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Der Zorn und die Liebe Gottes. Eine Untersuchung der Opferung Jesu Christi im Licht der Altorientalistik

Essay 2019 5 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Zorn und Liebe Gottes – Röm 5 im Licht altorientalischer Opferzwecke

„Früher oder später werden wir Opfer bringen.“

- „Um der Krise zu begegnen.“

„Opfer ist ein heiliges Wort, meine Dame.“

- „Das einzige, das den Zorn der Götter besänftigen kann.“1

Seit Menschengedenken bestimmt die Opfergabe die religiöse Praxis der Gläubigen. Im Alten Orient erhielt man die Götter durch ein tägliches Speise- und Trankopfer am Leben, so beschreibt es bereits der altbabylonische Atramhasīs-Mythos aus dem 18./17. Jahrhundert v. Chr. Nach der siebentägigen Sintflut leiden die Götter an unbändigem Hunger, denn die Vernichtung der Menschheit bedeutet auch das Ende ihrer täglichen Nahrungszufuhr:

„Die Götter weinten mit ihr [der Muttergöttin] über das Land;
sie hatte genug an Wehklagen, aber dürstete nach
Bier.
Dort, wo sie weinend sass,
da sassen sie wie die Schafe,
füllten einen Graben (mit ihren Tränen);
dabei dürsteten die Lippen der Angsterfüllten,
zitterten sie vor Hunger in einem fort.
Sieben Tage, sieben Nächte
kam der Wolkenbruch, der Sturm, [die Sintflut].“2

Nachdem er und die Seinen die Flut, dank Warnung eines Gottes, auf einem Boot überlebt haben, bringt Atramhasīs den Göttern ein Opfer dar. Diese scharren sich, betört durch die wohlriechenden Düfte, wie die Fliegen um die Gabe. Aus diesen Versen wird ersichtlich, dass Mensch und Gott in einer wechselseitigen Abhängigkeit zueinander standen. Sallaberger spricht von einem do ut des oder do quia dedisti.3 Keilschriftliche Quellen und altorientalisches Bildmaterial bezeugen weitere Zwecke einer Opfergabe. So versuchte man, wie in einem Ritual aus dem 1. Jahrtausend v. Chr., den Sonnengott Šamaš mittels Opfer gütig zu stimmen, damit er drohendes Unheil abwehre.4 Überliefert sind genaue Anweisungen an Priester, wie sie die Getränke, Brot, Obst und Fleisch für die Götter im Tempel zubereiten mussten.5 Des Weiteren sind „Totenopfer, Opfer bei Vertragsabschluss und Gründungsopfer“ aus schriftlichen Zeugnissen bestätigt.6

Doch die Völker des Zweistromlandes fürchteten auch den Zorn der Götter. Wenn sich die persönliche Schutzgottheit vom Individuum abwandte, wurde dieser von Unheil verfolgt und von bösen Mächten geplagt.7 Nur durch ein reiches Opfer konnte der Leidende von seinem Unglück befreit werden, so steht es in der vierten Tafel von Ludlul b ēl n ēmeqi – „Ich will preisen den Herrn der Weisheit“, einer religiösen Dichtung aus der Zeit nach 800 v. Chr. Rekonstruiert wurden 480 Zeilen aus Tafelfragmenten, geborgen bei Ausgrabungen in Kalach, Assur, Ninive, Huzirina (Sultantepe), Babylon und Sippar.8 Der Text handelt von einem Leidenden, der zunächst mittels Opferschau versucht, die Ursache für sein Unglück zu ermitteln. Eine Liste begangener Verfehlungen begründet den anhaltenden Groll der Götter:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erlösung findet er, wie zuvor erwähnt, durch ein üppiges Opfer, das den Grant der Götter besänftigt. Besprengt mit dem Wasser der Reinigung darf er wieder vor Marduk, den Stadtgott Babylons und Zarpanit9 erscheinen.10

Wenn nun ein Altorientalist, der über ein fundiertes Wissen zum Thema Opfergaben verfügt, die Perikopen der synoptischen Evangelien näher untersucht, wird er Zeuge der Kreuzigung Jesu – ein Menschenopfer zur Versöhnung Gottes mit den Menschen. So stellt sich ihm unweigerlich die berechtigte Frage: wie gross muss der Zorn Gottes gewesen sein, dass er seinen Sohn für die Sünden und Untaten seiner Schöpfung am Kreuz leiden lässt?

Dass dieses Opfer, anders als im Alten Orient nicht zur Besänftigung von Gottes Zorn, sondern sich aus dem altisraelitischen und alttestamentlichen Gedanken des Sündopfers (Lev 4,13-14) entwickelt hat, erklärt Paulus in seinem Brief an die Römer, ein Schreiben aus dem 1. Jh. n. Chr. Er richtet seinen Brief an eine gemischte Gruppe von Heiden- und Judenchristen, die durch die jüdische Kultur geprägt waren und sich in eigenständigen Hausgemeinden arrangierten. Unter den Gemeindemitgliedern fanden sich Sklaven, Freigelassene und Zugezogene, doch die sozialen Unterschiede waren weitgehend aufgehoben. Es herrschte eine dauernde Auseinandersetzung mit politischen Machtsymbolen Roms, wie etwa dem Militär. Nicht selten wurden Anhänger der neuen Strömung vom Imperium Romanum vertrieben (19 n.Chr. und 49 n.Chr.), ihr Versammlungsrecht aufgehoben (41 n. Chr.) oder sie wurden verfolgt (64 n.Chr.). Die Beziehung der Christusanhänger zu den römischen Behörden war zu jedem Zeitpunkt unsicher. Paulus schrieb aus drei Gründen an die Gemeinde in Rom. Erstens beabsichtigte er neue Missionspläne, zweitens musste er den Anhängern sein Verständnis der Tora unterbreiten, die das Beschneidungsgebot aufhob und drittens versuchte er eine Gegen-Macht zu etablieren, die dem römischen Reich standhielt. In seinem Brief klingen die Thematik der Gerechtigkeit Gottes, das eben erwähnte neue Verständnis der fünf Bücher Mose und die Position Israels im Heilsplan Gottes mit11. Im fünften Kapitel gibt Paulus Aufschluss über Leben und Versöhnung in Christus:

„Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5,8)12

Der Gedanke eines stellvertretenden Sühnetods spiegelt sich auch in Anselm von Canterburys Werk „Cur deus homo“ wieder. Durch die Sünden seiner Schöpfung sieht Gott sich in seiner Ehre verletzt. Wiedergutmachung können die Menschen nur durch einen kostbaren Ersatz erlangen.13 Selbstopferung verfehle den Zweck, nur die Opferbereitschaft Gottes selbst, nämlich durch seinen Sohn Jesus Christus, bringe den Ausgleich und hebe die Sünden als neuer Adam auf. Anstatt durch eine zweite Sintflut die Menschheit endgültig zu vernichten, schliesst Gott durch Christus Frieden mit den Menschen (Röm 5,1), der als ihr Stellvertreter die Sühne durchlitt – ein Zeichen der unermesslichen Liebe Gottes.14

Jesus tritt hier als zentrale Gestalt der Endzeit, als eschatologischer Soter auf. Im Christusgeschehen wurde der Tod entmachtet und als Opponent Gottes entlarvt (1 Kor 15,55), der durch Adams Fehltritt in die Welt kam. Durch die Auferweckung Jesu dürfen die Gläubigen das Heil erwarten und an der individuellen Auferstehung in der nahenden Parusie festhalten. Denn wenn man nicht an die Auferweckung des Christus glaubt, so Paulus im 1 Kor 15,13ff., ist der Glaube sinn- und nutzlos, unsere Verkündigung leer und wir sind immer noch Sklaven unserer Sünden. Doch Jesus hat den Tod unterworfen und befreit uns aus der Knechtschaft der Vergänglichkeit; das Leben erhielt durch Christi Gnade Einzug in den Menschen. Als Sündloser setzt er sich der Sünde der Menschheit aus und überwindet sie. Es folgt die Befreiung und Rettung der Glaubenden.

Nach dieser neutestamentlichen Erklärung, ein Opfer aus Liebe zu den Menschen, ist für mich eine weiterführende Forschung zum Konzept der Sünde und dem Sühnetod in antiken Kulturen, welche die Schriften der Bibel möglicherweise beeinflusst haben, von Interesse. Es stellt sich die Frage, aus welchem Anlass, ob aus Liebe oder Zorn, eine Gottheit des Zweistromlandes handelte und welche Folgen seine Taten für den Einzelnen oder eine Gruppe von Menschen nach sich zog. Lässt sich die Idee von Sünde und Sündenvergebung im Mesopotamien des dritten bis ersten Jahrtausends eruieren? Hinweis bietet wiederum das Ludlul b ēl n ēmeqi – „Ich will preisen den Herrn der Weisheit“, in welchem vom Gott Marduk behauptet wird, dass er „ihre [der Menschen] Sünden“ verzeiht.15 Auch war den Bewohnern des Alten Orients ein Tun-Ergehen-Zusammenhang bekannt, so sah man den Tod oder eine Krankheit als Strafe für eine begangene Widerhandlung an, die in den Texten der Psalmen, der Prophetie, der deuteronomistischen Literatur und der frühjüdischen Apokalyptik weiterentwickelt wurden.16

[...]


1 Zink, Rui, Die Installation der Angst, Novelle, 2016 [2012], CulturBooks Verlag 2016: Hamburg.

2 Atramhasīs III iv 15-25. Vgl. Sallaberger, Walther, Das Opfer in der altmesopotamischen Religion in Lang, Amei und Peter Marinkovic (Hrsg.), Bios – Cultus – (Im)mortalis, Zur Religion und Kultur-Von den biologischen Grundlagen bis zu Jenseitsvorstellungen, Beiträge der interdisziplinären Kolloquien vom 10. – 11- März 2006 und 24. – 25. Juli 2009 in der Ludwig-Maximilian- Universität München, S. 135.

3 Ebd., S. 136. Do ut des („ich gebe, dass du gibst“) und do quia dedisti („ich gebe, weil du gabst“).

4 Ebd., S. 137.

5 Ebd., S. 138.

6 Ebd., S. 140.

7 Fink, Sebastian, Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes im Alten Orient in KASKAL, Rivista di storia, ambienti e culture del Vicino Oriente Antico, Volume 9, 2012, S. 73.

8 Ebd., S. 78.

9 Gemahlin des Marduk und babylonische Muttergöttin.

10 Ebd., S. 80.

11 Schreiber, Stefan, Begleiter durch das Neue Testament, 2018 [2006], Schwabenverlag AG: Ostfildern, S. 148f.

12 Vgl. Röm 5,6.

13 Köhnlein, Manfred, Passion und Auferstehung Jesu, Dimensionen des Leidens und der Hoffnung, 2015, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 231.

14 Ebd.

15 Fink, Sebastian, Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes im Alten Orient, S. 78.

16 Zimmermann, Mirjam, Sünde/Schuld, 2016, https://www.bibelwissenschaft.de/wirelex/das-wissenschaftlich-religionspaedagogische-lexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/suendeschuld/ch/d2cf6b2d5a366ab45a76cb082f8a8437/ (zuletzt aufgerufen am 11.06.19).

Details

Seiten
5
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668994355
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492798
Institution / Hochschule
Universität Luzern
Note
unbenotet, sehr gutes Feedback
Schlagworte
Christologie Jesus Jesus Christus Römerbrief Zorn Liebe Gott Altorientalistik Alter Orient Opfer Opfergabe Opferzweck interdisziplinär Neues Testament Bibel

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