Lade Inhalt...

Rückenschule für Kinder im Grundschulalter

Examensarbeit 2005 91 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Rückenschule für Kinder
1.1 Definition Rückenschule
1.2 Warum eine Rückenschule für Kinder?
1.3 Ziele einer Rückenschule für Kinder
1.4 Inhalte einer Rückenschule für Kinder

2. Anatomisch-physiologische Grundlagen
2.1 Haltungsentwicklung
2.2 Haltung
2.3 Haltungsschwäche
2.4 Haltungsfehler
2.5 Haltungsschäden - Orthopädische Erkrankungen
2.6 Haltungsschäden - Umfrage der BKK
2.7 Testverfahren zur Haltungsbeurteilung

3. Bewegungsalltag bei Grundschulkindern
3.1 Allgemeines Bewegungsverhalten
3.2 Bewegungsverhalten in Familie und Freizeit
3.3 Bewegungsalltag in der Schule

4. Konzeptionen zur „Kinder-Rückenschule“
4.1 Rückenschule für Kinder von Hans-Dieter KEMPF
4.2 Rückenschule für Kinder von Günter LEHMANN
4.3 Rückenschule für Kinder - ein Kinderspiel
4.4 Rückenschule im Schulsport
4.5 Rückenschule in der Schule - Bewegte Schule

5. Untersuchung zum Erlernen von Rückenschulelementen bei Kindern

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Internetverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Tabellenverzeichnis

0. Einleitung

Die Präventivmaßnahmen im Gesundheitssport hatten in den vergange- nen Jahren in Deutschland einen regen Zulauf. Forciert wurde diese Ge- sundheitswelle durch die zunehmende Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen solcher Maßnahmen sind in der Regel bereits von Krankheitsbildern betroffen, seien es Herzinfarktpatienten im Herzgruppensport oder Bandscheibenvorfallgeschädigte im Wirbelsäulen- sport.

Die Primärprävention, die zum Beispiel mit Fitnessangeboten in der funk- tionellen Gymnastik, Rücken-Fit Programmen oder Entspannungskursen von Krankenkassen und Sportvereinen angeboten wird, findet eher Zu- spruch durch bereits betroffene Patienten. Gesunde Menschen, für die diese Angebote konzipiert sind, um ihre Gesundheit zu erhalten und even- tuellen zukünftigen gesundheitlichen Schäden vorzubeugen, sind in sol- chen Angeboten weniger vertreten. Erst wenn eine ärztliche Diagnose er- folgt, die eine sportliche Betätigung im Rahmen des Gesundheitssportes empfiehlt, liegt bei vielen Betroffenen die Bereitschaft vor, ihre bequeme Sofa-Freizeit aufzugeben.

Dieses Verhalten konnte ich insbesondere in den von mir geleiteten Rü- cken-Fit und Wirbelsäulenkursen erfahren, die überwiegend von Teilneh- mern und Teilnehmerinnen besucht wurden und werden, die bereits ein schmerzhaftes Rückenleiden ertragen (haben). Mittels einer von mir durchgeführten Befragung in diesen Kursen, in den Jahren 2002 bis 2004, bestätigten 90 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen diese Tatsa- che. Die Primärprävention, wie sie von den Krankenkassen und Sportver- einen angeboten wird, avanciert so zur Sekundärprävention.

Vor diesem Hintergrund ist für mich die Beantwortung folgender Fragen von persönlichem Interesse: Wie kann im Hinblick auf Rückenleiden vor- gebeugt werden, wenn gesunde Erwachsene nicht bereit sind, ihre Frei- zeit für Prävention zu opfern? Und zu welchem Zeitpunkt der menschli- chen Entwicklung muss angesetzt werden, um Rückenleiden und - schmerzen gar nicht erst entstehen zu lassen?

Neuere Studien belegen, dass bereits unter Sechsjährige mit einem Anteil von 18, 7 % bei den Patienten mit Rückenschäden vertreten sind. Der prozentuale Anteil steigt mit dem Alter der Kinder, so sind die 10 bis unter 12 Jährigen bereits mit 23,6 Prozent betroffen (vgl. BKK, 2000). Da in der heutigen Zeit vermehrt Kinder und Jugendliche unter Fehlhaltungen und Rückenproblemen leiden, muss die Primärprävention meiner Meinung nach bereits im Kindesalter, mit fünf bis sechs Jahren, beginnen! Kinder sind in der Lage zu lernen, diese Fähigkeit müssen Grundschüler und Grundschülerinnen täglich unter Beweis stellen. Es ist anzunehmen, dass durch und gezielte Kräftigung die Vermittlung rückenfreundlicher Verhaltensweisen Fehlhaltungen und daraus resultierende zukünftige kör- perliche Leiden verhindert werden können, ein wissenschaftlicher Nach- weis steht jedoch noch aus (vgl. KEMPF/FISCHER, 1999, 12). Aus meiner Sicht kann mit Hilfe der Sensibilisierung für rückenfreundliche Bewe- gungsmuster im Kindesalter die zukünftige Zahl der erwachsenen „Rü- ckenpatienten“ dezimiert werden. Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem Thema „Rückenschule für Kinder im Grund- schulalter“.

Kinder nehmen in ihrem angeborenen Wissensdurst die Thematik „rund um ihre Wirbelsäule“ gern an, wenn es ihnen kindgerecht vermittelt wird. Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, dass Kinder in der Lage sind rücken- freundliches Verhalten anzunehmen, auch wenn sie nach erfolgter Wis- sens- und Verhaltensvermittlung über einen längeren Zeitraum nicht wei- ter dazu angesprochen werden. Verhaltensmuster können aufgenommen und in den Alltag übernommen werden. Kinder haben demnach die Mög- lichkeit, mit Hilfe der Prävention für ihre gesundheitliche Zukunft vorzusor- gen.

Die Wissens- und Verhaltensvermittlung hinsichtlich einer gesunden Hal- tung steht unter dem Oberbegriff „Rückenschule“. Die Inhalte und Ziele einer Rückenschule für Kinder unterscheiden sich von den Rückenschulen der Erwachsenen. Eine gesunde körperliche Entwicklung unterliegt verschiedenen endogenen und exogenen Einflüssen, folgerichtig können Haltungsschwächen, Haltungsfehler oder Haltungsschäden angeboren sein oder aus anderen Gründen entstehen.

Die Ursachen für Haltungsschwächen liegen begründet im Bewegungs- mangel und falschen Bewegungsgewohnheiten (vgl. BKK, 2000), die zu muskulären Dysbalancen und Defiziten in der Körperwahrnehmung füh- ren. Verursacht wird ein solcher Bewegungsmangel u. a. durch zu vieles Sitzen in der Freizeit und in der Schule. Doch gerade die Schulpflicht in Deutschland gibt uns die Möglichkeit, alle Kinder unserer Gesellschaft mit der altersgerechten Vermittlung von rückengerechtem Verhalten und rü- ckenbezogenen Themen in der Schule zu erreichen. Die kindgerechte Vermittlung ist wichtig für die Kinder, um zu verstehen, wie sie sich selbst vor gesundheitlichen Gefahren und vermeidbaren Krankheitsbildern schützen können. Ihre Eltern, Lehrer und Lehrerinnen können dies aus eigener Unkenntnis heraus häufig nicht für sie übernehmen.

Bewegungsmangel und das damit verbundene Freizeitverhalten ist ein gesellschaftliches Phänomen. Aus diesem Grund bezieht sich die vorliegende Arbeit allein auf die Situation von Kindern im Alter von fünf bis 12 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland.

1. Rückenschule für Kinder

Anfang der 80er Jahre kam die erste Rückenschule im heutigen Sinne von Schweden nach Deutschland. Angesprochen waren vorrangig erwachsene Rückenschmerzpatienten (vgl. KEMPF/FISCHER, 1999, 13). Der Zugang zu diesen betroffenen Menschen kann über die medizinischfunktionelle Weise, die medizinisch-psychologische Weise, die biomechanisch-funktionelle Weise und die im Weiteren behandelte sportpädagogische Weise geschehen (vgl. KLÖCKNER, 1996, 26).

Welche Ziele eine Rückenschule für Kinder in der heutigen Zeit beinhaltet, welche Inhalte elementar sind und warum kindgerechte Bewegungsgestaltung eine wichtige Rolle spielt, wird im Folgenden erläutert.

1.1 Definition Rückenschule

Unter der Rückenschule versteht man eine Einrichtung der vorbeugenden Gesundheitsfürsorge zur Prävention und Rehabilitation von Wirbelsäulen- erkrankungen. Durch ein gezieltes Verhaltenstraining soll ein rücken- freundliches Bewegungsverhalten erlernt werden. Diese Definition ist für Rückenschulen von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen gültig, wo- bei Kinder rückenfreundliche Bewegungsmuster leichter und schneller er- lernen als Erwachsene (vgl. KEMPF/FISCHER, 1999, 13 ff).

Eine Rückenschule kann im Rahmen des Gesundheitssports mit verschiedenen präventiven Zielrichtungen und für verschiedene Zielgruppen durchgeführt werden (vgl. SAAM/BAUMANN, 1997,13):

- primäre Prävention - Zielgruppe sind gesunde Menschen (vorbeu- gend)
- sekundäre Prävention - Zielgruppe sind Risikofaktorenträger nach dem Auftreten von Risikofaktoren (festigend - beseitigend)
- primäre Prävention - Zielgruppe sind gesunde Menschen (vorbeu- gend)
- tertiäre Prävention - Zielgruppe sind akut oder chronisch erkrankte Menschen (wiederherstellend)

Die primäre Prävention, in Bezug auf Rückenschule, hat das Ziel schlechte oder falsche Haltungsgewohnheiten zu verhindern und rücken- freundliche Bewegungsmuster zu vermitteln. Da das Durchschnittsalter, in dem erstmals Rückenbeschwerden auftreten, sich immer mehr zu jünge- ren Patienten verlagert (vgl. LORANI, 2000 in KOLLMUß/STOTZ, 1999,

12 f) und die Zahl der haltungsschwachen Kinder stetig zunimmt, muss die primäre Prävention in Form einer Rückenschule bereits in Kindergärten und Grundschulen durchgeführt werden (vgl. KOLLMUß/STOTZ, 1999, 13).

Die sekundäre Prävention kommt bei der Früherkennung von Krankheiten zum Tragen, bei denen noch gute Aussichten auf eine Behandlung oder Heilung der Krankheit bestehen. Betroffen sind vornehmlich Patienten mit chronischen Wirbelsäulenbeschwerden. „Die Grenze zum eigentlichen <Kranken>, der ärztlich betreut werden sollte, ist hier fließend“ (KEMPF, 1999, 18). Bei notwendigen therapeutischen Maßnahmen kommt es zur Überleitung in die Tertiärprävention beim Arzt oder Krankengymnasten (vgl. KEMPF, 1999, 17 f).

Die tertiäre Prävention soll das Fortschreiten einer bestehenden Krankheit verhindern. Aus diesem Grund wird auch eine Rehabilitationsmaßnahme in diesen Bereich mit eingeordnet. Hier arbeiten Ärzte und Therapeuten gemeinsam mit dem Patienten, um ihm eine Wiedereingliederung in das Alltagsleben zu ermöglichen (vgl. KEMPF, 1999, 18).

Rückenschule kann als zeitlich begrenztes Kursangebot mit ein bis fünf Unterrichtseinheiten pro Woche angeboten werden (vgl. KOLLMUß/ STOTZ, 2001, 64). Anbieter solcher Maßnahmen sind u. a. Krankenkassen bzw. Gesundheitskassen, kommerziellen Anbieter und Sportvereine. Als „Rückenschule in der Schule“ kann eine Integration in den täglichen Sport - oder Klassenunterricht stattfinden (vgl. KEMPF/ FISCHER, 1999, 184 und MEDLER/MIELKE, 1999, 9). Auch eine Durchführung im häuslichen Bereich ist möglich (vgl. LEHMANN, 2002, 0).

1.2 Warum eine Rückenschule für Kinder?

Eine Rückenschule für Erwachsene ist grundsätzlich nicht auf Kinder ü- bertragbar. Schon 1937 stellte CLAPAREDE fest: „Das Kind ist kein Minia- turerwachsener, und seine Mentalität ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ von der des Erwachsenen verschieden, so dass ein Kind nicht nur kleiner, sondern auch anders ist“ (CLAPAREDE, 1937 in KOLL- MUß/STOTZ, 2001,18). So müssen physische und psychische Unter- schiede zwischen Erwachsenen und Kindern berücksichtigt werden.

Bei Kindern bestehen entwicklungsabhängige Wachstums- und Reifungs- vorgänge, die beim Erwachsenen bereits abgeschlossen sind. Überwie- gend haben Kinder, im Gegensatz zu Erwachsenen, noch keine schmerz- haften Beschwerden. Damit entfällt bei ihnen ein wichtiges Motiv zum Erlernen rückenfreundlicher Verhaltensmuster, welches bei Erwachsenen die Hauptmotivation darstellt (vgl. KOLLMUß/STOTZ, 2000, 17 f).

Bis zu seinem vierten Lebensjahr bewegt sich ein Kind zum überwiegen- den Teil noch in rückenfreundlichen Bewegungsmustern, erst danach be- einflussen zu wenig Bewegung und falsche Sitzgewohnheiten die Körper- haltung. Da der Schuleintritt einen entscheidenden Zeitpunkt in der Ent- wicklung der Körperhaltung darstellt, ist die Förderung des rückenfreundli- chen Verhaltens in dieser Phase von großem Vorteil. So können ungüns- tige Bedingungen wie z. B. lange Sitzdauer, gebremster Bewegungs- und Spieldrang und schlechtes Sitzmobiliar abgeschwächt werden (vgl. KOLLMUß/STOTZ, 2001, 13).

Gezielte Rückenschulprogramme müssen ihren Ausgang aus der Le- benswelt der Kinder nehmen. Vielseitigkeit und Bewegungsreichtum sind geeignete Gestaltungskriterien. Bei einem stark ausgeprägten Bewe- gungsdrang verfügen Kinder über eine geringe Konzentrationsfähigkeit und Konzentrationsausdauer, so werden sie durch kopfgesteuerte Bewe- gungsangebote überfordert (vgl. MEDLER/MIELKE, 1999, 14). Die Denk- weise und das Vorstellungsvermögen der Kinder bildet ein weiteres Krite- rium für die Wortwahl, die Formulierung der Übungsaufträge und die Organisationsformen (vgl. KOLLMUß/STOTZ, 2001, 62).

Im frühen Schulkindalter werden rückenfreundliche Bewegungen und Verhaltensweisen vorwiegend durch Nachahmen erlernt. Im späten Schulkindalter wird die Vermittlung der Zusammenhänge von schlechtem Bewegungsverhalten und seine Wirkung auf die Wirbelsäule bereits eine Einsicht zum rückenfreundlichen Bewegungsverhalten hervorrufen (vgl. KEMPF/FISCHER, 1999,15).

Die ganzheitliche Vorgehensweise bei der Haltungsschulung von Kindern wird durch die Zuordnung aller Umlernprozesse zu der Personenebene, Handlungsebene und Bewegungsebene erreicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Ebenenmodell bei Kindern (KLÖCKNER, 1996, 93)

Das primäre Ziel ist die Förderung des Selbstvertrauens, damit die Kinder sich in schwierigen Situationen behaupten können. Je stärker das Selbst- vertrauen ist, desto positiver ist die Selbsteinschätzung der Kinder und umso größer ist ihre Überzeugung mit Stresssituationen fertig zu werden.

Auf der Personenebene muss weiterhin die soziale Einbindung des Kindes gefördert werden.

Auf der Handlungsebene wird den Kindern die Unterscheidung der Innen- und Außensicht vermittelt. Gefühle werden nach außen getragen und mit der Körperhaltung ausgedrückt. Durch die Unterteilung einer Bewegung in drei Bewegungsphasen (1. Aufmerksamkeitsphase, 2. Bewegungsphase, 3. Lobphase) sollen automatisierte Bewegungsabläufe wieder bewusst erlebt werden. Ziel ist die Übernahme besserer Alternativen und die Automation der neuen Muster.

Durch praktisches Üben z. B. in Form funktioneller Übungen und gestalte- ter Bewegungspausen vollzieht sich eine Erweiterung des aktuellen moto- rischen Repertoires auf der Bewegungsebene(vgl. KLÖCKNER, 1996, 91 ff).

1.3 Ziele einer Rückenschule für Kinder

Das oberste Ziel einer Rückenschule für Kinder ist die langfristige Anwen- dung von gesundheitsfördernden Alltagsstrategien. Vordergründig steht ein ganzheitliches Konzept, mit dem motorische, kognitive, affektiv- emotionale und soziale Ziele verfolgt werden 1999, 14):

Motorische Ziele

- rückenfreundliches Bewegungsverhalten
- funktionelle Übungen
- Entlastungshaltungen und (vgl. KEMPF/FISCHER,
-Entspannungsübungen sollen erlernt und geübt werden
-vielseitige Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen sollen ge- sammelt werden
- die Schulung der Haltung und Koordination soll erfolgen

1. Rückenschule für Kinder

x der Transfer des Erlernten in den Alltag/Schulalltag soll geleistet werden

Kognitive Ziele

- einfachste Grundlagen zur Anatomie, Physiologie, Bewegung, Ent- spannung und gesunden Lebensführung sollen vermittelt werden
- rückenspezifische Kenntnisse sollen für ein gesundheitsorientier- tes/rückenfreundliches Verhalten sensibilisieren

Affektiv-emotionale Ziele

- Spaß und Freude, positive Gruppenerlebnisse und allgemeines Wohlbefinden sollen durch freudbetontes Bewegen entstehen
- die Entspannungsfähigkeit soll entwickelt werden
- ein positives Selbstwertgefühl soll entstehen
-das Selbstbewusstsein soll gestärkt werden
- die Eigeninitiative gefördert werden

Soziale Ziele

- Integration
- Kommunikation x Interaktion
- Kooperation

KOLLMUß/STOTZ möchten zudem

- durch Bewegung vermehrt Körperbewusstsein vermitteln
- die muskuläre Leistungsfähigkeit und Koordination steigern
- und das Verantwortungsbewusstsein der Eltern und Lehrer wecken (vgl. KOLLMUß/STOTZ, 2001, 62)

Bei dem Anstreben dieser Ziele steht an erster Stelle die Motivation zu Spiel, Sport und Entspannung durch erlebnisorientierte Angebote. KEMPF/FISCHER verneinen eine langfristige positive Wirkung, wenn es nicht gelingt „…, das Kind und seine Eltern zu motivieren, die Kurserleb- nisse im Alltag umzusetzen …“(KEMPF/FISCHER, 1999, 15). Auch BREITHECKER betont, dass eine nicht kindgerechte Bewegungsgestal- tung langfristig sogar zur Abwendung von sportlichen Betätigungen führen kann, darum müssen Situationen arrangiert werden, „…in denen der Er- lebnisgehalt des Angebots die eigentliche Intention versteckt, …“(BREITHECKER, 1997,13).

Hierfür sollen Hilfsmittel und Geräte mit einem hohen Aufforderungscha- rakter eingesetzt werden. Besonders geeignet sind Alltagsmaterialien (z. B. Bierdeckel, Teppichfliesen), da die durchgeführten Übungen so auch im häuslichen Bereich wiederholt werden können. Die Einbettung in eine Bewegungsgeschichte garantiert eine erlebnisorientierte Bewegungs- und Entspannungssituation. Sie bildet gleichzeitig ein gutes Mittel zur Motivationssteigerung (vgl. MUNZ, 1997, 8).

Vielseitige Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen bilden mit ihren Wechseln von Belastung und Entspannung die Grundlage zur Entdeckung des eigenen Körpers und sozialen Erfahrungen mit anderen Kindern. „Die Wahrnehmung der selbständigen Handlungsfähigkeit und der individuellen Fortschritte sowie das Erreichen realistisch gesteckter Ziele führt zur Zufriedenheit mit dem eigenen Körper…“ (KEMPF/FISCHER, 1999,16). So entsteht eine positive Einstellung zum eigenen Körper, die wiederum zur Verbesserung des Selbstwertgefühls und Steigerung des Selbstbewusstseins beiträgt (vgl. KEMPF/FISCHER, 1999,16).

1.4 Inhalte einer Rückenschule für Kinder

Je nach Alter, dem körperlichen, geistigen und sozialen Entwicklungsstand bilden schwerpunktmäßig die folgenden fünf Elemente eine Rückenschule für Kinder (vgl. KEMPF/FISCHER, 1999, 18):

1. Kleine Spiele (Spielerisches Aufwärmen)
Kleine Spiele mit und ohne Handgerät (mit und ohne Musik), Spiele zur Ausdauerschulung mit Pulsmessung, sensitive Spiele mit Partner oder Partnerin in der Gruppe, Kennenlernspiele und Kleine Fußspiele.
2. Verhaltenstraining/Bewegungslernen
Beckenkippung, Sitzen, Stehen, Liegen, Heben, Tragen, Bücken, Wechsel der Körperpositionen, Entlastungshaltungen, RückenübungsParcours und Elemente der Verhaltenspsychologie.
3. Funktionelle Übungen
Übungen zur Wahrnehmung, Schulung des Gleichgewichts und zur Drehung, Kräftigung, Mobilisation, Haltungs- und Muskeltests, Gehund Laufschule, Bewegungsanalysen, Übungen mit Handgeräten und Bewegungspausen.
4. Information/Gruppengespräch
Themen wie Wirbelsäule, Bandscheibe, Muskulatur des Rückens, Rücken und Sport, Haltungsschulung, Rückentipps, Sitzmöbel, Anpassung der Schulmöbel, Schulranzen, Umsetzung der Kurserfahrungen in den Alltag, Quiz, Erfahrungsaustausch und Fragebogen.
5. Entspannungsübungen (psycho-physische Regulation)
Entspannung mit Musik, Phantasiereisen, Geräusche erkennen, Progressive Relaxation nach Jacobsen, Partnermassage mit dem Igelball, Partner-Klopfmassage, „Wackelpudding“, Formen des autogenen Trainings, Entspannung durch ruhiges Atmen und Körperreisen.

Für KOLLMUß/STOTZ gehören daneben Phantasie- und Rollenspiele e- benfalls zu dem praktischen bewegungsbetonten Vorgehen. Bei der theo- retischen Vermittlung geben sie zusätzliche Informationen zur Schmerz- entstehung (vgl. KOLLMUß/STOTZ, 2001, 62). MEDLER und MIELKE fordern ferner das Bewegen und Experimentieren an Gerätekombinationen und Gerätelandschaften (vgl. MEDLER/MIELKE, 1999, 15). Um die angestrebten Ziele mit den entsprechenden Inhalten zu erreichen, ist ein regelmäßiges Training erforderlich. „Ein Übungsprogramm, das 2- bis 3mal in der Woche durchgeführt wird, reicht aus, um zum Beispiel Muskelschwächen oder Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen entscheidend entgegenzuwirken“ (LEHMANN, 2002, 39).

2. Anatomisch-physiologische Grundlagen

Zur kompetenten Beurteilung einer Haltung müssen die anatomischen Grundkenntnisse der allgemeinen Entwicklung eines Kindes vorhanden sein. Von der Entstehung bis zur präpubertären Phase durchläuft ein Kind verschiedene Entwicklungsstufen, die mit dem Hauptbezug auf die Wirbelsäule vorgestellt werden.

Die Definition der Haltung dient dem besseren Verständnis der nachfol- genden Fehlformen. Unterschieden werden Haltungsschwächen, Haltungs- fehler und Haltungsschäden. Inwiefern Fehlhaltungen angeboren sind oder aus anderen Gründen entstehen klärt die Ursachenbehandlung. Mit der vorgestellten Studie des Bundesverbandes der Betriebskranken- kassen wird fundiertes Zahlenmaterial zur Verfügung gestellt, das mittels einer telefonischen Umfrage unter Kinderärzten im gesamten Bundes- gebiet entstanden ist. Die Haltungsschäden von untersuchten Kindern werden auf ihre Ursachen hin untersucht und Behandlungsvorschläge vor- gestellt. Abschließend zeigen verschiedene Testverfahren, wie muskuläre Dysbalancen bei Kindern erkannt werden können.

2.1 Haltungsentwicklung

Die Beweglichkeit und Belastbarkeit der Wirbelsäule wird durch einen ge- gliederten Aufbau verschiedener Bewegungselemente gewährleistet. Erst das zuverlässige Zusammenspiel dieser Elemente ermöglicht einerseits die Stütz- und Tragefunktion des Körpers und andererseits die Beweglichkeit (vgl. FISCHER, 1999, 34 f). Mit den vielen einzelnen Elementen stellt die Wirbelsäule ein eigenes Organsystem, das Achsenorgan, dar (vgl. STOTZ, 2001, 19). Die wichtigsten Elemente bilden die Wirbel, die - mit Ausnahme des 1. Halswirbels (Atlas) - aus einem Wirbelkörper (Corpus vertebrae), einem Wirbelbogen (Arcus vertebrae), einem Dornfortsatz (Processus spi- nosus), zwei Querfortsätzen (Processus transversus) und vier Gelenkfort- sätzen (Processus articularis) bestehen. Entsprechend der zunehmenden Belastung nimmt die Wirbelgröße von oben nach unten zu (vgl. Faller, 1999, 133).

Anfänglich bilden sich die Wirbelkörper aus einem durchgehenden Ach- senskelett, der Chorda dorsalis. Während des Embryonalstadiums wird die Chorda dorsalis entsprechend einer segmentalen Gefäßversorgung von den Knorpelkernen verdrängt. Die Knorpelkerne bilden die Vorstufe der Wirbelkörper. Die Wirbelbögen entwickeln sich parallel zu den Wirbelkör- pern, sie entstehen aus Geweben des embryonalen Neuralrohres (vgl. STOTZ, 2001, 19 f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Bewegungssegment und Bandapparat der Wirbelsäule

a Seitenansicht eines Bewegungssegmentes der Lendenwirbelsäule. Die Anteile des Bewegungsseg- mentes sind farbig hervorgehoben (Muskeln und Bänder nur teilweise dargestellt)

b Aufsicht auf einen Lendenwirbelkörper mit Bandscheibe. Der Verlauf der einzelnen Bänder ist rot dargestellt (FALLER, 1999, 136)

Durch das Zusammensetzen der Wirbelbögen und der Wirbelkörper ent- steht das Wirbelloch [s. Abb.1]. Das Rückmark verläuft durch die Gesamt- heit der Wirbellöcher, dem Wirbelkanal. Die Verbindung der einzelnen Wir- bel wird durch die Wirbelgelenke aufgebaut, wobei jeweils zwei Wirbelgelenke nach oben und zwei nach unten die Verbindung halten. Aus dem daraus entstehenden Zwischenwirbelloch (Foramen intervertebrale) treten die Rückenmarksnerven (Spinalnerven) aus (vgl. Faller, 1999, 133).

Zwischen zwei Wirbelkörpern liegt jeweils die Bandscheibe (Zwischenwirbelscheibe). Sie besteht aus einem derben Faserring aus elastischem Gewebe sowie einem gallertartigem weichen Kern in der Mitte und schützt die Wirbelkörper wie ein Stoßdämpfer vor Druckbelastung.

Zwei benachbarte Wirbelknochen (mit Wirbelkörpern und Wirbelgelenken) bilden mit der dazwischen liegenden Bandscheibe die kleinste Funktionseinheit der Wirbelsäule. FISCHER bezeichnet diese als Wirbelsäulensegment (vgl. FISCHER, 1999, 37 ff), wobei FALLER die Bezeichnung Bewegungssegment bevorzugt (vgl. FALLER, 1999, 135).

Eine dünne Knorpelschicht, über die die Bandscheibe ernährt wird, befin- det sich zwischen der Bandscheibe und den Wirbelkörpern. „Im Mutterleib ist sie noch dicht mit Gefäßen durchzogen, die im Lauf der ersten Lebens- jahre jedoch allmählich veröden“ (WERNER/NELLES, 2000, 17). Durch die fehlende Blutgefäßernährung des zentralen Bandscheibenkerns kommt es zunehmend zur Verletzbarkeit der Bandscheibe und einem beginnenden Alterungsprozess bereits kurz nach der Geburt (vgl. FISCHER, 1999, 39). Die postnatale Entwicklung der Wirbelsäule beginnt mit einem totalrunden Rücken bei Neugeborenen und Säuglingen, bedingt durch die Lage im Ute- rus. Mit etwa sechs Wochen ist der Säugling in der Lage, den Kopf aus der Bauchlage heraus zu halten. Durch das Kopfheben und -halten entsteht die Halslordose (vgl. STOTZ, 2001, 20).

Über den Vierfüßlerstand entwickelt sich der anfangs unsichere Zweifüßer- stand. Mit ca. 12 bis 14 Monaten ist das Kleinkind in der Lage, selbststän- dig zu laufen. In Folge dessen kippt das Becken nach vorn und bedingt die Bildung der Lendenlordose, die durch die noch schwache Bauchmuskula- tur sehr ausgeprägt zu erkennen ist. Bezeichnend für diese Phase ist der nach vorn gewölbte Bauch sowie der nach vorn verlagerte Körperschwer- punkt. Zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr verlagert sich der Körperschwerpunkt zunehmend rückwärts. Die kräftiger werdende Bauch- muskulatur flacht den Bauch ab und die starke Lendenlordose reguliert sich. Ab diesem Zeitpunkt verlangsamt sich die Wachstumsentwicklung (vgl. FISCHER, 1999, 47 ff).

Die doppelte S-Krümmung in der sagitalen Ebene mit der Halslordose, Brustkyphose und Lendenlordose [Abb. 2] wird in ihrer endgültigen Form in dieser Phase erreicht (vgl. STOTZ, 2001, 20). Sie lässt die Beugung und Streckung sowie die Vor- und Rückneigung in der Sagitalebene, die Seitwärtsneigung in der Frontalebene und die Drehung um eine vertikale Achse zu (vgl. FALLER, 1999, 137).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 : Linke Seitenansicht der Wirbelsäule (FALLER, 1999, 132)

Diese umfassende Beweglichkeit setzt ein intensives Zusammenspiel von Muskeln und Bändern voraus. Die Wirbelsäulenbänder stabilisieren die Wirbelsäule mit dem vorderen und dem hinteren Längsband, das sich je- weils vorn und hinten, von oben bis unten, über die gesamte Wirbelsäule spannt, sowie einer Vielzahl kleinerer Bänder, die zwischen den Wirbelbögen, den Dornfortsätzen und den Querfortsätzen der Wirbelkörper verspannt sind. Von einem Wirbel zum nächsten oder übernächsten sitzen kleine Muskelstränge, die eine Drehung um die vertikale Achse ermöglichen. Links und rechts der Wirbelsäule verspannen sich die langen Rückenstränge, die sich über die kleinen legen. Zur Stabilisation sind des Weiteren hauptsächlich die Schultergürtel-, Bauch-, und Gesäßmuskulatur notwendig (vgl. WERNER/NELLES, 2000, 19 ff).

Bedingt durch die Dehnbarkeit der beteiligten Muskeln, der Bänder und den allgemeinen Körperbau schwankt das Bewegungsausmaß individuell (vgl. Faller, 1999, 137).

Die Knochen sind noch weich und (ver-) formbar, erst mit dem Abschluss des Längenwachstums (18. bis 20. Lebensjahr) erhalten sie ihre endgültige Festigkeit (vgl. BREITHECKER, 2004, 3).

2.2 Haltung

Der Begriff „Haltung“ lässt sich grob in die „äußere“ und „innere“ Haltung aufteilen, wobei sich diese Zweiteilung als problematisch erweist, weil sich auch immer der seelische Zustand eines Menschen in seiner Körperhal- tung ausdrückt. Im Folgenden wird die stehende Haltung des Menschen genauer betrachtet, da sie auch als Grundhaltung bezeichnet wird, mit der der Mensch in die Lage versetzt wird der Welt aktiv entgegen zu treten (vgl. ERNST, 1998, 5 f).

Die ideale Haltung lässt sich nicht eindeutig definieren. LEHMANN spricht von einer guten Haltung, „…wenn die Wirbelsäule gerade aufgerichtet ist und von der Seite betrachtet eine harmonische, S-förmige Krümmung zeigt“ (LEHMANN, 2002, 22).

Die Schulterblätter sollen leicht zurückgenommen sein und das Brustbein soll nach vorn und oben zeigen. Beide Füße stehen dabei hüftbreit, mit leicht gebeugten Knien, fest auf dem Boden (vgl. LEHMANN, 2002, 22).

Der aufrechte Stand wird durch das Zusammenspiel von Muskeln, Bändern und Sehnen ermöglicht. Die wichtigsten Muskelgruppen für die aufrechte Haltung sind die Wadenmuskulatur (zur Stabilisation des Fußgelenkes), die vordere Oberschenkelmuskulatur (zur Stabilisation des Kniegelenkes), die Gesäßmuskulatur (zur Stabilisation des Hüftgelenkes) sowie die Rücken- und Bauchmuskulatur (zur Stabilisation der Wirbelsäule) (vgl. KEMPF, 1999, 132).

„Es lässt sich festhalten, dass einzig das Organ „Muskulatur“ den Men- schen befähigt, sich gegen die Schwerkraft zu „wehren“, also sich aufzu- richten und sich auch aufrecht zu (er-)halten“ (ERNST, 1998, 14). Aus die- sem Grund hat die Muskulatur einen grundlegenden Stellenwert. Die Füße und Beine stellen die Fundamente der Wirbelsäule dar. „Störun- gen im Bereich der Sprung-, der Knie- oder Hüftgelenke können schädi- gende Auswirkungen auf die Wirbelsäule haben“ (FISCHER, 1999, 44). So verursacht ein verkürztes Bein einen Beckenschiefstand, der wiederum eine seitliche Abweichung der Wirbelsäule verursacht. Die gleichen Aus- wirkungen wie bei einem verkürzten Bein verursacht ein Plattfuß. Durch die Erniedrigung der Fußhöhle kommt es funktionell zu der Beinverkürzung mit den o. g. Folgen (vgl. STOTZ, 2001, 21 ff).

„Haltung ist also nicht etwas Gehaltenes, Haltungsaufbau kein statischer, erzwingender oder formaler Prozeß, sondern ein dynamischer, kineti- scher Vorgang, das ständige Spiel mit dem Gleichgewicht“ (Breithe- cker, 1995, 22). MATTHIASS stellt weiterhin fest: „Obwohl man zur auf- rechten Haltung wach sein muss, verläuft das physiologische Geschehen außerhalb des Bewußtseinsfeldes“ (MATTHIASS, 1977 in BREIT- HECKER, 1995, 22).

STOTZ beschreibt die fünf wichtigsten Komponenten, aus denen das typisch menschliche Haltungsbild resultiert:

Anatomische Gegebenheiten:

Durch das passive und aktive Bewegungssystem wird das äußere Erschei- nungsbild geprägt. Sowohl am knöchernen Skelett als auch an den Weich- teilstrukturen sind physiologische Schwankungen möglich (vgl. STOTZ, 2001, 21 ff).

Funktionszustand der Muskulatur:

Die Haltung wird durch den jeweiligen Funktionszustand der Muskulatur beeinflusst. Es wird unterschieden zwischen Ruhehaltung, Gewohnheitshaltung und strammer Haltung (vgl. STOTZ, 2001, 21 ff).

Konstitutionelle Merkmale:

Die verschiedenen Körperbautypen z. B. die Kretschmer`schen Konstitutionstypen (athletischer, leptosomer, pyknischer Typ) werden erwähnt (vgl. STOTZ, 2001, 21 ff):

Endogene, erblich bedingte Komponenten:

Genetische Einflüsse können die Haltung, den äußeren Habitus und das Gangbild vorgeben (vgl. BERQUET in STOTZ, 2001, 22).

Psychische Faktoren:

Der psychische Zustand des Kindes wird nicht unerheblich von seiner Um- welt und der Gesellschaft beeinflusst (vgl. STOTZ, 2001, 22). Leistungs- und Erfolgsdruck, Angst vor Fehlern und Versagen führen zu Spannungskopfschmerzen und drücken sich in der Haltung aus (vgl. STEINER, 1999, 83). BERTAGNOLI erweitert diese These: “Kinder und Jugendliche brauchen viel Liebe, Zuwendung und Anerkennung in einem intakten Elternhaus. Nörgelei, Streit und zuviel Strenge <zerbrechen> Psy- che und Wirbelsäule“ (BERTAGLNOLI, 1999, 138). BREITHECKER unter- streicht, dass insbesondere Kinder ihre Stimmungen unmittelbar äußern und bei ihnen die innere Haltung sich in der äußeren Haltung darstellt. So hüpfen und tanzen Kinder häufig spontan, wenn sie sich freuen (BREITHECKER, 2004, 4).

Verschiedene Haltungsstile können jedoch auch als aktuelle Modeerschei- nung ideologisch intendiert sein. So mag es gerade „in“ sein mit einer schlaffen Haltung zu gehen, ohne dass dies Rückschlüsse zulässt auf momentane Emotionen, Muskelschwäche, strukturelle Bedingungen des Bewegungsapparates oder eine innere Haltlosigkeit (vgl. WIDMER in ERNST, 1998, 13).

ERNST sieht den inneren Halt als Vorbedingung für die aufrechte Körper- haltung, da „…sich das individuelle Haltungsmuster durch „haltgebende“ psychische Impulse konstituiert, …“(ERNST, 1998, 13). Wie sich jemand hält, hängt maßgeblich davon ab, wie er sich verhält. Es gibt einen un- trennbaren Zusammenhang zwischen den körperlichen und seelischen Anteilen und damit ist die Haltung mit ihrer nonverbalen Symbolik gewollt oder ungewollt auch Ausdrucks- und Symbolkraft für die Umwelt (vgl. ERNST, 1998, 15f).

Arten der Haltung

In der natürlichen Haltung kommt es zu einem ständigen Wechsel des Standbeines. Damit wird die muskuläre Ermüdung in Grenzen gehalten.

Die Haltung selbst wird in drei Arten unterschieden:

1. allgemeine Haltung - diese Haltung wird von einem gesunden Men- schen ohne Ermüdungserscheinungen unbewusst eingenommen.
2. die Ruhehaltung - durch zunehmende Ermüdung der Muskulatur oder verminderte Aufmerksamkeit entsteht eine verstärkte Brust- und Lendenwirbelkrümmung. Verursacht wird dadurch eine Lotver- schiebung der Wirbelsäule nach hinten.

[...]

Details

Seiten
91
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638458573
ISBN (Buch)
9783638724548
Dateigröße
3.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49385
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Sportinstitut
Note
1,5
Schlagworte
Rückenschule Kinder Grundschulalter Gesundheitssport

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Rückenschule für Kinder im Grundschulalter