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Werteerziehung in der Schule am Beispiel des Geographieunterrichts

Essay 2019 7 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Thema V: Werteerziehung in der Schule „Genau genommen lehrt die Schule keine Werte, sie übt deren Reflexion“. Setzen Sie sich kritisch mit dieser These auseinander.

Schule ist schon längst nicht mehr der Ort, an dem lediglich Wissen vermittelt wird – wenn er es denn jemals war. Das Unterrichten, also die Vermittlung des Wissens im Unterricht, findet sich inzwischen neben Erziehungs- und Sozialisationsaufgaben wider. So ist auch die Werteerziehung inzwischen wesentlicher Bestandteil des Aufgabenbereichs von Lehrkräften.

Bereits im alten Preußen spielten Werte eine besondere Bedeutung. Insbesondere die Werte – oder Tugenden –, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind, spielen eine verstärkte Rolle in der Schule:

- Fleiß
- Ordnungssinn
- Pflichtbewusstsein
- Pünktlichkeit
- Toleranz und Respekt
- Höflichkeit

Dennoch kann man im Hinblick auf eben diese Werte in den letzten Jahrzehnten enorme Veränderungen wahrnehmen. Einander zu grüßen oder jemandem die Tür aufzuhalten sind inzwischen genau so wenig selbstverständlich wie „Bitte!“ und „Danke!“ zu sagen.

Sozialforscher sind jedoch der Ansicht, „dass in den letzten Jahrzehnten kein Werteverfall, sondern ein Wertewandel stattgefunden habe“ 1. Anlässlich dieser Entscheidung wurde in Bremen ein neues Unterrichtsfach eingeführt: Umgang, Benehmen, Verhalten – kurz: UBV.

Ist es aber überhaupt Aufgabe der Schule, Werte zu lehren und diese somit vorzugeben? Oder ist Aufgabe der Schule nur, die Werte der Schülerinnen und Schüler kritisch zu reflektieren und zur Selbstreflexion anzuregen? Welchen Beitrag kann Schule überhaupt zur Werteerziehung leisten?

Schule ist nur ein geringer Teil des Lebens von Schülerinnen und Schülern. Zwar verbringen sie bis zum Mittleren Schulabschluss mindestens zehn Jahre lang, fünf Tage pro Woche ihre Vormittage in der Schule, die übrige Zeit verbringen die Schülerinnen und Schüler jedoch außerhalb der Schule.

Erste Sozialisationseinwirkungen erfahren sie bereits durch die eigene Familie, den Kindergarten und Freunde, mit denen sie ihre Freizeit gestalten. Einrichtungen wie „Jugendtreffs“, Horts, Sportvereine oder Cliquen, sowie der Umgang in der Familie haben einen großen Einfluss auf die Werteorientierung von Kindern und Jugendlichen2. Zuletzt trägt auch der Medienkonsum einen erheblichen Teil zur Wertbildung von Kindern und Jugendlichen bei.

Da Lehrer also nur einen geringen Einfluss auf die Wertbildung von Schülerinnen und Schülern ausüben können, kommt Giesecke zu dem Schluss, dass Schule keine Werte lehre, sondern nur deren Reflexion übe, indem Lehrer „nur ergänzend und korrigierend in ihn [den Prozess der Wertbildung] eingreifen“3.

Werte, die an Schulen vertreten werden, sind nicht unbedingt deckungsgleich mit den Tendenzen der Familie. Es könnte also passieren, dass Schule Werte anders vertritt, als die Familie der Kinder und Jugendlichen dies tut. Schule würde dann eine konträre Tendenz vermitteln. Den Erfolg dieser Wertevermittlung könne Schule aber „weder kalkulieren noch garantieren“4.

Schlussendlich sieht Giesecke die Schule nicht in der Verantwortung, die „letzten Fragen des menschlichen Lebens“ zu beantworten. Er betont das Neutralitätsgebot, das Lehrkräfte dazu anhalte, „unterhalb der weltanschaulichen Grundentscheidungen zu operieren“5.

Schule könne gesellschaftlich relevante, strittige Themen zwar im Unterricht aufgreifen und behandeln, sie könne sie jedoch nicht unstrittig machen – die Vorgabe des einen korrekten Wertes könne Schule demnach nicht leisten.

Werteerziehung ist nur begrenzt messbar. Lehrkräfte, bei denen eine Kompetenz und somit wesentlicher Bestandteil ihres beruflichen Alltags die Leistungsmessung und -beurteilung ist, können Wertbildungsprozesse jedoch gar nicht beurteilen. Diese finden im Inneren der Kinder und Jugendlichen statt und äußern sich nur im sozialen Handeln.

Deshalb könne Schule nur „Hilfe zur Wertbildung“ betreiben, diese jedoch nicht vorgeben. Sie könne Kritik im Sinne von Aufklärung betreiben und die Schülerinnen und Schüler so zur Reflexion anzuregen. Giesecke unterscheidet dabei ganz klar zwischen „sozialem Lernen“ als die Auseinandersetzung mit sozialen Regeln und „Werteerziehung“.

Giesecke geht also weiter als etwa Rousseau und teilweise Montessori, die Kindern und Jugendlichen die „Selbstbildung der Werte im Reifeprozess“ zuschreiben.

Im Sinne des konstruktivistischen Modells der Werteerziehung setzt er das oberste Ziel, „eine Werteauseinandersetzung durch die Schüler zu erreichen“.6

Dem gegenüber steht das sogenannte technologische Modell, welches die Lehrbarkeit der Werte und Tugenden annimmt – die Werteerziehung somit also zur direkten Aufgabe der Schule macht.7

Da Werte von Kindheit an durch soziales Handeln wahrgenommen werden, ist es Teil des Sozialisationsprozesses, Werte und Normen zu erlernen. Der freien Entwicklung werden durch Werte und Normen im Grunde genommen Grenzen gesetzt. Es bedarf der Hilfe von Lehrkräften und Erwachsenen, Sozialisation allein reicht nicht aus. Wertebildung in der Schule muss deshalb über die reine Reflexion hinausgehen und Lehrkräfte tragen im Wesentlichen an der Bildung dieser Werte bei.

Wertevermittlung findet in jedem Unterricht statt. Fragen des guten und richtigen Lebens werden im Unterricht eines jeden Schulfaches immer wieder aufgegriffen. Aufgabe des Unterrichts sollte deshalb sein, Werte aufzugreifen, und „werthaltig[e] Aspekte der Sachverhalte wieder stärker in den Mittelpunkt des Unterrichts zu rücken“.8

Es gilt, im Unterricht nicht bloß die bisherige Wertbildung der Kinder und Jugendlichen zu reflektieren, sondern diese durch die Thematisierung bestimmter Werte zu ergänzen. Dies lässt sich in den unterschiedlichen Unterrichtsfächern auf verschiedene Art und Weise realisieren.

Der Geographieunterricht beispielsweise wird als besonders werte- und handlungsorientiert beschrieben. 9 Es kombiniert Themen wie Umweltbildung, Aufgaben der globalen Entwicklung und die Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung und vermittelt so zukunftsorientierte Werte für die Kinder und Jugendlichen.

Schülerinnen und Schüler, die bisher noch keine Berührung mit Werten wie Nachhaltigkeit hatten, lernen im Geographieunterricht also neue Werte kennen, haben aber gleichzeitig die Freiheit, diese Werte in Handlung umzuwandeln. Schule konfrontiert Kinder und Jugendliche also mit Werten und Normen und regt sie zur Auseinandersetzung mit diesen an.

Unterricht kombiniert die Wertereflexion bei denjenigen, die bereits eine eigene Wertehaltung haben, mit der Werteklärung bei denjenigen, die noch keinen Berührungspunkt mit einem konkreten Wert hatten.

Lehrerinnen und Lehrer nehmen eine Vorbildfunktion ein. Lehrer sind die personale Konstante der Institution Schule und werden so zu Vertrauenspersonen und/oder Vorbildfiguren für Kinder und Jugendliche. Wie Lehrerinnen und Lehrer „mit Schülern kommunizieren und sich Konflikten stellen […] davon können bedeutsame Vorbildwirkungen ausgehen“.10

Wertebildung hat „in einem hohen Maß mit der Qualität erlebter personaler Beziehungen zu tun“.11 Schülerinnen und Schüler nehmen Lehrkräfte nicht bloß als Wissensvermittler, sondern auch als Personen wahr. Somit vermitteln Lehrkräfte immer auch ein Stück weit die eigenen Werte und Normen, für die sie ganz persönlich einstehen.

Im Sinne des bereits erwähnten Neutralitätsgebots sind Lehrkräfte jedoch dazu angehalten, ihre eigene Wertehaltung rein reflexiv in den Unterricht einzubringen.

[...]


1 Hermann Giesecke: Was kann die Schule zur Werteerziehung beitragen? In: Gruehn, Kluchert, Koinzer (Hrsg.): Was Schule macht. Schule, Unterricht und Werteerziehung: theoretisch, historisch, empirisch. S.235-246, 2004. Blatt 110 im Reader.

2 vgl. Giesecke 2004, Blatt 111 im Reader.

3 Giesecke 2004, Blatt 111.

4 ebenda, Blatt 111.

5 vgl. ebenda.

6 Armin Hackl: Konzepte schulischer Werteerziehung. URL: https://www.km.bayern.de/download/3967_hackl_werteerziehung_als_schulentwicklung.pdf – am 25.12.2018, 09:44 Uhr. o.J., S.4.

7 vgl. Hackl, S.4.

8 vgl. Giesecke 2004, Blatt 112.

9 vgl. Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein: Fachanforderungen Geographie. Allgemeinbildende Schulen, Sekundarstufe I, Sekundarstufe II. 2015, S.18.

10 Giesecke 2004, Blatt 113.

11 ebenda.

Details

Seiten
7
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668993426
ISBN (Buch)
9783668993433
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493512
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Schlagworte
werteerziehung schule beispiel geographieunterrichts

Autor

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Titel: Werteerziehung in der Schule am Beispiel des Geographieunterrichts