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Jugendkulturelle Musik in der sozialen Arbeit mit Jugendlichen

Hausarbeit 2006 23 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bedeutung und Funktion von populärer Musik für Jugendliche

3 Mobile Musikarbeit
3.1 Das erste Rockmobil
3.2 Konzeption mobiler Musikarbeit
3.3 Mobile Musikarbeit ist gruppenkonstitutiv
3.4 Sozialpädagogische Anforderungen
3.5 Musik als Ausdrucksmedium
3.6 Ziele

4 Zum Verhältnis von populärer Musik und sozialer Arbeit

5 Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Musik ist, denke ich, etwas, dass uns alle angeht. Viele Menschen, und ich zähle mich dazu, lassen sich fast den ganzen Tag über von Musik via Radio, CDs oder MP3-Player begleiten. Sie dient dabei zur Entspannung, Stimmungsverbesserung, Vertreibung der Langeweile und zu vielem mehr. Schon in Kindergarten und Grundschule werden Lieder gesungen und gehört, aber ganz besonders wichtig, ja gerade zu unentbehrlich, wird Musik im Jugendalter und sie wird dann auch in besonderer Form jugendspezifisch. Meine Frage in dieser Hausarbeit ist, welche Funktionen und Bedeutungen das Medium populäre - als jugendspezifische - Musik für Jugendliche innehat (Kap.2) und in welcher Weise dies in der sozialen Arbeit[1] mit Adoleszenten umgesetzt und berücksichtigt werden sollte. Dies veranschauliche ich insbesondere am Beispiel der mobilen Musikarbeit (Kap.3). In Kapitel vier behandele ich schließlich die durch meine bis dahin geleisteten Recherchen weiterhin aufgeworfene Frage, inwiefern respektive unter welchen Voraussetzungen Sozialarbeitern eine gewisse Teilhabe an jugendkulturellen Umgangsformen als Voraussetzung für die sozialpädagogische Arbeit möglich ist.

2 Bedeutung und Funktion von populärer Musik für Jugendliche

Musik ist heutzutage allgegenwärtig, ob sie zu Hause aus dem CD-Spieler, Radio oder Fernseher dringt, oder den Jugendlichen auf dem Weg zur Schule via Walkman, Diskman, MP3-Player oder i-Pod begleitet. Musik wird in Kaufhäusern, Supermärkten, Fahrstühlen, neuerdings sogar im Bus, in Videotheken und in vielen weiteren Alltagsbereichen von Jugendlichen ebenso wie von Erwachsenen - für den Besucher nebenbei laufend - konsumiert. Sie dient zur Entspannung, soll beim Einschlafen helfen und wird von Jugendlichen nicht einmal dann gerne entbehrt, wenn es um Momente der Konzentration, wie Hausaufgaben o.ä. geht. Man kann also in diesem Sinne von einer musikalischen Sozialisation sprechen, die jeder erfährt, weil man sich dem Einfluss der Musik nicht entziehen kann. Man ist ständig von ihr umgeben (vgl. Baake, Dieter, 1997, S. 9). Musik ist dementsprechend tief im Alltag der Jugendlichen verankert. Dies wird durch die multimediale Präsentation von Musik noch verstärkt. Die Palette der Bereiche über die Musik die Jugendlichen erreicht, erstreckt sich von Radio und CD-Handel, über Videoproduktionen, die auf den gängigen Musikkanälen (VIVA, MTV) scheinbar endlos rotieren, bis hin zu Diskotheken und Live-Events, nicht zu vergessen, die dies alles thematisierenden Musikzeitschriften. Musik wird zum Gesamtkunstwerk.

Auffallend ist, dass die musikbeladenen Bereiche vor allem Jugendliche ansprechen. Insbesondere bestimmte Konzerte oder Festivals und die üblichen Szenediscos dienen den Jugendlichen zur eigenbestimmten, von den Eltern losgelösten Freizeitgestaltung und sind von daher für Jugendliche besonders attraktiv. Musik wird zum Mittelpunkt ,,eines dichten Netzes von jugendkulturellen Einrichtungen und Verhaltensmustern” (vgl. Ferchhoff, Wilfried, 1997, S. 249).

Durch die Einbettung der Musik in einen derart ausgefeilten und umfangreichen Rahmen entwickeln Jugendliche extreme Bindungen an die Musik, die auch existentiellen Charakter annehmen können, insbesondere dann, wenn zusätzlich noch Bindungen an bestimmte Interpreten auftreten, wie es vor allem bei Mädchen in parasozialen Interaktionen häufig vorkommt (vgl. Baake, Dieter, 1997, S. 10-13).

Hierbei wird schon deutlich, dass Musik für Jugendliche mehr bedeutet als bloßer Zeitvertreib oder Begleitung anderer Tätigkeiten. Im Gegenteil. Die Jugendlichen befinden sich in einer Lebensphase, die sie vor schwierige Entwicklungsaufgaben stellt, bei deren Bewältigung sie sozusagen Hilfsmittel wie populäre Musik für ihre Bedürfnisse gebrauchen.

Wir befinden uns nämlich in der allseits gefürchteten Jugendphase, der Adoleszenz, in der Teenager scheinbar unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen bis hin zu gefährlichen Wutausbrüchen unterliegen und sich bis dato brave, gut erzogene Jungen und Mädchen die Haare schwarz färben, sich hässliche Ringe kuhähnlich durch die Nase stechen lassen, die Hosen auf ,,halb acht tragen” oder T-Shirts und Röcke plötzlich so kurz werden, dass sich die Eltern schon gar nicht mehr vor die Tür trauen, bei dem Gedanken daran, was die Nachbarn wohl dazu sagen.

Unter Adoleszenz wird der Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter bezeichnet, in dem verschiedene Aufgaben bzw. Entwicklungsschritte von den Jugendlichen absolviert werden müssen, wie emotionale Ablösung vom Elternhaus, Entscheidungen über die berufliche Zukunft, Auseinandersetzung mit den Normen und Werten der Gesellschaft und damit einhergehend die Aneignung sozial verantwortlichen Handelns. Außerdem findet eine qualitative Veränderung im Beziehungsaufbau zu Gleichaltrigen beider Geschlechter sowie zu den Eltern und anderen Familienangehörigen statt. Hierbei ist der Aufbau eines sozialen Netzwerks von Gleichaltrigen (Peer Group) von großer Bedeutung, weiterhin die Akzeptanz der eigenen körperlichen Erscheinung und die Fähigkeit den Körper effektiv zu nutzen sowie die Aneignung von weiblichen und männlichen Geschlechtsrollen (vgl. Havighurst, 1974 nach Kolip, Petra, 1997, S. 89)

Ziel ist das Erreichen einer stabilen Ich-Identität, die durch verstärkte eigenverantwortliche Identitätssuche mit dem Heraustreten aus der Adoleszenz und dem Erreichen des Erwachsenenstatus einen vorläufigen Abschluss findet. Jedoch setzt sich die Lebensphase der Adoleszenz heute nicht mehr so eindeutig wie vor einigen Jahrzehnten vom Erwachsenenalter ab, da einer früheren körperlichen Veränderung und der Herabsetzung der Volljährigkeitsgrenze, sowie der früheren Übernahme von gesellschaftlich-politischen Pflichten (Wahlberechtigung ab 16 Jahren), längere Ausbildungszeiten und, damit häufig verbundende, längere finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaus gegenüberstehen (vgl. Mogge-Grotjahn, Hildegard, 2004, S.94).

Der Ablösungsprozess vom Elternhaus hin zu gleichaltrigen Freunden wird von Jugendlichen durch die Musik unterstützt bzw. Musik wird als Hilfsmittel benutzt, um sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen. In der Regel ist der Musikgeschmack der Kinder und der der Eltern sehr unterschiedlich.

Musik dient Jugendlichen einerseits als Zeitstruktur ihres Alltags, ist wesentlicher Bestandteil innerhalb der Peer Group und ihren gemeinsamen Tätigkeiten, während die jeweiligen Präferenzen durch Symbole wie Kleidungsstil, Buttons oder Aufnäher nach außen getragen werden. Sie hilft aber auch bei der Bewältigung von Stress und beim Umgang mit Gefühlen, in dem die eigene Musikwelt als ein Rückzugsort bei Problemen und Schwierigkeiten begriffen wird. Im Sinne der Coping-Strategie und dem Eskapismus dient Musik als Bewältigungshilfe von Problemen oder bei Empfindungen wie Angst, Trauer oder Aggressionen (Dollase, Rainer, 1997, S. 364). Ferner spricht Dieter Baake von intrapsychischen Vorgängen wie z. B. Entgrenzungserfahrungen bei Live-Konzerten, die für Jugendliche bedeutsam sind (vgl. Baake, Dieter, 1997, S. 11-14).

Populäre Musik und der dazugehörige Habitus sowie ihre Symbole sind zentrale Aspekte der jugendlichen Gleichaltrigengruppen und ihrer Freizeitgestaltung, weil sie für Jugendliche identitätsstiftenden Charakter haben, ihnen elementar als Existenzerfahrung dienen. Musik beeinflusst das Verhalten Jugendlicher in entscheidender Weise und kann sogar zum absolut bestimmenden Element ihrer aktuellen Lebensgestaltung werden. Musiker werden zu Leit- und Vorbildern sowohl was Kleidung und Styling, aber auch die politische Einstellung und die Lebensführung betrifft. Der Einfluss der Eltern tritt in den Hintergrund. Die Musik und die dahinter stehende Kultur werden sogar dazu benutzt sich aktiv von der Elterngeneration sowie den Werten und Normen für die sie stehen abzugrenzen und werden ferner Ausdrucksmittel der Provokation und der Enttabuisierung wie etwa die Chaos-Tage oder auch der Kleidungsstil und Sprachgebrauch in der Hip Hop-Kultur (vgl. Baake, Dieter, 1997, S. 37-40).

Man kann also sagen, dass Musik das zentrale Ausdrucksmedium für Jugendliche ist und man somit bei Aussagen über Jugendliche, ihre Lebensweise, Weltanschauung und Gefühle, ihre Konsumgewohnheiten und damit insbesondere den verbundenen Musikgeschmack auf jeden Fall berücksichtigen muss (vgl. Ferchhoff, Wilfried, 1997, S. 221).

Durch populäre Musik können sie ihren Gefühlen und ihrem Weltbild Ausdruck verleihen, da sich die jugendkulturelle Musik in besonderem Maße mit Problemen, Gefühlen und Bedürfnissen ihrer jungen Hörerschaft beschäftigt. Sie bietet Raum für Träume und persönliche Phantasien und spricht direkt die Interessen der Adoleszenten wie Sex, Spaß und Liebe an. Dabei nimmt sie auch immer wieder Bezug auf die heutige Gesellschaft und greift in jugendlicher Weise Themen wie Leistungsdruck, Eigenverantwortung und Ungerechtigkeitsempfindungen bei gleichzeitiger Kritik an diesen Verhältnissen auf. Auch das weit gefächerte und vielfältige Angebot der kommerziellen Musikindustrie bis hin zum Underground spiegelt die scheinbar unendlichen Entscheidungsmöglichkeiten der individualisierten Gesellschaft wider (vgl. Nolteernstern, Elke, 1997, S. 290). Seit zirka Mitte des 20. Jahrhunderts lösen sich die einzelnen Individuen eigenständig und selbstreflexiv von einst feststehenden sowie nicht hinterfragbaren Werten und Lebensmustern ab, um ihre Lebensbiographie nach Zielen und Richtlinien selbst zu gestalten. Diese Entwicklung bedeutet für Kinder und Jugendliche sowohl Vor- als auch Nachteile. Zwar steigen die Möglichkeiten der individuellen Lebensplanung und ihre Optionen, allerdings steigen durch die Reduktion von Werten und Handlungsmustern durch die Herkunftsfamilie auf der einen Seite und die Zunahme an Lebensführungsangeboten bei gleichzeitiger Eigenverantwortlichkeit für das Gelingen der eigenen Biographie auf der anderen Seite der Leistungsdruck und das Scheiternsrisiko an. Jugendliche sehnen sich daraus resultierend nicht selten nach verbindlichen Orientierungsmerkmalen zur Gestaltung ihrer Lebenssituation und finden diese zum Beispiel in der Musik (vgl. Ferchhoff, Wilfried, 1999, S.182 und 183). Der Jugendliche sucht und findet im mannigfaltigen kulturellen Musikangebot Identifikationsmöglichkeiten für seine Gedanken, Gefühle und Probleme, die ihm dabei helfen, sich sozial zu verorten und Lösungsmöglichkeiten und Handlungstrategien zu entwickeln, um das Ziel der Adoleszenz, die Herausbildung einer stabilen Ich-Identität, zu erreichen. Während der Entwicklung kommt es immer wieder zu Wechseln in der vorläufigen Ich-Identität, für die sich jedoch in der Regel auch ein Äquivalent in der populären Musik finden lässt. So bleibt der Jugendliche nur in den seltensten Fällen einer Musikrichtung treu, sondern kann beliebig, seinem Empfinden nach wählen. Zum Beispiel von der fanatisch verliebten Boy-Group-Anhängerin zum rebellischen Punkgirl und schließlich zur sprayenden Hip Hopperin (vgl. Baake, Dieter, 1997, S. 42).

Dementsprechend repräsentiert der jeweilige Musikstil die Lebensanforderungen der Jugendlichen, sowie ihren Alltag und gibt Aufschluss über ihre Persönlichkeit. Auch die Umgangsformen hinsichtlich der Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens, sowie Chancen und Risiken der Individualisierung finden ihren Ausdruck in der Musik. Elke Nolteernstern stellt hier die naheliegende Vermutung auf, dass der bevorzugte Musikstil um so aggressiver ist, desto unzufriedener der Jugendliche und desto stärker sein Ungerechtigkeitsempfinden ist (Nolteernstern, Elke, 1997, S. 276).

Populäre Musik ist zwar meist fester Bestandteil der Gleichaltrigengruppen und ihrer Freizeitgestaltung. Durch die multimediale Einbettung der Musik ist diese jedoch nicht unbedingt an die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gekoppelt. Sie kann nunmehr auch allein von zu Hause aus aktiv konsumiert werden: vor dem Fernseher per Download, Ted-Abstimmungen, Live-Übertragungen, zuzüglich der üblichen CD-, Video- und DVD-Produktionen, die dem Jugendlichen die vermeintliche Privat- und Intimsphäre ihres Lieblingsstars nahebringen und so eine Zugehörigkeit und Teilhabe vortäuschen. Die Allgegenwart von Musik und das ständige Angebot, sich auch aktiv an der Musikwelt zu beteiligen, scheidet die einst untrennbar erscheinenden Elemente Popmusik und Gemeinschaft, da durch die Massenmedien auch Jugendliche erreicht werden können, die keinen Anschluss an eine Bezugsgruppe gefunden haben. Die mögliche Reduktion einer Partizipation an jugendkultureller Musik kann im schlimmsten Fall sogar zu sozialer Isolation führen (vgl. Baake, Dieter, 1997, S. 18). Hier ist es die Aufgabe der Jugendhilfe solche Jugendlichen zu erreichen und zum Beispiel durch mobile Musikarbeit in soziale Netzwerke aus Gleichaltrigen zu integrieren (vgl. Kap.3).

Resultierend lässt sich festhalten, dass die Allgegenwart der musikalischen Trivialkultur von Jugendlichen einerseits als Freizeitgestaltung und -strukturierung dient, andererseits aber auch identitätsstiftenden und, insbesondere in der heutigen individualisierten Gesellschaft, handlungsleitenden Charakter annimmt. Ferner ist populäre Musik für Jugendliche während der Adoleszenz auf der einen Seite Mittel zur Provokation und Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenwelt und auf der anderen Seite Bewältigungshilfe bei Problemen, sowie ein Instrument zur Alltagsflucht. Populäre als von Jugendlichen konsumierte und instrumentalisierte Musik kann also als ein entscheidendes Kriterium bei der sozialen Arbeit mit Jugendlichen betrachtet werden, da es ein zentrales Ausdruckmedium ihrer Gefühle, Sinnwelt und Einstellungen sowie sozialer Verortung ist.

[...]


[1] In meiner Hausarbeit verwende ich die Begriffe soziale Arbeit, Sozialpädagogik und Sozialarbeit synonym.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638459181
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49470
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,3
Schlagworte
Jugendkulturelle Musik Arbeit Jugendlichen

Autor

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Titel: Jugendkulturelle Musik in der sozialen Arbeit mit Jugendlichen