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Sozialisation von Polizeibeamten / Soldaten im Auslandseinsatz

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Einsatzbeginn: Eingliederung in eine neue Gruppe
2.2 Lagerleben
2.2.1. Getrennt von Heimat und Familie
2.2.2. Interkulturelle Beziehungen: Interkulturelle Kompetenz und Konfliktmanagement
2.3 Rückkehr ins „normale“ Leben – Die Zeit nach dem Einsatz
2.3.1. Traumatisierung von Einsatzkräften
2.3.1.1. Behandlung von Traumata

3. Kritik

1. Einleitung

Ich bearbeite in dieser Arbeit das Thema „Sozialisation[1] von Polizisten und Soldaten im Auslandseinsatz im Kosovo“. Ich werde hierbei auf verschiedene Phasen des Auslandseinsatzes eingehen, um die Entwicklung und Problematiken einer solchen Sozialisation aufzuzeigen.

Die erste Phase, auf die ich eingehe, ist der Beginn des Einsatzes. Die Einbindung eines neuen Mitgliedes in einer Gruppe soll hier im Vordergrund stehen. Hierbei werde ich hauptsächlich auf die theoretischen Aspekte eingehen und werde versuchen, diese mit meinem Thema zu verknüpfen.

Die zweite Phase stellt den Schwerpunkt der Arbeit dar und wird sich mit dem Lagerleben von Soldaten im Auslandseinsatz beschäftigen. Hier soll die Problematiken des sog. Lagerkollers, das Getrenntsein von Heimat und Familie angesprochen werden, als auch Mittel und Wege diese Problematiken einzudämmen.

Weiterhin werde ich im Verlauf dieser Arbeit auf die Thematik

„Interkulturelle Beziehungen: Interkulturelle Kompetenz und Konfliktmanagement“ eingehen.

Zuletzt werde ich dann auf die dritte Phase eingehen, die sich mit den Problematiken nach einem solchen Auslandseinsatz in einem Krisengebiet beschäfftigt. Die Rückkehr in den normalen Alltag stellt hier ein besonderes Problem dar. Hier möchte ich dann auch das Problem der Traumatisierung von Einsatzkräften eingehen.

Bei der Informationsbeschaffung für dieses Thema ergaben sich jedoch einige Schwierigkeiten. Obwohl dieses Thema sicherlich sehr interessant ist und auch ganz sicher nicht unwichtig ist in Bezug auf die Weiterentwicklung solcher Auslandsmissionen, wie der U.N.M.I.K, bezogen auf Vorbereitung der Einsatzkräfte, deren Betreuung und die Betreuung der Familie während der Zeit des Einsatzes, so war es doch unmöglich Literatur über dieses spezielle Thema in den Bibliotheken Oldenburgs zu finden. Selbst erfahrene Mitarbeiter konnten mir nach langer Suche nicht weiterhelfen, so dass ich ausschließlich auf Informationen aus dem Internet zurückgreifen musste. Aber auch hier ist die Informationsvielfallt bezüglich dieses Themas eher dürftig. So war es nötig, dass ich auch Informationen vom Militär miteinbeziehe. Eine reine Betrachtung von Auslandseinsätzen der Polizei wäre auf Grund der wenigen zur Verfügung stehenden Information nicht möglich gewesen.

Als Informationsquellen dienten hauptsächlich kurze Ausarbeitungen über die Thematiken von Sozialwissen-schaftlichen Instituten des Militärs, Erfahrungsberichte von Einsatzkräften, als auch Unterrichtsmaterial des Studiums. Ich hoffe trotz der Schwierigkeiten bei der Erstellung dieser Arbeit, dass es mir möglich sein wird diese Thematik zufrieden stellend zu behandeln.

2. Hauptteil

2.1 Einsatzbeginn: Eingliederung in eine neue Gruppe

Um den theoretischen Verlauf dieser Eingliederung zu beschreiben, bediene ich mich dem Modell der individuellen Gruppensozialisation[2] nach Moreland und Levine (1982). In diesem Modell ist die Einbindung eines Neumitgliedes einer Gruppe in fünf Phasen aufgeteilt:

Die erste Phase ist die sogenannte Suchphase, in der der Aspirant auf der Suche nach einer geeigneten Gruppe ist, um eigene Ziele zu erreichen, oder eine Gruppe sich nach einem geeigneten Aspiranten umsieht. Der Aspirant muss nun die Aufnahmekriterien der Gruppe erfüllen, um ihr beitreten zu können.

Bezogen auf den Auslandseinsatz würde dies bedeuten, dass sich ein Soldat/Polizeibeamter auf eine solche Auslandsmissionsstelle bewirbt. Er hat nun einen Aufnahmetest mit verschiedenen Anforderungsgebieten zu absolvieren und bestimmte Aufnahmekriterien zu erfüllen[3]. Die Motive für das Teilnehmen an einer solchen Auslandsmission in einem Krisengebiet sind unterschiedlicher Natur: Hier können berufliche Aufstiegsmögl-

ichkeiten und Karriere, dem persönlichen Drang eine neue Herausforderung zu meistern, neue Erfahrungen zu sammeln und/oder persönliches und berufliches Ansehen zu erlangen eine Rolle spielen.

„Wenn Sie nicht im Auslandseinsatz waren, gelten Sie als Soldat zweiter Klasse.“[4]

Die Zweite Phase, die sogenannte Sozialisationsphase (Assimilations-/Akkomodationsphase) beschreibt die Aufnahme des Neulings in der Gruppe, nachdem die jeweiligen Kriterien erfüllt wurden. Der Neuling versucht sich jetzt in die neue Gruppe zu integrieren, indem er auf „kognitiver[5], emotionaler und verhaltensmäßiger Art“[6] versucht auf die Gruppe einzugehen und versucht dadurch seine Bereitschaft in der Gruppe als vollwertiges Mitglied anerkannt zu werden. Dieser Vorgang wird soziologisch als Assimilation bezeichnet.

Die Gruppe wird währenddessen versuchen sich auf den Neuling einzustellen und ihm durch gleiche Verhaltensweisen entgegenzukommen. Dieser Vorgang wird als Akkomodation bezeichnet.

Für die Aufnahme in eine Gruppe ist also Handeln beider Parteien nötig.

Für den Auslandseinsatz bedeutet dies für die neuen Einsatzkräfte, die im Einsatzgebiet ankommen, dass sie sich ihrer Gruppe anschließen und sich in diese integrieren. Der Unterschied zur Theorie der Gruppensozialisation hier liegt darin, dass sich der Neuling die Gruppe meist nicht aussuchen kann, ebenso wenig, wie die Gruppe sich den Neuling, da dies wegen logistischer Vorgaben des Bundes bzw. der Länder selbstverständlich nicht möglich ist. Jedoch gibt es einen weiteren Unterschied, der diese, wie man sich denken könnte, drohende Nichtakzeptanz wieder aufhebt: Der Neuling wird schon deswegen akzeptiert, da er bereits von vornherein eine Zugehörigkeit mitbringt. Er gehört, wie die anderen Einsatzkräfte, auch der jeweiligen Organisation an (Bundeswehr/ Polizei/ THW etc.). Dies wird nach außenhin durch die Uniform deutlich. Das Tragen dieser Uniform ist während der Mission Pflicht. Durch ihren Beruf sind die Einsatzkräfte sozialisiert worden diese Zugehörigkeit zu erkennen und zu akzeptieren.[7] Somit ist einzig und allein nur noch der Faktor entscheidend, wie der Neuling sich letztendlich in die neue Gruppe einfügt. Sollte dies gelingen ist der Neuling akzeptiert und gilt nun als vollwertiges Mitglied.

(Anm. d. Verfassers: Auf eine Ablehnung des Neulings werde ich an dieser Stelle nicht eingehen, da dies in mehreren Erfahrungsberichten von im Kosovo eingesetzten Beamten nie der fall war.)

Die dritte Phase beschreibt nun die Rollenzuweisung des jetzt vollwertigen Mitgliedes der Gruppe, der sogenannten Erhaltungsphase.

Die Rollenzuweisung, die sowohl für das Mitglied, als auch für die gesamte Gruppe optimal ist, ergibt sich durch Aushandeln und Abgleichen der Erwartungen, Pflichten, Fähigkeiten und Bedürfnisse der jeweiligen Parteien.[8]

Während eines Auslandsmission ist diese Rollenzuweisung bezogen auf die Aufgabe der Einsatzkräfte recht eindeutig.

Diese werden vor dem Einsatz auf den Einsatz vorbereitet, kennen ihre Aufgabe und wissen, was von ihnen verlangt wird. Anders jedoch die Erwartungshaltung bezüglich der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Gruppe im Einsatzgebiet. Hier muss ein Abgleich, eine für beide Seiten zufriedenstellende Rollenzuweisung, wie sie in der Theorie bereits beschrieben wurde, stattfinden, damit es nicht zu Spannungen kommt, die die Phasen vier (Resozialisierungsphase) und fünf (Erinnerungsphase), sprich dem eventuellem Ausschluss des Mitgliedes aus der Gruppe nach sich ziehen würden.

(Anm. d. Verfassers: Auf diese werde ich aus o.g. Gründen nicht eingehen)

Sind nun die drei beschriebenen Phasen abgeschlossen ist die Eingliederung des Neulings zum vollwertigem Mitglied der Gruppe abgeschlossen. Jedoch gibt es noch weitergehende soziologische Problematiken in einem Auslandseinsatz, die sich nach der Eingliederung ergeben.

2.2 Lagerleben

Vorweg ist zu sagen, dass sich die Erfahrungen der Einsatzkräfte bezogen auf das Leben in- und außerhalb der Kontingentlager während des Einsatzes unterscheiden, da diese durch vielerlei Faktoren, wie z.B. Jahreszeit, Wetter, Kollegen/Kameraden, Einsatzgebiet etc. beeinflusst werden. [9]

Jedoch lassen sich bei allen Auslandsmissionen Gemeinsam-keiten beobachten:

Soldaten werden in ihrem Einsatzgebiet in, von dem im jeweiligen Einsatzgebiet zuständigen Militärs der verschiedenen Nationen, errichteten Lagern untergebracht, die weitestgehend einer eigenständigen Kaserne entsprechen. In diesen Kasernen werden sie einen Großteil ihrer Zeit im Ausland verbringen. Diese Lager sind meist mehrere hundert bis tausend Mann stark, wovon nur ca. 10-25 % der Kontingentangehörigen diese Lager mit einem dienstlichen Auftrag verlassen dürfen. Allen anderen ist das Verlassen der Lager aus Sicherheitsgründen untersagt.

D.h., dass diese bis auf wenige Ausnahmen die Lager während ihrer Zeit in dem Krisengebiet nicht verlassen werden und ihr alltägliches Leben dort auf einen relativ kleinem Raum begrenzt ist.

Dies und die Tatsache, dass der Übergang zwischen Dienst und Freizeit fließend ist, da unter anderem das Tragen der Uniform und der Waffe, bis auf diverse Ausnahmen, auch während der Freizeit Pflicht ist, aber auch der Kontakt zu immer gleichen Personen, machen das Leben in einem Lager schnell monoton.

Dies könnte dazu führen, dass es zu Stresserscheinungen kommt, die aufgrund von Unterforderung hervortreten und zur Folge haben können, dass der Betroffene sich unwohl fühlt, schlechte Leistungen erbringt, weil er nicht mehr motiviert ist.[10]

Folge währe ein von vielen Soldaten beschriebener Lagerkoller.

Das größte Problem war die Monotonie, entdeckte der Truppenpsychologe Klaus Barre: "Viele Leute haben nicht die erwartete Action vorgefunden."“[11]

Aber auch andere Faktoren, wie die fehlende Privatsphäre bedingt durch u.a. Mehrbettstuben, extreme Klimabedingungen etc. tragen zu diesem Phänomen bei.

Die fehlende Privatsphäre, die dadurch geschmälert wird, dass man der allgegenwärtigen Kontakte zu seinen Kameraden und Kollegen, aber auch der Kontrolle durch Vorgesetzte auch während der Freizeit ausgeliefert ist, führen dazu, dass sich viele Einsatzkräfte kleine private, inoffizielle Aufenthaltsbereiche einrichten, um sich dieser genannten Kontrolle entziehen zu können.

[...]


[1] Definition: Prozess des Einführens bzw. Hinbegleitens eines Menschen in eine bestimmte Kultur oder Gesellschaft.

[2] Vgl.: http://www.socioweb.de/seminar/gruppe/phasen.htm

[3] Vgl. : http://www.police-mission.de/02deutsch/index/index.htm

[4] Vgl.: http://testportal.streitkraeftebasis.de/portal/a/streitkraeftebasis/kcxml/

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(Interview mit Oberleutnant Christian K. Titel: «Wieder zu hause», Erfurt, 16.12.2004)

[5] Definition : Alle Prozesse und Strukturen, die mit der Wahrnehmung und dem Erkennen zusammenhängen (Denken, Verstehen, Gedächtnis).

[6] vgl.: http://www.socioweb.de/seminar/gruppe/phasen.htm

[7] vgl.: Unterrichtsmaterial zum Thema Soziologie WS 2004/05, Dr. Heike Matthias Bleck ,S.12 Erwachsenensoziologie

[8] vgl.: Unterrichtsmaterial zum Thema „Soziale Rolle“ WS 2004/05, Dr. Heike Matthias Bleck

[9] „Zwischen Einsatzauftrag und Lagerkoller – Soziokulturelle Dimension des Auslandseinsatzes der Bundeswehr“, Dr. Maren Tomforde

vgl. : Anlage

[10] vgl.: „Stress und Trauma im Auslandseinsatz“ S.3 ,Anlage

[11] http://www.sonntagsblatt.de/1995/ds-42/bw2.htm „Der Praxisschock - Den schlimmsten Fall üben. Was die Truppe aus den UN-Einsätzen lernt“

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638459525
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49511
Institution / Hochschule
Niedersächsische Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Hildesheim
Schlagworte
Sozialisation Polizeibeamten Soldaten Auslandseinsatz

Autor

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Titel: Sozialisation von Polizeibeamten / Soldaten im Auslandseinsatz