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Der Holocaust im kollektiven Gedächtnis Amerikas - zu den Thesen von Peter Novick

Seminararbeit 2005 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der methodische Rahmen

3 Das Schweigen in der Kriegszeit

4 Der Kalte Krieg

5 Das Holocaustparadigma der Übergangszeit

6 Die Universalisierung des Holocaust

7 Novicks Kritiker

8 Schlussbemerkung

Literaturliste

1. Einleitung

Peter Novick, inzwischen emeritierter Professer für Geschichte an der Universität Chicago, veröffentlichte 1988 das Buch »That Noble Dream«, in dem er sich mit dem Problem der historischen Objektivität befasste. Die These lautete, dass die Darstellung und Interpretation historischer Ereignisse sowohl von politischen und intellektuellen Trends, als auch von geschichtswissenschaftlichen Paradigmenwechseln beeinflusst wird. Das heißt, dass eine Rekonstruktion der Vergangenheit, der Geschichte, immer von bewussten oder unbewussten Interessen der Gegenwart, von aktuellen wissenschaftlichen Methoden mitbestimmt ist, von Faktoren also, die dem historischen Ereignis selbst äußerlich sind.[1]

Insofern ist es ihm »eine Binsenweisheit, dass wir nie mit den Ereignissen selbst zu tun haben, sondern immer nur mit Darstellungen der Ereignisse, aus denen sich unterschiedliche Versionen der Ereignisse gewinnen lassen. Je bedeutsamer und beziehungsreicher ein Ereignis ist, desto größer ist der Anreiz, verschiedene Versionen von ihm zu gewinnen« (S. 284).[2] In »Nach dem Holocaust« geht Novick nun der Frage nach, in welchen Versionen das historische Ereignis der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland in den Vereinigten Staaten von Amerika seit dem Krieg erinnert wurde. Ausgangspunkt dieser Fragestellung ist sein Erstaunen darüber, dass dieses Ereigniss, begrifflich gefasst mit dem Wort »Holocaust«, das in den Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren kaum thematisiert worden ist, inzwischen in der »amerikanischen Kultur der 1990er Jahre – Tausende von Kilometern vom Ort und 50 Jahre nach der Zeit des Geschehens« (11) eine »zentrale Stellung im amerikanischen Leben« (348) erlangt hat.

Im folgenden soll die sich wandelnde Diskussion und Bedeutung der Vernichtung der europäischen Juden in den Vereinigten Staaten anhand Novicks Darstellung zumindest in ihren Hauptlinien nachgezeichnet werden. Dabei folgt diese Arbeit den Zäsuren, die Novick vorgibt.

Da aber keine Debatte, und schon gar nicht eine von dieser Bedeutung und gesellschaftlichen Relevanz, allein durch einen Zugang nachvollzogen werden kann, werden zum Schluss einige Kritiken - vornehmlich aus wissenschaftlichen Zeitschriften - an Novicks Aufarbeitung des Themas dargestellt, bevor im Schlusskapitel eine Bewertung erfolgt.

2. Der methodische Rahmen

In seinem Vorwort an die deutschen Leser weist Novick nicht nur darauf hin, dass er eine sehr amerikanische Debatte nachzeichne, die kaum Entsprechungen in Deutschland habe, sondern er unterscheidet auch zwischen geschichtswissenschaftlichen Arbeiten über den Holocaust und »den notwendigerweise vielfältigen kollektiven Erinnerungen « (7) an ihn. Während der Corpus historischer Arbeiten immer homogener werde, sei die kollektive Erinnerung nach wie vor partikularistisch, weil innerhalb eines jeden Kollektivs verschiedene Individuen und Gruppen verschiedene Zwecke verfolgten und zur Erreichung dieser Zwecke unterschiedliche Versionen der Erinnerung wählten: »Man wählt, gestaltet, marginalisiert oder zentriert kollektive Erinnerungen auf der Grundlage von Entscheidungen darüber, welche Zwecke die Erinnerung für das Kollektiv zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfüllen könnte« (8). Diesen Vorgang, so intentional Novick ihn auch darstellt, möchte er nicht unter dem Begriff »Instrumentalisierung« verstanden wissen, da es gerade das Kennzeichen der kollektiven Erinnerung sei, dass auf sie immer »für gegenwärtige moralische oder politische Zwecke Bezug« genommen werde. Der Begriff »Instrumentalisierung« oder »Missbrauch« komme immer erst dann ins Spiel, »wenn man den Zweck ablehnt, zu dem das geschieht« (9).[3] Es geht ihm also nicht darum, zu beurteilen, ob die sich wandelnde Erinnerung an den Holocaust »richtig« oder »falsch«, »angemessen« oder »ein Missbrauch« ist. Auf der Grundlage der in den zwanziger Jahren von dem französischen Soziologen Maurice Halbwachs durchgeführten Untersuchungen über das von ihm als erstem so genannte »kollektive Gedächtnis«[4] geht Novick vielmehr der Frage nach, was die sich wandelnde Erinnerung an den Holocaust über die je aktuelle Selbstdefinition der sich erinnernden Gruppe - in Novicks Fall sind dies die amerikanischen Juden der Kriegs- und Nachkriegszeit - aussagt. Denn das kollektive Gedächtnis, verstanden im Sinne Halbwachs', ist ahistorisch, »es negiert die ›Vergangenheit‹ seiner Gegenstände und beharrt auf ihrer fortdauernden Gegenwart« (14f.). Es dient dazu, »eine ewige oder innere Wahrheit über die Gruppe« (15) auszudrücken, ist also identifikationsstiftend. Eine Untersuchung über das sich wandelnde kollektive Gedächtnis der amerikanischen Juden wird keine Ergebnisse über das historische Ereignis »Holocaust« liefern. Die Fragen sind aktueller Natur: Es geht darum, die Erinnerung an den Holocaust mit heutigen Interessen zu verknüpfen und zu fragen, »was diese Interessen waren, wie sie bestimmt wurden und wer sie bestimmt hat« (16).

[...]


[1] Peter Novick: That Noble Dream. The Objectivity Question and the American Historical Profession. Cambridge u.a. 1988.

[2] Peter Novick: Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord. Stuttgart, München 2001, S. 284. Folgende Zitate aus diesem Buch werden im Text mit Seitenzahlen ausgewiesen.

[3] Für eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema der Instrumentalisierung siehe Moshe Zuckermann: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands. Göttingen 1998. Auch Zuckermann vertritt die These, dass Gedenken, zumal staatliches, zumeist auf aktuelle Zwecke gerichtet ist. Aber anders als Novick kritisiert er diese Bezugnahme auf den Holocaust für solche heteronomen, nicht im historischen Ereignis liegenden Zwecke als Instrumentalisierung der Erinnerung.

[4] Siehe dazu: Gerald Echterhoff und Martin Saar (Hg): Kontexte und Kulturen des Erinnerns. Maurice Halbwachs und das Paradigma des kollektiven Gedächtnisses. Konstanz 2002.

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638457187
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49202
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz – Gesellschaftspolitik
Note
sehr gut
Schlagworte
Holocaust Gedächtnis Amerikas Thesen Peter Novick

Autor

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