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Die investigative Recherche am Fall "My Lai" von Seymour Hersh

Hausarbeit 2018 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Relevanz des investigativen Journalismus

2. Investigativer Journalismus

3. Case Study

4. Hintergrundinformationen zum Fall

5. Die Recherche Hershs

6. Die Folgen der Recherche

7. Kritik der Öffentlichkeit an Seymour Hersh

Literaturverzeichnis

1. Relevanz des investigativen Journalismus

In Zeiten von Digitalisierung, Fake News sowie einer extremen Schnelllebigkeit der Medien wird investigativem Journalismus ein immer höherer Stellenwert zugeschrieben. Die Konkurrenz ist durch die heutige Medienvielfalt groß und der Zeitdruck in den Redaktionen nimmt stetig zu. Studien zeigen, dass die durchschnittliche Recherchezeit pro Arbeitstag abnimmt (Kaiser, 2015, S. 109). Jedoch können nur sorgfältig recherchierte Enthüllungsberichte die Stellung der Medien als vierte Gewalt im Staat sichern. Als Musterbeispiel für einen solchen investigativen Journalismus gilt die Watergate-Affäre aus den USA, die von den Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward aufgedeckt wurde (Kaiser, 2015, S. 107). Die Enthüllung der Watergate-Affäre wirkte sich auch jenseits der USA auf das eigene Rollenbild der Journalisten* aus: Das alte Selbstbild vom Reporter als Detektiv wurde wiederbelebt (Weischenberg, 2004, S. 116).

In dieser Seminararbeit soll der Vorgang einer investigativen Recherche am Fallbeispiel des Massakers von My Lai, das sich Ende der 1960er Jahre in Nordvietnam ereignete, erörtert werden. Die Arbeitsweise des investigativen Journalisten Seymour Hersh soll dabei Schritt für Schritt und möglichst detailliert dargestellt werden. Es soll vermittelt werden, wie bei einer investigativen Recherche vorgegangen wird und welche Barrieren es dabei zu überwinden gilt.

Zunächst sollen die theoretischen Grundlagen der investigativen Recherche erläutert werden. Dabei wird eine möglichst genaue Definition des investigativen Journalismus angestrebt. Im Anschluss daran wird beschrieben, worum es sich bei einer Case Study handelt. Daraufhin wird kurz auf Hintergrundinformationen zum Fall My Lai sowie die involvierten Personen eingegangen, die eine wichtige Rolle für das Verständnis der Arbeit spielen. Im Zentrum der Seminararbeit steht die Recherche Seymour Hershs zum Fall My Lai. Im letzten Abschnitt der Arbeit wird kurz auf die Folgen der Enthüllung sowohl für die Beteiligten als auch für die Öffentlichkeit eingegangen. Zum Abschluss der Arbeit wird die öffentliche Kritik an der Arbeitsweise Hershs angesprochen und dazu Stellung bezogen.

Als Grundlagenliteratur dienen unter anderem „Recherchieren. Klassisch – online – crossmedial.“ von Markus Kaiser (2015) sowie „Investigativer Journalismus“ von Johannes Ludwig (2011).

*In dieser Arbeit wird aus Vereinfachungsgründen allein die männliche Sprachform verwendet. Natürlich sind damit sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint.

2. Investigativer Journalismus

Als investigativen Journalismus bezeichnet man laut Weischenberg (2005) eine “[...] aktive Suche nach bisher unbekannten Informationen, Zusammenhängen oder Gründen für bestimmte Ereignisse oder Entwicklungen (S. 122). Das Wort investigativ stammt aus dem angelsächsischen Sprachgebrauch und bedeutet übersetzt ermitteln, untersuchen oder nachforschen. Man spricht bei investigativem Journalismus auch von „Aufdeckungs- oder Enthüllungsjournalismus“ (Weischenberg, 2005, S. 122). Die Besonderheit der investigativen Recherche liegt darin, dass die Recherche immer gegen Widerstände und Barrieren erfolgt. Kaiser erklärt, dass es sich bei investigativer Recherche um das Aufdecken von Missständen und unlauteren Machenschaften handelt (Kaiser, 2015, S. 107). Die Betroffenen sehen investigative Recherchen als unerwünscht an, wodurch es oft zu Spannungen zwischen dem nachforschenden Journalisten und den Personen seiner Recherche kommt (Weischenberg, 2005, S. 123).

Der Journalist übernimmt im investigativen Journalismus eine „Watch-Dog“-Funktion, die sich auch aus der „öffentlichen Aufgabe“ der Medien ergibt (Ludwig, 2011, S. 15).

Der Aufwand der Recherche ist im investigativen Journalismus sehr hoch bis extrem hoch, da nicht zugängliche oder „gesperrte“ Quellen genutzt werden (Ludwig, 2011, S. 9). Sobald eine Enthüllung von öffentlichem Interesse ist, müssen bestimmte Barrieren überwunden werden. Diese Hürden können sich unterschiedlich äußern. Einerseits kann es Maßnahmen der Gegenseite geben, die die Recherche als unerwünscht empfindet und sie deshalb verhindern möchte (Ludwig, 2011, S. 10/11). Hinzu kommen rechtliche Schranken oder auch faktische Barrieren, zum Beispiel, wenn die Gegenseite von einem Informationsvorsprung profitiert (Ludwig, 2011, S. 12). Eine weitere Barriere kann von der Wirklichkeitskonstruktion des Journalisten ausgehen. So können Stress, Routinen und Autoritätsgläubigkeit das selektive Wahrnehmungsverständnis des Reporters stark beeinflussen (Ludwig, 2011, S. 12). Weischenberg betont, dass der einzelne Journalist bei der investigativen Recherche von großer Bedeutung sei. Denn dabei sind sowohl seine Kompetenz, sein Verantwortungsbewusstsein als auch sein Realitätsverständnis gefragt (Weischenberg, 2004, S. 117). Ludwig nennt außerdem ökonomische Barrieren. Investigative Recherchen sind sowohl zeit- als auch kostenaufwändig. Ob sich der ökonomische Aufwand letztlich lohnt, ist vorher meist unklar (Ludwig, 2007, S.107).

Mögliche Barrieren müssen jedoch überwunden werden, da bei investigativen Recherchen in der Regel das gesellschaftliche Interesse überwiegt (Ludwig, 2011, S. 15).

Enthüllungen können schwerwiegende Folgen für die betroffenen Personen der Gegenseite nach sich ziehen.

Skandal-Berichterstattung führt häufig dazu, dass Menschen ihren Job verlieren, einen schweren Image-Schaden erleiden oder zu einer Haftstrafe verurteilt werden (Kaiser, 2015, S. 5). Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass investigative Journalisten eine professionelle Ausbildung absolviert haben (Weischenberg, 2002, S. 117). Außerdem ist eine gute Rechtsabteilung bei jeder investigativen Recherche nötig (Weischenberg, 2004, S. 117). In vielen Fällen geht eine rechtliche Auseinandersetzung mit der Veröffentlichung eines Skandals einher (Weischenberg, 2005, S. 123).

Kaiser betont, dass investigativer Journalismus harte Arbeit sei (Kaiser, 2015, S. 107). Grundsätzlich erfolgt eine - oft monatelange – Recherche, nachdem der Journalist zuvor einen Tipp erhalten hat (Weischenberg, 2002, S. 117). Recherche wird von Preger (2004) definiert als: „Beschaffen von Informationen zur potenziellen Veröffentlichung“ (S. 18).

Informanten kommt eine besondere Rolle im investigativen Journalismus zu. So meint Kaiser (2015): „Wer investigativ arbeitet, begnügt sich nicht mit einer Quelle.“ (S. 108) Informanten seien das A und O bei der Recherche (Kaiser, 2015, S. 95). Dazu können sowohl Freunde, Familie, Bekannte als auch Fremde zählen. Haller (2008) definiert einen Informanten zunächst einmal als jeden, „[...] der ein höheres Sachwissen besitzt als der Rechercheur und in den aufzuklärenden Sachverhalt nicht involviert ist“ (S. 205). Wichtig ist, dass der Reporter Privates und Berufliches trennt und sich dabei eindeutig in der Rolle des Journalisten befindet (Kaiser, 2015, S. 97).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Vertrauen der Informanten zur eigenen Person, das man durch eine sachliche und faire Berichterstattung sowie ein professionelles Auftreten gewinnen kann (Kaiser, 2015, S. 98).

Der Schutz der eigenen Informanten spielt zudem eine große Rolle. Sobald ein Informant anonym bleiben möchte, ist es die Aufgabe des Journalisten, ihn zu schützen. Dies ist vor allem bei den Informanten wichtig, die in Abhängigkeiten zu den Personen stehen, über die sie Informationen preisgeben (Kaiser, 2015, S. 100).

Haller (2008) weist außerdem darauf hin, dass man die Kontakte zu seinen Informanten intensiv pflegen sollte, um auch längerfristig Auskünfte zu erhalten (S. 210). Ein Informantennetz kann systematisch aufgebaut werden. Am einfachsten funktioniert das, wenn sich der Journalist auf ein Ressort oder einen Themenbereich spezialisiert, um das Informantennetz möglichst engmaschig zu halten (Kaiser, 2015, S. 98).

Investigative Journalisten müssen sich bewusst sein, dass auch Informanten eigene Interessen verfolgen. Informationen können gezielt weitergegeben werden, um beispielsweise bestimmten Personen absichtlich zu schaden oder um ein eigenes Projekt oder Produkt in der Presse hervorzubringen (Kaiser, 2015, S. 99).

Die Aufgabe des Journalisten besteht darin, mögliche Eigeninteressen frühzeitig zu erkennen und sich nicht in Abhängigkeiten verstricken zu lassen (Kaiser, 2015, S. 99).

Im investigativen Journalismus werden verschiedene Arbeitstechniken angewandt. Eine Technik des investigativen Journalismus ist das Einkreisen einer Person. Dabei nähert man sich von außen nach innen immer mehr dem Rechercheobjekt, bis man bei dem Objekt angekommen ist (Weischenberg, 2005, S. 124).

Eine umstrittene Technik ist die Undercover-Recherche, bei der der Journalist heimlich als teilnehmender Beobachter fungiert. Bestimmte politische und rechtliche Rahmenbedingungen müssen dabei gesetzt sein. Die individuelle Persönlichkeitssphäre ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung: Je nach Grad des öffentlichen Interesses kann diese abgestuft geschützt sein (Weischenberg, 2005, S. 124/125).

3. Case Study

Creswell (2012) versucht das Verfahren einer Case Study folgendermaßen zu definieren:

„Case study research is a qualitative approach in which the investigator explores a real-life, contemporary bounded system (a case) or multiple bounded systems (cases) over time, through detailed, in-depth data collection involving multiple sources of information (e.g., observations, interviews, audiovisual material, and documents and reports), and reports a case description and case themes.” (S. 97)

Die Definition nach Creswell beinhaltet bereits die wichtigsten Merkmale einer Einzelfallstudie. Es werden demnach möglichst viele verschiedene Informationsquellen, darunter sowohl Beobachtungen, Interviews, audiovisuelles Material, Dokumente als auch Berichte genutzt. Das Ziel einer Case Study ist es, ein Thema anhand der Untersuchung eines Beispielfalls oder mehrerer ähnlicher Fälle möglichst detailliert zu beschreiben (Creswell, 2012, S. 97).

Bei einer Fallstudie handelt es sich um keine konkrete Erhebungstechnik, sondern um einen Forschungsansatz. Dieser Approach lässt sich zwischen konkreter Erhebungstechnik und methodologischem Paradigma einordnen (Lamnek, 2010, S. 272). Bei der Einzelfallstudie geht es nicht darum, möglichst viele Dimensionen oder Variablen einzubeziehen, sondern das Untersuchungsobjekt in all seinen Facetten zu erforschen. Das untersuchte Objekt soll also keinesfalls auf wenige Variablen reduziert werden. Lamnek betont, dass es bei einer Fallstudie vor allem darum geht, ein ganzheitliches und realitätsnahes Bild der sozialen Welt zu konstruieren (Lamnek, 2010, S. 273).

Lamnek (2010) erklärt das Ziel einer Case Study folgendermaßen: „Die Einzelfallstudie will einen genaueren Einblick in das Zusammenwirken einer Vielzahl von Faktoren erhalten. Sie fokussiert hierbei häufig das Auffinden und Herausarbeiten typischer Vorgänge“ (S. 275).

Charakteristisch für die Einzelfallstudie ist, dass es sich beim Untersuchungsobjekt meist um ein einzelnes soziales Element handelt. Individuelle Einheiten können beispielsweise aus Personen, Gruppen, Kulturen, Organisationen oder Verhaltensmustern bestehen (Lamnek, 2010, S. 273).

Um alle Aspekte und Dimensionen eines Untersuchungsobjektes berücksichtigen zu können, wird bei der Einzelfallstudie eine Methodentriangulation angewandt. Es werden also mehrere, verschiedene Datenerhebungsmethoden genutzt. Damit können Methodenfehler weitgehend vermieden werden (Lamnek, 2010, S. 273).

Im Vergleich zu anderen empirischen Forschungsmethoden verfolgt die Einzelfallstudie den Anspruch einer sehr detaillierten Untersuchung. Damit soll ein umfangreiches Verständnis für das jeweilige Thema vermittelt werden (Creswell, 2012, S. 96). Creswell weist außerdem darauf hin, dass ein möglichst aktueller Fall ausgewählt werden sollte, sodass auf keine veralteten oder bereits verloren gegangenen Informationen zurückgegriffen werden muss (Creswell, 2012, S. 98).

Welche Techniken zur Untersuchung eines Einzelfalls oder mehrerer Fälle angewendet werden sollen, steht bei der Einzelfallstudie offen (Lamnek, 2010, S. 274). So kann durch teilnehmende Beobachtung, durch Interviews, Gruppendiskussionsverfahren oder durch Inhaltsanalyse Datenmaterial erhoben werden. In einer Einzelfallstudie können also prinzipiell alle Techniken der empirischen Sozialforschung angewandt werden (Lamnek, 2010, S. 275).

Der Einzelfall My Lai wurde gewählt, da sich dabei um die wohl bekannteste Enthüllung des Journalisten Seymour Hersh handelt. Zunächst wurden sämtliche Informationsquellen zum Fall herangezogen, darunter Tonaufnahmen, Dokumentationen, Artikel und Videos, um einen Überblick über den Fall zu bekommen. Der Fall wurde danach genauestens untersucht, um Rückschlüsse auf die Arbeitsweise von investigativen Journalisten ziehen zu können. Auch wurde auf die Barrieren, denen sich der Journalist Seymour Hersh bei seiner Recherche stellen musste, geachtet, um allgemeine Aussagen daraus schließen zu können. Auch die Phase nach der Veröffentlichung des Falls wurde mit in die Einzelfallstudie einbezogen. Somit konnte ein rundes Gesamtbild dargestellt werden.

4. Hintergrundinformationen zum Fall

Nachdem die theoretischen Grundlagen der Arbeit erläutert wurden, soll nun kurz auf Hintergrundinformationen des gewählten Falls eingegangen werden.

Das Massaker von My Lai ereignete sich am 16. März 1968 im Rahmen des Vietnamkriegs. Amerikanische Soldaten stürmten das Dorf My Lai, das von den Amerikanern auch „Pinkville“ genannt wurde, und töteten hunderte unbewaffnete Zivilisten, darunter unschuldige Frauen, Kinder und Greise. Unter den amerikanischen Soldaten in My Lai befanden sich Leutnant William Calley und US-Soldat Paul Meadlo, die für die spätere Recherche Hershs wichtige Informationen lieferten (Hersh, 1972). Entscheidend für die Veröffentlichung des Falls war außerdem Ronald L. Ridenhour. Ridenhour war einst ein amerikanischer Soldat, war jedoch nicht direkt am Massaker von My Lai beteiligt. Da er jedoch Kontakte zu beteiligten Soldaten pflegte, erfuhrt er aus direkter Quelle von dem Massaker (Hersh, 1972).

Die beteiligte Einsatzgruppe war bekannt als Charlie-Company, deren offizieller Auftrag es war, die Ausbreitung des Kommunismus zu stoppen. Als die Einheit im Februar 1968 der Task Force Barker unterstellt wurde, lautete der Auftrag der Einheit, die Infrastruktur der nordvietnamesischen Volksarmee und der Vietcong in der Region „Pinkville“ zu zerstören. Am Morgen des 16. März 1968 trafen die Soldaten nicht wie erwartet auf eine der erfolgreichsten Einheiten des Feindes – das 48. Bataillon der Vietcong Local Force – sondern auf unbewaffnete Frauen, Kinder und alte Männer. Obwohl es keinen Auftrag dafür gab, wurden die Zivilisten ermordet. Die Charlie-Company behauptete gegenüber den Vorgesetzten, dass 128 Vietcong getötet und drei Waffen erbeutet wurden (Hersh, 1972).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346004284
ISBN (Buch)
9783346004291
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495286
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
2,3
Schlagworte
recherche fall seymour hersh

Autor

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Titel: Die investigative Recherche am Fall "My Lai" von Seymour Hersh