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Koedukative Erziehung: Geschlechtsspezifische Sozialisation im gesellschaftlichen Wandel

Seminararbeit 1998 13 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entwicklung bis 1945

3. Entwicklung in der BRD

4. Entwicklung in der DDR

5. Erfolg der Koedukation in Ost oder West

6. Stand der Koedukation-Monoedukation in Deutschland
6.1 Allgemeines
6.2 Einzelne Befunde

1 Einleitung

Die Wiedervereinigung der 40 Jahre getrennten zwei deutschen Staaten wirkte sich unter anderem stark auf die bis dahin stattfindende Diskussion über koedukative Ausbildung in deutschen Schulen aus. Zum einen wurde das Diskussionsforum um die koedukativen Erfahrungen der ehemaligen DDR bereichert, zum anderen wurde die Lehrstruktur der neuen Bundesländer zum ersten mal mit dieser Diskussion konfrontiert. Die bedeutet nicht, daß die Lehrkräfte der ehemaligen DDR bisher keine Meinungen zu der Problematik der gleichgeschlechtlichen Ausbildung hatten. Vielmehr galten im sozialistischen Staat DDR diese Probleme als gelöst und nicht diskutierenswert. Dementsprechend wenige Daten bzw. Untersuchungen zu dieser Problematik gibt es dazu aus dem Gebiet der neuen Bundesländer. Sicherlich ist es auch schwierig von heutigen Umständen auf die Gleichberechtigung in den Politechnischen Oberschulen ( POS ) und Erweiterten Oberschulen ( EOS ) zu schließen. Viele Grundlagen dieser modernen Studien, so z.B. Berufswahl der Mädchen oder Frauenpositionen in Regierung und Betriebsleitung, wurden wesentlich vom politischen System und Rollenverständnis beeinflußt. Dennoch wird in dieser Ausarbeitung versucht, einen kritischen Vergleich dieser beiden deutschen Staaten unter Berücksichtigung aktueller Studien zu ziehen. Eine anschließende Betrachtung der derzeitigen Ausbildungssituation im deutschsprachigem Raum soll diesen Bericht abrunden und eine eventuell vorhandene Tendenz in der Entwicklung aufzeigen.

2 Entwicklung bis 1945

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Schulbildung in Europa nicht nur abhängig vom Geschlecht, sondern vielmehr auch von Stand in Gesellschaft und Besitztum der Eltern. Daraus entwickelten sich die ersten Schulen speziell für Mädchen. Der Versuch des gehobenen Bürgertums seinen weiblichen Nachkommen eine höhere Schulbildung angedeihen zu lassen sollte den zukünftigen Frauen eine weitere Möglichkeit in der Berufswahl geben. Desweiteren stand aber auch die Erziehung einer zukünftigen Ehefrau und Mutter im Mittelpunkt des Unterrichts. So wurden die Mädchen nicht nur in z.B. Pädagogik unterrichtet, sondern auch in Fächern wie Handarbeit, Kinderbetreuung oder Hauswirtschaft. Diese Fächer beruhten zum Großteil auf dem traditionellen Rollenverständnis und der Auszubildenden Bevölkerungsschicht. Das Mädchen eines Arbeiters erlangte die notwendigen Haushaltskenntnisse durch die Mithilfe in der Familie. Eine höhere Bildung konnte, selbst bei besten geistigen Voraussetzungen, nicht erlangt werden. Es mangelte nicht nur an Geld, sondern die lebenslange Unterstützung der Familie war dringender als eine höhere Bildung. Reichere Familien nutzten in dieser Zeit ein Haus- oder Kindermädchen. Häusliche belange der Mütter bestanden mehr in der Koordination der Tätigkeiten als in deren Ausführung. Die Ausbildung der Jungen in Kadettenschulen zu Männern war allgemein üblich. Eine höhere Schule für Mädchen mit den entsprechenden Fächern war zu dieser Zeit die logische Konsequenz um eine Frau auf die von der höheren Gesellschaft bestimmte Rolle vorzubereiten. Damit wurde auch der entstehenden Frauenbewegung Rechnung getragen, welche zu diesem Zeitpunkt immer lauter eine bessere Möglichkeit der Entfaltung der Persönlichkeit von Frauen forderte. Mit einem höheren Schulabschluß war es den Frauen des gehobenen Bürgertums möglich selber Berufstätig zu werden und Unabhängigkeit zu erlangen. Allerdings wurde die Rolle der Hausfrau und Mutter in wohlhabenden Familien immer noch bevorzugt. Hier verweise ich darauf, daß dies die Entstehungszeit des Marxismus- Leninismus war. Karl Marx verbrachte einen nicht geringen Zeitraum in rein kapitalistischen Systemen wie England. Das in dieser Zeit veröffentlichte Manifest der Kommunistischen Partei diente der späteren DDR als eine der Grundlagen für ihre Bildungspolitik.

Nachdem 1908 durch den preußischen Ministererlaß die Mädchenschulen den öffentlichen Knabenschulen gleichgestellt wurden, konnten Mädchen nun die allgemeinen Hochschulreife erwerben. Damit war der Weg an die Universitäten des Landes auch für Frauen frei. Bis 1931/32 bestand der Abiturjahrgang bereits aus etwa 27 %. Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich nicht nur das allgemeine Wahlrecht zu Gunsten der Frauen, auch die Arbeiterklasse ermöglichte ihren Kindern zumindest eine minimale Ausbildung. Die Industrialisierung und die damit verbundene Fachausbildung der Arbeiter machte spezielle Berufsschulen notwendig. Da immer mehr Frauen für den Erwerb in der Familie mitarbeiteten mußten sie ebenso wie die Männer eine entsprechende Schule besuchen. Hier unterschieden sich allerdings wieder höhere Schulen und Schulen, welche dazu dienten eine Person für die Arbeit zu qualifizieren. In höheren Schulen galt weiterhin Bildung statt Beruf[i]. In den niederen Schulen stand die Bildung für den Beruf im Mittelpunkt. Ein reicheres Mädchen mußte primär lernen Hausfrau und Mutter zu sein. Ein Arbeiterkind lernte im Einzelhandel zu arbeiten oder wurde im günstigen Fall Lehrerin.

Die Entwicklung in der BRD

Sowohl im Grundgesetz der BRD wie in der Verfassung der DDR war die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft festgelegt. Allerdings war die Rolle der Frau in Arbeit und Haushalt in der BRD lange Zeit nicht eindeutig zu erkennen. Erst mit der Reform des Ehe- und Familienrechtes 1976 wurde erklärt, daß alle Familienmitglieder berechtigt sind ( mit Rücksicht auf die Familie ) erwerbstätig zu sein.

Die Bildungspolitik des Landes orientierte sich in den ersten 10 Jahren stark an dem Modell der Weimarer Republik. Mädchen wurden in getrennten Schulen zur Hochschulreife geführt und der Ausbildungsschwerpunkt lag unter anderem in Haushaltsfächern. Die zukünftigen Ehefrauen sollten in der Lage sein neben einer eventuellen Arbeit ihre Familie zu versorgen, die Kinder zu erziehen.

Da sich aber in den 70`Jahren ein Trend zur gymnasialen Ausbildung abzeichnete war es unabdingbar für Mädchen eine den Jungen vergleichbare Qualifikation zu ermöglichen. Dieser Abbau der Bildungsbarrieren führte dazu, daß es seit den 80`ziger Jahren keine spezielle und separaten Mädchenschulen mehr gab. Diese Zeit könnte als Beginn der eigentlichen koedukativen Ausbildung in der BRD gewertet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiterhin fanden mehrere Modellversuche “Zur Erschließung gewerblich- technischer Berufe für Mädchen” statt. Damit sollte versucht werden, Mädchen eine Gelegenheit zum Einstieg in technische Berufe zu geben. Diese Versuche fanden aber so wenig Anklang, daß sie einige Jahre später meist eingestellt wurden. Die Mädchen dieser Zeit bevorzugten die traditionell weiblichen Berufe.

Seit Ende der 80`ziger Jahre hat sich die Diskrepanz zwischen traditionell weiblichen Berufen und die von den Mädchen gewählten Fächern verschärft. Das Bildungssystem der BRD ermöglichte in seiner neuen Struktur das Mädchen, durch Elternhaus und Umfeld beeinflußt, unliebsame Fächer wie Physik oder Computertechnik auswichen. Dieses Desinteresse in Verbindung mit einem “Minimalwissen” dieser Fächer erschwerte und erschwert den heutigen Absolventinnen den Einstieg selbst in frauentypische Berufe. Kaum eine Frau ohne Computerkenntnisse wird einen Beruf als Sekretärin ausüben können. Auch z.B. Sozialarbeiter ohne eine Computeranlage sind undenkbar. Oder wie soll eine allein erziehende Mutter ihrem Sohn bei den Mathematikaufgaben helfen, wenn das Thema Mathematik/Physik in ihrer Schulzeit nur eine sekundäre Rolle spielte ?

Damit ist trotz Koedukation in den letzten Jahren eine Benachteiligung gegenüber der Männerwelt gegeben. Gleichberechtigung in der Schule mit der Möglichkeit eine typische Frau zu werden. Mangelnde Qualifikation im Arbeitsleben als Resultat des in der Jugend ausgelebten traditionellen

Rollenverständnisses.

3 Entwicklung in der DDR

In der DDR wurde der Stellenwert von Beruf und Frau anders als im deutschen Nachbarland definiert. Ausschlaggebend war die These von Clara Zetkin, daß Frauen nur durch ihre eigene Erwerbstätigkeit gleichberechtigt und unabhängig sein können. Deshalb war die sozialistische Frau nicht nur Ehefrau und Mutter, sondern auch Arbeiter. Die Führung der DDR vertrat die im “Manifest der kommunistischen Partei” festgelegte Meinung, daß die Gleichberechtigung der Frau erst erreicht werden kann, wenn die Unterdrückung der Arbeiterklasse beendet, d.h. Männer und Frauen befreit sind. Dann sei es möglich die Frau vom Herd loszueisen. Dieses Rollenbild konnte nur mit einer koedukativen Ausbildung einhergehen. Denn nur gleiche Ausbildung schafft die Möglichkeit gleiche Berufe zu ergreifen. Damit auch ein Kind kein Hindernis darstellte wurde ein weites soziales Netz geschaffen. Kostenfreie Kindertagesstätten für jedes Kind unter dem Schulalter. Später nach der Schule eine Kostenfreie Betreuung der Kinder in einem schuleigenen Hort. Waren in der Bundesrepublik nur etwa 50 % aller Mütter berufstätig, waren es auf dem Gebiet der DDR über 90 %.

Das Bildungssystem der DDR war dementsprechend über den gesamten Zeitrauch ihres Bestehens

weitgehend stabil. Jungen und Mädchen besuchten seit der Kindergrippe alle Bildungs- einrichtungen gemeinsam. Der Lehrplan sah für alle gleich aus. Leistungskurse gab es nicht. Waren Schüler in einem Fach besonders gut und interessiert wurden sie auf eine Spezialschule

( z.B. Physik ) delegiert. Dies war aber nur ein verschwindend geringer Anteil. Wurde in den höheren Klassenstufen eine Schulklasse zur Praktischen Arbeit in einem Betrieb eingeteilt verrichteten Mädchen meist die gleiche körperliche Arbeit wie die Jungen. Demzufolge erlangten Jungen und Mädchen den gleichen Anteil Wissen in jedem Fach. Gleiche Voraussetzung für Studium und Beruf.

Bedingt durch diese Erziehung änderte sich auch die Einstellung der Einwohner der DDR gegenüber weg vom traditionellen Rollenverständnis. Frauen waren nicht nur Hausfrau und Zuverdiener, sondern sie verdienten einen bedeutenden Anteil am Familienbudget. Das Familieneinkommen wurde von beiden Ehepartnern entsprechend ihrer Qualifikation und Arbeitsstelle zusammengesetzt. Wie sehr dieses Modell der Arbeitenden, gleichberechtigten Frau akzeptiert wurde zeigen Untersuchungen zur Einstellung der Eltern zur Geburt eines Kindes. In der DDR fanden ca. 85 % der Eltern einen kurzen Mutterschafts- und Erziehungsurlaub positiv. In der BRD sprachen sich nur ca. 15 % dafür aus. Die meisten erwägten sogar die Verlängerung des Erziehungsurlaubes oder die Berufsaufgabe.

Doch obwohl die Gleichberechtigung seit Einführung der Verfassung der DDR gewährleistet war, konnten sich die Bürger der DDR nicht gänzlich von alten Rollenvorstellungen trennen. So waren auch hier die üblichen Beispiele im Unterricht:

Quellen:

[...]


[i] Hille, B. (1992). Mädchenbildung in Deutschland unter dem Einfluß unterschiedlicher Systembedingungen. In K.F. Wessel & H.A.G. Bosinski (Hrsg.), Interdisziplinäre Aspekte der Geschlächterverhältnisse in einer sich wandelnden Zeit ( S.203-215). Bielefeld: Kleine - Hempel, M. (1995), Chancengleichheit von Mädchen und Jungen in der Schule ? Pädagogik und Schulalltag, 50 (2), S.242-255

Details

Seiten
13
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638130066
ISBN (Buch)
9783638746069
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4924
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Psychologie
Note
Schlagworte
Koedukative Erziehung Geschlechtsspezifische Sozialisation Wandel Seminar Koedukation

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