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Die Kathedrale Notre-Dame in Reims, 1211-1275

Hochgotische Architektur

von M. Sartorio (Autor)

Referat (Ausarbeitung) 1996 14 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Siedlungs- und kulturgeschichtlicher AbriB

2. Baugeschichte (Reims I - IV)

3. Baubeschreibung
3.1 GrundriB
3.2 Aufbau der Wand
3.2.1 Sockel
3.2.2 Wandzone
3.2.3 Pfeiler
3.2.4 Fenster
3.2.4.1 Beschreibung eines sog. Normalfenster (Seitenschiffenster)
3.2.5 Triforium
3.3 Fassaden
3.3.1 Westfassade
3.3.2 Strebewerk von Chor und Langhaus

Anmerkungen

Bibliographie

1. Siedlungs- und kulturgeschichtlicber Abrill

Zum Zeitpunkt der Eroberungen durch C.J. Casar 58-51 zlihlt das spatere Reims ca. 80.000 Einwohner. Die Stadt wird zu einer romischen Provinzmetropole, der Gallia Secunda, erhoben. Als groBtes Zeugnis dieser Epoche steht heute noch das ca. 200 n.Chr. errichtete Stadttor, die Porte de Mars.

Mit der Taufe Chlodwigs im Jahr 497 oder 498 wird der kulturelle Grundstein als Kronungsstadt der franzosischen Konige gelegt. 1825 wird in der Kathedrale von Reims der letzte franzosische Konig gekront.

Typisch fur das Landschaftsbild sind die Schichtstufen der Isle-de-France. Im Westen wird die Gegend urn Reims durch die Anhohen des St.-Thierry-Massivs, im SUden durch die Montagne-de-Reims begrenzt. Die Vesle, ein schmaler Flu13, hat bier eine flache, ausgedehnte Ebene geschaffen, die sich auf die raumliche Entwicklung der Stadt gUnstig ausgewirkt hat.

Heute zlihlt Reims ca. 180.000 Einwohner und ist neben der Kathedrale durch die Champagner-Produktion weltweit bekannt.

2. Baugeschichte

Nach den Wirren der Volkerwanderung kommt es unter dem Aufstieg der Capetinger zur Konsolidierung Frankreichs als flachenstaatliche Einheit. Unter diesen Voraussetzungen entstehenden die SchlUsselwerke der Hochgotik.

In der Zahlung nach Baubeginn sind dies:

1. Chartres: 1194 - 1220
2. Reims: 1211 - 1275
3. Amiens: 1220- 1264

Chronologisch laBt sich die gesamte Hauptbauphase der Kathedrale von Reims am besten untergliedem, indem man die einzelnen Bauabschnitte den damit beauftragten Architekten oder vielmehr Baumeistem1zuordnet.

Ab Baubeginn am 6. Mai 1211 bis 1218 ist dies Gaucher de Reims , anschlieBend von 1219 bis 1234 Jean le Loup. Die nachsten 16 Jahre von 1236-1251 leitet Jean d'Orbais den Bau.

FUr die letzten 35 Jahre von 1252 bis 1286 tibemimmt Bernard de Sois s ons die Bauleitung. Mit der Fertigstellung des Langhauses 1285 und der Kronung Philipps I V 1286 kann man die Kathedra1e vom heutigen Standpunkt als vollendet ansehen, obwohl noch weitere Verfeinerungen und Vervollstandigungen vorgenommen werden.

Die Bedeutung von Reims ist, so glaube ich, besser zu verstehen, wenn man einen Blick auf die Vorgeschichte wirft, die zum EntschluB des Baus der Kathedrale fiihrte.

Reims I

In kirchenpolitischer Hinsicht war der Erzbischof Guillaume de Champagne bestrebt, das Vorrecht auf die Kronung des fra.nzOsischen Konigs zu erhalten. Dieses Recht wurde ilun in Rom am 13. April 1179 erteilt. Am 6. Mai 1210 wird der sog. Samson­ Bau ein Opfer der Flammen. Die archaologischen Spuren dieses romanischen Vorgangerbaus der Kathedrale lassen sich bis ins 5. Jh. zuliick verfolgen.

Auf den Tag genau ein Jahr spater, am 6. Mai 1211, legt Erzbischof Aubri de Humbert den Grundstein fur die neue Kathedrale. Die Phase von 1211 bis 1218 -das Todesjahr des Erzbischofs Aubri de Humbert- wird in der neueren kunstgeschichtlichen Forschung tiber die Kathedrale als Reims I bezeichnet. Fiir die nachsten 20 Jahre wird an dem Bauwerk kontinuierlich mit groBem Eifer gearbeitet. Begiinstigend in diesem Zusammenhang wirkt sich der Sieg Philipp 11 bei Bovines aus.

Die ersten 5 bis 6 Jahre von Reims I diirften wohl mit der Griindung und der Errichtung der Fundamente verbracht worden sein. Die Langhausfundamente sind 8-10 Meter tief und besitzen eine Starke von 5-11 Metem. Teilweise ist die Bodenplatte, die spater die Biindelpfleiler tragt, durchgehend gehalten.

Das Anfertigen der Werksteine fiir die 1221 geweihte mittlere Chorkapelle ist sicher mit den Fundamentierungs-arbeiten einhergegangen.

An dieser Stelle will ich kurz auf die Diskussion unter den Bauforschem eingehen, die sich urn die chronologische Reihenfolge der insgesamt vier Baumeister dreht. Die Reihenfolge wird am nicht mehr existenten Labyrinth 2 festgemacht. Ich will es bei der hier gezeigten Aufstellung belassen, da sie am folgerichtigsten erscheint.

So sind unter der Leitung von Gaucher de Reims die Arkaden und Portale begonnen worden. Auch diirfte von ihm ein Modell der Kathedrale angefertigt worden sein. Gaucher de Reims konnte auf die Erfahrungen zuriickgreifen, die man beim Bau von Chartres gemacht hatte. Auch so ist das schnelle Emporwachsen zu erklaren.

Die Organisation des Baubetriebes unterscheidet sich im Prinzip kaum von dem unserer heutigen Zeit. Mit dem Bau wurden ortsansassige Baufirmen beauftragt. In die damit zusammenhangenden Geschafte, also auch der Finanzierung, war das Reimser Burgertum voll integriert.

Reims II

Nach dem Ausscheiden von Gaucher de Reims infolge seines hohen Alters tritt Jean le Loup fiir die nachsten 16 Jahre auf den Plan.

Jean le Loup wird von der Eile getrieben. Bis zur Kronung Ludwigs IX am 19. November 1226 sind die Portale und der dazugehorige Skulpturenschmuck fertigzustellen. Neben dieser Aufgabe arbeitete Jean le Loup hauptsachlich an den Untergeschossen des Querhauses und des Chores. Auch die Trumeauportale im Norden sollten rechtzeitig zur Kronung die Hilfsfassade ersetzen.

Fiir Jean le Loup als Nachfolger Gaucher de Reims ergeben sich Probleme bei der Gestaltung und Fortfiihrung der Planung. Diese Problematik laBt sich am deutlichsten beim SchluBstein der Apsis ablesen. Der Baumeister lost das Problem, indem er den ursprunglichen Entwurf abandert und konsequent symmetrisch weiter verflihrt. Dieser starren Symmetrie fallen einige subtile architektonische Anordnungen zum Opfer, die sich in der raumlichen Wirkung niederschlagen.

Jean le Loup war in der Hauptsache mit der Unterbringung des Figurenschmucks beschaftigt. Sein Ziel war es, ein einheitliches Konzept zu finden, d.h. eine Formensprache, die den asthetischen Vorstellungen der Auftraggeber gerecht werden solite.

Er entwirft das Strebewerk des Querhauses und Strebepfeiler des Obergeschosses neu. In die Strebepfeiler werden die Figurentabernakel eingearbeitet. Jean le Loup variiert im Detail und belebt so die Strenge der Symmetrie. Eine groBere konstruktive Aufgabe war fiir ihn die Einwolbung des stidlichen Seitenschiffes. Hier macht er seinen "Fauxpas" vom Chor wett und erfindet einen neuen SchluBstein.

Dieser neue SchluBstein ist ein Pyramidenstumpf, der die Rippen spannf. Diese Losung ist eine Vereinfachung der Vorgangermethoden und tragt zur Materialeinsparung bei. Jedoch bei der Stelzung der vertikalen4 Linie zwischen Gesims und Archivoltenzone konnte sich Jean le Loup von den Vorgaben Gauchers nicht freimachen.

Jetzt muB der letzte Teil des romanischen Vorgangerbaus den neuen Westjochen weichen. Die alte Westfassade des Samson-Baus wird eingerissen. Gerade hier wundert es, daB trotz Zeitdruck Jean le Loup mit verschiedenen Ftigetechniken experimentiert. Die Steinmetze arbeiteten mit der Methode der Vorfertigung. Auf den Werksteinen wurden Versatzmarken angebracht. Ein Kennzeichen beschreibt die Plazierung im GrundriB, ein anderes die Steinschicht oder Hohenlage. Durch diese Systematik konnte auch im Winter gearbeitet werden. In Reims wurde diese Organisation von Vorfertigung und zeitlich verzogerten Versatz zum ersten Mal in einem groBeren Umfang angewendet. Auch die Verwendung von MaBwerk in groBem Stil ist fiir Kathedrale von Reims bezeichnend.

Nach Kenntnisnahme der neueren Literatur tiber Reims bin ich der Uberzeugung, daB die von dem Autorenduo Kimpel/Suckale aufgelisteten Fehler bei Steinbehau und Versatz eher auf den Meisterwechsel von Reims I zu Reims II zu suchen sind. Auch die Experimentierfreude Jean le Loups spielt hier eine Rolle fiir etwaige "Fehler", weniger wie behauptet die neue Form der Organisation der Baustelle. Auch die von Kimpel/Suckale aufgestellte Reihenfolge der Baumeister ist aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar.

Bereits 1230 zeichnen sich die ersten Unsicherheiten in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ab. Dies zeigt der Rtickversicherungsvertrag mit den Anrainern an der projektierten Westfassade. Die Riickversicherung wird abgeschlossen, urn eventuelle Beschadigungen durch den Neubau an den Biligerhausern finanziell und juristisch abzusichern. Der Bau der Kathedrale, der bisher mit groBer Begeisterung und ausreichenden Finanzen fortgefiihrt werden konnte, kommt 1232 fiir die nachsten 4 Jahre vollstandig zum erliegen.

Die folgenschwere Auseinandersetzung zwischen Stadtverwaltung und Erzbischof eskaliert 1233/34 zur offenen Revolte. Teilweise errichtete man sogar Barrikaden aus den Steinen, die fiir den Bau der Kathedrale schon fertig behauen waren. Die Unruhen endeten im Januar 1236. Man mutmaBt, daB wahrend dieser Zwangspause die hochqualifizierten Steinmetze sich an anderen Orten wie Cluny oder Koln verdingen muBten6

Es scheint heute gesichert, daB bis zum Ausbruch der Unruhen das Querhaus und der Chor mit dem Hochaltar fertiggestellt waren. Lediglich die Einwolbung fehlte hier.

Reims III

Aus Zeitgriinden will ich nicht auf den Figurensclunuck und dessen Umgestaltung durch Jean d'Orbais eingehen.

Mit der Vollendung der Westwand sind jetzt die Voraussetzungen fiir die Einwolbung der Seitenschiffe, sowie der Turm- und Seitenschiffjoche gegeben. Eine weitere Verbesserung des Schluf3steins wird auch von Jean d'Orbais vorgenommen. Auch hier besteht die Verbesserung des Bauteils in seiner Vereinfachung. Zwischen Profil des Schluf3steins selbst und den hier zusammen laufenden Rippen gelingt eine Querschnittsanpassung.

Auch Ornamente der Fensterwande und Wandpfeiler haben jetzt einen anderen Ausdruck. Mit der Erhohung des gesamten Strebewerkes werden die einzelnen Pfeiler gestreckt, so z.B. am Sockel.

Nur einem eingeweihten Kenner der Reimser Kathedrale fallt beim Blick auf das Mittelschiffgewolbe des Chores ein Ieichter Knick7 auf. Dieser Knick ist ein Zeichen, daB hier Jean d'Orbais das Werk Jean le Loups weitergefiihrt und geandert hat.

Das untere Drittel der Gurtbogen verUiuft ab dem Kampfer etwas flacher. Die restlichen 2/3 des Bogens bis zum SchluBstein sind steiler gehalten. Gestalterisch ist somit eine bessere Sichtbarkeit des sog. Rosenfensters erreicht. Bei Beibehaltung der urspriinglichen Kurvatur ware der Blick auf das Rosenfenster beschnitten worden.

Der 7. September 1241 bezeichnet das Datum der Chorweihe. Chor und Querhaus sind nun eingewolbt. Im Hochchor wird ein Fenster dem am 6. Juli 1240 verstorbenen Erzbischof de Braine gewidmet. Offensichtlich ist aber die grof3e Begeisterung in der Bevolkerung nun endgtiltig verschwunden. Den Weiterbau sollen nun umfangreiche Geldsammlungen in der Zeit von 1241-1245 sichern.

Seine letzte grof3e Leistung fiir Reims III vollbringt Jean d'Orbais mit einer besonderen Losung der Apsiswolbung. Er greift hier auf den Urplan Gauchers zurtick, wobei der gestalterische Schwerpunkt bei der nordlichen Apsissaule und ihrer Plazierung liegt8

ReimsiV

Ab 1252 tibernimmt Bernard de Soissons fiir die letzten 35 Jahre die Verantwortung fiir die Fertigstellung der Kathedrale. An welcher Stelle genau die Tatigkeit Bernard de Soissons einsetzt , ist bis jetzt noch nicht gesichert. Als konkreten Beweis kann man eine Baunaht erkennen, die treppenformig tiber ArkadengeschoB und Triforium verlauft, von dort weiter bis zu einem Pfeiler und endet dann senkrecht im Scheitelpunkt des Gurtbogens.

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783346000781
ISBN (Buch)
9783346000798
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494370
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Kunsthistorisches Institut
Note
3
Schlagworte
Kathedrale Gotik Reims

Autor

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    M. Sartorio (Autor)

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Titel: Die Kathedrale Notre-Dame in Reims, 1211-1275