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Wie könnte Demokratie als fürsorgliche Praxis das neue "Herr- Knecht-Verhältnis" auflösen?

Essay 2017 5 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Leistungsnachweis

Wie könnte Demokratie als fürsorgliche Praxis das neue „Herr- Knecht-Verhältnis, von dem Gavanas et al. Sprechen, auflösen?

vorgelegt von:

Rukiye Tekin

Studiengang: BA Soziologie HF; Geschichte NF

Abgabedatum: 11.07.2017

Familienstrukturen haben sich im Laufe der Jahre in verschiedenen Hinsichten verändert. So hat sich beispielsweise die Größe, Zusammensetzung, Herrschaftsstruktur, sowie die Aufgaben, die in einer Familie zu erfüllen sind, verändert. Frauen haben die Aufgabe mehrere Aufgaben zu erfüllen, die Erwerbstätigkeit gehört ebenso dazu und steht weiterhin im Vordergrund, da die neue wohlfahrtsstaatliche Norm erwarte, dass auch Frauen erwerbstätig sind. Folglich ist die Vereinbarkeit von Haushalt, Familie und Beruf für Frauen, die diesen Pflichten nachzugehen haben, zu einem Problem geworden. Hintergrund dieser Arbeit ist das Phänomen der steigenden Zahl von Haushaltshilfen, die die Betreuungsarbeit von Haushalt und Kinderbetreuung, der erwerbstätigen Frauen übernehmen. Bemerkenswert ist jedoch, dass Migrantinnen als Haushaltshilfe im Übermaß sind. Dieses Arbeitsverhältnis wird auch als Herr - Knecht - Verhältnis bezeichnet, da es als kein Geschäft unter Gleich darstellt, sondern ein Verhältnis von Ungleichheit.

Um der Frage nachzugehen, wie die Demokratie als fürsorgliche Praxis das Herr - Knecht - Verhältnis auflösen kann, werde ich zunächst den Begriff „Herr - Knecht - Verhältnis definieren, dann den Ausbau von Kinderbetreuungsstätten und den Ausbau von Vätermonaten resultierend durch den Gender Pay Gap als mögliche Maßnahmen zur Auflösung dieses Verhältnisses erläutern.

Dieses Verhältnis gilt als ein natürliches Zwangsverhältnis. Es ist eine Form von Gesellschaft, welche die Gewährleistung der Reproduktion des Lebens zu gewährleisten hat. Diese Beziehung umschließt nur den ökonomischen Bereich. Des Weiteren werden die zwei „Parteien" unterschieden, weshalb diese Beziehung als naturhaft ungleiches Arbeitsverhältnis gesehen wird. Auf der einen Seite sind das die Knechte, die nur gehorchen, und den Willen des Herren ausführen, auf der anderen Seite sind es die Herren, die den Produktionsprozess in Freiheit und Selbstbestimmung gestalten (vgl. Wirtschaftslexikon). Die Instabilitäten im Verhältnis der Menschen und Gruppen zueinander sind der Grund für die weitere Entwicklung dieser Verhältnisse.

Resultierend aus ökonomischen Zwängen sind Migrantinnen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um ihre individuelle Lebenszeit in fremden Haushalten und somit fremden Mitmenschen zu verbringen, zum Teil pflegerische Arbeit zu leisten und somit andernorts existierende Mängel gegen einen niedrigen Lohn aufzuheben. Des Weiteren profitieren die betreuten Kinder oft von den Englischkenntnissen der Haushaltshilfen, was sie von der betreuenden Familie jedoch nicht bezahlt bekommen. Diese Art von Verhältnis erfüllt den klassischen Ausbeutungstatbestand. Zum größten Teil sind es Frauen, die sozialpolitische Lücken durch Fürsorgearbeit in anderen Gesellschaften unter prekären Umständen schließen. Diese Art von Herr - Knecht - Verhältnis entsteht durch die gegenseitige Bedingung der beiden Parteien. Einerseits sind es die Frauen bzw. Migrantinnen, die in der Notlage ist und einen Ausweg für die Existenzsicherung braucht, andererseits sind es die Frauen im Norden, welche Haushaltshilfe benötigen, um Beruf und Familie vereinbaren zu können.

Die Bedeutung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat deutlich an Bedeutung gewonnen, vor allem aber auch durch die starke Zunahme der erwerbstätigen Frauen in Deutschland. Grund hierfür ist die Existenzsicherung der Familienmitglieder. Außerdem führen längere Unterbrechungen in der Erwerbstätigkeit durch die Elternzeit zu Einkommensverlust bei Frauen mit Kindern.

Eine mögliche Maßnahme, dieses Problem zu umgehen, ist der Ausbau der Kinderbetreuung.

Genügend Kinderbetreuungsangebote würden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter ermöglichen bzw. erleichtern. Die oben genannten Gründe rechtfertigen den Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten. Hierzu gibt es einige Statistiken, die diese Schlussfolgerung bestätigen. Im Jahre 2002 waren 86% der westdeutschen Mütter dazu bereit, erwerbstätig zu werden, während es in Ostdeutschland sogar 96% der Frauen mit Kindern unter drei Jahren waren. Doch in Wirklichkeit herrschte in 77% der Haushalte das Ernährermodell durch den Mann. Vergleichsweise war das Angebot der Kindergartenplätze gut, doch der Anteil an Krippenplätzen und Ganztagesplätzen sehr niedrig, obwohl die Nachfrage von Müttern mit kleinen Kindern nach flexiblen Kinderbetreuungsangeboten sehr hoch war und weiterhin ist (vgl. Gerlach, S. 333ff.). Das Tagesbetreuungsbaugesetz verspricht 230.000 Plätze für westdeutsche Kinder, was jedoch unzureichend erscheint, wenn man auch Frauen mit Kindern berücksichtigt, die nach der Geburt eines Kindes so bald wie möglich in den Arbeitsmarkt gehen wollen. Würde man auch den geringfügig beschäftigten Müttern in Teilzeitarbeit oder Minijob ein Kinderbetreuungsplatz anbieten wollen, so wären insgesamt weitere 163.000 Plätze notwendig (vgl. DIW Wochenbericht). Folglich stellt das Fehlen von ausreichenden Kinderbetreuungsplätzen ein Hindernis für Frauen mit Kindern dar, die erwerbstätig sein möchten, die daraufhin auf die Beschäftigung von privaten, oft weiblichen, Haushaltshilfen angewiesen sind, die diese Fürsorgearbeit unter prekären Umständen verrichten oder das Kind zu Hause selber betreuen.

Immer mehr sind Väter bei der Erziehung der Kinder abwesend. Grund hierfür ist die traditionelle Erwerbsorientiertheit und die Vaterrolle als Ernährer der Familie.

Eine weitere Maßnahme die Herr - Knecht - Beziehung durch Haushaltshilfen aufzuheben, wäre der Ausbau der Vätermonate. Es arbeiten nur wenige Männer in Teilzeit, und jene die es tun, haben diese Stelle aufgrund von Arbeitslosigkeit und nicht aus familiären Gründen. Die Zahl der tatsächlich Erziehungszeit in Anspruch nehmenden Väter liegt bei 2% bis 5% (vgl. Fthenakis, S. 57). Die Familienväter haben oft Schwierigkeiten damit, ihre Berufslaufbahn wegen familiären Gründen zu unterbrechen. Der Gender Pay Gap stellt eine Ursache hierfür dar. Längere Erwerbsunterbrechungen bringt die Entgeltungleichheit mit sich. Aufgrund von unterschiedlichen Ursachen, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder Tod des Mannes, sowie durch Scheidung werden Frauen oft selbst zur Familienernährerin.

Folglich müssen sie mit dem niedrigen Erwerbseinkommen ihre Familie ernähren und es steigt das Armutsrisiko. Dieser Verdienstunterschied wird auch „Gender Pay Gap" genannt. Demnach wählen Frauen häufig Berufe bzw. Branchen aus, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, oder jene Berufe, die bei längeren familienbedingten Erwerbsunterbrechungen die geringsten Verluste nach sich ziehen. Frauen sollen dazu ermutigt werden, sich neuen Herausforderungen zu stellen und ihre Berufslaufbahn zu öffnen, um somit klassische Berufszuschreibungen auf dem Arbeitsmarkt Aufzuheben, sowie öfter in der Leitungsposition zu stehen. Die Zahl der hierfür zuständigen Initiativen steigt seit ein paar Jahren. Darüber hinaus soll das neue Elterngeld mit seinen Partnermonaten dafür sorgen, die Erwerbsunterbrechungen von Frauen zu kürzen und Rollenerwartungen zu verändern (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Somit können auch Väter in Zukunft Elterngeld beziehen, denn die Verankerung von Rollenbilder in einer Gesellschaft sind ebenso eine maßgebende Ursache für die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie für die Mütter.

Die oben genannten Maßnahmen sind erfolgsversprechende Instrumente, wenn sie in der Realität durchgeführt werden. So würde der Ausbau von Ganztagsbetreuung und Ganztagsschulen zum einen dazu führen, dass Mütter schneller in den Beruf zurückkehren können, zum anderen wäre der Bedarf für eine Haushaltshilfe nicht mehr da. Die Senkung des Gender Pay Gap sowie der Ausbau der Vätermonate sind ebenso ein grundlegendes Verbesserungspotenzial der Herr - Knecht - Verhältnisse. Diese und weitere Regulierungen, Kampagnen und Prozesse würden in Zukunft die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter und die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten fördern.

Literaturverzeichnis

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: http://www.bmfsfi.de/blob/93658/c1757c72aacc7f334f2d0e96d5414aee2/entaeltunaleichheit- dossier-data.pdf

(S. 10ff., zuletzt zugegriffen am: 06.07.17)

Fthenakis, W. E. (1999). Engagierte Vaterschaft - Die sanfte Revolution in der Familie. In: LBS - Initiative Junge Familie (Opladen), S. 31 - 69

Gavanas, Anna, Fiona Williams (2004). Eine neue Variante des Herr - Knecht - Verhältnisses? Überlegungen zum Zusammenspiel von Geschlechterverhältnis, Familienarbeit und Migration. In: Wohlfahrtsstaat und Geschlechterverhältnis im Umbruch: Was kommt nach dem Ernährermodell? (Wiesbaden), S. 308 - 330

Wirtschaftslexikon - Herr - Knecht - Verhältnis:

http://www.wirtschaftslexikon.co/d/herr-knecht-beziehung/herr-knecht-beziehung.htm (zuletzt zugegriffen am 01.07.17)

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Details

Seiten
5
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668999831
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492853
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Schlagworte
demokratie praxis herr- knecht-verhältnis

Autor

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