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Suchtprävention in der Außerschulischen Jugendbildung. Überlegungen zur erfolgreichen Veranstaltungskonzeption

Hausarbeit 2019 14 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 bisherige Konzeption

3 Überlegungen zur Neukonzeptionierung
3.1 Zielsetzung
3.2 Struktur
3.3 Organisatorisches und Kennenlernen
3.4 Einstieg ins Thema
3.5 Bedürfnisse und Lösungsmöglichkeiten
3.6 Einfluss von außen
3.7 Transfer in Schulalltag – Kooperation mit Schulen

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit mehr als zehn Jahren bin ich in einer Jugendbildungsstätte als Referentin der außerschulischen Jugendbildung, speziell auch im Bereich der Suchtprävention, tätig.

In der Praxis wird immer wieder von Referent_innen, Lehrer_innen und Schüler_innen gleichermaßen die Unausgewogenheit von Theorie und Praxis innerhalb der Veranstaltungen kritisiert. Diese führt, gepaart mit falschen Erwartungen der Schüler_innen durch mangelnde Kooperation mit den Schulen und dadurch fehlenden Vorinformationen, insbesondere bei den Jugendlichen oftmals zu hoher Frustration. Diese bedingt teilweise auch eine mangelnde Motivation zur Teilnahme an den Veranstaltungen.

Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es daher, herauszuarbeiten, durch welche Methoden und Rahmenbedingungen diese Problematiken zukünftig vermieden oder zumindest vermindert werden können.

Da die Jugendbildungsstätte, in welcher ich tätig bin, ausschließlich Veranstaltungen für Schulklassen der siebten Jahrgangsstufe aller Schulformen mit einer Länge von drei Tagen sowie Übernachtung und Vollverpflegung anbietet, lege ich diese speziellen Rahmenbedingungen in meinen Überlegungen zugrunde.

Im ersten Schritt dieser Hausarbeit stelle ich als Basis für die weiteren Ausführungen die aktuelle Konzeption der suchtpräventiven Schulklassenveranstaltungen in der Jugendbildungsstätte dar und hebe die bestehenden Schwierigkeiten hervor (Kapitel 2). Im nächsten Schritt wende ich mich den Überlegungen zur Neukonzeptionierung zu. (Kapitel 3) Dabei versuche ich Lösungen zu finden um die zuvor dargelegten bestehenden Schwierigkeiten zu vermindern oder gar zu vermeiden, indem ich die Methoden, welche ich als angemessener als die bisherigen empfinde, skizziere und entwickele.

Aufgrund des begrenzten Umfangs der vorliegenden Hausarbeit werde ich keinen konkreten methodisch-didaktischen Plan entwickeln, sondern ausschließlich Möglichkeiten darstellen, womit sich die theoretischen und praktischen Anteile der Schulklassenveranstaltungen ausgewogener und dadurch für die Jugendlichen ansprechender gestalten lassen.

2 bisherige Konzeption

Die bisherige Konzeption der suchtpräventiven Schulklassenveranstaltungen sieht als Ziele die Auseinandersetzung mit dem eigenem Konsumverhalten, die Bewusstmachung eigener Ressourcen zur Suchtprävention sowie die Erarbeitung alternativer Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung vor.

Aufgrund dieser Zielsetzungen ist kein konkretes Suchtmittel Thema der Veranstaltung, außer es wird vorab von den Lehrkräften explizit gewünscht und ist aus Sicht der Bildungsreferent_innen und Referent_innen auch sinnvoll und angemessen zu thematisieren. Werden Suchtmittel exemplarisch benannt, orientieren sich die Referent_innen entweder am tatsächlichen Konsum der Klasse oder greifen Alkohol bzw. Nikotin als jene Suchtmittel auf, von welchen laut BzgA-Statistiken derzeit die meisten Jugendlichen abhängig sind. (Mortler 2018)

Die Referent_innen arbeiten in Zweierteams, wenn es die Personalsituation zulässt gemischtgeschlechtlich. Bei der Zusammensetzung der Teams werden darüber hinaus auch weitere Aspekte, wie individuelle Fähigkeiten, berücksichtigt, um einen hohen Standard zu gewährleisten.

Durch Fortbildungen und steten Austausch untereinander sowie mit den Bildungsreferent_innen haben die Referent_innen eine große Authentizität und gehen reflektiert mit ihren eigenen Süchten und Suchterfahrungen um.

An den Veranstaltungen nehmen die begleitenden Lehrkräfte nicht aktiv teil, damit die Jugendlichen nicht in ihrer Teilnahme gehemmt und in ihren Aussagen beeinflusst werden. Während Übungen außerhalb des Veranstaltungsraumes sind die Lehrkräfte aber zur stillen Beobachtung eingeladen. Am Ende eines jeden Veranstaltungstages werden von den Referent_innen Lehrer_innen-Gespräche angeboten, in welchen der Tag resümiert wird.

Die Veranstaltungen sind bisher in sechs Blöcke gegliedert, welche aufeinander aufbauen. Da die Inhalte dieser Blöcke für eine siebte Jahrgangsstufe teils abstrakt sind, erschwert diese Struktur den Referent_innen die Wahl der individuell auf die jeweiligen Schulklassen passenden bzw. angepassten Methoden und somit ein zielgruppenorientiertes Arbeiten. Zusätzlich sind die Referent_innen durch die vorgegebenen Essenszeiten des Hauses gefordert, welche die Veranstaltungen nicht nur zeitlich strukturieren, sondern auch eng begrenzen

Die Veranstaltungen für siebte Jahrgangsstufen anzubieten basiert zum einen auf den kognitiven Fähigkeiten, welche die etwa 13 Jahre alten Schüler_innen haben. Zum anderen ist dies jenes Alter, in welchem statistisch gesehen die ersten Erfahrungen mit Alkohol und Nikotin gemacht werden (Weichold, Silbereisen 2014, S.10) und somit eine Sucht noch abgewendet werden kann.

Block 1 - Organisatorisches und Kennenlernen

Gleich nach der Ankunft der Jugendlichen, werden ihnen im Veranstaltungsraum organisatorische Informationen referiert und sie müssen verschiedene wichtige Listen ausgefüllen. Da es den Schüler_innen erfahrungsgemäß schwer fällt, die Neugier, speziell auf die Übernachtungsräume, zu unterdrücken und konzentriert den Referent_innen zuzuhören, fordert dieser erste Teil sie sehr heraus und bildet nur schwer einen positiven ersten Eindruck.

Als Icebreaker wird von den meisten Referent_innen die Methode „Meet the team“[1 genutzt, damit die Schüler_innen die Referent_innen kennenlernen können. Das Feedback dazu ist ausschließlich positiv, auch wenn die Schüler_innen in dieser Fragerunde oft noch gehemmt sind.

Um die Schüler_innen persönlich ansprechen und die Gruppendynamik besser einschätzen zu können, findet anschließend ein Namensspiel statt. Immer wieder geben Schüler_innen das Feedback, dass sie dies als unnötig und zu kindisch empfunden hätten. Da es für die Referent_innen allerdings wichtig ist, um sich möglichst viele Namen in kurzer Zeit merken zu können, ist ein Namensspiel fester Bestandteil des ersten thematischen Blocks. Allerdings werden im Anschluss zumeist zusätzlich noch Namensschilder geschrieben. Dieser weitere Zeitaufwand ist für einige Referent_innen notwendig, um wirklich jede_n Schüler_in namentlich ansprechen zu können.

Block 2 - Einstieg ins Thema

Mit den Methoden „Konsumprofil“ und „Suchtprozess“ ist der Einstieg ins Thema methodisch eher theoretisch gehalten.

Das Konsumprofil wird im Plenum als Gruppendiskussion durchgeführt, welche durch die Referent_innen moderiert wird: Nachdem Konsummittel definiert wurden, werden auf einem Metaplan jene Konsummittel notiert, welche die Klasse als von den Schüler_innen genutzt definiert. Daraus wird anschließend die unten abgebildete Tabelle entwickelt, in welche sich jede_r Schüler_in, ggf. verdeckt, um höhere Ehrlichkeit zu gewährleisten, als anonymer Strich oder Punkt einträgt.

Abb. 1: exemplarisches Konsumprofil

Das auf diese Weise entstandene Konsumprofil der Klasse wird im Plenum diskutiert. Dabei wird versucht festzulegen, ab welcher Regelmäßig- bzw. Häufigkeit des Konsums jemand süchtig ist. Diese Diskussion sowie die zusätzlich gegeben Information, dass ein Ausprobieren, insbesondere von Zigaretten und Alkohol, bei den meisten Jugendlichen zum Erwachsenwerden dazu gehört (Weichold, Silbereisen 2014, S. 8), aber bei weitem nicht jeder Erwachsene süchtig ist, führt zu der Erkenntnis, dass Sucht ein individueller Prozess ist.

Diesen Suchtprozess sollen sich die Schüler_innen im nächsten Schritt selber erarbeiten: Mit Hilfe der vorgegebenen Begriffe Erstgebrauch, Konsum, Missbrauch, Genuss, Gewöhnung und Abhängigkeit (oder synonymer Begriffe), welche vorab im Plenum definiert werden, erstellen die Schüler_innen in Kleingruppen einen exemplarischen Suchtprozess. Diesen präsentieren sie anhand einer selber ausgedachten „Suchtgeschichte“ im Plenum. Wenn nötig, stellen die Referent_innen anschließend den korrekten Ablauf des Suchtprozesses vor.

Inwieweit das ausgiebige Bearbeiten und Betrachten des Suchtprozesses im Rahmen der Veranstaltung und für eine siebte Jahrgangsstufe notwendig und zielführend ist, ist für mich persönlich fraglich. Zumal die Schüler_innen teilweise kognitiv mit der Aufgabe überfordert und daher frustriert sind.

Zwar sind diese beiden Methoden von Interaktivität und intensiver Mitarbeit der Schüler_innen geprägt, verlangen von ihnen aber über einen längeren Zeitraum hohe Konzentration. Erfahrungsgemäß sind die Schüler_innen zudem an diesem Punkt der Veranstaltung noch ausgesprochen aufgeregt, so dass die Referent_innen für Ruhe, Aufmerksamkeit und Konzentration sorgen müssen. Der unzufriedene Tenor der Schüler_innen am Ende des ersten Tages lautet oft „Das ist hier ja wie in der Schule!“.

Insbesondere in diesem Block müssen die Referent_innen häufig die falschen Erwartungen der Schüler_innen widerlegen. Da die Lehrkräfte selber vorab nicht selten von einem „Drogenseminar“ sprechen, sind die Schüler_innen vielfach über die tatsächlichen Inhalte enttäuscht.

Block 3 - Bedürfnisse & Lösungsmöglichkeiten

Über persönlichen Bezug, wie z.B. eine Collage über sich selbst und die eigenen Hobbies oder Vorlieben, aber auch allgemeiner betrachtet, wie durch das sogenannte Tankmodell[2, werden Bedürfnisse der Jugendlichen besprochen und visualisiert. Weitere Methoden, wie die sogenannte Ampel[3, verdeutlichen den Umgang mit Bedürfnissen. In der Reflektion werden erste Lösungsansätze zur Wahrnehmung von abweichendem, also suchtgefährdendem Verhalten herausgearbeitet.

Als Übergang zum nächsten Block wird bei ausreichender Zeit die „Schuldarschkarte“[4 als zusätzliche Methode gewählt. Ziel ist es, zu verdeutlichen, dass jeder soziale Kontakt Mitschuld daran haben kann, wenn ein Mensch süchtig wird, aber dass der entscheidende Schritt immer von einem selbst gemacht wird.

Block 4 - Einfluss von außen

Da insbesondere der Erstkonsum im Jugendalter vielfach durch Gruppendruck entsteht, wird auf das Erkennen dieses Drucks sowie das Erlernen von Wegen diesem zu widerstehen ein größerer Fokus im Veranstaltungsverlauf gelegt: Es wird eine zeitaufwändige erlebnispädagogische Übung durchgeführt. Haben die Referent_innen den Eindruck, dass die Schüler_innen mit kleineren bzw. kürzeren Übungen besser bedient sind, werden diese genutzt.

Während der Übung(en) können die Referent_innen diese manipulieren um z.B. ein Frustrationserlebnis herbeizuführen. Die Klasse soll gezwungen sein, sich mit negativen Gefühlen auseinanderzusetzen und Lösungen zu finden, gemeinsam damit umzugehen.

Gelingt es den Referent_innen, diesen Block für die Klasse positiv enden zu lassen, ist das Feedback auch durchweg positiv. Die erlebnispädagogischen Übungen werden nicht als Kinderspiele wahrgenommen und bei gelungener Durchführung und Reflektion überwiegen Stolz, gewachsener Zusammenhalt sowie gestärktes Selbstvertrauen.

Block 5 – Ich-Stärkung

An einem der beiden zur Verfügung stehenden Abende wird von den Referent_innen ein verpflichtendes Abendprogramm angeboten. Bei diesem sollen die Schüler_innen erneut über sich hinaus wachsen und somit ihr Selbstbewusstsein stärken. Die in der Bildungsstätte anbietbaren Abendprogramme haben alle einen Eventcharakter, so dass die Schüler_innen gut dazu motiviert werden können und das Feedback durchweg überragend ist.

Block 6 - Transfer in Schulalltag

Als Methode für den Transfer wird der „Brief an sich selbst“5 genutzt. Die Briefe werden etwa 7 Wochen nach der Veranstaltung durch die Lehrkräfte an die Schüler_innen zurückgegeben um dann das in der Veranstaltung Erlernte wieder ins Gedächtnis zu rufen, auch wenn die Briefe dieses inhaltlich nicht wiedergeben.

Insbesondere zu Beginn der Veranstaltungstage sowie nach Pausen werden Warm-up-Spiele genutzt um die Schülerinnen auf die Veranstaltung zu fokussieren, sie zu aktivieren und auf das Folgende einzustimmen. Diese Warm ups haben nicht unbedingt einen thematischen Bezug und werden auch nicht reflektiert.

[...]


1 Dabei können die Schüler_innen den Referent_innen Fragen zur Person stellen. Die Referent_innen beantworten alle Fragen ehrlich, außer denen, welche sie als absolut unangemessen betrachten. Die konkrete Ausgestaltung, insbesondere zur Dynamik ist durch die persönlichen Vorlieben der Referent_innen sowie die Einschätzung der Klasse und der aktuellen Stimmung in der Klasse bedingt.

2 Im Plenum oder in Kleingruppen wird gesammelt, was Menschen für „Kopf, Herz und Hand“ benötigen.

3 Statements zu Konsum und Sucht sollen von jedem Jugendlichen als „abweichendes Verhalten“ oder „kein abweichendes Verhalten“ (oder synonyme oder kleinschrittigere Begriffe) eingeschätzt werden, indem sich jeder für sich an dem entsprechend ausgewiesenen Punkt im Raum positioniert.

4 Einige Schüler_innen erhalten Rollenkarten, z.B. Schuldirektor_in, Mutter, beste_r Freund_in, Fußballtrainer_in, aber auch „Jugendliche_r selber“. In kleiner Runde wird nun derjenige gesucht, welcher Schuld daran hat, dass der Jugendliche süchtig geworden ist. Dazu geben sich die Beteiligten die „Schuldarschkarte“ mit einem Vorwurf weiter.

5 Jede_r Schüler_in schreibt sich selber einen Brief, inhaltlich wird vorgeschlagen, auf die Veranstaltung und das Erlebte Bezug zu nehmen sowie sich z.B. den Verzicht eines bestimmten Konsummittels vorzunehmen.

Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346007131
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495217
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
2,0
Schlagworte
suchtprävention außerschulischen jugendbildung überlegungen veranstaltungskonzeption

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Titel: Suchtprävention in der Außerschulischen Jugendbildung. Überlegungen zur erfolgreichen Veranstaltungskonzeption