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Der Prototyp eines populärwissenschaftlichen Buches. Über Robert Hooke’s "Micrographia"

Eine historische, kunstgeschichtliche und wissenschaftsgeschichtliche Verortung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 31 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Verkannter Wissenschaftler?

2. Hooke’s Werk Micrographia
2.1. Allgemeines.
2.2. Exemplarische Analyse von „Scheme 34“

3. Historischer Kontext und Entstehungsgeschichte der Micrographia
3.1. Zur Geschichte der Mikroskopie vor Hooke‘s Micrographia
3.2. Hooke und die Royal Society of London
3.3. Hooke und die wissenschaftliche Theorie

4. Forschungspositionen
4.1. Hooke als gescheitertes Genie
4.2. Micrographia als Prototyp eines populärwissenschaftlichen Buches
4.3. Didaktik und Pädagogik der Micrographia
4.4. Mikroskopische Welt als Kuriositätenkabinett
4.5. Aufgreifen bildlicher Traditionen

5. Mikrokopie und Empirie

6. Fazit

Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildungsnachweis

Literatur- / Quellenverzeichnis

1. Einleitung – Verkannter Wissenschaftler?

Der Wissenschaftler Robert Hooke prägte den uns heute noch so geläufigen Begriff der „Zelle“.1 Denn die Struktur von kleinsten Einheiten des Korks, die er unter seinem Mikroskop beobachtete, erinnerte ihn an Klosterzellen.2 (Vgl. Abb.1) Zu Hookes Abbildung der Zellen bemerkt Brian J. Ford: „The published plate shows the cells clearly, and deserves to be recognized as a milestone in natural history.“3

Hooke war einer der führenden Wissenschaftler und Mikroskopisten des 17. Jahrhunderts: seine Forschungsgebiete und Errungenschaften sind zahlreich. Er erfand sozusagen „nebenbei“ die Wettervorhersage, beschäftigte sich mit Physik, Astronomie, der Theorie des Lichts, Magnetismus, Geologie, Architektur und Entomologie.4

Was all seine Entdeckungen überschattet(e), ist die Tatsache, dass sein Name lange in Vergessenheit geriet und im Schatten solch großer Forscher wie Isaak Newton und Galileo Galilei stand.5 Doch seine Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte ist nicht zu unterschätzen und wurde im Laufe des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend gewürdigt.6 Heute wird er in der Forschung auch „Englands Leonardo“ oder „the first professtional scientist“ genannt.7

Seine Errungenschaften sind allerdings nicht nur für die oben genannten Fachbereiche von Bedeutung, sondern reichen weiter: Hooke sorgte für die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse an ein großes Publikum. Denn sein Hauptwerk Micrographia war eines der ersten populärwissenschaftlichen Bücher8, ein „best-seller“9 und eine didaktisch und ästhetisch durchdachte Publikation, die seinen Leser behutsam und geschickt an die Mikroskopie und die Mechanische Philosophie bzw. Naturphilosophie heranführt, die von der Royal Society of London, der Hooke angehörte, propagiert wurde.10

Die Forschung setzt sich seit dem späten 20. Jahrhundert und zu Beginn unseres Jahrhunderts eingehender mit Robert Hooke auseinander, einige meist englischsprachige Monographien und Aufsätze thematisieren sein Leben, Werk und Wirken oder betrachten einzelne Aspekte. Es lassen sich wissenschaftsgeschichtliche, biographische, kunstwissenschaftlich-ästhetische und die Didaktik bzw. Pädagogik thematisierende Schwerpunkte herauslesen.11

Diese vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über das Werk Micrographia, seinen historischen Kontext sowie seine Entstehungsgeschichte und erläutert die wichtigsten Forschungspositionen zu seiner Didaktik, Ästhetik und den ihr zugrundeliegenden wissenschaftlichen Theorien.

Es soll der Frage nachgegangen werden, wie Hooke durch einen didaktischen Aufbau seines Werkes einen Prototyp eines populärwissenschaftlichen Buches schuf und welche anderen Einflüsse und Aspekte dabei mitwirkten. Der erste Abschnitt beginnt mit allgemeinen Informationen zum Werk und einer exemplarischen Analyse des Kupferstichs „Scheme 34“ aus der Micrographia, der einen Floh darstellt. Im weiteren Verlauf wird auf den geschichtlichen Kontext zur Entstehung und Publikation des Werkes eingegangen, Hookes Verbindungen zur Royal Society of London erläutert und deren Einfluss auf seine Arbeit bestimmt. Nachdem das Werk auch in einen wissenschaftstheoretischen Rahmen eingeordnet wurde, folgt eine Darstellung wichtiger kunst- und wissenschaftshistorischer Positionen zur Interpretation der Micrographia.

Zusammengebracht werden im letzten Abschnitt nochmals die Ergebnisse zur wissenschaftliche Theorie zur Naturphilosophie bzw. Mechanischen Philosophie und ihre Verbindungen zur Empirie. In einem Fazit, das die gewonnenen Ergebnisse zusammenfasst, wird der Überblick über das Werk, seine Entstehungsgeschichte, seine Nachwirkungen und Einflüsse abgeschlossen.

2. Hooke’s Werk Micrographia

New worlds, and their bizarre and wonderful creatures never before seen, were being discovered not just through perilous voyages of exploration around the globe, but also much closer home, through the lens of a microscope.12

Durch die Publikation der Micrographia sah das breite Publikum zum ersten Mal detaillierte Bilder eines Flohs, eines Fliegenauges oder von Pflanzen-Zellen, die unter dem Mikroskop enthüllt wurden: Hooke war damit ein Pionier eines der mächtigsten Geräte der Naturalisten von heute.13

2.1. Allgemeines

Die Micrographia von 1665 ist Robert Hooke’s Hauptwerk: es war eines der ersten Bücher über die Mikroskopie und inspirierte viele andere Forscher und auch Laien sich der mikroskopischen Technik zu widmen.14 Als Vorspann und zur Einordnung folgt ein kurzer Exkurs zur Vorgeschichte der Mikroskopie:

Die Vorgeschichte der optischen Instrumente kann man auf einen Satz reduzieren: Im Altertum wurde der Spiegel erfunden, im Mittelalter die Brille und am Anfang des 17. Jahrhunderts fast gleichzeitig das Fernrohr und das Mikroskop.15

Das Fernrohr machte sogleich Furore, da es für den Einsatz beim Militär und in der Seefahrt vorgesehen wurde. Doch das Mikroskop blieb lange relativ unwichtig für Wissenschaft und Technik, man wusste über ein halbes Jahrhundert nichts rechtes damit anzufangen. Die untere Sichtbarkeitsgrenze des Menschen liegt ungefähr bei der Größe eines Flohs, die zwischen 1,5 und 4,5 Millimeter beträgt.16 Für die Erforschung solch kleiner Strukturen hatte damals noch niemand einen Gedanken übrig.17

Die Micrographia ist eines der ersten Werke, die sich mit der Mikroskopie beschäftigen und bedeutete laut Klaus Meyer einen Durchbruch, einen Paukenschlag, denn das Buch hat Epoche gemacht und ganze Generationen von Naturforschern angeregt.18

Aufgebaut ist das 1665 veröffentlichte Werk folgendermaßen: Zunächst enthält es ein Vorwort, darauf folgt der Hauptteil mit der Beschreibung von mikroskopischen Beobachtungen unterschiedlichster Art, 59 an der Zahl, und dazugehörenden Illustrationen, wobei die als Kupferstiche aufgeführten Bilder meist mehrere einzelne Beobachtungen auf einem Blatt zusammen zeigen.19 Die bildlichen Beigaben zum Text zeigen variantenreiche Proben von Gegenständen über Insekten bis hin zu Pflanzen.20 Mit 38 sogenannten Schemata, von denen einige bis auf vierfache Buchgröße ausklappbar sind, zeigt Hooke dem Leser die durch das Mikroskop eröffnete Miniaturwelt.21

Als eines der ersten kommentierten und illustrierten Zusammenstellungen mikroskopischer Untersuchungen nimmt die Micrographia einen wichtigen Platz in der Geschichte der wissenschaftlichen Illustration und visuellen Rhetorik ein.22

Ein wichtiges und erklärtes Ziel der Publikation war, die Stärke der experimentellen Wissenschaft einem breiteren Publikum anschaulich und nachvollziehbar darzustellen,23 also sowohl Adel als auch Bürgertum von der Nützlichkeit und Notwendigkeit experimenteller Tätigkeit zu überzeugen.24

2.2. Exemplarische Analyse von „Scheme 34“

Die ausfaltbare Illustration „Scheme XXXIV“, die einen Floh zeigt, nimmt eine wichtige Stellung im Werk Micrographia und der Geschichte naturwissenschaftlicher Illustration ein. Denn sie ist die „erste detaillierte Abbildung eines Flohs“.25 Auch steht das kleine Insekt in gewisser Weise programmatisch für die Technik der Mikroskopie, denn „[e]s wurde für lange Zeit das beliebteste Beobachtungsobjekt der frühen Mikroskope, die man deshalb oft als Flohgläser bezeichnete.“26

2.2.1. Bildbeschreibung

Der 1665 von einem unbekannten Stecher nach Zeichnungen von Robert Hooke angefertigte27, querformatige Kupferstich mit dem Titel „Scheme 34“ (Abb. 2), zu Deutsch „Schema 34“, mit den Maßen 35-40 cm x 45-60 cm28 aus der „Micrographia“ zeigt einen Floh unter mikroskopischer Vergrößerung.

Die Illustration des Flohs bildet dieses kleine Lebewesen in ungefähr 100-facher Vergrößerung ab. Sein Körper nimmt dabei die gesamte Bildfläche ein und wird in Seitenansicht gezeigt. Ein Hintergrund ist nicht ausgeführt, lediglich die Form des kleinen Tierchens ist zusammenhangslos abgebildet. Die Beschriftung der Abbildung an der rechten oberen Ecke „Schem. XXXIV“ kennzeichnet den Stich und referenziert durch den dortigen Vermerk auf die dazugehörige Beobachtung, „Observ. LIII. Of a Flea“.

Differenziert in Schwarz-Weiß bzw. Grau-Abstufungen schattiert, liegt vor uns der oval gestaltete Körper des Insektes. Bezeichnend sind hierbei der Kopf mit kombiniertem Saug- und Stechrüssel, seinem Komplexauge und seinen sechs Beinchen, wobei die vorderen direkt am Kopf und die hinteren Beine am Unterkörper sitzen.

Den größten Teil seiner Gestalt formt der in mehrere Segmente bzw. Platten geteilte, teils mit Härchen oder Stacheln versehene Chinin-Panzer des Flohs. Die jeweiligen Körperteile, die Hooke in seiner Beschreibung erwähnt, wurden auf dem Stich mit kleinen Buchstaben-Markierungen gekennzeichnet. So bezeichnen A, B und C sowie D, E und F jeweils die drei Teile seiner Vorderbeine (fore-leggs); G, H und I die drei Segmente seiner Hinterbeine (hinder leggs). Sein rundes Auge (round eye) wird mit dem Buchstaben K bezeichnet, die daneben liegende Vertiefung mit L. Das kombinierte Mundwerkzeug des Flohs besteht aus einem Riechorgan MM (long jointed feelers, or rather smellers), einem Stechrüssel NNO (small proboscis, or probe), das wiederum aus einer Röhre NN und einem Saugrüssel O besteht. Die Schutz- oder Beißklappen PP befinden sich ebenfalls am Kopf des Insekts.

Demnach wird nicht nur im Text bzw. der Beschreibung zur Abbildung, sondern auch im Stich selbst der Hauptaugenmerk auf den Kopf und die Beine des Flohs gelegt, also auf diejenigen Charakteristika, die für sein Springen und Beißen von Bedeutung sind. Zur formalen Gestaltung der Illustration des Flohs bemerkt Horst Bredekamp:

„[Der Floh] […] repräsentiert die klare, ohne jede Überhöhung präzisierte Linienführung, die sich darauf beschränkt, das bislang Unsichtbare authentisch wiederzugeben.“29

2.2.2. Bild-Text-Beziehung: „Observation LIII. Of a Flea“

Auffallend in Hookes Beschreibung zu seiner mikroskopischen Beobachtung des Flohs ist seine häufige Betonung der Stärke, „strength“ dieses Insekts ebenso wie seiner Schönheit, „beauty“.30 Auch stellt er dieses Wesen unter seinen anderen Untersuchungsobjekten heraus, wenn er bemerkt, dass es etwas Außergewöhnliches zu leisten vermag. Damit meint Hooke seine ungeheure Sprungkraft31: „such as no other creature, I have yet observ'd, has any thing like it“.32

[...]


1 Mesenhöller 2010, S. 82.; N.N. 2010, S. 82.

2 N.N. 2010.

3 Ford 2007, S. 101.

4 N.N. 2010.; Mesenhöller 2010.

5 Mesenhöller 2010, S. 78, 87f.

6 N.N. 2010.

7 Chapman 2005; Purrington 2009.

8 Fischel 2005, S. 20.

9 Ford 2007, S. 99.

10 Fischel 2005. U. Steinmann 2008, S. 43.

11 Vgl. Literatur- und Quellenverzeichnis.

12 Huxley, Robert 2007, S. 12.

13 Ebd.

14 Fischel 2005.

15 Meyer 2000, S. 52.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Hooke/Botanicus.org 1665.; Hooke/Gutenberg.org 1665. U. Fischel 2005, S. 20.

20 N.N. 2010.

21 Ebd. U. Steinmann 2008, S. 42.

22 Neri 2008, S. 83.

23 Fischel 2005, S. 19.

24 Steinmann 2008, S. 41.

25 Ruisinger 2015, S. 65.

26 Meyer 2000.

27 Bredekamp 2002, S. 155.

28 Diese Schätzung beruht auf den bibliografischen Angaben zur Micrographia. (Hooke/LHL Digital Collections 1665.) Hier findet sich eine Erwähnung der Größe des Buches, die mit 31 cm vermerkt ist, woraus ich auf die ungefähre Größe der ausfaltbaren Illustration schließe. (Vgl. Abb. 3); Marion Ruisinger gibt für den in der Ausstellung „Flöhe im Museum“ gezeigten Stich eine Größe von 34 x 44 cm an. (Ruisinger 2015, S. 65.)

29 Bredekamp 2002, S. 156.

30 Hooke, Gutenberg.org 1665.

31 Der Floh ist aufgrund seiner kräftigen Beine imstande, bis zu 21m weit zu springen (Ruisinger 2015, S. 11.)

32 Hooke, Gutenberg.org 1665.

Details

Seiten
31
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668980808
ISBN (Buch)
9783668980815
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494154
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Kunstgeschichte/ Bildwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Robert Hooke Hooke Wissenschaftsgeschichte Kunstgeschichte Wissenschaft Micrographia Populärwissenschaft Mikroskopie Didaktik Pädagogik Royal Society Bild-Text-Beziehung Empirie Empirismus

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