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Literatur und Holocaust: Wie kann der Holocaust literarisch dargestellt werden?

Referat (Ausarbeitung) 2002 18 Seiten

Romanistik - Fächerübergreifendes

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Literarische Darstellungsformen des Holocaust
II.1. „Dokumentarischer Naturalismus“
II.2. Fiktion
II.3. Der „Lazarenische Roman“
II.4. Der „Nouveau Roman“
II.5. Poesie
II.6. Der „Roman Total“
II.7. „Aschenschrift“
II.8. Mythische Elemente
II.9. Leserzentriertes Schreiben

III. Allgemeine Merkmale der Holocaustliteratur
III.1. Was wird reflektiert?
III.2. Strukturmerkmale der Problematik des Schreibens

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

VI. Anhang

I. Einleitung

Der Adornosche Satz „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch“[1] hat eine breite Diskussion ausgelöst, in der sich AutorInnen und PhilosophInnen mit der Frage auseinandersetzen, ob eine literarische Formgebung für den Holocaust radikal zu verwerfen sei. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass jedwede Literatur nicht nur über den Inhalt, sondern auch über „ihre nicht- kontingente interpretierbare Struktur und über die sprachliche Matrix (...) Ordnung aufweist“[2] und so der behandelten Materie einen Sinn gibt. So würde eine Literatur über den Holocaust auch diesem einen Sinn suggerieren, was unbedingt zu vermeiden sei. Daher stellt sich nun die Frage, ob es möglich ist, die Rekonstruktion des Grauens und die literarische Sinnerfahrung in eine Spannung zu bringen, und so „Formen der Sinnzerstörung“[3] zu schaffen, die die Erinnerung an den Holocaust sichern, ohne ihm einen Sinn zu geben.

Mit dieser Frage werde ich mich im Folgenden beschäftigen, indem ich zunächst aufzeige welche literarischen Darstellungsformen des Holocaust und welche daran gebundenen Bedingungen und Ziele diskutiert werden. Anschließend werde ich allgemeine Merkmale von Holocaustliteratur vorstellen.

II. Literarische Darstellungsformen des Holocaust

AutorInnen, die den Holocaust zu ihrem Thema machen, müssen sich zunächst mit der Frage der Darstellungsform auseinandersetzen. Hierfür ist es notwendig, dass AutorInnen sich zuvor bewusst machen, welchen Bedingungen und Kriterien ihr Schreiben unterliegen soll und welche Intention ihr Werk haben soll, da dies Bewusstsein die Voraussetzung für die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Darstellungsform darstellt.

In der breiten Diskussion um Bedingungen für ein Schreiben über den Holocaust hat sich eine deutliche und mehrheitliche Position herauskristallisiert, die verlangt, dass AutorInnen „sich der Kohärenz und dem Sinn widersetzen (müssen), wollen sie nicht Leiden überhöhen oder verharmlosen.“[4] Ziel der Holocaustliteratur müsse zudem die Sicherung der Erinnerung an das Grauen sein.

Abgesehen von diesen beiden von der Mehrheit befürworteten Voraussetzungen des Schreibens herrscht allerdings Uneinigkeit über die Bestimmung weiterer Kriterien.

Um einen Einblick in die Vielfalt dieser Positionen zu gewinnen, sollen im Folgenden unterschiedliche Darstellungsformen und die damit verbundenen Bedingungen, Kriterien und Intentionen des Schreibens vorgestellt werden.

II.1. „Dokumentarischer Naturalismus“

Reinhard Baumgart vertritt die Ansicht, dass „Die Prosa (...) so nah und unfertig an das Entsetzen herankommen, so tatsächlich sprechen (muss) wie die Dokumente selbst.“[5] [6] In diesem Sinne kommt auch Alfons Söllner zu dem Schluss, dass der Holocaust einer mimetischen Darstellung bedürfe. Besonders betont er die Notwendigkeit der Übernahme der Sprache der Lager.[7] Einige AutorInnen wie George Steiner sehen die einzige mögliche Darstellungsform in einer sprachlichen und visuellen Dokumentation, einer „faktengetreuen Analyse“ des Ereignisses ausschließlich von denen, die als Verfolgte „dabei waren“: diese fänden „schon das rechte Wort um zu sagen was sie zu sagen haben.“[8]

Für eine solche Darstellung spricht sicherlich, dass die Gefahr einer Verfälschung der Tatsachen nicht bestünde. Hannah Arendt gibt jedoch zu bedenken, dass es dokumentarischen Berichten von Überlebenden bisher nicht gelungen sei, „die Menschheit zu erschüttern und ihre Empörung oder Sympathie zu wecken.“ Weiterhin kritisiert sie, dass die „reale Erfahrung des Grauens (nicht) dazu befähige, es mitzuteilen oder zu vergegenwärtigen.“[9] Auch Dieter Saalmann warnt davor, dass eine dokumentarische Darstellung des „Makabren“ „im Zeitalter der Brutalität als alltäglicher Erfahrung“ keine Wirkung bei den LeserInnen erzielen würde. Auch garantiere eine Konfrontation mit der KZ- Wirklichkeit keine kritische Auseinandersetzung mit der Materie auf Seiten der AdressatInnen.[10]

II.2. Fiktion

Die Position, den Holocaust mit fiktionalen Elementen darzustellen wird u.a. von Jorge Semprun vertreten. In seinem Roman “L’écriture ou la vie“ schreibt er: “le documentaire a ses limites, infranchissables... il faudrait und fiction“[11] und “il me faut donc un « je » de la narration, nourri de mon expérience mais la dépassant, capable d’y insérer de l’imaginaire, de la fiction… Une fiction qui serait aussi éclairante que la verité. “[12] Semprun setzt sich hier für eine Fiktion ein, bei der ein „Verschiedenes ... die Stellvertretung für nicht- darstellbares Grauen“ übernimmt.[13]

AutorInnen schaffen in ihren fiktionalen Texten eine eigene Welt, eine eigene Wirklichkeit durch Transposition: sie arbeiten mit „ironischer, allegorischer, phantasmatischer räumlicher und zeitlicher Verschiebung“ und umgehen so den „Alltag“ des Lagers.[14]

Es sollen weniger explizit die Deportationen beschrieben als vielmehr die Welt der Überlebenden dargestellt werden. Hannah Arendt geht noch einen Schritt weiter indem sie nahe legt, dass die Antizipation der Zukunft im Sinne einer Warnung vor neuen holocaustähnlichen Schrecken ein zentrales Element der Holocaustliteratur sein muss: sie spricht von einer „fearful anticipation“[15], einer „bangen Phantasie“. Sie fordert, das zur Sprache zu bringen, was bevorsteht und was es zu verhindern gilt.

Befürworter der fiktionalen Darstellung des Holocaust wie Sidra Dekoven Ezrahi argumentieren, dass eine solche Darstellung sowohl Formen der Abstraktion als auch der Erklärung ausschließe, so dass das Geschehen den LeserInnen näher gebracht und so zu einer „geteilten historischen Erfahrung“ gemacht werde, und keine reduzierten Erklärungsmuster vorgebe.[16]

Günther Anders verdeutlicht zudem, dass unsere Sprache nicht ausreiche, um das Grauen darzustellen. Ausschließlich „durch fictio (könne) das factum (...) deutlich und unvergeßbar gemacht werden.“[17] Des weiteren sprächen die Rezeptionsgewohnheiten der breiten Bevölkerungsschichten für eine fiktionale Darstellung, da diesen ohne „die künstliche Transformation des Grauens“[18] das Erinnern und Bewusstwerden versagt bliebe.

Anders weist jedoch auch auf die Kehrseite der Medaille hin, indem er äußert, dass durch „Expressivität, Personalisierung und Reduzierung“[19] das Grauen erträglich gemacht werde.[20]

Andere Kritiker geben zudem zu bedenken, dass, indem Vergangenes in die Gegenwart eingebunden, die Zukunft antizipiert und die Botschaft allegorisch verkleidet werde, räumliche und zeitliche Bezüge vervielfältigt würden. So bestünde die Gefahr, dass die Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten den eigentlichen Bezug auf das Grauen der Lager in den Hintergrund treten ließe, so dass Letzteres nur noch eine unter vielen Deutungsmöglichkeiten darstellte. So würde die Singularität des Holocaust verschleiert.[21]

II.3. Der „Lazarenische Roman“

Aus der Überzeugung, dass der Holocaust aufgrund seiner Einzigartigkeit eines eigenen Stils, einer eigenen Form bedürfe, prägte Jean Cayrol den Begriff des „Lazarenischen Romans“. Benannt ist diese von ihm propagierte Darstellungsform des Holocaust nach dem biblischen Gleichnis von Lazarus (Joh.11). Cayrol überträgt dieses auf die heutigen Gesellschaften: er geht davon aus, dass das „concentrationnat“, d.h. die Welt oder die Strukturen der Konzentrationslager (Machtstrukturen und Gewalttaten), noch in den Strukturen der heutigen Gesellschaften existiere und zunehmend an Einfluss gewinne. So wie Lazarus, der im Grab gelegen hatte, nicht mehr von dem Erlittenen losgekommen sei, so kämen auch die Gesellschaften nicht mehr von ihrer Geschichte des Holocaust los.

Daher sei es die Aufgabe der Literatur, diese konzentrationären Strukturen aufzudecken.

Dabei solle es sich „nicht (um eine) direkte Beschreibung, nicht (um eine) Narration des Geschehenen“ handeln, sondern um eine Darstellung der Folgen, eine Rekonstruktion der Erschütterung. So sind Cayrols Personen „Überlebende in einer Gesellschaft von Einsamen und Gewalttätigen“, sie sind voller Schuldgefühle, „haben das Sprechen verlernt“ sind „sich selbst und anderen entfremdet“ und haben keinen Zugang zu den „Gehäusen der Anständigen und Etablierten.“ Judith Klein resümiert: „Die fehlende Einheit der Person, ihr Herumirren, ihr mangelnder Antrieb findet sich wieder in der Darstellungsform, die fragmentarisch ist und beständig vom erzählerischen Mittelpunkt wegstrebt.“[22]

[...]


[1] Rolf Tiedemann u.a. (Hg.), Theodor W. Adorno. Gesammelte Schriften in zwanzig Bänden, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970- 86, Bd. 10/1: Kulturkritik und Gesellschaft I, 1977, 30

[2] Judith Klein, Literatur und Genozid, Böhlau- Verlag, Wien – Köln – Weimar, 1992, 45 (im Folgenden abgekürzt: LuG)

[3] Ebd.

[4] a.a.O., 40

[5] a.a.O., 45

[6] Reinhard Baumgart, Unmenschlichkeit beschreiben (1965), in: ders., Literatur für Zeitgenossen. Essays, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1966, 22

[7] vgl. Raoul Hilberg/ Alfons Söllner, Das Schweigen zum Sprechen bringen. Über Kontinuität und Diskontinuität in der Holocaustforschung, in. Merkur, Nr. 7, 1988, 545ff

[8] George Steiner, Postscriptum (1966b), in: ders., Sprache und Schweigen. Essays über Sprache, Literatur und das Unmenschliche, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1969, 168

[9] LuG, 47, aus: Hannah Arendt , The Concentration Camp, in: Partisan Review, Juli 1948, 743

[10] vgl. Saalmann, Dieter, Betrachtungen zur Holocaustliteratur, in : Orbis Litterarum, Munksgaard/Copenhagen, vol.36, no.3, 1981, 244

[11] Jorge Semprun, L’écriture ou la vie, Gallimard 1994, 169 (im Folgenden abgekürzt : EoV)

[12] a.a.O., 217

[13] LuG, 187

[14] Ebd.

[15] LuG, 47, aus Hannah Arendt, The Concentration Camp, in: Partisan Review, Juli 1948, 744

[16] LuG, 49, aus: Sidra Dekoven Ezrahi, By words alone. The Holocauste in Literature, Chicago London, 1980, 51

[17] Günther Anders, Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966. Nach “Holocaust“ 1979, München: Beck, 3.unveränd. Aufl. 1996, 181

[18] LuG, 48

[19] Ebd.

[20] Günther Anders, Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966. Nach “Holocaust“ 1979, München: Beck, 3.unveränd. Aufl. 1996, 181ff

[21] LuG., 188

[22] a.a.O., 52ff

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638129992
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4916
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für romanische Sprachen
Note
Sehr gut
Schlagworte
Literatur; Holocaust; Jorge Semprun

Autor

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