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Die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Indiens. Daten, Fakten, Bildungs- und Ausbildungssystem

Hausarbeit 2018 32 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Daten und Fakten über Indien

3. Gesellschaft
3.1. Religion
3.2. Kaste
3.3. Minderheiten
3.3.1. „Scheduled Castes“
3.3.2. Muslimische Minderheit
3.3.3. Frauen und Mädchen

4. Politik
4.1. Politisches System
4.2. Kasten, Minderheiten und Politik
4.3. Das Wahlsystem und die Parlamentswahlen
4.4. Die BJP und Modi

5. Wirtschaft und Soziales
5.1. Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaft heute
5.2. Sozialindikatoren

6. Bildungs- und Ausbildungssystem

7. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Indien gehört zu den kulturell gesehen heterogensten Ländern der Welt. Eine sehr große Bevölkerungszahl, verschiedenste Religionen und viele verschiedene Sprachen prägen das Land und die Kultur. Diese Heterogenität/ Pluralität führt auch zu regionalen Konflikten oder innergesellschaftlichen Problemen. Trotzdem gelang es bisher, die Balance zwischen den Gruppen aufrechtzuerhalten (vgl. Wesseler 2014, o. S.). Die Demokratie in Indien konnte auch mit den sprachlichen, religiösen und ethnischen Unterschieden innerhalb des Landes seit über 60 Jahren „gedeihen“ (Drèze/ Amartya 2014, S.17) und stellt – mit großer Stabilität – die größte Demokratie der Welt dar (vgl. Wagner 2014, o. S.). Wie kann diese Stabilität möglich sein, trotz der Heterogenität des Landes? Diese Frage steht bei der folgenden Fallstudie stets im Hintergrund.

Einleitend werden zunächst einige Daten und Fakten über das Land betrachtet. Auf dieser Grundlage aufbauend, wird die Gesellschaft näher untersucht. Hierzu gehören die Bereiche Religion, das Kastenwesen und es soll sich den Minderheiten Indiens gewidmet werden.

Anschließend folgt ein Kapitel zum politischen System Indiens, worin es außerdem um die Rolle der Kastenzugehörigkeit und der Minderheiten im politischen System gehen soll. Zuletzt wird in diesem Abschnitt die letzte Parlamentswahl und die aktuelle Regierung genauer betrachtet. Das nächste Kapitel stellt Indiens Wirtschaft in den Fokus. Zum einen geht es um die wirtschaftliche Entwicklung und darüber hinaus um die Entwicklung sozialer Faktoren, der Einkommensverteilung und der Armut. Zuletzt erfolgt eine Betrachtung des Bildungs- und Ausbildungssystems. Dieses ist schließlich von zentraler Bedeutung für die zukünftige Entwicklung Indiens, stellt es doch zentrale Weichen, um dem großen jungen Anteil der Bevölkerung (das Durchschnittsalter liegt bei 25 Jahren (vgl. Wesseler 2014, o. S.) Chancen zu geben, sich zu entwickeln. Dies kommt wiederum dem gesamten Land zugute.

Dies stellt gewiss nur einen Überblick über das Land, seine Kultur und Institutionen dar, doch sind es zeitgleich die zentralen Aspekte, die die Zukunftsfähigkeit eines Landes bestimmen. Hierauf aufbauend soll abschließend noch einmal der Fokus auf die Frage gelegt werden, was Indien eint und dafür sorgt, dass die größte Demokratie der Welt so beständig erscheint – oder wodurch dies zukünftig eventuell gefährdet werden könnte.

2. Daten und Fakten über Indien

Die Landfläche Indiens beträgt 2.973.190 Quadratkilometer, was Indien zum siebtgrößten Flächenstaat macht. Das Land hat eine Bevölkerung von 1,3 Millionen Menschen (Stand 2015) (vgl. Statistisches Bundesamt 2017, S.2; Betz 2007a, S.4). Seit 1901 hat sich die Bevölkerung mehr als verfünffacht, sodass mittlerweile nahezu jeder sechste Erdenbewohner eine Inderin oder ein Inder ist (vgl. Wesseler 2014). Außerdem ist Indien eines der am dichtesten besiedelten Ländern der Erde mit etwa 351 Einwohnern pro Quadratkilometer, was je nach Region starke Schwankungen aufweist: von über 6.000 Einwohnern in den Ballungsräumen der Städte bis zu unter 100 Menschen pro Quadratkilometer auf dem Land, den Berg-, Wüsten- und Randregionen. Auf dem Land leben nach wie vor mehr als 70 Prozent der Bevölkerung (vgl. Betz 2007a, S.4). Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich in Indien im Vergleich zu 1951 mehr als verdoppelt, damals lag sie noch bei 32 Jahren (vgl. Drèze/ Amartya 2014, S.18). Im Jahr 2015 lag die Lebenserwartung hingegen bei durchschnittlich 66,6 Jahren für Männer und bei Frauen in etwa bei durchschnittlichen 69,5 Jahren. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 25 Jahren (vgl. Statistisches Bundesamt 2017, S.3; Wesseler 2014, o. S.).

Indien ist eine föderale Republik, die sich in 29 Bundesstaaten gliedert, sechs Unionsterritorien und das Hauptstadt-Territorium Neu-Delhi (vgl. Betz 2007a, S.4; Imhasly 2015, S.204). Die Hauptstadt ist Neu-Delhi und Amtssprachen sind Hindi und Englisch (vgl. Statistisches Bundesamt 2017, S.2). Verfassungsgemäß sind außerdem 22 Regionalsprachen anerkannt. Die einzelnen Bundesstaaten sind nicht nur hinsichtlich ihrer jeweiligen Größe und Bevölkerungszahl sehr unterschiedlich, sondern auch in ihrem Entwicklungsstand und in ihrer Eigendynamik (vgl. Betz 2007a, S.4f.).

Die indische Währung ist die Indische Rupie (INR) mit einem jahresdurchschnittlichen Wechselkurs von 71,20 INR je Euro (Stand 2015). Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt bei 2.073.002 Millionen US-Dollar (Stand 2015) (vgl. Statistisches Bundesamt 2017, S.2). Zahlreiche Sozialindikatoren haben sich deutlich verbessert – im Vergleich zu der Zeit, als Indien in die Unabhängigkeit eintrat, in welcher noch „miserable“ Werte vorherrschten (vgl. Drèze/ Amartya 2014, S.18). Hierauf wird im Kapitel 4 „Wirtschaft und Soziales“ detaillierter eingegangen. Zunächst werden jedoch die indische Gesellschaft und anschließend das politische System betrachtet.

3. Gesellschaft

Indien ist traditionell ein multikulturelles Land. Die Republik ist in sprachlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ein sehr vielfältiges Land, welches Hindus, Muslimen, Christen, Juden, Sikhs, Buddhisten und Zoroastriern (Parsen) ein zuhause gibt, die dort seit tausenden Jahren zusammenleben. Diese einzelnen religiösen Gemeinschaften sind wiederum mehrfach aufgefächert (vgl. Wesseler 2014, o. S.). Insgesamt verfügt in Indien keine Ethnie über den beherrschenden Einfluss. „Jeder Unionsstaat weist zwar eine dominante ethnolinguistische Gruppe auf, diese unterscheiden sich aber nach Religion, Sekten, Kasten und einer Vielzahl sozioökonomischer Merkmale“ (Betz 2007c, S.11). Wesseler beschreibt den Multikulturalismus wie folgt: „man weiß, mit wem man es zu tun hat – man kennt seine Feste, einige seiner religiösen Pflichten und Grundlagen seines Glaubens. (…) Doch spätestens beim Heiraten sind die Grenzen der Toleranz erreicht“ (Wesseler 2014, o. S.). Im Folgenden sollen eben diese Merkmale näher betrachtet werden. Zunächst die Religion, anschließend die Kastenzugehörigkeit und zuletzt die gesellschaftlichen Minderheiten in Indien.

3.1. Religion

In Indien leben zwar viele verschiedene religiöse Gemeinschaften, die größte von ihnen stellt aber ganz klar der Hinduismus dar – mit etwa 80 Prozent der Gesamtbevölkerung. Obwohl dies den Großteil der Bevölkerung ausmacht, ist die weitere religiöse Vielfalt beachtlich. Die nächstgrößte Gruppe ist die der Muslime mit einem Anteil von etwa 13,4 Prozent an der Bevölkerung. Diese 13 Prozent umfassen jedoch gut 140 Millionen Menschen. Die christliche Minderheit umfasst in der indischen Gesellschaft circa 2,3 Prozent und nimmt tendenziell ab. Weiterhin ist Indien Heimat verschiedener Religionen, „die als Gegenbewegung zum Hinduismus (Buddhismus, Jainismus) oder als Reaktion auf das Eindringen des Islam (Sikhismus – weniger als 1,9 Prozent) entstanden sind“ (Betz 2007a, S.5; Imhasly 2015, S.204).

Der Hinduismus stellt zwar die größte Religionsgemeinschaft dar, jedoch „ist er nicht gleichzusetzen mit einer Kirche oder einem dogmatischen Glaubensbekenntnis im westlichen Sinne. Er stützt sich nicht auf einen einzigen, geheiligten Text und kennt keine für alle verbindlichen Gottheiten“ (Betz 2007c, S.11). Der Hinduismus stellt vielmehr eine Lebensform dar, welche insbesondere auch der Begründung des Kastensystems dient (vgl. ebd.). Vor allem die Hindus, doch auch andere religiöse Gruppen (zumindest faktisch) sind nach Kasten geschieden (vgl. Betz 2007a, S.5). Auf die Kasten wird im nächsten Kapitel näher eingegangen.

In allen Religionen gibt es auch religiöse Eiferer, die versuchen, ihre jeweiligen Glaubensanhänger zu vereinen und auf eine Linie zu bringen. Diese Tendenz steigt in den letzten Jahrzehnten an. Vor allem manche Hindu-Fundamentalisten bemühen sich, islamische Elemente aus der Sprache und Kultur zu verbannen. Aus ihrer Sicht geht die „Existenz der Minderheiten auf erzwungene oder durch wirtschaftliche Vorteile erkaufte Konversion von Bevölkerungsgruppen zurück, die eigentlich Hindus sind und es hätten bleiben sollen“ (Wesseler 2014, o. S.). Die Legitimität anderer Religionen stellen sie insgesamt infrage. In manchen Bundesstaaten steht die religiöse Konversion unter Strafe (vgl. ebd.). Der Hindunationalismus wird im Rahmen der Politik erneut zur Sprache kommen.

3.2. Kaste

Die hierarchische Einordnung von Menschen in unterschiedliche Kasten hat das gesellschaftliche Leben der indischen Gesellschaft über jahrhundertelang geprägt. Dies hat bis in die Gegenwart tiefe Spuren im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben hinterlassen. Der Begriff „Kaste“ kommt aus dem portugiesischen „Casto“ was übersetzt für „rein“ oder „keusch“ steht und diente der Erschaffung einer hierarchischen Anordnung und Abgrenzung der gesellschaftlichen Gruppen, vor allem bezüglich der Heirat. Diese somit primäre Fremdzuschreibung geht zurück auf zwei aus dem Indischen stammende Kategorien: „jati“ und „varna“ (vgl. Skoda 2014, o. S.). „Jati“ steht für „Gattung“ oder „Wurzel“. Dieser Begriff wird verwendet für die alltäglichen Interaktionen relevanter Bevölkerungsschichten bzw. –Gruppen. Diese sind bis heute in Indien vorzufinden. Die britischen Kolonialherren zählten im Jahr 1881 bis zu 2000 dieser Kasten (vgl. Skoda 2014, o. S.). „Varna“ was übersetzt „Farbe“ bedeutet, geht zurück auf einen mythologischen Ursprung der Kasten. Diesem zufolge gab es den Ur-Menschen Purusha. Aus diesem entsprangen vier varna: „aus dem Mund die Brahmanen (Priester), aus der Schulter die Kshatriya (Krieger), aus einem Schenkel die Vaishya (Händler) und aus der Fußsohle die Shudra (Bediensteten)“ (Skoda 2014, o. S.). Hieraus erklärt sich die Position der Brahmanen an der Spitze der Kastenhierarchie, während die Shudra die unterste Kategorie darstellen. Die „Kastenlosen“ fallen aus diesem Schema ganz heraus (vgl. ebd.).

In der Praxis sind die Begriffe der Jati und Varna lose miteinander verbunden. Mitglieder einer Jati ordnen sich in der Regel einer der vier Varna zu. Die Ansprüche hierbei sind häufig umstritten und können sich ändern, beispielsweise durch Prozesse sozialer Mobilität (vgl. Skoda 2014). Die Bezeichnungen sind jedoch „oft lokal oder regional begrenzt (…) und man (findet) in verschiedenen Teilen Indiens hinsichtlich ihrer Namen, Mythen, Anzahl etc. unterschiedliche Kasten“ (Skoda 2014, o. S.). Die wichtigsten „„Kennzeichen der traditionellen Kasten waren bzw. sind die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder von Geburt an, die Berufsbezogenheit, die Vorschriften zur Reinerhaltung der Kaste und damit insbesondere Beschränkungen bei der Partnerwahl“ (Betz 2007c, S.14).

Insgesamt unterscheidet man im Allgemeinen zwischen den höheren Kasten, worin die Brahmanen die bekannteste Gruppe darstellen, den niederen Kasten, auch „Other Backward Castes“ (OBC) genannt, zu diesen gehört der Großteil der Hindus und auch die „Unberührbaren“ (Dalits, „Scheduled Casts“). Außerdem gibt es noch die Stammesangehörigen („Scheduled Tribes“), die Nachfahren der Urbevölkerung sind (vgl. Betz 2007a, S.5). Die Gruppe der „Unberührbaren“ bzw. den Dalits, ist die am meisten unterprivilegierte Minderheit. Zu ihr zählen laut der Volkszählung im Jahr 2011 etwa 16,6 Prozent der indischen Bevölkerung (vgl. ebd.; Betz 2007c, S.16). Gerade die Grenze zu den untersten Kasten wird in der Kasten-Hierarchie besonders betont, indem die Betroffenen beispielsweise außerhalb der Dörfer leben müssen. Hierdurch haben sie eine Art Sub-Kastensystem entwickelt, welches beispielsweise eigene Priester enthält. Dieses System weist wiederum eigene Formen der Marginalisierung auf (vgl. Skoda 2014, o. S.). Die Dalits weisen somit auch untereinander Unterschiede auf und fühlen sich nicht zwangsläufig solidarisch (vgl. Betz 2007c, S.16). Wichtig ist, dass die Praxis der „Unberührbarkeit“ in den Regionen des Landes wiederum sehr unterschiedlich ist und sich zum Teil in den Städten kaum mehr aufrechterhalten lässt. Dieser Bereich ist auch ein Beispiel für Indiens Widersprüchlichkeit: Trotz der Diskriminierungen schaffte es Meera Kumar im Jahr 2009 als „Ex-Unberührbare“ in das Amt der Parlamentspräsidentin (vgl. Skoda 2014, o. S.).

Die Kasten dürfen nicht als statische Gebilde gesehen werden. Innerhalb der Kasten gibt es große Unterschiede, die besonders durch wirtschaftliche Modernisierung, Urbanisierung, Bildungsfortschritten und auch politischen Bemühungen sowie durch religiöse (Reform-) Bewegungen entstehen (vgl. Betz 2007c, S.11; Skoda 2014, o. S.). Das „Vorhandensein, gesellschaftliche Stärke und Rangordnung der Kasten unterscheiden sich nach Regionen oftmals erheblich“ (Betz 2007c, S.11). Die Vorstellung, dass das Kastenwesen gesellschaftliche Mobilität vollends unterbinde, erweist sich daher als falsch. Es gab schon lange Zeit immer wieder „erfolgreiche kollektive Versuche einzelner Kasten, etwa durch den Erwerb von politischen Ämtern oder Landerwerb die berufliche und soziale Leiter emporzusteigen und die rituellen Vorschriften der Oberkastigen zu übernehmen – sich, wie es heißt, zu sanskritisieren“ (Betz 2007c, S.14).

Diese Entwicklungen sollten jedoch nicht überbewertet werden. Auch im urbanisierten Raum werden nach wie vor die meisten Heiraten innerhalb der Kasten arrangiert (vgl. Skoda 2014, o. S.).

Für den gesellschaftlichen Fortschritt stellt das Kastensystem nach wie vor ein Hindernis dar. Es legt kontraproduktive Formen der Arbeitsteilung fest und teilt Menschen unveränderlich in Kategorien ein, was dem modernen Wettbewerb innerhalb einer Gesellschaft entgegensteht (vgl. Drèze/ Amartya 2014, S.51).

3.3. Minderheiten

Neben den oben bereits aufgeführten Minderheiten der Muslime und der „Scheduled Castes“, sollen in diesem Kapitel außerdem auch die Frauen und Mädchen näher betrachtet werden.

3.3.1. „Scheduled Castes“

Die Scheduled Castes stellen ungefähr 16,6 Prozent der Gesamtbevölkerung dar. Sie leben zum Großteil unter ärmlichen Bedingungen und sind typischerweise in der Landwirtschaft beschäftigt (als Landarbeiter oder Kleinbauern) oder sind zuständig für die Reinigung von Straßen, Gebäuden und Latrinen, die Ledergerbung und die Schuhmacherei (vgl. Skoda 2014, o. S.; Betz 2007c, S.16).

Laut dem Artikel 17 der indischen Verfassung wurde die Unberührbarkeit zwar für abgeschafft erklärt und gewaltsame Übergriffe auf Dalits unter strafrechtliche Verfolg gestellt; Allerdings führen Vergehen selten zu Prozessen und diese verlaufen in der Regel mit einem Freispruch der Angeklagten (in etwa 70 Prozent) (vgl. Betz 2007c, S16).

Die veranlasste Reservierungspolitik, die im Kapitel Politik noch genauer erläutert wird, brachte den Dalits Vorteile. Diese erreichte, dass sie zumindest die ihnen auf diesem Wege zugeschriebenen Anteile im Bereich des öffentlichen Dienstes erlangen können. Problematisch zeigt sich jedoch ihre mangelnde Bildung, weshalb sie in den höheren Positionen im Grunde nicht vertreten sind und auch bei Beförderungen nicht infrage kommen. Eine Lösung, die viele Dalits wahrgenommen haben, ist die Konvertierung zu anderen Religionsgemeinschaften, um der Diskriminierung zumindest teilweise zu entgehen (vgl. Betz 2007c, S.16).

3.3.2. Muslimische Minderheit

Gefährlich für die langfristige Stabilität des Landes und immer wieder für Konfliktpotential sorgend, ist das Zusammentreffen zwischen der Hindumehrheit und der muslimischen Minderheit. Nach der Teilung Indiens und Pakistans hatte dieser Konflikt zunächst lange Zeit geruht, da sich beide Parteien an die verheerenden, blutigen Folgen erinnerten, die der Auszug der Muslim-Elite nach Pakistan mit sich gebracht hatte. Ein weiterer Grund war das Fehlen einer eigenen muslimischen Vertretung in Indien; stattdessen integrierte die Kongresspartei sie zunehmend und übernahm gar ihren Schutz. Ein gutes Beispiel hierfür ist, dass den Muslimen ein eigenes Ehe- und Familienrecht zugesprochen wurde (vgl. Betz 2007c, S.18).

Dennoch kam es im Laufe der Jahre zu verschiedenen Zwischenfällen, unterschiedlich schlimmen Ausmaßes. Hindunationalistische Kreise beispielsweise hegen die Angst, die Muslime könnten unter anderem durch eine höhere Geburtenrate an Bedeutung gewinnen und sich stark, wodurch ihr eigener Anteil an der Bevölkerung zurückgehen würde. Außerdem gibt es hinduradikale Organisationen mit dem Ziel, den Schutz für Minderheiten zu verringern und eine einheitliche Hindu-Kultur zu etablieren (vgl. ebd.). „Die größten Ausschreitungen fanden im Jahr 2002 in Gujarat statt „als nach einem Überfall jugendlicher Muslime auf einen von Ayodhya kommenden Zug militanter Pilger sich pogromartige, von der Landesregierung offenkundig gebilligte oder gar angeheizte Schlächtereien an Muslimen ereigneten“ (Betz 2007c, S.19).

Wichtig ist hierbei jedoch die Anmerkung, dass es sich keinesfalls ausschließlich um religiöse Konflikte handelt, sondern diese stets im Kontext mit nichtreligiösen, politisch-sozialen Ursachen zu betrachten sind. Diese Konflikte entstehen vor allen in den Regionen, „wo keine zivilgesellschaftlichen Netzwerke zwischen Hindus und Muslimen existieren und wo Parteien auf die Stimmen letzterer nicht angewiesen sind“ (Betz 2007c, S.19).

Die Regierung zeigt sich jedoch durchgehend bemüht, „der faktischen sozioökonomischen Diskriminierung der Muslime Abhilfe zu schaffen. Diese weisen nach den Stammesangehörigen und Dalits den geringsten durchschnittlichen Bildungsgrad auf und sind in den höheren Rängen der Bürokratie und in politischen Leitfunktionen nur äußerst schwach vertreten“ (ebd.). Im Jahr 2005 wurde zudem eine Kommission ins Amt gerufen, die mit der Untersuchung und Verbesserung der Lage der Muslime beauftragt ist (vgl. ebd.).

3.3.3. Frauen und Mädchen

In diesem Kapitel werden die Frauen und Mädchen betrachtet. Diese stellen in Indien noch immer die bedeutsamste benachteiligte Minderheit dar (vgl. Betz 2007c, S.19). Die Volkszählung 2011 ergab ein Männer-Frauen-Verhältnis von 1.000 Männern zu 943 Frauen. In den reichen Bundesstaaten waren es 1.000 Männer zu unter 800 Frauen (vgl. Wesseler 2014, o. S.). Die fortwährende Unterprivilegierung der Frauen zeigt sich vor allem in dem hohen Frauendefizit in den landbesitzenden, traditionalen Gemeinschaften. Dieses Defizit basiert vor allem auf der Tötung und auch Mangelernährung sowie gesundheitlicher Vernachlässigung kleiner Mädchen; außerdem ist es vor allem eine Folge der geschlechtsspezifischen Abtreibung weiblicher Föten. Das seit 1994 eigentlich gesetzlich verankerte Verbot der vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung und Abtreibung wird häufig nicht entsprechend befolgt (vgl. Wessel 2014, o. S.; Betz 2007c, S.19; Rieker 2014, o. S.). Dieser Rückgang der Frauen in der Bevölkerung stellt ein klares Problem dar (vgl. Wesseler 2014, o. S.).

Gründe hierfür lassen sich in den indischen Heirats-Praktiken finden: Ehen sind in Indien eine Mischung aus Tradition und kommerziellen Praktiken. Hierbei ist das Geben einer Mitgift schon lange Teil der indischen Kultur. Die Mitgift diente ursprünglich der materiellen Absicherung der Frau nach der Hochzeit (vgl. Betz 2007c, S.20). Zwar gilt seit 1961 das Verbot von Mitgiftzahlungen (Dowry Prohibition Act) (vgl. Riecker 2014, o. S.) und die Tradition hat sich mittlerweile weit von ihren Ursprüngen fortbewegt – dennoch handelt es sich auch heute noch um eine wirtschaftliche Transaktion zwischen zwei Familien (vgl. Betz 2007c, S.20). Die Familie sucht einen Bräutigam, der möglichst über eine gute Ausbildung verfügen und aus einer höheren Kaste sein sollte. Anschließend kauft sich die Brautfamilie bei dem Bräutigam und seiner Familie durch Geschenke ein, wobei die Brautfamilie die hohen Forderungen des Bräutigams erfüllen muss. Daher werden Töchter mit dem Verlust von Geld und Eigentum in Verbindung gebracht und von der Mehrheit als eine Last empfunden. Aufgrund dieses Mitgiftsystems kann es eine Familie gar in den finanziellen Ruin treiben, eine oder mehrere heiratsfähige Töchter zu haben (vgl. ebd., S.21; Riecker 2014, o. S.).

In anderen Milieus, wie den urbanen und intellektuellen Mittel- und Oberschichten, hat sich diese Unterordnung der Frau wiederum etwas abgeschwächt (vgl. Betz 2007c, S.19).

Weitere auch politische Maßnahmen zur Besserstellung der Frauen sind zum Beispiel die Modernisierung des überkommenen Familienrechtes im sogenannten „Hindu Code“ in den Jahren 1950 bis 1955, mit dem Ziel der völligen Gleichstellung von Mann und Frau. Betroffen waren hiervon Bereiche der Verehelichung, Scheidung, Adoption und Erbrecht. Zur gleichen Zeit entstanden auch Institutionen zur Förderung der Frauen. Außerdem gibt es eine steigende Beteiligung von Frauen auf politischer Ebene, wobei ihnen eine staatlich festgesetzte Frauenquote von 50 Prozent in der lokalen Selbstverwaltung hilft (vgl. Betz 2007c, S.19; Riecker 2014, o. S.). Dies wird oft als Gegenbeweis der Benachteiligung angebracht. Allerdings stellen sie im Parlament nach wie vor eine geringe Minderheit dar, die weniger als zehn Prozent ausmacht. Dies gilt ebenso für die Ränge der Ministerialbürokratie. Es gibt noch immer Bemühungen, die Quote auf Bundes- und Länderparlamente auszuweiten. Abgelehnt wird diese Quote insbesondere von niederen Kasten, aus der Sorge, es nütze anschließend ausschließlich den elitären Frauen (vgl. Betz 2007c, S.19).

Doch vor allem im Rahmen eines Vergewaltigungs-Vorfalls im Jahr 2012, der publik ging, wurden die Öffentlichkeit und die Politik verstärkt auf die Lage der Frauen aufmerksam und ergriff weitere Maßnahmen– insbesondere durch verschärfte Gesetze gegen sexuell motivierte Gewalttaten. Die Rechtslage für Frauen hat sich bereits erheblich verbessert (vgl. Riecker 2014, o. S.). Insgesamt haben Frauen in der indischen Gesellschaft aber noch immer einen niedrigeren gesellschaftlichen Status als Männer und werden in vielen Lebensbereichen noch immer diskriminiert und unterdrückt (vgl. Betz 2007c, S.19; Riecker 2014, o. S.).

4. Politik

Indiens Erfolg im Umgang mit Konflikten, vor allem solchen, die aufgrund der heterogenen Bevölkerung aufkamen, resultiert vor allem aus dem demokratischen System des Landes (vgl. Wesseler 2014, o. S.). Im Folgenden wird daher Indiens politisches System vorgestellt. Anschließend werden die Minderheiten und die Kasten in diesem System betrachtet und daraufhin das Wahlsystem vorgestellt – im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen im Jahr 2014 und anschließend die jetzige Regierung der BJP unter Premierminister Narendra Modi.

4.1. Politisches System

Indien ist eine parlamentarische Demokratie mit bundesstaatlicher Ordnung. Hierzu gehören, wie eingangs bereits genannt, 29 Bundesstaaten, sechs Unionsterritorien und das National Capital Territory of Delhi. Momentanes Staatsoberhaupt ist Pranab Kumar Mukherjee, als Präsident von Indien. Sein Amtsantritt war im Juli 2012. Sein Vertreter und somit Indiens Vizepräsident ist Mohammad Hamid Ansari, welcher im August 2007 sein Amt antrat. Der aktuelle Regierungschef und Premierminister von Indien ist seit dem 26. Mai 2015 Narendra Modi, Mitglied der Bharatiya Janata Party (BJP) (vgl. Imhasly 2015, S.204). Mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern ist Indien die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt (Wagner 2014, o. S.; Statistisches Bundesamt 2017, S.2). Außerdem ist Indien „das einzige große arme Land der Welt, das in 65 Jahren (mit einem kleinen Ausrutscher von 18 Monaten) der Demokratie treu geblieben ist“ (Imhasly 2015, S.88).

Mit der Entlassung in die Unabhängigkeit am 15. August 1947 erbte Indien von „der scheidenden Kolonialmacht einen effizienten Beamtenapparat, eine professionelle Armee, eine unabhängige Justiz und (…) ein repräsentatives demokratisches Regierungssystem“ (vgl. Betz 2007b, S.6). Seit der Unabhängigkeit ist es Indien gelungen, ein stabiles, demokratisches System aufzubauen und zu erhalten; obwohl die große Armut des Landes und die Heterogenität ethnischer, religiöser und sprachlicher Hinsicht in den Kastengruppen durchaus tiefe Vorbehalte geprägt haben. Im Januar 1950 trat schließlich die neue Verfassung in Kraft, welche die Gründung Indiens als parlamentarische Demokratie und föderalen Staat (mit damals stark zentralistischen Elementen) verankerte (vgl. Wagner 2014, o. S.; Betz 2007b, S.7). Zunächst umfassten die neu gegründeten Bundesstaaten Bevölkerungen von unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Identitäten, jedoch wuchs der Wunsch der Bevölkerung nach der Schaffung homogener Einheiten. Daher wurde ein Ausschuss eingesetzt, um die Bundesgrenzen basierend auf der Muttersprache der jeweiligen Bevölkerung zu reorganisieren. Die ersten freien Wahlen fanden im Jahr 1952 statt (vgl. Betz 2007b, S.7).

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Details

Seiten
32
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668975279
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492808
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Schlagworte
Politik politische Systeme demokratische Systeme soziologie gesellschaftsanalyse gesellschaften indien demokratie kasten kastensystem fallstudie wirtschaft bildungssystem Ausbildungssystem

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Titel: Die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Indiens. Daten, Fakten, Bildungs- und Ausbildungssystem