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Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis

von Claudia Felsch (Autor) Simona Pietruschke (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 38 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Definitionsversuche
1.1 Gedächtnis
1.2 Kultur
1.3 Erinnern und Vergessen
1.4 Sprache und Schrift
1.5 Kanon

2 Forschungsansätze aus der Vergangenheit
2.1 Emile Durkheim
2.2 Henri Bergson
2.3 Maurice Halbwachs’ Gedächtniskonzept
2.4 Jan Assmanns Gedächtniskonzept

3 Das Gerücht als ein Kommunikationsmittel
3.1 Medium der Kommunikation
3.2 Geschichten und Gerüchte
3.2.1 Kommunikatives Gedächtnis
3.2.2 Versuch der Definition des Gerüchts
3.2.3 Soziale Erinnerung
3.3 Verbreitung
3.3.1 Vertraulichkeit
3.3.2 Verbreitung durch Medien
3.3.3 Glaubwürdigkeit der Quellen
3.4 Akt des Erzählens und des Zuhörens
3.4.1 Funktion von Geschichten für die soziale Gruppe
3.4.2 Formen des Gerüchtes
3.5 Der Reiz am Klatsch

Schluss/Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Begriffe des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses haben eine neue Bedeutung erlangt. In der nachfolgenden Arbeit wollen wir in Ansätzen zeigen, welches Ausmaß diese Aktualität des Forschungsbereichs Gedächtnis annimmt.

Zunächst haben wir für ein besseres Verständnis der Thematik versucht, wesentliche Begriffe zu klären. Hierbei ist anzumerken, dass das Wort Definitionen in der Überschrift als Begriffsklärung gebraucht wird, und keine exakte und vollständige Definition in dem Sinne darstellt.

Darauf aufbauend soll das zweite Kapitel Einblicke in die Forschungsansätze der Gedächtnistheorie einiger berühmter Soziologen geben.

Abschließend soll das Gerücht auf das Thema angewendet werden. Es steht in direkter Verbindung mit dem menschlichen Kommunikationsmittel Sprache. So ist es durchaus als ältester Rundfunk oder erstes Massenmedium anzusehen.

Unser Forschungsgegenstand erstreckt sich also rund über das kommunikative und kulturelle Gedächtnis.

Wir haben versucht, eine Analyse der Thematik vorzunehmen. Damit tritt neben die Frage nach dem Was der Erinnerung die Frage nach dem Wie. Welche Rolle spielt die Erinnerung bei der Herausbildung gesellschaftlicher Identitäten? Welche Formen kultureller Erinnerung gibt es und wie werden sie organisiert?

In der vorliegenden Arbeit unternahmen wir den Versuch der Klärung dieser Fragen.

Es ist zu betonen, dass die Analyse eines derart komplexen Themas nur einen Streifzug dessen darstellen kann, was es wirklich beinhaltet, wobei es schon fast unmöglich ist zu entscheiden, wo die Grenzen zu setzen sind und wie groß dieser Inhalt ist.

Das Thema dieser Arbeit hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt unzählige Bereiche, die hier aus inhaltlichen und formalen Gründen keine Beachtung finden können. Grenzen innerhalb des Themas können nicht gezogen werden, da sich nahezu alle Bereiche überschneiden und ein Bereich ohne den anderen nicht existiert.

1 Definitionsversuche

1.1 Gedächtnis

Eine exakte, alles umfassende wissenschaftliche Definition für das Gedächtnis existiert nicht.

Es gibt verschiedene Arten von Gedächtnis, denen Eigenschaften zugeordnet werden; oder es kann die Funktionen dieser unterschiedlichen Arten von Gedächtnis in unserem Gehirn bezeichnen, wie beispielsweise Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, die Gehirnforscher als solche festgelegt haben; des Weiteren können die von einigen Sozialwissenschaftlern benannten Begrifflichkeiten gemeint sein, die sich auf Vergangenheit und Gegenwart beziehen und die Gesellschaft als Bezugspunkt hat.

Was wir ganz sicher wissen, ist, dass Gedächtnis die Fähigkeit ist, durch welche es uns möglich ist, mit Hilfe des Erinnerns und Vergessens bestimmter Geschehnisse aus dem Alltag eine Sinnwelt aufzubauen. Wir können ohne Übertreibung sagen, dass bei komplexen Wahrnehmungen unser Gedächtnis das wichtigste Wahrnehmungsorgan ist. (Roth, 2003, S.84)

Die Gegenstände dieses Erinnerns und Vergessens bestimmen und beeinflussen das kollektiv geprägte Gedächtnis einer Gesellschaft. Dieses Kollektivgedächtnis ist eine Ansammlung von individuellen Gedächtnissen, die zu einem Ganzen verschmelzen.[1]

Was das individuelle Gedächtnis inhaltlich aufnimmt, wie es diese Inhalte organisiert und wie lange es was behält, ist im weitesten Sinne eine Frage gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbedingungen.

Das Gedächtnis einer Kultur reicht etwa drei bis vier Generationen weit in die Vergangenheit zurück. Ihr Erinnerungshorizont wandert mit den Generationen mit.[2] Assmann bezeichnet diese Form der Erinnerung als kommunikatives Gedächtnis. Den Begriff des kulturellen Gedächtnisses, also durch Kommunikation vergegenwärtigte Vergangenheit, stellt er dem kommunikativen Gedächtnis gegenüber. Das kollektive Gedächtnis beinhaltet das kommunikative und kulturelle Gedächtnis. (Bolten & Ehrhardt, 2003, S. 61-65)

1.2 Kultur

Schaut man im Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache unter Kultur nach, findet man Definitionen, wie Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Errungenschaften einer Gesellschaft; [… ]; Anbau und Aufzucht von Pflanzen; […]; [und] geistige und seelische Bildung [beziehungsweise] verfeinerte Lebensweise, Lebensart; […]“.[3]

Kultur ist ursprünglich ein Begriff aus der Landwirtschaft. Cultura kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet zunächst den Landbau und später die Pflege von Körper und Geist. Daraus hat sich die heutige Bedeutung von Kultur entwickelt – sowohl die Ganzheit aller menschlichen Schöpfungen im Gegenstück zur Natur als auch die geistige und seelische Bildung. Der landwirtschaftliche Aspekt findet sich in Begriffen wie Monokultur für den Anbau nur einer Pflanzenart auf einer Fläche wider. Dementsprechend bezeichnet Wohnkultur den Geschmack bei Ausstattung und Pflege der Wohnung. Das Kultusministerium schließlich ist das Fachressort für kulturelle Angelegenheiten.[4]

Eine Kultur bildet sich heraus, indem sich Individuen zu einer Großgruppe vereinigen. Dies geschieht in zwei Richtungen. Auf sozialer Ebene besteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe von Zeitgenossen untereinander, insbesondere gekennzeichnet durch den jeweiligen Rollentausch. Auf der historischen Ebene existiert das Verbundenheitsgefühl mit früheren Generationen, den jeweiligen Vorfahren. Jeder befindet sich innerhalb einer Vielzahl solcher Gruppen.

Eine Kultur wird durch rituelle Formung meist innerhalb der Gruppen erhalten. Die Angehörigen dieser Kultur wiederholen diese Riten und Gebräuche ihrer Vorgänger in ihren (mündlich) überlieferten Formen. (Welzer, 2002, S. 22)

1.3 Erinnern und Vergessen

Vergangenheit wird nicht als solche bewahrt, sondern von den sich wandelnden Bezugsrahmen der fortschreitenden Gegenwart her reorganisiert. (Assmann, 1992, S.52)

Erst durch Kommunikation und Interaktion mit der sozialen Gruppe sind wir in der Lage uns an Dinge zu Erinnern. Dabei erinnern wir uns nicht nur an Dinge, die uns andere erzählt haben, sondern auch an solche, die uns von anderen als bedeutsam bestätigt und reflektiert wurden.

Während Gedächtnis und Erinnerung eng zusammen gehören, wird Vergessen definiert als Informationsverlust nach erfolgtem Lernen eben dieser Information. (Lefrancois, 1972, S.163)

„Ein Mensch – und eine Gesellschaft – sind nur das zu erinnern imstande, was als Vergangenheit innerhalb der Bezugsrahmen einer jeweiligen Gegenwart rekonstruierbar ist. Es wird genau das Vergessen, was in der Gegenwart keinen Bezugsrahmen mehr hat.“ (Fraas, 2000, S. 36)

1.4 Sprache und Schrift

Wieso spricht der Mensch? Wenn es nach der Bibel geht, ist der Ursprung der Sprache göttlicher Natur: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort."

Seit Mitte dieses Jahrhunderts rückt insbesondere die Sprache ins Zentrum der Analyse. Es ist ein Synthesebegriff für ein Kommunikationsmittel zum Austausch und Bewahren von Gedanken, Ideen und Informationen. Sprache ist zum einen die allgemeine menschliche Fähigkeit der Sprachbegabung. Des Weiteren ist sie Laut- und Zeichensystem einer bestimmten Menschengruppe beziehungsweise einer Sprachgemeinschaft. Sie bezeichnet auch den Sprachbesitz sowie Sprachgebrauch eines bestimmten Individuums, und außerdem werden Aussprache und Klangbild der Sprache eine bedeutende Rolle zugesprochen.

Die Sprache ist ein System von Zeichen für Begriffe und Gegenstände und ein System von Regeln für die Kombination dieser Zeichen. In erster Linie stellt die Sprache Sachverhalte mit Hilfe von Zeichen dar, die keine Ähnlichkeit mit diesen haben. Im Hinblick auf den Menschen als Sender und Empfänger von sprachlichen Äußerungen dient die Sprache der Mitteilung. Eine Mitteilung ist aber nur möglich über die Repräsentation, dass die sprachlichen Äußerungen für den Sender und den Empfänger das Gleiche bedeuten.

Alle Einzelsprachen verändern sich im Lauf ihrer Geschichte. Die Veränderung betrifft Lautstand, Wortschatz, Morphologie und Syntax. Veränderungen des Wortschatzes sind am häufigsten, auffälligsten und am leichtesten zu erklären durch veränderte Kulturbedingungen.

Sprache ist keine Fähigkeit des Einzelnen, sondern gemeinsam hergestellte Handlungspraxis.

Mit der Erfindung der Schrift als neuem Medium entstand eine stabilere Form der Tradierung des kulturellen Wissens. Aus dem bisher rituellen wird ein textueller Zusammenhang. Das Vergangene wird jetzt nicht mehr bloß wiederholt, sondern auch vergegenwärtigt. Dies wurde durch eine strenge Auswahl und Tradierung von angesehenen Texten möglich.

Die Schrift ist ein System von Zeichen, die Begriffe oder Laute zum Zweck der Informationsvermittlung oder -aufbewahrung sichtbar machen. Vorstufen der Schrift finden sich in Felsmalereien und Felsritzungen schon in der Altsteinzeit.

Heute erhöhen vor allem die digitalen Medien die Möglichkeit, kulturelle Überlieferungen einer Vielzahl von Menschen weltweit näher zu bringen.

Im zweiten Jahrtausend vor Christus erfanden Semiten im Vorderen Orient die Buchstabenschrift . Darin entspricht im Wesentlichen ein Zeichen einem Laut. Die Buchstabenschrift kommt mit wenigen Dutzend Zeichen aus, während Begriffs-, Wort- und Silbenschriften Hunderte bis Tausende von Zeichen umfassen. Die ursprüngliche semitische Schrift bezeichnete nur die Konsonanten. Die Griechen übernahmen die semitischen Buchstaben und fügten ihnen Zeichen für Vokale hinzu. Von den Griechen gelangte die Buchstabenschrift nach Italien und wurde von da aus zur Grundlage der heutigen europäischen Schriften. (Brockhaus, 2003, S.911)

1.5 Kanon

Der Kanon ist ein Phänomen, das in der Literaturwissenschaft vermehrt Beachtung findet. Was ist ein Kanon, wie entwickelt er sich, welche Funktionen übernimmt er?

Kanon kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt gerade Stange, Richtscheit, Lineal. Im übertragenen Sinne bildet es den Maßstab oder das Vorbild korrekten Handelns. Der Kanon als Idee eines heiligen Traditionsgutes ist hochverbindlich, unantastbar, autoritär und unveränderbar. „Der Kanonbegriff hat das Instrumentelle verloren und sich dafür mit den Kategorien der Normativität, Wertbezogenheit und Allgemeinverbindlichkeit angereichert.“ (Assmann, 1992, S.115)

Kanonische Texte, auf die wir hier hinaus wollen, sind nicht fortschreibbar und verlangen eine wortlautgetreue Überlieferung. Sie verkörpern die Werte einer bestimmten Gesellschaft und sollen in die gelebte Wirklichkeit umgesetzt werden.

Das zentrale Prinzip kanonischer Wissensüberlieferung ist die Deutung. „Kanonische Texte können nur in der Dreiecksbeziehung von Text, Deuter und Hörer ihren Sinn entfalten.“ (Assmann, 1999, S.95)

2 Forschungsansätze aus der Vergangenheit

2.1 Emile Durkheim

Emile Durkheim ist am 15.04.1858 im damaligen Lothringen zur Welt gekommen. Sein bedeutendstes Ziel war es, eine allgemeine Theorie des Sozialen zu erarbeiten.

Durkheim trennte die kollektiven Phänomene von den individuellen Erscheinungen und bestimmte das Kollektivbewusstsein als Maßgabe für die Integration einer Gesellschaft. Denn jene zählte nach Durkheim als eine eigenständige Kategorie. Die Theorie des Kollektivbewusstseins stellte für ihn die wichtigste soziologische Kategorie dar, da er das Verhalten des Einzelnen in der Gesellschaft von einem allgemeinen Kollektivbewusstsein bestimmt sah. (Brockhaus, 2003, S.251)

Durkheim „betrieb die soziologische Betrachtung als streng empirisch ausgerichtete Methode“.[5]

Für Durkheims Gesellschaftsauffassung ist der Begriff der Solidarität von Bedeutung. Die Arbeitsteilung dient der Erhaltung der Solidarität.

Durkheim trug dazu bei, dass sich die Soziologie als eigenständige Fachwissenschaft etablieren konnte. Er zählt zu den großen Klassikern der Soziologie. (Hillmann, 1994, S.165)

Durkheim starb am 15.11.1917 in Paris.

2.2 Henri Bergson

Henri Bergson wurde am 18. Oktober 1859 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren. Nach dem Abschluss seines Studiums der Philosophie unterrichtete Henri Bergson zunächst als Gymnasiallehrer, danach als Professor für Philosophie am Collège de France.[6]

Henri Bergson war gegen jegliches Verstandesdenken aber für die Intuition, da der Verstand nach der Meinung von Bergson mit seiner Begrifflichkeit und seinen räumlichen Anschauungsformen das richtige Leben nicht zeigt, wie es wirklich ist. Es gibt keine festen Begriffe für das Leben als schöpferisches Geschehen. Menschliche Existenz ist für ihn nur in der Kontinuität subjektiv erfahrener Zeit erfassbar. Seine Philosophie ist ein Protest gegen das materialistisch-mechanische Weltbild seiner Zeit und gegen eine verdinglichende Gottesvorstellung.

Für Schöpferische Entwicklung erhielt er 1927 den Literaturnobelpreis.

Bergson starb am 4. Januar 1941 in Paris. Sein Denken beeinflusste nachhaltig die französische Philosophie und Literatur bis hin zum Existentialismus.[7]

2.3 Maurice Halbwachs’ Gedächtniskonzept

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs, geboren 1877 in Reims bei Paris, gestorben am 15. März 1945 als politischer Gefangener im Konzentrationslager Buchenwald, gilt als Vater der Theorie des kollektiven Gedächtnisses, dem mémoire collective, welches er in den zwanziger Jahren entwickelt hat. (Hillmann, 1994, S.317) Diese Gedächtnistheorie hat den Vorteil, dass sie zur gleichen Zeit eine Vergessenstheorie ist.

Er versucht in diesem Ansatz eine Verknüpfung des Körper-Geist-Gegensatzes von Bergson mit der Gegenüberstellung von individuellen und kollektiven Repräsentationen, wie sie Durkheim durchführte.

[...]


[1] http://seminare.design.fh-aachen.de/mind/discuss/msgReader$218

[2] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/ausblick/kult_gedaechtnis.htm

[3] http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=Suche&SEARCHTYPE=topic&query=kultur

[4] http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=InfoContainerPrintArticle&MENUID=40%2C156%2C538%2C547&OCCURRENCEID=WD001GW00054611.WD001SDTPB0111.5000065.full

[5] http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=InfoContainerPrintArticle&MENUID=40%2C156%2C538%2C547&OCCURRENCEID=SL0011726208.SL0011726208.5000065.full

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Bergson

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Bergson

Details

Seiten
38
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638457279
ISBN (Buch)
9783638660280
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49218
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Kommunikatives Gedächtnis Kulturelles

Autoren

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Titel: Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis