informellen Sektor etc.. Das „Prunkstück“ seiner Wohlfahrtspolitik war aber das 1982 eingeführte Schul­speisungsprogramm, das zu Beginn etwa 5,5 Millionen Kinder im Alter zwischen zwei und zehn Jahren erreichte und 1987, dem Jahr seines Todes, 8,5 Millio­nen Kindern täglich eine warme Mahlzeit ermög­lichte. Die jährlichen Kosten für dieses Pro­gramm betrugen 1987 zwei Milliarden Rs (Raghavan 1988: 15). In dieses Programm soll­ten auch Impfkampagnen und die medi­zinische Betreuung der Kinder integriert werden. Dazu wollte die Regierung von Tamil Nadu mit Unterstützung der Zentralregierung einen Kredit der Weltbank beantragen. Zur Verwirklichung dieser Plänen kam es jedoch durch den Tod MGRs nicht mehr.

Trotz der Sinnhaftigkeit mancher Programme haftet ihnen ein unübersehbarer Makel an. Sie ent­standen in einer Umgebung, die von Korruption und Patronagestrukturen durchsetzt war, und es war MGR, der für diese Korruption verantwortlich war. So fortschrittlich man­che dieser Pro­gramme auch auf dem Papier erscheinen mögen, ihre konkrete Durchfüh­rung ließ große Teile der für die arme Bevölkerung gedachten Gelder in den Taschen von AIADMK-Funktionären ver­sickern. Nicht daß es Korruption und Günstlingswirtschaft nicht etwa auch unter früheren Regie­rungen gegeben hätte. Unter MGR nahmen sie jedoch ein Ausmaß an, das praktisch jeden Be­reich, in dem Menschen mit der Verwaltung zu tun hatten, erfaßte.

Statt politische Programmen und Konzepte bestimmten immer mehr „Brot und Spiele“ das politische Leben Tamil Nadus: „Brot“ in Form von populistischen Wohlfahrtsmaßnahmen, die über beinahe allen gesellschaftlichen Gruppen ausgeschüttet wurden und „Spiele“ in Form des Kinomythos MGR.

10.2 Zusammenfassung: Politische Kultur in Tamil Nadu

Da heute den beiden drawidischen Parteien eine klare spezifische Ideologie fehlt, die dazu geeignet wäre, große Wählergruppen an sich zu binden, muß als Ersatz dafür eine Politik durchgeführt werden, die zwar auf den ersten Blick die Wünsche und Bedürfnisse mög­lichst vieler Gruppen berücksichtigt, aber dennoch die gesellschaftlichen Strukturen un­angetastet läßt. Wie bereits beschrieben, geschieht dies in der ständigen Aktualisierung des Zentrum-Peripherie-Konflikts. Einerseits wird zwar eine pragmatische Politik gegenüber den unter­schiedlichen Zentralregierungen in Neu Delhi mit der Absicht praktiziert, aus der jeweiligen politischen Konstellation mög­lichst großen Nutzen für Tamil Nadu herauszu­schlagen, ande­rerseits wird aber auch durch bewußt gesuchte Konfrontation das Bewußt­sein eines Konflik­tes mit dem arischen Norden am Leben erhalten.

Da sich die beiden drawidischen Parteien ideologisch kaum unterscheiden, muß gleichzeitig eine starke Personifizierung der Politik stattfinden. Nicht die Programme der Parteien sind ausschlaggebend für ihre Wahlchancen, sondern die Personen, die den Parteien vor­stehen. Daß diese Personen u.U. be­reits längst verstorben sind, wird sehr deutlich am Phänomen MGR demonstriert, dessen „Geist“ auch noch heute die Politik in Tamil Nadu zu großen Teilen bestimmt.

Populistische Politik setzt voraus, daß unterschiedliche Segmente der Gesellschaft mit Be­günstigungen bedacht werden, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, die Regierung habe sich ihres Schicksals angenommen und sei dabei, Abhilfe zu schaffen.

„[...] target groups are appeased, whatever the cost, to enable a go­vernment to hang on to power or to be (re)-elected“ (de Wit 1993: 63f).

An Stelle von mittel- bis langfristig wirksamen strukturellen Veränderungen treten deshalb kurzfristige (häufig vor Wahlen) durchgeführte Einzelmaßnahmen, die medienwirksam auf­bereitet werden. Sie zielen genau auf die Be­reiche, in denen tatsächlich großer Nach­holbe­darf besteht, vor allem also auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kleidung, ge­sundheitli­chen Diensten, Wohnen etc und erwecken den Eindruck, daß es tatsächlich die höchste Priori­tät der Regierung sei, die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölke­rung sicherzustel­len.

Ganz deutlich wird dies in der Reis-Politik, bei der die Verteilung von Nahrungsmitteln zu einem Mittel der Parteiidentifikation umbewertet wird. Seien es wichtige Feiertage oder auch Geburtstage, die kostenlose Verteilung von Reis spielt immer eine herausragende Rolle. Dabei wird natürlich peinlichst darauf geachtet, daß es den einzelnen Nutznießern möglich ist, die durchgeführte Maßnahme direkt mit der durchführenden Partei in Zusam­menhang zu bringen; nur so kann sie zum Mittel der Identifikation werden. Am deutlich­sten kommt dies im Programm zur kostenlosen Nahrungsverteilung in den Schulen (Chief Minister's Noon Meal Scheme) zu Ausdruck, das von MGR ein­geführt und von Jayalalitha fortgeführt wurde. Harriss (1991) bemerkt dazu:

„The scheme is highly personalised and visible [...] Local ADMK party bos­ses were encouraged to be active in supervising the NMS. [...] The scheme was said to be a resource in the mobilisation of vote banks and the consolidation of a personal cult“ (Harriss 1991: 20).

Ein anderes Mittel, gesellschaftliche Segmente an die Partei zu binden, besteht darin, be­stimmte Kastengruppen gegenüber anderen aufzuwerten, was am deutlichsten in der Re­ser­vierungspolitik zum Ausdruck kommt. Was an sich paradox zu scheinen mag, nämlich, daß in einem Land, in dem das Kastensystem verfassungsgemäß verboten ist, von staatlicher Seite bestimmt Kastengruppen privilegiert werden, wird aus dieser Perspektive verständlich. Hier geht es vor allem darum, das Kastenbewußtsein zu stärken und dafür zu sorgen, daß sich be­stimmte Kasten mit einer bestimmten Partei identifizieren.

Schließlich kann während der gesamten Geschichte der drawidischen Bewegung und spä­ter der drawidischen Parteien beobachtet werden, daß besonderer Wert auf die Gewinnung der weiblichen Wählerschaft gelegt wurde. Frauen stellen bei weitem das größte „homogene“ gesellschaftliche Segment dar, das Kasten- und Klassenlinien zu durchkreu­zen in der Lage ist. Hinzu kommt, daß viele Berei­che, die von den Regierungen für popu­listische Maßnahmen herangezogen werden, dem Lebensbereich der Frauen zugeordnet werden können (Nahrung, Kindererziehung, Gesundheit, Kleidung etc.).

10.3 Die politischen Ereignisse während der Feldforschung

Die empirische Untersuchung in einem Fischerdorf in Madras, die den lokalen Bezugs­punkt dieser Arbeit darstellt, fand im Zeitraum zwischen November 1990 und Juni 1992 statt. In diese Zeit fällt das Ende der von Karunanidhi geführten DMK-Regierung, die Auflösung des Parlamentes in Tamil Nadu, der Golfkrieg, der Wahlkampf für die Wahlen zum Landes- als auch Bundesparlament im Juni 1991, die Wahlen selbst sowie das erste Regierungsjahr der AIADMK-Regierung unter Ministerpräsidentin J. Jayalalitha.

Wie bereits aus der „Vorgeschichte“ zu vermuten ist, kann man dem politischen Leben in Tamil Nadu vielerlei Attribute zuweisen. Es ist von einem hohen Maß an Korruption ge­prägt, von populistischen Wohlfahrtspolitiken, und es ist - das ist besonders wichtig - vor allem niemals langweilig. Es bietet den Menschen immer wieder genügend Gesprächs­stoff, der dann auch in Identifikationsmustern mündet.

Für die vorliegende Arbeit sind besonders zwei Bereiche der turbulenten politischen Er­eig­nisse wichtig: erstens sind dies die Umstände, die zum Sturz der DMK-Regierung unter Ka­runanidhi geführt haben. Hierin kommt zum einem die asymmetrische Machtverteilung zwi­schen dem Bundesland Tamil Nadu und der Zentralregierung sehr deutlich zum Aus­druck, zum anderen aber auch die internen Dynamiken zwischen den beiden drawidischen Parteien. Zweitens ist dies die Politik in Tamil Nadu selbst, also die Politik der DMK-Re­gierung und später der AIADMK-Regierung unter J. Jayalalitha. Von besonderem Interesse sind dabei jene Politikbereiche, die für ärmere Bevölkerungsgruppen von großer Wichtig­keit sind. Vor allem wird dabei auf die Preisentwicklung für wichtige Warengruppen zu achten sein, aber auch auf den Charakter der Regierung in Tamil Nadu und die Verände­rungen der Politischen Kultur während des angesprochenen Zeitraums. In diesem Zusam­menhang soll auch nach Ursachen von Preissteigerungen für Nahrungsmittel gefragt werden, die dem Bereich der po­litischen (In)Stablität zuzuschreiben sind.

10.3.1 Die DMK-Regierung unter Karunanidhi (1989-1991)

An anderer Stelle wurde bereits darauf hingewiesen, daß sich die beiden drawidischen Par­teien im Prinzip kaum voneinander unterscheiden. Sie sind dadurch für viele Wähler aus­tauschbar. Hinzu kommt, daß die Parteien auch für ihre Spitzenpolitiker austauschbar werden, ein Phänomen, das sich auch in anderen Regionen Indiens beobachten läßt.

Da sich die Politiker selten durch eine Ideologie an eine Partei gebunden fühlen, fällt es ihnen erstaunlich leicht, ein sinkendes Schiff zu verlassen, bzw. auf einen erfolgverspre­chenden Zug aufzuspringen. Häufig werden Dissidenten mit Ministerposten, anderen ho­hen Stellen belohnt oder sie werden mit Geld gekauft. „ During the operation of defection politics the politicans become expensive marketable commodities “ (Shukla 1991: 34). Die Vorgänge innerhalb der AIADMK die nach dem Tode MGRs die Partei über zwei Jahre lang schwä­chen, sind ein gutes Beispiel für einer solchen Groteske.

Zunächst einmal spaltete sich die Partei in zwei Fraktionen, die AIADMK(JR) und die AIADMK(J). Als sich nach dieser Aufsplitterung die Kämpfe immer noch nicht legten, ver­ließ V.R. Nedunchezhian die AIADMK und gründete eine eigene Partei. P.S. Ramachandran wiederum wurde von Jayalalitha aus der Partei ausgeschlossen. H.V. Hande, der ursprünglich der Janaki-Fraktion angehörte, wechselt zur Jayalalitha-Fraktion über. Nach dem Wahltri­umph der AIADMK(J) vom Herbst 1989 tauschte R.M. Veerappan die Fronten und wechselte von der Janaki-Fraktion zur Jayalalitha-Fraktion, der abtrünnige Nedunchezhian stieß eben­falls wieder zur siegreichen Partei, während Hande diese nun verließ und sich der Janata Dal anschloß, der Regierungspartei auf nationaler Ebene. Raghavanandam, der zwischenzeitlich die Janaki-Fraktion in Richtung der Jayala­litha-Fraktion verlassen hatte, findet schließlich in der DMK seine neue Heimat. S. Thiru­navukkarasu, ein Minister in der MGR-Regierung so­wie 33 weitere Spitzenfunktionäre, zerstreiten sich mit Jayalalitha, werden von dieser aus der Partei geworfen und gründen daraufhin eine neue Partei, die AIADMK(T) (Jayanth 1990:31).

Geschwächt durch diese inneren Fraktionskämpfe und diesmal ohne die Unterstützung der Congress(I), geht die AIADMK aus den Landtagswahlen von Tamil Nadu im Frühjahr 1989 als Verliererin hervor und muß die Regierungsgewalt an die DMK abtreten. Nach 1969 und 1971 wird M. Kurunanidhi zum dritten Mal Ministerpräsident von Tamil Nadu.

Anders verhält es sich bei den im Herbst 1989 stattfindenden Wahlen zum nationalen Par­lament. Die AIADMK-Fraktion um Jayalalitha hat inzwischen ihre internen Streitigkeiten unter Kontrolle bringen können. Der Congress(I) sieht sich einer mächtigen Nationalen Front gegenüber, in der sich die wichtigsten Oppositionsparteien mit dem Ziel zusammen­gefunden haben, der Congress(I)-Regierung ein Ende zu bereiten.

Congress(I) und AIADMK gehen daher auf bundesstaatlicher Ebene für diese Wahlen wieder ein Bündnis ein und können einen bislang einzigartigen Wahlerfolg erringen. Alle Mandate Tamil Nadus gehen entweder an den Congress(I) (28) oder an die AIADMK (11). Trotz weiterer Wahlerfolge in anderen südindischen Bundesländern, erlebt der Congress(I) in NordIndien einen solchen Einbruch, daß er von der Nationalen Front als Regierungspar­tei abgelöst wird.

Nach 1977 ist damit erstmals wieder die Situation eingetreten, daß weder in Madras noch in Neu Delhi eine Congress-geführte Regierung im Amt ist. Die Situation aus den Jahren 1952 bis 1967, als der Congress(I) immer sowohl die Landesregierung in Tamil Nadu wie auch Bundesregierung stellte, hat sich damit umgekehrt. Die DMK, die erheblichen Anteil am Zu­standekommen der Nationalen Front gegen den Congress(I) hatte, ist in Tamil Nadu an der Regierung und kann sich der Unterstützung der Zentralregierung sicher sein. Der einzige Wermutstropfen besteht darin, daß nicht die DMK bei den nationalen Wahlen in Tamil Nadu gewonnen hat, sondern die Koalition aus Congress(I) und AIADMK. Damit ist die DMK mit keinem einzigen Mandat im nationalen Parlament vertreten, sondern alle Abge­ordnete kom­men aus den Reihen der Oppositionsparteien.

10.3.2 Machtpolitik contra Verfassungsprinzipien: Die Absetzung der DMK-Regie­rung im Januar 1991

Im November 1990 ändern sich die politischen Konstellationen in Neu Dehli abermals. Der Premierminister der Nationalen Front, V.P. Singh, muß zurücktre­ten, und mit Chandra Shekhar wird ein neuer Premierminister vereidigt, dessen Partei im Parlament weniger als 12 Prozent der Mandate hat. Seine Regierung wird jedoch vom Congress(I) und auch von der AIADMK „unterstützt“.

Nach diesem neuerlichen Regierungswechsel, der den Congress(I) zwar nicht zur „offiziellen“1 Regierungspartei macht, übt Jayalalitha immer mehr Druck auf Chandra Shekhar und Rajiv Gandhi aus, die DMK-Regierung in Tamil Nadu aufzulösen. Um ihre Forderungen zu begründen, fährt Ministerpräsidentin Jayalalitha schwere Geschütze auf: die öffentliche Ordnung in den Küstenregionen des südlichen Tamil Nadu sei zusammen­gebrochen, weil immer mehr Aktivi­sten der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) diese Gegend als Rückzugsgebiet vor der Verfolgung durch die Regierungstruppen Sri Lankas nutzten. Die Region sei vollkommen in der Hand fremder Terroristen, die die ein­heimische Bevölkerung schikanierten und ein um­fangreiches Schmuggelnetzwerk auf­gebaut hätten. Die DMK-Regierung sei weder fähig noch willens, die eigene Bevölkerung vor diesen fremden Eindringlingen zu schützen. Karunanidhi habe vielmehr sehr enge Be­ziehungen zum Führer der LTTE, V. Prabhakaran und habe diesem gestattet, in Tamil Nadu auch militärische Ausbildungslager für LTTE-Kämpfer zu er­richten. Gleichzeitig werde das Bundesland auch immer mehr zum geschützten Rückzugsge­biet und Ausbil­dungslager indischer Terroristen, die die Einheit der indischen Union bedroh­ten. Insbeson­dere habe sich das Bundesland unter der DMK-Regierung zum bevorzugten Auf­enthaltsort von militanten Aktivisten der ULFA (United Liberation Front of Assam) entwic­kelt, die von den LTTE-Aktivisten zum Kampf gegen die Einheit Indiens ausgebildet würde. Da die von Karunanidhi geführte Regierung nichts unternehme, um in Tamil Nadu wieder Recht und Ordnung herzustellen, müsse sie gemäß Artikel 356 der indischen Verfassung ab­gesetzt werden (The Hindu, verschiedene Meldungen 16.11.1990-31.01.1991).

Wahr war, daß sich Tamil Nadu seit 1983 zu einem wichtigen Stütz­punkt tamilischer Rebellen1 aus Sri Lanka entwickelt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings MGR Ministerpräsident von Tamil Nadu, und in Neu Delhi regierte der Congress(I) unter Indira Gandhi. Von beiden wurden die Aktivitäten der LTTE in Tamil Nadu nicht nur geduldet, sondern unterstützt.2 Unter Rajiv Gandhi wurde die Unterstützung der LTTE solange fortgesetzt, wie sie ihm nutzte. Nicht von der Hand zu weisen ist, daß die tamilischen Rebellen aus Sri Lanka Recht und Gesetz in Tamil Nadu mißachteten, wobei allerdings die Schilderungen von AIADMK und Congress(I) bei weitem übertrieben sein dürften (Guhan 1991).3 Ebensowenig haben sich Tamilen aus Sri Lanka in Tamil Nadu aufgehalten, um Indiens nationale Si­cher­heit zu gefährden. Die Anschuldigungen, die Aktivisten der LTTE würden in Tamil Nadu Rebellen der ULFA, Naxaliten aus Andhra Pradesh und militante Sikhs ausbilden (The Hindu 29.04.1991), konnten von keiner der Parteien tat­sächlich durch Fak­ten erhärtet werden.

Selbst wenn die bislang vorgetragenen Anschuldigungen tatsächlich der Wahrheit entsprä­chen, bliebe immer noch die Frage offen, ob die DMK-Regierung diese Vorgänge auch tat­sächlich unterstützt hat. Es ist sicherlich unbestritten, daß Karunanidhi enge Kontakte zur LTTE hatte und sie in Tamil Nadu duldete. Dies hatten jedoch vor ihm bereits MGR und In­dira Gandhi ebenso wie Rajiv Gandhi getan (s.o.). Zweifelhaft ist allerdings, ob sie mit seiner Billigung indische Gesetze brachen, ob er ihnen gestattete, militärische Ausbil­dungslager in Tamil Nadu zu unterhalten und ob er - falls es sie überhaupt gab - über ihre Kontakte mit an­deren militanten Bewegungen in Indien Kenntnis hatte. Äußerst unwahr­scheinlich bis phanta­stisch sind jedoch die Vorwürfe, er habe mit der LTTE gemeinsame Sache gemacht, um die nationale Integrität Indiens zu bedrohen. Die DMK-Regierung stand in engem Kontakt mit verschiedenen Einrichtungen der Regie­rung in Neu Delhi.4 Zweimal hat sich Ministerpräsi­dent Karunanidhi selbst mit Chandra Shekhar getroffen, um von ihm Rat und Unterstützung zu erhalten und um gemeinsame Aktionen abzusprechen (The Hindu 4.12.1990; 4.1.1991).

Vor November 1990 waren bereits 43 tamilische Rebellen auf Anordnung der DMK-Re­gie­rung verhaftet worden (The Hindu 30.11.1990), danach, bis zur Absetzung der Regie­rung weitere 81 Mitglieder der LTTE und 86 Mitglieder anderer Organisationen aus Sri Lanka. Mehr als 1000 Personen, die der Zusammenarbeit mit Tamilenorganisationen aus Sri Lanka verdächtigt wurden, wurden in besonderen Lagern5 von den anderen Flücht­lingen abgeson­dert. Um die Situation in den Küstenregionen besser unter Kontrolle halten zu können, hatte die DMK-Regierung auch den Einsatz von vier Einheiten der der Zentralregierung unterstell­ten Border Security Force (BSF) angefordert, was von der Zentralregierung jedoch abge­lehnt worden war. (The Hindu 23.12.1990). Unmittelbar nach der Absetzung der DMK-Regie­rung wurden dann acht Einheiten der Central Reserve Police Force (CRPF) nach Tamil Nadu entsandt (The Hindu 2.2.1991).

Chandra Shekhar ist aus mehreren Gründen zunächst nicht dazu bereit, sich dem Druck von Congress(I) und AIADMK zu beugen und die Regierung in Madras abzusetzen. Er­stens wird vom Congress(I) schon länger die Forderung erhoben, die Janata Dal(S)-Regie­rung in Uttar Pradesh aufzulösen; einer Forderung, der er sich schwer entziehen könnte, würde er die DMK-Regierung in Tamil Nadu absetzen. Zweitens macht der Gouverneur von Tamil Nadu, Surjit Singh Barnala,1 in aller Öffentlichkeit deutlich, daß er nicht dazu bereit sei, der Abset­zung einer demokratisch gewählten Regierung zuzustimmen, solange dazu keine hinreichen­den Gründe vorlägen (Frontline, 02.03.1991:36f). Drittens zögert Chandra Shekhar auch deshalb, die Regierung Karunanidhis aufzulösen, weil er sich der langfristigen Unterstüt­zung der AIADMK unsicher ist.

Zwischen November 1990 und Januar 1991 trifft sich Jayalalitha mehrfach mit Chandra Shekhar, um ihn umzustimmen. Sie trifft auch mehrmals Rajiv Gandhi, über den sie ebenfalls Druck auf Chandra Shekhar ausüben will. Als all ihre Be­mühungen keine Erfolge zeigen, kündigen sie und der Präsident des Tamil Nadu Con­gress(I) Committees, K. Ramamurthy, für den 28. Januar 1991 einen Generalstreik in Tamil Nadu an. Sie wollen dadurch die öffentli­che Ordnung in Tamil Nadu gefährden und die Regierung Chandra Shekhar in Zugzwang setzen. Zwar verlaufen die Agitationen in Tamil Nadu ohne nennenswerte Zwischenfälle, trotzdem wird Chandra Shekhar durch diese Geste immer deutlicher, daß sein eigenes politi­sches Überleben von einer Absetzung der DMK-Regierung in Tamil Nadu abhängen könnte. Vom Congress(I) wird seine Haltung zum Golfkrieg heftig kritisiert; zudem kündigen ihm sechs unabhängige Abgeordnete, die bislang seine Janata Dal(S)-Minderheitsregierung unter­stützten, die Unterstützung auf, weil er nicht verbietet, daß amerikanische Kampf­flugzeuge für ihre Einsätze im Irak in Indien zum Auftanken zwischenlanden. Am 30. Januar 1991 be­stellt Chandra Shekhar Governeur Barnala nach Neu Delhi. Doch anscheinend sieht dieser noch immer keine Gründe, die DMK-Regierung abzusetzen. Da er dem indischen Präsidenten R. Venkataraman keinen Bericht vorlegt, in dem eine solche Maßnahme empfohlen wird, entschließt sich dieser, aufgrund seiner eigenen Einschätzung der Lage die DMK-Regierung in Tamil Nadu abzusetzen. In Tamil Nadu ist dies das vierte Mal innerhalb von 15 Jahren, daß eine Regierung unter Berufung auf Artikel 356 der indischen Verfassung abgesetzt und der Land­tag aufgelöst wird.

„The imposition of President's rule in Tamil Nadu...was a multiple murder of truth, justice, democracy and federalism. Much has come out already in the press and in public platforms, and more will in the future, on how and why this tryesty happened in terms of the raw and vulgar politics of it, the ingredi­ents of which are all too well-known: an unprincipled Government at Delhi surviving on a miserable minority; dependent at its birth and for its survival on the Congress(I) and the All-India Anna Dravida Munnetra Kazhagam (AIADMK); and, therefore, subject to their blackmail; the mad lust of these two parties for power in Tamil Nadu; the Goebbelsian propaganda that sought to legitimise the illegitimate dismissal; and the Kafkaesque trial the Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) Government was subjected to in the process of being liqui­dated“ (Guhan 1991:110).

Immer öfter werden politische Machtkämpfe über ein Verfassungsmittel ausgefoch­ten, das von den Begründern der Verfassung als ultimo ratio geschaffen worden war, um der Zentral­regierung ein Machtinstrument über eine Landesregierung in die Hände zu ge­ben, die entwe­der nicht fähig oder willens ist, gemäß der indischen Verfassung zu handeln.

Wie nicht anders zu erwarten, reagieren die einzelnen Parteien auf diese Maßnahme ge­mäß ihrem Verhältnis zur DMK. Jayalalitha bezeichnet die Absetzung der DMK-Regie­rung als Mittel, um die Einheit und Integrität Indiens zu bewahren: „ It was a timely action to put an end to the activities of secessionist forces “. Congress(I)-Präsident Ramamurthy feiert die Ab­setzung folgerichtig „ as a victory for the AIADMK-Congress(I) Democratic Front “. R.M. Veerappan, stellvertretender Generalsekretär der AIADMK, sieht in ihr eine richtige Ent­scheidung „ in line with the people's wish “, A. Nallasivan, Sekretät der CPI(M) von Tamil Nadu, verurteilt sie als „ the genocide of democracy “, P. Manickam, Sekretär der CPI von Tamil Nadu, bedauert „ that the democratic rights of voters was being repeatly ignored “, während der Präsident der Janata Dal, S.R. Bommai, in ihr „ the murder of de­mocracy and a complete negation of the federal structure of the country “ sieht (The Hindu 31.1.1991, ver­schiedene Meldungen).

Unmittelbar nachdem die Nachricht von der Absetzung der DMK-Regierung bekannt wird, brechen überall in Tamil Nadu gewalttätige Unruhen aus. Wenn bislang die öffentliche Ord­nung in Tamil Nadu nicht gestört gewesen sein sollte, dann war sie es spätestens jetzt. Dut­zende Omnibusse gehen in Flammen auf, Züge werden zum Entgleisen gebracht, etli­che Menschen kommen bei Ausschreitungen ums Leben. Die meisten Geschäfte und Märkte blei­ben für drei Tage geschlossen, der öffentliche Nahverkehr wird stark einge­schränkt, um weitere Schäden zu vermeiden.

Für den 6. Februar 1991 rufen die Parteien der Nationalen Front zu einem nationalen Ge­neral­streik auf, um gegen die Absetzung der DMK-Regierung zu protestieren. Im Vorfeld des Streikes werden in Tamil Nadu über 20.000 Personen, hauptsächlich von der DMK oder befreundeten Parteien, in Vorbeugehaft genommen, 15 Einheiten der CRPF werden nach Madras verlegt, um die erwarteten Unruhen unter Kontrolle zu halten (The Hindu 06.02.1991). Wie bereits am 28. Januar 1991 verläuft auch diesmal der Generalstreik in Tamil Nadu wie auch in anderen Bundes­ländern weitgehend friedlich. Lediglich in West Bengalen kommt ein 15-jähriger Junge bei Aus­schreitungen ums Leben (The Hindu 07.02.1991). Ende März 1991 kann Innenminister Sahay der Presse vermelden, daß Tamil Nadu inzwischen von der Kontrolle der LTTE befreit sei1 und daß Neuwahlen nun nichts mehr im Wege stehe.

Congress(I) und AIADMK scheinen auf die politischen Ereignisse in Tamil Nadu gut vor­bereitet gewesen zu sein, denn bereits Anfang Februar 1991 kann die Vorsitzende der AIADMK, J. Jayalalitha, nach einem zweistündigen Gespräch mit Rajiv Gandhi in Neu Delhi verkünden, daß die Verhandlungen über eine Allianz für die kommenden Neuwah­len erfolgreich abgeschlossen werden konnten und daß nach ihrer Ansicht die Neuwahlen schnellstmöglich durchgeführt werden sollten (The Hindu 06.02.1991). Beide Parteien rechnen sich gute Chancen auf einen Wahlsieg aus, denn schon bei den Parlamentswahlen 1989 konnte die Allianz zwischen Congress(I) und AIADMK 38 der 39 zu vergebenden Man­date erhalten.

Bereits eine Woche später läutet Rajiv Gandhi das Ende der von Chandra Shekhar geführten Minderheitsregierung ein. Am 16.2.1991 fordert er diesen ultimativ dazu auf, die Zu­sage an die amerikanische Regierung zurückzunehmen, wonach amerikanische Militär­flugzeuge indi­sche Flughäfen auf ihrem Weg in das Kampfgebiet am Persischen Golf zum Auftanken an­fliegen dürfen. Chandra Shekhar kann den Fall seiner Regierung zwar noch einmal dadurch abwenden, indem er am 17.2.1991 erklärt, die Landeerlaubnis für ameri­kanische Militätflug­zeuge sei inzwischen zurückgenommen worden, doch am 6.3.1991 gibt er seinen Rücktritt bekannt, nachdem die Congress(I)-Partei am Tag zuvor ihre Un­terstützung für seine Regie­rung ein weiteres Mal in Frage gestellt hatte.

Am 13.3.1991 löst Präsident R. Venkataraman das indische Parlament auf und ebnet so den Weg für Neuwahlen, die später auf den 20., 23. und 26. Mai festgelegt werden und zeitgleich mit Landtagswahlen in mehreren Bundesländern durchgeführt werden sollen.

10.3.3 Die politische Kultur in Tamil Nadu nach Übernahme der Regierungsge-schäfte durch die AIADMK

Im Wahlkampfprogramm des Jahres 1991 hatte die AIADMK im Falle eines Wahlsieges eine ganze Reihe von Veränderungen in Tamil Nadu versprochen. Nach Bekunden des Wahl­kampfprogrammes verpflichtete sich die AIADMK zu einem vollkommen neuen Regierungs­stil, „ to provide a corruption-free and effective administration to the State “ (AIADMK 1991: 20). Das vorgelegte Wahlprogramm beinhaltet insgesamt 40 Einzel­punkte, die sehr deutlich zeigen, wie sehr die Partei bemüht war, alle wichtigen gesellschaftlichen Gruppen in ihrer Wahlkampfplattform zu berücksichti­gen. Obwohl das Wahlprogramm als „politischer Ge­mischtwarenladen“ bezeichnet werden kann, gibt es dennoch einen Überblick über die Poli­tikbereiche, die die AIADMK glaubte ansprechen zu müssen, um eine möglichst große Wäh­lerschaft für sich zu gewinnen. Po­pulistische Politik bedeutet für die Parteien ja auch immer, genau zu beobachten, was in der Wählerschaft als vordringlich empfunden wird; so gesehen können durch die Analyse eines Wahlprogrammes Bereiche identifiziert werden, in denen - nicht nur nach Ansicht einer Partei, sondern auch bestimmter Wählergruppen - Handlungsbe­darf vermutet wird.

In der Präambel des Wahlprogramms beruft sich die AIADMK auf die politische Tradition von MGR, die von J. Jayalalitha, seiner rechtmäßigen Erbin und revolutionären Führerin (Puratchi Thalaivi), fortgesetzt werden soll. Anschließend werden wichtige Bereiche auf­geführt, in denen eine gewählte AIADMK initiativ werden will. Im sozialen Bereich werden Maßnahmen zur Förderung von Kindern, Frauen, Alten, Unberühbaren, Handwebern, Kleinfi­schern angekündigt, den Landarbeitern wird eine Landreform in Aussicht gestellt und den Backward Communities werden zusätzliche Reservierungsquoten versprochen. Durch gezielte Anstrengungen im Bildungsbereich soll Analphabetentum in kürzester Zeit ausgerottet werden, jeder Familie wird ein eigenes Haus versprochen, im Gesundheitsbe­reich wird ein Health Insurance Scheme angekündigt, das jeden Bewohner Tamil Nadus erreichen soll, im städti­schen und ländlichen Bereichen soll das Trinkwasserproblem be­seitigt werden, den Landwir­ten wird finanzielle Unterstützung beim Kauf von landwirtschaftlichen Produktionsgütern versprochen, außerdem wird ein wager Hinweiß auf eine Schuldenstrei­chung erwähnt. Die kommunalen Körperschaften (Panchayat Unions) sollen mit Finanzmit­teln in Höhe von jeweils 10 Mio. Rs ausgestattet werden (Self-Sufficiency Scheme) und erweiterte Entschei­dungsbefugnisse erhalten. Das Wirtschaftswachtum in Tamil Nadu soll durch die Förderung von exportorientierter und arbeitsintensiver Groß-, Mittel- und Kleinindustrie gefördert werden, der Energiesektor soll durch die Errichtung von Wärmekraftwerken, der Förderung von Solarenergie und dem Bau eines Wellenkraft­werkes stark ausgeweitet werden. Außerdem verspricht die AIADMK alles zu unterneh­men „ to bring down the prices and to keep the same under check “ und „ Total prohibition will be strictly enforced by the Govern­ment “.

Im Anschluß an die einzelnen Punkte bekennt sich die AIADMK zu Sozialer Gerechtig­keit, für eine korruptionsfreie Verwaltung und zu Frieden und Normalität und bittet die Wähler­schaft „ in order to establish a Government headed by the Torch bearer of the down-trodden, Puratchithalaivi J. Jayalalitha, please vote for ourTwo-Leavessymbol and the `Hand' symbol of the Congress-I “ (AIADMK 1991).

Nachfolgend soll an zentralen Bereichen versucht werden, eine Bilanz der bisherigen Re­gie­rungszeit der AIADMK vorzulegen. Die Bereiche, die dabei angesprochen werden, sind sol­che, die vom Autor am wesentlichsten für das Leben von Armutsgruppen angesehen werden; es sind vor allem die Bereiche, die von befragten Personen immer wieder genannt wurden, sobald die Sprache auf politische, wirtschaftliche und soziale Themen kam. Als am wichtig­sten wurde dabei die Entwicklung der Lebenshaltungskosten von der Mehrzahl der befragten Personen angesehen, gefolgt vom energischen Einsatz gegen Korruption und Günstlingswirtschaft. Unter der weiblichen Bevölkerung wurde die Ankündigung der Pro­hibition als wichti­ges Aufgabenfeld der zukünftigen Regierung angesehen.

10.3.3.1 Charakterisierung der AIADMK-Regierung in Tamil Nadu

Es ist schwer, nach dem Juni 1991 überhaupt von einer AIADMK-Regierung in Tamil Nadu zu sprechen, denn im Grunde wird seitdem die politische Macht von einer einzigen Person wahrge­nommen, der Ministerpräsidentin Jayalalitha. Durch ihren überwältigenden Wahlsieg1 braucht sie keinerlei Opposition im Landesparlament zu fürchten, und in ihrer eigenen Partei wird sie als „Göttin“ verehrt. Da sie darüberhin­aus schon sehr bald nach ihrer Regierungsübernahme damit begonnen hatte, die Partei von kritischen Stimmen „zu säubern“, ist auch aus den eigenen Partei­reihen kaum noch Kritik zu erwarten.

Innerhalb ihrer Wählerschaft kam es jedoch schon sehr bald nach ihrem Regierungsantritt zu einem Stimmungswandel. Ihr Anliegen im Wahlprogramm war es gewesen, Tamil Nadu zu einem Modell für andere Bundesstaaten in Indien zu machen. Dazu vermerken Kommenta­toren:

„If Tamil Nadu is now a “model“ for other states to emulate, then the model is by way a negative, quirky and anti-democratic example“ (Subramanian/Sridhar 1992:5).

Von Beobachtern der Politik in Tamil Nadu wird der größte Erfolg der AIADMK-Regierung in der Beschränkung der LTTE-Aktivitäten gesehen. Kaum hatte die AIADMK die Regie­rungsgeschäfte übernommen, wurde die LTTE in Tamil Nadu verbo­ten und die Militär- und Polizeipräsenz in den südlichen Küstenbereichen erheblich aus­geweitet.

Das in diesem Zusammenhang zum ersten Mal in Tamil Nadu angewendete indische Anti-Terrorgesetz (Terrorist and Disruptive Activities (Prevention) Act) diente freilich häufig auch dazu, Oppositionelle in Tamil Nadu (hauptsächlich führende Repräsentanten der frü­heren DMK-Regierung) zu verfolgen (Sankar 1992:118). Andere Gesetze wurden ebenfalls zur Verfolgung einer kritischen Opposition aus alten Schubladen ausgegraben, so z.B. der Sedi­tious Meetings <Prevention> Act von 1911 und der Unlawful Activities <Prevention> Act von 1967 (Subramanian/Sridhar 1992:9). Unter Bezugnahme auf diese Gesetze wurden z.B. im April 1992 Demonstranten inhaftiert, die ihren Unmut gegen steigende Preise und die Entscheidung der Regierung Rao, beim IMF einen Kredit aufzunehmen äußerten.

Weitere Gesetze, um die immer deutlicher werdende Kritik an der AIADMK-Regierung zu unterdrücken, wurden vom Landesparlament neu verabschiedet. So etwa der Tamil Nadu Public Property <Prevention of Damage and Loss> Act, durch den Parteien und andere Or­ganisationen für Schäden, die im Zusammenhang mit Demonstrationen an öffentlichem und privatem Eigentum entstehen, regreßpflichtig gemacht werden. Dieses Gesetz

„[...] enables a ruling party to plant its agents provocateurs inside Opposition rallies, trigger acts of van­dal­ism or violence, then sit back to enjoy the spectacle of the rival party being made to foot the bill“ (Subramanian/Sridhar 1992:9).

Um die Informationsarbeit der Opposition zu behindern, wurde auch ein Gesetz erlassen, welches das Plakatieren in Madras unter Strafe stellt (Tamil Nadu Open Spaces <Prevention of Disfigurement> Act). Gleichzeitig wurde die erheblich eingeschränkt, etwa dadurch, daß Büros einiger Oppositionszeitungen von AIADMK-Anhängern überfallen und zerstört wurden oder daß Redakteure, in deren Zeitschriften regierungskritische Arti­kel erschienen waren, inhaftiert wurden.1

„Jayalalitha says the press should be treated as an effective opposition in the absence of real opposi­tion in the Assembly. But she is treating the press in the same way as she treats the opposition - with intimidation“ (India Today 11.5.1992:39).

Die Behinderung der Presse in Tamil Nadu ist auch deshalb als sehr schwerwiegend zu be­zeichnen, da wie gesagt eine parlamentarische Opposition weitgehend fehlt und dadurch eine Kontrolle der Regierung praktisch nur unter erschwerten Umständen stattfinden kann. An anderer Stelle wurde bereits darauf hingewiesen, daß die indische Presse häufig eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung sozialer Probleme spielte. So fungiert sie z.B. als eine Art „Frühwarnsystem“ bei Ernährungskrisen, deckt aber auch häufig auch andere gesellschaftliche Defizite auf. Indem die AIADMK-Regierung versuchte, die Presse mundtod zu machen, versuchte sie auch diese letzte gesellschaftliche Kontrollinstanz zu beseitigen, was ihr jedoch nicht gelang. Auch in den kommenden Monaten berichtet die Presse äußerst kritisch über die Regierung Jayalalitha.

So hat der organisierte Schwarzhandel mit Alkoholika durch die Schließung der staatlich li­zenzierten Alkoholausgabestellen (cheap liquor shops) einen beträchtlichen Aufschwung er­lebt, bei dem die Polizei (scheinbar !?) nur hilflos zusehen kann. Das tut sie offensicht­lich auch bei einer ganzen Reihe anderer Verbrechen, die in ganz Indien für Schlagzei­len gesorgt haben. Etwa das Säureattentat auf Mrs. V. Chandralekha, die ehemalige Vor­sitzende der Tamil Nadu Industrial Development Corporation (TIDCO), bei dem die Poli­zei zwar drei der Täter verhaftete, sie aber bald wieder aus dem Gefängnis entließ. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß die AIADMK-Regierung Drahtzieher für dieses Attentat war (Subramanian 1995).2

Oder der Fall der 25-jährigen Padmini und ihrem Ehemann Nandagopal, der im Juni 1992 wegen eines Diebstahls vier Tage lang von der Polizei mißhandelt worden war und an den Folgen starb. Padmini wurde ebenfalls drei Tage lang auf der Polizeistation festgehalten und von Polizisten in Gegenwart ihres Ehemanns mehrfach vergewaltigt (Amnesty International 1993:191). Von der Regierung in Madras wurde dieser Fall als bedeu­tungslos heruntergespielt und erst auf Druck der CPI(M) und einiger Frauenorganisationen konnte er­reicht werden, daß die Schuldigen verhaftet und eine Untersuchung der Vorfälle eingeleitet wurde. Im November 1994 wurde der Bericht der staatlichen Untersuchungs­kommission vor­gelegt. Danach beging Padminis Ehemann im Gefängnis Selbstmord (Frontline, 02.12.1994:134.

Oder die Vorfälle in einem Dorf von Stammesangehörigen im Dharmapuri-Distrikt, das im Juni 1992 von etwa 400 Polizisten und Bediensteten der Forst- und Steuerbehörde auf ihrer Suche nach Sandelholzschmugglern heimgesucht worden war. Dabei wurde die gesamte Dorfbevölke­rung verhaftet, mindestens 18 junge Frauen vergewaltigt und alle Häuser im Dorf niedergebrannt. Die Opfer dieses brutalen staatlichen Überfalls wurden von der Re­gierung weder für ihre Verluste entschädigt noch wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, um die Vorfälle aufzuklären und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Vermutet wird, daß durch diese Aktion die Verwicklung der Forstbehörden und Politikern in den Schmuggel von Sandelholz verdeckt werden sollte (Subramanian/Sridhar 1992:13). Fast drei Jahre nach diesem Vorfall wurde dann doch das Central Bureau of Investigation (CBI) damit beauftragt, den Polizeiexzess zu un­tersuchen (Frontline 24.3.1995: 133).

Diese wenigen Beispiele mögen verdeutlichen, wie ernst die Regierung die Aussagen ihres Wahl­programms nimmt, in dem die Wahrung bestimmter Grundrechte zum Hauptanliegen der Politik erklärt wird. Nach 1993 bildete sich um den Präsidenten der Janata Dal, Subramanian Swamy, eine Gruppe von Oppositionspolitiker verschiedener Parteien, die eine Amtsenthebung von Mini­sterpräsidentin Jayalalitha anstreben. Anfang April 1995 billigte Governeur Channa Reddy einem Strafverfolgungsverfahren gegen Jayalalitha zu, da sich die Korruptions- und Verbrechensvor­würfe gegen sie immer weiter verdichteten (Venkatesan 1995). DMK und die Congress-Par­tei forderten den sofortigen Rücktritt Jayalalithas.

Am 15. April 1995 überreichte DMK-Präsident Karunanidhi dem Governeur ein Dossier, in dem 28 Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsidentin Jayalalitha dokumentiert werden. Insgesamt sollen dabei Schmiergelder in Höhe von 10 Mrd. Rs gezahlt worden sein (Viswanathan 1995: 4).

10.3.3.2 Industriepolitik in Tamil Nadu nach 1991

Im Wahlkampf war die AIADMK mit der Absicht angetreten, Tamil Nadu zu einem industriell führenden Bundesstaat in Indien zu machen. So traf sich in den ersten Monaten nach dem Regierungsantritt Ministerpräsidentin J. Jayalalitha, die gleichzeitig auch das Iindustrieressort leitet, mehrmals mit führenden Industriellen, ohne daß dabei jedoch konkrete Investitionsmaßnahmen beschlossen wurden. Von Seiten der Industrie wurde bemängelt, daß der Entscheidungsfindungsprozeß innerhalb der Regierung zu lange dauere, was zu­sätzlich dadurch verstärkt wurde, daß in den ersten neun Monaten ihrer Amtszeit vier ver­schiedene Staatssekretäre für Industriefragen zuständig waren (India Today 11.05.1992:37). Die eigens für die Industrieentwicklung eingerichteten Institutionen (Tamil Nadu Corporation for Industrial Infrastructure Development (TACID ); Industrial Guidance and Export Promotion Bureau (IGEPB) wurden mit so geringen Mitteln ausge­stattet, daß eine effektive Arbeit kaum möglich war.

Investitionen der Zentralregierungen konnte die Landesregierung von Tamil Nadu bis auf eine einzige Ausnahme nicht erhalten. Das einzige nationale Großprojekt, das die Regie­rung ins Land holen konnte, war ein Chemieunternehmen, das in der Nähe von Madras errichtet werden soll. Viele andere Investoren, die Bereitschaft gezeigt hatten, in Tamil Nadu Unternehmen zu errich­ten, änderten ihre Pläne und wichen auf andere Bundesstaaten aus (Subramanian/Sridhar 1992).

So wird der Regierung in Zusammenhang mit der Genehmigung von Industrieprojekten Kor­ruption und Günstlingswirtschaft vorgeworfen. Als sie sich z.B. dazu entschloß die von ihr über die Tamil Nadu Industries Corporation (TIDCO) gehaltenen Anteile an der Southern Petrochemical Industries Corporation (SPIC) von 26 Prozent auf 15 Prozent zu reduzieren, wurden diese Anteile nicht etwa an der Börse angeboten, sondern zu einem „Vorzugspreis“ direkt an die SPIC verkauft, wobei der Regierung ein Verlust von etwa 540 Mill. Rs. entstand (Subramanian 1992:117).

Ähnlich verlief es bei der staatseigenen Empee Distilleries, die erheblich unter ihrem Wert an einen privaten Unternehmer verkauft wurde, ohne daß zuvor verschiedene Angebote einge­holt worden waren. Großes Aufsehen erregte auch der Verkauf von staatseigenen Grundstüc­ken an die Jaya Publications (Private) Limited. Abgesehen davon, daß das Land entgegen einem geschätzten Wert von 40 Mill. Rs für 18 Mill. Rs verkauft worden war, verstieß der Verkauf auch gegen die Vorschrift, daß Minister während ihrer Amtszeit kein Staatseigentum erwerben dürfen; die Jaya Publications (Private) Limited befindet sich jedoch zum größten Teil im Besitz der Ministerpräsidentin von Tamil Nadu, Mrs. J. Ja­yalalitha (Subramanian 1992:116). Ein Investitionsvorhaben in einer Größenordnung von 900 Mill. Rs. soll deshalb nicht zu­stande gekommen sein, weil es versäumt worden war, ein Schmiergeld von 10 Mio. Rs. zu bezahlen und deshalb die notwendige Zuweisung von Iindustrieflächen auf höchster Regie­rungsebene blockiert wurde (Subramanian/Sridhar 1992).

10.3.3.3 Staatliche Preispolitik in Tamil Nadu unter der AIADMK

Noch im Frühjahr 1991 hatte die AIADMK in ihrem Wahlprogramm angekündigt, daß sie - im Falle eines Wahlsieges - dafür sorgen werde, das PDS neu or­ganisieren und effektiver gestalten werde, sowie alles in ihrer Macht stehende zu unter­nehmen, um die Lebens­haltungskosten erheblich zu senken. Ähnliche Wahlaussagen sind uns von der Congress-Partei auf nationaler Ebene bekannt1 und wie auch dort hat die neue Regierung von Tamil Nadu nicht viel Zeit verstreichen lassen, um schließlich genau das Gegenteil zu tun. Auf die steigenden Nahrungsmittelpreise in den Fair-Price-Shops und der Unfähigkeit der Zentral- und Landesregierung, bestimmte Gruppen vom Bezug sub­ventionierter Lebensmittel auszuschließen, wurde bereits im Kapitel über das PDS e ingegangen.

Tab. 24: Entwicklung der Reispreise in den Fair Price Shops Tamil Nadus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am 1. September 1991 verkündete die Regierung von Tamil Nadu eine Preiserhöhung für Reis in den staatlichen Verkaufsstellen um 40 Paisa je kg. Bereits nach zwei Tagen nahm die Regierung - aufgrund heftiger Proteste aus der Bevölke­rung - diese Preiserhöhung vollständig zurück (The Hindu 4.9.1991). Im Januar 1992 folgte dann ein weiterer Versuch, die von der Zentralregierung beschlos­sene Erhöhungen des Issue Price an die Konsumenten weiterzugeben. Die Finanzen Tamil Nadus ließen es nicht zu, die bisher bestehenden Preise zu halten, da dadurch ein zusätzli­ches jährliches Defizit von 5 Mrd. Rs. entstehen würde. Mit sofortiger Wirkung wurde deshalb der Preis für Reis um eine Rs je kg angehoben. Bereits am folgenden Tag wurde den Konsumenten mitgeteilt, daß auch der Preis für Milch, die über das landeseigene Milchvermark­tungsunternehmen bezogen wird, um eine Rupie je Liter angehoben wird. Hier konnten Konsu­mentenproteste jedoch erreichen, daß die angekündigte Preiserhöhung nicht umgesetzt wurde; die Erhöhung des Reispreises in den staatlichen Verkaufsstellen konnte jedoch nicht verhindert werden. Trotz heftiger Proteste aus der Bevölkerung und starker Kritik der Regierung durch die Op­positionsparteien, beharrte die Regierung auf der verkündeten Preiserhöhung. Mehr noch: Kurz darauf unternahm sie erstmals den Versuch, bestimmte Bevölkerungskreise vom Bezug subven­tionierter Nahrungsmittel auszuschlie­ßen. Da die Kosten für die Regierung dadurch gesunken wären, bot sie gleichzeitig eine Reduzierung der Reispreise in den Fair Price Shops um 50 Paisa/kg an (The Hindu 22.4.1992). Auch wenn diese Preissenkung allgemein begrüßt wurde, stieß die Koppelung an eine Ausgrenzung bestimmter Konsumentengruppen aus dem PDS auf heftigen Protest aus der Bevölkerung. Die Einführung einer Zugangsbeschränkung zum PDS mußte von der Regierung aus diesem Grund innerhalb von 24 Stunden zurückgenommen werden. Die Preissenkung selbst trat mit Wirkung vom 1. Mai 1992 dennoch in Kraft, was für den Haus­halt von Tamil Nadu eine zusätzliche Belastung von 3,4 Mrd. Rs. bedeutete.

Alle Versuche, den Berechtigtenkreis für Bezieher von Reis aus den staatlichen Verkaufs­stellen einzugrenzen, sind also gescheitert. Auch die angekündigten Preiserhöhungen konn­ten nur in einem viel geringerem Umfang durchgesetzt werden, als dies notwendig gewesen war, um die Preiserhöhungen der Zentralregierung auszugleichen. Parallel zu den Reispreisen in den Fair Price Shops stiegen aber auch die auf dem freien Markt. Die Preise für alle Reissor­ten waren im Oktober 1991 zwischen 20 und 25 Prozent höher als im Monat zuvor (The Hindu 27.10.1991). Die Gründe für diesen Preissprung waren vielfäl­tig. Zum Einem scheint ein enger Zusam­menhang zwischen dem Preisniveau in den Fair Price Shops und dem Marktpreis für Reis zu bestehen. Der Anstieg der Preise im PDS im September 1991 hatte unverzüglich auch die Reispreise der privaten Händler ansteigen lassen. Als die Regierung von Tamil Nadu vier Tage später die Preisanhebung zurück­nahm, sanken die freien Markt­preise zwar eben­falls, gingen jedoch nicht wieder ganz auf das alte Niveau zurück. Die Preis­steigerungen um bis zu 25 Prozent können so allerdings nicht erklärt werden. Hinzu kam, daß Reisliefe­rungen nach Madras in diesen Monaten stark zurückgingen.

„Wholesalers say the arrival of lorry loads from Andhra Pradesh has come down from 250 to 300 a day to 100 to 125. [...] The dwindling flow into Tamil Nadu is attributed to Andhra Pradesh sending abroad rice in large quantaties“ (The Hindu 27.10.1991).

Trotz dieser gespannten Lage auf dem Reismarkt, versuchte die Regierung von Tamil Nadu weiterhin, das Public Distribution System zu reformieren. So wurden die Zuteilungs­quoten für die einzelnen Verkaufsstellen verringert, was dazu führte, daß viele Produkte nicht in aus­reichender Menge vorhanden waren, um alle Konsumenten versorgen zu können. Zu dieser „Unterversorgung“ der Verkaufsstellen gesellte sich die Reduzierung der Reisquote von 20 kg pro Haushalt und Monat auf 12 kg. Anstelle rei­chere Konsumenten ganz aus dem System aus­zugrenzen, wurden also die Rationen für alle Gruppen um 40 Prozent reduziert. Auch wurde nur noch Reis minderer Qualität in den Verkaufsstellen angeboten. Gerade diese letze Maß­nahme diente offensichtlich dazu, Kon­sumenten aus der Mittelschicht zum „freiwilligen“ Verzicht auf ihre Ration zu bewegen und ihren Bedarf auf dem freien Markt zu decken. Durch die Reduzierung der Reisquote sind jedoch auch die Konsumenten aus den einkom­mensschwachen Haushalten immer stärker auf den freien Markt angewiesen und sorgen da­für, daß dort die Preise zusätzlich unter Druck geraten.

Ende Januar 1993 wurde der Reispreis dann um 75 Paisa/kg heraufgesetzt. Trotz heftiger, zum Teil gewaltätiger Proteste, blieb die Regierung bei dieser Entscheidung. Die im Ja­nuar 1992 angestrebte Erhöhung der Milchpreise der landeseigenen Molkerei Aavin konnte - wie erwähnt - von den Konsumenten abgewendet werden (The Hindu 25.01.1992). Trotz dieser mißlungenen Preiserhöhung gewährte Aavin ab März 1992 den Milchprodu­zenten einen von 67,15 Rs/kg Fett auf 90 Rs/kg Fett erhöhten Produ­zentenpreis.

Nahrungsmittel außerhalb staatlicher Preiskontrollen stiegen sehr stark an. Auch hier trat der stärksten Anstieg zwischen September und Oktober 1991 ein. So erhöhte sich in dieser Zeit der Preis für ein Liter Erdnußöl von 35 Rs auf 42 Rs um 20 Prozent, der Preis für ein kg But­ter von 65 Rs auf 70 Rs um knapp 8 Prozent. Stark in die Höhe gingen auch die Preise für Hülsenfrüchte, die einen wichtigen Betrag für die Proteinversorgung von Grup­pen leisten, die sich nicht regelmäßig Fleisch oder Fisch leisten können. So stiegen die Preise für Linsen inner halb einer Woche von 11 Rs/kg auf 18,5 Rs/kg um fast 70 Prozent (The Hindu 27.10.1991).

Deutliche Preissteigerungen waren auch im Energiebereich zu verzeichnen. Bereits im Herbst/Winter 1990 wurde von der Zentralregierung Rationierungsmaßnahmen für fossile Brenn­stoffe eingeführt. Damit sollte verhindert werden, daß eine erschwerte Versorgung mit Öl ange­sichts des sich abzeich­nenden Golfkrieges die Wirtschaft des Landes schwer in Mitleidenschaft ziehen könnte. Anfang November 1990 kürzte die Zentralregierung die Ölzuteilung an die Bun­desländer um zehn Prozent. In Tamil Nadu wurde daraufhin der Betrieb einzelner staatlicher Trans­portgesellschaften stark eingeschränkt und einzelne Routen sogar (vorübergehend) voll­ständig geschlossen. Gleichzeitg wurden die Busfahrer zu einer energiesparenden Fahr­weise auf­gerufen und ein Tempolimit von 65 km/Stunde eingeführt. (The Hindu 13.11.1990). Gegen­über dem Vorjahr sollte eine Reduzierung des Verbrauchs um 20 Prozent erreicht werden. Mitte Januar 1991 wurde auch die Treibstoffzuteilung an die staatlichen Fluggesellschaf­ten um 25 Prozent gekürzt (The Hindu 19.01.1991). Zu diesem Zeitpunkt reichten die indischen Ölreserven gerade aus, um den Verbrauch von 40 Tagen zu gewährleisten (The Hindu 21.01.1991). Eben­falls stark eingeschränkt wurden die Dieselzuteilungen für die Fischerboote im Hafen von Madras (The Hindu 28.12.1990).

Für private Verbraucher wurden ebenfalls Rationierungen für Treibstoffe eingeführt. Die Maßnahmen für den privaten Sektor führten über Wochen hinweg zu endlosen Auto­schlangen vor Tankstellen. Einige privaten Schulen mußten auch die Betrieb ihrer Schul­busse einstellen (The Hindu 24.11.1990). Für Armutsgruppen machte sich aber vor al­lem der Mangel an Kerosin bemerkbar, der gleichzeitig auch zu einer erhöhten Nachfrage nach Feuerholz führte, das etwa 25 Prozent teurer wurde, zumal die Versorgung in Madras noch nicht einmal den gewohnten Umfang erreichten.

„The price increase for firewood is mainly due to ist low inflow into city merket following the recent rain. Against the normal daily arrival of 150 lorries, as of now, only about 50 to 60 lorries loaded with firewood are coming“ (The Hindu 18.11.1990).

Mit dem Ende des Golf-Krieges normalisierten sich die Preise für fossible Brennstoffe und Feuerholz wieder, zumal auch die Rationierungen aufgegeben wurde, was auch den inzwi­schen endstandenen Schwarzhandel mit Diesel und Kerosin zurückgehen ließ.

Im Oktober 1991 beschloß die Regierung auch eine Erhöhung der Busfahrpreise um 16 bzw. 19 Prozent in ganz Tamil Nadu und von 40 Prozent in Madras, was zu tagelangen gewalttägi­gen Ausschreitungen von Studenten in mehreren Städten führte, weil im Zuge dieser Preis­erhöhungen auch die studentischen Monatsfahrkarten erheblich teurer wurden.

Auch wenn etwa zwei Wochen nach Beginn dieser Ausschreitungen der Transportminister Tamil Nadus eine Rücknahme dieser Entscheidung ausschloß, allein schon deswegen, weil diese Preis­erhöhung dringend notwendig sei, um die bei den Ausschreitung zerstörten Busse der Staatsun­ternehmen zu ersetzten, entschied die Ministerpräsidentin Jayalalitha kurz darauf, die Fahrpreis­erhöhungen teilweise zurückzunehmen.1

Tab. 25: Die Erhöhung der Busfahrpreise im Oktober 1991

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schon vor dieser Preiserhöhung hatte die Weltbank die Tarifstruktur im öf­fentlichen Nahver­kehr von Madras kritisiert. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Verhandlungen mit der Weltbank über einen Kredit zur Anschaffung von 500 Bussen für die landeseigene Pallavan Trans­port Corpora­tion die Entscheidung zur Erhöhung der Bustarife beeinflußt haben, auch wenn dies von offiziel­len Stellen (halbherzig) dementiert wurde (The Hindu 12.10.1991). Anfang Januar 1992 wurden von der Zentralregierung die Preise für Benzin, Diesel, Kero­sin und Gas für Kochzwecke um etwa 4 Prozent angehoben (The Hindu 02.01.1992). Wie bei den mei­sten Preiserhöhun­gen, die bislang erwähnt wurden, wurde dies Maßnahme der Öffentlichkeit erst unmittel­bar vor ihrem Inkrafttreten mitgeteilt. Im Februar 1994 stiegen in Madras die Benzin­preise abermals um fast 9 Prozent und die Dieselpreise um über 16 Prozent (The Hindu 2.2.1994).

Tab. 26: Anhebung der Stromtarife im September 1991 und März 1993

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bereits Anfang September 1991 waren die Stromtarife stark angehoben worden. Drei Gründe waren es, weshalb das landeseigene Tamil Nadu Electricity Board immer tiefer in die roten Zahlen geriet. Erstens waren die Kosten für Steinkohle von der Zentralregierung stark ange­hoben worden. Zweitens kam hinzu, daß die Transportkosten für Kohle eben­falls stark ange­stiegen waren. Tamil Nadu besitzt zwar große Vorkommen an Braunkohle, die installierten Kraftwerkskapazitäten reichen jedoch bei weitem nicht aus, um damit die benötigte Energie zu produzieren (Tamil Arasu, April 1992). Drittens hatten die Energiesubventionen für die Landwirtschaft das landeseigene Energieversorgungsunter­nehmen stark verschuldet.

„ [...] the scheme of free supply of electricity to all farmers involves an actual annual loss of Rs. 560 crores (= 5,6 Mrd. Rs, d. Verf.)1. This loss is partly compensated by the Government. The Budget provides for compensation of Rs. 350 crores. In addition the Government has to waive annually the interest due from the Tamil Nadu Electricity Board to the extent of about Rs. 100 crores“ (Tamil Arasu, April 1991: 17).

Um so überraschender ist es, daß mit der Erhöhung der Strompreise im September 1991 den Landwirten weitere Zugeständnisse gemacht wurden.

„The agricultural sector [...] shall be totally exempt from any charge (now, for other than small farm­ers, a lumpsum of Rs. 50 per horse power a year was charged for contracted load up to 5 HP and Rs. 75 for load bove that)“ (The Hindu 31.8.1991).

Trotz der Preiserhöhungen für Strom sind die Preise für die privaten Verbraucher nach wie vor am niedrigsten und auch keinesfalls kostendeckend. Nach Regierungsangaben betru­gen im Wirtschaftsjahr 1992/93 die Produktionskosten pro Einheit 1,62 Rs (Tamil Arasu April 1993: 16). Demnach wurde praktisch für alle Ver­braucher eine Subvention bezahlt. Da die Verluste des Tamil Nadu Electricity Boards durch die Strompreiserhöhung vom Septem­ber 1991 nicht verringert werden konnte, stand für den März 1993 eine weitere Erhöhung ins Haus. Lediglich für Kleinverbraucher, d.h. private Verbraucher mit we­niger als 50 Einheiten im zweimonatlichen Abrechnungszeit­raum, gingen die Preise durch Veränderungen in der Preisstruktur sogar zurück. Bemer­kenswert an der Preisstruktur ist auch, daß mit zunehmendem Stromverbrauch die Kosten pro Einheit ansteigen.

10.3.3.4 Preissteigerungen durch politische Unruhen

Während des Untersuchungszeitraums kam es in Tamil Nadu wiederholt zu politischen Un­ruhen, die auch die Nahrungsmittelversorgung beeinträchtigte und zu deutlichen Preissteigerungen führten. Nachfolgend wird die Preisentwicklung für Frischgemüse an­hand von drei politischen Ereignissen untersucht, die zwischen Januar 1991 und Januar 1992 statt­fanden. Von Preissteigerung hauptsächlich betroffen war Gemüse deshalb, weil die Versor­gung Madras zum überwiegenden Teil aus den Bergregionen Tamil Nadus und benachbarter Bundesländer (vor allem Karnataka) gewährleistet wird. Politische Unruhen können die Tranporte (zeitweise) lahmlegen und in Madras zu einer Gemüseknappheit füh­ren, zumal die wichtigsten Gemüsesorten nur kurz gelagert werden können.

Drei Ereignisse wurden unter dem Gesichtspunkt ihrer Auswirkungen auf die Preisent­wick­lung für Gemüse näher analysiert: (a) die am 30. Januar 1991 erfolgte Absetzung der Landes­regierung von Tamil Nadu durch die Zentralregierung. Bereits im Vorfeld davon war es am 28.Januar 1991 in ganz Tamil Nadu zu einem Generalstreik ge­kommen, zu dem die AIADMK und die Congress-Partei aufgerufen hatten und der für ei­nen Tag das wirtschaftliche Leben Tamil Nadus vollständig lahmlegte. Nach der Abset­zung der Landesregierung riefen die DMK und andere Parteien ihrerseits für den 6. Februar 1991 zu einem Generalstreik auf; (b) die Ermoderung von Rajiv Gandhi Mitte Mai 1991 nahe Madras und (c) die Ausschreitungen in Bangalore und der Grenze zwischen Tamil Nadu und Karnataka, die im Dezember 1991 drei Wochen lang die Handelsströme zwi­schen beiden Bundesstaaten zum Erliegen brachten.

(a) Sowohl der Generalstreik vom 28. Januar 1991 als auch der vom 6. Februar 1991 hatten Auswirkungen auf die Gemüsepreise in Madras, die allerdings deutlich unter den Steige­rungen blieben, die an den beiden anderen Ereignissen festge­stellt werden konnten. In beiden Fällen kam das wirtschaftliche Leben der südindischen Metropole vollkommen zum Stillstand, d.h. in dieser Zeit wurden auch keine Nahrungsmittellieferungen nach Madras durchgeführt und alle Märkte der Metropole blie­ben geschlossen.

„Trucks and lorries did not ply. The arrivals at Kothwal market was only 10 per cent of the normal as a ma­jority of goods transporters preferred not to ply their vehicles fearing detention en route“ (The Hindu 29.01.1991).

Abb. 4 zeigt, daß sich dies auf die Entwicklung der Gemüsepreise auswirkte. Die durchschnittlichen Kilopreise für sieben verschiedenen Gemüsesorten (Auvergine; Blu­menkohl, Kartoffeln, Tomaten (hybrid), Tomaten (lokal), Weißkohl und Zwiebeln) sind vor allem nach dem 30.Januar deutlich an­gestiegen und waren am 3. Februar um ca. 30 Prozent höher als am 29. Januar bzw. um 8 Prozent höher als am 27. Januar. Überrea­schend ist jedoch, daß nach dem Streik vom 28. Januar die Ge­müsepreise sogar deutlich zurückgegangen waren und am 29. Januar sogar am niedrigsten der ge­samten Periode waren. Nach Auskunft von Mitarbeitern des National Horticultural Boards hatten sich die Großhändler in Madras auf den Generalstreik vom 28. Januar eingestellt. Da erwar­tet wor­den war, daß durch den Streik politische Unruhen ausbrechen könnten, waren vor dem Streik von den Großhändlern sogar zusätzliche Gemüseliefe­rungen nach Madras getätigt worden.

Abb. 4: Entwicklung der Gemüsepreise zwischen dem 25.01. und 09.02.1991

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit der Absetzung der Regierung brachen überall in Tamil Nadu Unruhen aus. Der Gü­tertransport kam weitgehend zum Erliegen, zwei Güterzüge aus Andhra Pradesh, die Nahrungsmittel transportierten wurden aufgehalten (The Hindu 01.02.1991). Ein Zug, der Nahrungsmittel aus dem Süden Tamil Nadus nach Madras bringen sollte, wurde zum Ent­gleisen gebracht (The Hindu 07.02.1991). Der für den 06. 02 ange­kündigte nationaler Generalstreik wurde in ganz Tamil Nadu weitgehend eingehalten.

(b)Im Mai 1991 kam das wirtschaftliche Leben in Madras nach der Ermordung Rajiv Gandhis erneut für einige Tage zum Stillstand. Noch am Abend der Ermordung (21. Mai) kam es zu er­sten Ausschreitungen in der Stadt und an den nächsten Tagen hatten die Großmärkte und auch die meisten Einzelhandelsgeschäfte geschlossen. Anhänger unterschiedlicher Parteien pa­trouillierten durch die Straßen der Stadt und mehrere Läden, die geöffnet hatten, wurden zer­stört. Der Transport in die Stadt hinein kam ebenfalls zum Erliegen.

An den Einfallstraßen nach Madras wurden Busse und LKWs angezündet. Für den 23. und 24. Mai wurde von der Regierung der öffentliche Nahverkehr vorsorglich einge­stellt. Be­reits am Tag nach der Ermordung schossen die Gemüsepreis in die Höhe wie aus Abb. 5 ersichtlich ist. Am Tag der Ermordung Rajiv Gandhis hatten die durchschnittlichen Kilo­grammpreise für sechs Gemüse­sorten (Auvergine, Weißkohl, Okra, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten (hybrid) 4,33 Rs betragen. Sie waren damit deutlich unter dem Niveau vom Ja­nuar, was vor allem saisonalen Einflüssen, aber auch einer anhaltenden Dürre in Tamil Nadu und Andhra Pradesh zuzuschreiben ist.

„The trend of rising vegetable prices started soon after Pongal (tamilischer Feiertag im Januar, d. Verf.) in the wake of the Gulf War forcing an increase in the price of fuel. The explanation was that vegetable prices went up because of the increased transportation cost. This situation extented well into the summer months, when the usual water shortage in both Tamil Nadu and Andhra Pradesh be­lied any hope for a reversal of the trend. Then came the assassination of Rajiv Gandhi, leading to se­rious dislocation in the movement of vehicles affecting the arrival of vegetables to Madras from Kar­nataka, Andhra Pradesh and also from the neighbouring districts of Tamil Nadu. And the prices soared further“ (The Hindu 17.12.1991).

Abb. 5: Entwicklung der Gemüsepreise zwischen dem 20.05. und 05.06.1991

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Am 23. und 25.5., den beiden nach dem Attentat nächsten Öffnungstagen der Märkte, waren die Preise mit 9,5 Rs/kg mehr als doppelt so hoch. Auch zwei Wochen nach der Er­mordung lag das durchschnittliche Preisniveau noch etwa 56 Prozent über dem vom 21. Mai.

(c)Im Dezember 1991 führten politische Unruhen in Karnataka und Tamil Nadu ein weiteres Mal dazu, daß die Gemüsepreise in Madras in die Höhe gingen. Der Grund dafür waren Unruhen in Karnataka, die ausgebrochen waren, nachdem der oberste Gerichts­hof von Indien am 22. November im Streit um Nutzungsrechte des Cau­very-Flusses gegen Karnataka entschieden hatte.

Abb. 6: Entwicklung der Gemüsepreise vom 07.12.1991 bis 05.01.1992

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Vergleich der drei beschriebenen Ereignisse macht deutlich, daß die Effekte auf die Preisentwicklung von Gemüse in den einzelnen Fällen recht unterschiedlich war. Während den Ereignissen im Januar/Februar 1991 hielten sich die Preissteigerungen in Grenzen. Die beiden Streiks waren bereits Tage zuvor angekündigt, sowohl Konsumenten als auch Händler konnten sich darauf einrichten. Die Unruhen, die nach den 30. Januar ausgebro­chen waren, flachten schon bald wieder ab, so daß die Unterbrechung der Versorgung nur einige wenige Tage betrug und auch nicht vollständig war.

Die Ermordung Rajiv Gandhis kam jedoch vollkommen überraschend. Aufgrund der zu­nächst unvorhersehbaren Auswirkungen auf die öffentliche Ordnung wurden die wirtschaftlichen Aktivitäten auf ein Mindestmaß reduziert. Innerhalb eines einzigen Tages verdoppelten sich die Gemüsepreise und hielten sich auch noch auf einem überhöhten Ni­veau, als die unmittel­baren Unruhen bereits wieder abgeflaut waren.

Überraschend ist auch, daß - nach Auskunft des Reginalbüros des National Horticulture Bo­ards in Madras - die Großhandelspreise für Gemüse bereits eine Woche nach der Er­mordung Rajiv Gandhis wieder auf das Niveau vom 21. Mai zurückgegangen waren, während die Kon­sumentenpreise noch mehrere Wochen deutlich überhöht waren.

Die Unruhen im Dezember 1991/Januar 1992 wirkten sich auf eine phasenhafte Entwick­lung der Gemüsepreise aus. Zwischen dem 12.12. und 23.12., d.h. in der Zeit als sich die politi­schen Unruhen weitgehend auf städtische Gebiete in Bangalore beschränkten, hielten sich die Gemüsepreise auf einem Niveau, das etwa 30 Prozent über den durchschnittlichen Preisen vom 7. bis 11.12. gelegen hatte. Auf diesem Niveau hielten sich die Preise bis am 24.12. die Unruhen, die nun auf ländliche Gebiete übergesprungen waren, zu einer weiteren Verteue­rung führten. Zu diesem Zeitpunkt war - so Mitglieder des National Horticul­ture Boards - Tamil Nadu bereits seit einigen Tagen vollständig von Gemüselieferungen aus Karnataka abgeschnitten. Verschärft wurde die Situation, da Lieferungen aus anderen Regionen das De­fizit nicht ausgleichen konnten.

„The cyclonic storm that hit both coastal Tamil Nadu and Andhra Pradesh recently only added to the con­sumers' woes. Vegetable tracts were badly hit resulting heavy loss, said traders. The present agita­tion in Bangalore on the Cauvery water issue will only result in thew trend continuing till the end of the year. “What to do, vegetable arrivals from Bangalore have completely stopped,“ pleaded the trad­ers“ (THE HINDU 17.12.1991).

Nach dem 27.12. gingen die Preis in Madras langsam wieder zurück. Die Großhändler waren inzwischen auf alternative Bezugsquellen ausgewichen und die Lieferungen aus Karnataka hatten auch wieder aufgenommen werden können. Der am 2. Januar 1992 statt­gefundene Ge­neralstreik in Tamil Nadu selbst hatte kaum noch Auswirkungen auf die Gemüsepreise.

Diese kurze Beschreibung dreier Ereignisse im Jahr 1991 mag genügen, um zu verdeutlichen, wie anfällig eine Metropole wie Madras hinsichtlich seiner Nahrungsversorgung ist. Zum Teil auf Wochen hinaus waren die Gemüsepreise überdurchschnittlich hoch, obwohl die direkten Unruhen - vor allem im Mai/Juni 1991 erheblich kürzer waren. In diesem Fall war auch keineswegs die Produktion behindert, sondern lediglich der Transport nach Ma­dras. Es ist leicht vorstellbar, wel­che Folgen länger andauernde Unruhen hätten, die wo­möglich auch die Produktion von Nahrungsmitteln beeinträchtigen würde. Zunehmende politische Instabilitäten in Indien lassen es nicht vollkommen zu auszuschließen, daß sol­che Unruhen auch tatsächlich eintreten. In Tamil Nadu z.B. wäre z.B. mit bürgerkrieg­sähnlichen Zuständen zu rechnen, wenn der Konflikt um die amtierende Ministerpräsiden­tin Jayalalitha weiter eskaliert. Ein Attentat auf sie, aber auch eine Verurteilung wegen den gegen sie erhobenen Korruptionsvorwürfen, könnte die gespannte Situa­tion zum Explodie­ren bringen.

Die Zunahme einzelner Ereignisse, die auch in Tamil Nadu verstärkt zu politischen Unru­hen auf einer niedrigen Eskalationsebene führten, trugen - neben anderen Faktoren - dazu bei, daß die Nahrungsmittelpreise sich schon beinahe dauerhaft auf einem relativ hohem Noveau stabilisierten. Die traf zwar vor allem für die Gemüsepreise zu und kann sicherlich nicht ohne weiteres auf Reis, dem Stable Food der Tamilen übertragen werden. Da jedoch andere Fakto­ren (Erhöhung der Transportkosten; PDS; Reisexporte etc) auch bei diesem Nahrungsmittel zu beträchtlichen Preissteigerungen führte, verstärkten sich unterschiedli­che wirtschaftliche, politische, aber auch natürräumliche Faktoren gegenseitig und führten dazu, daß 1991 Nahrungsmittel generell überdurchschnittlich in ihrem Preis anstiegen.

Dies Entwicklung konnte auch in den Jahren 1992 - 1994 festgestellt werden. Auch im Wirt­schaftsjahr 1994/95 wurde in Indien eine Rekordernte erzielt:

„Farmers produced 186,35 million tonnes of foodgrains this year (1994/95) which is the highest ever so far and 4,23 million tonnes more than last year. The target for 1995-96 is set at 192 million ton­nes“ (The Hindu 05.04.1995)

Trotz dieser weiterhin erfreulichen Entwicklung der Nahrungsproduktion in Indien betrug die Inflationsrate im Wirtschaftsjahr 1994/95 erneut mehr als zehn Prozent und erneut waren es vor allem Nahrungsmittel, die überdurchschnittlich im Preis anstiegen (The Hindu 09.04.1995).

11 Das Leben in einem Fischerdorf -Methodische Überlegungen

Während die Feldforschung für die vorliegende Arbeit durchgeführt wurde, befand sich Indien in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Die vorausgegangenen Kapi­tel haben versucht, die Ursachen für diese Krisen herauszuarbeiten. Sie haben auch analy­siert, wie politische Entscheidungsträger auf diese Krisen reagierten. Die dabei vorge­schlagenen und zum Teil bereits durchgeführten Maßnahmen wurden unter dem Gesichts­punkt der Politi­schen Ökonomie betrachtet.

Ein wichtiges Ergebnis der bisherigen Untersuchung ist, daß diese Maßnahmen vor allem sol­chen gesellschaftlichen Gruppen nützen, die wirtschaftlich abgesichert sind. Je größer die po­litische und/ oder wirtschaftliche Macht ist, desto größer ist auch die Fähigkeit, den notwendig empfunde­nen Wandel so zu gestalten, daß Wohlstandsverluste verringert werden können. So gesehen han­delt es sich bei den analysierten Politiken tatsächlich um Anpassungen an ein sich änderndes wirtschaftliches und gesellschaftliches Umfeld, jedoch nicht um grundlegende Strukturveränderun­gen. Wenig Beachtung wurde bislang den Gruppen am unteren Ende des Mächtespektrums ge­schenkt. Hier wurde lediglich festgestellt, daß ihre Armut einerseits den relativen Wohl­stand an­derer Gruppen ermöglichte, gleich­zeitig aber auch die wirtschaftliche Entwicklung verhinderte, weil die Mehrheit der in Indien lebenden Menschen zu wenig Kauf­kraft hat. Von ihnen können kaum wirtschaftliche Impulse ausgehen.

Die folgenden Kapitel wenden sich nun der Mikroebene zu. Bevor allerdings die Ergeb­nisse der Feldforschung dargestellt und analysiert werden, sollen zunächst zur Methode und zum Verlauf der Feldforschung selbst einige klärende Worte geschrieben werden.

Eine Forschung in einer fremden Kultur ist mit mancherlei Schwierigkeiten ver­bunden, die sehr leicht das Forschungsergebnis dergestalt beeinflussen können, daß sich die Person des Forschen­den mit all ihren Urteilen und Vorurteilen zu sehr im Forschungser­gebnis widerspie­gelt, und letztlich nur ein Spiegelbild bereits vorhandener Denksche­mata produziert wird, die auf die unter­suchte Ge­sellschaft übertragen werden. Im Forschungsprozeß kommt es un­wei­gerlich zu Interak­tionen zwischen Indivi­duen, die unterschiedlichen Lebenswelten ange­hören und deshalb eine unterschiedliche Wahrnehmung und Interpretation der Realität haben. Was dem Forscher als au­ßerge­wöhnlich erscheinen mag, kann für einen An­gehörigen der unter­suchten Gesellschaft tägli­che Routine sein, die kaum erwähnenswert ist. Andererseits kann auch leicht die Situation entste­hen, in der dem Forscher wichtige Informationen übermittelt werden, dieser sie aber nicht in ihrer wahren Bedeutung verstehen kann, weil er Außenstehn­der ist und dies während des gesamten Forschungsprozesses auch bleiben wird. Der unter­schiedliche sozio-kulturelle Hintergrund und unterschiedlich gelagerte Interessen der Akteure lassen es niemals zu auszuschließen, daß Infor­mationen selektiv bzw. falsch wahrgenommen bzw. weitergegeben werden. Um dennoch die Aussagekraft des vorgelegten Materials eini­germaßen transparent zu ma­chen, gilt es, den For­schungsverlauf und die eingesetzten Methoden offenzulegen, sowie eine Bewertung der erho­benen Daten vorzunehmen.

In der Regel kennen sich Forscher und beforschte Personen vor Aufnahme der Feldarbeit nicht. Die Tatsache, daß während der Forschung der Forscher eher Subjekt und die er­forschte Gruppe eher Ob­jekt der Arbeit ist, ist kaum ganz zu vermeiden, wohl aber zu reduzieren. Humanitäre und wissenschaftliche Gründe setzen dabei vor­aus, den beforschten Menschen bestimmte Rechte unwiderruflich und kompromißlos ein­zuräumen, um dieser einseitigen Situation zumindest stückweise gerecht zu werden. Diese Rechte umfassen den Persönlich­keitsschutz der befragten Perso­nen, ihr Recht, auf Fragen nicht antworten zu müssen, auch ihr Recht, falsche Angaben machen zu dürfen, wenn es in ihrem Interesse liegt. Ferner das Recht auf Schutz bzw. Ach­tung der In­timsphäre der jeweiligen Person, d.h. Fragen, die mit diesem Recht potentiell in Konflikt geraten könnten, dürfen erst gar nicht gestellt werden.

Zum zeitlichen Verlauf der Feldforschung

Erste Kontakte mit dem Leben der Fischer in Tamil Nadu erhielt der Autor im Herbst 1988 während eines viermonatigen Aufenthalts in SüdIndien. Zweck dieser Reise war, Kontakte zu mehreren nichtstaatlichen Entwicklungsorganisatio­nen aufzunehmen, um anschließend zu entscheiden, welche dieser Or­ganisationen sowohl von ihrer konkreten Arbeit als auch be­züglich ihrer Infra­struktur sich als Partnerin für eine spätere Feldforschung eignete.

Eine dieser Organisationen arbeitete etwa 20 km südlich von Madras mit Fischern zusammen. Durch ein „Pilotprojekt“, das von Brot für die Welt finanziert wurde, sollte her­ausgefunden werden, inwieweit sich traditionelle, aber inzwischen von den Fischern auf­gege­bene, Fisch­fangme­thoden wiederbeleben lassen (Weber 1989). Während eines weiteren For­schungs­aufenthaltes im Sommer/ Herbst 1989 wurden die Kontakte zu Or­gani­sationen in SüdIndien, die im Kleinfi­scherbereich arbei­ten, vertieft. In dieser Zeit ent­stand auch eine Magisterarbeit über die Auswir­kung von Mo­dernis­ierungsmaßnahmen in der Fi­scherei auf das Leben tradi­tioneller Kleinfischer in Tamil Nadu und Kerala (Schneider 1990). Während dieses zwei­ten Aufenthaltes traten immer größere Probleme in dem be­reits kurz erwähnten Fischereipro­jekt auf, die zu gewalttätigen Konflikten zwischen unter­schiedli­chen Fischergruppen in den Projektdörfern führten. Dies war dann der Grund, weshalb die Projektfinanzierung durch Brot für die Welt eingestellt wurde. Damit war die ur­sprüngliche Forsch­ungskonzeption ebenfalls hinfällig gewor­den, nach der der Projekt­verlauf verfolgt und Empfehlun­gen für eine Ent­wicklungskonzeption im Kleinfischerbe­reich SüdIndiens ausgear­beitet werden sollte.

Eine neuer Forschungsschwerpunkt rückte dadurch in den Vordergrund: geplant war nun, die Ur­sachen für das Scheitern des Projektes aus einer gesellschaftlichen Dynamik heraus zu er­klären. Es war zwar erkannt worden, daß durch das Projekt vielfältige gesellschaftliche Span­nungen ausgelöst wurden, das Verständnis der tatsächlichen Ursachen scheiterte jedoch daran, daß insgesamt zu wenig über das Lebensumfeld der Fischer, d.h. über ihre soziale und wirtschaftliche Organisation bekannt war. Dies sollte nun in der be­absichtigten Forschung nachgeholt werden. Damit rückte der anwendungsbezogene Aspekt der For­schung zugunsten der Grundlagenforschung deutlich in den Hintergrund. Die eigentliche Forschung wurde dann Anfang Oktober 1990 aufgenommen und zwar in Nochi­kuppam, einer Fischersiedlung inmitten der südindischen Metropole Madras, sowie in Chemmen­cherry Kuppam, einem Fischerdorf, das etwa 50 km südlich von Madras liegt, wobei die Erfahrungen aus dieser zweiten Fischersiedlung in die vorliegende Arbeit miteingeflossen sind, wenngleich auf die Analyse der dort erhobenen Daten verzichtet werden mußte.

Die Entscheidung für diese beiden Untersuchungsorte fiel nicht zufällig. In der neu ausgear­beiteten Forschungskonzeption nahmen die Auswirkungen gesellschaftlichen Wandels auf die Fischerge­meinschaft einen großen Stellenwert ein. Dieser Wandel wurde im regionalen Zen­trum als am größten vermutet. Als Kontast dazu wurde Chem­men­cherry Kuppam gewählt, das schon weit genug von Madras entfernt schien, so daß dort der städtische Einfluß geringer sein würde. In den ersten Monaten wurde die Feldfor­schung jedoch ausschließlich in Nochi­kuppam durchgeführt, nicht zuletzt deswegen, weil dieser Ort etwa 10 Mal größer als Chem­men­cherry Kuppam ist. Der Autor bezog eine Appartmentwoh­nung im Stadtteil Adayar, mit dem Bus etwa 15 Minuten süd­lich von Nochi­kuppam gele­gen. Überlegungen, in Nochikup­pam selbst zu wohnen, wurden relativ schnell ver­worfen. Dem unbestreitbaren Vorteil, dadurch quasi rund um die Uhr das Leben der Fischer ver­folgen zu können, standen Befürchtun­gen gegenüber, dadurch zu sehr in dörfliche Fraktionierungen einbezogen zu werden, bzw. selbst zu einem gewissen Unfrieden im Dorf beizutragen. In früheren Studien zu südindischen Fischerdör­fern wird diese Gefahr zuweilen angespro­chen.1

Die beabsichtigte Trennung zwischen Wohnort und Untersuchungsdorf konnte nicht voll­ständig durchgehalten werden. Am deutlichsten wird dies darin dokumen­tiert, daß von An­fang der Untersuchung an ein sehr enger Kontakt zur Familie eines der früheren Präsidenten des Dorfrates gehalten wurde, einer der einflußreichsten Persönlichkeiten im Dorf. Dies hatte seinen Grund in der bereits lange bestehenden Freundschaft zu B. Subramaniam, dem Sohn des Haus­haltsvorstandes. Schon seit dem ersten Aufenthalt in SüdIndien bestanden regelmä­ßige Kontakte. Für die Bewohner von Nochikuppam wurde der Autor weniger mit seinem Vater als mit Subramaniam selbst in Ver­bindung gebracht. Dies wurde dadurch verstärkt, daß die­ser Doktorand an der Universität von Madras war, der gegenseitiger Kontakt von den Fi­schern quasi als das Ergebnis desselben „Arbeits­platzes“ gewertet wurde. Die Verbindung zu Subramaniam sollte sich während des gesamten For­schungsverlaufes als positiv herausstellen, weil er unter den Fischern als Persönlichkeit galt, die sich für ihr Wohl ein­setzte und zwar, dies ist besonders wich­tig, über die bestehenden Fraktionen im Dorf hin­weg.2 Als Mitglied der Fischergesellschaft war er auch ein wertvoller Informant, vor allem was die sozio-politische Struktur und die äußerst ver­wickelten verwandtschaftlichen Bindungen im Dorf betraf. Als Dolmetscher bei der Da­tenerhebung und später bei den Befragungen in verschiedenen Haushalten wurde er jedoch nicht eingesetzt, weil nicht abgeschätzt werden konnte, ob seine Nähe zu einem der politi­schen Zentren im Dorf dies problematisch machen würde.

Die Feldforschung selbst gliederte sich in drei deutlich voneinander unter­scheidbare Pha­sen. Die Arbeit der ersten sechs Wochen bestand vor allem darin, das Dorf täglich zu be­suchen. Jeden Mor­gen zwischen 6 und 8 Uhr wurden zunächst das Leben am Strand beobachtet. Sofern die Fischer zum Fang ausgefahren waren, kamen sie meistens zu dieser Zeit zurück. Die Boote wurden dann entladen und an Land gebracht, die Fische von den Netzen getrennt und dann an Ort und Stelle ver­steigert. Anschließ­end begannen die Fischer damit, die beim Fang beschädigten Netze wieder in Ordnung zu bringen. Die monotone Arbeit des Netzflickens eignete sich gut dazu, mit dem Fischern ins Gespräch zu kommen. Die angesprochenen Themen waren spontan, sie betrafen vor allem die Fangfahrt der vergangenen Nacht, die Zufriedenheit der Fischer mit dem Fangergebnis, die Netz­arten, die eingesetzt wurden, die Fischarten, die gefangen wurden, die Besonderheiten der Ver­marktung, oder all­gemein das Leben der Fischer. Umge­kehrt wurden auch häufig Fragen an den Autor gerichtet, die seinen persönlichen Hinter­grund aufhellen sollten, den genauen Zweck seiner Untersuchung im Dorf, über seine El­tern etc. Für beide Seiten war diese Phase ein erstes Kennenler­nen.

Ab Ende November 1990 begann dann der zweite Abschnitt der Untersuchung mit einer Ge­samt­erhebung der etwa 1000 Haushalte in Nochikuppam. Zusammen mit einer Studentin des Geogra­phischen Institutes der Universität Madras wurden in den folgenden Wochen alle Haushalte des Dorfes aufgesucht, um die wichtigsten demo­graphischen Daten (Haushaltsgröße, Alter, Ge­schlecht, Bildung, Heiratsalter, Kastenzuge­hörigkeit) aber auch erste sozio-ökonomische Kenn­größen der Haushalte (Beruf, Einkom­men, Tierhaltung, Ver­schuldungssituation, Beruf des Va­ters) zu erfassen. Der räumliche Schwerpunkt der Untersu­chung rückte damit weg vom Strand, der hauptsächlichen Le­benswelt der Männer, hin zu den Hütten, Häusern und Apartmentwohnun­gen, der haupt­sächlichen Lebenswelt der weiblichen Mitglieder der Fischergemeinschaft. Damit war bereits vorgebenen, daß für diese Phase der Arbeit nur eine Übersetzerin in Betracht kom­men konnte

Daß sich die Datenerhebung der Haushalte dennoch als problematischer als vorausgesehen er­wies, war dem Umstand zuzuschreiben, daß sich die Übersetzerin sehr schwer im Um­gang mit den Menschen in Nochikuppam tat. Als Brahmanin war die kulturelle Distanz zur Fischergesell­schaft erheblich. Während der Arbeit fühlte sie sich oft sehr unwohl; ihre größte Schwierigkeit bestand darin, Getränke bzw. Essen von den Fischern entgegenzunehmen. Die Haushaltserhebung wurde deshalb nach etwa einem Monat un­terbrochen und erst fortgeführt, als eine andere Über­setzerin zur Ver­fügung stand. Diese gehörte ebenfalls nicht der Fischerkaste an, jedoch einer Ka­ste, die in ihrem Status weitaus weniger von der Fischerkaste entfernt ist als die Brahmanenkaste. Zudem wohnte sie mit zwei älteren Schwestern und ihrer Mutter unweit von Nadukuppam, einer kleinen Fischersiedlung nicht weit von Nochikuppam entfernt. Seit ihrer Kindheit war sie mit Fischerkindern aufgewachsen, sprach ihre Sprache und konnte sich auch sonst sehr gut in das Leben der Fischer einfühlen. Mit ihrer Hilfe wurde die Haushaltser­hebung zu Ende geführt, und sie half später auch mit, die Befragung weiblicher Haushaltsan­gehöriger durchzuführen.

Während der Haushaltsbefragung wurden auch erste Kontakte mit Haushalten ge­schlos­sen, deren Mitglieder nicht der Fischerkaste angehören. Die Intensität des Verhältnisses war je­doch während der gesamten Untersuchung im Vergleich zu den Haushalten der Fi­scher­kaste deutlich geringer. Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit und ihrer Abhän­gigkeit von der Fischerkaste, wurde uns von dieser Gruppe ein größeres Mißtrauen entgegengebracht als von den Haushalten der Fischerkaste.

Nach Abschluß der Haushaltsbefragung (Anfang März 1991) mußte entschieden werden, wie die Untersuchung fortgeführt werden sollte. Beabsichtigt waren intensive Einzelgespräche mit Ange­hörigen verschiedener Haushalte; ferner war geplant, eine möglichst lückenlose Erhebung des täglichen Einkommens aus dem Fischfang und der Ausgaben bei einer Gruppe von etwa 45 Fi­scherteams durchzuführen. Diese Arbeiten konnten mit dem vor­handenen „Forschungsteam“ unmöglich bewältigt werden. Es wurde deshalb ein weiterer Übersetzer „angestellt“, der von nun an mithalf, die Interviews mit den männlichen Haushaltsmitglie­dern durchzuführen, während Frau Ina Schneider zusammen mit der bisherigen Übersetzerin die Frauen interviewte. Um die tägli­chen Erhebungen der Einkommen aus der Fischerei sowie der Aus­gaben ausgesuchter Haus­halte durchführen zu können, wurden drei junge Fi­scher ausgewählt und auf ihre Aufgabe vorbe­reitet. Jeder dieser Fischer wählte 15 Fischerteams1 aus, die er in den kom­menden 16 Monaten tagtäglich aufsuchte und sowohl die Einkommen aus der Fischerei als auch die Haushaltsausga­ben niederschrieb.

Nachdem die Organisation des weiteren Forschungsablaufes damit abgeschlossen war, wurde in Nochikuppam ab Mitte April 1991 mit den Intensivbefragungen begonnen. Anknüpfend an die Er­fahrungen der vorausgegan­genen Monate, war dazu ein Fragebogen erstellt worden, der be­stimmte „Kernthemenkomplexe“ abdeckte. Dabei wurden Fragekomplexe ausgewiesen, die sinn­vol­lerweise von den Frauen (Komplexe: häuslicher Bereich, Heirat, Verschuldungssitua­tion, Ent­scheidungsfind­ungsprozeß) und solche, die von den Männern (Organsiation des Fischfangs, nä­here Angaben zu Be­sitz/Nichtbesitz von Booten/Netzen) erfragt wurde. Für beiden Ge­schlechter­gruppen wurde darüber­hinaus ein weitgehend offener Fragebogen er­stellt, der Mei­nungs- und Einstellungsfragen bein­haltete. Hier waren die vorgelegten Fra­gen für beide Ge­schlechtergruppen identisch.

Die befragten Haushalte gehörten drei unterschiedlichen Gruppen an. Die erste Gruppe waren Haushalte, in denen mindestens ein Haushaltsmit­glied als Fischer arbeitete. Die zweite Gruppe umfaßte Haushalte, die zwar der Fischerkaste ange­hörten, in denen es aber keinen aktiven Fischer (mehr) gab. Die dritte Gruppe setzte sich aus Haushalten zusam­men, die an­deren Kasten als der Fischerkaste zuzurechnen waren. Befragt wurden in der Regel der Haus­haltsvorstand und seine Frau, wobei angestrebt wurde, daß die Befragung parallel in getrenn­ten Räumen stattfinden sollte, was nicht im­mer erreicht werden konnte. In vielen Fällen nahm die Befragung auch den Charakter eines Gruppengespräches an, weil sich andere Haus­haltsmitglieder bzw. zuweilen auch haus­haltsfremde Personen am Ge­spräch beteiligten. Dies wurde zwar von den eigentlich be­fragten Personen nicht als stö­rend empfunden, realtiviert jedoch die Aussagekraft der er­hobenen Daten insofern, daß in den Antworten nicht immer und ausschließlich die Mei­nung bzw. Einstellung einer ein­zelnen Person wiedergegeben wird. Eine Befragungssitua­tion herzustellen, in der wirkli­che Einzelgespräche stattfinden konnten, wurde erst gar nicht versucht.

Die Gespräche wurden auf mehrere (mindestens vier pro Haushalt) Sitzungen aufgeteilt, wo­bei darauf geachtet wurde, daß eine einzelne Sitzung nicht länger als 2 Stunden dauerte. Reichte diese Zeit nicht aus wurde entweder ein weiterer Ge­sprächstermin vereinbart oder Themenkomplexe gestrichen. In einigen Fällen wurden weitere Haushaltsmitgliedern befragt (so etwa mit einer ganzen Reihe arbeitsloser Jugendlicher über ihre Anstrengungen, Be­schäf­tigung zu finden, mit ArbeiterInnen in der Schuhproduktion und mit älteren Haus­haltsmitglie­dern, um die jüngere Geschichte Nochikuppam s in Grundzügen rekonstruieren zu können).

Diese arbeitsintensivste Phase der Untersuchung zog sich über 12 Monate hin, wo­bei insgesamt 130 Haushalte in die Befragung einbezogen wurden.

Anmerkungen zur Forschungsmethode

Quantitative Forschungsmethoden haben den Vorteil, daß sie Datenmaterial hervorbrin­gen, das sich anschaulich analysieren und repräsentieren läßt. Hinzu kommt, daß die Erhe­bung von Daten in der Regel unkomplizierter und schneller durchgeführt werden kann, als dies etwa bei qualitati­ven Methoden wie z.B. der Intensivbefragung bzw. der teilnehmen­den Beobachtung möglich ist. So beanspruchte die Datenerhebung von fast 1000 Haushal­ten in Nochikuppam gerade einmal etwas mehr als zwei Monate, während sich die Intensivbefragung von jeweils zwei Personen aus 130 Haushalten über einen Zeitraum von einem Jahr hinzog. Dennoch dür­fen eindrucksvolle Ta­bellen und Schaubilder nicht darüber hinweg­täuschen, daß gerade quantitativem Datenmaterial eine Fülle von Fehlern anhaften kann. Daten, so stimmig sie auch auf dem Papier erscheinen mö­gen, können niemals die Wirklichkeit ab­bilden. Daten können höchstens eine Annäherung an die Wirk­lichkeit sein. Damit aber das vorgelegte Datenmate­rial von Außenstehenden beurteilt werden kann, ist eine Bewer­tung des Datenmaterials vom Forscher selbst durchzuführen. Die vorlie­gende Arbeit beruht auf einer Mischung aus quanti­tativen und qualita­tiven Forschungsmethoden.

a. Quantitatives Datenmaterial

Haushaltserhebung:

Die größten Schwierigkeiten gab es bei der Ermittlung des Haushaltseinkommens, vor allem dem der aktiven Fischern. Hier mußte festgestellt werden, daß die Varianz unge­wöhnlich hoch war (von 250 Rs - 1500 Rs monatlich) und daß sich in den Antworten auch nicht wider­spiegelte, daß Boots- und Netzbesitzer ungleich mehr verdienen als Fi­scherei­arbeiter. Auffal­lend war auch, daß bei der Befragung als häufigster Wert 300 Rs angege­ben wurde und zwar von Besitzenden an Produkti­onsmitteln als auch von Arbeitern.

Die Erklärung dieses Phänomens ist vielschichtiger als zunächst vermutet. Als Berufs­gruppe mit einem extrem schwankenden Einkommen waren die Fischer nicht in der Lage, genaue Angaben über die Höhe ihres Einkommens zu machen. Eine sehr häufige Antwort war „ it de­pends “ oder auch „ between nothing and 1000 Rs daily “. Da die Fischer darüber­hinaus ihre tägliche Einnah­men weder aufschreiben noch aufsparen, sondern einen be­trächtlichen Teil des Geldes am selben Tag ausgeben, an dem sie es einnehmen, können sie noch weniger An­gaben über ih­ren monatli­chen Verdienst machen. Offensichtlich war jedoch, daß alle Anga­ben mit 300 Rs im Monat als äußerst unwahr­scheinlich gelten muß­ten. Hier stellte sich her­aus, daß es sich dabei um das „offizielle“ Haushalts­einkommen handelte, das auf der Ration-Card eingetragen war. Zwar gibt es bislang keine Einkom­mensgrenze für den Bezug subven­tionierter Lebensmittel in den Ration-Shops, doch der Bezugsaus­weis ist auch beim Empfang andere Begünstigungen immer vorzule­gen, die u.U. Einkommensgren­zen unterworfen sind. So war die Verteilung von kostenlosem Reis und Kleidungsstücken, die an wichtigen Festtagen an bedürf­tige Haushalte durchgeführt wurde, an eine Einkommensobergrenze von monatlich 300 Rs gebunden. Die extremen Unterschiede bei den Angaben zum Einkommen aus der Fischerei und die Vermutung, daß in diesem Bereich viel­fach unrichtige Angaben gemacht wurden, war der Grund dafür, weshalb bei einer Gruppe von Fischerteams die täglichen Fangergeb­nisse aufgeschrieben wurden. Während des gesamten Erhe­bungszeit­raums wurden zusätzlich re­gelmäßig, d.h. mehrmals in der Woche, am Strand während den Fischauktionen qualitative Beob­achtungen über Menge und Wert der gefangenen Fi­sche vor­genommen und mit den Aufzeichnungen aus der Erhebung verglichen.

Datenerhebung der Einkommen aus der Fischerei

Bei dieser Erhebung konnte lediglich der Wert aber nicht die Menge des gefangenen Fi­sches fest­gestellt werden, weil dieser Fisch nicht nach Gewichtseinheiten verkauft wird, sondern nach un­terschiedlichen Mengeneinheiten. Das kann einmal ein ganzer Korb voll sein, ein an­deres Mal ein kleiner Haufen am Strand aufgeschichteter Fische, die versteigert werden etc. Das Abwiegen ist - mit Ausnahme bei Garnelen für den Export - unüblich, die dazu notwendigen Waagen sind überhaupt nicht vorhanden. Ein Abwiegen des Fanges für die Untersu­chung war wegen des dafür notwendigen Aufwandes nicht mög­lich. Außerdem wäre es mit Sicherheit auf den Widerstand der FischhändlerInnen gesto­ßen, die großes Interesse daran haben, den Fisch unmittelbar nach dem Anlanden zu den Märkten zu bringen. Zur Bestim­mung des Einkommens war ein solches Abwiegen zudem unnötig.

Auch konnte der Wert des für den Eigenverbrauch entnom­menen Fisches nur geschätzt werden. Zur Aufteilung des Fangwertes unter den Bootsbe­satzungen liegen verläßliche Angaben vor, weil für jede Fangfahrt doku­mentiert wurde, wieviele Mitglieder Besitzer von Produktionsmitteln und wieviele Arbei­ter waren. Parallel zur Erhebung der Einkom­men aus der Fi­scherei wurden die Haus­haltsausga­ben dokumentiert, um feststellen zu können, wie sich die Ausgabenstruktur im Laufe des Untersuchungszeitraums verändert. Hier wurde angenommen, daß saisonale Unterschiede in der Höhe der Einkommen aus der Fischerei sich auch auf die Ausgaben­struktur nieder­schlagen müßten. Später zeigte sich dann, daß die erhobenen Daten auch dazu verwendet werden konnten, Veränderungen in der Ausgabenstruktur der Haushalte zu dokumentieren, die aus den Preissteigerungen während des Untersuchungszeitraums er­klärt werden können.

b. die qualitative Befragung in einzelnen Haushalten

Die Absicht bei der Intensivbefragung war, tiefergehende Einsichten in bestimmte Lebens­bereiche der befragten Haushalte zu erlangen. Das trifft insbesondere beim Fragenkomplex der Meinungs- und Einstellungsfragen zu, die erwartungsgemäß sehr subjektiv gefärbt waren. So etwa bei der Frage nach der persönlichen Einschätzung darüber, ob sich seit der Kindheit das Leben eher verbessert oder verschlechtert hat. Manche der Frauen gaben hier an, daß sich ihre Lebensituation seit ihrer Eheschließung verschlechtert hätte, weil sie von ihrem Mann geschlagen würden. Es ist jedoch of­fensichtlich, daß die Antworten dabei in sehr starkem Maße davon beeinflußt werden, ob der Ehemann bei der Befragung anwesend war oder nicht. Selbst wenn der Ehemann beim Gespräch nicht anwesend war, muß den­noch bezweifelt werden, ob alle Frauen, die tatsächlich von ihrem Ehemann geschlagen werden, dies während der Befragung angeben. Konkret danach befragt wurde keine.

Vorgegeben waren bei den Interviews lediglich die Themenbereiche, die angeschnitten werden soll­ten, in den meisten Fällen ergaben sich während des Gespräches weitere Bereiche. Prinzipiell wurde bei der Befragung nach keinen Namen gefragt. Es wurde also etwa nicht gefragt, von welcher Person im Dorf wird Geld geliehen, sondern nur nach bestimmten Charakte­ristika dieser Per­son („ gehört diese Person der Fischerkaste an ?“, „ lebt sie in einer Hütte, einem Beton­haus, einer Apartmentwohnung ?“, „ geht sie selbst noch dem Fischfang nach “ u.ä.). Geschlecht und vor allem Alter der befragten Personen haben offensichtlich das Be­fra­gungsergebnis beein­flußt. Tendenziell waren Männer „bessere“ Informanten als Frauen. Abgesehen davon, daß einige der Fragenkomplexe eher der Lebenswelt der Män­ner zuge­ordnet werden können und sich die Frauen nicht kompetent fühlten, dazu Aussagen zu machen, scheint die Stellung im Haushalt mit der Bereitschaft im Zusammenhang zu ste­hen, sich intensiv Fremden gegenüber zu öffnen. Junge Frauen, die nach ihrer Heirat erst relativ kurz im Haus­halt lebten, zeigten sich dabei deutlich zurückhaltender als ältere Frauen, die eine unbestrittene Position im Haushalt einnehmen.

12 Nochikuppam - Ein „Fischerdorf“ im Herzen von Madras

Nochikuppam liegt zentral in Madras am südlichen Ende der etwa sechs km langen Ufer­prome­nade des Marina Beaches. Direkt an die vierspurige Kamaraj Salai, der wichtigsten Süd-Nord-Verbindung von Madras, angrenzend, ist der Ort ideal an das städtische Ver­kehrsnetz angebun­den.

Da er zudem über eine eigene Bushaltestelle verfügt, lassen sich von hier aus praktisch alle wichtigen Stadtteile (zumeist) durch Direktverbindungen errei­chen.

Kaum ein anderes Stadtgebiet der südindischen Metropole liegt derart „inmitten“ einer gan­zen Reihe wichtiger Einrichtungen. In einer Entfernung, die noch leicht zu Fuß zurück­gelegt werden kann, befinden sich mehrere Regierungsschulen und einige private (zumeist christli­che) Schulen, die bis zum Abitur führen (Higher Secondary Schools); ebenso sind einige der angesehendsten Colleges von Madras in unmittelbarer Nähe von Nochikuppam gelegen (z.B. das Lady Willington College und das Queen Mary's College). Auch die Uni­versität von Ma­dras - am nördlichen Ende des Marina Beaches gelegen - ist bequem in­nerhalb von weniger als zehn Minuten mit dem Bus zu erreichen. Die Infrastruktur im Bil­dungsbereich kann deshalb als äußerst günstig beschrieben werden. Ähnlich sieht es in anderen Bereichen aus.

So etwa hinsichtlich der Banken. Alle wichtigen Banken Indiens haben in unmittelbarer Nähe der Fischersiedlung eine Zweigstelle (State Bank of India, Indian Overseas Bank, Tamil Nadu Cooperation Bank etc.). Der Sitz der Regierung von Tamil Nadu sowie einiger Ministerien (Landwirtschaftsmini­sterium, Ernährungsministerium etc.) sind ebenfalls in etwa zehn Minu­ten mit dem Bus zu erreichen. Das Fischereiministerium befindet sich für die Fischer jedoch in einem ungünstigen Teil von Madras. Um dorthin zu gelangen, müssen sie etwa 30 Minuten mit dem Bus fahren. Weitere wichtige Ein­richtungen in unmittel­bare Nähe von Nochikuppam sind: das Hauptgebäude von All India Radio (direkt gegen­über auf der anderen Seite der Kamaraj Salai), das Tamil Nadu Slum Clearance Board (etwa drei Minuten mit dem Bus nach Norden), das Hauptquartier der Polizei von Tamil Nadu (weniger als fünf Minuten zu Fuß nach Norden), der Erzbischof von Mylapore (weniger als fünf Minuten zu Fuß nach Sü­den).

Auch Einrichtungen, die für das tägliche Leben der Menschen von Nochikuppam weitaus wichtiger sind als die bislang aufgezählten, sind günstig zu erreichen. Es gibt im Ort selbst zwar keinen Arzt, doch in den benachbarten (gehobeneren) Wohngebieten gleich mehrere, die von den Bewohnern Nochikuppams im Bedarfsfall auch aufgesucht werden. Für die Dinge des täglichen Bedarfs, sofern sie im Ort selbst nicht erworben werden können, ist in der Nachbarschaft auch hinreichend gesorgt. Für den täglichen Einkauf bevorzugen die Frauen des Ortes den Markt von Mylapore, der zu Fuß etwa zehn Minuten von Nochikup­pam entfernt ist. Hier werden vor allem Gemüse, Reis und Obst eingekauft. Dort befinden sich auch un­zählige Geschäfte, in denen Güter des mittelfristigen Bedarfs erworben werden können wie etwa Kleidung, Haushaltsgeräte etc. Der Fair Price Shop, dem die Be­wohner von Nochikup­pam zugeordnet sind, befindet sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe.

Die Aufzählung dieser Einrichtungen soll zunächst einmal genügen. Auf die Bereiche, für die sie stehen - Bildung, Gesundheit, Nahrung, Verwaltung etc. - wird später ausführlich einge­gangen werden. Vorab sei nur folgendes erwähnt: die physische Erreichbarkeit von Gütern und Dienstleistungen spielt im vorliegenden Fall mit Sicherheit keine entschei­dende Rolle für das Leben der Menschen in dieser Siedlung. So gut wie jede denkbare Einrichtung liegt prak­tisch vor der Haustüre der Bewohner von Nochikuppam. Wenn an späterer Stelle Versor­gungsengpässe festgestellt werden müssen, dann kann die Ursache dafür auf keinen Fall darin bestehen, daß es eine entsprechende Einrichtung nicht gäbe oder daß sie nur durch Mühen und Kosten zu erreichen wäre. Wenn in manchen Bereichen festgestellt werden muß, daß städtische und bundesstaatliche Einrichtungen den Ort ver­nachlässigen, dann kann es auch nicht daran liegen, daß der Weg nach Nochikuppam für die Bediensteten dieser Einrich­tungen besonders zeitaufwendig oder mühsam wäre.

Doch nun zum Ort selbst.

Mit Sicherheit ist Nochikuppam älter als die Metropole Madras selbst. Die Endung Kup­pam steht für Fischerdorf, doch im neueren tamilischen Sprachgebrauch, vor allem unter Städte­planern, bedeutet Kuppam auch Slum. Nochi bezeichnet eine Pflanze (Vitex Ne­gundo), und die älteren Bewohner des Dorfes können davon erzählen, daß früher überall im Dorf Nochi -Büsche wuchsen, deren Blätter auch als Arzneipflanze benutzt wurden. Heute sind diese Bü­sche verschwunden; Überbevölkerung hat dazu geführt, daß die Vege­tation im Ort nur noch sehr spärlich vorhanden ist. Insgesamt ist Nochikuppam äußerst dicht besiedelt und unter­scheidet sich dadurch extrem von den Fischerdörfern im ländli­chen Raum, die häufig sehr großzügig angelegt und dicht mit Kokospalmen, Papaya- und Drumstick bäumen bewachsen sind. Nochikuppam ist die größte Fischersiedlung von Tamil Nadu. In Madras ist Nochikup­pam einer der größeren Slums, und - was besonders bedeut­sam ist - nur wenige Slumgebiete der Metropole weisen eine höhere Bevölkerungsdichte auf (vgl. TNSCB 1975, Ramani 1985). Schon der erste Eindruck vom Ort deutet auf diesen Sachverhalt hin. Die Bebauung ist äu­ßerst dicht, die Wege durch das Wohngebiet selten breiter als ein bis höchstens zwei Meter.

Nach jeder Himmelsrichtung wird Nochikuppam von einer befestigten Straße umschlos­sen. Ganz im Süden trennt eine Straße, die die Kamaraj Salai mit der Küstenstraße verbin­det, No­chikuppam von Nochinagar. Die westliche Abgrenzung, die Kamaraj Salai, trennt den Ort von Mylapore. Im Norden grenzt eine Verbindungsstraße zwischen der Kamaraj Salai und der Küstenstraße den Ort vom unbesiedelten Marina Beach ab.

Nochikuppam läßt sich von der Bebauung her in fünf deutlich unterscheidbare Gebiete glie­dern. Westlich der Küstenstraße, die das Wohngebiet zum Strand hin abgrenzt, befin­det sich ein Streifen mit ca. 70 Hütten. Keine dieser Hütten hat ein Mauerwerk aus Stein, sondern die Wände sind, wie auch die Dächer, aus Palmwedeln hergestellt. Diese rechtec­kigen Hütten haben selten eine Grundfläche von mehr als 15 m2; erstaunlich, daß in man­chen Fällen bis zu drei Haushalte in einer einzigen Hütte leben.

Unmittelbar westlich an die Hütten schließen sich dreigeschossige Wohnblocks des Tamil Nadu Slum Clearance Boards an, die Mitte der 70er Jahre erbaut wurden. Insgesamt sind es 36 solcher Wohnblocks, die sich links und rechts einer Straße aufreihen, die ganz No­chikup­pam vom Süden nach Norden durchzieht. Die Blocks haben jeweils 12, 18 oder 24 Wohnun­gen.1 Die Gesamtzahl der Wohnungen beläuft sich auf 534. Jede dieser Wohnun­gen besteht aus einem Wohn/Schlafzimmer (ca. 10 m2), einer Eßküche (ca. 7 m2) und einem kleinen Ba­dezimmer mit Toilette (ca. 2 m2). In jedem Stockwerk liegen sich immer zwei Wohnungen gegenüber, so daß Wohnblocks mit 12 Wohnungen zwei Treppenauf­gänge haben, solche mit 18 Wohnungen drei und solche mit 24 Wohnungen vier Treppen­aufgänge. An der Straße, die beide Wohnblockreihen voneinander trennt, befinden sich zahlreiche kleine Läden, die Arti­kel des täglichen Bedarfs (Zahnpasta, Seife, Kleingebäck, Zucker, Kerosin, z.T. Reis etc.) anbieten.

Westlich der Wohnblocks erstreckt sich ein Wohngebiet mit gemischter Bebauung. In der südli­chen Hälfte befinden sich vor allem einstöckige, ältere Häuser mit Palmdächern und mehrstöc­kige, flachdachige Privathäuser, die zum größten Teil nach 1975 errichtet wurden. Einige dieser modernen Häuser unterscheiden sich in nichts von Häusern, wie sie in gehobe­nen Wohnvierteln von Madras zu finden sind (Bild 5 der Anlage). Auf einigen der Flachdächer wurden Hütten er­richtet, die vermietet sind. Je weiter man sich Richtung Nor­den begibt, desto häufiger finden sich auch Hütten in der Art, wie sie auch östlich der Wohnblocks des Slum Clearance Boards anzu­treffen sind. Am nördlichen Ende von No­chikuppam, direkt hinter der Polizeistation, gibt es überhaupt keine Steinhäuser mehr, sondern nur noch ebendiese Hütten. Die Gebäudefront entlang der Kamaraj Salai ist ge­prägt von kleinen Läden und Restaurants. Hier befindet sich auch ein größerer Alkoholla­den und ein Video- und Musikkasetten-Aus­leihgeschäft. Vom Betreiber des Videoladens wird auch ein Kabelfernsehnetz in Nochikup­pam unterhalten. Die Fernseher von etwa 30 Familien sind durch Antennenkabel mit einem zentralen Videorekorder verbunden. Etwa 2-3 Mal in der Woche können sie sich so einen po­pulären Tamil-Movie ansehen. Daneben gibt es im Ort auch ein „Kino“, d.h. eine Hütte, in der allabendlich gegen eine Gebühr von 1 Rs/Person Videofilme gezeigt werden.

Im westlichen Teil befindet sich der Haupttempel des Ortes. Er ist von einer hohen Mauer umgeben und sein Areal nimmt eine Fläche von etwa 800m2. Wie für einen südindischen Tempel üblich führen „Straßen“ rund um ihn. In den letzten Jahrzehnten hat eine zunehmende Verbauung jedoch dazu geführt, daß diese Straßen immer beengter wurden, so daß heute eine Prozession rund um den Tempel nicht mehr möglich ist. Der Strand selbst gehört rechtlich nicht mehr zum Ort, obwohl er - wie zu erwarten ist - eine sehr wichtige Funktion im Leben der Fischer einnimmt. Hier ist der Landeplatz der Kattuma­rame, hier werden sie auch gebaut.

12.1 Die „Geschichte“ von Nochikuppam

Die Geschichte der Fischer von Madras und damit auch die der Bewohner von Nochikup­pam liegt im Dunkel der Vergangenheit. Schriftliche Quellen, in denen am Rande auch die Fischer erwähnen, reichen bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts zurück und stammen so aus einer Zeit, die fast 150 Jahre vor der Gründung des Fort St. George, d.h. der Gründung der kolonialen Siedlung von Madras liegt.

Die Siedlung Nochikuppam gehört heute zum Stadtteil Mylapore der Millionenstadt Ma­dras. Sie ist dadurch sehr eng mit der Geschichte der Portugiesen in Indien verbunden. Diese hatten hier - lange vor der britischen East India Company - einen wichtigen Stütz­punkt für ihren Südostasienhandel. Aufgrund der historisch äußerst wichtigen Lage ihres Siedlungsortes kann es als sicher gelten, daß die ortsansäßigen Fischer in vielfältiger Weise mit der kolonialen Vergangen­heit Indiens verbunden sind. Die genaue Rekonstruktion einer Kolonialgeschichte der Fi­scher an der Co­romandelküste an der Koromandelküste ist jedoch nahezu unmöglich.1 Wichtige Aspekte einer solchen Kolonialgeschichte sollen an dieser Stelle kurz angespro­chen werden, lassen sie doch zumindest erahnen, wie sich die koloniale Durchdringung Indiens auf diese Berufsgruppe ausgewirkt hat.

Drei Bereiche sollen dabei im Vordergrund stehen:

a. die Missionierungsversuche durch zunächst portugiesische Jesuiten, die besonders in­tensiv unter der Fischerbevölkerung durchgeführt wurden.
b. die Rivalitäten der europäischen Kolonialmächte untereinander und mit einheimischen Herrschern. Für die Fischer waren die daraus resultierenden Kriege und Schlachten eine große Bedrohung, da sie häufig auf den schmalen Küstenstreifen ausgetragen wurden, ih­rem Lebensraum.
c. der Bedeutungsgewinn des Seehandels und seine Auswirkungen auf die Fischergemein­schaft von San Thome bzw. Madras.

12.1.1 Christianisierung unter der Fischerbevölkerung

Nachdem 1498 Vasco da Gama an der Westküste Indiens gelandet worden, konnten die Por­tugiesen schon sehr bald ihren Einflußbereich auch auf weitere Gebiete in Süd- und Südost­asien ausdehnen. Für die vorliegende Arbeit ist lediglich die Expansion auf die Ost­küste Indiens von Interesse, wenngleich nicht vergessen werden darf, daß der Grund für diese Expan­sion darin bestand, Handelsstützpunkte für den lukrativen Handel mit Süd-Ostasien (Pegu (in Burma), Malakka) zu errichten.

12.1.1.1 Die Missionierung der Paravas an der „Fischerküste“

Auch heute gelten die Fischer des südlichen Tamil Nadu als eine der wenigen Kastengrup­pen, die geschlossen zum Christentum übergetreten sind und sich auch heute noch zum christlichen Glau­ben bekennen, wenngleich sich ihre Kastenidentität dadurch eher ver­stärkt als abgeschwächt hat (Kaufmann 1981). Diese Fischer an der Küste zwischen Kanyakumari im Süden und Rameswa­ram im Nordosten werden auch heute noch als Para­vas bezeichnet. Im 16. Jahrhundert umfaßte ihr Siedlungsgebiet 22 Dörfer unter denen Tuticorin das wichtigste war (Jegatheesan 1982: 16). Neben dem Fischfang verdien­ten sich die Paravas ihren Lebensunterhalt durch die Perltau­cherei. Sie zogen dadurch die Aufmerksamkeit der Portugiesen auf sich, die schnell bereit waren, die Fischer aus den Klauen der muslimischen Mittelsmänner zu befreien, die sie mit der Billigung hinduisti­scher Regionalfürsten erbarmungslos ausbeuteten. Um sich das lukrative Geschäft des Perlenhandels zu sichern, schickten 1523 die Portugiesen einen Flottenverband an die Fi­scherkü­ste.

Die Fischer selbst gerieten - als schwächste Gruppe in diesen Auseinandersetzungen - häufig zwischen die Fronten und erbaten deshalb im Jahr 1535 den Schutz der Portugiesen (Jegatheesan 1982: 16). Diesen kam dieser „Hilferuf“ nicht ungelegen. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Perltaucherei war durch die labilen politischen Verhältnisse ins Stocken geraten. Gleichzeitig gedachten sie aber auch des machtpolitischen Vorteils, der sich aus der Etablierung einer einheimischen Klientel in der Auseinandersetzung mit den gegnerischen Hindus- und Moslems ergeben konnte. Die Christianisierung der Paravas erweist sich daher als eine besondere Variante des „Teilens und Herrschens“. Bis Ende des Jahres 1537 waren alle Paravas zum Christentum übergetreten. Der Schutz, den ihnen die Portugiesen zukommen ließen, wurde jedoch durch deren Gier bei weitem übertrof­fen. Miguel Vas, portugiesischer Generalvikar in Indien, beschwerte sich in einem Brief an den König über die Vorgänge an der Fischerküste:

„All who go to that coast have only one object in mind - to become rich through the sweat and toil of those poor people who, in addition to the taxes which they must pay to the Portuguese crown and to the many native rulers, are subjected to so many levies that their burden has become unbearable“ (zit. nach Mandadan 1984-I: 398).

Die Ausbeutung der Paravas durch die Portugiesen ging jedoch auch in der Folgezeit weiter und es traten erst Verbesserungen ein als im Jahr 1542 mit dem Jesuiten Francis Xavier ein Geistli­cher an die Fischerküste kam, der seine Aufgabe in der Missionierung der Fi­scher sah (Jegatheesan 1982). Inwieweit dies deren ökonomischen Status aufwertete, wird von den Quellen nicht erwähnt, wohl aber, daß die Fischer auch in der Folgezeit immer wieder in Ausein­anderset­zungen zwischen rivalisierenden lokalen Herrschern hineingezogen wurden.

12.1.1.2 Missionierung an der Coromandelküste

Anders als die Fischer im Süden Tamil Nadus sind jene in Madras (heute) allesamt Hin­dus. Eine einleuchtende Erklärung, weshalb dies so ist, gibt es bislang nicht, denn vieles spricht eigentlich dafür, daß sie ebenfalls missioniert wurden. Gleichzeitig leben sie in einer Stadt, die sehr eng mit dem frühen Christentum in Indien verbunden ist.

Die indische Stadt Mylapore wurde bereits lange vor der Ankunft der Portugiesen von un­ter­schiedlichen Autoren erwähnt, zumeist in Zusammenhang mit dem Apostel Thomas, der dort den Märtyrertod gefunden haben und dort auch beigesetzt sein soll.

Als wichtige kulturelle Stätte der Hindus wurde der Ort bereits von dem Tamil-Dichter Tiruvallur (1. Jahrhundert v. Zw.) erwähnt (Wiertz 1983: 60). Ptolomäus berichtete in seinen Reisebe­schreibungen von einer südindische Stadt Malliarpha, bei der es sich wahrscheinlich um Myla­pore handelte (Love 1913-I: 286, Rangacharya 1939: 273).

Im Jahr 883 wurde der Brite Sighehnas, Bischof von Sherborne, von König Alfred nach Indien geschickt, um dort das Grab des Apostels Thomas aufzusuchen (MacLean 1885-I: 139). Aus dem 8. und 9. Jahrhundert liegen auch Berichte arabischer Kaufleuten vor, die den Ort als „Betumah“ (Haus des St. Thomas) erwähnen (Wiertz 1983: 61). Marco Polo, der 1292 Indien besuchte, berichtet ebenfalls von einer Stadt in SüdIndien, zu dem viele Christen und Moslems wallfahren, weil sich dort das Grab des Apostels Thomas befindet (Love 1913-I: 287; MacLean 1885-I: 138; Podipara 1973: 9).

„The Body of Messer St. Thomas the Apostel lies in the province of Maabar at a certain little town having no great population. It is a place where few traders go, because there is little merchandize to be got there, and it is a place not very accesible“ (Marco Polo, zit. nach St. Thomas Christian Encyclop. of India 1973-II).

Weitere Erwähnungen bzw. Beschreibungen finden sich bei Odorico di Pordenone, einem Bettelmönch, der zwischen 1316 und 1330 Indien bereiste, John de Marignolli, der 1348 das Grab des Apostels Thomas besuchte, dem Venezianer Nicolo de Conti, den eine aus­gedehnte Asienreise zwischen 1419 und 1444 auch nach Mylapore führte (MacLean 1885-I: 139f; vgl. Oaten 1909; Podipara 1973) und Ludovico di Varthema, der sich zwischen 1503 und 1508 in Indien aufhielt. Di Varthema berichtete auch von Christenver­folgungen an der Koromandelküste durch die Muslims, die einsetzte, nachdem die Portu­giesen in Indien gelan­det waren.

„[...] the Christians could no longer live in that region since the arrival of the king of Portugal, be­cause he had killed many Muslims in that region.[...] The Christians were driven away and killed“ (zit nach: Mundadan 1984: 404).

Erst die Ankunft der Portugiesen ließ Mylapore innerhalb weniger Jahre zu einer der wich­tigsten Niederlassungen europäischer Handelsorganisationen an der Ostküste Indiens werden und bescherte ihm eine - wenngleich kurze - wirtschaftliche Blüte.

Einige Quellen geben an, daß bereits 1516 die Portugiesen bei der indischen Stadt Melia­por eine Siedlung gründeten,1 der sie den Namen San Thome de Meliapor gaben (Mundadan 1984-I: 289). Tatsächlich unternahmen einige Portugiesen in diesem Jahr von dem etwa 30 km nördlich gelegenen Pulicat aus eine Reise nach Mylapore, um den Gerüchten nachzugehen, dort befände sich das Grab des Apostel Thomas. Eine portugiesi­sche Siedlung dürfte dort jedoch nicht vor 1522 entstanden sein (Love 1913-I: 289; Wiertz 1983: 61). In diesem Jahr gründeten die Portugiesen ein Kloster, das bald zum Kern einer Siedlung wurde (Rangacharya 1939: 276). Zu diesem Zeitpunkt nutzten die Portugiesen bereits seit einigen Jahren den Hafen von Pulicat. An der ungeschützten Küste vor Mylapore konnten ihre Schiffe nicht sicher vor Anker gehen, was vor allem während den Stürmen im Mai und November zu großen Schä­den führte. Mehrere Quelle berichten übereinstimmend davon, daß viele Bewohner des indischen Mylapores bereits kurz nach Errichtung der portugiesischen Siedlung zum Christentum bekehrt wurden, allen voran die ortsansässigen Fischer.

„The church of the Mother of God, which was started in 1575 and meant for the use of the Indian Christians outside the walls of the town, was completed [...] in 1576. Though the church was outside the wall, it was quite close to it. At this time there were about 1,200 Christians belonging to that church. They were all fish­ermen or workers. More and more people belonging to the same castes were being baptized“ (Thekkedath 1984: 203).

„Outside the town are many faithful Christians, about six hundred of whom are fishermen“ (Love 1913-I: 298; vgl. auch: Rangacharya 1939: 281).

„Within the town itself, the religious orders busied themselves with mundane chores: the Jesuits for example, conducted Latin classes in the college they had constructed in Sao Tome, and they together with the other orders also looked for native converts, largely from among the fisher villages of the area“ (Subrahmanyam 1990a: 63).

Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden die Fischer nahe Madras von MacLean als römisch-katholisch bezeichnet:

„The number of large boats employed is 400, and of fishermen, chiefly Roman Catholics, 14,000“ (MacLean 1885-I: 67).

Alle späteren Beschreibungen weisen die Fischer zwischen Madras und Tuticorin als Hin­dus aus; lediglich die Paravas an der Südost-Küste Tamil Nadus bekennen sich auch heute noch zum Christentum.

Keiner der befragten Fischer konnte sich während der Feldforschung an eine „christliche Ver­gangenheit“ seiner Kaste erinnern und so muß es ungeklärt bleiben, ob die Fischer von Ma­dras überhaupt zum Christentum übergetreten waren und - wenn dies der Fall gewesen sein sollte - weshalb sie sich inzwischen wieder als Hindus betrachten. Dies ist umso ver­wunderli­cher, da die Fischer aus Nochikuppam auch heute noch räumlich sehr eng mit der katholi­schen Kirche verbunden sind. Nochikuppam liegt etwa 100m vom Amtssitz des Erzbischofs von Mylapore und einigen wichtigen katholischen Einrichtungen - darunter führende Schulen in Madras - entfernt.

Vorstellbar ist, daß mit dem Niedergang des Einflußes der katholischen Portugiesen und dem Erstarken protestantischer Handelsmächte in dieser Region (Niederländer und Briten) auch die katholische Präsenz vor Ort zurückging (vgl.Thekkedath 1984: 204ff).

12.1.2 Die Rivalitäten unter den europäischen Kolonialmächten

Mit der Errichtung von San Thome de Meliapor in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts waren die Portugiesen die erste europäische Macht, die sich an der Koromandelküste nie­derließen. Sie operierte vor allem von Pulicat aus und San Thome de Meliapor war zu­nächst ein „Vorort“ dieses Hafens (Subrahmanyam 1990a: 50). In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erlebte San Thome de Meliapor eine wirtschaftliche Blüte und wird von vielen zeitgenössischen Autoren als eine der reichsten und schönsten Städte Indiens beschrieben (vgl. Subrahmanyam 1990a: 47; Love 1913-I: 286ff; Thekkedath 1984: 202)

Als ab dem beginnenden 17. Jahrhundert mit den Niederländern eine weitere europäische Han­delsmacht versuchte, sich an der nördlichen Coromandelküste zu etablieren, setzt der Niedergang von San Thome de Meliapor ein. Das erste niederländische Schiff vor San Thome de Meliapor traf im April 1606 ein und raubte drei vor der Stadt liegende portugiesische Schiffe aus, bevor es seine Fahrt nach Pulicat fortsetzte (Subramanyam 1990b: 196). Es dauerte jedoch vier Jahre, bevor die Niederländer mit den lokalen Herrschern einen Vertrag über die Errichtung einer Han­delsniederlassung abschließen konnten.

„The text of the grant is instructive, particularly when compared to later documents of a similar na­ture, for it emerges unequivocally that the Vijayanagaras rulers had no intention of substititution the Dutch for the Portuguese. Instead, they insisted on a balance of power at sea between the two Euro­pean nations, a balance that might well be favourable to the interests of the local polity“ (Subramanyam 1990b: 197).

Die Portugiesen wollten Pulicat jedoch nicht mit den Niederländern teilen und zerstörten den niederländischen Stützpunkt im Juni 1612. Noch im selben Jahr erhielten die Nieder­länder von dem lokalen Herrscher das Recht, an gleicher Stelle wieder eine Niederlassung zu errich­ten, diesmal als befestigte Anlage. Die Portugiesen sahen dieser Entwicklung nicht untätig zu, sondern versuchten den Fürsten Jagga Raya durch großzügige Geschenke und Versprechun­gen davon abzuhalten, den Vertrag mit den Niederländern aus dem Jahr 1610 zu erneuern. Als dieser Ver­such fehlschlug und der Herrscher sich unmißverständlich auf die Seite der Niederländer stellte, entsandten die Portugiesen 1616 eine Strafexpedition nach Pulicat, die die Niederländer ein für alle mal vertreiben sollte. Gleichzeitig wollten sie auch Jagga Raya einen Denkzettel verpassen.

„Ruy Dias arrived at Sao Tome, and proceeded himself to rest in the city, instructing an assistant to raid coastal villages. This order was executed with some enthusiasm, and the fleet according to a con­temporary Portuguese chronicler, Antonio Bocarro, 'carried out great destruction and cruelties, tak­ing the natives by surprise, and thus they killed and captured many women and children, and took many textiles, with no one to defend them“ (Subramanyam 1990b: 201f).

Bevor die Portugiesen jedoch Pulicat angreifen konnten, wurde ihre Streitmacht von einer Armee des Golconda-Sultanats vernichtend geschlagen.1 Weitere Versuche in den drei kom­menden Jahrzehnten die Niederländer aus Pulicat zu verdrängen, scheiterten ebenfalls. Mit dem Verlust von Pulicat1 setzte auch der Niedergang von San Thome ein.

„Where Pulicat was important, however, was in the context of its relationship to São Tomè. The river of Pulicat had been the traditional haven for Sao Tomè vessels in the north-east monsoon; so that with its anchorage lost, the commercial centre at Sao Tomè went very rapidly into decline“ (Subramanyam 1990b: 215).

Zu einem Teil war der Niedergang San Thomes aber auch den Portugiesen selbst zuzu­schrei­ben, die kein geregeltes Gemeinwesen aufzubauen vermochten. Faria y Souza be­schreibt die Zustände, die dort zwischen 1614 und 1616 herrschten, wie folgt:

„The Inhabitants of the City Meliapor, commonly called St. Thomas, were all divided, killing one an­other without any regard of Human or Devine Laws, or any shame, that even the Moors and Gentiles abominated their wickedness“ (zit. nach: Love 1913-I: 296; vgl. auch: Rangacharya 1939: 279,284).

Im Jahr 1646 ging das Gebiet, in dem San Thome liegt, von Vijayanagar in den Besitz des Sultans von Golconda über. 1662 wurde die Stadt von den Niederländern und einer Armee des Sultans belagert und schließlich von den Portugiesen aufgegeben (Rangacharya 1939: 286f). Für zehn Jahre war die Stadt im Besitz des Sultans von Golconda, bevor sie 1672 von den Franzosen erobert wurde (MacLean 1885-I: 173). Bei mehrmaligen An­griffen von See her, lagen die Fi­scherdörfer im Zentrum der Feindseligkeiten (vgl. Love 1913-I: 310-316). Zwischen September 1672 und März 1673 wurde die Stadt erneut von der Armee des Sutans belagert, konnte aber der Kapitulation entgegehen, da mit Kattumaramen die Ver­sorgung von See her aufrecht erhalten werden konnte (Love 1913-I: 322; Rangacharya 1939: 290).

Im August 1673 verbündete sich der Sultan von Golconda mit den Niederländern. Von Land her wurde San Thome nun von der Armee der Sultans belagert, während die Nieder­länder eine Seeblockade aufrechterhielten. Nach einer Belagerung von einem Jahr überga­ben die Franzosen2 im August 1674 die Stadt an die Niederländer. Diese traten sie zwar an den Sultan ab, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Befestigungsanlagen zu schleifen seien (vgl. Love 1913-I: 331-338). Bei den Kämpfen zuvor waren die (Fischer)-Dörfer nahe der Stadt mehrmals verwüstet worden.

„Captain Deltor, being sent to Madras to gain intelligence, reported that Fort St. George was block­aded, and that the outlying villages had been destroyed by the Netherlands. [...] On the 19th Septem­ber a mounted party of Dutch and Moors passed to the South of San Thome, burning the villages on that side“ (Love 1913-I: 328).

Nach der Eroberung des Sultanats von Golconda durch die Moghulherrscher (1688) fiel San Thome zwar noch einmal an die Portugiesen, doch 1697 wurde die Stadt von den Mo­ghuln als Besitz beansprucht und die Portugiesen nunmehr lediglich geduldet (Love 1913-I: 576).

Im Jahr 1749 wurden San Thome und Mylapore der britischen Siedlung Madras angeglie­dert und verloren damit ihre Selbstständigkeit.

Die wechselhafte Geschichte San Thomes im 17. Jahrhundert wird von den zeitgenössi­schen Chronisten fast ausschließlich im Sinne einer kolonialen Militärgeschichte beschrie­ben. Das Los der einheimischen Bevölkerung wird - wenn überhaupt - lediglich als Folge von Kriegshandlun­gen, zumeist aber überhaupt nicht erwähnt. Offensichtlich ist, daß die einheimische Bevölkerung von den Kampfhandlungen schwer betroffen gewesen sein muß, vor allem die Fischersiedlungen nahe San Thomes. Sofern die Angriffe auf die Stadt von See her erfolgten, waren die Fischerdör­fer genau zwischen den Angreifern und den Verteidigern der Stadt. Wer immer auch Angreifer war sah die Fischer als einen potentiel­len Feind an, denn sie hatten eine wichtige Funktion für die Versorgung der immer wieder belagerten Stadt.

12.1.3 Seehandel und Fischerei

Missionierung und die kriegerische Auseinandersetzungen der Kolonialmächte unterein­ander und mit einheimischen Herrschern waren zwei wichtige Faktoren im Leben der Fi­scherbevöl­kerung seit der Ankunft der europäischen Kolonialmächten.

Ein dritter Faktor ergab sich durch die wirtschaftlichen Aktivitäten der Kolonialmächte: der Seehandel. Wenngleich auch hier die Quellen sehr spärlich sind, muß es doch als gesi­chert gelten, daß einheimische Fischer eine sehr wichtige Funktion für den Seehandel wahrnahmen: sie transportierten die Handelswaren vom Land auf die Schiffe und dienten auf die gleiche Weise auch dem Personentransport, weil die flache, offene Küste die An­lage eines geschütz­ten Hafens zunächst nicht zuließ. Aus frühen Beschreibungen ist bekannt, daß dazu vor allem die Massula-Boote der Fischer eingesetzt wurden. Sowohl die Portugiesen in San Thome wie auch später die Briten in Ma­dras hatten lokale Fischer in ihren Diensten. Allerdings werden in den vorliegenden zeitge­nössischen Quellen die Fischer lediglich am Rande erwähnt; genauere Angaben zu dem Ver­hältnis zwischen Fischern und Kolonialmacht finden sich keine.1

MacLean erwähnt lediglich im Zusammenhang mit der Organisationsstruktur des Ma­rine Departments den Posten eines „Deputy Master Attendant“, der neben der Registrie­rung ge­kenterter Schiffe auch für die Organisation der Massula-Boote verantwortlich war.

„[...] there is the boat system, consisting of some 175 boats and their crews (1,656 men and 100 boys), each one having to be regularly examined, licensed, and the crews registered by name. Boats are supplied by him (dem Deputy Master Attendant, d.Verf.) for the public service“ (MacLean 1885-I: 257).

Die Massula-Boote wurden mindestens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts regelmäßig einge­setzt, wobei anschließend ihre Anzahl durch den Bau einer Hafenanlage2 zurückging (MacLean 1885-II: 92f). Interessensgegensätze zwischen den Fischern und der Handels­kammer scheinen ein wichtiger Grund für die Errichtung eines gesicherten Hafenbeckens gewesen zu sein.

„From the end of the eighteenth century, goods were landed on the strip of beach opposite the Custom House instead of at the fort; but they were still brought ashore by masulah boats, which flourished ex­ceedingly. In fact, one of the great objections raised to the first plan of building a harbour was that it would deprive the boatmen caste1 of their means of making a living. On the other hand, the great reason which induced the Chamber of Commerce in 1862 to press for the building of a harbour was the exceedingly good living which these boatmen were making. They had a magnificent monopoly, be­ing a closed caste and quite indispensable as nothing but a masualah boat could live in the surf. They charged what they liked, five, six, and even ten times the regulation fare“ (Armstrong 1930: 3f).

12.2 Die Bevölkerung von Nochikuppam

Mit einer zu Beginn der Feldforschung durchgeführten Erhebung aller Haushalte sollte ein erster Eindruck über die wichtigsten demographischen und sozio-ökonomischen Kenngrö­ßen der Fischersiedlung sowie ein erster Einblick in die von der Bevölkerung als bedeut­sam wahrgenommen Probleme gewonnen werden.

Tab. 27: Zusammensetzung der Haushalte Nochikuppams nach Kaste bzw. Religionsgruppe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Bestandsaufnahme der Bevölkerung von Nochikuppam wurden Daten aus 974 Haus­halten aufgenommen. Über mindestens 46 weitere Haushalte1 liegen keine Daten vor, weil trotz mehrmaliger Versuche niemand angetroffen werden konnte. Fast ein Drittel der befragten Haushalte gehören nicht der Fischerkaste an. Damit unter­scheidet sich der Ort erheblich von ländlichen Fischersiedlungen in Tamil Nadu, die in der Regel fast ausschließlich von Angehörigen der Fischerkaste bewohnt werden.2 Durch die günstige Lage hat nach Nochikuppam schon vor Jahrzehnten eine Zu­wanderung eingesetzt, die zu einem Aufbrechen der Kastenhomogenität geführt hat. Damit verbunden ist auch der Umstand, daß 25 Haushalte gemischtkastig sind, wobei in den meisten Fällen eine Frau aus einer anderen Kaste in einen Haushalt aus der Fischerkaste eingeheiratet hat. Auch wenn die Haushalte der Nicht-Fischerkasten einen Anteil von etwa 30 Prozent aus­machen, darf nicht übersehen werden, daß sie sich auf fast 40 verschiedene Kasten­grup­pen aufteilen, die in der Regel wenig Gemeinsamkeiten haben.

Yadava und Konar sind - außer den Fischern - die einzigen Kastengruppen, die in größerer Anzahl vorhanden sind. Sowohl Konar als auch Yadavas sind Unterkasten der Golla (Thurston 1909-II: 284). Es scheint sogar als ob beide Namen dieselbe Kaste bezeichnen. Die Angehörigen dieser Kaste(n) sind traditionelle Viehzüchter, und ihre Vertreter in No­chi­kuppam stammen mehrheitlich aus dem Ramnathapuram- und Puttukottai-Distrikt, also aus einem Gebiet etwa 500 km südlich von Madras. Ihre genaue Herkunft läßt sich bei den mei­sten Haushalten dieser Kasten auf ein relativ kleines Siedlungsgebiet in den beiden genannten Distrikten eingrenzen. Viele Haushalte standen bereits vor ihrer Ankunft in No­chikuppam miteinander in Kon­takt, einige von ihnen sind durch verwandtschaftliche Be­ziehungen mit­einander verbun­den.

Alle anderen Nicht-Fischer-Kasten bieten ein weniger einheitliches Erscheinungsbild, was sowohl ihre Herkunft als auch ihre Beschäftigung betrifft. Es finden sich zwar bei vielen die­ser Kasten immer auch einige wenige Haushalte, die einen gemeinsamen Herkunftsort haben und/oder verwandtschaftlich miteinander verbunden sind, ihre Anzahl ist jedoch zu gering, als daß sie als wichtige Interessensgruppen in Nochikuppam auftreten könnten. Zumeist haben sie mit Angehörigen ihrer Kaste außerhalb Nochikuppams engere Bezie­hungen als mit denen, die in Nochikuppam leben.Die Haushalte der Fischerkaste sind im Durchschnitt größer als die der anderen Kasten. Bei allen unterschiedenen Kastengruppen fällt das Geschlechterverhältnis zuungunsten der Frauen aus. Der geringste Frauenanteil findet sich bei den gemischten Haushalten und Nicht-Fischer­kasten. Doch auch bei der Fischerkaste ist der Frauenanteil geringer als der entsprechende Wert für Indien (48,1 Prozent), für Tamil Nadu (49,3 Prozent) und für Madras (48,2 Prozent).1

Tab. 28: Bevölkerung nach Kastengruppen und Geschlecht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Erhebung: November 1990-Februar 1991

Diese überdurchschnittliche Repräsentanz der männlichen Bevölkerung läßt sich zum grö­ßeren Teil aus Migrationen nach Nochikuppam erklären. Am deutlichsten wird dies bei den Nicht-Fi­scherkasten; bei den Migranten handelt es sich vor allem, wenngleich nicht ausschließlich, um junge Männer. Oftmals nehmen die Migranten/innen auch (ausschließlich) männliche Kinder in ihren Haushalt auf, die gegen Verpflegung, Unter­kunft und (selten) ein kleines Taschengeld für sie arbeiten.

Der Altersaufbau von Nochikuppam weist ebenfalls untypische Charakteristika auf. Nicht die jüngsten Teile der Bevölkerung sind zahlenmäßig an stärksten vertreten, sondern die Altersgrup­pen zwischen 16 und 20 Jahren, 21 und 25 Jahren sowie 26 und 30 Jahren. Dies trifft für die weibliche Bevölkerung, noch stärker jedoch für die männliche zu. Eine Interpretation des vorliegenden Bevölkerungsaufbaus muß mehrere Aspekte be­rücksichtigen. Erstens deutet sich in ihm ein Rückgang der Geburtenrate an, der jedoch wegen fehlender Vergleichsdaten zu früheren Zeiträumen nicht näher quantifiziert werden kann. Zweitens, und hierin dürfte die Hauptursache für die Überrepräsentanz der Bevöl­kerung im Alter zwischen 16 und 30 Jahren liegen, ist auch hier die Ursache in Migratio­nen zu suchen. Viele Menschen dieser Altersgruppen wandern nach Nochikuppam zu, vor allem junge, arbeitsfähige Männer, die in manchen Fällen ihre Ehefrauen mitbringen, bzw. diese später nachholen.

Abb. 7: Bevölkerung nach Alter, Geschlecht und Erwerbsstatus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine verstärkte Zuwanderung hätte dem Altersaufbau des Ortes entsprechend vor etwa 10-15 Jahren einsetzen müssen. Eine solche Interpretation ist jedoch zu statisch, da sie die große Fluk­tuation, die unter den Migranten feststellbar ist, nicht berücksichtigt. Nach Aussagen der befrag­ten Personen im Ort, hat eine stärkere Zuwande­rung vor allem ab Mitte der 70er Jahre eingesetzt, nachdem die dreigeschossigen Wohn­blocks durch das Slum Clearance Board fertiggestellt waren und somit mehr Wohnraum zur Verfügung stand.

Die genaue Ermittlung des Alters, besonders der älteren Personen, war mitunter proble­ma­tisch. Selbst der frühere Präsident des Dorfrates kennt sein genaues Geburtsdatum nicht. In seine Ausweispapiere wurde ein geschätztes Datum eingetragen. In der indischen Gesell­schaft ist es üblich, daß die Ehefrau erheblich jünger ist als der Ehemann. Dies ist auch in Nochikuppam der Fall, wobei es allerdings Hinweise dafür gibt, daß das durchschnittliche Heiratsalter für Frauen in den letzten Jahrzehnten angestiegen ist und sich die Altersdiffe­renz bei der Heirat dadurch verringert hat.

Das Alter der Frau bei der Heirat spielt eine sehr wichtige Rolle bei den „Heiratschancen“ und auch bei der Festsetzung der Mitgift. Nicht selten wird dabei die Frau um ein paar Jahre „jünger gemacht“ als sie tatsächlich ist. Ebenso konnte festgestellt werden, daß ab der Alter­gruppe der über 50-jährigen vorwiegend „runde“ Zahlen bei der Befragung ange­geben wurden. Neben der häufigen Ungewissheit über das tatsächliche Alter spielt eine große Rolle, daß das Lebensalter in der untersuchten Gemeinschaft weniger nach Lebens­ jahren als nach Lebens abschnitten bemessen wird. Ein Fischer, der alt und gebrechlich ist und seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann, wird deshalb oftmals als 70-jähriger be­zeichnet, selbst wenn er tatsächlich noch nicht so alt ist. Umgekehrt wird das Alter eines 70-jährigen Fischers niedriger angegeben, wenn dieser noch rüstig und gesund ist. Der Al­tersaufbau der Bevölkerung kann deshalb vor allem für die älteren Altersgruppen nur ten­denziell wiedergegeben werden.

Tab. 29: Heiratsalter nach Geschlecht und Altersgruppe

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Bildung

Nachfolgende Tabellen geben eine Übersicht über den Bildungsstand der Bevölkerung. Wie nicht anders zu erwarten, weist die männliche Bevölkerung ein deutlich höheres Bildungsniveau auf als die weibliche. Mehr als die Hälfte der Frauen im Alter von über fünf Jahren haben überhaupt keine Schulbildung. Ein weiteres Fünftel hat die Schule spätestens nach der fünften Klasse abgebrochen.

Tab. 30: Formaler Bildungsstand nach Kaste und Geschlecht

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Dagegen haben über 40 Prozent der männlichen Bevölkerung mindestens die sechste Klasse abgeschlossen. Insgesamt 71 Personen haben einen Hochschulabschluß, 59 von ihnen gehören der Fischerkaste an. Auch hier ist ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern feststellbar.

Gliedert man die Bevölkerung ohne Schulbildung nach Altersgruppen, zeigt sich, daß in den vergangenen Jahrzehnten in diesem Bereich offensichtlich große Fortschritte erzielt wurden, wenngleich in der Altersgruppe von sechs bis zehn Jahren noch immer 15 bis 20 Prozent ohne jede schulische Bildung sind. Es überrascht, daß bei den Nicht-Fischerkasten in dieser Altersgruppe der Anteil der männli­chen Bevölkerung ohne Schulbildung größer ist als der der weiblichen Bevölkerung. Dies hängt einerseits damit zusammen, daß viele Familien ihre Töchter von Verwandten im Hei­matdorf großziehen lassen und andererseits aber auch, daß Söhne aus Nicht-Fischerkasten häufig schon sehr frühzeitig am Marina Beach „snacks“ verkaufen.

Tab. 31: Personen ohne jede Schulbildung nach Alter, Kaste und Geschlecht

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Wie sehr das Bildungsniveau in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist, zeigt sich auch darin, daß die Personen mit einem höheren Bildungsabschluß mehrheitlich aus den Alters­gruppen von 16 bis 25 Jahren kommen.

Tab. 32: Personen mit höherem Bildungsabschluß (mind. 11. Klasse abgeschlossen)

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Erwerbstätigkeit

Insgesamt sind 2104 Personen aus Nochikuppam erwerbstätig, was etwa 42 Prozent der Ge­samtbevölkerung entspricht. Die Erwerbsquote ist bei den Männern deutlich höher als bei den Frauen; sie beträgt bei den Haushalten der Fischerkaste 63 Prozent und bei den Nicht-Fi­scherkasten-Haushalten sogar knapp 70 Prozent. Hier wiederum ist die Erwerbs­quote bei den Frauen mit 11 Prozent am geringsten.

Wie zu erwarten ist, sind Erwerbstätigkeiten, die mit der Fischerei verbunden sind, in No­chi­kuppam am häufigsten vorzufinden. Insgesamt sind 870 Personen in diesem Bereich beschäf­tigt, d.h. etwa 41 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Zahlenmäßig am stärksten ver­treten sind die Fischereiarbeiter, gefolgt von den produktionsmittelbesitzenden Fischern und den Frauen, die Fischvermarktung betreiben. Tätigkeiten, die im Zusammenhang mit der Fischerei stehen, werden (fast) ausschließlich von Angehörigen der Fischerkaste aus­geübt. Sie bieten 56 Prozent der Erwerbstätigen dieser Kaste Beschäftigung.

Nach der Fischerei ist der Staat der bedeutendste Arbeitgeber für die Angehörigen der Fi­scherkaste. 145 Personen sind fest in staatlichen Einrichtungen angestellt, wobei die größte Gruppe im Hafen von Madras arbeitet. Weitere 22 Personen sind als Arbeiter bei der Re­gie­rung beschäftigt, wobei es sich bei den Männern vor allem um Wachdienste handelt; die Frauen in dieser Kategorie arbeiten ausnahmslos in der Straßenreinigung.

Vor allem bei den Frauen ist die Arbeit für Exportunternehmen eine weitere wichtige Ein­kommens­quelle. Es handelt sich hier vor allem um Unternehmen, die Lederschuhe bzw. Schuhoberteile her­stellen. Da die Arbeit i.d.R. als Heimarbeit durchgeführt werden kann, ist diese Beschäftigung bei Frauen besonders beliebt, da sie gut in ihre Arbeitsorganisation inte­griert werden kann.

Für die Nicht-Fischerkasten ist der Verkauf von Nahrungsmitteln bei weitem die wichtig­ste Einkommensquelle. Hierbei handelt es sich vor allem um den Verkauf von Tee, Kaffee und Milch sowie kleineren Mahlzeiten.1 Diese „snacks“ werden am Marina Beach an Ta­gestouristen verkauft, während Tee, Kaffee und Milch vor allem in den Büros der sich westlich anschlie­ßenden Behördenviertel angeboten werden. Die Getränke werden am frühen Morgen in den Wohnungen selbst hergestellt und in große Thermosbehälter abge­füllt, die mit dem Fahrrad transportiert werden.

Tab. 33: Erwerbstätigkeit nach Geschlecht und Kastenzugehörigkeit

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12.2.1 Verflechtung von Beschäftigungsverhältnissen

Eine der zentralen Aussagen des sog. Bielefelder Verflechtungsansatzes ist, daß Armuts­grup­pen ihr Haushaltseinkommen aus unterschiedlichen Quellen erwirtschaften und dabei sowohl markt- als auch gebrauchswertorientiert wirtschaften.

„Überleben hängt davon ab, für welche Kombination von Tätigkeiten und Einkommensquellen sich die Pro­duzenten entscheiden“ (Evers 1987: 137f, 1988: 133).

Tab. 34: Individuelle Erwerbstätigkeit und Erwerbstätigkeit des Haushaltsvorstandes

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Die unterstellte Verflechtung von verschiedenen Produktionsformen ist im Sinne einer Überle­bensstrategie äußerst rational, denn durch die Einkommensaufteilung auf mehrere Quellen hin werden die negativen Auswirkungen des Ausfalls einer Einkommensquelle gemindert und damit die gesellschaftliche Verwundbarkeit reduziert. In Ihrem alltäglichen Überlebenskampf können sich die Armen nicht auf dauerhafte Strukturen verlas­sen, sondern

„das einzig Beständige ist die Fluktuation von einer Einkommensquelle zur anderen, sind immer wieder wechselnde Kombinationen von “Rückständigem“ und “Modernem“ (Schmidt-Wulffen 1987: 135).

Die Konsequenz einer solchen Verflechtung ist, daß in ein und dem selben Haushalt häufig sowohl für die Subsistenz als auch für den Markt, nicht selten sogar für den Exportmarkt pro­duziert wird. Dabei ist es noch nicht einmal ausgeschlossen, daß diese unter-schiedlichen Produktionsformen von ein und der selben Person ausgeübt werden.

Entsprechend dieser - zugegebenermaßen verkürzt dargestellten - Kernaussagen des sog. Bie­lefelder Verflechtungsansatzes müßten sich im untersuchten Fischerdorf Erwerbsstruk­turen finden lassen, bei denen (a) eine Kombination von Subsistenz- und Marktproduktion auftritt, (b) ein Wechsel zwischen unterschiedlichen Beschäftigungen häufig stattfinden (Fluktuation von einer Einkommensquelle zur anderen) und (c) bei der diese Prozesse im Sinne einer Überlebensstrategie von verwundbaren Gruppen interpretiert werden kann.

Was die Fischer betrifft ist eine Verflechtung von Subsistenz- und Warenproduktion festgestellbar, was jedoch nicht weiters verwunderlich ist. Der Fischfang ist in hohem Maße marktorientiert, bestimmte Produkte wie z.B. Garnelen werden sogar für den Export gefangen. Gleichzeitig nehmen sich die Fischer von ihrem Fang fast immer ein paar Fische für sich und ihre Familien beiseite.

Analysiert man jedoch, welche verschiedenen Berufe in ein und demselben Haushalt anzu­treffen sind, dann kann eine Verflechtung nur ansatzweise festgestellt werden. Zumindest was die monetären Einkommen betrifft, hängt bei weitem die größte Anzahl der Haushalte von einer einzigen Beschäftigungsart ab. So stammt in 65 Prozent der Haushalte das ge­samte mo­netäre Haushaltseinkommen aus einer einzigen Art der Beschäftigung. In knapp 28 Prozent der Haushalte finden sich zwei Beschäftigungsarten, wobei hier die Kombina­tionen Fi­scher und Fischvermarktung (4,1 %) sowie Fischereiarbeiter und Fischver­marktung (5,7 Prozent) am häufigsten anzutreffen sind.

In 49 Haushalten stammt das Haushaltsein­kommen aus drei unterschiedlichen Beschäfti­gungsarten; das sind fünf Prozent der Haus­halte, während in weniger als einem Prozent der Haushalte vier oder fünf Arten der Beschäfti­gung ausge­übt werden. Insgesamt finden sich 106 unter­schiedliche Verflechtungstypen, von denen allerdings lediglich 16 häufiger als zehn Mal auftreten. Bei den vier häufigsten „Kombinationen“ wird lediglich eine einzige Beschäftigungsart ausgeübt. In all diesen Fällen sind etwaige weibliche Haus­haltsmit­glieder überhaupt nicht erwerbstätig. In den beiden häufigsten Fällen, bei denen zwei unter­schiedliche Einkommensarten erzielt werden, ist dies das Ergebnis der traditionellen geschlechterspezifischen Arbeitsteilung in der Kleinfischerei: männliche Haus­haltsmitglieder erwirtschaften ein Einkommen durch den Fischfang, während weibliche durch die Fischvermarktung zum Haushaltseinkommen beitragen.

Ebenfalls ein Indiz dafür, daß sich nur in relativ wenigen Fällen das Haushaltseinkommen aus mehreren Einkommensarten zusammensetzt, ist, daß in den meisten Fällen die Beschäftigung einzelner Haushaltsmitglieder mit der Beschäftigung des Haushaltsvorstandes überein­stimmt. Dies trifft vor allem bei den Beschäfti­gungskategorien zu, die mehrheitlich von Män­nern ausgeübt werden.

So leben in der Fi­scherkaste 98 Prozent der Fischer in Haushalten, in denen der Haus­halts­vorstand ein Fischer ist. Bei den Fischereiarbeitern ist dieser Wert mit 93 Prozent nur gering­fügig niedriger. Nur ein einziger Fischereiarbeiter lebt in einem Haushalt mit einem Fischer als Vorstand. Umge­kehrt gibt es keinen Fischer, der in einem Haushalt mit einem Fischereiarbei­ter als Vorstand lebt. Mit 81 Prozent gehört die Mehrheit der Regierungsangestellten Haushal­ten an, in denen ein Re­gierungsangestellter Haushaltsvorstand ist; in weiteren 6 Prozent be­zieht der Haus­haltsvorstand eine Pension, d.h. er oder sie waren während des Berufslebens ebenfalls bei der Regierung ange­stellt. Weniger als ein bzw. knapp zwei Prozent der Fischer bzw. Fi­schereiarbeiter leben in Haus­halten mit einem Regierungsangestellten als Vorstand, während drei bzw. fünf Prozent der Regie­rungsangestellten in Haushalten mit einem Fischer bzw. Fischereiarbeiter als Vorstand leben.

Tab. 35: Individuelle Erwerbstätigkeit und Erwerbstätigkeit des Haushaltsvorstandes in der vorausgegangenen Generation

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Bei den Kombinationen, bei denen individuelle Erwerbstätigkeit und Erwerbstätigkeit des Haushalts­vorstandes identisch sind und die Werte von unter 50 Prozent haben, handelt es sich um Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. So leben bei der Fischerka­ste 11 Prozent der Frauen, die Fischvermarktung betreiben, in Haushalten, deren Haus­haltsvor­stand ebenfalls Fisch­vermarktung betreibt, also eine Frau ist. Mehrheitlich gehö­ren Frauen, die der Fischvermarktung nachgehen, jedoch Haushalten an, denen ein Fischer (33 Prozent) oder Fischereiarbeiter (42 Prozent) vorsteht.

33 Prozent der für/in Exportunternehmen beschäftigten Personen leben in Haushalten mit einem Fischer als Vorstand; bei 21 Prozent ist dies ein Fischereiarbeiter. Überraschend hoch ist mit 11 Prozent der Anteil an Haushalten mit einem Regierungsangestellten als Vorstand.

In den Bereichen Fischvermarktung und soziale Dienstleistungen sind aus­schließlich Frauen beschäftigt. Hier haben 2,3 bzw. 0,1 Prozent der Haushalte der Fischerkaste einen weiblichen Haushaltsvorstand. In 1,8 bzw. 0,1 Prozent der Haushalte der Fischerka­ste arbeitet der Haushaltsvor­stand für ein Exportunternehmen bzw. ist ein(e) Hausange­stellte(r). Bei die­sen beiden Berufen stellen Frauen zu mehr als 70 Prozent die Beschäftig­ten. Der informelle Verkauf von Nahrungsmitteln ist bei der Fischerkaste eine von Frauen, ansonsten eine von Männern dominierte Beschäftigung.

Bei der quantitativen Analyse dieser Strukturen könnte sehr leicht der Eindruck entstehen, Fischer, Fischereiarbeiter und Regierungsangestellte bildeten eigenständige Kasten, zumal eine geringe Verflechtung, z.B. auch bei den Heiratsbeziehungen, festgestellt werden kann. Dieser Eindruck relativiert sich jedoch, betrachtet man den Wandel der Beschäfti­gungsstruk­tur über mehrere Generationen hinweg. Hier kann zwar ebenfalls festgestellt werden, daß die individuelle Erwerbstätigkeit in sehr hohem Maße mit der Erwerbstätig­keit des Haushalts­vorstandes in der vorigen Generation korrespondiert. Abweichungen von dieser Struktur sind jedoch nicht unwesentlich.

So stammen z.B. 23 Prozent der Fi­schereiarbeiter aus Haushalten, bei denen in der vorigen Generation noch ein Fischer Haushaltsvorstand war. Dieser Wandel kommt eindeutig einem sozialen Abstieg gleich. Auf der anderen Seite stammen lediglich 9,6 Prozent der Fischer aus Haushalten, die in der vorigen Generation einen Fischereiarbeiter als Vorstand hatten, d.h. im Vergleich zur vori­gen Generation einen sozialen Aufstieg erlebt haben.

Bei den Regierungsangestellten rekrutieren sich die heutigen Beschäftigten aus zwei Gruppen: solchen, die bereits in der vorigen Generation einen Regierungsangestellten als Haushaltsvorstand hatten (42,1 Prozent) und solchen, bei denen dies ein Fischer war (50,3 Prozent). Der Aufstieg vom Fischereiarbeiter zum Regierungsangestellten geschieht im Generationenwechsel äußerst selten.

Bei den Haushalten der Nicht-Fischerkasten kommt in dieser Hinsicht der Migrantenstatus zum tragen. Keine einzige Person geht einer landwirtschaftlichen Be­schäfti­gung nach. Fast die Hälfte der Beschäftigten dieser Haushalte hat ihren familiären Hintergrund jedoch in diesem Bereich.

12.2.2 Erwerbstätigkeit und Bildung

Die traditionellen Berufe in Nochikuppam können ohne Schulbildung ausgeübt werden. Fischfang, Fischvermarktung, aber auch der Verkauf von Getränken und „snacks“ setzen keine schulische Bildung voraus; ganz im Gegenteil: oftmals verhindert die Ausübung die­ser Berufe den Besuch einer Schule, da sehr frühzeitig mit einer Erwerbstätigkeit begon­nen wird. Auf der anderen Seite haben Personen mit einem geringen Bildungsniveau kaum Aussichten darauf, außerhalb ihrer „traditionellen“ Beschäftigung eine Arbeit zu finden.

Etwa 40 Prozent sowohl der Fischer als auch der Fischereiarbeiter sind nicht zur Schule ge­gangen. Am niedrigsten ist jedoch das Bildungsniveau bei den Frauen, die Fischvermark­tung betreiben. Über 80 Prozent von ihnen haben keine Schule besucht. Ebenfalls hohe Werte fin­den sich bei den Hausangestellten und den Arbeiterinnen und Arbeitern bei der Regierung. In beiden Fällen handelt es sich auch um Gruppen, bei denen der Anteil der Frauen besonders hoch ist. Bei Erwerbstätigen für Exportunternehmen findet sich ein überdurchschnittliches (formales) Bildungsniveau, obwohl auch diese Gruppe sich haupt­sächlich aus Frauen zusam­mensetzt. In diesem Fall handelt es sich jedoch um eine Be­schäftigung, die es am Ort erst wenige Jahre gibt und die hauptsächlich von jungen Frauen ausgeübt wird.

Tab. 36: Formale Bildung nach einzelnen Berufsgruppen (Fischerkaste)

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Wie zu erwarten weisen die Regierungsangestellten ein hohes Bildungsni­veau auf, das sie jedoch bildungsmä­ßig nicht über andere Gruppen stellt, die eine Be­schäftigung ausüben, die einen weitaus geringen Status mit sich bringt (Gelegenheitsarbeiter, Rickshawfahrer, Bauarbeiter etc.). Vor allem in der Gruppe der Per­sonen, die einen Bildungsabschluß zwischen der sechsten und der zehnten Klasse haben und in der sich auch die Mehrzahl der Regierungsangestellten findet, gibt es einige Berufs­gruppen, deren Angehörigen ein höheres formales Bildungsniveau auf­weisen als die Re­gierungsangestellten. Heute setzt kaum eine Stellenausschreibung der Re­gierung den zur Bewerbung notwendigen Bildungsabschluß unter der zehnten Klasse an, dem ersten aner­kannten Bildungsabschluß in Indien.1

Ein hoher Bildungsabschluß ist jedoch keine Garan­tie dafür, daß auch eine entsprechende Berufstätigkeit ausgeübt werden kann. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, daß ein sehr hoher Anteil der Personen, die mindestens die zehnte Klasse erfolgreich abgeschlossen haben, ohne Beschäftigung ist. Nicht selten sind Frauen mit hohem Bildungsabschluß von der Arbeitslosigkeit betroffen, da es für sie noch weniger ihrer Qualifikation entsprechenden Stellen gibt als für Männer. Neben dem staatlichen Bereich und den sozialen Dienstleistungen gibt es kaum Berufsfelder, die für Frauen mit hohem Bildungsabschluß in Frage kommen. Diese Feststellungen treffen in der Tendenz für Angehörige der Fischerkaste als auch ande­rer Kasten gleichermaßen zu. In dieser ersten statistischen Aufbereitung zur Bildungssi­tuation in No­chikuppam kommt ein großes Problem deutlich zum Vorschein: einer immer größer werdenden Gruppe junger Menschen mit einem für indische Verhältnisse gutem formalen Bil­dungsstand stehen viel zu wenige qualifizierte Arbeitsplätze gegenüber, die darüberhinaus auch ein zufrie­denstellendes Einkommen ermöglichen.

Tab. 37: Formale Bildung nach einzelnen Berufsgruppen (andere Kasten)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Grunde genom­men ist es lediglich der staatliche Sektor, der von der großen Mehrzahl der befragten Per­sonen als Beschäfti­gungsalternative zur Fischerei für sich und ihre Kinder gesehen wird. In den qualitativen In­terviews, die im Anschluß an die mehr quantitativ angelegten Bestands­aufnahme von ganz Nochikuppam durchgeführt wurde, wurde dieses Problem immer wieder angesprochen. Bevor in den folgenden Kapiteln die eng mit der Fischerei verbundenen Berufe eingehend untersucht werden, seien hier noch kurz ein paar Worte zu den wichtigsten anderen Berufs­gruppen angemerkt, die in Nochikuppam anzutreffen sind.

12.2.3 Beschäftigung in Exportunternehmen

173 Personen, in der Mehrzahl junge Frauen, arbeiten für eine der vielen Unternehmen in Madras, die Exportprodukte herstellen. Zum größten Teil handelt es sich dabei um Firmen, die Schuhteile anfertigen, zum geringeren Teil um Bekleidungsexporteure.

Frauen, die für eine Schuhfabrik arbeiten, erhalten zu Beginn ihrer Berufstätigkeit eine etwa zweiwöchige Einweisung (training). Um für ein Bekleidungsunternehmen arbeiten zu können, wird zumeist eine mehrmonatige Schneiderinnenausbildung vorausgesetzt, die sie - ohne dafür entlohnt zu werden - in manchen Unternehmen erhalten können. Das Risiko, nach dieser „Ausbildung“ von dem Unternehmen nicht weiterbeschäftigt zu werden sowie der Umstand, daß die Arbeit nur im Unternehmen und nicht zu Hause gemacht werden kann, ist der Hauptgrund, weshalb die meisten Frauen es vorziehen, für eine der Schuhfa­briken zu arbeiten.

Etwa zweimal wöchentlich gehen die Frauen zu der jeweiligen Firma, liefern die von ihnen ange­fertigten Schuhteile ab und nehmen Material für neue Schuhe mit. Ihre Bezahlung richtet sich nach der Anzahl der hergestellten Schuhoberteile und nach der Qualität der Arbeit. Für ein Paar fertiggestellte Schuhoberteile erhalten die Frauen 20 Rs. Je nach Ar­beitseinsatz und Geschick­lichkeit können sie auf diese Weise monatlich zwischen 300 und 500 Rs verdienen.

Tab. 38 : Arbeiterinnen für Exportunternehmen: Alter und Familienstand

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der eigentliche Arbeitsprozeß kann - wie bereits erwähnt - zu Hause stattfinden. Dadurch können die Frauen die Arbeit für das Unternehmen sehr gut mit ihrer Hausarbeit verbin­den. In den meisten Fällen ist es auch so, daß sie von weiblichen Haushaltsangehörigen bei der Schuhproduktion unterstützt werden. Bereits Mädchen, die kaum älter als 10 Jahre sind, wachsen so allmählich in dieses Gewerbe hinein. Männer, die von einer Schuhfabrik ange­stellt sind, sind in der Regel nicht mit der Schuhproduktion beschäftigt. Einige wenige arbei­ten als „Qualitätskontrolleure“, die meisten als Lagerarbeiter.

12.2.4 Fast-Food-Vendor

Die meisten der etwa 260 Fast-Food-Vendors, die in Nochikuppam leben, sind in den letz­ten 30 Jahren von außerhalb zugewandert. Dennoch haben sie auch noch heute vielfäl­tige Kon­takte zu den Verwandten in ihren Heimatdörfern. Wenn es möglich ist, besuchen sie zu den wichtigsten Feiertagen (Diwali, Pongal, Tamil New Year) diese, die Heiraten werden in der Regel mit Partner aus der Heimatregion arrangiert, wenn es die finan­ziel­len Verhält­nisse erlauben, werden Geld­überweisungen zu Angehörigen, die im Hei­mat­dorf verblieben sind, getätigt. Auf der anderen Seite werden viele von ihnen, vor allem wenn nahe Verwandte in den Heimatdörfern Landwirtschaft betreiben, mit von dort mit Reis und anderen (lagerbaren) Nahrungsmitteln versorgt. Ge­rade solche Haushalte kehren in den landwirtschaftlichen Spitzenzeiten geschlossen in ihr Hei­matdorf zurück, um mit­zuhelfen.1 Sie geben dann ihre Wohnung in Nochikuppam auf, um nach ihrer Rückkehr dorthin eine andere Wohnung zu beziehen. Wegen seiner zenralen Lage zum Ma­rina Beach und den niedrigen Mieten haben sie Nochikuppam als Wohnort gewählt. Entschei­dend ist auch, daß hier Angehörige ihrer Fami­lien oder Kaste bereits vertreten sind, was ihnen den beruflichen Neubeginn in einer fremden Umgebung erleichtert. Ohne Ausnahme haben sie ihre Unterkunft von Angehörigen der Fi­scherkaste gemietet. Sie leben entweder in Wohnungen des Slum Clearance Board, wobei manche sich eine Woh­nung mit Angehörigen der Fischerkaste teilen, oder sie haben sich gleich eine ganze Apartmentwohnung gemietet. Für ein einzelnes Zimmer bezahlen sie eine monatliche Miete von 100 bis 150 Rs, für eine ganze Wohnung zwi­schen 250 und 300 Rs. Der größere Teil lebt jedoch in Hütten, die ihnen von den Fischern vermie­tet werden. Je nach Größe der Hütte beträgt die Miete zwischen 50 und 120 Rs, wobei sich manchmal zwei oder gar drei Haushalte eine Hütte teilen, die mit Wänden aus Palmblättern unter­teilt sind.

Die Produkte, die sie am oder in der Nähe des Marina Beach verkaufen, werden von den Frauen des Haushaltes selbst bzw. in frauenlosen Haushalten von den Männern hergestellt und dann gewöhnlich von den Männern verkauft. Einige Haushalte beschäftigen auch Kin­der, die sie aus ihren Heimatdörfern mitgebracht haben.

Das tägliche Einkommen der Verkäufer von „snacks“ schwankt zwischen 10 und 30 Rs und zwischen 20 und 40 Rs bei den Tee- bzw. Kaffeeverkäufern. Während bei den „snack“-Ver­käufern die besten Verkaufstage auf die Wochenenden bzw. Feiertage fallen - wenn beson­ders viele Tagestouristen den Marina Beach aufsuchen - machen die Verkäufer von Tee und Kaffee ihr bestes Geschäft unter der Woche, wenn die Büros der Behörden geöffnet haben. Das verfügbare Haushaltseinkommen ist bei diesen Gruppen durchweg von den Veränderun­gen der Preise für Kerosin, bzw. den Zutaten für die Zubereitung der von ihnen verkauften Nahrungsmittel abhängig1.

12.2.5 Regierungsangestellte

Insgesamt 189 Personen waren zum Zeitpunkt der Befragung fest bei einer staatlichen Be­hörde oder einem staatlichen Industriebetrieb angestellt. Zusätzlich gab es noch 22 Personen, die als Arbeiterinnen und Arbeiter bei staatlichen Einrichtun­gen beschäf­tigt waren, hauptsäch­lich bei der Stadtverwaltung von Madras (Corporation of Madras) als Stra­ßenreinigungskräfte und im Ha­fen als Arbeiter. Im ersten Fall han­delte es sich ausschließlich um Frauen, im zweiten ausschließlich um Männer. Insgesamt 29 Personen bezogen eine staatliche Pension. Damit hatten 240 Personen Ein­kommen aus staatlichen Quellen. Die wichtigsten Arbeitgeber sind in Tab. 39 aufgeführt. Bei weitem der wichtigste staatliche Arbeitgeber ist der Hafen, gefolgt von staatlichen Banken und den Sicherheitskräften.

Tab. 39: Beschäftigung im staatlichen Sektor

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Bei der Mehrzahl der Beschäfti­gungsverhältnisse handelt es sich um untere Verwaltungsbeamte (clerk). Lediglich 21 Personen übten eine etwas gehobenere Position aus, sechs bei der Polizei, vier bei All India Radio (Techniker) je zwei in einer Bank, im Hafen und bei einer staatlichen Busgesellschaft (Pallavan Transport Corporation; Schaffner) und fünf bei anderen staatlichen Einrichtungen. Auch wenn die Einkommens-unterschiede unter den Regierungsan-gestellten dadurch nicht unbedeutend sind, haben alle dieser Erwerbstä­tigen bestimmte Vorteile, die sie von den ande­ren Beschäftigten unterscheiden. Sie haben praktisch ein unkündbares Arbeitsverhältnis, sind kranken-, unfall- und rentenversichert, erhalten neben ihrem Grundgehalt, das mindestens 1300 Rs/Monat beträgt, noch be­stimmte Zuschläge, von denen der Ausgleich für die Preis­steigerung (Dearness Allowance) der wichtigste ist. Für die Arbeiterinnen bei der Regierung gelten z.T. ähnliche Bedingun­gen, sofern ein festes Arbeitsverhältnis besteht. Bis auf drei Gelegenheitsarbeiter im Hafen ist dies der Fall. Im Unterschied zu den Regierungsangestell­ten ist das Arbeitsverhältnis der ArbeiterInnen kündbar und z.T. zeitlich befristet. Vier der Frauen, die bei der Straßen­reinigung beschäftigt sind, haben ihre Arbeit erhalten, nachdem ihr Ehemann, der bei der Regierung beschäftigt war, verstorben war. Diese Regelung der Hin­terbliebenenversiche­rung ist in Indien sehr häufig anzutreffen. Wenn ein Regierungsangestell­ter noch vor Er­reichung des Pensionsalters stirbt können seine Frau oder eines seiner Kinder häufig eine Anstellung bei der Regierung erhalten. In den vorliegenden Fällen handelt es sich um sehr einfache und niedrig bezahlte Tätigkeiten, was wohl nicht zuletzt damit zusammen­hing, daß die Witwe aufgrund ihres geringen Bildungsniveaus für wenig andere Aufgaben ge­eignet schien.

Außerhalb des staatlichen Sektors gab es nur sehr wenige Beschäftigte, die im orga­nisierten Sektor1 angestellt waren. Es gab zwar 162 Personen, die bei privaten Unterneh­men beschäftigt waren, doch die Mehrzahl der Beschäftigten arbeiteten in Betrieben, die zu klein waren, um rechtlich dem organisierten Sektor anzugehören. Sie fielen deshalb auch nicht unter die Bestim­mungen der verschiedenen Sozialversicherungsgesetze. Nur neun Personen, die bei privaten Un­ternehmen beschäftigt waren, unterlagen deshalb den Bestimmungen zur Sozialversicherung. Alle anderen, d.h. alle sonstigen im privaten Sektor abhängig Beschäftigte und alle Selbstständigen (Fischer, Fast-Food-Verkäufer etc.) waren sozial nicht oder auf einem erheblich niedrigeren Ni­veau abgesichert als die oben genann­ten Gruppen. Dies traf auch auf die 171 Personen zu, die für Exportunternehmen arbeite­ten.

In der quantitativen Erfassung (möglichst) aller Bewohner von Nochikuppam konnten diese Strukturen lediglich im Überblick offengelegt werden. Hinzu kommt, daß bei der Gesamtbefra­gung lediglich eine Momentaufnahme vorgenommen wurde. Es ist deshalb auch nicht möglich, eine Aussage darüber zu machen, wie stabil diese festgestellte Struk­tur ist. Fluktuationen in den Beschäftigungsverhältnissen wurden z.B. erst später, im Zu­sammenhang mit der intensiven quali­tätiven Befragung ausgewählter Haushalte, erfragt. In diesem Zusammenhang soll auch die Frage nach der Verflechtung von Produktionsformen und der Zusammenhang zwischen Subsistenz- und Marktproduktion näher untersucht werden.

Zunächst wird es aber wichtig sein, die wichtigste Beschäftigung der Menschen in Nochi­kuppam näher zu untersuchen: den Fischfang und die mit ihm eng verbundenen Aktivitä­ten.

13 Naturräumliche Bestimmungsfaktoren für die KleinFischer von Madras

Fischerei ist in hohem Maße von den vorhandenen naturräumlichen Bedingungen abhän­gig. Dazu gehören die klimatologischen und meeresbiologischen aber auch die meeresgeologi­schen und meereshydrologischen Verhältnisse. Die naturräumlichen Rahmenbedingungen und ihre Veränderungen haben großen Einfluß auf mehrere Aspekte des Fischfangs. Sie bestimmen die Arbeitsbedingungen und -sicherheit der Fischer. Sie entscheiden darüber, ob diese an einem bestimmten Tag überhaupt zum Fischen ausfahren können oder nicht. Sie beeinflussen die Fischfangmethoden und die Wahl der ein­gesetzten Werkzeuge, und sie sind wichtige Bestim­mungsfaktoren des Fischreichtums ei­ner Region, sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Hinsicht. So kann von fischereiwirtschaftlichen Gunst- und Ungunst­regio­nen als auch von einer aus­geprägten Saisonalität in der Fischerei gesprochen werden.

Naturräumliche Bedingungen sowie wirtschaftliche und technologische Veränderungen ste­hen in einer engen Wechselbeziehung. Bevor z.B. an der Südostküste Indiens durch den Garnelen­fang die Fischerei während des Nord-Ost-Monsuns zu einem einträg­lichen Geschäft wurden, galten die Monate Oktober bis Januar als die „Hungermonate“ der Klein­fischer. Heute erzielen sie genau in dieser Zeit den bei weitem größten Teil ihres Jah­resein­kom­mens. Der moderne Sektor wiederum konnte sich durch die neuen Techno­logien von den naturräumlichen Bedin­gungen - un­günstige Winde, hohe Wellen, schwan­kende Fischpopulationen etc. - zu einem gewissen Maße unabhängig machen, hat aber gleichzeitig zu einer Veränderung einer Reihe dieser Faktoren beigetragen (z.B. Über­fischung).

Windverhältnisse und Seegang

Das Klima des indischen Subkontinents wird durch den Monsun geprägt. Während des Som­mers liegt über Innerasien ein Hitzetief, in das der kräftige SW-Monsun hineinweht und kräf­tige Niederschläge mit sich bringt, da die Luftmassen während ihres mehrere tau­send Kilome­ter langen Weges über dem warmen Indischen Ozean große Wassermengen aufneh­men können. Von den Niederschlägen des SW-Monsuns, der von etwa Anfang Mai bis Ende September dauert, wird vor allem die Westküste Indiens beeinflußt, während die Ost­küste in dieser Zeit bedeutend geringere Niederschläge erhält. Dies trifft in besonderem Maße für den südöstlich­sten Bundesstaat Tamil Nadu zu, der dann im Regenschatten der West-Ghats liegt.

Während des Süd-West-Mosuns erreichen die Flüsse, die ins Arabische Meer münden, ihren Höchstand und führen besonders viele organische Schwebstoffe mit sich. Das führt während dieser Zeit zu einer erhöhten Fischpopulation in den küstennahen Gebieten. Damit fällt die Zeit hoher Fischpopulation mit ungünstigen Witterungsverhältnissen für die Kleinfischerei zusam­men. Analog dazu verhält es sich mit dem Nord-Ost-Monsun, der von Mitte Oktober bis Ende Januar auftritt. Die Innertropische Konvergenzzone (ITC), die im Sommer weit nach Norden verschoben war, erstreckt sich nun etwa entlang des fünften südlichen Brei­tengrades. Aus einem über dem asiatischen Festland liegenden Hochdruck­gebiet (Kältehoch) strömt nun die Luft hin zur ITC. Der NO-Monsun erreicht jedoch bei weitem nicht die Intensität des SW-Monsuns, die Windgeschwindigkeiten und auch die mit ihm einhergehenden Niederschläge sind bedeutend geringer. Außer an der Luvküste von Sri Lanka und an der Coromandelküste bringt er kaum Niederschläge mit sich.

Abb. 8: Jahresgang der Beständigkeit des Windes an der Coromandelküste

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Doch auch dort ist die Regenzeit von sehr großer Bedeutung für den Fischfang, da auch hier aus oben beschriebenen Gründen die küstennahe Fischpopulation besonders hoch ist. Wie auch an der Westküste ist auch an der Ostküste die Kleinfischerei während dieser Zeit durch die widrigen Witterungsverhältnisse nur eingeschränkt möglich.

Entsprechend den Jahreszeiten herrschen an der Coramandelküste zwei Hauptwindrich­tun­gen vor: eine süd-westliche während der Monate des Sommer-Monsuns und eine nord-öst­liche während des Winter-Monsuns. Die Windbeständigkeit ist dabei während des SW-Monsuns etwas höher als während des NO-Monsuns. In den Monaten Juni - September erreicht sie Werte von über 80 Prozent.1 In dieser Zeit überwiegen an der Coromandelküste westliche bis südwestliche Winde, d.h. die Winde wehen in dieser Zeit meistens vom Land her. Von Dezem­ber bis Mitte Februar gibt es eine zweite Periode hoher Windbeständigkeit. In dieser Zeit herr­schen jedoch nord-östliche Winde vor (DHI 1990:29-36).

Die durch die Monsune vorgegebene Windrichtungen werden durch die lokalen Land-See­wind-Systeme überlagert, wie am Wechsel der Windrichtungen im Tagesgang deutlich wird. Für die Kleinfischerei sind die vorherrschenden Windrichtungen von ausschlaggebender Bedeu­tung. Dies gilt vor allem dann, wenn die Fischerboote über keinen Motorantrieb ver­fügen und die Fanggebiete durch Segelkraft erreichen müssen. Sie nutzen die zur Aus­fahrt günstigen Winde in der Nacht und kehren nach Tagesbeginn von der Fangfahrt zurück, wenn die schnel­lere Erwärmung der Landoberfläche zu einer Windumkehrung geführt hat.

Abb. 9: Anzahl der Wirbelstürme, die an Madras vorüberzogen (1877 - 1980)

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An Tagen mit geringen Windstärken oder gar Windstillen kann es vor­kommen, daß die Fi­scher keine Fangfahrten unter­nehmen können, da sie die Fanggebiete nicht errei­chen. Vor allem in den Monaten von Februar bis April und Septem­ber/Oktober, d.h. in den Übergangs­monaten zwi­schen Sommer- und Win­termonsun, kommt dies häufig vor. Ähnliches gilt aber auch für Tage mit zu starken Winden. Fangfahrten auf den Kat­tumara­men sind dann zu gefährlich. Am häufigsten treten Winde mit einer Stärke von über sechs Be­aufort zwischen Mai und August und zwischen No­vember und Januar auf. Sturmstär­ken (über 8 Be­aufort) werden im Seegebiet vor Madras jedoch sehr sel­ten erreicht, sieht man ein­mal von den tropischen Wir­belstürmen ab. Tropische Wirbelstürme, im Golf von Bengalen Zyklone genannt, treten vor allem im Mai und den Monaten Oktober bis Dezem­ber auf. Wenn ein Sturm innerhalb von 210 km Ent­fernung von einem Hafen auf die Küste trifft, kommen die Aktivitäten dort i.d.R. zum Er­liegen. Kreuzt er innerhalb von 50 km die Küstenlinie, wird der Hafen schwer getroffen: mit Beschädigungen der Anlagen ist dann zu rechnen (DHI 1990: 52). Gravierende Aus­wirkungen auf die Kleinfischerei sind jedoch bereits früher zu er­warten.

Nach den Aufzeichnungen zwischen 1877 und 1980 besteht für Madras eine statistische Wahr­scheinlichkeit von 34,5 Prozent, daß innerhalb eines Jahres ein Zyklon die Küste nä­her als 210 km kreuzt. Zwei oder gar drei solcher Wirbelstürme innerhalb eines Jahres sind mit 11,8 bzw. 2,9 Prozent Wahrscheinlichkeit sehr selten.1 Während eines Wirbelsturmes ist der Fischfang in der Kleinfischerei - aber auch in der mechanisierten Fischerei - für etwa eine Woche nicht möglich. Relativ selten kommt es allerdings vor, daß Fischer während ihrer Arbeit von solchen Stürmen überrascht und dadurch gefährdet werden. Aufgrund von Wetterbeobachtungen können sie einen herannahenden Wirbelsturm schon mehrere Tage im voraus erkennen. Hinzu kommt, daß moderne Wettervorhersagen auch von den Kleinfi­schern genutzt werden und sie bei Zyklonenwarnungen ihre Fangfahrten einstellen und ihre Boote und Netze vom Strand weg in Sicherheit bringen. Dennoch bedeutet ein tropischer Wirbelsturm eine nicht geringe Gefahr für die Küstenbevölkerung. Vielfach sind ihre Hütten den starken Winden nicht gewachsen und werden deshalb zerstört. Tieferliegende Wohnorte werden von Wirbelstürmen oftmals überflu­tet

In engem Zusammenhang mit den vorherrschenden Windstärken und der Windrichtung steht der Seegang. Wie zu erwarten, treten die höchsten Wellen in den Monaten mit hohen Wind­stärken auf. Der Fischfang mit Kattumaramen ist in diesen Monaten stark beein­träch­tigt, weil die Fischer mit ihren Booten nicht die starke Brandung überwinden können.

Bei den bislang meist fehlgeschlagenen Versuchen, neue Bootstypen in Tamil Nadu einzu­füh­ren, hat sich die starke Brandung immer wieder als Hauptproblem bemerkbar gemacht. Es las­sen sich kaum Boote konstruieren, die an die lokalen Verhältnisse besser angepaßt sind als die Kattumarame, und zwar jene aus Holz. Ehrgeizige Versuche, Kattumrame z.B. aus PVC-Röh­ren herzustellen, sind - neben dem Nachteil der glatten Oberfläche des PVC - vor allem daran gescheitert, daß die Kattumrame viel zu leicht waren und von den Bran­dungswellen zum Spielzeug umfunktioniert wurden.

Meeresgeologische Verhältnisse und Fischreichtum

Im Gegensatz zur Westküste ist an der Ostküste der Kontinentalschelf erheblich schma­ler. Ebenfalls geringer als an der Westküste ist hier die Fischdichte. Sie beträgt an der unteren Ost­küste für die Zone bis zu 10 Seemeilen vor der Küste 2 Tonnen/km2. Die ent­sprechen­den Werte für die Westküste sind 4,2 Tonnen/km2 und für die obere Ostküste 6,5 Ton­nen/km2 (FSI 1988: 27ff). Beträchtlich sind auch die saisonalen Veränderungen der Fisch­dichte. Von September bis Dezember erreicht die untere Ostküste mit Werten zwi­schen 7,5 und 28 Ton­nen/km2 ihren jährlichen Höchststand (FSI 1988: 31). Allerdings wirkt sich in diesen Monaten negativ auf den Fischfang aus, daß an vielen Tagen wegen den widrigen Witterungsverhältnis­sen nicht zum Fang ausgefahren werden kann. In den Monaten Oktober bis Dezember wird deshalb in Tamil Nadu am wenigsten Fisch gefangen. Während die Fischdichte im küstennahen Gewässer in der Zeit des Nord-Ost-Monsuns am größten ist, nimmt sie ab Januar bis zum Ein­setzen des Süd-West-Monsuns stark ab. In dieser sehr troc­kenen Jahreszeit führen die Flüsse kaum Wasser und damit auch kaum Nährstoffe für Mee­resfische mit sich. Durch die bis Mitte Mai beständig ansteigenden Temperaturen steigt auch die Wassertemperatur in flachen Schelfbereichen an, so daß die Sauerstoffkonzentration im Meerwasser zurückgeht. Entspre­chend dem Wechsel der Windrichtungen wechseln auch die Meeresströmungen. Für die Klein­fischerei, solange sie ohne Motorkraft betrieben wird, erfordert dies erhebliche jah­reszeitliche Umstellungen, da sich die Fischer auf die sich ver­ändernden Windrichtungen und Meeresströ­mungen einstellen müssen und in manchen Jah­reszeiten bestimmte Fang­gebiete gar nicht aufsuchen können. In der Übergangszeit zwischen den Monsunen herrscht häu­fig ein geringer Seegang. Von den befragten Fischern wird dies als weiterer Grund für den Rückgang der Fischdichte in diesen Monaten genannt. Im klaren, ruhigen Wasser fühlen sich viele Fische vor ihren Feinden nicht sicher und wandern deshalb in tiefere Mee­resgebiete ab.

Wie in allen tropischen Meeren ist der Fischartenreichtum auch im Golf von Bengalen sehr groß, wohingegen die Population der einzelnen Arten im Gegensatz zu Küsten gemäßigter Breiten geringer ist. Die sieben wichtigsten in Tamil Nadu gefangenen Fischarten machten 1991 etwa die Hälfte der Fänge ein, wobei verschiedene Sardinenarten1 und Silver Bellies2 mit jeweils elf Prozent und verschiedene Barsche und Barschartige3 mit acht Prozent die wichtig­sten Fischarten waren.

Mit sechs Prozent nahmen Garnelen4 und Hummer die vierte Stelle ein. Von wichtiger öko­nomischer Bedeutung waren zusätzlich noch Sardellen (4 %),5 Makrelen (5 %)6, Haie und Rochen (5 %). Besonders für die Kleinfischerei bedeutsam sind außerdem Fischarten, die rela­tiv geringe Anteile am Gesamtfischfang haben. In diesem Zusammenhang zu nennen sind ver­schiedene Arten der Fliegenden Fische7 und Seerfische (Spanische Makrelen).8 Ökono­misch von großer Bedeutung für die Kleinfischer ist auch der aalartige Ribbon-fish, 9 der vielerorts getrocknet als eine Delikatesse gilt.

Madras ist von den natur­räum­lichen Bedingungen her ein sehr gutes Fischereigebiet. Inner­halb des Stadtgebietes münden zwei Flüsse ins Meer. Die Stadt liegt auch am südli­chen Ende eines Ge­bietes, das sich im Norden bis zur Krishna-Mündung in Andhra Pradesh er­streckt, in dem sehr hohe küstennahe Gar­nelenvor­kommen auftreten. Für die Klein­fischerei von Tamil Nadu ist dies besonders wich­tig, denn die im Hafen von Ma­dras beheimateten Trawler su­chen deshalb in aller Regel Fang­gründe vor der Küste And­hra Pradeshs auf und ver­scho­nen die Kleinfischer der südli­chen Coromandelküste. Im Meeres­gebiet vor Madras kon­zentriert sich das Fisch­vor­kom­men hauptsächlich auf die Gebiete mit lehmigen und felsi­gen Mee­resböden, während in den sandi­gen und kaum mit Vegetation bewachsenen Ge­bieten nur spär­lich Fische vorkommen.

14 Die Entwicklung der Kleinfischerei von Madras

14.1 Fischereifahrzeuge und Fischereigerät

Im Zusammenhang mit der Beschreibung der indischen Fischereientwicklung wurden Konflikte angesprochen, die die Kleinfischerei mit anderen fischereiwirtschaftlichen Sub­sekto­ren (Trawlerfischerei, Tiefseefischerei, Aquakulturen) hat. Im folgenden Kapitel sollen hingegen die Veränderungen beschrieben werden, die in den letzten Jahrzehnten in der Kleinfischerei selbst stattgefunden haben.

Nach der Unabhängigkeit wurde die Fischereientwicklung zunächst besonders als Maß­nahme für die Verbesserung der Ernährungslage ärmerer Bevölkerungsgruppen angesehen. Dies war so lange der Fall, bis mit der steigenden Nachfrage nach Garnelen auf den inter­nationalen Märkten - und damit einhergehend dem starken Anstieg der Weltmarktpreise für diese Fische­reiprodukte - eine Umorient­ierung der Zielsetzung hin zur Devisenbeschaf­fung erfolgte. Unabhängig davon, welches die Ziele der Fischereientwicklung zu verschiedenen Zeiten waren, die Methoden zur Erreichung der Ziele blieben stets nahezu unverändert. Sie be­standen erstens darin, eine technologische Modernisierung des Fisch­fangs voranzutreiben und zweitens in Maßnahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhält­nisse der Fischerbevölkerung. Der Aspekt der technologischen Mo­dernisierung stand dabei immer im Vordergrund. Schon in kolonialer Zeit war der Verbesse­rung der Boote und Netze der Fischer höchste Priorität eingeräumt worden.1 Nach Erlan­gung der Unabhängigkeit wurde diese Schwerpunktsetzung von den Fischereibehörden der Indischen Union bzw. Tamil Nadus - viel­fach in bilateraler Zusammenarbeit aber auch multi­lateral in Zu­sammenarbeit mit der FAO und einigen ihrer Unterorganisationen - konsequent weitergeführt.2 Auch bei Entwicklungs­vorhaben nichtstaatlicher Organisationen nahm und nimmt die Technologieförderung im Klein­fischereibereich einen hohen Stellenwert ein (vgl. Gillet 1985). Beim Fischereigerät wurden gleichzeitig neue Netzarten eingeführt, die leichter und haltbarer sind und mit denen ein Mehr­faches dessen gefangen werden kann als mit den traditionellen Baumwollnetzen.

Daneben wurde von verschiedenen Stellen immer wieder der Versuch unternommen, die wirtschaftliche und soziale Situation der Fischerbevölkerung auch durch nicht-technologi­sche Maßnahmen zu verbessern. Auf staatlicher Seite wurde dieses Ziel vor allem durch die Errich­tung von Fischereigenossenschaften zu erreichen versucht. Gleichzeitig berück­sich­tigte man die Angehörigen der Fischerkaste in einer ganzen Reihe von Programmen, die von der indi­schen Regierung bzw. den Regierungen der Bundesstaaten für Armuts­gruppen eingerichtet wurden.

Wer heute Fischerdörfer in Tamil Nadu besucht, wird freilich feststellen müssen, daß der tech­nologische, aber auch der soziale Wandel sehr selektiv vonstaaten gegangen ist. Die traditionellen Fischerboote prägen noch immer das Bild, zumeist sind sie unmotorisiert. In manchen Fischerdörfern können die Entwicklungsruinen der "westlich inspirierten" Boots­bauer besichtigt werden, zumindest wenn sie aus langlebigen Materialien wie z.B. PVC her­gestellt und inzwischen nicht vermodert oder einer anderen Nutzung zugeführt wurden.

Beim den Netzen hingegen sieht es gerade umgekehrt aus. Von den Kleinfischern werden heute fast ausschließlich Netze aus Kunstfasern benutzt. Baumwollnetze sind - mit Ausnahme einiger Strandwaden und Schleppnetzen - beinahe vollkommen ver­schwunden. Hier hat tat­sächlich ein technologischer Wandel stattgefunden, der weitaus mehr bedeutet, als eine einfa­che Substitution des Netzmaterials. Mit diesem technologi­schen Wandel hat sich die Kleinfi­scherei in Tamil Nadu grundlegend geändert. Das betrifft vor allem die Arbeitsor­ganisation der Fischer und auch die Machtstrukturen in den Fischerdörfern.

Die Tatsache, daß die Fischer in Tamil Nadu mehrheitlich nicht bereit waren, die Technolo­gievorschläge der Fischereiexperten hinsichtlich neuer Bootsty­pen zu übernehmen, sagt über ihre Innovationsfreudigkeit ebenso wenig aus wie die Tatsa­che, daß sich hinsichtlich der Netze die Innovationen fast vollständig haben durchsetzen können. Die Fischer sind weder per se innovationsfeindlich noch Veränderungen gegen­über grundsätzlich positiv eingestellt, sondern sie entscheiden von Fall zu Fall, wie sinn­voll sich eine Neuerung vor dem Hintergrund ihrer Realität einsetzen läßt. Sie sind dabei - wie am Beispiel der Netzar­ten ersichtlich wird - durch­aus bereit, grundlegende Verände­rungen, die weit über den technologischen Aspekt hinausge­hen, in einer relativ kurzen Zeitspanne zu übernehmen.

Besonders wichtig ist deshalb die Frage, weshalb bestimmte traditionelle Fischfangmetho­den von den meisten Fischern aufgegeben wurden, während sich andere Innovationen nicht haben durchsetzen können. Gesellschaftliche Veränderun­gen - auch hinsichtlich der mate­riellen Kultur - können deshalb nur dann sinnvoll bewertet werden, wenn der Analyse des gegenwär­tigen Zustandes eine Rekonstruktion der Vergan­genheit vorausgeht.

14.1.1 Die „traditionelle“ Kleinfischerei an der Coromandelküste vor Einführung von Kunstfasernetzen

Nur wenige Quellen beschäftigen sich mit dem Zustand der Kleinfischerei in Tamil Nadu vor der Unabhängigkeit Indiens. Aus diesen wenigen Berichten und den Beschreibungen älterer Fischer wird jedoch deutlich, daß sich in diesem Wirtschafts- und Lebensbereich in den ver­gangenen 40 Jahren ein bedeutender Wandel vollzogen hat; ein Wandel, der so­wohl die mate­rielle Kultur als auch die Arbeitsorganisation der Fischer betrifft und der zu weitrei­chenden Veränderungen der Fischergesellschaft insgesamt geführt hat. Nur für den ober­flächlichen Betrachter scheint es so zu sein, als ob die „traditionellen“ Fischer seit Genera­tionen ihrer Beschäftigung auf immer dieselbe Art und Weise nachgingen und dabei auch seit altersher die­selben Hilfsmittel einsetzen.

Eine Aufarbeitung der Wandlungsprozesse in der Kleinfischerei von Madras zerstört die­sen Mythos vom „traditionellen“ und vor allem „konservativen“ und „modernisierungsfeindli­chen“ Fischer ein für alle Mal und zeigt sehr deutlich auf, daß eher das Gegenteil der Fall ist: nämlich immer dann, wenn Innovationen sich sinnvoll in den Ar­beitsablauf einbauen ließen, wurden sie in erstaunlich kurzer Zeit fast vollkommen über­nommen und haben die „Tradition“ so nach­haltig ausgelöscht, daß sie heute nur noch rudi­mentär erkennbar ist. Als einzige kolonialzeitli­che Quelle liegt mit Hornells The Fishing Methods of the Madras Presidency (1924) eine ausführliche Beschreibung der materiellen Kultur der Kleinfischer im Bereich der Coromandel­küste vor. Einige seiner Anmerkungen betreffen auch die Arbeitsorganisation der Fischer. Anugraham (1940) geht in seiner Studie über die Fischer von Madras ebenfalls kurz auf diese Aspekte ein, konzentriert sich jedoch vor allem auf Fragen des Genossenschafts­wesens und der Vermarktung.

Alle weiteren Arbeiten über Fischerdörfer in Tamil Nadu sind erschienen, als die ein­schnei­densten Veränderungen hinsichtlich der Technologie und Arbeitsorganisation in der Fische­rei bereits vollzogen waren. Sehr aufschlußreich ist die Arbeit von Norr aus dem Jahr 1972, die entstand, als der Wandel in Technologie und Arbeitsorganisation in der Kleinfi­scherei um Madras bereits weit vorangeschritten war. Leider war sich die Auto­rin dessen nicht bewußt und beschreibt deshalb die vorgefundenen Produktionsmethoden und Arbeits­organisation als schon seit Generationen bestehend.1 Abgesehen von dieser Fehlinterpreta­tion ist die Arbeit Norrs von unschätzbarem Wert, weil sie sowohl Elemente der „alten traditionellen“ wie auch der „neuen traditionellen“ Kleinfischerei ausführlich analysiert.

Etwa zeitgleich mit Norrs Arbeit entstand auch die Untersuchung von Blake über den tech­nologischen Wandel in der marinen Kleinfischerei um Madras. Diese Untersuchung konzen­triert sich sehr stark auf die Arbeit des Madras Fisheries Department und läßt deshalb die Fischer selber wenig zu Wort kommen. Sie ist jedoch ein ausgezeichnetes Doku­ment über die Perspektiven und die Arbeitsweisen indischer Fischereibehörden.

14.1.1.1 Die Fischereifahrzeuge

Der Kattumaram

Die im Bereich der Coromandelküste von den Kleinfischern eingesetzen Fischereifahr­zeuge sind im wesentlichen Kattumarame2 und Plankenboote, letztere von den Fischern als Periya Valai bezeichnet. Die Bezeichnung Kattumaram leitet sich aus den beiden tamilischen Worten Kattu = zusammengebunden und Maram = Hölzer ab. Die Fischer selbst bezeichnen ihr Boot oft nur als Maram. So einfach dieses Fischereifahrzeug auch aussehen mag, es scheint dennoch das einzige Boot zu sein, das sich bei den vorherrschen­den naturräumli­chen Bedingungen einsetzen läßt und dennoch innerhalb der finanziellen Möglichkeiten der Fischer liegt. Es ist schwer genug, um von den Brandungswellen nicht zurück an den Strand geworfen zu werden, es ist durch seine Konstruktion flexibel genug, um auch starke Bran­dungswellen unbeschadet überstehen zu können, sein Tiefgang ist gering genug, um an der flachen Küste nicht auf Grund zu laufen, und es ist unsinkbar. Sein Nachteil besteht vor al­lem darin, daß es der Besatzung mit ihrer Ausrüstung nur we­nig Raum und Schutz bietet und daß sein Aktionsradius auf etwa 20 Seemeilen beschränkt ist. In jüngster Zeit gibt es auch zunehmend Schwierigkeiten, die zum Bau der Kattuma­rame notwendigen Hölzer zu beschaffen. Es werden leichte Hölzer mit geringer Wasserab­sorption verwendet,3 die vor allem in den Bergen des südlichen Tamil Nadu, Keralas und auf Sri Lanka verbreitet sind.

Die Fischerei selbst scheint durch die relativ geringe Größe der Kattumarame je­doch kaum beeinträchtigt sein, denn das Boot ist auf jeden Fall groß genug, um einen Fang von mehre­ren hundert Kilogramm Gewicht aufneh­men zu können. Der geringe Aktionsradius wird von den Fischern selbst auch nicht als hinderlich empfunden, konzen­trieren sich die Fisch­vorkom­men doch auf küstennahe Ge­biete, die von den Kattumara­men leicht erreicht werden können. Je nach Windverhält­nissen wäre es allerdings oftmals hilfreich, wenn die Boote mit Außenbordmotoren ausge­rüstet würden. Dies scheiterte in der Vergangenheit jedoch zumeist an den hohen Anschaf­fungskosten solcher Motoren. Ein weiterer Grund ist, daß sie sich nur unzureichend gegen eine Versandung schützen lassen und daher hohe Ausgaben für Wartungs- und Reparatur­dienstlei­stungen anfallen. Erfahrungen im Norden von Madras haben jedoch gezeigt, daß sich zumin­dest die Infrastruktur für diese Dienstleistungen sehr schnell ansiedelt, sind die Kattumarame erst einmal mit Außenbordmoto­ren ausgestattet.

Blake bezeichnet den Kattumaram an der Coromandelküste als "by far the most adap­table and dependable craft available for the kinds of fishing done" (Blake 1970: 42).

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Abb. 10: Konstruktionsschema eines Kattumarams

Hinzu kommt, daß die weitge­hend unge­schützten Lande­plätze einen Bootstyp erfor­dern, der leicht aus dem Was­ser genommen werden kann. Dies ist vor allem in jenen Jahreszeiten wich­tig, in denen mit tropischen Wirbelstürmen zu rechnen ist. Die Fischer müssen dann ihre Aus­rüstung vom Strand zu ge­sicherten Plätzen schaffen. Von den Kattumaramen gibt es zwei un­terschied­liche Typen, den Bootskattumaram und den Floßkattumaram. Beim Bootskattu­ma­ram1 werden die beiden äußeren Balken deutlich höher gesetzt als die mittle­ren und bilden dadurch eine Art Bordwand. Der Floßkattumaram2 hin­gegen erhält lediglich durch die leicht versetzte Anordnung der verschiedenen Stämmen eine leichte Rundung. Die verschiedenen Varianten des Floßkattumarams unterscheiden lediglich hinsichtlich ihrer Länge und der Anzahl der verwendeten Baum­stämme. Sie sind zwischen fünf und neun Meter lang und bestehen aus drei bis maximal neun behauenen Stämmen, die durch eine kunstvolle Seilführung miteinander verbunden werden. Der schnabelförmige Bug, der sich aus drei bis fünf Teilen zusammensetzt, nimmt die Funktion eines Vorstevens ein.

Bei der Ausfahrt zum Fang werden diese Boote zunächst mit langen Stangen über die Bran­dung gestakt; ist diese schwierigste Hürde überwunden, kann das Segel gesetzt werden, das von den Fischern i.d.R. aus ausgedienten Plastiksäcken selbst hergestellt wird. Nach jeder Fangfahrt werden die Kattumarame aus dem Wasser gehoben und in ihre Be­standteile zerlegt, damit sie gut austrocknen können. Da sie ständig dem aggressiven See­wasser aus­gesetzt sind, ist ihre Lebensdauer relativ gering. Die Fischer selbst geben sie mit etwa acht Jahren an, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß die Stämme in dieser Zeit mehrmals behauen werden müssen und dadurch an Dicke und Länge einbüßen. In Madras werden die Kattumarame von ihren Besitzer häufig verkauft, bevor sie ein Alter erreicht haben, in dem sie nicht mehr voll seetüchtig sind. Sie können dann noch ein paar Jahre im Fischereihafen zum Entladen der Trawlerboote eingesetzt werden.

Der Bau eines Kattumarams nimmt etwa eine Woche in Anspruch. Gewöhnlich stellt ein Fi­scher sein Boot nicht selbst her, da er weder das notwendige Werkzeug noch die Erfah­rung dafür besitzt. Zumeist beauftragt er einem anderen Fischer, der sich auf die Kon­struk­tion von Kattumaramen spezialisiert hat. In einigen Fischerdörfern südlich von Ma­dras werden die meisten Boote für die gesamte Region hergestellt. LKWs bringen die Stämme aus dem südli­chen Tamil Nadu oder aus Kerala herbei. Ein großer Kattumaram, der etwa neun Meter lang ist, kostet ca. 10.000 Rs. Die Preise sind in den letzten Jahren stark angestiegen, da die zum Bau notwendigen Hölzer und die Transportkosten immer teurer werden.

Plankenboote (Periya Valai)

Zusätzlich zu den Kattumaramen werden an der Küste von Madras auch Plankenboote zum Fischfang eingesetzt. Von den Fischern werden diese Boote als Periya Valai bezeich­net. Das tamilische Wort Valai bedeutet Netz; der vorausgestellte Ausdrück Periya bedeu­tet groß. Der Begriff Periya Valai (=großes Netz) bezeichnet somit eigentlich das Netz, das auschließlich von diesen Booten aus eingesetzt wird. Im Sprachgebrauch der Fischer wird mit diesem Aus­druck aber auch das Boot als solches bezeichnet. In der Literatur fin­det sich auch zuweilen die Bezeichnung Padagu oder Masula1 -Boot.

14.1.1.2 Die Netztechnologie

Taschennetze

Noch vor 30 Jahren war die wichtigste Netzgattung, die an der Coromandelküste einge­setzt wurde, das Taschennetz (Bagnet). Unter diesem Begriff werden all jene Netze zu­sammenge­faßt, bei denen die Fische in einer Netztasche gefangen werden. Zumeist handelt es sich dabei um eine aktive Fischereitechnik. Taschennetze werden entweder von Booten aus eingesetzt oder aber vom Strand aus (Strandwade; Shore Seine; Periya Valai). Bei den vom Boot aus eingesetzten Netzen kann zwischen Schleppnetzen (Boat Seine) und Hebe­netzen (Lift Nets) unterschieden werden. Im ersten Fall wird das Netz hinter Booten herge­zogen, im zweiten Fall wird es unter einen Fischschwarm gebracht und anschließend ein­geholt, wobei sich das Netz gleichzeitig schließt.

Das wichtigste Netz, das von den Fischern zur Zeit Hornells eingesetzt wurde, war das Mada Valai, im südlichen Tamil Nadu auch Eda oder Yeda Valai genannt (Hornell 1924: 61). Bei diesem Netz handelte es sich um ein äußerst flaches Taschennetz mit einem weiten, beinahe quatratischen Netzmund von bis zu 19 m Seitenlänge. (Hornell 1924: 63). Die Maschenweite betrug zwi­schen 0,65 und 6,5 cm, wobei sie zur Mitte des Netzes hin geringer wurde, während sie an den Netzrändern am größten war. An den vier Netzec­ken wurden Kokosfaserseile befestigt, mit denen das Netz auf die Kattumarame gehoben werden konnte.

Das Mada Valai wurde auf zwei Arten eingesetzt. Einmal in Verbind-ung mit sogenannten Kambis 2 oder aber ohne diese. Hornell (1924) be-schreibt den Fang mit dem Mada Valai in Verbindung mit Kambis wie folgt:

"At the beginning of the fishing season the owners of each mada valai moor out at sea a number of fish lures (kambi) for the purpose of attracting fishes to their shade. Each kambi consists of a long coir rope beflagged with coconut leaves. [...] Each mada valai is worked in conjunction with 8 or 10 or even more of these kambis. Three to five can be fished in one day, and several days' rest have to be given to these before enough fishes gather around them again.[...] Hence either the fishermen must have a con­siderable number of kambis to allow of rotational fishing and sufficient rest intervals, or the work must be discontinued peri­odically and other forms of fishing prosecuted (Hornell 1924: 63f).

Vier Kattumarame waren für den Fischfang mit einem Mada Valai notwendig. Zwei große, aus vier Stämmen beste­hend und jeweils mit vier Fischern besetzt, und zwei kleinere Boote (3 Stämme), die ge­wöhnlich mit zwei oder höchstens drei Fischern be­setzt waren. So­bald die Boote ein Kambi erreicht hatten, wurde durch geschicktes Manö­vieren der Boote das Netz direkt unter den Fisch­schwarm gebracht, der sich um das Kambi angesammelt hatte. Danach wurde das Netz gleichmäßig eingeholt, wobei es durch eine Zugleine gleichzeitig ge­schlossen wurde. Nachdem das Netz auf einen der beiden großen Kattuma­rame geho­ben und dort geleert worden war, konnte die Arbeit an einem anderen Kambi fortgesetzt werden.

Abb. 11: Mada Valai (Hebenetz) beim Fang an einem Kambi

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Das Mada Valai wurde – unab­hängig von Kam­bis - auch zum Fang von gro­ßen Fischschu­len ein-gesetzt. Sobald solche Fischschu­len gesichtet waren, wurde das Netz so ausge­bracht, wie es schon beim Fang am Kambi be­schrieben wurde (Hornell 1924).

Weitere Netze, die ähn­lich wie das Mada Valai aufgebaut waren (Kava­lai Valai; Nathut­hara Valai, Mapu Valai), spielten in der Fischerei eine deutlich geringere Rolle. Neben dem Mada Valai war das Thuri Valai das zweitwichtigste Netz an der Coromandel­küste. Bei diesem Netz handelte es sich um ein Schleppnetz, das von zwei Booten hinter sich hergezo­gen wurde. Am Netzmund des Netzes waren zwei Seile befestigt, von denen je eines mit einem der beiden Boote verbunden war.

Abb. 12: Ein Thuri Valai (Schleppnetz) im Einsatz

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Die Boote schwammen para­llel zuein­ander entgegen der Strö­mungsrichtung des Was­sers und hielten so den Netz­mund geöff­net. Auch bei diesem Netz nahm die Ma­schenweite zum Zen­trum des Netzes hin ab; sie betrug am äußeren Rand etwa 4,5 cm und am Ende, bei der Netz­tasche, etwa 1,3 cm. Das Netz hatte eine Länge zwischen 11 und 13 m. Ähnlich konstru­iert war das Eru oder Yeru Valai. Auch hier han­delte es sich um ein Ta­schennetz, das von zwei Kattumaramen aus betrieben wurde. Es war etwa 11 m lang. An­ders als das Thuri Valai wurde es allerdings stationär betrie­ben, d.h. es wurde nicht hinter den beiden Booten herge­schleppt, sondern diese waren lediglich dazu da, die Netz­öffnung offenzu­halten, solange das Netz mit seiner Öffnung der Meeresströmung entgegen auslag.

Ein weiteres Taschennetz war das Kola Valai. Auch hier waren zwei Kattumarame notwendig. Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Netzen war dieses weitaus komplizier­ter gebaut. Das eigentliche Netz war etwa 4 m lang; es hatte eine kreisrunde Öffnung mit einem Durch­messer von etwa 1 m. An die Netzöffnung angefügt waren zwei, jeweils etwa 10 m lange "Arme", die mit Hilfe von Holzstangen auseinandergehalten wurden. Damit sollte verhindert werden, daß die Armkonstruktion in sich zusammenfiel, wenn das Netz durchs Wasser gezo­gen wurde. Die Maschen dieses Netzes waren sehr eng geknüpft (durchgehend etwa 0,7 cm weit), und das Netz wurde hauptsächlich zum Fang von Flie­genden Fischen (kola) und eini­gen Makrelenarten eingesetzt.

Von den traditionellen Netzen auch heute noch in jedem Fischerdorf anzutreffen ist ledig­lich das Periya Valai, ein Strandwadennetz. Es handelt sich hierbei um ein Netz, das mit einem Plankenboot ausgebracht und vom Strand aus über zwei lange Seile eingebracht wird. Das Netz selbst besteht aus mehreren Teilen, die voneinan­der gelöst werden können. Die Netzta­sche ist 8,5 m lang, an ihrer hinteren Seite etwa 3 m weit; sie verjüngt sich in Rich­tung der Netzöffnung, wo die Weite nur noch 1,8 m beträgt. An der Netzöffnung beträgt die Maschen­weite etwa 4,5 cm, am Netzende gerade noch 0,85 cm. An der Öffnung der Netztasche befin­den sich zwei Netzflügel, die etwa 15 m lang sind und eine Maschenweite von 10 cm haben. Daran schließen sich zwei weitere Flügel an, die etwa 300 m lang sind und eine Maschenweite von etwa 50 cm aufweisen. An den äußeren Netzflügeln sind etwa 1000 m lange Kokosfaser­seile angebracht, mit denen das Netz vom Strand aus durch das Wasser gezogen wird. Mit hölzernen Schwimmern und Gewichten aus Stein wird das Netz offengehalten. Zusätzlich werden zu diesem Zweck auch Holz­stangen eingesetzt. Das Netz wird bei günstiger Witterung1 von einem Plankenboot etwa einen bis anderthalb Kilometer von der Küste entfernt ausgebracht. Nachdem das Boot mit den Enden der Zugseile an den Strand zurückgekehrt ist, wird das Netz von bis zu 30 Fi­schern gleichmäßig eingeholt. Die beiden Zugseile werden dabei etwa 200-300 m weit auseinandergehalten, so daß die Netz­flügel einen großen Einzugsbe­reich abdecken. Je nä­her das Netz an den Strand kommt, desto enger rücken die beiden Zug­seilenden zusam­men. Sobald die Netztasche nur noch etwa 30-50 m vom Strand entfernt ist, springen ei­nige Fischer und auch Kinder des Dorfes ins Wasser, wobei sie kräftig schreien und wilde Bewegungen vollführen. Dadurch sollen die Fische davon abgehalten werden, in letzter Sekunde noch aus dem Netz zu entkommen. Ist das Netz nur noch etwa 10 m vom Strand ent­fernt, werden die Netzflügel von der Netz­tasche abgetrennt. Die Öffnung der Netzta­sche wird dann von etwa 20 Fischern über dem Wasserspiegel gehalten und an den Strand getragen. Anschließend wird der Fang sogleich in Körbe umgeladen und an Ort und Stelle versteigert.

Der Fang von fliegenden Fischen mit Tauchnetzen

Von April bis Ende August ist an der Coramandel Küste die Fangsaison für Fliegende Fi­sche.2 Dann kommen große Fischschwärme vom offenen Meer in küstennahe Gewässer, um dort abzulaichen. Der Fang von dieser Fische bringt die Fischer mit ihren Booten am weite­sten von der Küste weg. Bis zu 20 Seemeilen fahren sie bei ihrer Suche nach den Fisch­schwärmen aufs Meer hinaus. Dabei wird ein besonders großer Kattumaram einge­setzt, der aus sieben großen Stämmen besteht und eine Länge von bis zu elf Metern und eine Breite von bis zu 2,5 m erreicht. Die Besatzung eines Bootes besteht aus bis zu sieben Fischern. Außer zwei großen Tauchnetzen (dipnet; Tamil: Kacha Valai) führen sie einige Kambis mit sich. Beim Kacha Valai handelt es sich um ein rechteckiges Netz mit einer Kantenlänge von etwa 1,7 m auf 1,4 m. An ihren beiden schmaleren Seiten ist jeweils eine Stange von etwa 2 m Länge angebracht, die dem Netz Stabilität verleihen soll und außer­dem den Fischern als Griff dient. Sobald sie einen Schwarm Fliegender Fische gesichtet haben, holen die Fischer die Segel und den Mast des Kattumarams ein. Sogleich werden die Kambis zu Wasser ge­lassen, und die Fische begin­nen sich um diese zu versammeln, um an den Blattbüscheln der Kambis ihre Eier abzulegen. Die Fischer können nun mit ihrem Netz, das sie wie eine Schöpfkelle benutzen (aber auch mit den bloßen Händen), die Fi­sche ins Boot befördern (Hornell 1924: 78).

Der Fischfang mit Leinen und Angelhaken

Der Fischfang mit Schnur und Angelhaken wurde und wird entweder vom Strand oder von einem Kattumaram aus betrieben. Im ersten Fall sind es vor allem ältere Fischer oder sol­che ohne eigenes Boot, die sich so ein kärgliches Einkommen erwirtschaften können. Vom Kat­tumaram aus betrieben, ist diese Art des Fischfangs jedoch äußerst einträglich, weil geringen Investitionskosten für Angelschnur und Haken relativ hohe Gewinnmöglichkeiten gegenüber­stehen. Gefischt wird dabei hauptsächlich nach Großfischen wie Seerfisch, Haien oder auch Segelfischen, die allesamt erst in größeren Wassertiefen anzutreffen sind. Aus diesem Grunde müssen die Fischer mindestens 5-10 Seemeilen aufs Meer hinausfah­ren. Diese Art des Fisch­fangs ist gleichzeitig auch die gefährlichste, denn der Kampf der Fischer mit den Großfischen erfordert nicht nur viel Geschick, Erfahrung und vor allem auch Kraft, sondern kann einen Kattumaram auch in eine bedrohliche Situation bringen.

Die Angelleinen sind mit einem einzigen Angelhaken versehen. Als Köder dienten zu Zeiten Hor­nells entweder Strandwürmer oder Garnelen (!) (Hornell 1917: 79).

Der Fischfang mit Kiemennetzen

Kiemennetz (gill-net) ist eine Sammelbezeichnung für Netzarten, die zaunähnlich ins Was­ser gelassen werden. Ihr Fangprinzip beruht darauf, daß bei möglichst feinen und daher we­nig sichtbaren Netzwänden die Maschengröße so gewählt wird, daß die Fische ab einer be­stimm­ten Größe beim Versuch, die Maschen zu durchschwimmen, mit ihren Kiemen im Netz hängen bleiben. Die Maschenweite dieser Netze richtet sich demnach nach der Fischart, die gefangen werden soll; durch die gewählte Maschenweite wird es Jungfischen ermöglicht, durch das Netz hindurchzuschwimmen.

Je nach Fangmethode unterscheidet man bei Kiemennetzen zwischen Treibnetzen, die zu­sam­men mit dem Fang­boot im Wasser driften und Stellnetzen, die sta­tionär sind. Mit Hilfe von Schwimmkörpern und Gewichten kann das Netz für eine bestimmte Wasser­tiefe ausgelegt werden. Hierbei unter­scheidet man zwischen Boden-Netzen (bottom-gill net), bei denen die Gewichte so gewählt werden, daß die Netzun­terseite zum Meeres­grund hinabsinkt; die Schwimmkörper verhindern dabei, daß das gesamte Netz in sich zu­sam­mensinkt. Je nach­dem, wie man die Schwere der Gewichte wählt, kann man auch erreichen, daß die Netze im freien Wasser schweben, bzw. daß die Netzoberseite an der Wasserober­fläche ist. Durch die­ses Prinzip kann man - neben der Wahl der zu fangenden Fischart über die Ma­schenweite - auch eine Selektion über den Standort des Netzes durchführen. So wird es möglich, sich auf Bodenfischarten, freischwimmende Fische oder aber Fische, die sich gewöhnlich nahe der Was­seroberfläche aufhalten, zu konzentrieren. Kiemennetze sind an der Coromandel Küste schon recht lange bekannt, hatten früher je­doch nur eine geringe Bedeutung.

Abb. 13: Funktionsweise eines Kiemennetzes

"The number of Gill-Nets is limited on the Coroman­del coast and they have much less economic im­portance than the class of nets enumerated above [..]. The fewness of their number favours the contention of the Madras fishermen that this type of net is not indigenious and have been imported and adopted within comparatively re­cent times" (Hornell 1924: 75).

Als Hornell diese Fest­stellung 1924 zu Papier brachte waren die Kie­mennetze den Fischern allerdings schon seit etwa 50 Jahre bekannt. Bereits 1886 beschwer­ten sich Fischer aus Ma­dras in einer Petition an die Regierung der Ma­dras Presidency über den Einsatz solcher Kiemennetze. In der entsprechenden Petition heißt es:

" [...] the apparent rea­son for not obtaining fish is that 30 or 40 men have started a new kind of fish­ing net, called vallay vallai, for about the last 10 years and use them in the sea at nights.[...] When these nets are used there being no bag attached to these nets to allow the fish to get into safely, the fish get en­tangled in the ropes of the vallay vallai in a suspending position throughout, bleed and die instanta­neously and the smell of this blood terrified shoaling fish and drove them to deeper water" (zit. nach Hornell 1924: 61).

14.2 Die Arbeitsorganisation in der "traditionellen" Kleinfischerei

Die Arbeitsorganisation1 in der Fischerei wird bestimmt durch die eingesetzte Techno­logie, die Verteilung der Produktionsmittel unter den Fischern, dem Wechsel zwischen für die Fische­rei günstigen und ungünstigen Monaten sowie der Organisation jener Tätigkei­ten, die dem eigentlichen Fischfang vor- und nachgelagert sind. Die betrifft vor allem die Kon­servierung des Fisches und seine Vermarktung, aber auch die Instandhaltung und Neu­be­schaffung von Netzen und Booten.

Eng verbunden mit der eigentlichen Organisation der Arbeit ist die Aufteilung des Fanges unter den einzelnen am Fang beteiligten Fischern. Sie richtet sich streng nach den einge­brachten Anteilen an Produktionsmitteln und Arbeitskraft. Der Fischfang mit den "traditionellen" Netzen war ein äußerst komplexer Vorgang. Beim Einsatz des Mada Valai wurden vier Kattumarame und bis zu 16 Fischer benötigt, beim Thuri Valai zwei Kattuma­rame und bis zu sechs Fischer. Das Periyar Valai wiederum be­nötigte bis zu 30 Personen, von denen ein Teil das Planken­boot mit dem Netz aufs Meer hinausruderte, um anschlie­ßend zusammen mit weiteren Fi­schern das Netz vom Strand aus einzuholen. Lediglich die ursprünglich wenig verbreiteten Kiemennetze konnten von einem einzigen Boot aus betrie­ben werden, mit einer Anzahl von Arbeitskräften, die i.d.R. von einem einzigen Haushalt aufgebracht gestellt konnten.

Die meisten Fangoperationen aber wurden von Fischerteams durchgeführt, die Mitglieder aus mehreren Haushalten umfaßten. Dabei gab es eine deutliche Schichtung zwischen den Besit­zern von Booten und Netzen und solchen Fischern, die beim Fang lediglich ihre Ar­beitskraft zur Verfügung stellten. Ein Besitzer von Boot und Netz hatte großes Interesse daran, daß er genügend Ar­beitskräfte für seine Fangfahrt zur Verfügung hatte sowie daß er weitere Boote mobilisieren konnte, wenn er ein Netz einsetzen wollte, mit dem der Fang von einem Boot al­lein aus nicht möglich war. Um sich die erforderlichen Arbeitskräfte zu sichern, vergaben die Boots- und Netzbesitzer oftmals Kredite an Fischereiarbeiter mit der Auflage, daß diese ihre Arbeitskraft im Be­darfsfall zur Verfügung zu stellen hatten. Diese Kredite waren in aller Regel zinslos und brauchten nicht zurückgezahlt werden, solange der Fischereiarbeiter für den kre­ditgeben­den Fischer arbeitete. Nach einem altersbedingten Ausscheiden des Fischereiarbeiters konnte der "Kontrakt" von einem seiner Söhne weitergeführt werden. Wollte ein Fischerei­arbeiter seinen "Arbeitgeber" wechseln, so übernahm dieser nicht selten den Kre­dit. Bei Er­werbsunfähigkeit aufgrund eines Unfalls in Zusam­menhang mit dem Fischfang, erlosch der Kredit.

An dieser Stelle wird bereits deutlich, daß die Bindung über einen Kredit neben wirtschaftlichen auch soziale Funktionen übernahm. Durch diese Bindung entstanden Fischer­teams, die sich teil­weise über Generationen hinweg aus den gleichen Familien rekrutierten, und sie über­trug dem Be­sitzer von Boot und Netz eine soziale Verantwortung für seine Arbeits­kräfte. Diese Verantwortung beschränkte sich nicht nur auf den Fischfang selbst, sondern reichte weit darüber hinaus.

„The owner of equipment [...] is also expected to give his employees small loans (in addition to the money that binds them to work for him) for domestic needs and events such as funerals and marriages“ (Norr 1972: 105).

Wenn ein solcher "Kontrakt" vom Arbeitgeber aufgelöst werden sollte, kam es nicht selten zu heftigen Spannungen zwischen ihm und dem Fischereiarbeiter. Nach Angaben älterer Fischer kam dies jedoch nur selten vor, etwa dann, wenn der Bootsbesitzer mit der Arbeits­leistung des Fischereiarbeiters unzufrieden war oder wenn es zwischen beiden zu anders­artigen unauflös­baren Differenzen gekommen war. I.d.R. wurden solche Fälle dem Dorfrat zur Entscheidung vorgelegt.

Die Fischerteams nahmen auch eine wichtige Rolle im politischen Leben des Fischerdorfes ein. Boots- und Netzbesitzer waren die dörflichen Eliten, und sie erwarteten von ihren Ar­beitern Loyalität in dorfpolitischen Angelegenheiten. Dies traf vor allem auf die Besitzer von Strandwa­dennetzen zu, von denen es immer nur sehr wenige in einem Dorf gab. Das Periya Valai wurde als Symbol politischer Macht angesehen. Mit dem Niedergang der Strandwa­denfischerei setzte deshalb auch ein Statusverlust der Besitzer ein. Trotz der großen Statusunterschiede innerhalb der Fischer­teams werden von Norr die Ent­scheidungsfindungsprozesse als verhältnismäßig egalitär beschrie­ben. Der Besitzer der Pro­duktionsmittel organisiert zwar die Fangfahrt, legt ihren Beginn fest und entscheidet über Art und Anzahl der mitgeführten Netze, doch während der Fangfahrt hat er keine herausra­gende Position inne (Norr 1972: 106).

Ohne Frage verlangt der Fischfang ein hohes Maß an Kooperation innerhalb eines Fi­scher­teams. Der de facto bestehende sozio-ökonomische Statusunterschied innerhalb der Boots­be­satzung kann jedoch nicht geleugnet werden. Konfliktträchtig sind vor allem Ex­tremsi­tuatio­nen, etwa dann, wenn z.B. bei ungünstigen Witterungsverhältnissen entschie­den werden muß, ob das Team zum Fang ausfahren soll oder nicht. Hier wirkt sich vor allem aus, daß der Boots-/Netzbesitzer auf­grund seiner besseren ökonomischen Situation eher auf eine Fangfahrt ver­zichten kann als die Fi­schereiarbeiter. Die Bin­dungen zwischen den Fischereiarbeitern und Bootsbesitzern berücksichtig­ten jedoch diese unterschiedlichen Interessen. Jedem Fischereiar­beiter war es gestattet, auf ande­ren Booten zum Fang auszufahren, solange er von jenem Fi­scher nicht benötigt wurde, an den er durch einen Kredit gebunden war.

14.2.1 Die Aufteilung des Fischfangs

Erbrachte Vorleistungen in Form von Produktionsmitteln und Arbeitskraft bilden damals wie heute die Grundlage für die Aufteilung des Fanges zwischen den Besitzern von Booten und Netzen und haushaltsfremden Arbeitern.

Schon frühe Berichte heben hervor, daß die Bezahlungen monetär vorgenommen wurden, d.h. der Fang wurde immer zuerst veräußert und der Erlös dann nach festgelegten Regeln aufge­teilt. Die Berechnung der einzelnen Anteile ist um so komplizierter, je komplexer die Fangope­ration ist. Für die Fischereiarbeiter am ungünstigsten war dabei der Fischfang mit der Strand­wade. Hier kam ihnen zwar die Hälfte des Fangwer­tes zu, da sie jedoch diesen Anteil mit etwa 30 anderen Arbeitskräften teilen mußten, blieb für den einzelnen Arbeiter wenig übrig. Ein Fi­schereiarbeiter, der sowohl beim Ausbringen des Netzes wie auch an­schließend beim Einholen vom Strand aus mithalf, erhielt zwei Anteile.

Tab. 40: Aufteilung der Fänge zwischen Boots- und Netzbesitzer (angenommener Fangwert 1000 Rs)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

eigene Befragung November 1990 - Mai 1992

Beim Einsatz eines Kambi Valai erhielten die Fischereiarbeiter nur ein Drittel des Fang­wertes. Ein weiteres Drittel erhielt der Errichter des Kambis, während Boots- und Netz­besitzer das verbleibende Drittel unter sich aufteilten. Der Netzbesitzer erhielt davon etwa 60 Prozent, während die vier Boots­besitzer insgesamt 40 Prozent be­kamen. Da hier jedoch die Anzahl der benötigten Arbeitskräfte geringer war, erhielt jeder Arbeiter abso­lut gese­hen einen größeren Anteil. Anders als beim Fang mit der Strandwade beteiligten sich hier jedoch Netz- und Bootsbesitzer i.d.R. am Fangvorgang, so daß diese auch anteilig für ihre Arbeits­kraft entlohnt wurden. Beim Fang mit dem Mada Valai, dem Thuri Valai und den Kiemen­netzen erhielten die Arbeitskräfte jeweils eine Hälfte des Fangwertes; das tatsächliche Ein­kommen eines Ar­beiters ergab sich auch hier durch die Anzahl der Arbeitskräfte, die für eine bestimmte Fangmethode benötigt wurde. Mit gewöhnlich zehn benötigten Arbeitskräf­ten war dieser Anteil beim Mada Valai am geringsten. Beim Thuri Valai war er - bei durchschnittlich nur fünf Arbeitskräften - bereits doppelt so hoch, und am höchsten war er beim Fang mit den Kiemennetzen, bei dem mindestens zwei, höchstens aber vier Ar­beitskräfte be­nötigt wurden.

Neben dem Anteil aus dem Verkaufserlös des Fanges hatte jeder am Fang beteiligte Haus­halt ein Anrecht auf ein paar Fische für den Eigenverbrauch. War das Fangergebnis so gering, daß nach Abzug des Subsistenzanteils kaum noch vermarktungsfähiger Fisch übrig blieb, dann wurde der Fang vollständig auf die Haushalte aufgeteilt. In diesem Fall wurde der ungleiche Einsatz von Produktionsmitteln nicht berücksichtigt, was eine Besserstellung der produkti­onsmittellosen Arbeitskräfte bedeutete und als Umverteilung wirtschaftlichen Reichtums in Krisenzeiten gewertet werden kann. Witwen und ältere, arbeitsunfähige Fi­scher konnten sich für ihren eigenen Verbrauch ebenfalls einige Fische von einem Fang mit nach Hause nehmen.

"Relatives who have not gone fishing that day or who are in chronic need often come down and ask for a fish or two. These requests are difficult to deny without public embarrassment.[...] People in real need can sell the fish and buy rice. Gifts of fish are also very important for their social meaning. They rein­force previously exist­ing social bonds and strengthen feelings of social solidarity within the commu­nity. For these reasons, the im­portance of these payments and gifts in kind is greater than its cash value would indi­cate"(Norr 1972: 108).

Außerdem wurden stets einige Fische zurückbehalten, wenn der Fang versteigert wurde. So­bald alle Fänge der einzelnen Boote verkauft waren, wurden diese zurückbehaltenen Fi­sche zugunsten der Dorfkasse versteigert.

Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß die Aufteilung des Fangs zu erheblichen Ein­kommensunterschieden geführt hat zwischen den Fischern, die Produktionsmittel besaßen und solchen, die lediglich ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen konnten. Neben dem Mo­ment der wirtschaftlichen und sozialen Polarisierung weist die Art der Fangaufteilung aber auch Züge von sozialer Verantwortung der wohlhabenderen Fischer auf. In Krisenzei­ten und für besonders verwundbare Gruppen des Dorfes war dadurch eine gewisse Absicherung gewähr­leistet, daß Teile des Fangs zu Subsistenz- und Wohlfahrtszwecken ver­wendet wurden.

Ob der große Einkommensunterschied zwischen Fischern und Fischereiarbeitern einzig dadurch erklärt werden kann, daß erstere erhebliche Aufwendungen zum Kauf und Unter­halt von Booten und Netzen hatten, läßt sich aufgrund fehlender Daten nicht berechnen. Hier muß berücksichtigt werden, daß die Besitzer der Produktionsmittel die sozio-ökono­mische Elite des Dorfes darstellten. Eine Akkumulation von Kapital hätte nicht stattfinden können, wenn der Mehrverdienst lediglich zur Instandhaltung und Wiederbeschaffung von Netzen und Boo­ten ausgereicht hätte. Deutlich wird auch, daß durch die Art der Aufteilung des Fangertrages soziale Mobilität innerhalb der Fischerei kaum möglich war. Der Anteil für eine einzelne Ar­beitskraft war derart niedrig, daß unmöglich Rücklagen gebildet werden konnten, um sich ein Boot oder Netz kaufen zu können. Der Besitz von Produktionsmitteln in der Fischerei ist ähn­lich zu bewerten wie Landbesitz in der Landwirtschaft. Da in der Meeresfischerei der Zugang zur Ressource Fisch i.d.R. jedem offen steht,1 kann nur über den Besitz an Produktionsmitteln eine wirtschaftliche und soziale Differenzierung erreicht und fortgeschrieben werden.

Bei der Analyse des frühen Fischfangs an der Coromandelküste wird überdies deutlich, daß weitaus mehr Arbeitskräfte vorhanden gewesen sein müssen als Boote und Netze. Viele Fang­operationen konnten nur durchgeführt werden, wenn ein Netz von vielen Ar­beitskräf­ten bedient wurde. Am ungünstigsten war das Verhältnis beim Fang mit dem Strandwaden­netz, am günstigsten beim Fang mit den Kiemennetzen. Anders ausgedrückt: die beschrie­bene Or­ganisation des Fischfangs setzte eine wirtschaftliche und damit soziale Hierarchie voraus. Diese Hierarchie ist tendenziell umso größer desto ungünstiger das Verhältnis zwi­schen Netzen und die zum Betreiben der Netze notwendigen Arbeitskräften ist.

14.3 Der heutige Stand der Fischereitechnologie in der Kleinfischerei von Madras

14.3.1 Stand und Perspektiven hinsichtlich der Bootstechnologie

Hinsichtlich den verwendeten Bootstypen hat sich in der Kleinfischerei an der Coromandel­küste bislang kaum etwas verändert. Noch immer werden vor allem Kattumarame und Plan­kenboote eingesetzt, die in Konstruktion und Größe genau den Booten entsprechen, die bereits bei Hornell und Anugraham beschrieben werden. Versuche, die Holz­stämme der Kattumarame duch andere Materialien wie z.B. PVC oder Stahlbeton zu erset­zen, müssen inzwischen als gescheitert angesehen werden. Ebenso wenig haben sich bislang gänzlich an­dere Bootstypen in der Kleinfischerei durchsetzen können, von denen z.B. vom Bay of Bengal Programm der FAO verschiedene Varianten erprobt wurden. Die Mo­tori­sierung der Kat­tumarame hat, nach anfänglichen Mißerfolgen, inzwischen wieder ei­nige Popularität erhalten. Ob diese Motoren größere Verbreitung finden können, hängt nicht zuletzt davon ab, ob eine Infra­struktur zur Wartung und Reparatur der Motoren aufgebaut werden kann. Wenn dieses infrastrukturelle Defizit behoben werden kann, ist zu erwarten, daß die Einführung dieser Mo­toren sozial selektiv vonstatten gehen wird, weil die gegen­wärtige Fischerelite genü­gend Einfluß bei den Fischereibehörden hat, sich Kredite und Zuschüsse sichern zu können.

Jede Maßnahme, die dazu geeignet ist, die Fangerträge der Fischer zu steigern, begünstigt die Produktionsmittelbesitzer unverhältnismäßig stark, da sie den Löwenanteil des Fanger­löses erhalten. Solange die Prozentuale Aufteilung des Fangertrages zwischen Besitzern von Produktionsmitteln und Arbeitskräften dabei gleich bleibt, könnten auch die Fischerei­arbei­ter von einer solchen Motorisierung profitieren. Höhere Fangergebnisse bedeuten für sie ebenfalls hö­here Einkommen, selbst wenn sich absolut gesehen der Unterschied zu den Boots- und Netz­besitzern vergrößert. Zu befürchten ist jedoch, daß der Einsatz von Au­ßenbordmotoren auch Auswirkungen auf die Aufteilung der Fangerträge hat. Die hohen Anschaffungskosten - ob­gleich zwar (anfänglich) durch staatliche Kredite und Zuschüsse gemildert - werden vermutlich dazu führen, daß ihre Besitzer einen höheren Fanganteil für sich beanspruchen. Gegenwärtig gibt es z.B. unter den Fischern nördlich von Madras in­tensive Diskussionen darüber, den Fang­anteil zugunsten der Bootsbesitzer - und dadurch zuungunsten der Fischereiarbeiter - zu verändern. Das vorgebrachte Hauptargument besteht darin, daß anders die hohen Wieder­beschaffungs- und Wartungskosten für einen Außenbordmotor nicht aufgebracht werden können.1

Fischer als auch Fischereiarbeiter stehen den Außen­bordmotoren aufgeschlossen gegen­über, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Fischfang­operationen in vielerlei Hinsicht erleich­tern. Sie machen die Fischer mobiler, bringen sie schneller zu den Fischgründen und nach dem Fang zurück zum Strand. Sie machen sie gleichzeitig unabhängiger von den lokalen und saisonalen Wind- und Strömungsverhältnis­sen. Da diese Motoren beim Fang selbst nicht eingesetzt werden können, besteht auch nicht die Gefahr, daß nun plötzlich die öko­logisch bedenklichen Grundschleppnetze von Kattumaramen aus eingesetzt werden. Den­noch beinhaltet die Einfüh­rung von Außen­bordmotoren für die Kattumaramfischerei auch deshalb reichlich sozialen Sprengstoff, weil nicht ausgeschlossen werden kann, daß sich im bestehenden Konflikt zwi­schen den unmotorisierten Kleinfischern und der mechanisierten Trawlerfischerei eine dritte Gruppe etablieren könnten, die in Konflikt zu den beiden ande­ren Gruppen geraten könnte. Da der gegenwärtige Konflikt zwischen Kleinfischerei und Trawlerfischerei ein Konflikt zwi­schen unterschiedlichen Gruppen ist, die um die gleiche Ressource konkurrieren, würden bei der Etablierung einer dritten Gruppe, die ebenfalls an dieser Ressource interessiert ist, die unmoto­risierten Kleinfischer als schwächstes Glied die­ser Konstellation aller Wahr­scheinlichkeit nach erhebliche Verluste hinnehmen müssen.

14.3.2 Stand und Perspektive der Netztechnologie in der Kleinfischerei

Anders als zu Zeiten Hornells und Anugrahams sind heute die wichtigsten Netze, die an der Coromandelküste eingesetzt werden, Kiemennetze. Norr (1972) hat ihre Untersuchung in einer Zeit durchgeführt, als die früheren Netzarten gerade noch präsent, aber bereits zu einem gro­ßen Teil von den neuartigen Netzen abgelöst wor­den waren. Inzwi­schen ist der Übergang zu den Kiemennetzen aus Kunstfasern weitgehend abgeschlossen. Von den traditionellen Netzen hat sich nur das Strandwadennetz be­haupten können, während die anderen Netze - falls noch vorhanden - nur noch gelegentlich eingesetzt werden. Über 90 Prozent der Fischfangoperationen werden heute mit Kiemen­netzen aus Kunstfasern durchgeführt.

Im der untersuchten Fischersiedlung wurden während der Untersuchung vier verschiedene Kiemennetzarten vorgefunden: Das Kavalai Valai (zum Fang kleinerer Sardinenarten), das Thatta-Kavalai Valai oder auch Pannu Valai genannt (zum Fang von größeren Sardinenar­ten und Makre­len), das Mani Valai (zum Fang von Garnelen) und das Kolla Valai (zum Fang von Flie­genden Fischen). Auch wenn den einzelnen Netzen bestimmte Fischarten zugeordnet werden, heißt dies keineswegs, daß nicht auch andere Fischarten ähnlicher Größe damit ge­fangen werden. So wurde das Thatta-Kavalai Valai jahrelang auch zum Fang von Garnelen verwen­det, bevor mit dem Mani Valai ein Netz aufkam, das dafür bes­ser geeignet ist. Ein ähnlicher Wandel vollzieht sich im Moment beim Fang von Fliegenden Fischen, wozu bislang ebenfalls das Thatta-Kavalai Valai verwendet worden war. Seit we­nigen Jahren gibt es nun das Kolla Valai, das von der Maschenweite in etwa mit dem Thatta-Kavalai Valai übereinstimmt, jedoch schmaler und dadurch leichter und billiger ist.

Tab. 41: Charakteristika der wichtigsten Kiemennetze in Nochikuppam

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Erhebung: November 1990-Februar 1991

Großmaschige Kiemennetze, wie sie teilweise in den Fischerdörfern südlich von Madras zu finden sind - etwa das Surai Valai zum Haifischfang oder ein Netz zum Seerfischfang (Vanjiram Valai) - sind in Nochikuppam nicht verbreitet.Das größte und auch das teuerste Kiemennetz ist das Kavalai-Vailai. Ein kleines Netz dieser Art wiegt mindestens 10 kg, mei­stens werden jedoch Netze eingesetzt, die deutlich größer sind.1 Das Kavalai-Netz kann, wie auch das Thatta-Kavalai Valai praktisch das ganze Jahr über verwendet werden, das Kolla- und Mani-Valai jedoch nur zu ganz bestimmten Jahreszeiten. Die beiden letztgenannten Netze sind erheblich kleiner und dadurch wesentlich billiger als die beiden erstgenannten Netze.

14.4 Verteilung von Booten und Netzen in Nochikuppam

Insgesamt gibt es in Nochikuppam etwa 150 Fischerhaushalte, die entweder Boot oder Netze, zumeist aber beides besitzen. Mit Ausnahme zweier Haushalte, die sowohl jeweils ein Masula Boot als auch einen Kattumaram besitzen, entfallen auf die restlichen Haus­halte jeweils nur eine Bootskategorie. Von den 119 Haushalten, in denen es einen oder - selten - zwei Kattuma­rame gibt, besitzen 17 Haushalte kein einziges Netz. Umgekehrt gibt es 26 Haushalte, die ein oder mehrere Netze besitzen, aber keinen Kattumaram. In sieben Haus­halten mit Kattumara­men gibt es zwei solcher Boote. Zwei Haushalte aus Nochikup­pam betreiben von Kasimedu aus, dem Fischereihafen im Norden von Madras, jeweils einen me­chanisierten Trawler. Sie haben dazu eine Crew angestellt, deren Mitglieder we­der aus Nochikuppam sind noch der Fischerkaste angehören. Sie werden nach einem Fest­lohn be­zahlt. Wenn der Fang einen be­stimmten Betrag übersteigt, erhalten sie noch eine Prä­mie.

Von den Netzen, die vor Einführung der Kiemennetze aus Kunstfasern in der Kleinfische­rei verwendet wurden, sind heute noch elf Stück in Nochikuppam anzutreffen. Vier davon, näm­lich die Strandwadennetze, werden noch regelmäßig ein­gesetzt, während vier Mada Valai und drei Thuri Valai nur noch ganz selten verwendet werden. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn in der Nähe des Dorfes ein größerer Fisch­schwarm gesichtet worden ist. In solchen Fällen werden vor allem Mada Valais eingesetzt, und die Fangergeb­nisse, die bei solchen Einsätzen erzielt werden, sind zumeist ungewöhn­lich hoch.

Alle anderen Netze in Nochikuppam sind Kiemennetze aus Kunstfasern. Bei der Befra­gung aller Haushalte von Nochikuppam wurden 244 solcher Kiemennetze gezählt, wo­bei am häu­figsten das Kavalai Valai vorkommt, gefolgt vom Mani Valai und Thatta - Ka­valai Valai. Das Kolla Valai ist am wenigsten verbreitet, was auch darauf zurückzuführen ist, daß es erst seit wenigen Jahren benutzt wird.

Tab. 42: Verteilung von Netztypen auf die Fischerhaushalte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Erhebung: November 1990-Februar 1991

Ein Großteil jener Fischer, die lediglich ein einziges Netz besitzen, haben ein Kavalai Valai. Auch in den Haushalten mit mehr als einem Netz ist das Kavalai Valai am häufig­sten. Diese Feststellung gilt sowohl für die Haushalte, die einen Kattumaram besitzen als auch für Haus­halte ohne Boot. Bei der Verteilung der drei anderen Netzarten spielt hingegen der Besitz eines Bootes eine größere Rolle. Bei den Haushalten ohne Kattumarame ist das Thatta-Ka­valai Valai am zweithäufigsten, während die Haushalte mit Booten das Mani Valai höher ein­schätzen. Deutlicher ist dieser Unterschied beim Kolla Valai ausgeprägt. Bei den Haushalten ohne Boot ist dieses Netz nur ein einziges Mal vorhanden. Bei der Vertei­lung der einzelnen Netzarten wird deutlich, daß die Gegenüberstellung von Produktionsmit­telbesitzern und Fi­schereiarbeitern mitunter nicht eindeutig ist, da sie bei jeder Fangopera­tion neu bestimmt werden muß. Ein bootsloser Besitzer eines einzigen Netzes wird dann zwangsläufig zum Fischerei­arbeiter, wenn eine andere Netzart eingesetzt wird als die, die er selbst besitzt. Mitunter kann es auch vorkommen, daß er zwar ein ent­sprechendes Netz besitzt, der Bootsbesitzer aber, bei dem er die Fangfahrt mitmacht, be­reits mit genügend Netzen versorgt ist. In diesem Fall kann er sein Netz gar nicht auf die Fangfahrt mitnehmen und erhält auch nicht den dafür üblichen Anteil vom Fang.

14.5 Die gegenwärtige Arbeitsorganisation in der Kleinfischerei

Bei der Arbeit mit einem Kattumaram werden je nach Größe des Bootes, den Witterungs­be­dingungen, dem erwartenten Fischvorkommen und der Art der eingesetzten Netze zwi­schen zwei und fünf Personen benötigt. Gewöhnlich besteht ein solches Fischerteam aus dem Boots­besitzer, der zumeist auch Netze für den Fang bereitstellt, und mithelfenden Haushaltsangehö­rigen. Reicht die Zahl der Angehörigen nicht aus, werden zusätzliche noch Fischereiarbeiter angestellt. Wenn es die Situation erfordert und die haushaltsfremden Ar­beitskräfte dazu in der Lage sind, bringen sie auch Netze für den Fang mit ein.

Die Art und Weise der Aufteilung des Fanges geschieht nach einem festen Schlüssel, nach dem die eine Hälfte des Fangwertes auf die Produktionsmittel entfällt und die andere Hälfte auf die Arbeitskräfte. Damit wird das Prinzip der Fangaufteilung, das bereits beim Fang mit Kiemen­netzen aus Baumwolle gebräuchlich war, auch beim Fang mit Kiemen­netzen aus Kunstfasern angewendet. Wenn ein familienfremder Arbeiter ebenfalls Produktionsmittel einbringt, wird für die Bereitstellung des Bootes ein zusätzlicher Anteil von 10 Prozent vom Fangwert dem Bootsbesitzer zugerechnet, d.h. 40 Prozent des Fangwertes ist dann für den/die Netzbesitzer.

Grundsätzlich wird bei einer Fangfahrt nur eine einzige Netzart verwendet, d.h. bereits zu Be­ginn der Fangfahrt wird darüber entschieden, welche Fischarten gefangen und welche Fisch­gründe dazu aufgesucht werden. Hingegen ist es nicht unüblich, mehrere Netze der­selben Art miteinander zu verbinden, um dadurch die Gesamtlänge des Netzes zu erhöhen und somit einen größeren Meeresbereich abfischen zu können. Dies wird vor allem dann getan, wenn ein geringes Fischvorkommen vermutet wird. Zu Zeiten hoher Fischdichte würden zusätzliche Netze nur Platz auf dem Kattumaram wegnehmen, zumal ein guter Fang mit einem einzigen Netz an die Ladekapazität eines Bootes heranreichen kann. Gele­gentlich entfernen die Fischer bereits auf See die Fische aus dem Netz, so daß es an Ort und Stelle ein zweites oder drittes Mal aus­gebracht werden kann. In der Regel findet je­doch das "Entleeren" des Netzes nach Rückkehr der Boote am Strand statt.

Viele der Fischereiarbeiter befinden sich nach wie vor in einem Schuldverhältnis zum Boots­besitzer, das sie zur Arbeit für ihn verpflichtet. Wie traditionell üblich, werden auf diesen Kredit keine Zinsen erhoben. Der Betrag, den sie vom Bootsbesitzer erhalten können, ist je­doch auf etwa 2000 Rs begrenzt. Für die Fischereiarbeiter ist ein solches Schuld­verhältnis eine ambivalente Angelegenheit. Zwar können sie so zu einem langfristigen zins­losen Kredit kom­men, müssen aber eben für den Kreditgeber arbeiten. Die meisten der be­fragten Fischereiarbei­ter bewerteten ein solches Schuldverhältnis negativ. Es schränkt sie in ihren Entscheidungen erheblich ein. Sie haben kein Mitspracherecht in der Frage, wann sie zum Fischen ausfahren, sondern erwarten in der Regel am frühen Morgen am Strand die Ankunft ihres "Arbeitgebers", um dann mit ihm zum Fischfang aufzubrechen. Entscheidet sich dieser aus irgendwelchen Gründen dazu, an diesem Tag nicht fischen zu gehen, kann dies u.U. für sie bedeuten, daß sie an diesem Tag auch nicht fischen gehen können. Ande­rerseits kommt es vor allem in der Gar­nelenfangzeit - in den Monaten Okto­ber bis Januar - häufig vor, daß der Bootsbesitzer zusätz­liche Arbeitskräfte aus seinem eigenen Haushalt mobilisiert.1 Für Fischereiarbeiter entstehen gerade in dieser Zeit häufig Einkommens­ausfälle, weil es schwierig ist, Boote zu finden, bei dem sie kurzfristig Aufnahme finden können.

Die Fangfahrten mit dem Kavalai Valai und dem Thatta-Kavalai Valai beginnen meistens sehr früh am Morgen bei Dunkelheit, manchmal bereits kurz nach Mitternacht. So können die Fi­scher die für sie günstigen Landwinde zur Ausfahrt nutzen, um dann bereits am Vormittag, unter Ausnutzung des inzwischen gedrehten Windes, zum Strand zurückzukeh­ren. Eine frühe Rückkehr zum Strand hat auch den Vorteil, daß der Fisch noch am Vormit­tag an Fischhändler verkauft oder von den Fischersfrauen zum Markt gebracht werden kann. Je später ein Boot zurückkehrt, desto geringer ist zumeist der Verkaufserlös, weil mit fortschreitender Tageszeit die Zahl der am Strand wartenden Fischhändler zurückgeht. Da Fisch eine schnell verderbliche Ware ist, sind die Fischer bemüht, ihre Rückkehr keines­falls in die heißen Nachmittagsstunden fallen zu lassen. Zu dieser Zeit sind kaum Aufkäufer am Strand vorzufinden und die Märkte so wenig frequentiert, daß ein Verkauf des Fanges erst wieder in den Abendstunden möglich ist.

Beim Mani Valai und vor allem beim Kolla Valai unterscheiden sich Beginn und Dauer der Fangfahrten von dem üblichen Muster. Die Vermarktung der mit dem Mani Valai ge­fange­nen Garnelen ist unabhängig von der lokalen Vermarktungssituation. Sie wird - zu­mindest wenn die Garnelen Exportqualität erreichen - über Agenten der Exportfirmen durchgeführt. Diese nehmen Garnelen ohne Preisabschläge bis spät in die Nacht hinein entgegen. Garnelen werden küstennah gefangen, so daß die Fischer die Fanggründe auch bei ungünstigen Wind­verhältnissen rasch erreichen können. Auch aus diesem Grund ist ein Beginn der Fangfahrt in den frühen Morgenstunden nicht zwingend. Beim Kolla Valai (Fliegende Fische) ist eine Rückkehr zum Strand im Laufe des Vormittags nicht möglich, da die Fischgründe bis zu 20 Seemeilen von der Küste entfernt sind und die Fahrt dorthin und zurück mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Beim Fang von Fliegenden Fischen würde sich deshalb eine Motorisierung der Boote sehr günstig auswirken, zumal diese Fische auf dem Markt sehr gute Preise erzie­len und bei einer einzigen Fangfahrt die Boote i.d.R. bis an die Grenze ihrer Kapazität bela­den sind. Ebenfalls für eine Motorisierung spricht der Umstand, daß die die kurze Fangsai­son für Fliegende Fische in eine Periode ungünstiger Windverhält­nisse fällt. In manchen Jahren muß diese Fischerei vollkommen ausfallen, weil die Fischer die Fanggebiete nicht erreichen können, oder weil es unsicher ist, ob sie von dort wieder zurückkommen.

14.5.1 Geschlechterspezifische Merkmale der Arbeitsorganisation

Der Fischfang vom Boot aus ist ausschließlich eine Beschäftigung der Männer. Frauen fah­ren weder mit Kattumaramen noch mit Masula-Booten aus. Frauen hätten auf diesen Boo­ten nichts zu suchen und würden durch ihre Anwesenheit - so befragte Fischer und Fischers­frauen - sogar den günstigen Ausgang einer Fangfahrt gefährden. Die Fischer ge­ben als zusätzliche Begründung an, daß diese Beschäftigung für Frauen zu anstrengend und zu ge­fährlich sei. Die Fischersfrauen wollen dieses Argument nicht gelten lassen. Sie ver­weisen darauf, daß die Fi­scherei zwar in hohem Maße Übung und Erfahrung erfordere, Muskelkraft aber lediglich zweitrangig sei und nur an Tagen mit besonders widrigen Um­weltbedingun­gen voll zum Tragen käme. Allerdings konnte sich keine der befragten Frauen vorstellen, diese Arbeit auch tatsächlich zu machen.

Bedenkt man jedoch, daß nur wenige hundert Kilometer südlich in der Palk Street hun­derte von Frauen derselben Kaste in ihren Sarees der gefährlichen Beschäftigung des Perl­tau­chens nachgehen, ist diese Begründung wenig einleuchtend (Shetty 1991).

Norr (1972: 74) will beobachtet haben, daß Frauen beim Einholen der Strandwaden mit­hal­fen. Dies ist nicht die Regel, aber auch nicht vollständig auszuschließen. Auch bei ande­ren Beschäftigungen konnte während der Feldforschung beob­achtet werden, daß Frauen mithal­fen, wenn "Not am Mann" war. Dies traf vor allem auf das Entfernen der Fische aus den Net­zen zu, eine Tätigkeit, die bei der Befragung eindeu­tig als "männliche" charakteri­siert wurde. In Spitzenzeiten konnte vielfach beob­achtet werden, daß Frauen mithalfen, um diese Tätigkeit schneller beenden und den Fisch früher an Fischhändler verkaufen bzw. auf nahegelegene Märkte bringen zu können.

Traditionell ist das Vermarkten der Fische die Aufgabe der Fischersfrauen. Die Fischhänd­ler, die jeden Morgen mit ihren Fahrrädern an den Strand kommen, um dort Fisch zu er­steigern, sind jedoch ausnahmslos Männer, wenngleich nicht aus der Fischerkaste. Das Bild von den Fischersfrauen, die den Fisch ihrer Männer vermarkten und dadurch die Kontrolle über die Haushaltsfinanzen besitzen, ist deshalb, zumindest was die Vermark­tung in Ma­dras betrifft,1 in mehrerer Hinsicht korrekturbedürftig. Durch die geringen Gewinnspannen, die beim Fisch­verkauf erzielt werden können, ist es meistens günstiger, den Fisch nach dem Anlanden am Strand direkt an Fischhändler zu verkaufen, die ihn dann mit ihren Fahrrädern in küstenabgele­gene Gebiete bringen, als wenn die Fischersfrauen die Kosten für den Trans­port dorthin selbst aufbringen würden. Fischersfrauen übernehmen die Vermarktung i.d.R. nur dann, wenn der Fisch nicht anderweitig verkauft werden konnte und sie begeben sich dabei auf Märkte, die sie in kürzester Zeit zu Fuß erreichen können. Häufig sind dies die Fischmärkte im Fischerdorf selbst, wo die erzielbaren Preise verständlicherweise am niedrigsten sind.

Dennoch gibt es auch im untersuchten Fischerdorf Frauen, die durch die Fischvermarktung einen nicht unbedeutenden Teil zum Haushaltseinkommen beitragen. Dabei verkaufen sie allerdings keinen Fisch, der von Fischern aus diesem Dorf gefangen worden ist. Sie beschaf­fen sich vielmehr auf dem im Norden von Madras gelegenen Fischereihafen und bringen ihn auf Märkte, die sich in küstenabgelegenen Gebieten befinden. Oftmals sind diese Fischers­frauen lediglich Zwischenhändlerinnnen, d.h. sie bringen große Körbe mit Fisch mit einer motorisier­ten Fahrradrickshaw vom Fischereihafen nach Nochikuppam, wo er dann an an­dere Fischers­frauen weiterverkauft wird. Dabei haben sie sich auf Fischarten höherer Quali­tät spezialisiert, die von den Kleinfischern selten gefangen werden (Seerfisch, Haie, Barsche, Krabben, etc.). Selbst auf dem Fischmarkt von Nochikuppam erzielen diese Fischarten einen guten Preis, weil sie nicht mit den Fischen konkurrieren, die von den ortsansässigen Fi­schern gefangen werden.

Wichtig ist, daß durch diese Vermarktungsstrategie die Fischerhaushalte unabhängiger von ihren eigenen Fischfängen werden. Die mechanisierten Boote, die ihre Fänge im Fischerei­ha­fen anlanden, können häufig auch dann noch zum Fang ausfahren, wenn dies für die Kat­tuma­ramfischer aufgrund ungünstiger Witterungsverhältnisse nicht mehr möglich ist.

Die Vermarktung der Garnelen ist eine ausschließliche Angelegenheit von Männern. Sie sind die Ansprechpartner für die Agenten der Exportfirmen und sie erhalten auch die Be­zahlung für die Garnelen. So ist in der lukrativen Garnelenfischerei die Vermarktung - und damit die Kon­trolle über den Fangerlös - vollständig von den Fischersfrauen auf die Män­ner übergegangen.

In den meisten Fischerhaushalten verwalten jedoch auch heute noch die Fischersfrauen die Haushaltsfinanzen. Selbst wenn das Geld vom Fangerlös zunächst dem Mann zukommt, wird der in den meisten Fällen dieses Einkommen seiner Frau weitergeben und für sich le­diglich ein kleines "Taschengeld" zurückbehalten.1 Die viel zitierte Kontrolle der Frauen über die Haus­haltsfinanzen ist deshalb nicht das Resultat ihrer unmittelbaren wirtschaftlichen Aktivitäten, sondern wird erst dadurch wirksam, daß die Fischer ihre Einnah­men den Ehefrauen überant­worten. Selbst in Haushalten, in denen niemand mehr in der Fischerei beschäftigt ist, sind es zumeist die Frauen, die die Haushaltsfinanzen verwalten.

Als ausschließliche Männerarbeit wurde von den befragten Fischern auch das Instandset­zen der Netze genannt. Während des Fangs reißen Maschen der Kiemennetze, wenn sich z.B. ein größerer Fisch darin verfängt und sich zu befreien versucht. Besonders gefürchtet sind bei den Fischern Delphine, die mitunter große Stücke aus den Netzen herausreißen. Unmit­telbar nachdem die Fische am Strand entweder verkauft oder den Fischersfrauen zur Ver­marktung übergeben worden sind, beginnen die Fischer damit, die Netze für die näch­ste Fangfahrt in Ordnung zu bringen. Mit Nylonschnur werden dabei die schadhaften Teile aus­gebessert. Traditionell war es allerdings so, daß Frauen bei der Herstellung und Aus­besse­rung der Netze mithalfen bzw. diese Arbeit vollständig verrichteten.

"Many women in the fishing village are economally active. They sell fish, make and sell il­licit rice beer, weave nets, buy ration cards and sell rice at a slight profit, and make inter­est on small loans to one another." (Norr 1972: 245)

Während der Untersuchung konnte dies jedoch kein einziges Mal beobachtet werden. Die Fi­scher berichteten auch davon, daß sie früher von der Fischereibehörde Nylongarn zur Ver­fü­gung gestellt bekamen, mit dem die Frauen Netze knüpften und diese z.T. auch an andere Fi­scher verkauften. Seit es jedoch die Nylonnetze "am Stück" zu kaufen gibt, ist das Knüp­fen von vollständigen Netzen verschwunden. Die Fischer kaufen heute ausnahmslos die Rohnetze - d.h. ohne Schwimmer, Senkgewichte und Zugleinen -, die sie anschließend selbst gebrauchs­fertig machen.

14.6 Zusammenfassung: Der Wandel in der Netztechnologie und ihre Auswirk-ungen auf die Arbeitsorganisation in der Kleinfischerei.

Vergleicht man die Arbeiten von Hornell (1924), Anugraham (1940) und Norr (1972) mit der heutigen Situation, dann wird deutlich, daß ein Wandel in der eingesetzten Netztechnologie stattgefunden hat. Auch wenn Hornell (1924) keine exakten Zahlen hin­sichtlich der Anzahl der von ihm beschriebenen Netztypen vornimmt, geht aus seiner Beschrei­bung hervor, daß zu seiner Zeit das Mada-Valai und das Thuri-Valai die beiden häufigsten Netztypen waren, gefolgt vom Periya Valai. Kiemennetze aus Baumwolle waren den Fischern zwar bekannt, jedoch wenig verbreitet. Bei Anugraham (1940) wird die Bedeutung der einzelnen Netztypen ähnlich angegeben; auch hier liegen keine exakten Zah­len vor. Norr (1972) hingegen beschreibt sehr ausführlich wie in dem von ihr untersuchten Fischerdorf in Madras die einzelnen Netze verteilt waren. Sie zählte drei Strandwadennetze (Periya Valai), sieben Mada Valai, etwa 37 Boat-Seine-Netze (davon: ca. 32 Thuri Valai, 3 Eru Valai und 2 Kola Valai) und mehr als 53 größere Kiemennetze, wovon mehr als die Hälfte aus Nylon her­gestellt waren. (Norr 1972: 336-339).

Anläßlich einer Wiederholungsstudie in demselben Fischerdorf aus dem Jahre 1980 wird das Ausmaß im Wandel der Netztechnologie eindrücklich dargestellt.

"Nylon nets were a relatively recent innovation in 1965. Less than a third of the nets in the village were ny­lon. In 1980, while the total number of nets has remained almost constant, nine of ten nets are nylon. The nylon net is a simple gill net, and its widespread adoption has diminished the importance of more complex fishing techniques and reduced the demand for fishing labor" (Norr/Norr 1982: 114f).

In dem vom Autor untersuchten Fischerdorf kamen bei mehr als 90 Prozent der Fangfahrten Kiemennetze zum Einsatz. Es gab daneben noch vier Periya Valai, die dann regelmäßig einge­setzt wurden, wenn es die Brandungsverhältnisse zuließen und eine geringe Anzahl Mada und Thuri Valai, die jedoch nur noch ganz selten zum Einsatz kommen. Deutlich wird dieser Wan­del auch, wenn man die Zählung der Netztypen in der Kleinfischerei für ganz Tamil Nadu be­trachtet. So waren 1980 von den 2581 im Stadtgebiet von Madras ge­zählten Netze 2107 (82%) Kiemennetze, 327 (13%) Schleppnetze (Boat-Seines, Thuri valai), 101 (4%) Taschen­netze (bagnets, Mada Valai) und 46 (2%) Strandwadennetze (BOBP 1983).

Die frühere Arbeitsorganisation war für den Zusammenhalt der einzelnen Haushalte im Dorf günstiger als dies heute der Fall ist. Dadurch daß viele Fangoperationen nur in größeren Grup­pen durchgeführt werden konnten, war die Notwendigkeit zur Kooperation unter den Fischern groß. Sicherlich war auch das Konfliktpotential deshalb geringer, weil die Macht­positionen im Dorf ein­deutiger verteilt waren und nur schwer in Frage gestellt werden konnten.

Mit dem Einzug von Kiemennetzen aus Kunstfasern wurde der Fischfang stark verändert. So sind die neuen Netze z.B. haltbarer und erheblich leichter, so daß längere Netze auf den Fang­fahrten mitgeführt werden können. Dies erlaubt es, bei einer Fangoperation ein erheblich grö­ßeres Fanggebiet abzudecken. Entscheidend ist jedoch, daß diese Netze im Wasser für die Fi­sche praktisch unsichtbar sind. Die früheren Kiemennetze aus Baumwolle waren nicht fein ge­nug und im Wasser deutlich sichtbar. Mit den Kunststoffnetzen wird dieses Manko überwun­den.Der Wandel in der Netztechnologie hat den Fischfang revolutioniert, wenngleich sich gegenwärtig ein deutlicher Rückgang der Fänge abzeichnet. Als Folge der neuen Netztechnolo­gie werden heute die meisten Fangope­rationen in Kleingruppen durch­geführt. Einige Fische­reiarbeiter konnten zu Besitzern von Produktionsmitteln werden, doch jene, die diesen Schritt nicht machen konnten, sehen sich jedoch zunehmend dem Problem ausgesetzt, eine regelmä­ßige Anstellung zu erhalten.

14.7 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Landwirtschaft und Kleinfischerei

Ein Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aus den Entwicklungen, die seit mehr als 30 Jahren im indischen Fischereisektor stattgefunden haben, Rückschlüsse auf mögliche Entwick­lungen für den Agrarbereich des Landes zu ziehen. So wie die Exportorientierung in der Fischerei dazu führte, daß die ursprünglichen Produzenten oftmals aus der Produktion ge­drängt wurden, da diese aufgrund der hohen Weltmarktpreise für Garnelen nicht mit wirtschaftlich und politisch einflußreichen Interessensgruppen konkurrieren konnten, kann nicht ausgeschlossen werden, daß ähnliche Verdrängungsprozesse auch im agraren Bereich auftreten. Es ist erklärtes Ziel der indischen Regierung, die Agrarexporte des Landes in naher Zukunft gewaltig zu steigern. So­wohl indische als auch transnationale Agro-Indu­strien haben in den letzten Jahren bereits große Anstrengungen unternommen, das Export­volumen landwirtschaftlicher Güter zu steigern. Mit der Liberalisierung des Weltagrar­marktes durch die Auswirkungen der Uruguay-Runde des GATT kann nicht ausgeschlos­sen werden, daß mittelfristig die Agrarexporte Indiens weiter stark zunehmen.

Für die vorliegende Arbeit von großem Interesse ist, wie sich solche Verlagerungen von Han­delströmen auf der lokalen Ebene auswirken. Der Rückgang der Fänge und damit der Einkom­men in der Kleinfischerei ist eine dieser Auswirkungen, die statistisch festgestellt werden kann. Es wird allerdings angenommen, daß auch unter den Kleinfischern dieser Verdrängungprozeß nicht gleichmäßig stattgefunden hat, sondern daß auch hier Gruppen zu finden sind, die zumin­dest zeitweise von den hohen Weltmarktpreisen für Garnelen profitieren konnten, gleichzeitig aber von Entwicklungen auf dem Weltmarkt sehr stark abhängig wurden. Bevor dies allerdings vertieft werden kann und bevor Rückschlüsse von der Kleinfischerei auf Kleinproduzenten in der Landwirtschaft gezogen werden können, soll kurz herausgestellt werden, in wie weit sich die Kleinfischerei und der kleinbäuerliche Bereich überhaupt vergleichen lassen und welche internen Auswirkungen die verstärkte Exportorientierung auf die Kleinfischer hatten.

Das Einkommen in der Fischerei ist sehr großen Schwankungen ausgesetzt. Perioden, in denen die Fischer über einen längeren Zeitraum kaum oder überhaupt nichts fangen, wech­seln sich mit solchen ab, in denen es ein kontinuierliches Einkommen gibt. Mitunter werden an einem einzigen Tag Fangergebnisse erzielt, die tausende von Rupien pro Fischer­team überschreiten.

So wurden z.B. zwischen dem 16. und 20. Dezember 1984 in Kovalam, einem Fischerdorf etwa 35 km südlich von Madras, insgesamt 13,5 Tonnen Garnelen (Penaeus indicus, In­dian white shrimp) gefan­gen, die einen Verkaufserlös von fast einer halben Million Rupien einbrachten. Bemerkenswert an diesem Fang war zudem, daß Fischerteams von weither angereist waren, um ebenfalls von dem außerge­wöhnlichen Garnelenvorkommen zu profi­tieren.

"In this heavy fishing at Kovalam, fishermen from Thevanampatnam (121 km south of Kovalam) to Royapuram (nothern part of Madras city) participated. They transported their catamarans by lorries to Kovalam. The news of white prawn catch was conveyed even to the far off fishermen through postal com­munication by their friends and relatives from Kovalam and nearby villages" (MFIS, Oktober 1985:15ff).

Innerhalb von zwei Tagen hatte sich die Anzahl der eingesetzten Kattumarame in Kovalam etwa verzehnfacht.1 Einen ebenfalls außergewöhnlichen Fang hatten im Juli 1989 die Fischer dreier Dörfer am südlichen Stadtrand von Madras. Innerhalb von drei Tagen fingen sie mehr als 7,5 Tonnen Garnelen (Metapenaeus dobsoni; flower-tail shrimp). Allein am 16. Juli wurden von le­diglich sechs Teams mehr als drei Tonnen gefangen, die für 68.508 Rs verkauft werden konnten (MFIS, Mai 1989: 8). Der bislang wahrscheinlich größte dokumentierte Einzel­fang aus der Gegend um Madras stammt vom August 1988, als in einem Fischerdorf nörd­lich von Madras an einem einzigen Tag etwa 20 Tonnen Welse (Tachysurus Dussumieri, Dussumier's cat fish) gefangen wurden. Ein einziger Kattumaram brachte es dabei auf 14 Tonnen, die einen Verkaufserlös von über 100.000 Rs einbrachten (MFIS, August 1989:14).

Solch hohe Einzelfänge sind sicherlich nicht die Regel in der Kleinfischerei, sie sind aber auch nicht vollkommen auszuschließen. Sie dokumenieren anschaulich, daß die Einkom­men der Fischer nur schwer vorhersehbar sind und in relativ kurzer Zeit gewaltige Er­löse erzielt werden können.

Anders als in der Landwirtschaft, in der die Landwirte ihr Einkommen am Ende einer län­geren Anbauperiode mit der Vermarktung der Ernte erzielen, fällt in der Fischerei das Ein­kommen dann an, wenn tatsächlich gefischt werden kann und dabei auch etwas gefangen wird. Das Ein­kommen eines Landwirtes in Indien besteht in der Regel aus einer größeren Geldsumme sowie einem Teil der Anbauprodukte. Dies muß ausreichen, um die Familie bis zur nächsten Ernte zu versorgen und gleichzeitig auch die Ausgaben für die nächste Anbauperiode zu bestreiten. Je nach Anbausystem finden innerhalb eines Wirtschaftsjahres nur wenige Ernten statt. Ziel land­wirtschaftlicher Betätigung ist es, die unterschiedlichen Phasen - von der Aussaat bis zur Ernte - so zu gestalten, daß das Ernteergebnis die Lebens­fähigkeit des Betriebes/der Menschen auf­rechterhalten kann.

Das Einkommen in der Fischerei hingegen setzt sich aus vielen Tageseinkommen zusam­men; die wirtschaftliche Situation eines Fischers läßt sich erst durch Beobachtungen über einen länge­ren Zeitraum beurteilen. Perioden, die keine oder nur geringe Einkommen bringen, müssen durch Perioden ausgeglichen werden, in denen die Fänge überdurchschnittlich hoch sind, will der Fischer nicht in einen Verschuldungskreislauf geraten.

In der Regel behält ein Landwirt einen Teil seiner Ernte für den Eigenbedarf. Dies ist in der Fischerei, zumindest über einen Zeitraum von wenigen Tagen hinaus, nicht möglich, ohne die Qualität des Fisches stark zu vermindern. Ein Fischer kann zwar vom Tagesfang für den Ver­brauch seiner Familie einige Fische beiseite legen, er wird aber schwerlich Vorräte für einen längeren Zeitraum bilden.2

Beide Arten der Einkommenserzielung haben ihre Vor- und Nachteile. Ein Landwirt ist gegen­über großen Abweichungen bei den natürlichen Rahmenbedingungen verwundbarer als ein Fi­scher. Zu geringe oder zu hohe Niederschläge können z.B. den Arbeits- und Kapi­taleinsatz einer ganzen Anbauperiode zunichte machen und die Familie des Landwirts in ihrer Existenz bedrohen. Die Verhältnisse in der Fischerei sind hier deutlich anders. Eine unergiebige oder gar ausgefallene Fangfahrt bedeutet nicht den Ruin des Fischers. Erst wenn über eine längere Zeit hinweg die Erträge ausbleiben oder regelmäßig zu niedrig sind, tritt für ihn eine bedrohliche Situation ein.

Hinsichtlich der Gewichtung und Organisation von Produktionsfaktoren unterscheidet sich die Fischerei wesentlich von der Landwirtschaft. Hier ist der wichtigste Produktionsfaktor das Land, das in aller Regel in privaten Händen ist. In der indischen Küstenfischerei gibt es - mit wenigen Ausnahmen - keinen individuellen Besitz an Fanggründen, sondern das Meer ist eine allen - auch dorffremden- Gruppen zugängliche Ressource. Norr (1972) will dagegen festge­stellt haben, daß den einzelnen Fischerdörfern bestimmte Fischgründe zugeordnet sind.

"Although individuals do not have rights to particular places to fish, villages as a whole do have rights to specific fishing grounds" (Norr 1972:88).

Während der Feldforschung konnte für diese Beobachtung keine Bestätigung gefunden werden; ganz im Gegenteil: es spricht sehr viel dafür, daß dies auch in früheren Zeiten nie der Fall war. Erstens war wegen des geringeren Ressourcendrucks eine solche Regelung früher weniger notwendig als sie es heute wäre, und zweitens können sich die älteren Fi­scher aus Nochikuppam nicht daran erinnern, daß solche Regelungen früher einmal be­standen. Norr hatte ihre Feld­forschung Ende der 60er Jahre durchgeführt, so daß sich auch heute noch viele Fischer an sol­che Besitzrechte erinnern müßten, hätten sie jemals existiert.1 Drei Arten von Besitzrechten hat es allerdings früher in der Meeresfischerei von Tamil Nadu gegeben, zwei davon haben auch noch heute Bestand. Die Strandwaden können nur an dem Strandabschnitt eingesetzt werden, der zum jeweiligen Fischerdorf gehört. Wird dieses ungeschriebene Gesetz gebrochen, sind gewalttätige Auseinanderset­zungen zwischen den betroffenen Fischerdörfern nahezu unausweichlich.2 Weiterhin galt, daß ein Fischer sein Netz nur so ausbringen darf, daß kein anderer Fischer, der bereits in dem entsprechenden Gebiet fischt, beeinträchtigt wird. Durch die immer länger werdenden Netze läßt es sich nie vollkommen ausschließen, daß sich zwei Netze inein­ander verfan­gen, zumal die meisten Netze nicht stationär, sondern frei im Wasser schwebend sind. Auseinandersetzungen zwischen Fischern aus diesem Grund sind zwar nicht selten, aber auch nicht besonders intensiv. In den meisten Fällen findet ein verbaler Schlagabtausch statt; sofern das Netz eines Fischers beschädigt wurde, wird dieser eine Entschädigung fordern. Not­falls wird der Streit dem Dorfrat zur Entscheidung vorgelegt. Früher hatten auch wenige Fami­lien das Recht Kambis zu errich­ten. Dazu wurden ihnen bestimmte Meeresgebiete zugewiesen, die nicht von anderen Fi­schern ohne deren Erlaubnis abgefischt werden durften. Durch den Bedeutungsverlust der Kambifischerei ist diese Regelung heute weitgehend hinfällig geworden und führt dort, wo dieses alte Recht wieder eingeführt werden soll, zu heftigen Konflikten unter den Fischern (Weber 1989).

Da das Meer eine i.d.R. allen am Fang Interessierten zugängliche Ressource ist, tritt die Bedeu­tung der natürlichen Produktionsfaktoren zugunsten des Kapitalvermögens zurück. Von einem "reichen" Fischerhaushalt kann deshalb nicht gesprochen werden, wenn er etwa über ein großes Seegebiet verfügen kann. Der Status eines Fischers richtet sich vielmehr nach seinen Produk­tionmitteln und dem Produktionsfaktor Arbeit. Je mehr Produktions­mittel (Boote und Netze) und je mehr Arbeitskräfte zum Haushalt zählen, desto höher ist i.d.R. der sozio-ökonomische Status.

Da die Fischerei eine aneignende Wirtschaftsform ist, befindet sich jeder Fischer mit sei­nen Berufskollegen in dauerhafter Konkurrenz, vergleichbar mit Landwirten, die um be­grenzte Wasservorkommen konkurrieren. Wirtschaftliche Konzentrationsprozesse mani­festieren sich im Besitz von Produktionsmitteln. Ein Fischereiarbeiter, der zum Fischer aufsteigen will, muß demnach Produktionsmittel erwerben. So schlüssig diese Feststellung erscheint, ist sie doch grundlegend für die Bedingungen sozialer Mobilität in der Fischerei. Wenn später festgestellt wird, daß manche Fischer offensiv zu verhindern suchen, daß Fi­schereiarbeiter staatliche Kre­dite zum Kauf von Booten und Netzen erhalten, dann ge­schieht dies nicht nur, um diese Kre­dite in die eigenen Taschen umzulenken, sondern auch, um die wirtschaftliche und soziale Struktur aufrechtzuerhalten.

Wenn bislang produktionsmittelbesitzende Fischer mit Landwirten verglichen wurden, dann bietet sich nun ein entsprechender Vergleich zwischen Fischereiarbeitern und Land­arbeitern an. Hier besteht der größte Unterschied in der Bezahlung. Ein Landarbeiter erhält in der Regel einen festen Arbeitslohn, der sich nach der Anzahl der Tage bemißt, an denen er tatsächlich gearbeitet hat. Dieser Lohn wird entweder in Geld ausbezahlt oder in Form von Naturalien. Teilweise treten auch Mischformen auf. Soziale Verbindungen, die über diesen ökonomischen Aspekt hinausgehen, haben in vielen Teilen Indiens in Form des Jajmani-Systems in der Ver­gangenheit eine große Rolle gespielt, sind heute jedoch zu­meist nur noch rudimentär vorhan­den. Hinweise, daß "jajmani-ähnliche" Beziehungen in der Kleinfischerei Tamil Nadus bestan­den haben, finden sich nirgends. Norr (1972) schließt solche Austauschbeziehungen für ihr untersuchtes Fischerdorf in Madras aus, wenngleich ihre Argumentation nicht zufriedenstellen kann:

"Ocean fishing is not part of the jajmani system in the area where Minakuppam is located. While it might be possible for fishermen to trade their fish for grain with particular agricultural families, it is not a very likely arrangement. The catch of ocean fishermen is usually too large to make such a per­sonalised system of distribution successful. More important, Brahmins and some other high castes are vegetarian. For other castes, fish is a luxury rather than a necessity. Therefore, neither Brahmin nor middle caste land owners are likely to pledge part of their harvest in exchange for fish" (Norr 1972:13).

Ein Fischereiarbeiter hat im Gegensatz zu einem Landarbeiter keinen festen Arbeitslohn. Sein Einkommen richtet sich nach der Höhe des Fanges. Sowohl in der Landwirtschaft wie auch in der Fischerei gibt es hinsichtlich der Arbeitsmöglichkeiten starke jahreszeitliche Schwankungen. Arbeitsspitzen wechseln sich mit Perioden geringen Arbeitskräftebedarfs ab. Wichtig ist daher, daß ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis hergestellt werden kann, um auch in Zeiten geringeren Arbeitskräftebedarfs eine Anstellung und damit ein Einkommen zu haben. Während des Ar­beitsprozesses führen die Fischereiarbeiter immer dieselben Tä­tigkeiten aus wie ihre Arbeitge­ber. Dies ist in der Landwirtschaft nur selten der Fall. Hier ist die Organisation der Arbeit weit­aus hierarchischer geregelt. Ein weiterer bedeutsamer Unterschied zwischen Landwirtschaft und Kleinfischerei besteht darin, daß in der Kleinfi­scherei Arbeiter und Besitzer von Produktions­mitteln ein und derselben Kaste angehören; zudem sind viele Fischereiarbeiter mit ihren Arbeit­gebern verwandtschaftlich verbunden.

Die Kleinfischerei an der nördlichen Coramandelküste war wahrscheinlich nie eine reine Subsi­stenzwirtschaft. Die naturräumlichen Bedingungen lassen es nicht zu, daß im sandi­gen Kü­stenbereich Agrarprodukte in nennenswertem Umfang angebaut werden, sieht man von einigen Baumkulturen und verschiedenen Gemüsearten einmal ab.

Die von Norr angesprochene isolierte Lage der Fischerdörfer (Norr 1972:261), die außer­halb von Madras auch heute noch geradezu idealtypisch anzutreffen ist, mag sehr wohl auf den niedrigen gesellschaftlichen Status der Fischer zurückzuführen sein. In diesem Fall wären die Fischerdörfer vergleichbar mit den Siedlungsgebieten der Harijans, die nicht selten isoliert von den Siedlungsgebieten der Kastenhindus liegen. Ohne Zweifel haben aber auch die widrigen Anbaubedingungen der Küstenstreifen dazu geführt, daß außer den Fischern dort kaum andere Kasten- bzw. Berufsgruppen anzutreffen sind.1

Die Fischer hatten wahrscheinlich schon immer intensiven Kontakt mit landwirtschaftlichen Gruppen, wobei es allerdings Spekulation bleiben muß, ob der Austausch zwischen diesen beiden Gruppen natural oder monetär war. Für letzteres würde z.B. sprechen, daß es sich bei Fisch um eine leicht verderbliche Ware handelt und somit keine Vorräte für Zeiten angelegt werden können, in denen der Fischfang unmöglich ist. Deshalb ist es nicht un­wahrscheinlich, daß die Fischer bereits vor vielen Generationen für solche Zeiten Geld­vermögen angespart haben. Für eine sehr frühe Monetarisierung des Fischhandels spricht auch, daß noch heute das Kredit- und Sparwesen in den Fischerdörfern sehr gut ausgebaut ist und eine entscheidende Rolle in der Fischereiökonomie spielt. Zumin­dest in dem Zeitraum, der durch Aussagen älterer Fischer abgedeckt werden kann, wurde der Handel mit Fischen immer mone­tär betrieben (vgl. Anugraham 1940:101).

15 Die Analyse der Fangergebnisse im Zeitraum vom Mai 1991 - August 1992

Um im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine realistische Vorstellung über die Höhe der in der Kleinfischerei erzielten Einkommen zu erhalten, wurden 16 Monate lang täglich die Fänge von 37 Fischerteams festgehalten.1 Neben der Ermittlung des Einkommens sollte auch festgestellt werden, welchen Schwankungen dieses sowohl hinsichtlich der verschie­denen Jahreszeiten als auch in Bezug auf verschiedene Fischerteams unterliegt. Gleichzei­tig konnte ermittelt werden, wie sich das Einkommen der produktionsmittelbesitzenden Fischer von dem der Fischereiarbei­ter unterscheidet.

15.1 Finanzierung der an der Untersuchung teilgenommenen Boote

Bei der Untersuchung wurde lediglich die Kattumaramfischerei berücksichtigt.2 Die dabei ein­gesetzten Boote waren zwischen sechs und neun Meter lang und zwischen null und zehn Jahre alt. Der Neupreis lag - je nach Größe und Alter - zwischen 3500 Rs und 10.000 Rs. Finanziert wurden die Boote in erster Linie durch Eigenkapital in Form von angespartem Bargeld und Auszahlungen aus Chit-Funds. 3

Tab. 43: Finanzierung der Kattumarame der untersuchten Fischerteams

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Verwendung von Fremdkapital waren die Pfandleiher die wichtigste Kapitalquelle, gefolgt von Krediten, die bei Verwandten aufgenom­men wurden. Geldverleiher wurden relativ selten als Kapital­quelle herangezogen und wenn, dann wurden bei ihnen nur relativ kleine Kredite aufge­nommen. In einem Fall wurde ein Kre­dit genutzt, der einem Angehörigen des öffentlichen Dienstes zustand (provident-fund loan). In drei Fällen wurde der Kauf dadurch mitfinanziert, daß der bislang genutzte Kattumaram ver­kauft wurde. Auffallend ist, daß zum Kauf eines Bootes immer mehrere - bis zu fünf - unter­schiedliche Kapitalquellen ausgeschöpft wurden. Bis auf zehn Fälle waren zum Zeitpunkt der Erhebung (April 1991) alle Schulden zurückbezahlt. Bei den noch belasteten Booten stand in einem Fall noch eine Teilrückzahlung an Verwandte aus, für die keine Zinsen erhoben wurden.

Die übrigen neun Boote waren noch durch Außenstände bei einem Pfandleiher belastet, wofür monatlich1 Zinsen zwischen zwei und fünf Prozent entrichtet werden mußten. Für diese Schul­den wurden zum Zeitpunkt der Erhebung lediglich die Zinsen bezahlt. Tilgungen wurden nur dann vorgenommen, wenn der ausstehende Betrag als Gan­zes angespart war. Das Pfand kann erst dann ausgelöst werden, wenn der Pfandleiher den aus­geliehenen Gesamtbetrag erhält. Das Verhältnis zwischen aufgewendetem Kapital und ausste­henden Schulden betrug knapp 10 Prozent.

Alle Kattumarame, die von ihrem Besitzer zum Zeitpunkt der Erhebung bereits länger als vier Jahre genutzt wurden, waren schuldenfrei. Bei den noch mit Schulden belasteten Booten waren jene Kredite vollkommen zurückbezahlt, die bei einem Geldverleiher aufgenommen worden waren. Diese Kredite, die zu Zinssätzen zwi­schen fünf und 15 Prozent monatlich vergeben werden, können in Raten zurückbezahlt werden und werden im allgemeinen als erstes getilgt. Für die ausstehenden Kreditrückzahlungen fielen bei den Bootsbesitzern monatliche Zins-belastungen zwischen 30 und 100 Rs an. Es kann aber davon ausgegangen werden, daß ein Teil der ausstehenden Kreditsummen nur deshalb nicht zurückbezahlt wurde, weil das Geld in-zwischen anderweitig gebunden war. In manchen Fällen wurde ein neues Netz angeschafft, meistens jedoch das Geld zu einem höheren Zinssatz weiter­verliehen.

15.2 Finanzierung der Netze

Insgesamt waren die Besitzer der 37 Kattumarame mit 111 Netzen ausgerüstet. Von allen Netz­arten war das Kavalai Valai am häufigsten verbreitet. Jeder der Bootsbesitzer hatte ein solches Netz. An zweiter Stelle folgte das Mani Valai, das bei 35 der Bootsbesitzer vorhanden war. Ein Thatta-Kavalai Valai gab es bereits weitaus seltener, trotzdem besaßen mehr als der Hälfte der Bootsbesitzer ein solches Netz. Am wenigsten verbreitet war das Kolla Valai.

Auf 20 Booten wurden auch Netze eingesetzt, die nicht Eigentum des jeweiligen Bootsbesitzers waren. In diesen Fällen wurde das Netz von einem haushaltsfremden Fischer eingebracht, der dafür einen zu­sätzlichen Fanganteil erhielt. Bei vier Fischerteams betraf dies zwei Netztypen, bei einem sogar drei. Am häufigsten wurde ein Thatta-Kavalai Valai von haushaltsfremden Fischern eingebracht, gefolgt vom Kolla Valai und vom Mani Valai.

Bei zehn Fischerteams kam ein Kolla Valai während des gesamten Untersuchungszeitraums nicht zum Einsatz, während alle anderen Netzarten von allen Fischerteams eingesetzt wurden. Zusätzlich zu den vier unterschiedlichen Kiemennetzarten betrieben acht Fischerteams auch Leinenfischerei,1 wobei allerdings nur zwei Boote dies in nennenswertem Ausmaß taten. Schließlich haben sich drei der untersuchten Fischerteams auch an Fängen mit einem Mada Valai beteiligt.

Der Gesamtumfang der Investitionen für die Anschaffung von Netzen erreichte Größenordnun­gen bis zu 26.000 Rs. Das meiste Kapital wurde für den Kauf von Kavalai Valais verwendet, nicht nur, weil diese Netze am häufigsten verbreitet sind, sondern weil diese Netze bei weitem die größten und damit auch teuersten Kiemennetze sind. Das investierte Kapital für diese Netz­art erreichte beinahe die Höhe der Investitionen für alle drei anderen Netzarten zusammen.

Tab. 44: Finanzierung der Netze der untersuchten Fischerteams

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinsichtlich der Finanzierungsquellen für die Netze spiegelte sich der Trend wider, der bereits bei der Finanzierung der Kattumarame beobachtet wurde. Die Finanzierung wurde regelmäßig durch mehrere Kapitalquellen sichergestellt. Wie schon bei den Booten, war auch hier die Kre­ditaufnahme bei Verwandten eine Ausnahme. Obwohl solche Kredite in aller Re­gel zinslos sind, wurde verhältnismäßig selten auf sie zurückgegriffen und auch erst dann, wenn andere Kreditquellen - mit Ausnahme des Geldverleihers - ausgeschöpft waren.

Am häufigsten wurde die Finanzierung durch Kapital in Form von Barvermögen bzw. als Spar­kapi­tal aus einem Chit-Fund sichergestellt, gefolgt von Krediten, die bei einem Pfandleiher aufge­nommen wurden. Relativ unbedeutend waren auch hier Kredite von Geldverleihern. Wie bei den Kattumaramen war der Anteil ausstehender Kredite, gemessen am gesamten Investitions­volumen, recht gering. Auch hier handelte es sich bei den noch nicht zurückbezahlten Krediten im allgemeinen um solche, die bei Pfandleihern aufgenommen worden waren.

Bei den Netzen war das Verhältnis zwischen investiertem Kapital und ausstehenden Schulden mit etwa 13 Prozent geringfügig ungünstiger als bei den Booten, was durch die kürzere Lebensdauer der Netze erklärt werden kann. Während ein neuer Kattumaram i.d.R. nach etwa acht Jahren ange­schafft werden muß, ist bei einem Netz eine Neuanschaffung nach etwa vier bis fünf Jahren fällig. Gerade beim Erwerb eines Kavalai Valai, das bei der Neuanschaffung durchaus so teuer wie ein Kattumaram sein kann, kommt eine erhebliche finanzielle Belastung auf den Fischer zu.

Die Fischer versuchen, ihre Netze in einem festen Rythmus durch neue zu ersetzen. Sie sind dann nicht dazu gezwungen, in einem Jahr die Finanzierung zweier Netze aufbringen zu müssen. Jede Abweich­ung von diesem Rythmus kann den Fischer in finanzielle Not stürzen, z.B. wenn ein Netz ver­loren geht oder durch einen Trawler zerstört wird. Den­noch kann das Verhältnis zwischen investiertem Kapital und ausstehenden Schulden auch bei den Netzen als günstig bezeichnet werden. Solange keine großen Fangeinbußen eintreten, wird jeder der untersuchten Fischer diese Belastung aufbrin­gen können.

15.3 Darstellung der Ergebnisse der Fanguntersuchung

Fangfahrten

Der Untersuchungszeitraum umfaßte 489 Tage; bei 37 untersuchten Fischerbooten ergeben sich daraus 18093 mögliche Fangtage. An ca. 55 Prozent dieser Tage fuhren die Fischer tatsächlich zum Fang aus, wobei aber nur an 43 Prozent der Tage so viel gefangen wurde, daß eine Vermarktung sich lohnte.

Abb. 14: Anzahl der Tage ohne Fangfahrten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An 12 Prozent der Fangtage wurde entweder überhaupt nichts gefangen, oder die Fänge waren so gering, daß es sich nicht lohnte sie zu vermarkten: die gefangenen Fische wurden dann zu gleichen Teil­en1 unter der Bootsbesatzung für den Verbrauch in den eigenen Haushalten aufgeteilt. An 45 Prozent der möglichen Fangtage wurden keine Fangfahrten unternommen. Ungünstige Witterungs­ver­hältnisse können jedoch nur teilweise für die vielen Tage ohne Fangfahrten verant­wortlich gemacht werden.

Tab. 45: Fangfahrten während des Untersuchungszeitraums

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei den einzelnen Booten unterscheidet sich dieser Anteil um bis zu 26 Prozent. So fuhr das Boot mit den meisten Fangfahrten immer-hin 332 Mal zum Fischen aus, während dies bei dem Boot mit den wenigsten Fang-fahrten lediglich an 203 Tagen der Fall war. Häufig fielen Fangfahrten deshalb aus, weil nur wenige Fische im Meer vermutet wurden. In Perioden, in denen Fang­fahrten aus diesem Grund ausgefallen sind, wurde häufig auch ange­geben, daß nicht genügend Arbeitskräfte für eine Fang­fahrt gefunden werden konnten. Die Ent­scheidung, eine Fangfahrt zu unterneh­men, richtet sich also nicht nur danach, ob dies von den Witterungsverhältnissen her möglich ist, sondern auch, ob sich der Arbeitsauf­wand rentiert. Der zweithäufig­ste Grund, eine Fangfahrt aus­fallen zu lassen, war stürm­isches Wetter. Dies war er­wartungsgemäß besonders häufig in den Monaten Oktober, November und Dezember der Fall. Weitere bedeutende Ursachen für ausgefallene Fangfahr­ten waren geringe Wind­stärken oder ungünstige Windrichtungen. Insgesamt fielen in den Monaten März, April und Mai des Jahres 1992 die meisten Fangfahrten aus. Viele Fischer gingen in diesen Monaten gar nicht zum Fischen. Bei günstigeren Windverhältnissen hätten sie den Fang von Fliegenden Fischen in diesen Monaten intensiver betrieben. Anders in den Monaten Oktober 1991 bis Januar 1992, während denen der Fischfang häufig wegen zu starker Winde nicht möglich war. Die Anzahl der Fangfahr­ten schwankte von Monat zu Monat erheblich. Mit 90 Fangfahrten fiel der April 1992 für die Fischer fast vollständig aus. Statistisch gesehen entfielen in diesem Monat weniger als drei Fangfahr­ten auf jedes der 37 Boote. Der Mai 1991 stand dagegen mit insgesamt 950 Fangfahrten deutlich an der Spitze.

Fangeinnahmen

Insgesamt wurde von den 37 Teams in 16 Monaten Fisch im Wert von fast 1,2 Mio. Rs gefangen. Der bei weitem größte Anteil wurde mit Kiemennetzen gefangen, wobei das Kavalai Valai mit einem Fangwert von über 600.000 Rs etwas mehr als die Hälfte des Gesamtergebnis­ses einbrachte.

Tab. 46: Wert der vermarkteten Fänge nach Netztypen und Fischerteams (in Rs)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An zweiter Stelle folgt das Mani Valai, mit dem etwas mehr als ein Viertel des Gesamtwertes erwirtschaftet wurde, gefolgt vom Thatta-Kavalai Valai mit etwa zehn Prozent, dem Kolla Valai mit etwa acht Prozent, den Angelleinen mit zwei und schließlich dem Mada Valai mit gerade einem Prozent des Gesamtwertes der vermarkteten Fische. Die Kiemennetze haben damit etwa 97 Prozent der Gesamtfangerlöse eingebracht. Bei den Ergebnissen der ein­zelnen Fischerteams zeigten sich sehr große Unterschiede. Das Boot mit dem niedrigsten Er­gebnis konnte einen Fangwert von 16.625 Rs erzielen, während das Boot mit dem höchsten Ergebnis mit 49.479 Rs wertmäßig fast das Dreifache erwirtschaftete. Durchschnittlich entfiel auf jedes Fischerboot ein Fangerlös von etwas mehr als 32.000 Rs.

Der Erlös einer einzigen Fangfahrt lag pro Boot zwischen 100 und 200 Rs. Der Mittelwert be­trug etwa 150 Rs. Es war also weniger die Höhe des Fangwertes pro Fangfahrt als vielmehr die Anzahl der unternommenen Fangfahrten, die das Einkommen der einzelnen Fischerteams be­stimmte. Die große Diskrepanz zwischen den einzelnen Booten kann jedoch auf diese Weise nicht vollständig erklärt werden. So weisen die Boote mit den höchsten Fangerlösen auch re­gelmäßig überdurchschnittliche Werte bei den einzelnen Fangfahrten auf.

Obwohl mit dem Kavalai Valai wertmäßig mehr als die Hälfte des Fisches gefangen wurde, erbrachte dieses Netz mit 125 Rs pro Fangfahrt ein eher niedriges Ergebnis. Lediglich das Thatta-Kavalai Valai lag mit 98 Rs pro Fangfahrt noch niedriger.

Tab. 47: Durchschnittlicher Wert der Fänge nach Netztypen (in Rs)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deutlich höher als bei den Kiemennetzen waren (mit Ausnahme des Mani Valais) die entspre­chenden Werte bei der Leinenfischerei (343 Rs), beim Mani Valai (391 Rs) und beim Mada Valai, das mit durchschnittlich 767 Rs pro Fangfahrt das beste Ergebnis erzielte.

Tab. 48: Aufteilung der Fangergebnisse nach Netztyp und Wertegruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kavalai Valai und Thatta-Kavalai Valai waren jene Netzarten, die zwar realtiv niedrigere Er­löse einbrachten. Sie wurden jedoch praktisch das gesamte Jahr über verwendet, während die übrigen Netze nur eine kurze Periode im Jahr eingesetzt werden konnten, dann aber meistens sehr gute Fangergebnisse erzielten.

Beim Kavalai Valai hatten mehr als die Hälfte der Fänge einen Wert von bis zu 100 Rs. Ledig­lich beim Thatta-Kavalai Valai war der Anteil der niedrigen Fangwerte mit 71 Prozent noch größer. Ganz anders die Fangergebnisse mit dem Mani Valai: Etwa die Hälfte aller Fänge er­brachten einen Wert von über 200 Rs. Bei fast 10 Prozent der Fahrten wurden Garnelen im Wert von über 1000 Rs gefangen. Von den insgesamt 88 Fangfahrten, die einen Erlös von jeweils mehr als 1000 Rs einbrachten, entfielen mit 83 Fahrten weit über 90 Prozent auf dieses Netz. Auch die beiden höchsten Fänge mit jeweils 4000 Rs wurden mit einem solchen Netz erzielt.

Sehr große Schwankungen im Fangerlös traten in den verschiedenen untersuchten Monaten auf. Das niedrigste Monatsergebnis der gesamten 37 Teams wurde mit unter 10.000 Rs im April 1992 erzielt, das höchste im Dezember 1991 mit fast 200.000 Rs. Dieser gewaltige Unter­schied liegt zum einen in den durchschnittlichen Erlösen pro Fangfahrt und zum anderen in der Anzahl der unternommenen Fangfahrten der jeweiligen Monate.

Tab. 49: Fangergebnisse nach Netztypen und Monate

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Fänge im November und Dezember 1991 wichen hinsichtlich der durchschnittlichen Erlöse pro Fangfahrt erheblich von den Durchschnittswerten der übrigen Monate ab. Mit 336 Rs/Fangfahrt (November 1991) und 457 Rs pro Fangfahrt (Dezember 1991) lagen die Werte mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnittswert für den gesamten Untersuchungszeitraum. Diese beiden Monate nahmen in vielerlei Hinsicht eine Sonderrolle ein. Absolut gesehen wurden in diesen beiden Monaten bei weitem die höchsten Fangerlöse erzielt, obwohl die Anzahl der Fangtage unterdurchschnittlich war. Betrachtet man diese beiden Monate etwas genauer, wird man feststellen, daß es im Grunde genommen nur die beiden Wochen zwischen dem 27. November und dem 10. Dezember 1991 waren, die ein solch hohes Ergebnis bewirkt haben. Während dieser 14 Tage1 wurde mit über 250.000 Rs etwa 20 Prozent des Gesamtergebnisses aus 16 Monaten erzielt.

Tab. 50: Fangergebnisse zwischen dem 27. November und 10. Dezember 1991 (in Rs)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei nahezu allen Fangfahrten in diesem Zeitraum wurde das Mani Valai eingesetzt. Von den Fangfahrten mit einem Erlös von jeweils über 1000 Rs wurden die meisten während dieser Zeit unternommen. Bei den einzelnen Fischerteams waren die Fanger­gebnisse in dieser Periode sehr unterschiedlich. Sie reichten von 400 Rs (T 21) bis 14.325 Rs (T 37). Zwischen zwei (T 21) und 33 Prozent (T 28) des Gesamtfangwertes aus 16 Monaten wurde während dieser Zeitspanne von den einzelnen Teams gefangen, wobei der durchschnittliche Wert zwischen 200 Rs (T 21) und 1268 Rs (T 34) betrug. Am 8. Dezember 1991 wurde mit insgesamt 47.375 Rs am meisten verdient. Die 32 Boote, die an diesem Tag zum Fang aus­fuhren, verdienten durchschnittlich 1480 Rs. Das drittbeste Monatsergebnis lag mit 181 Rs pro Fangfahrt - erzielt im Mai 1992 - deutlich unter diesen beiden Spitzenwerten aus den Monaten November/Dezember 1991.

Das Kavalai Valai wurde in allen Monaten eingesetzt und hat bis auf die Periode der Garnelen­fangzeit (November und Dezember 1991) sowie dem Juni 1991 und 1992 immer die höchsten Fangergebnisse erzielt. Im Juni 1991 wurde es vom Kolla Valai und vom Thatta-Kavalai Valai übertroffen, die in diesem Monat beide zum Fang von Fliegenden Fischen eingesetzt wurden. Im Juni 1992 reichten die Fänge mit dem Mani Valai beinahe an das Ergebnis heran, das mit dem Kavalai Valai erzielt wurde, da in diesem Monat die Garnelenfänge für diese Jahreszeit außergewöhnlich gut waren. Im März und April 1992 erreichten sowohl die Anzahl der unter­nommenen Fangfahrten als auch die durchschnittlichen Fangerlöse pro Fangfahrt jeweils die niedrigsten Werte. Die addierten Fangerlöse beider Monate machen gerade die Hälfte des dritt­schlechtesten Monats (Januar 1992) aus.

15.4 Aufteilung der Fangerlöse

Bislang wurden lediglich die Fangergebnisse als solche dargestellt, ohne zu berücksichti­gen, daß die am Fang beteiligten Personen unterschiedlich stark vom Fang profitieren. Die vorliegenden Daten geben nun das Einkommen des Bootsbesitzers vollständig wieder, die Einkommen der Arbeitskräfte und haushaltsfremden Netzbesitzer jedoch nur in so weit, wie diese Einkommen auf dem jeweils untersuchten Boot erzielt wurden. Nicht erhoben wurden jedoch die Einkommen, die auf Booten er­zielt wurden, die nicht in die Untersuchung einbezogen waren. Das genaue Einkommen der Fischereiarbeiter wurde also nicht täglich erhoben, sondern hochgerechnet. Bekannt war dabei die Höhe der Anteile für Arbeitskräfte auf den untersuchten Booten sowie die Anzahl der dort geleisteten Fangfahrten. Darüberhinaus war abzuschätzen, wie hoch die Einkommen auf anderen Booten während des Untersuchungszeit­raums höch­stens gewesen sein konnten, um so die ungefähre Höhe des Gesamteinkom­mens zu ermitteln. Grundlage für diese Berechnung bildete das durchschnittliche, das Mindest- und das Höchstein­kommen eines Fischereiarbeiters während einer Fangfahrt, das mit den durchschnittlichen Fangta­gen während eines Monats multipliziert wurde. Durch diese Methode wurde die Spannbreite des Einkommens ermittelt, das ein Fischereiarbeiter monat-lich erwarten kann. Zusätzlich wurden die Einkommen von acht Haushalten von Fischerei-arbeitern festgehalten, so daß eine Über­prüfung der errechneten Einkommen möglich wurde.

15.4.1 Arbeitskräfte- und Netzeinsatz während des Untersuchungszeitraums

Bei allen Kiemennetzen wird zum Fang immer nur ein einziger Kattumaram eingesetzt. Die Anzahl der mitgeführten Netze und der Arbeitskräfte kann jedoch aus unterschiedli­chen Gründen variieren. Bei starken Brandungswellen wird eine größere Bootsbesatzung benötigt, um das Boot durch die Brandung zu bringen. Das Fangergebnis selbst ist weitge­hend unabhängig von der An-zahl der Arbeitskräfte auf dem Boot. Die Zahl der mitgeführten Netze wird im wesentlichen vom erwarteten Fischreichtum bestimmt. Ist dieser voraussichtlich gering, werden mehrere gleichartige Netze aneinandergereiht, um ein größeres Meeresgebiet abfischen zu können; aber auch in besonders guten Fangperioden werden häufig mehrere Netze mitgeführt, da ein einziges Netz oft nicht ausreicht, um die gefangenen Fische aufzunehmen. Durch den Einsatz eines zusätzlichen Netzes verdoppelt sich gewöhnlich der Fangbetrag ebensowenig wie wenn eine zusätzliche Arbeitskraft vor­handen ist. Mit jedem Netz und jeder zusätzlichen Arbeitskraft sinkt daher der Anteil eines einzelnen Fischers/Fischereiarbeiters und schmälert das Haushaltseinkommen, sofern die zusätzlichen Netze und Arbeitskräfte von außerhalb des Haushalts des Bootsbesitzers stammen.

Während der Untersuchung schwankte die Anzahl der eingesetzten Netze zwischen einem und drei Netzen und die der Arbeitskräfte zwischen einer und vier. Zehn unterschiedliche Kombinationen traten dabei auf, wobei in lediglich sieben Fällen eine einzelne Person mit einem einzigen Netz zum Fang ausfuhr. Am häufigsten waren bei den Fangfahrten drei Personen beteiligt, wobei zumeist entweder ein oder zwei Netze eingesetzt wurden. Diese beiden Kombinationen wurden bei etwa 72 Prozent der Fangfahrten gewählt. Beim Ka­valai Valai und Thatta-Kavalai Valai fuhren am häufigsten drei Personen zum Fang aus, die zwei Netze mit sich führten. Beim Mani Valai und vor allem beim Kolla Valai bestand das Bootsteam zumeist aus drei Personen, die ein einziges Netz beim Fang dabei hatten. Drei Netze und vier Arbeitskräfte wurden sehr selten eingesetzt, obwohl in dieser Kombi­nation die höchsten Fangergebnisse erzielt wurden.

Tab. 51: Fangergebnisse nach Anzahl der eingesetzten Netze und Arbeitskräfte (in Rs)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Möglichkeit wurde auf die vierte Arbeitskraft verzichtet, da sie - wie erwähnt - das Fangergeb­nis nicht beeinflußt, aber den Fanganteil aller Beteiligten redu­ziert. So wurden beim Mani Valai - in der Kombination ein Netz und zwei Arbeits­kräfte - Garnelen im Wert von durchschnittlich etwa 230 Rs gefangen. Der Bootsbesitzer, der das einzige Netz zum Fang beisteuerte, erhielt hiervon 174 Rs. Bei der Kombina­tion von drei Netzen und vier Arbeitskräften wurde mit 483 Rs ein deutlich höheres durchschnittliches Fangergebnis erzielt. Hat der Bootsbesitzer in diesem Fall lediglich ein einzi­ges eigenes Netz eingesetzt, dann erhielt er mit 157 Rs deutlich weniger, obwohl der Fanggebnis mehr als doppelt so hoch war. Der Bootsbesitzer, der über die Zusammensetzung der Bootsbesatzung entscheidet, nimmt nicht mehr fremde Netze und Arbeitskräfte zum Fang mit als unbedingt notwendig. Am günstigsten ist es, wenn alle Netze und Ar­beitskräfte aus seinem Haushalt stammen. Mit fast 650.000 Rs (55 %) entfiel der höchste Einkommensanteil auf die Boots-/Netzbesitzer, gefolgt vom Anteil für den ersten fremden Netzbesitzer, der mit gut 270.000 Rs etwa 23 Prozent vom Gesamt­fang ausmachte. Da selten mehr als zwei Netze eingesetzt wurden, entfiel auf ein zweites fremdes Netz weniger als 1 Prozent des Gesamterlöses. Die erste (zusätzliche) Arbeits­kraft wurde mit etwas mehr als 180.000 Rs zu etwa 15 Prozent am Gesamtertrag beteiligt, die zweite Arbeitskraft mit fast 72.000 Rs zu 6 Prozent und die dritte Arbeitskraft mit rund 3000 Rs zu weniger als einem Prozent.

Tab. 52: Aufteilung der Fänge nach Besitzern von Produktionsmitteln und Arbeits-kräfte (Kiemennetze und Leinenfischerei)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entsprechend dem Gesamterlös der einzelnen Boote, war das jeweils erzielte individuelle Einkommen unterschiedlich hoch. Bei den Boots-/Netzbesitzern schwankte es zwischen knapp 9000 Rs (T 18 und T 27) und über 30.000 Rs (T 15 und T 22), wobei der durchschnittliche Wert etwa 17500 Rs betrug, beim ersten haushaltsfremden Netzbesitzer zwi­schen weniger als 600 Rs (T 13) und gut 17.000 Rs (T 19) bei einem Durchschnittswert von 7300 Rs. Die Werte für das zweite haushaltsfremde Netz betrugen selten mehr als wenige hundert Rupien mit einem Maximalwert von weniger als 1500 Rs (T 16). Bei 19 der untersuchten Boote kam ein zweites haushaltsfremdes Netz überhaupt nicht zum Ein­satz.

Das Einkommen der ersten (zusätzlichen) Arbeitskraft betrug zwischen etwas mehr als 2300 Rs (T 27) und fast 9000 Rs (T 15 und T 22) bei einem Durchschnittswert von etwa 4900 Rs. Bei den zweiten zusätzlichen Arbeitskräften betrug die Spannbreite zwischen 130 Rs (T 19) und über 7000 Rs (T 15 und T 22) bei einem Durchschnittswert von knapp unter 1950 Rs. Am niedrigsten waren erwartungsgemäß die entsprechenden Werte bei den drit­ten zusätzlichen Arbeitskräften, wobei bei neun Fischerbooten bei keiner Fangfahrt eine dritte zusätzliche Arbeitskraft beschäftigt wurde.

Tab. 53: Durchschnittliches Einkommen pro teilgenommener Fangfahrt (in Rs)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dementsprechend verdiente ein Bootsbesitzer monatlich zwischen 540 und fast 2000 Rs bei einem Durchschnittswert von knapp 1100 Rs. Die Fischer, die ein zusätzliches Netz beim Fang zur Verfügung stellten, verdienten durchschnittlich etwa 450 Rs, bei einem niedrigsten Wert von 37 Rs und einem höchsten von knapp 1100 Rs. Bei der ersten (zusätzlichen) Arbeitskraft, die durchschnittlich 307 Rs im Monat erhielt, reichten die ent­sprechenden Werte von unter 200 Rs (T 4, T17,T18,T21 und T 27) bis über 500 Rs (T 15 und T 22). Die oberste Einkommensgrenze bei den Arbeitskräften fiel damit in etwa mit der untersten Einkommensgrenze bei den Boots-/Netzbesitzern zusammen.

Aussagekräftiger für die Einkommenssituation sind jedoch die Durchschnittseinkommen pro teilgenommener Fangfahrt. Bei den Boots-/Netzbesitzern bewegte sich die­ser Wert zwischen knapp 60 Rs (T 27 und T 32) und über 120 Rs (T 15 und T 22) bei einem Mittelwert von 83 Rs, beim ersten haushaltsfremden Netzbesitzer zwischen knapp 40 Rs (T 32 und T34) und fast 100 Rs (T 13). Hier betrug der Mittelwert 58 Rs.

Am größten war die Spannweite mit einem niedrigsten Wert von etwa 20 Rs (T 31) und einem Maximum von 257 Rs (T 4) beim zweiten haushaltsfremden Netz. Der Durch­schnittswert betrug hier 50 Rs. Betrachtet man sich die Anteile für die Arbeitskräfte, wird deutlich, daß sie erheblich weniger erhielten als die Besitzer von Produktionsmitteln. Die erste Arbeitskraft erhielt pro Fangfahrt durchschnittlich 27 Rs, wobei die niedrigsten Werte knapp 20 Rs (T 4 und T 32) und die höchsten noch nicht einmal 40 Rs (T 15, T 16 und T 22) erreichten. Ähnlich verhielt es sich bei der zweiten Arbeitskraft. Der Mittelwert war mit 32 Rs pro mitgemachter Fangfahrt höher als bei der ersten Arbeitskraft, die Spannbreite gleichzeitig bedeutend größer.

Die niedrigsten Werte lagen bei etwas mehr als 10 Rs (T 12 und T 30) und waren niedriger als bei den ersten Arbeitskräften, die Maxima jedoch mit deutlich über 100 Rs (T 20 und T 24) erheblich höher. Sie überstiegen selbst die Maximalwerte der Boots-/Netzbesitzer. Eine Erklärung hierfür findet sich darin, daß hier Arbeitskräfte zum Einsatz kamen, die lediglich dann Fangfahrten mit­machten, wenn die Einkommen sehr hoch waren. Dies war in den Monaten November und Dezem­ber der Fall. Da in dieser Zeit die Fangerträge über­durchschnittlich hoch waren, war auch das Ein­kommen dieser Arbeitskräfte überdurchschnittlich, die - wie gesagt - in Perioden mit niedrigeren Fangerträgen gar nicht eingesetzt wurden, da es sich bei den betreffenden Arbeitskräfte um Regierungsangestellte handelte, die während der Garnelenfangzeit vor ihrem Arbeitsbeginn zum Fischen ausfuhren.

15.4.2 Berechnung des durchschnittlichen Monatseinkommens eines Fischereiarbeiters

Fischereiarbeiter erhalten lediglich für ihre Arbeitskraft einen Fanganteil. Ihr Einkommen bestimmt sich darüberhinaus aber auch aus der Anzahl der Tage, an denen sie eine Be­schäftigung finden können. Zur Berechnung des Monatseinkommens eines Fischereiarbeiters muß deshalb das durchschnittliche Einkommen pro Fangfahrt über einen längeren Zeitraum hinweg bekannt sein sowie die Anzahl der Tage, an denen ein Fischereiarbeiter gewöhnlich eine Beschäftigung finden kann. Wie oben gezeigt wurde erhielt eine Arbeitskraft durchschnittlich 27 Rs pro Fangfahrt. Während des Untersuchungszeitraums wären dies unter Berück­sichtigung der tatsächlich stattgefundenen Fangtagen knapp 5700 Rs gewesen. Auf einen Monat umgerechnet ergeben sich so etwa 360 Rs, die ein Fischereiarbeiter verdiente. Führt man diese Berechnung auf der Grundlage des niedrigsten Anteils pro teilgenommener Fangfahrt (18 Rs) durch, erhält man ein monatliches Einkommen von 240 Rs; beim höch­sten durchschnittlichen Anteil pro Fangfahrt (37 Rs) beträgt dieses 490 Rs. Nicht berück­sichtigt bei dieser Berechnung ist, daß Fioschereiarbeiter während des Untersuchungszeit­raums möglicherweise auch auf anderen Booten arbeiteten und sich dadurch die Gesamt­zahl an den teilgenommenen Fangfahrten und dadurch auch ihr