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Darstellung und Bewertung der Mikrofinanzierung in Bangladesch und Deutschland

Akademische Arbeit 2008 71 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

I. Problemstellung, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

II. Bedarf an Mikrofinanzierung
A. Bedarf an Mikrofinanzierung in Entwicklungsländern
B. Bedarf an Mikrofinanzierung in Industrieländern

III. Struktur der Mikrofinanzierung
A. Akteure
B. Refinanzierungsmöglichkeiten
C. Mikrofinanz-Investments

IV. Mikrofinanzprodukte
A. Mikrokredite
1. Gruppenkredite
2. Individualkredite
3. Stufenkredite
B. Sparangebote
C. Versicherungsangebote

V. Erfolgsfaktoren von Mikrokredit-Modellen

VI. Mikrofinanzierung in Bangladesch
A. Rahmenbedingungen in Bangladesch
B. Das Konzept der Grameen Bank
1. Arbeitsweise der Grameen Bank
2. Grameen Bank II
3. Erfolge der Grameen Bank

VII. Mikrofinanzierung in Deutschland
A. Rahmenbedingungen in Deutschland
B. Das Kooperationsmodell des Deutschen Mikrofinanz Institutes
1. Arbeitsweise der Kooperationspartner
2. Das Mikrofinanzwerk GbR
3. Erfolge des Deutschen Mikrofinanz Institutes

VIII. Gegenüberstellung und Bewertung der Mikrofinanzierung in Bangladesch und Deutschland

IX. Exkurs: Mikrofinanzierung in Europa
A. Frankreich - Association pour le droit à l‘initiative économique
B. Polen - Fundusz Mikro Ltd

X. Aktuelle Entwicklungen, Schluss und Ausblick ...

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: entfernt

Abb. 2: Anteil der in absoluter Armut lebenden Bevölkerung

Abb. 3: Marktdurchdringung der Mikrofinanz in Entwicklungsländern (2005)

Abb. 4: Prognose des Anlagevolumens von institutionellen und privaten Anlegern in Mikrofinanz-Investments

Abb. 5: SROI-Tool

Abb. 6: Ergebnis des SROI-Tools

Abb. 7: Anzahl der Kreditnehmer dar Grameen Bank kumuliert von 1976-

Abb. 8: Verwendungszwecke der Mikrokredite

Abb. 9: Kooperationsmodell der Mikrofinanzierung in Deutschland

Abb. 10: Übersicht der DMI-Mikrofinanzierer und die Anzahl der bisher vergebenen Kredite

Abb. 11: Ablauf der Kreditvergabe

Abb. 12: Kosten-Leistungs-Betrachtung der Mikrofinanz in Deutschland

Abb. 13: Anzahl der von ADIE vergebenen Kredite

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Gegeniiberstellung der Voraussetzungen der Mikrofinanz in Deutschland und Bangladesch

I. Problemstellung, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Innerhalb der letzten Jahre hat sich bei der Entwicklungshilfe ein neues Konzept zur Bekämpfung der Armut etabliert: die Mikrofinanzierung. Sie zielt nicht auf die Spendermentalität der Industrienationen ab, wie es sonst bei der Entwicklungshilfe üblich ist, sondern es soll vielmehr die wirtschaftliche Kraft der Armen durch alternative Banken gefördert werden.

Der Begriff der Mikrofinanz wurde der breiten Öffentlichkeit bekannt, als die Vereinten Nationen (VN) das Jahr 2005 zum „internationalen Jahr der Mikrokredite“ ausriefen.1 Durch diese Initiative wollten die VN die Entwicklung des Mikrofinanzsektors vorantreiben und auf sein bisher wenig genutztes Potenzial aufmerksam machen.2

Im Jahr 2006 schließlich erhielt Muhammad Yunus (siehe Abb. 1) zusammen mit der Grameen Bank den Friedensnobelpreis für die Förderung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung von unten. Yunus gilt als der Vater der Mikrokredite und die von ihm gegründete Grameen wird weltweit als Vorreitermodell der Mikrofinanz angesehen.

[Abbildung wurde entfernt]

Mikrofinanz ist ein Sammelbegriff für die Erbringung von unterschiedlichen Finanzdienstleistungen für arme, aber erwerbsfähige Bevölkerungsgruppen, die keinen regelmäßigen Zugang zu Finanzdienstleistungen klassischer Banken haben.3 Den Kern der Mikrofinanz stellen Mikrokredite für einkommensschaffende Aktivitäten dar. Diese Kleinstkredite werden größtenteils von Frauen aufgenommen. Insbesondere in einigen Ländern Asiens liegt der Anteil der weibliche Kreditnehmer bei bis zu 99 Prozent.4 In den Industrieländern liegt die Zielgruppe der Mikrofinanz hautpsächlich bei Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänern. Das Mikrokredit-Modell basiert auf der Annahme, dass diese Menschen unternehmerisch handeln können und grundsätzlich kreditwürdig sind.5

Neben den Mikrokrediten umfasst die Mikrofinanz auch Spareinlagen, Zahlungsverkehr und Versicherungsleistungen, aber auch Beratungs- und Betreuungssleistungen in Verbindung mit der Mikrokreditvergabe.

Mikrofinanzinstitutionen sind demnach Institutionen, deren Hauptgeschäft die Versorgung von Kunden mit Mikrofinanzdienstleistungen ist. Bekannte Mikrofinanzinstitutionen, die schon lange bestehen, sind die Grameen Bank in Bangladesch, die Banco Sol in Bolivien und die Association pour le droit à l‘initiative économique (ADIE) in Frankreich.

Ausgelöst durch die Erfolge der Mikrofinanz in den Entwicklungsländern wurden Hunderte von Mikrokredit-Programmen in Industrieländern gestartet. Es stellt sich die Frage: Können solche Programme auch in Deutschland erfolgreich sein?

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst der Bedarf an Mikrofinanzierung in Entwicklungs- und Industrieländern aufgezeigt. Anschließend werden die Strukturen der Mikrofinanz sowie die einzelnen Mikrofinanzprodukte erklärt. Im darauf folgenden Kapitel werden die Erfolgsfaktoren der Mikrofinanz beschrieben, wobei besonders auf alternative Sicherheiten eingegangen wird.

Danach erfolgt eine Beschreibung der Mikrofinanz in Bangladesch und Deutschland. Dabei werden zunächst die Rahmenbedingungen der Länder erläutert und anschließend die bestehenden Programme und deren Erfolge betrachtet. Daraufhin werden die Mikrofinanz-Modelle der beiden Länder gegenübergestellt und bewertet.

Nach einem Exkurs zu zwei weiteren Mikrofinanz-Modellen in Frankreich und Polen, folgt ein Fazit mit Ausblick und aktuellen Entwicklungen.

II. Ursprung und Entwicklung der Mikrofinanz

Mikrofinanz ist spätestens seit dem Jahr des Mikrokredits 2005 ein viel diskutiertes Instrument, welches im öffentlichen Bewusstsein an Bedeutung gewinnt. Mikrokredite sind jedoch keine neue Erfindung. Schon vor mehr als 150 Jahren wurde das Raiffeisen-Modell in Deutschland entwickelt, welches auf den Grundsätzen der Selbsthilfe basiert. Nach diesem Modell arbeiten noch heute viele Mikrofinanzinstitutionen.6

Die ersten Mikrokredit-Programme in Entwicklungsländern waren auf subventionierte Kreditprogramme zurückzuführen, die von Regierungen und internationalen Geberorganisationen initiiert wurden.7 Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre wurden, im Rahmen experimenteller Projekte in Bangladesch und einigen lateinamerikanischen Ländern, Kleinstkredite an Gruppen armer Frauen vergeben. Eines der bekanntesten Projekte ist die Grameen Bank in Bangladesch. Das Modell und die Arbeitsweise der Grameen Bank wird im Kapitel VI genauer erläutert.

Während der achtziger und neunziger Jahre wurden die Methoden zur Vergabe von Mikrokrediten weltweit verbessert. Die daraus resultierenden Ergebnisse waren ermutigend und häufig verblüffend gut.

Nach Europa kehrte die Diskussion um die Mikrofinanz Anfang der neunziger Jahre zurück, als sich für die steigende Zahl der Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit eine zunehmende Finanzierungslücke zeigte. Vor diesem Hintergrund entstanden erste regionale Modellprojekte, die von Gründungszentren initiiert und von öffentlichen Stellen, Stiftungen und Banken unterstützt wurden. In dieser Phase wurde eine Arbeitsteilung entwickelt, die Banken vom Bearbeitungsaufwand der Kreditanträge und dem Prozesskostenrisiko während der Kreditlaufzeit befreite und sie über lokale Mikrofinanzfonds vom Ausfallrisiko abschirmte.

In Deutschland erfolgte daraus eine überregionale Zusammenarbeit und im Jahr 2004 die Gründung des Deutschen Mikrofinanz Institutes (DMI) als gemeinnütziger Verein.8 Im Sommer 2005 starteten die ersten DMI- Modellprojekte, indem zunächst sieben DMI-Mitglieder akkreditiert wurden und ihre Arbeit als Mikrofinanzierer aufnahmen.9 Ein weiterer Erfolg war die Gründung des GLS10 -Mikrofinanzfonds im Juni 2005, unter Beteiligung der KfW- Bankengruppe sowie dem Wirtschafts- und Arbeitsministerium, der im Oktober 2006 zum Mikrofinanzfonds Deutschland ausgebaut wurde.11 Somit entstand ein wirkungsvolles Kooperationsmodell in Deutschland, wodurch von 2005 bis 2008 in zwei Akkreditierungsrunden 11 Mikrofinanzierer ihre Arbeit begannen und bisher 184 Kredite vergeben konnten. Die Arbeitsweise des DMI wird in Kapitel IV genauer erläutert

II. Bedarf an Mikrofinanzierung

Weltweit gibt es mittlerweile 10.000 Mikrofinanzinstitutionen, die im Jahr 2006 ein Kreditvolumen von rund 25 Milliarden Dollar an etwa 100 Millionen Kunden ausgegeben haben. Der tatsächliche Bedarf liegt mit geschätzten 275 Milliarden Dollar weit darüber.12 Der Mikrofinanzsektor weist somit eine gewaltige Finanzierungslücke von geschätzten 250 Milliarden USD auf. Experten schätzen die Zahl potenzieller Mikrokreditnehmer auf 1 Milliarde. 13

A. Bedarf an Mikrofinanzierung in Entwicklungsländern

Wie bereits erwähnt, hat ein Großteil der armen Bevölkerung in Entwicklungsländern keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen klassischer Banken.

Laut Studien der Weltbank lag die Zahl der Menschen, die von weniger als einem USD am Tag leben (= absolut Arme14 ) im Jahr 2004 bei knapp unter 1 Milliarde. Die Zahl der Menschen, die von weniger als zwei USD am Tag leben (= Arme), betrug zu diesem Zeitpunkt rund 2,6 Milliarden, was grob 40% der Weltbevölkerung entspricht.15 Seit Anfang der neunziger Jahre sinkt sowohl die Zahl der Armen, als auch ihr Anteil an der Weltbevölkerung. Der Anteil der absolut armen Bevölkerung sank in den Entwicklungsländern zwischen 1990 und 2004 von 33% auf 19%.16

Wie in Abbildung 2 dargestellt, ist Armut in nahezu allen Entwicklungsländern verbreitet. Jedoch variiert sie stark nach geographischen Regionen. Während in Ost-Asien 9% der Menschen in absoluter Armut leben, liegt der Anteil in dem Teil Afrikas, der südlich der Sahara liegt, bei 41%. In Bangladesch sind es sogar rund 42%.17

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Anteil der in absoluter Armut lebenden Bevölkerung18

Die Vereinten Nationen sehen in der Mikrofinanz ein wirkungsvolles Mittel zur weltweiten Reduzierung der Armut. Die bisherige geflossene Entwicklungshilfe in Form von Spendengeldern und Almosen, konnte die Armut nicht beseitigen. Die Gründe dafür sieht Muhammad Yunus in der Botschaft der Almosen: „Du kannst nichts, du bist nichts, aus dir wird nie ein selbstständiger Mensch.“19

Besser sei es, die Menschen in die Wirtschaftsabläufe zu integrieren. Es sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es den Menschen ermöglichen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihren Lebensunterhalt selbstständig zu erwirtschaften. Durch die Gewährung von Mikrokrediten für Kleinstunternehmer entsteht die benötigte „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Die Nachfrage nach Finanzdienstleistungen für die Armen ist gewaltig. Die Sozialanthropologin und international anerkannte Mikrofinanzexpertin Marguerite S. Robinson schreibt: „Rund 90 Prozent der Menschen in den Entwicklungsländern haben keinen Zugang zu institutionellen Finanzdienstleistungen, seinen es Kredite oder Sparprodukte“. 20

Somit wird gegenwärtig nur ein Bruchteil der Nachfrage gedeckt. In nur drei Ländern – Bolivien, Bangladesch und Indonesien – erreichen Finanzdienstleistungen einen signifikanten Anteil der armen Bevölkerung.21

Folgende Abbildung zeigt die Marktdurchdringung der Mikrofinanz in den verschiedenen Regionen weltweit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Marktdurchdringung der Mikrofinanz in Entwicklungsländern (2005)22

B. Bedarf an Mikrofinanzierung in Industrieländern

Auch in Industrieländern, wie zum Beispiel Deutschland, besteht wie schon erwähnt ein Bedarf an Mikrofianz, allerdings liegt der Schwerpunkt hier bei Mikrokrediten und die damit verbundenen Betreuungs- und Beratungsleistungen. Das Hauptziel bei der Vergabe von Mikrokrediten liegt, im Gegensatz zu der Armutsverringerung in Entwicklungsländer, bei der Schaffung von Arbeit. Kleinstkredite zur Gründung eines Kleinstunternehmens werden als Lösung gegen die hohe Arbeitslosigkeit, zur Integration von Randgruppen und als Mittel zur Förderung des Frauenanteils in der Beschäftigung gesehen.23

In Deutschland haben laut Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Jahr 2006 rund 450.000 Personen eine selbstständige Tätigkeit im Vollerwerb begonnen, davon stammt rund die Hälfte aus der Arbeitslosigkeit. Das Gründungsgeschehen wurde dabei von kleinen und kleinsten Gründungsprojekten dominiert. 40 % der

Gründer haben einen Kapitalbedarf von unter 5.000 EUR und nur knapp 10 % einen Bedarf von über 50.000 EUR.24

Laut einer Studie der Gesellschaft für Arbeitsaktivierung (GfA) im Auftrag des Deutschen Mikrofinanzinstituts (DMI) besteht ein Mikrofinanzierungsbedarf meist nicht unmittelbar bei Gründung, sondern vermehrt in der Nachgründungsphase, etwa zur Existenzfestigung oder zur Finanzierung der ersten Wachstumsschritte. Attraktiv sind demnach Angebote zur kurzfristigen Finanzierung von Aufträgen, saisonalen Schwankungen und von kurzfristigen Projekten.25 Bei Gründung besteht, vor allem bei Dienstleistern, nur ein sehr geringer Kapitalbedarf, der meist durch Privatkredite aus dem persönlichen Umfeld abgedeckt werden kann. Zudem wird teilweise über private Kreditkarten, Konsumentenkredite oder Leasing finanziert.26 Eine Untersuchung von Kritikos ergab, dass rund 15% der Unternehmen, die in den vergangenen Jahren einen Badarf an Fremdfinanzierung hatten, grundsätzliches Interesse an Mikrofinanzierung zeigen.27

Die Deckung des Finanzierungsbedarfs über klassische Banken gestaltet sich für diese Zielgruppe schwierig. Die Gründe hierfür werden nachfolgend erläutert.

Die geringe Höhe der Kredite deckt oft nicht einmal die Bearbeitungskosten. Die Fixkosten der Bank sind nahezu unabhängig vom Kreditvolumen. Somit sind die kleinen Kredite für die Banken nicht attraktiv.28 Berechnungen zufolge liegt der Break-even deutscher Banken für Investitionskredite bei rund 100.000 Euro.29

Ein weiteres Problem stellen die von den Banken verlangen Sicherheiten dar, welche von den potentiellen Kreditnehmern meist nicht eingebracht werden können.

Den Banken entsteht ein Risiko durch die hohe Informationsasymetrie, besonders bei Gründungen und innovativen Projekten. Die Banken verfügen darüber hinaus über kein geeignetes Instrument zur Erkennung kreditwürdiger Kleinstunternehmer.30 Eine Analyse, wie sie bei traditionellen Banken angewandt wird, ist für Mikrokredite nicht geeignet, da nicht nur die ökonomische Betrachtung des Geschäftsmodells erfolgen soll, sondern eine psychologische Analyse der Persönlichkeit des Gründers nötig ist.

Oftmals haben die Banken generell eine skeptische Haltung gegenüber beispielsweise Arbeitslosen die in sozial schwachen Verhältnissen leben, da häufig schlechte Erfahrungen mit dieser Zielgruppe gemacht wurden.

In Deutschland werden zwar bereits jährlich rund 5.000 sogenannte Mikrokredite von rund 30 existierenden Institutionen (KfW, Investitionsbank Berlin, DMI etc.) vergeben, aber ausschließlich an Existenzgründer. Für bestehende Kleinunternehmen fehlt bislang ein spezifisches Finanzierungsinstrument.31

III. Struktur der Mikrofinanzierung

A. Akteure

Der rechtliche Status der weltweit tätigen Mikrofinanzinstitutionen variiert stark. Neben staatlich regulierten Banken existieren diverse andere Finanzinstitutionen, Kooperativen, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen. Inzwischen treten sogar die ersten Geschäftsbanken in den Markt für Mikrofinanzierungen ein.32

Die Anbieter von Finanzdienstleistungen können in formelle, semiformelle und informelle Sektoren aufgeteilt werden.33

- Der formelle Sektor untersteht der Bankenregulierung und –aufsicht. Dazu gehören Zentralbanken, Handels- und Investmentbanken, Versicherungsunternehmen und Kapitalmärkte.
- Der semiformelle Sektor untersteht nicht der Bankenregulierung, arbeitet aber mit Zulassung und wird meist von anderen Regierungsabteilungen beaufsichtigt. Zu diesem Sektor gehören Kreditvereinigungen, Dorfbanken, registrierte Selbsthilfegruppen sowie manche registrierte Nichtregierungsorganisationen.
- Der informelle Sektor operiert außerhalb staatlicher Regulierung und Beaufsichtigung. Er beinhaltet Interessensverbände, informelle Finanzunternehmen, individuelle Geldverleiher, Pfandhäuser, Familienersparnisse und Nichtregierungsorganisationen.

Zu dem informellen Sektor gehören in Entwicklungsländer auch sogenannte „Kredithaie“, die oft horrende Zinsen in Höhe von bis zu 100% monatlich verlangen. Sie sind oft die einzige Alternative der Armen.

Viele Mikrofinanzinstitutionen beginnen im informellen oder semiformellen Sektor. Andere haben jedoch ihren Ursprung im formellen Sektor, wie beispielsweise Entwicklungsbanken, die sich später auf die Mikrofinanz konzentrieren.34 Wenn der soziale Auftrag im Vordergrund steht, sind die Mikrofinanzinstitutionen meist in Form einer Nichtregierungsorganisationen oder einer Stiftung organisiert. 35

Darüber hinaus ist es wichtig, den Aufbau von Kapitalmärkten mit Netzwerken, Ratingfirmen und anderen Instrumenten, die Leistungsstandards fördern, zu unterstützen.36

B. Refinanzierungsmöglichkeiten

Das der Mikrofinanzbranche zufließende Kapital stammt aus den verschiedensten Quellen. Der öffentliche Sektor, der Kapital in Form von Spenden, subventionierten Krediten oder entwicklungspolitische Fördermittel zur Verfügung stellt, war ursprünglich eine der wichtigsten Geldquellen.37 Künftig werden laut der Deutschen Bank38 die Mikrofinanzinstitutionen dazu übergehen, selbstständig Wertpapiere auszugeben. Es wurden teilweise Verbriefungstransaktionen durchgeführt und Schuldverschreibungen oder sogar Aktien emittiert.

Die meisten Mikrofinanzinstitutionen sind anfänglich auf Subventionen angewiesen. Mit der Zeit erhöhen sie ihre Eigendeckung, bis sie schließlich selbsttragend werden.39 Non-Profit-Organisations, wie zum Beispiel ADIE in Frankreich, erhalten allerdings dauerhaft Subventionen, um ihre Rolle wahrnehmen zu können. Die staatlichen Subventionen bei ADIE (nationale, regionale oder europäische Fördermittel) machen 60 bis 90 % der jährlichen Einnahmen aus.

Mittlerweile arbeiten circa 200 bis 300 dieser Institutionen, die teilweise bereits seit 20 Jahren existieren, nicht nur kostendeckend, sondern auch rentabel. Diese Entwicklung hin zur finanziellen Nachhaltigkeit wird in der Literatur oft als „Revolution in der Mikrofinanz“ bezeichnet. Entscheidend ist dabei, dass Mikrofinanzinstitutionen mit kostendeckenden Zinsen arbeiten.

Steinwand schreibt, dass für die armen Haushalte der Zugang zu Krediten wesentlich wichtiger ist, als die Höhe der Zinsen. Außerdem können die Schuldner die auf den ersten Blick hoch wirkenden Zinsen meist unproblematisch verkraften, da es sich in der Regel nur um kleine Kredite handelt und die Zinsen in absoluten Zahlen gerechnet ebenso nur geringe Beträge darstellen.40

Im Gegensatz zu den Entwicklungsländern hat sich die Mikrofinanzbranche in Westeuropa noch nicht zu einem selbsttragenden rentablen Geschäft entwickelt.41

Das Problem der meisten Mikrofinanzinstitutionens liegt dort in der Finanzierung des Gesamtangebotes, d.h. des Kredites in Verbindung mit der Beratung. Die meisten Mikrofinanzinstitutionen vergeben jährlich nur rund hundert Darlehen.

C. Mikrofinanz-Investments

Eine wichtige Kapitalquelle der Mikrofinanz werden künftig die Finanz- und Kapitalmärkte darstellen. Besonders durch die Ausgabe von Fonds für private und institutionelle Anleger wird laut der Deutschen Bank42 zukünftig viel Kapital in den Mikrofinanzsektor fließen.

Internationale Finanzinstitutionen und private Investoren haben ihre Kapitalzuflüsse in den Mikrofinanzsektor seit 2004 bereits auf insgesamt über 4,4 Milliarden USD im Jahr 2006 verdoppelt. Nach Prognosen der Deutschen Bank soll sich bis 2015 das private Anlagevolumen auf der ganzen Welt auf 20 Milliarden USD steigern (vgl. Abb. 4).43

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Prognose des Anlagevolumens von institutionellen und privaten Anlegern in Mikrofinanz-Investments

Mikrofinanz-Investments gehören in den Bereich der sozial verträglichen Vermögensanlagen (social responsible investments = SRI). Das bedeutet die Rendite setzt sich aus einer finanziellen und einer sozialen Komponente zusammen.44 Die soziale Komponente verfolgt das Ziel der Armutsreduzierung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ebenso bietet die Anlage ein attraktives finanzielles Risiko-Rendite-Profil, das von relativ beständigen Erträgen, geringen Kreditausfallraten und einer potenziell geringen Korrelation zu den etablierten Segmenten des Kapitalmarkts geprägt ist.45 Die finanzielle Rendite ist leicht zu quantifizieren, wobei sich die soziale Rendite nur schwer messen lässt.

Die finanzielle Rendite betrug beispielsweise bei einer privaten Anlage im schweizer ResponsAbility Global Microfinance Fund 7,7% im Jahr 2007 bei einer Mindestanlage von 1.000 USD bzw. Euro. Das Fondvermögen wird primär in Zentralasien (29 Prozent), Osteuropa (23 Prozent) und Südamerika (22 Prozent) investiert und erreichte dort bis Ende 2007 rund 4,4 Millionen Kleinstunternehmer.46

Die soziale Rendite, also die sozialen Auswirkungen, setzen sich aus vielen Dominoeffekten und nur schwer messbaren Langzeitfolgen (wie beispielsweise besserer Ernährung der Familie, gesteigerter Selbstachtung, besserer Ausbildung der Kinder) zusammen.47 Anhand der Beobachtung verschiedener entwicklungspolitischer Indikatoren, wie zum Beispiel der Zunahme des Einkommens des Mikrokreditnehmers, kann eine Aussage über die soziale Rentabilität der Mikrofinanz-Investments getroffen werden.48

Die Calvert Foundation, eine führende SRI-Investmentgesellschaft, präsentiert auf ihrer Internetseite ein interessantes Instrument, welches die soziale Rendite eines Mikrofinanz-Investments je nach Höhe, Laufzeit, geographischer Region und Investitionsbereich ermittelt49. Der Intersessierte erfährt beispielsweise, wie viele Häuser mit seinem Investment errichtet, wie viele Kleinstunternehmen finanziert oder wie viele Arbeitsplätze geschaffen werden können. Die Grundlage dieser Berechnung bildet ein eigens entwickeltes SROI (social return on investment)- Tool (siehe Abb. 5), welches auf aktuelle Daten zahlreicher in diesem Bereich tätiger Institutionen zurückgreift.50

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: SROI-Tool

Wer zum Beispiel in Asien für ein Jahr 5.000 USD im Bereich Mikrokredite investieren möchte, erhält folgendes Ergebnis (siehe Abb. 6):

Abb. 6: Ergebnis des SROI-Tools

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz des rasanten Wachstums des Kreditvolumens leidet der Mikrofinanzsektor unter einer immensen Finanzierungslücke. Während sich die gesamte potenzielle Nachfrage auf rund 1 Milliarde beläuft, können derzeit lediglich ca. 100 Millionen Kunden mit Mikrokrediten versorgt werden. Die Reduzierung der Finanzierungslücke stellt künftig eine große Herausforderung dar, die mittelfristig durch eine komplementäre Zusammenarbeit der öffentlichen und privaten Investoren erreicht werden kann.51

Von einem normativen Standpunkt aus, wäre langfristig die vollständige Refinanzierung über das nationale Finanzsystem erstrebenswert, d.h. über Spareinlagen, Bankdarlehen oder die nationalen Kapitalmärkte. 52 Geberkapital sollte ausschließlich an neu gegründete und solche Mikrofinanzinstitionenen fließen, die eine Unterstützung benötigen, bis sie die Stufe der Nachhaltigkeit erreicht haben.53

[...]


1 Vgl. www.yearofmicrocredit.com.

2 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 6.

3 Vgl. Roth/Steinwand (2004), S. 2.

4 Vgl. The MIX (Hrsg.) (2006), S. 10.

5 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 5.

6 Vgl. Förster (2007).

7 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 30.

8 Vgl. Kreuz (2006), S. 3.

9 Vgl. DMI (Hrsg.) (2006), S. 7.

10 Vgl. Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken e.G., Sitz in Bochum.

11 Vgl. Förster (2007), S. 9.

12 Vgl. o.V. (2008), S. 21.

13 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 12.

14 Laut Definition nach den offiziellen Richtlinien der United Nations (UN).

15 Vgl. The World Bank (Hrsg.) (2007).

16 Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2008).

17 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 4.

18 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 5.

19 Vgl. Spiegel (2006), S. 80.

20 Vgl. Robinson (2001), S. 9.

21 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 12.

22 Vgl. Microcredit Summit Campaign (Hrsg.) (2006), S. 25.

23 Vgl. European Microfinance Network (Hrsg.) (2004), S. 3.

24 Vgl. KfW-Gründungsmonitor (2007), S. 9.

25 Vgl. Gremelmann/Kritikos/Kneiding (2006).

26 Vgl. DMI (Hrsg.) (2006), S. 8.

27 Vgl. Bruckner (2007), S. 4.

28 Vgl. Tilleßen (2006), S. 10.

29 Vgl. Steinwand (2004), S. 26 ff..

30 Vgl. Kritikos (2007), S. 4.

31 Vgl. Kritikos (2007), S. 6.

32 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 7.

33 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 28.

34 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 29.

35 Vgl. Vondrak/Schallauer/Zdrahal-Urbanek (2005), S. 29.

36 Vgl. Köhler (2004), S. 21.

37 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 70.

38 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 3.

39 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 28.

40 Vgl. Steinwand (2004), S. 26 ff..

41 Vgl. Evers/Lahn/Jung (2007), S. 14.

42 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 3.

43 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 1.

44 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 71.

45 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 18.

46 Vgl. ResponsAbility Global Microfinance Fund (Hrsg.) (2008).

47 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 73.

48 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 18.

49 Vgl. www.calvertfoundation.org.

50 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 74.

51 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 21.

52 Vgl. Deutsche Bank Research (2008), S. 10.

53 Vgl. Felder-Kuzu (2005), S. 91.

Details

Seiten
71
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783346003614
ISBN (Buch)
9783346003621
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495289
Institution / Hochschule
Fachhochschule Kaiserslautern Standort Zweibrücken – Mittelstandsökonomie
Note
1,3
Schlagworte
Mikrofinanzierung Finanzierung Deutschland Bangladesch Mikrofinanzprodukte Grameen Bank Frankreich Polen

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