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'Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung' von J.M.R. Lenz - Kritik am zeitgenössischen Drama und der Gesellschaft in Anlehnung an die 'Anmerkungen übers Theater'

Hausarbeit 2000 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort

2. Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung von J.M.R. Lenz – Kritik am zeitgenössischen Drama und der Gesellschaft in Anlehnung an die „Anmerkungen übers Theater“
2.1. Abgrenzung vom aristotelischen Drama und der Versuch einer neuen, modernen Theaterkonzeption - Umsetzung der „Anmerkungen übers Theater“ im Hofmeister
2.2. „Läuffer läuft fort“ – ein tragischer Held? Gesellschaftskritik thematisiert an der Zentralfigur
2.3. Die Erziehung in der gesellschaftlichen Diskussion thematisiert am Beispiel des Hofmeistertums

3. Schlußwort

4. Literaturverzeichnis
4.1. benutzte Primärliteratur
4.2. benutzte Sekundärliteratur

1. Vorwort:

Die Auseinandersetzung mit dem ‚Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung‘[1] von Jakob Michael Reinhold Lenz ist für die Betrachtung der Zeitgeschichte von großer Wichtigkeit, sowie für die Veranschaulichung der Dramenentwicklung an sich. In seiner Form und Sprache den Sturm und Drang widerspiegelnd, setzt der Hofmeister die Bemühungen anderer Stürmer und Dränger fort, erstarrte Traditionen aufzubrechen. Die bereits erfolgten literarischen Veränderungen im Gegensatz zur Literatur der Aufklärung, machen eine Manifestierung der Definition der neuen Literaturtheorie erforderlich. Lenz schafft mit seinen Anmerkungen übers Theater[2] eine öffentliche Darlegung der Ideale der modernen, zukünftigen Dichtung.

Im Hofmeister werden Kritik an der Tradition und Mut zur Modernisierung erstmals umgesetzt. Doch zeigen sich im Hofmeister nicht nur formelle und auf die Charaktere bezogene Veränderungen. Auch inhaltlich wird das Stück genutzt, um Kritik am bestehenden System zu äußern.

Diese Arbeit soll aufzeigen, welche Veränderungen im Detail die Anmerkungen für die traditionelle Dramentheorie bedeutet haben. Inwieweit Lenz sich von der Tradition entfernt hat, und ob überhaupt noch Gemeinsamkeiten bestehen, soll erarbeitet werden. Demzufolge ist zu prüfen, ob auch der Hofmeister streng nach den Anmerkungen konzipiert ist, oder ob Parallelen zum aristotelischen Drama bleiben.

Im zweiten Teil soll die Figur des Läuffers untersucht werden, die eine Schlüsselfigur des Dramas darstellt. Schließlich ist Läuffer selbst der im Titel genannte Hofmeister. Seine Funktion, sowie sein Einfluß auf den Verlauf des Stückes werden hinterfragt. Inwieweit die Figur des Läuffers die gesellschaftliche Kritik widerspiegelt, wird Gegenstand der Analyse sein.

Da die Frage der Erziehung zur Zeit des Sturm und Drang ein viel diskutiertes Thema war, wird sie auch in Lenzens Hofmeister zum Kritikpunkt. Im dritten Teil wird inhaltlich geprüft, welche Standpunkte zur Diskussion der Erziehung erörtert werden und welche Figur, ihrem gesellschaftlichen Stand entsprechend oder nicht, welche Meinung vertritt.

2. Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung von J.M.R. Lenz – Kritik am zeitgenössischen Drama und der Gesellschaft in Anlehnung an die „Anmerkungen übers Theater“

2.1. Abgrenzung vom aristotelischen Drama und der Versuch einer neuen, modernen Theaterkonzeption - Umsetzung der „Anmerkungen übers Theater“ im Hofmeister

Die als Vortrag verfaßten Anmerkungen sind, auch nachdem sie von Lenz selbst für den Druck überarbeitet wurden, in ihrer ursprünglichen „rhapsodienweis[en]“[3] Form vorzufinden. Der unstrukturierte und formal durch nicht zu Ende geführte Sätze und Gedankengänge von jeglicher Norm abweichende Text unterstreicht Lenzens differenzierte Haltung zur zeitgenössischen Dichtung.

„Nicht in logisch-systematisch eingeteilte Sinnabschnitte oder Paragraphen, die einen stringenten Aufbau mit klaren Grundthesen erkennen lassen, gliedert Lenz seinen Text“[4], so wie er im Hofmeister, in dem er die Anmerkungen zum ersten mal umsetzte, herkömmliche formale Gesetze und Normen ungeachtet ließ. Szenen setzen unvermittelt ein und enden ebenso abrupt wieder. Im ersten Akt, vierte Szene, schließt der Aufzug sogar mitten im Satz, wenn Graf Wermuth spricht: „Pintinello tanzt...Es ist wahr, ich habe mir mein Tanzen einige dreißigtausend Gulden kosten lassen, aber noch einmal so viel gäb‘ ich drum, wenn...“[5]. Was dann wäre, erfahren wir nie, denn die Szene wird einfach ausgeblendet; der weitere Verlauf des Gesprächs ist wohl für das Stück nicht weiter von Belang, so daß Lenz, anstatt den Dialog ausklingen zu lassen, einfach zum nächsten interessanten und für die Handlung wichtigen Handlungsstrang übergeht.

Um ein neues, modernes Theater zu schaffen, distanziert sich Lenz vom aristotelischen Drama. Er kritisiert nicht Aristoteles selbst, den er in den Anmerkungen bewundernd und verehrend beschreibt, sondern Lenz bemängelt die zeitgenössische Umsetzung des aristotelischen Dramas, die sich zu sehr an antiken, nicht mehr gültigen Denkweisen orientiert.

Zu Zeiten Aristoteles‘ erschien seine Dramentheorie sinnvoll, da einfache Charaktere dem damaligen Weltbild entsprachen, in dem die Götter im wahren Leben sowie im Theater jedes Schicksal bestimmten. Die Figuren des Lebens und die abbildhaften Figuren des Theaters waren bloße Marionetten, Spielbälle der Götter. Aus Furcht vor den Göttern war an selbstverantwortliche Charaktere, die den Verlauf der Geschichte durch ihre verschiedenen Charaktereigenschaften beeinflußten und bestimmten, nicht zu denken. Die „Alten [...] glaubten [...] eine Ruchlosigkeit zu begehen, wenn sie Begebenheiten aus den Charakteren berechneten, sie bebten vor dem Gedanken zurück. Es war Gottesdienst, die furchtbare Gewalt des Schicksals anzuerkennen, vor seinem blinden Despotismus hinzuzittern.“[6].

Doch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts hätte durch eine völlig gewandelte religiöse Anschauung auch eine Erneuerung der Dramentheorie oder zumindest ihrer Umsetzung einher gehen müssen, was nicht der Fall war. Da durch Theater nicht mehr „blinde und knechtische Furcht vor den Göttern [...] erzeugt werden sollte“[7], war Lenz mit seiner Kritik an flachen Charakteren, sowie seinem Versuch seine Dramenfiguren zu handelnden, selbstverantwortlichen Personen zu machen, die das Stück bestimmen, moderner und weitsichtiger als die meisten seiner Zeit glaubten.

Denn „es ist die Rede von Charakteren, die sich ihre Begebenheiten erschaffen, die selbständig und unveränderlich die ganze große Maschine selbst drehen, ohne die Gottheiten in den Wolken anders nötig zu haben, als wenn sie wollen zu Zuschauern, nicht von Bildern, von Marionettenpuppen – von Menschen.“[8].

Um diese Charaktere auch in eine Handlung einzubetten, die realistisch und durch die Figuren selbstbestimmt erscheint, darf keine Abhängigkeit mehr von der „so erschröckliche[n], jämmerlich berühmte[n] Bulle von den drei Einheiten“[9] bestehen. Lenz spricht dagegen von „hundert Einheiten [...], die alle immer noch die Eine bleiben.“[10] Ein Dichter darf sich nicht zu jemandem berufen fühlen, der Gott, der „nur Eins in allen seinen Werken“[11] ist, „auf die Finger schlägt“[12], indem er sich anmaßt diese eine Einheit in verschiedene zu unterteilen. Er muß sich freimachen von solchen formalen Regeln; seine dichterische Schöpferkraft muß uneingeschränkt bleiben. „Der Dichter und das Publikum müssen die eine Einheit fühlen“[13], und sich nicht bereits bestehenden Regeln anpassen.

Eine Dramenfigur, die ihr eigenes Schicksal entscheidet, ist erhaben über einen vorgefertigten Zeitablauf. Ihr Charakter, der das wahre Leben widerspiegeln soll, bestreitet seine Entwicklung nicht zwingend innerhalb der vorgegebenen vierundzwanzig Stunden. Die Handlung des Hofmeisters erstreckt sich demnach über mehrere Jahre. Zu erkennen ist dies an Fritzens Studium, welches er im Stück aufnimmt und auch beendet, sowie an Gustchen, die ihr Kind im Verlauf der ersten Akte empfängt und im vierten dann bereits geboren hat.

Auch die Einheit des Ortes kann so nicht übernommen werden, denn um eine realistische Darstellung zu erreichen, die selbständigen, menschlichen Charakteren angemessen ist, kann man nicht davon ausgehen, daß sich alle für eine Szene wichtigen Personen zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort einfinden. „Kommen doch auf dem griechischen Theater die Leute wie gerufen und gebeten herbei, und kein Mensch stößt sich daran.“[14]. Beim Hofmeister müssen die Zuschauer herbei kommen, bzw. werden sie durch das Stück an verschiedene Orte geführt. Für die Echtheit der Handlung ist es von Wichtigkeit, daß im Hause des Majors ebenso gespielt wird wie im Studentenzimmer in Sachsen, in der Schule des Wenzeslaus oder in der Bettlerhütte im Wald.

Eine Einheit der Handlung wird schließlich vom Leben selbst auch nicht vorgegeben; Schicksale fügen sich in der Realität nicht in eine Handlung ein, so wie im aristotelischen Theater. So soll auch das zeitgenössische Drama nach Lenzens Ansicht seine Charaktere nicht von der Einheit der Handlung abhängig machen. „Bei uns ists die Reihe von Handlungen, die wie Donnerschläge aufeinander folgen, eine die andere stützen und heben, in ein großes Ganze zusammenfließen müssen, das hernach nichts mehr und nichts minder ausmacht, als die Hauptperson, wie sie in der ganzen Gruppe ihrer Mithändler hervorsticht.“[15].

Im Hofmeister verknüpfen sich gleich so viele unterschiedliche Handlungsstränge, die keinen direkten Einfluß aufeinander nehmen, daß eher Verwirrung gestiftet wird. Es ist keine Haupthandlung zu erkennen, der sich die übrigen Ereignisse unterordnen, sondern die verschiedenen Handlungsstränge erscheinen allesamt gleichbedeutend. Die Entscheidung, eine übergeordnete Handlung an der Hauptperson festzumachen, fällt schwer, da auch die Definition einer solchen Person nicht eindeutig festzulegen ist. Zwar läßt der Titel des Stücks vermuten, daß der Hofmeister selbst die Hauptperson sei, jedoch gerät dieser gegen Ende des Stücks zu sehr in den Hintergrund, was diese These entkräftet. In den letzten beiden entscheidenden Szenen tritt Läuffer dann gar nicht mehr auf.

Durch die neue Definition der Charaktere eines Stücks, die durch Lenzens Anmerkungen entstanden ist, hat sich auch die Tragödien- und Komödientheorie verändert. Wenn im aristotelischen Theater ein Charakter nur nach dem Willen und unter dem Einfluß der Götter handelte, so ist die Figur, die ihr Schicksal selbst bestimmt, auch verantwortlich für den Verlauf des Stücks, für die Entwicklung zur Komödie oder zur Tragödie. Die „Hauptempfindung“[16] wurde in der griechischen Tragödie folglich durch die „blinde und knechtische Furcht vor den Göttern“[17] hervorgerufen, in einer gewandelten Religiosität aber muß der menschliche Charakter eines Stücks die Emotionen im Zuschauer wecken, die in Komödie und Tragödie unterscheiden.

[...]


[1] Künftig nur noch Hofmeister genannt.

[2] Künftig nur noch Anmerkungen genannt.

[3] Lenz, Jakob Michael Reinhold: Anmerkungen übers Theater. Leipzig 1774, S.717, künftig zitiert als Anmerkungen 1774.

[4] Luserke, Matthias: J.M.R. Lenz: Der Hofmeister - Der neue Menoza - Die Soldaten. München 1993, S.23-24, künftig zitiert als Luserke 1993.

[5] Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart 1993, S.9, künftig werden Zitate aus diesem Text nur noch mit Seitenzahlangabe vermerkt.

[6] Anmerkungen 1774, S.741.

[7] ebd, S.741-742.

[8] ebd, S.729.

[9] ebd.

[10] ebd, S.730.

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] Anmerkungen 1774, S.731.

[15] Anmerkungen 1774, S.730.

[16] ebd, S.741.

[17] ebd, S.741-742.

Details

Seiten
20
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638457859
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49301
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Schlagworte
Hofmeister Vorteile Privaterziehung Lenz Kritik Drama Gesellschaft Anlehnung Anmerkungen Theater

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