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Chancen und Grenzen seelsorgerlicher Begleitung in der Krise am Beispiel des Buches Hiob

Hausarbeit 2018 16 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil
1. Schock-Zustand
2. Gefühlsphase
3. Schmerzverarbeitung
4. Neufindung
5. Aufbruch zu einem Leben danach

C. Schluss

D. Bibliographie

A. Einleitung

Leid gehört zum Leben. Es gibt Ereignisse, die wir nicht kontrollieren oder beeinflussen können. Sie liegen außerhalb unseres Wirkbereiches. Das Buch Hiob im Alten Testament der Bibel schildert, wie Gott und Satan miteinander sprechen und das Böse einen von Gott begrenzten Einfluss auf den Menschen nehmen darf. Gott bleibt dabei als Herr in Kontrolle über die Geschehnisse. Im Fall Hiob wollte Satan Gott beweisen, dass Hiobs Treue zum Herrn durch Leid erschüttert werden könne. Auf diesen Test ließ Gott sich bis zu einer bestimmten Grenze ein. Eine solche Krise wird in der unsichtbaren Welt eingeleitet und bricht unvorhersehbar und unabwendbar herein. Hiob ist eine Figur, die für großes Leid und schwere Verlusterfahrungen steht. Aus dem Buch Hiob erfahren wir, dass Leid herkömmliche menschliche Zuordnungsmuster und Wertvorstellungen sprengen kann. Es gibt Krisen, die alles in Frage stellen, was bis dahin beeinflussbar, erklärbar oder sinnvoll schien. Der Leidende befindet sich plötzlich im Ausnahmezustand und hat den Eindruck, dass seine Welt zerfällt.

Das ist auch für den Seelsorger eine große Herausforderung. Das Buch Hiob bietet Begleitungsstrukturen an, die die Sensibilität im Umgang mit Krisengeschüttelten schärfen. Psychologische Studien und Erkenntnisse ergänzen diese Wege. Die Möglichkeit seelsorgerlicher Hilfe hängt einerseits vom Leidenden und seiner Situation ab. Andererseits weiß der christliche Seelsorger: Handelnder ist Gott, der viel tiefer für die Seele sorgt als jeder Mensch. Dem Menschen sind Resilienz-Faktoren gegeben, die ihm helfen, mit der Krise umzugehen und sie zu bewältigen. Der von der Krise Betroffene durchlebt verschiedene Phasen, die ich näher erläutere. Dabei stelle ich Grenzen und Chancen seelsorgerlicher Begleitung heraus. Verschiedene Angebote dienen der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, damit der Leidende nicht in der Krise steckenbleibt, sondern sich durch sie hindurch weiterentwickeln kann.

B. Hauptteil

Es gibt zahlreiche Bücher zum Thema Krisenbewältigung. Einige enthalten andere Einteilungen der Phasen als die in dieser Arbeit genannten. Manche Psychologen nennen die emotionale Zeitspanne Wut- oder Zornphase. Hiob zürnte seinen Freunden. Zorn ist eine mögliche, aber keine zwingende Reaktion. Da es noch weitere Emotionen in der Krise gibt, entschied ich mich für den Begriff Gefühlsphase. Ich entdecke bei Hiob keine Verleugnung des Geschehenen, habe sie in einer eigenen Krise ebenfalls nicht erlebt und lasse sie deshalb in dieser Arbeit unbeachtet. Ich schlage folgende Einteilung vor:

1. Akute oder Schock-Phase: der Leidende ist stumm vor Schmerz und Leid. Er steht unter Schock. Die Gefühle können wie „eingefroren“ sein. Bisher wirksame Ressourcen scheinen nicht mehr zu greifen. Der Leidende erlebt alles wie im Nebel, das Leben um ihn erscheint ihm unwirklich oder unpassend.
2. Gefühlsphase: der Leidende beginnt langsam zu begreifen, zu reden, nach dem Sinn des Geschehenen zu fragen. Er durchlebt diverse Gefühle, die wechselhaft auftreten und ein inneres Chaos verursachen. Alle Gefühle sind möglich und in dieser Phase zulässig.
3. Schmerzverarbeitung: der Leidende setzt sich mit dem Geschehenen auseinander, äußert neben Schmerz auch Wünsche, Sehnsüchte oder Hoffnungen. Er kann unterschiedliche Ressourcen wahrnehmen und nutzen.
4. Neufindung: der Schmerz klingt langsam ab, eine neue Identität wird erkannt und ergriffen. Veränderungen werden akzeptiert. Unterstützung ist immer weniger nötig, der Leidende kommt mehr und mehr alleine zurecht.
5. Aufbruch: am Ende ist der Leidende zwar von seiner Krisenerfahrung geprägt, aber idealerweise mit ihr versöhnt und kann anderen entsprechend dienen. Das ist das Ziel.

Im Fall einer Krise sollten diese Phasen durchlebt werden. Denn Zeit heilt keineswegs alle Wunden. Hiob hat sich seinem Leid umfangreich und ehrlich gestellt. Die Phasen können sich überlappen und ihre Symptome wiederholen. Sie treten wie Wellen auf, die immer schwächer und seltener werden. Am Ende soll der Leidende aus der Krise wieder herausgefunden haben.

1. Schock-Zustand

Der Leser des Buches Hiob hält unweigerlich die Luft an, weil Hiob so viel genommen wird. Was er erlebt, ist unaussprechlich hart. „Das Leben scheint allzuoft (sic) hart, unsicher und launisch. Es gibt keine Vorhersagbarkeit, kein eindeutiges Verhältnis von Ursache und Wirkung. Unvermittelt fühlen wir uns wie in einem Auto, das auf verdecktem Glatteis ins Schleudern gerät. Das Lenkrad wird uns aus der Hand gerissen, wir verlieren die Kontrolle, und alle Versuche, es wieder in den Griff zu bekommen, sind umsonst. Wir fühlen uns mitgerissen von Kräften, die zu stark für uns sind. Panik und Angst schnüren uns die Kehle zu und lassen uns nicht wieder frei.“1 Eine Verleugnung des Geschehenen („das kann nicht sein“) ist eine denkbare, aber nicht zwingende Reaktion. Hiobs Verluste berühren existentielle Bereiche seines Lebens auf tiefgreifende Weise. Er hatte klare Vorstellungen davon, wie sein Leben verlaufen sollte und welche Rolle Gott darin einnahm.2 Nun wird sein Weltbild stark erschüttert. Das eigene Selbstverständnis kann in der Krise ins Wanken geraten. „Etwas in unserer bislang erfahrenen Identität verändert sich,…“3 Hiob verlor seine finanzielle Grundlage und damit zugleich sein Ansehen und seine Rolle in der Gesellschaft.4 Auch sein Familienstatus änderte sich: er war plötzlich nicht mehr Vater, da alle seine Kinder tot waren. Der Tod geliebter Angehöriger hat etwas Endgültiges und Unwiederbringliches. Das wurde Hiob in seiner Krise sehr bewusst.5 Seine Frau stellte seine Treue zu Gott in Frage und war somit auch keine Hilfe. Er wurde einsam.6

Hiobs erste Reaktion auf all seine Verluste war die Ausführung eines Trauerrituals: er stand auf, schor sich den Kopf und zerriss sein Gewand. Dies waren im alten Israel Zeichen tiefer Trauer. Dann beugte er sich vor Gott nieder.7 Er war in der Lage, seiner Trauer Ausdruck zu geben. Sein Verstand funktionierte noch. Dies ist typisch für den Schock-Zustand. Viele Menschen berichten, dass sie in einer Krise wie ferngesteuert funktionierten. Aber Hiob war nicht mehr fähig, am normalen Tagesgeschehen teilzunehmen. Er saß in der Asche und litt. Auch dies ist eine typische Reaktion in der akuten Phase. Es kann eine Hilfe für den Leidgeprüften sein, ihn bei der Ausführung eines von ihm gewünschten Rituals zu unterstützen. Dies kann bedeuten, dass er Trauerkleidung anlegt, weint, sich zurückzieht, nicht isst, an den Ort der Katastrophe geht u. v. m. Äußere Handlungen, die das Erlebte zum Ausdruck bringen, sind ein erster Schritt, sich dem Geschehenen zu stellen und es zu realisieren. Der Seelsorger kann im Sterbefall Vorschläge machen, wie z. B. eine Kerze anzünden, eine Rose besorgen, ein besonders geschätztes Bild vom Verstorbenen einrahmen und aufstellen, einen passenden Bibelvers aussuchen. Bei einer schweren Krankheitsdiagnose hilft Beistand in der Entscheidung in Bezug auf die Therapie und in der Einstimmung der Angehörigen. Der Leidende sollte ermutigt werden, die Angehörigen so weit wie möglich mit einzubeziehen. Er entscheidet, was, wann und auf welche Weise er umsetzen möchte. Die Vorschläge sind Angebote, die der Betroffene vielleicht selbst nicht denken kann, die aber einen angemessenen Rahmen für das Durchlebte bieten.

Eine Frau aus meiner Gemeinde – ich nenne sie Monika - verlor vor fast zwei Jahren ihren 23jährigen Sohn. Er beging in einer schweren Depression Selbstmord. Mit Hilfe des Pastors war sie in der Schock-Situation in der Lage, den Gedenkgottesdienst mitzugestalten, indem sie einen Brief ihres Sohnes vorlas und Gegenstände ihres Sohnes auswählte, die in seinem Leben eine Rolle gespielt hatten und im Gottesdienst auf einem Tisch präsentiert wurden. Sie war zu diesem Zeitpunkt noch gefasst. Das änderte sich bald.

Ebenso ist praktische Hilfe ein gutes Angebot, wie z. B. Begleitung zu einer Behörde anbieten, Telefongespräche abnehmen, eine Liste mit Erledigungen und Entscheidungen aufstellen helfen. Der Leidende braucht im akuten Zustand jemanden, der für ihn mitdenkt. Eine Mahlzeit vorbeibringen bewahrt vor Schwächeanfall, die Begleitung zum Arzt bei Schlafstörungen. Hier können Freunde und Angehörige eingebunden werden, soweit der Betroffene das möchte. Es sollte geklärt werden, ob die In-Frage-Kommenden sich die Begegnung mit der unter Schock stehenden Person vorstellen können. Nicht jeder Freund ist dazu in der Lage. Angehörigen fehlt manchmal der nötige innere Abstand oder die Weisheit, sich hilfreich zu verhalten. Der Leidgeprüfte ist im empfindlichen Ausnahmezustand. Er bekommt alles mit und braucht rücksichtsvolles Handeln, keine Phrasen, Binsenweisheiten oder Predigten. Er möchte in seinem Schmerz ernstgenommen und würdig behandelt werden. „Wenn Menschen soziale Beziehungen pflegen, besitzen sie gute Chancen, dass sie von anderen Hilfen bei der Stressbewältigung erhalten. Damit wird nicht behauptet, dass jeder gute Freund helfen kann, Belastungssituationen zu bewältigen, denn es hängt vom Gestressten und seinen besonderen Bedingungen ab, wer ihm helfen kann, …“8 Freunde von uns hatten in einem Sterbefall Angst vor den üblichen Beileidsbekundungen. Wir nahmen sie am Grab still in den Arm. Später sagten sie, das sei für sie erleichternd und tröstlich gewesen.

Schließlich ist es eine wohltuende Hilfe für jeden Leidenden, ihm Gutes zu sagen. Der Seelsorger kann positive Punkte ansprechen, eine gute Handlung oder Entscheidung loben und mit Bedacht und an passender Stelle Beruhigendes oder Identitätsstiftendes sagen. Die Bibel enthält viele segensreiche Worte, die als Zuspruch geeignet sind, z. B. Exodus 3, 7ff oder die Psalmen.

Angehörige und Freunde sind von der Krise mit betroffen. Das Leid kann sie stumm machen. Das Deckblatt des Serendipity-Heftes zum Thema Leid veranschaulicht diese Situation sehr gut:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten9

Schweigen ist durchaus eine angemessene Reaktion. Wenn der Leidende (noch) nicht reden will oder kann, ist es gut, nicht wegzugehen, sondern bei ihm zu bleiben und ihm Nähe zu bieten. „Einsamkeit steht (…) in direkter und indirekter Weise mit der Gesundheit in Beziehung. Wie Wissenschaftler aufzuzeigen vermochten, geht das Gefühl der Einsamkeit offenbar mit Stresserleben einher und dieses wiederum setzt (…) die Immunabwehr herab.“10 Das Leid mit ertragen, aushalten, nicht wegschauen, nicht weggehen, schweigen sind gute Unterstützungsmöglichkeiten.11 Die Nähe anderer bewahrt den Leidenden vor sozialer Isolation und Einsamkeit. Soziale Kontakte gelten als Resilienz-Faktor zur Überwindung von Krisen.12 Die drei Freunde Hiobs haben in der ersten Woche nach Eintritt der Krise gut an Hiob gehandelt, indem sie ihn aufsuchten, ebenfalls das Trauerritual ausführten, sich schweigend zu ihm setzten und geduldig bei ihm ausharrten. Diese Identifikation mit Hiobs Leid war eine große Hilfe für ihn. Sie ermöglichte ihm, schließlich sein Schweigen zu brechen.13 „Einsamkeit und Isolierung wirken angstverstärkend, schon das Mitteilen-Können einer Angst bringt Erleichterung.“14 Auch Angehörige sind froh, reden zu dürfen.

2. Gefühlsphase

Hier findet ein allmähliches Begreifen statt. Der Leidende beginnt zu äußern, was er denkt und fühlt. Mit dem In-Worte-fassen von inneren Vorgängen löst sich langsam die Schock-Starre. Was er jetzt von sich gibt, darf nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Es kann ein unreflektiertes Reden stattfinden,15 das es zunächst auszuhalten gilt.16 Denn es ist schon ein Fortschritt, dass der Leidende seine Gefühle und Gedanken zu artikulieren beginnt. Hiob hat die Kontrolle über seine Gefühlswelt verloren.17 Es ist in dieser Zeit zulässig, alle Gefühle zu haben und zu äußern. Die Palette ist groß: Wut, Angst, Verzweiflung, Schuld, Lebensmüdigkeit usw. „Untersuchungen haben gezeigt, dass Soldaten, die mit dem Instrument der Sprache umgehen können, seltener unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden als solche, die Schwierigkeiten haben, sich auszudrücken.18 Boris Cyrulnik19 leitet daraus ab, `dass die beiden wertvollsten Schutzfaktoren die sichere Bindung (…) und die Fähigkeit der Verbalisierung sind´. Soziale Isolation und sprachliche Schwierigkeiten bilden seiner Meinung nach gleichsam eine ideale Grundlage für die Entwicklung von entsprechenden Störungen nach traumatischen Erlebnissen.“20 Die Verluste werden beklagt und das Herz ausgeschüttet.21 Hiob äußert sich umfangreich und antwortet auch auf seine Freunde. Interessant ist, dass sich im Laufe seines Sprechens etwas verändert. Ab Kapitel 9 rückt er die Stärke Gottes in den Fokus seiner Reden, obwohl er noch immer mit Gott hadert. Später erinnert sich Hiob plötzlich an Gottes Erlösung, Gnade, Beistand und Souveränität.22 Das lässt den Schluss zu, dass Verbalisierung positiv wirkt.

[...]


1 Serendipity konkret, Geteiltes Leid, Hoffnung gewinnen im Umgang mit Trauer und Verlust, Brunnen Verlag, Gießen, 1997, S. 6.

2 Hiob 1, 5.21.22; 17, 11.

3 S. Edinger, I. Penz, F. Ritter-Börner, Krisen meistern, Der Leitfaden für ein starkes Danach, maudrich Verlag, Wien, 2016, S. 46.

4 Hiob 19, 9.18.

5 Hiob 7, 7ff.

6 Hiob 2, 9 – 10; 19, 13ff.

7 Hiob 1, 20.

8 J. S. House, Work stress and social support, Reading, MA: Addison-Wesley, 1981, S. 161 – 162.

9 Serendipity konkret, Geteiltes Leid, Deckblatt.

10 L. M. Jaremka, M. E. Lindgren, J. K. Kiecolt-Glaser, Synergistic relationships among stress, depression and troubled relationships: Insights from psychoneuroimmunology, Depression & Anxiety 30, 2013, S. 288 – 289.

11 Hiob 13, 4 und 5.

12 Jens-Uwe Martens, Birgit M. Begus, Das Geheimnis seelischer Kraft, Wie Sie durch Resilienz Schicksalsschläge und Krisen überwinden, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2016, S. 160.

13 Hiob 2, 11 – 3, 2.

14 Jens-Uwe Martens, Birgit M. Begus, Das Geheimnis seelischer Kraft, S. 86ff.

15 Hiob 6, 3; 7, 11.

16 Hiob 13, 5.13 14; 19, 1 – 2; 21, 2.

17 Hiob 3, 24 – 26; 6, 4; 9, 28; 16, 15 - 16.

18 Kirstin W. Samuelson, Post-traumatic stress disorder and declarative memory functioning: A review, Dialogues in Clinical Neuroscience 13, 2011, S. 3 u. 346-351 in: Martens u. Begus, Das Geheimnis seelischer Kraft, S. 110.

19 Boris Cyrulnik, Rette dich, das Leben ruft, Ullstein Buchverlage, Berlin, 5. Aufl. 2014, S. 60 in: Martens und Begus, Das Geheimnis seelischer Kraft, S. 110 - 111.

20 Jens-Uwe Martens, Birgit M. Begus, Das Geheimnis seelischer Kraft, S. 110.

21 Hiob 16; 19; 27, 2; 30.

22 Hiob 17, 3; 19, 25ff.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668994508
ISBN (Buch)
9783668994515
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493478
Note
1
Schlagworte
Seelsorge

Autor

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