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Die Mafia und die Ehre - Wie hat sich die Ehrvorstellung Siziliens im Laufe der Geschichte gewandelt?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 17 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die traditionelle sizilianische Mafia
2.1. Definition der Mafia
2.2. Entstehungskontext der Mafia

3. Der mediterrane Ehrenkodex

4. Männliche und weibliche Ehre

5. Veränderung der Ehrvorstellung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Erklärung zur Hausarbeit

1. Einleitung

„Ehre bedeutet in etwa Achtungswürdigkeit (einer Person), sie kann jemandem als Mitglied eines Kollektivs zuerkannt werden (Ehre des Weibes, des Edelmannes, des Handwerkers u. a. m.), sie kann aber auch (etwa durch die Nobilitierung oder eine Ordensverleihung) vom dazu Berechtigten zugesprochen werden (The Queen is the fountain of honour). Durch Missachtung des Kollektivs wird der Einzelne, durch Missachtung des Einzelnen wird sein Kollektiv getroffen (vgl. die Ehrverletzung) - anders als z. B. beim Ruhm. Verletzte Ehre wurde früher und wird in vielen meist islamischen Ländern auch heute noch auf verschiedene Weise (vgl. Rache, Duell, Ehrenmord) wiederhergestellt. Das Streben einer Person nach Ruhm oder Ehren führt und führte nicht selten zu persönlichen und äußeren Konflikten. In manchen (östlichen) Kulturen spricht man beim Verlust der Ehre auch von Gesichtsverlust“ (de.wikipedia.org/wiki/Ehre).

Laut dem österreichischem Soziologen Roland Gritler existiert die Ehre seit Menschengedenken, die Muster der Ehre und die inhaltliche Bedeutung können sich im Laufe der Zeit allerdings verändern. Die Ehre ist somit etwas Unveränderbares, Universales, deren Bedeutung aber unterschiedlich sein kann. Gritler verzichtet in seinem Buch „Ehre ist unabhängig von Zeit und Kultur“ auf eine genaue Definition von Ehre: „Ich meine sogar, dass es gar nicht möglich ist, derartige Begriffe wie den der Ehre überhaupt erklären zu können – ähnlich ist es mit den Begriffen Sprache, Liebe und so weiter“ (Gritler 1999: 357). Die Ehre von der inhaltlich veränderbaren Seite könnte vielleicht mit den Begriffen wie Prestige oder Ansehen gleichgestellt werden. Die inhaltliche Bedeutung der Ehre könnte man auch mit einem an der Gesellschaft genormten Muster, das sich auf Respekt stützt, vergleichen. Im Bezug auf die Ehre der Sizilianer bin ich der Meinung, dass sie universell bei allen Sizilianern vorhanden ist. Die inhaltliche Ebene hat sich allerdings von der Entstehungszeit der Mafia bis in die heutige Zeit verändert. Im ersten Teil meiner Hausarbeit gehe ich auf die fachliterarische Definition von Mafia und den Entstehungskontext ein. Für mich erscheint es notwendig zu klären, dass gerade das machtpolitische Feudalsystem und die nicht zu einer Zentralisierung fähigen Herrscher dazu beigetragen haben, die Entstehung eines Phänomens mit einer solch ausgeprägten Gewaltbereitschaft wie die der Mafia zu begünstigen. Daran schließt sich eine Darstellung des mediterranen Ehrenkodex und die Unterscheidung zwischen der männlichen und der weiblichen Ehre an. Die traditionelle Mafia lebte von der Ehre, für sie war es das Lebenselexier. Deshalb ist es wichtig, sich mit deren Bedeutung und auch deren inhaltlichen Einfluss auf die beiden Geschlechter auseinander zu setzen. Im letzten Teil dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Frage, wie sich die Ehrvorstellung in Sizilien und insbesondere innerhalb der Mafia im Laufe der Zeit verändert hat.

2. Die traditionelle sizilianische Mafia

2.1. Definition der Mafia

Wenn man sich einfach einmal im Bekanntenkreis umhört, was die Leute unter Mafia verstehen, wird man immer wieder das Gleiche zu hören bekommen: „eine kriminelle Vereinigung“, „organisiertes Verbrechen“, „familiäre Bindungen, die in dunkle Machenschaften verwickelt sind“, „Mafia hat doch was mit Dons und Ehre zu tun“. Im Endeffekt stellen sich die meisten eine geheim operierende, kriminelle Organisation vor, die durch die Hochhaltung der individuellen Ehre geprägt ist. Dieses Bild wird auch in so bekannten Filmen wie „Der Pate“, „Die Ehre der Prizzis“ oder „ Donnie Brasco“ vermittelt und gezeichnet. Für das allgemeine Verständnis mögen diese Definitionen vielleicht ausreichen, nicht aber, um aber die spezielle Situation der Mafia in Sizilien zu erläutern. Ich möchte mich hierzu auf die Definitionen von Arlacchi, Hess, Pitré und Blok stützen.

Pino Arlacchi verweist in seinem Buch „Mafiose Ethik und der Geist des Kapitalismus“ darauf, dass er die Mafia nicht als eine Organisation, sondern als eine Verhaltensform sieht: „Sich auf mafiose Weise zu verhalten bedeutet, sich ehrenhaft [onorevole] zu verhalten, und zwar in einer Weise, die den Regeln von Mut, Schlauheit, Grausamkeit und der Anwendung von Raub und Betrug entspricht“ (Arlacchi 1989: 29). Ehrenhaft ist in diesem Zusammenhang ein Synonym für außergewöhnlich, achtbar und rechthaberisch. Ganz wichtig ist es dabei, dass ein ehrenhafter Mann immer wieder seine Überlegenheit zur Schau stellt. Ein Mafioso ist nach der Definition von Arlacchi jemand, der sich mafios verhält und sich mit seinem Handeln Respekt und Ehre zu verschaffen weiß, daher auch die italienischen Bedeutungen als uomo di rispetto und uomo d’onore (vgl. Arlacchi 1989: 29f.). Arlacchi betont mit seiner Mafia-Definition also, dass das mafiose Verhalten nicht nur auf eine bestimmte Gruppe von Menschen zutrifft, sondern es sich jeder aneignen und ausführen kann.

Henner Hess grenzt einen Mafioso anders als Arlacchi von Brigantentum, Straßenräuberei und der camorra, also Menschen, die illegalen Gewinn aus ökonomischen Transaktionen ziehen, ab. Für ihn spielt die psychische Attitüde eine wichtige Rolle: „[...] ein stolzes Bewusstsein des eigenen Ich, die Unabhängigkeit in jeder Beziehung, die Fähigkeit, sich selbst zu helfen und die eigene Würde um jeden Preis zu verteidigen, und das Bewusstsein kavalleresken Gebundenheit an die Mitglieder der eigenen Gruppe“ (Hess 1970: 10f.). Wird ein Mafioso in diesem Bewusstsein, also auch in seiner Ehre angegriffen, muss er sich dagegen zur Wehr setzen. Diese Selbstjustiz ist zwar mittlerweile gesetzlich nicht mehr erlaubt, dennoch wird sie in Sizilien toleriert und hat in der sizilianischen Subkultur sogar ihre Legitimation erreicht (vgl. Hess 1970: 11f.).

Schon Pitré berichtete im Jahre 1889 vom psychischen Hintergrund, der zur Mafia gehört und von deren Abwendung von der Justiz: „Die mafia ist das Bewusstsein des eigenen Seins, die übertriebene Vorstellung von der Macht des Individuums, einzige Entscheidungsgewalt jeden Konfliktes, jeder Auseinandersetzung von Interessen; daher die Unfähigkeit, die Überlegenheit und, schlimmer noch, die Anmaßung anderer zu ertragen. Der mafioso will respektiert sein und erweist auch selbst fast immer Respekt. Wenn er beleidigt wird, wendet er sich nicht an die Justiz, er verlässt sich nicht auf das Gesetz. Täte er das, beweise er damit Schwäche und verstieße gegen die omertà, die jenen als widerlich und schändlich abstempelt, der sich an den Beamten wendet, um zu seinem Recht zu kommen“ (Hess 1970: 11).

Zieht man den historischen Zusammenhang bei einer Definition der Mafia mit in Betracht, so wird verständlich, warum die Mafia eine Abneigung gegenüber der staatlichen Gewalt und der Justiz hegt. Auf diesen Aspekt werde ich im nächsten Kapitel noch näher eingehen. Anton Blok berücksichtigt in seiner Definition von Mafia die historischen Bedingungen, grenzt die Mafiosi ähnlich wie schon Hess, gegenüber den Flüchtigen und Banditen ab und setzt so einen Begriffsrahmen für das Wort Mafia fest: „ [...] indem ich „Mafia“ unter dem Gesichtspunkt der privaten Anwendung von Gewalt als Mittel der Kontrolle betrachte. Mafia ist eine Form unerlaubter Gewalt; diejenigen, die an ihr Anteil haben, nennt man Mafiosi. Mafiosi treffen Entscheidungen, die die Gemeinschaft tangieren. Ihr Wirkungsfeld ist die Öffentlichkeit und damit unterscheiden sie sich von jenen, die in anderen Bereichen, z.B. der Privatwohnung, zum Mittel der Gewalttätigkeit greifen. Das Verhältnis zwischen Mafiosi und der formellen Obrigkeit ist von ausgesprochener Ambivalenz gekennzeichnet. Auf der einen Seite missachten die Mafiosi das formelle Gesetz und wissen sich dem Zugriff der Justiz und Verwaltungsmaschinerie zu entziehen. Auf der anderen Seite agieren Mafiosi mit stillschweigender Duldung der formellen Obrigkeit und „legalisieren“ die von ihnen ausgeübte Kontrolle durch geheime und pragmatische Beziehungen zu den formellen Amtsinhabern. Diese Symbiose unterscheidet Mafiosi von Flüchtigen (Outlaws) und Banditen, deren Machtsphären zwar ebenfalls durch physische Gewalt abgestützt werden, sich dafür aber in offenem Gegensatz zu den Machtsphären des Staates befinden“ ( Blok 1981: 22). Wie Blok erwähnt, bewegt sich ein Mafioso immer geschickt zwischen den Sphären der eigenen und der staatlichen Gewalt. Auch diesen Part werde ich im nächsten Kapitel mit einem kurzen Rückblick in die Geschichte Siziliens beleuchten, um das Verhältnis zwischen dem Mafioso, seiner Ehre und dem Staat zu verdeutlichen.

2.2. Der Entstehungskontext der Mafia

Beim Blick auf die Geschichte Siziliens fällt auf, dass die Sizilianer fast immer der Herrschaft einer äußeren Macht unterstanden haben. Eine Selbstbestimmung war dadurch für sie unmöglich. Zudem folgten die Herrscher in einer raschen Folge aufeinander, so dass es dem sizilianischen Volk kaum möglich war, sich mit dem Regierenden, der überdies meist noch in weiter Ferne saß, zu identifizieren. So entstand eine Regierungsform, die auf der einen Seite zwar nicht die Möglichkeit hatte, sich selbst zu regieren, auf der anderen Seite aber auch eine nicht allzu straffe Fremdherrschaft besaß. Die staatlichen Formen konnten sich dadurch nur schwach entwickeln. Das Fehlen einer starken Regierung erlaubte es den lokalen Mächten, die auf ein Feudalsystem setzten, sich immer stärker zu behaupten. Im 17. Jahrhundert hatte das Feudalwesen in fast allen Regionen Europas ein Ende gefunden und war durch eine nationale Zentralisierung ersetzt worden. Die einzige Ausnahme bildeten die sizilianischen Barone, die noch bis 1812 den Feudalismus pflegen konnten. Um ihre Rechte gegen die Bauern durchzusetzen, stellten die Barone eine private Armee auf, die so genannte bravi. Rekrutiert wurde diese Armee aus Kreisen von Kleinkriminellen und Banditen. Die Bauern kamen dadurch sowohl in ökonomischer als auch in sozialer Hinsicht gegenüber den Baronen ins Hintertreffen und unterlagen damit auch ihrer juristischen Willkür (vgl. Hess 1970: 20).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Auflösung des Feudalismus. Die Großpächter der Latifundien wurden zur neuen Argrarbougeoisie und wurden so zu direkten Gegnern der Kleinbauern. Diese wurden abhängig von den neuen Großgrundbesitzern, weil sie durch die Privatisierung des Gemeindelandes ihre traditionellen Nutzungsrechte verloren. Gegen diese Abhängigkeit versuchten sich die Bauern zur Wehr zu setzen, indem sie Aufstände anzettelten. Um diese niederzuschlagen und die Besitzverhältnisse aufrecht zu erhalten, setzten die Großpächter bewaffneten Truppen dagegen. Mit einer Unterstützung von staatlicher Seite, also von Justiz oder Verwaltung, war nicht zu rechnen. Nach Mack Smith wäre das mit den vorhandenen Mittel nicht wirklich denkbar gewesen: „Das flache Land wurde von 25 Waffenkompanien polizeilich überwacht, doch gab es für gewöhnlich kaum 350 Mann für die ganze Insel. Zwei- oder dreimal im Jahr pflegte ein jedem Dorf eine Kompanie aufzukreuzen und eine symbolische Anzahl an Übeltätern festzunehmen, worauf dann wieder einige Monate völliger Straflosigkeit zu folgen pflegten“ (Block 1981: 14). Aufgrund dieses Zustandes der Gesetzlosigkeit kam eine Ablehnung der zentralen Macht auf und brachte lokale Mächte dazu, auf mafiose Art zu agieren. Nach Anton Blok ist die Entstehung der Mafia auf die wechselseitige Abhängigkeit der am Konflikt beteiligten Gruppen zurückzuführen: „Das allmähliche Entstehen dessen, was – freilich erst später – unter dem Namen „Mafia“ bekannt wurde, ist im Kontext dieser Entwicklung zu sehen, in deren Verlauf Zentralregierung, Grundbesitzer und Bauern sich in Konflikt und Akkommodierung immer wieder neu miteinander arrangierten“ (Block 1981: 28).

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Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638455800
ISBN (Buch)
9783638764414
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49032
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Mafia Ehre Ehrvorstellung Siziliens Laufe Geschichte

Autor

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