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Begleitung kirchenferner Eltern von Taufkindern mit Blick auf die Gemeindeentwicklung in der Kirchenprovinz Sachsen am Beispiel des Kirchspiels Schenkenberg

Examensarbeit 2005 48 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG
1.1. Allgemeine Vorüberlegungen
1.2. Situationsanalyse

2. Kirchenferne Zeitgenossen
2.1. Empirische Beobachtungen
2.2. Fragebogenauswertung
2.3. Fazit

3. Kasualien und Gemeindeaufbau
3.1. Grundsätzliches
3.2. Taufe – eine missionarische Ungelegenheit
3.3. Taufe als Weg
3.4. Taufe und Gemeindeaufbau
3.5. Bilanz mit Blick auf die Kirchenfernen

4. Projekt „Begleitung Kirchenferner Eltern nach der Taufe“ im Kirchspiel Schenkenberg
4.1. Grundsätzliches
4.2. Pädagogische und Psychologische Vorüberlegungen
4.3. Die einzelnen Teile des Projekts
4.3.1. Die Taufe
4.3.2. Die Briefe
4.3.3. Die Elternseminare
4.3.4. Familiengottesdienste
4.3.5. Die Rüstzeit
4.3.6. Babyclub und Vorschulkreis
4.4. Resümee

5. Zusammenfassung

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

7. Anhang

1. EINLEITUNG

Der Untertitel eines Buches von Albert Biesinger[i] lautet „Anstiftungen für Mütter und Väter“. Dieser Aufruf zur Anstiftung war ausschlaggebend, darüber nachzudenken, wie es möglich ist, Mütter und Väter des Kirchspiels Schenkenberg anzustiften, an der religiösen Erziehung ihrer getauften Kinder teilzunehmen. Zumal ein großer Teil der taufenden Eltern zu den kirchenfernen Gemeindegliedern einer Kirchengemeinde gehören. Dazu kommen die Beobachtungen und Gespräche aus der Praxis, die deutlich zeigen, dass die Eltern nach der Taufe nicht weiter wissen, teils weil sie selber kaum eine Gottesbeziehung beschreiben können, teils aus Sorge etwas verkehrt zu machen. Die landläufige Meinung, mit der Taufe sei nach Taufgespräch und Gottesdienst ein Schlusspunkt erreicht, verstärkt die Situation des Nicht –Mehr- Weiter- Wissens.

Wie es möglich sein kann, einerseits die Erinnerung an die Taufe als Mut machendes und Leben begleitendes Geschehen aufrecht zuerhalten und andererseits die Eltern in der religiösen Unterweisung zu stärken und zu begleiten, soll Inhalt dieser Arbeit sein. Dazu folgen allgemeine Vorüberlegungen und eine Beschreibung der vorfindlichen Situation am Beispiel des Kirchspiels Schenkenberg.

1.1. Allgemeine Vorüberlegungen

Die institutionelle religiöse Unterweisung an Kindern beginnt für gewöhnlich mit der Christenlehre nach der Einschulung. Bis zu dieser Zeit sind kirchenferne Eltern nach der Taufe ihres Kindes oft auf sich allein gestellt. Sie haben aus Mangel an Möglichkeit und Know how, auch aus Mangel an Engagement und Kontakten das vormals gegebene Taufversprechen, ihr Kind im Glauben zu erziehen, aus den Augen verloren.

Sie sind mit der Aufgabe, ihr Kind im Glauben zu erziehen, in der Weise überfordert, dass sie nicht nur nicht wissen, wie das geschehen soll, sondern meist noch nicht mal wissen dass sie im Glauben erziehen sollen. Nun könnte man das ganze großzügig in Gottes Hand legen und dem ganzen Zeit geben, aber im Blick auf die kleinen Mitgliederzahlen unserer Kirchengemeinden, von der noch viel geringeren Anzahl der Gemeindeglieder in den so genannten Kerngemeinden ganz zu schweigen, sollte es die Aufgabe der Kirche und der Gemeinden sein, die Eltern in ihrem Vorhaben, das Kind auf den Weg zu bringen, zu unterstützen. Dafür soll ein Projekt erarbeitet werden, die die Wirklichkeit des Kirchspiels im Blick hat und die vorfindlichen Möglichkeiten und Begrenzungen mit einbezieht.

1.2. Situationsanalyse

Das Kirchspiel liegt im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch und bildet gewissermaßen die nordwestliche Flanke des Kirchenkreises und liegt zugleich an der Grenze des Freistaates Sachsen zum Bundesland Sachsenanhalt. Es erstreckt sich in der Spanne der Außendörfer über eine Entfernung von ca. 20 km. Der Pfarrsitz ist unmittelbar der Kreisstadt Delitzsch benachbart am nördlichen Ende des Kirchspieles. Zum Kirchspiel gehören insgesamt 15 Dorf- und Dorfteile sehr unterschiedlicher Größe (700-50 Einwohner) mit neun Kirchdörfern. Alle neun Kirchdörfer sind paritätisch im Gemeindekirchenrat des Kirchspieles vertreten. Jede Kirche ist in den letzten Jahren bestandsrenoviert. Die Kirchen sind beheizbar und werden das ganze Jahr genutzt. Die Kirche in Schenkenberg hat Fußbodenwärmung und ist damit besonders nutzbar für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Auch das Kirchspiel Schenkenberg zeichnet trotz erfreulicher Taufzahlen und Wiedereintritte eine negative Gemeindegliederentwicklung aus, auch wenn seit 1990 die absolute Gemeindegliederzahl stabil blieb. Der „Lebensbaum“ steht auf dem Kopf, so dass statistisch einige Dorfgemeinden in den nächsten 20 Jahren bis zu 50% der Mitglieder verlieren werden.

In verschiedenen Dörfern sind Wohnbaugebiete entstanden, der Zugang an Gemeindeglieder ist dennoch gering. Vielfach behalten Zugezogene aus Leipzig und Halle ihre kirchliche Bindung in der Herkunftsgemeinde. Zugleich trifft das Kirchspiel die Abwanderung junger Familien der Arbeit nach.

In den Dörfern selbst arbeiten nur noch wenige Menschen in kleineren Handwerks- und Landwirtschaftsbetrieben. Die Mehrheit findet Arbeit in den Ballungszentren von Halle-Leipzig, in Delitzsch, aber auch in den westlichen Bundesländern und darüber hinaus. Die Arbeitslosenquote liegt bei 23 %.

Kirchliche Räume finden sich in verschiedenen Gemeinden: In Wiedemar ein kleines Gemeindehaus, in Lissa wird das Pfarrhaus gerade zum „Zentrum für ländliche Sittengeschichte“ umgebaut, in Schenkenberg findet sich mit der 2000 eingeweihten Pfarrscheune das Gemeindezentrum für das Kirchspiel in ausreichender Größe. Wo keine eigenen Räume mehr vorhanden sind, werden kommunale Raumangebote miet- und betriebskostenfrei genutzt.

Die Dörfer sind einerseits traditionell geprägt. In sieben der neun Kirchdörfer findet monatlich Seniorenarbeit, teilweise gemischt, statt; monatlich trifft sich der Männergesprächskreis mit etwa 30 regelmäßigen Teilnehmern thematisch orientiert. In Wiedemar trifft sich monatlich ein ebenfalls thematisch interessierter Erwachsenenkreis. In jeder Kirche findet aller drei Wochen Sonntagsgottesdienst statt, dazu kommen die Kasualgottesdienste und die besonderen Gottesdienste, wie zum Spargelfest in Kyhna, zum Feuerwehrfest in Lissa, zum Feuerwehrfest in Kyhna, im Rahmen der Sommermusiken in Wiedemar, zum Kirchweihfest in Kölsa, zum Teichfest in Zaasch und zu jeweiligen Ereignissen der Dorfkultur. An den Hauptfesten des Kirchenjahres wird in allen Kirchen unter Einbeziehen des Vorabends Gottesdienst gefeiert. Der Gottesdienstbesuch liegt am normalen Sonntag bei 7 – 12 % der Gemeindeglieder.

Das Orgelspiel wird in allen Kirchen durch drei ehrenamtliche Organisten wahrgenommen. In allen Kirchdörfern gibt es ein- bis zweimal eine musikalische Veranstaltung im Jahreslauf. Die Konzerte werden unterschiedlich gut besucht.

Die Arbeit mit Kindern wird in verschiedenen Dörfern jährlich schwankend durch einen Gemeindepädagogen mit 25% Anstellung wahrgenommen. Darüber hinaus werden Angebote in Kindergärten, zu Erntedankfest und zum Martinstag gemacht und es gibt in allen Gemeinden am Heiligen Abend ein Krippenspiel. Der Schuljahresanfang wird für das Kirchspiel zentral mit einem Fest begangen, zu dem allerdings Familien aus den weiter entfernten Dörfern nur selten kommen. Das Problem der Entfernung ist nicht leicht zu lösen. Entscheidende Dörfer sind nicht durch gesicherte Radwege erreichbar. Die Bereitschaft zur Mobilität nimmt aber langsam zu.

Die Woche beginnt mit dem Babyclub in der Pfarrscheune, hier kommen Jugendliche im Girlsclub als offene Form der Jugendarbeit zusammen, es gibt einen Frauenbastelkreis, der sich auch mit für die Ausgestaltung der Räume verantwortlich fühlt. Hier trifft sich auch der „Kilenakreis“ als Angebot für die Vorschulkinder, der Männerkreis, der Seniorenkreis, der Kreis „Christentum für Nichtchristen“. Die Konfirmanden haben hier Unterrichtsräume. Dazu gibt es in unterschiedlichen Abständen thematische Abende, die für alle offen sind.

Die Pfarrscheune hat sich in den Jahren zu einem Haus entwickelt, das weit über die kircheneigenen Kreise von vielen Menschen genutzt wird. Dadurch hat sich eine Kontaktebene ergeben, die das Interesse an Fragen des Glaubens und der Kirche mehrt und Menschen, Familien usw. zur Kirche hinführt.

Zu jedem Hauptfest im Kirchenjahr finden in Schenkenberg Familiengottesdienste statt. Besonders in den letzten Jahren werden durch sehr viele Jugendliche die besonderen Gottesdienste wie Osternacht und Heilige Nacht angenommen. Beide Nächte werden gerne zur Taufe genutzt.

Die Gemeindearbeit des Kirchspieles Schenkenberg orientiert sich an einer Mischung aus ganz regelmäßigen, verlässlichen traditionellen Angeboten der Gemeindearbeit und aus so genannten „niedrigschwelligen“ Angeboten, die mehr und mehr genutzt werden. Dabei spielt die Präsenz von Gemeindegliedern und Amtsinhaber eine nicht unerhebliche Rolle.

Zahlenmaterial:

Gemeindeglieder: 1.050

Einwohner: 6.500 (plus Rand Delitzsch)

Gemeindebeitrag und Kollekten: überdurchschnittlich

GKR mit Stellvertretern: 28

Ehrenamtliche mit GKR im regelmäßigen Dienst: 45

Taufen von 2000-2004: absolut 140, im Kirchspiel verblieben 100.

Konfirmationen von 2000-2004: 48

Hochzeiten: absolut 31, im Kirchspiel verblieben 23.

Beerdigungen: 179

2. Kirchenferne Zeitgenossen

2.1. Empirische Beobachtungen

Wilhelm Rothfuchs redet von Kirchenfernen als Zeitgenossen[ii] und meint jene Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht kirchlich gebunden sind. Er nutzt den Begriff der Kirchefernen für jene Menschen, die ein Gespräch – wie und warum auch immer suchen. Sie sind auf dem Weg zum Glauben, nehmen das Gespräch an. Diese Menschen müssen gesucht und gefunden, erwartet und empfangen werden. Sie möchten angehört, angesprochene, erreicht, angenommen und verstanden werden. Es wird deutlich, dass sie kein misstrauisch zu beäugendes Phänomen sind, sondern einer der fünf Typen der Religiosität, wie u.a. aus einer kirchensoziologischen Studie[iii] von 1997 hervorgeht. Hier sind sie kurz zu nennen:

ethisch- normativ eingestellte Gottgläubige [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Glaube ist eine ethische Norm, die es einzuhalten gilt

religiöser Ästhet [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] nicht die Kommunikation mit Gott ist wichtig, sondern das religiös-ästhetische Erlebnis

Gewohnheitskirchemitglied [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Glaube für die Bewältigung des Alttags nicht von Bedeutung, dennoch kein Verzicht darauf

Gemeinschaftschrist [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] wichtig sind die sozialen und personalen Beziehungen zur Gemeinde

politisch-religiöse Aktivist [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ausschließlich die nach 1965 geborenen (in DDR-Zeiten), die beitrugen zum Abbruch der DDR und zum Aufbruch von 1989

Die Kirchenfernen sind jene Christen, die in der Studie als Gemeinschaftschristen bezeichnet werden.[iv] Es ist ein gutes Gefühl, zur Kirche zu gehören, aber es erfolgt kein Engagement und kirchliche Angebote werden genutzt, wie man ihrer bedarf. Im Leben sind christliche Grundwerte gegenwärtig, aber im Alltag bedarf man des Glaubens nicht. Rothfuchs meint, es seien zwei Intensionen der kirchenfernen Zeitgenossen deutlich zu erkennen: die Suche nach einem Gesprächspartner und die damit verbundene Erwartung an den Gesprächspartner. Im Gespräch wird es immer zu einer Begegnung kommen, das gerade wird gewünscht. Die Kirchenfernen sind nicht gleichgültig, sie sind interessiert und suchen, das Gespräch mit der Kirche, wenn es ihnen von Bedeutung ist, wenn aus den verschiedensten Gründen Informationsbedarf besteht.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Zeitgenossen von einem Gemisch aus einer christlich ethischen Grundeinstellung[v] und einer individuell-politischen Anspruchshaltung geprägt sind. Sie hegen den Wunsch nach eindeutiger Informiertheit und klaren Vorgaben für das persönliche und soziale Leben. Rothfuchs deutet das als Ausdruck eines hohen Sicherheitsbedürfnisses[vi].

Dieses Bild der Kirchenfernen geht auch aus der dritten Studie der EKD über ihre Mitglieder hervor. Die EKD führt seit 1972 im Zehn-Jahres-Abstand repräsentative Demoskopien evangelischer Kirchenmitglieder durch. Mit empirischen Mitteln geht sie dabei der Frage nach, wie ihre Mitglieder das Verhältnis zu ihrer Kirche sehen und leben. Die Ergebnisse der vorangegangenen Kirchenmitgliedschaftsunter-suchungen sind unter folgenden Titeln veröffentlicht:
1972 Wie stabil ist die Kirche?
1982 Was wird aus der Kirche?
1992 Fremde Heimat Kirche

2002 Kirche- Horizont und Lebensrahmen

1969 und 1970 wurde die Frage laut, ob die Kirche am Ende sein angesichts des hohen Anstiegs der Austrittszahlen dieser Jahre. Die Ergebnisse der ersten folgenden Umfrage ergaben, dass die Deutschen durchaus positiver zu ihrer Kirche standen, als zunächst vermutet wurde. Die Volkskirche fand bei der Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor Zustimmung und selbst die Kirchendistanzierten schilderten ihre persönliche Verbundenheit zur Kirche. Ein weniger selbstverständliches Verhältnis zur Kirche zeigte sich vor allem bei den Jüngeren, bei Höhergebildeten und in den Städten. Ob man Angebote der Kirche wie Taufe oder Christenlehre nutzt, war nicht mehr selbstverständlich. Sondern mit einzelnen Angeboten wurde sich auseinander gesetzt und sich zum Teil eben auch abgelehnt.

Zehn Jahre später fand erneut eine Untersuchung statt, allerdings in anderem gesellschaftlichen Klima. Anfang der achtziger Jahre befanden sich die Menschen in einer unsicheren Stimmung. Der Kalte Krieg und die Aufrüstung beunruhigte die Bevölkerung. Man wandte sich der Kirche etwas stärker zu und erwartete von ihr, dass sie sich zu Fragen der Friedensethik und zu Entwicklungspolitik äußerte und Stellung bezog. Die Gruppe der sog. Distanzierten rückte in das Blickfeld der Demoskopen als eigenständigen Mitgliedschaftstyp. Sie befanden sich im Gegenüber zu den Mitgliedern der Kerngemeinden und stellten sich dar als solche, Christen, die in ganz anderer Weise am kirchlichen Leben teilnahmen. In dieser Gruppe finden nie oder nur äußerst selten Sonntagsgottesdienstbesuche statt, Kontakt zur Ortsgemeinde besteht kaum. Sie nehmen an kirchlichen Veranstaltungen nur zu besonderen Gelegenheiten wie Festtagen und biografischen Schwellen teil. Für diese Christen liefert Kirche scheinbar nur einen stillen Werthorizont und den Rahmen zur eigenen Lebensgeschichte.

Die dritte Untersuchung findet 1992 statt und umfasst nun auch die evangelischen Kirchen in Ostdeutschland, die seit dem 27. Juni 1991 wieder zur EKD gehören. So wurden auch die ostdeutschen Kirchenmitglieder befragt. Es gehörten nur 27% der Bevölkerung der Neuen Bundesländer zur Evangelischen Kirche. Auf Grund dieses Prozentsatzes wurden mit speziellen Fragebögen auch die Konfessionslosen nach ihrem Verhältnis zur Kirche gefragt. Nach der zweiten Untersuchung wurden die nun erstmals wahrgenommenen sog. Taufschein- oder Weihnachtschristen kritisch oder missionarisch beäugt. Zu wenig war über ihre Motive bekannt. Die dritte Studie suchte nun Antworten auf die Fragen nach dem Mitgliedsverhalten der Distanzierten. Hier finden sich die Aussagen, die für das vorliegende Thema von Bedeutung sind. Sie werden später nochmals aufgegriffen.[vii]

Im September und Oktober 2002 wurden über 1.800 Mitglieder evangelischer Kirchen und etwa 900 Konfessionslose befragt. Insgesamt weisen die Umfrageergebnisse im Vergleich zu den vorausgegangenen Befragungen in den Jahren 1972, 1982 und 1992 eine deutliche Stabilität aus. Die Struktur der Kirchenmitgliedschaft verändert sich kaum, obwohl die Zahl der Kirchenmitglieder geringer wird. Einem kleinen Prozentsatz Hochverbundener steht ein erheblich kleinerer Prozentsatz von Austrittsgeneigten gegenüber; dazwischen befindet sich ein weites und vielgestaltiges Feld treuer Kirchenmitglieder. Die Zahl derer, die sich ihrer Kirche „eng“ oder „ziemlich verbunden“ fühlen – etwa 37 Prozent –, hat sich in den dreißig Jahren, in denen die EKD diese Erhebung unter ihren Mitgliedern macht, kaum geändert (1972: 37 Prozent; 1982: 36 Prozent; 1992: 39 Prozent).

Nach wie vor finden sich bei den Befragten eine ausgesprochen hohe Bejahung von Taufe und Konfirmation und eine eher niedrige Bereitschaft zu aktiver Beteiligung. So finde sich bei den Befragten nach wie vor eine ausgesprochen hohe Taufbereitschaft (95 Prozent aller Kirchenmitglieder), aber eine nur geringe Bereitschaft zu aktiver Beteiligung am Gemeindeleben. Für die große Mehrheit der Mitglieder steht der lebenszyklische und familiäre Zusammenhang mit der Kirche im Vordergrund. Die Erhebung zeigt, dass die Kirche die Mehrheit aller ihrer „treuen Kirchenfernen“ eher in den lebensbegleitenden Angeboten (wie etwa Taufe, Konfirmationen, Trauungen, Bestattungen) und in Festgottesdiensten (Weihnachten, Ostern) als in Gemeindeangeboten erreicht. [viii] In den Ergebnissen der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung wird deutlich, dass die Erwartungen an die Kirche sich verändert haben: Sie soll „durch die Verkündigung ihrer Botschaft, durch Gottesdienste und Seelsorge geistliche Kommunikationsmöglichkeiten bereithalten, den Menschen durch Übergangsrituale in biographischen Umbruchssituationen helfend zur Seite stehen und sich für Notleidende einsetzen,“ [ix]so fassen die Autoren das Ergebnis zusammen.

Für die vorliegende Arbeit ist die dritte Studie von maßgeblicher Bedeutung, da sie differenziert und umfassend die sog. treuen Kirchenfernen in den Blick nimmt. Dabei ergibt sich, dass es nicht von Bedeutung ist, ob sich die kirchenfernen Gemeindemitglieder in Ost- oder Westdeutschland[x] befinden. Die Gruppe der Kirchenfernen umfasst hier und da ca. 70 % der Kirchenmitglieder, was deutlich die Mehrheit ist. Die verbleibenden 30 % teilen sich auf in jene, die mit der Kirche Verbundenen, die regelmäßig und häufig am Gottesdienst und am Leben der Gemeinde teilnehmen, und jene, die sich nicht mit der Gemeinde verbunden sehen und über einen Austritt bereits nachgedacht haben. Die Mehrheit aber sind die Kirchenfernen, die sich so gar nicht anpassen an das „normale“ Bild von gemeinde. Sie setzten andere Schwerpunkte und verhalten sich anders, als die gemeindliche Umgebung es von ihnen erwartet[xi]. Viele dieser Mitglieder begründen ihre Zugehörigkeit ganz selbstverständlich mit ihrem Christsein – immerhin 51 %. 49 % stimmen der Aussage zu, dass sie nicht auf kirchliche Amtshandlungen verzichten wollen. Die wenigsten Kirchenfernen wollen dagegen aktiv an der Gestaltung des Gemeindelebens teilnehmen. Auch nur ein geringer Prozentsatz ist auf der Suche nach Gemeinschaft im kirchlichen Raum. Fazit: die Kirchenfernen empfinden sich bewusst als Christen und besitzen eine lebenszyklische Form von Religiosität[xii], die Kasualien sind ihnen und für ihre Biografie wichtig.

Gerade die Taufe ist nach der dritten Studie für 91 % aller Gemeindeglieder des Westens unbedingt nötig für das Evangelischsein; nur 36% sehen das auch für den Gottesdienstbesuch so und nur 21 % meinen, dass man als Protestant die Bibel zu lesen hat. [xiii]Für die Kirchenfernen gilt das umso mehr, da man sie oft nur zu hohen Festen in der Kirche sieht und ihr unbedingtes Interesse kaum im Bibellesen besteht. Aber die Bedeutung der Taufe ist gestiegen. Nach ihren Taufmotiven gefragt, nennen die Kirchenfernen als wichtige Gründe der Taufe, dass sie vor allem eine Familienfeier ist und dass man dem Kind die Zukunft nicht verbauen wolle. Daraus wird deutlich, dass einerseits die Wertschätzung der Taufe gestiegen ist aber andererseits, dass die Taufe deutlich zu einer lebens- und familiengeschichtlichen Wegmarke geworden ist. Die Taufe ist zwar auch hier zu allererst Aufnahmeritus in die Kirche, dennoch ist sie noch viel mehr: ein Familienfest, eine Feier des Lebens. Sie ist auch Voraussetzung für die religiöse Begleitung an lebensgeschichtlichen Übergängen. [xiv] D.h. nur auf Grund der Taufe können die folgenden biografischen Passagen[xv] kirchlich begleitet werden. Häufig wird dieser Haltung der Kirchenfernen mit Misstrauen begegnet und ablehnend interpretiert, dass die Taufe und andere Kasualien für diese Gruppe keinen Inhalt mehr haben. Aber hier sei darauf verwiesen[xvi], dass in den gemachten Aussagen der Befragten, die Bejahung der kulturellen und geistigen Heimat und die Verwurzelung in Familientraditionen mitschwingen. Die Traditionsübernahme ist identitätsstiftend. Scheinbar dazu gegensätzlich nimmt die Gruppe der Kirchenfernen eine Auswahl der kirchlichen Angebote vor, um die eigenen Familiengeschichte zu begleiten. Die Kirchenfernen haben in ihrer Kindheit und Familie kirchliche Erfahrungen gemacht und Erinnerungen daran. Diese Erinnerungen bilden die Basis, an der kirchlichen Tradition festzuhalten. Die Erinnerungen an die Kirche verbinden sie mit Heimat, mit Geborgenheit, mit dem Zauber der Kinderwelt, davon können und wollen sie nicht loslassen. Sie sind fest mit der Kirche verankert. Im Leben, das sie jetzt führen, repräsentieren die Kasualien diese Verankerungen. Die Kasualien, das Weihnachtsfest, aber auch das Kirchengebäude und die Kirchenglocken sind Symbole, die ihre Erinnerungen tragen. Das erklärt unter anderem, dass viele der Kirchenfernen der Meinung sind, dass die Kirche gut in Schuss sein muss und die Glocken repariert werden sollen, dafür geben sie auch finanzielle Unterstützungen.

Die Menschen stellen sich und ihre Biografie in den großen Rahmen der religiösen Tradition. Innerhalb dieses Rahmens aber entscheiden sie von Fall zu Fall, was aus der Traditionenvielfalt genutzt wird. Dieses Denken und Deuten ist konstitutiv für das Kirchenverhältnis und das Teilnahmeverhalten der Kirchenfernen. Mit zunehmendem Selbstbewusstsein erklären sie diese Sicht auch nach außen. Die Taufe ist Ritual der Kirche – es wird bewusst von den Kirchenfernen als ein solches eingefordert und genutzt. Daraus folgt, dass der institutionelle Rahmen der Kirche von ihnen akzeptiert wird.

Laut der 3. Studie bilden die „Distanzierten“ einen durchaus verlässlichen Faktor innerhalb des Mitgliedschaftsspektrums. Sie wissen, was die Kirche von ihren Mitgliedern eigentlich erwartet, sie wissen auch, dass es da Normen und Verbindlichkeiten gibt. Sie erkennen diese Normen auch an, und messen ihr Verhalten daran, erfahren es als abweichend und unzureichend. Dennoch folgen sie bei der Gestaltung der eigenen Religiosität und Kirchlichkeit anderen Mustern und Plausibilitäten.[xvii]Die Kirche ist ein Angebot auf dem pluralen Markt der Möglichkeiten. Ihre Angebote werden gelegentlich wahrgenommen, ausprobiert und wie bei Kasualien eingefordert. In der Zeit dazwischen sind die Kirchenfernen auf Distanz, weder ablehnend noch engagiert.

2.2. Fragebogenauswertung

Um nicht nur theoretisch über das Mitglieder- und Erwartungsverhalten kirchenferner Eltern zu diskutieren, wurde im Rahmen dieser Arbeit eine Mitgliederbefragung durchgeführt. Die Demoskopie ergab Umfrageergebnisse, die im Wesentlichen in das Projekt der Arbeit einfließen werden. Mehrfachnennungen sind teilweise möglich gewesen und auf dem Fragebogen vermerkt.

Es wurden die Eltern der in den letzten acht Jahren getauften Kinder angeschrieben, da sie das Subjekt der Arbeit sein werden. Der Fragebogen, so wie er im Anhang zu finden ist, wurde an 90 Familien geschickt. 33 % der Fragebögen erhielt die Verfasserin zurück. Sie wurden ausgewertet und nachstehend ergibt sich folgendes Bild:

Von den angeschriebenen Eltern gehörten mit wenigstens einem Elternteil 91% der evangelischen Kirche an. 9 % der Eltern gehörten keiner Kirche an. Diese 9 % hatten ihre Kinder aber taufen lassen. Auf die Frage, warum sie in der Kirche seien, antworteten 64%, weil sie Christ sind, jeweils 41%, weil sie nicht auf kirchliche Amtshandlungen verzichten wollen bzw. weil, die Eltern in der Kirche waren. 18% nannten als Grund, weil sie der christlichen Lehre zustimmten und 4%, weil sie religiös sind. Mehrfachnennungen waren möglich. Es wurde deutlich, dass die Eltern sich als Christen betrachten, obwohl sie kaum in der Gemeinde verankert sind, kaum Gottesdienst oder Frauenkreise besuchen. Ihnen sind die Amtshandlungen wichtig, darauf wollen sie nicht verzichten. Ebenso ist die Tradition, in der sie aufwuchsen, Grund in dieser Kirche zu sein.

77% der Befragten meinen, dass zum Evangelisch Sein dazugehört, dass man seinem Gewissen folgt und 75% sieht die Taufe als wichtiges Merkmal fürs Evangelisch Sein. Nur 14% finden den Gottesdienst, so wie er sonntäglich angeboten wird, wichtig. Daraus folgt: die Taufeltern sind religiös, wollen die Taufe, aber halten sich nicht an die Muster, die die Kerngemeinde ansonsten ausmacht.

Ihre Verbundenheit mit der Kirche beschreiben 91% als ziemlich und etwas verbunden, nur 18% fühlen sich mit der Kirche sehr verbunden. Auch das zeigt ausdrücklich, dass die meisten angeschriebenen Eltern nicht nichts mit der Kirche zu tun haben, aber dass die Mehrzahl zu den so genannten Kirchenfernen zählt.

Jeweils 36% der Teilnehmer glauben an den in Jesus Christus offenbarten Gott bzw. an Gott, wobei sie nicht fest im Glauben stehen. Nochmals 23% glauben an eine höhere Kraft. Hier waren keine Mehrfachnennungen möglich. Das heißt, dass 95% aller Befragten, den Glauben an Gott für sich als eigen nennt.

Ca. die Hälfte aller Eltern hat sich vor der Geburt, die andere Hälfe nach der Geburt für die Taufe entschieden. Interessanter Weise haben sich unter der Geburt drei Frauen für die Taufe entschieden[xviii].

Auf die Frage, was Taufe bedeutet, wählten 86% aus, dass das Kind mit der Taufe unter Gottes Schutz gestellt wird und 68%, dass das Kind in die Gemeinde der Gläubigen aufgenommen wird. Für gut die Hälfe bedeutet Taufe der Anfang einer christlichen Erziehung und für ein Viertel die Aufnahme in die Kirchemitgliedschaft. Das zeigt deutlich, dass es mit der Taufe nicht um eine schöne Familienfeier gehen soll[xix], sondern die Eltern wählen bewusst die Fürsorge und Geborgenheit, die Kirche durch Gott zu bieten hat.

Über 75% der Befragten möchten ihr Kind religiös erziehen und nicht nur auf dem Papier Christen sein.

Den Erziehungsauftrag, den die Eltern mit der Taufe übernommen haben, soll allerdings bei 91% auch die Kirche mit übernehmen. Allerdings möchten 45% der Eltern ihrem Kind auch persönlich antworten können, wenn es Fragen zum Glauben hat. 45% möchten selber unabhängig vom Kinde genauer Bescheid wissen. Hier wird offensichtlich, dass die Eltern sehr großes Interesse an Weiterbildung und Betreuung zeigen.

Auf die Frage, wie diese Betreuung stattfinden soll, entscheiden sich 86% für den Familiengottesdienst und 77% für die per Post zugesandten Briefe. 59% der Eltern wünschen sich Themenabende und 41% würden eine Rüstzeit wahrnehmen. Diese erfreulich hohen Prozentsätze machen sichtbar, dass nicht nur Interesse vorhanden ist, sondern, dass die Eltern auch aktiv werden wollen, indem sie an den Familiengottesdiensten, der Rüstzeit und den Themenabenden teilnehmen.

Ein Ergebnis ist noch erwähnenswert. Die Antwort “Ich bin in der Kirche, weil ich mitarbeiten will“ ist nicht ausgewählt worden, was sich mit der EKD-Studie deckt, in der es heißt, dass die Kirchenfernen kaum Interesse zeigen, sich in die Kirchengemeinde einzubringen.[xx]

2.3. Fazit

Der Blick auf die Mitgliederbefragung der EKD und die Auswertung der Fragebögen zeigt vier Erkenntnisse, die für die konzeptionelle Weiterarbeit wichtig sind.

Erstens sind die Kirchenfernen keineswegs eine Gruppe von Christen, die am Rande existieren und denen Kirche und Glauben gleichgültig ist. Deshalb hat ihre Kirchenmitgliedschaft zukünftig wesentliches zum Gemeindeaufbau beizutragen.

Zweitens ist offenkundig, dass sie an kirchlichen Traditionen festhalten wollen und ihre Kinder durch die Taufe ebenfalls auf diesen Weg bringen möchten. Das hat Auswirkungen auf die Taufe im Gottesdienst und Übergangsritual.

Drittens ist aber auch deutlich geworden, dass sie zu sporadisch an Kirche teilhaben und zu wenig über die Inhalte wissen, um allein die religiöse Unterweisung ihrer Kinder zu gewährleisten. Aus diesem Grund müssen Wege und Möglichkeiten gefunden werden, didaktisch und religionspsychologisch die religiöse Erziehung zu begleiten.

Viertens ist aus der eigenen Umfrage herauszuhören, dass die Befragten Interesse an einem Projekt haben, das als Anleitung und Handreichung dient. Dafür muss praktisch eine Form gefunden werden, die die Möglichkeiten der Eltern nicht übersteigt, aber dennoch die Zeit bis zum Schuleintritt ausfüllt.

3. Kasualien und Gemeindeaufbau

3.1.Grundsätzliches

Es ist deutlich geworden, dass Christsein /Evangelisch Sein heute nicht mehr zwangsläufig voraussetzt, dass man regelmäßig den Gottesdienst besucht, aktiv an gemeindlichen Leben teilnimmt und sich mit der Heiligen Schrift auseinander setzt. Sondern dass Christsein bedeuten kann, dass sich die Mitglieder in verschiedensten Varianten zur Kirche halten und ihr als Institution treu sind und sie nicht missen wollen. Evangelisch sein hat sich gewandelt und die vielen Kirchenfernen, die oben im Blick waren, werden in Zukunft wohl diejenigen sein, die die Zukunft unsrer Kirche gestalten, mit ihnen wird der Bau der Gemeinde stattfinden. Gemeindeaufbau wird zunehmend die Kirchenfernen und ihre ganz eigene Einstellung zu Kirche und Glauben in den Blick nehmen müssen.

Wie umfassend das Thema Gemeindeaufbau ist, zeigt schon die Vielfalt der Konzepte, die in den vergangenen Jahren von zahlreichen Theologen erstellt wurden. Es gibt da Programme, Visionen und Bewegungen, die in den meisten Fällen je ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So unterscheidet Christian Möller[xxi] die Zielrichtung des Gemeindeaufbaus in volkskirchlich oder missionarisch, d.h. innerhalb der Volkskirche die Mitglieder neu für Christus zu begeistern oder missionarisch möglichst viele Menschen für Christus zu gewinnen. Holger Böckel unterscheidet die Typen der Konzepte als konzentrisch mit missionarischem Ansatz, polyzentrisch mit konziliarem Ansatz und monozentrisch mit liturgischen Ansatz.[xxii] Martin Nicol versteht die Gemeindeaufbaukonzepte als unterschiedliche Realisationsebenen. So geht es den kybernetischen Programmen primär um das „wie gehen wir vor?“. Die ekklesiologischen Visionen fragen nach dem „was schwebt uns vor?“ und die alternativen Bewegungen interessiert die Frage „Wer schließt sich uns an?“ Nicol unterstreicht, dass für eine wirklich tragfähige Konzeption alle drei Ebenen zusammenspielen müssen.[xxiii]

Wie gehen wir vor? Diese programmatische Frage muss sich die Kirchengemeinde oder das Kirchspiel stellen. Sie müssen sich eine Konzeption erarbeiten, wie sie Gemeinde bauen wollen. Sie werden entscheiden müssen, worauf die Schwerpunkte gesetzt werden sollen und wie viel davon der Pfarrer[xxiv] und die Mitarbeiter leisten sollen, und wie viel sich der GKR und die anderen Ehrenamtlichen engagieren sollen. Allein wird es den Hauptamtlichen nicht gelingen können, die anstehende gemeindeaufbauende Arbeit zu übernehmen angesichts der sonstigen Aufgaben in immer größer werdenden Pfarrbereichen. Das Konzept muss gemeinsam mit Pfarrer und GKR erstellt werden. Der GKR als Gemeindeleitung muss nach der Konzeptbildung hinter dem Vorhaben stehen, muss um Schwierigkeiten und Zeitaufwand Bescheid wissen. Am Ende der Beratung und Konzepterstellung muss der GKR das Konzept beschließen.

Was schwebt uns vor? Hier wird nach der Vision der Kirche gefragt, es wird herauszufinden sein, wohin die Gemeinde will, was ihre Ziele sind, was eventuell ihr Hauptziel ist. Es wird nicht erfolgreich sein, wenn man alles gleichzeitig und gleich intensiv erreichen will. Es können nicht gleichzeitig alle Kirchen in Schuss gebracht werden, die Arbeit mit Kindern komplett umgekrempelt werden. Dazu sollen gleichzeitig die Gottesdienstarbeit neu strukturiert und mehrere Weiterbildungen angeboten werden. Die Gemeindeleitung muss sich mit dem Pfarrer bei einem Gemeindeaufbaukonzept auf das eine Projekt konzentrieren. Es muss geklärt werden, wie das große Ziel heißt: geistliche Erneuung der Gemeinde oder der alltägliche Gottesdienst, nach außen gehende und missionarisch-evangelisch tätige Gemeinde oder Gemeinde als ein System unter anderen Systemen, die sich im Austausch miteinander empfinden. Oder soll es nur schlicht darum gehen, die Menschen für Christus zu begeistern und an die Kirche heranzuführen.

Wer schließt sich uns an? Es müssen Menschen gewonnen werden, die sich für eine bestimmt Zeit in die Arbeit einbinden lassen. Manchmal finden sich außerhalb der Kerngemeinde und des GKR Menschen, die sich zeitlich begrenzt engagieren wollen. Ihnen muss die Sache schmackhaft gemacht werden, sie müssen eingeladen werden mitzuarbeiten, sie müssen von Programm und Vision überzeugt werden. Die Arbeit mit den Ehrenamtlichen kostet Zeit und Mühe, oft scheint es, dass man ohne die Ehrenamtlichen schneller vorwärts kommt. Allerdings ist es physisch, psychisch und kybernetisch -langfristig gesehen- keine kluge Entscheidung, alle Arbeit bei den Hauptamtlichen zu belassen.

Wie ein Konzept für eine Gemeinde auszusehen hat, muss also vor Ort je von der Gemeindeleitung erarbeitet werden. Für die vorliegende Arbeit soll kein Gemeindeaufbaukonzept erstellt werden, aber das Projekt für die Betreuung der kirchenfernen Taufeltern wird mit in den Gemeindeaufbau unserer Gemeinde hineinspielen. So ist die Taufe ein Eckpfeiler für neuerlichen Aufbau von Gemeinde in dieser besonderen säkularen Gegend Ostdeutschlands und die Begleitung der Kinder und Eltern nach der Taufe ein Weg, Gemeindeglieder für Christus zu begeistern und das Evangelium zu verkündigen. Taufe also als missionarische Gelegenheit?

3.2. Taufe – eine missionarische Ungelegenheit

Nun sahen und sehen das bei weiten nicht alle Theologen so. Was heute durchaus als wegweisend gilt, nämlich die Kirchenfernen in die Gemeinde einzugliedern und Achtung zu haben vor dieser anderen Frömmigkeit, war es in den sechziger Jahren noch Thema großer Diskussionen. Immer wieder noch erwogen, auch um weiterhin den Blick auf das, was Christus will, auf das, was der rechte Weg der Kirche ist, wird der Aufsatz von Rudolf Bohren in erster Auflage aus dem Jahre 1965. Bohren meint, die Kasualien seien keine missionarische Gelegenheit und gehören von Natur aus nur in das Leben eines Christen, der teilhat am gemeindlichen Leben und an der Christusgemeinschaft.

Aber schon 1905 diagnostizierte Niebergall das, was wir heute an Hand der Demoskopien nachweisen können, dass nämlich viele Menschen durch die Predigt nicht mehr erreicht werden, weil sie einfach nicht mehr zum Gottesdienst kommen. Ebenfalls wird festgestellt, dass die Teilnahme an Amtshandlungen aber unter keinen Umständen aufgegeben werden will. Während dieser Kasualien kommen Menschen unter das Wort, die man als Pfarrer sonst nie erreichen würde. Hier sieht Niebergall die Chance, das Evangelium denen zu verkündigen, die es eigentlich nicht wirklich von sich aus hören wollen, sondern nur der Einladung zur Kasualie gefolgt sind. „Die Kasualreden sind die vorgeschobenen Posten der Kirche,… in das … Land der Gleichgültigkeit und Gegnerschaft.“[xxv] Es werden mit der Kasualpraxis entkirchlichte Kreise erreicht, die der Sonntagspredigt nicht mehr zugänglich sind. Man könnte die Kasualien als eine große Gelegenheit bezeichnen, seelsorgerlich und missionarisch wirksam zu werden. Das Evangelium dem Einzelnen zu verkündigen, ist Sorge an der Seele dieses Menschen und ist damit Mission. Oder anders: Sieht man die Kasualie als missionarische Chance für den einzelnen Kirchenfremden, dann ist das Seelsorge an ihm. M. E. kann man Mission und Seelsorge nicht voneinander trennen. Das Evangelium zu verkündigen, heißt Mission zu betreiben – in welchen Umfang auch immer. Und dieses missionarische Treiben ist das Sorgen um die Seele desjenigen, der sich unter das Wort Gottes setzt, aus welchen Grund auch immer.

[...]


[i] Albert Biesinger, Kinder nicht um Gott betrügen, Freiburg, 1994.

[ii] Wilhelm Rothfuchs: Didaktik missionarischer Gespräche mit Zeitgenossen in: Kirchenferne auf Gottes Nähe aufmerksam machen, Chancen für Mission in Deutschland, Heft 35 Oberurseler Hefte: Studien und Beiträge für Theologie und Gemeinde, Hrsg. Volker Stolle, Oberursel 1998 S. 9ff.

[iii] „Motive zum Kircheneintritt in einer ostdeutschen Großstadt“ Heidelberg 1997.

[iv] Ders. S. 165 ff.

[v] Rothfuchs, a.a.O. S. 13.

[vi] Rothfuchs, a.a.aO., S. 14

[vii] Fremde Heimat Kirche: Ansichten ihrer Mitglieder ; erste Ergebnisse der dritten EKD-Umfrage über Kirchenmitgliedschaft, Trägerinnen der Untersuchung: Evangelische Kirche in Deutschland, Hannover 1993, S.3ff.

[viii] www.ekd.de/EKD-Texte/2064_kmu_4_ekd.html. 4.4.2005.

[ix] Ebenda.

[x] Fremde Heimat Kirche, a.a.O. S. 24ff.

[xi] Ebenda S. 16.

[xii] Friedrich Schweitzer, Lebensgeschichte als Thema von Religionspädagogik und Praktischer Theologie: PTh 83, Göttingen 1994, S. 403.

[xiii] Fremde Heimat Kirche, a.a.O. S. 10.

[xiv] Ebenda S. 16.

[xv] Eberhardt Winkler, Tore zu Leben. Taufe- Konfirmation –Trauung -Beerdigung, Neukirchen-Vluyn 1995, S. 11.

[xvi] Fremde Heimat Kirche, a.a.O. S. 18.

[xvii] Fremde Heimat Kirche, a.a.O., S. 21.

[xviii] Leider ist hier nicht Ort und Zeit, darüber zu forschen, was der Ausschlagspunkt war

[xix] Nur eine Antwort war dementsprechend.

[xx] Fremde Heimat Kirche, a.a.O., S. 16.

[xxi] Christian Möller, Lehre vom Gemeindeaufbau, Bd. 1 Göttingen 31991, S. 26.

[xxii] Holger Böckel, Gemeindeaufbau im Kontext charismatischer Erneuerung, Leipzig 1999, S. 28 ff.

[xxiii] Martin Nicol, Grundwissen Praktische Theologie: ein Arbeitsbuch, Stuttgart, 2000, S. 21.

[xxiv] In dieser Arbeit wird der Begriff Pfarrer verwendet. Die Formulierung ist geschlechtsneutral. Aus Gründen der Lesbarkeit wähle ich im Folgenden die männlichen Formen und schließe damit auch die weiblichen Formen mit ein.

[xxv] Friedrich Niebergall, Die Kasualrede, Leipzig 1905, S.27.

Details

Seiten
48
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638457453
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49250
Institution / Hochschule
Evangelisches Predigerseminar Wittenberg
Note
1,3
Schlagworte
Begleitung Eltern Taufkindern Blick Gemeindeentwicklung Kirchenprovinz Sachsen Beispiel Kirchspiels Schenkenberg

Autor

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Titel: Begleitung kirchenferner Eltern von Taufkindern mit Blick auf die Gemeindeentwicklung in der Kirchenprovinz Sachsen am Beispiel des Kirchspiels Schenkenberg