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Das Helferinnen- und Helfersyndrom. Entstehung, Konsequenzen und Bekämpfung

Seminararbeit 2017 25 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Phänomen des „Helferinnen- und Helfersyndroms“
2.1. Begriffsklärung und Konzeptualisierung
2.2. Begriffsabgrenzung

3. Vorkommen des Helferinnen- und Helfersyndroms

4. Ursachen und Entstehung eines Helferinnen- und Helfersyndroms
4.1. Individuelle Prädisposition
4.2. Frühkindliche Entwicklung
4.3. Die Rolle des Umfeldes

5. Folgen für Betroffene und deren Schützlinge
5.1. Folgen für Betroffene
5.1.1. Erschöpfung und Burnout
5.1.2. Andere Komorbiditäten des Helferinnen- und Helfersyndroms
5.2. Folgen für Klientinnen, Klienten, Patientinnen und Patienten

6. Hilfe für die pathologisch Helfenden
6.1. Prävention
6.2. Intervention

7. Resümee

Literaturverzeichnis

Vorwort

Wenn ein Kümmerer sich mal nicht kümmert, sondern nur beobachtet, entdeckt er manchmal, dass die von ihm Umsorgten besser für sich selber sorgen können, als er für sich.

Else Pannek (1932 - 2010), deutsche Lyrikerin

Hilfsbereitschaft und Reziprozität sind Grundpfeiler des menschlichen Zusammenlebens. Wer gerne hilft und/oder in einem helfenden Beruf tätig ist, kennt das lohnende Gefühl, dass sich nach der guten Tag breitmacht: Wir spüren innere Zufriedenheit und haben das Gefühl, dass wir etwas dazu beigetragen haben, die Welt ein wenig zu verbessern. Hinzu kommt die Bestätigung von außen, wird es doch gesellschaftlich anerkannt, wenn wir jemandem Hilfe zukommen lassen.

Aufgrund dessen ist im philosophischen und psychologischen Diskurs durchaus umstritten, ob reiner Altruismus überhaupt existiert, oder ob Hilfsbereitschaft immer auch mit einem Selbstzweck verbunden ist. Obwohl diese Unterscheidung eine sehr wissenschaftliche ist und, wie ich finde, eine gute Tat nicht weniger gut ist, nur weil sie belohnt wird, macht diese Debatte doch evident, dass dem Helfen das gleiche Risiko inhärent ist wie allem, was zu Befriedigung und Zufriedenheit führt: Es kann Ausmaße einer Ersatzhandlung und Verhaltenssucht annehmen.

Die Gefahr aufzudecken, die hinter dem steht, was die Grundessenz helfender Berufe ist, ist heikel, verzwickt - und daher hochinteressant. Zusätzlich spannend wird das Thema dadurch, dass, um bei der Analogie einer Sucht zu bleiben, Abstinenz keine Option ist. Es gilt die unumstößliche Regel: Die Dosis macht das Gift.

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit verschiedenen Facetten des Helferinnen- und Helfersyndroms1 und dessen Ausprägungen, aber auch mit der Ätiologie der Erkrankung und der indizierten Prävention und Intervention. Obwohl ausgeführt werden wird, dass das Helferinnen- und Helfersyndrom in unterschiedlichen Berufsfeldern sowie auch im Privatleben auftreten kann, liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf mit der Sozialpädagogik assoziierten Berufsfeldern, die im Folgenden als „soziale Berufe“ zusammengefasst werden.

Die forschungsleitenden Fragen waren demgemäß:

- Worum handelt es sich beim Helferinnen- und Helfersyndrom? Wie entsteht ein solches?
- Was für Konsequenzen hat das Helferinnen- und Helfersyndrom für alle Beteiligten?
- Was kann zur Vorbeugung des Helferinnen- und Helfersyndroms getan werden? Wie kann Betroffenen geholfen werden?

Die Informationen zur Beantwortung der Fragen entspringen der Fachliteratur, wobei Datenbanksuchen durch manuelle Suchen ergänzt wurden. Gezielt wurden auch wissenschaftliche Journals als Quellen praxisnaher und aktueller Einblicke herangezogen. Die Auswertung der Informationen erfolgte themenanalytisch- hermeneutisch (vgl. Froschauer, Ulrike & Lueger, Manfred, 2009, S.11ff), unter quellenkritischem Einbezug des jeweiligen Kontextes.

Die Basis der vorliegenden Arbeit bildet die definitorische und konzeptuelle Darstellung des vielschichtigen Phänomens des Helferinnen- und Helfersyndroms: Das nachfolgende Kapitel 2 gibt Einblick in die Definition und die zentralen Merkmale des Begriffes, grenzt diesen aber auch gegenüber verwandten Termini und Phänomenen ab. Daraufhin wird in Kapitel 3 auf die Prävalenz des Syndroms eingegangen, wobei auch erörtert wird, ob bestimmte Personengruppen häufiger betroffen sind als andere und ob Veränderungen, z.B. Zu- oder Abnahmen der Prävalenz, im weiteren Zeitverlauf denkbar sind. Kapitel 4 stellt die wechselwirkenden Ursachen und Auslöser des Helferinnen- und Helfersyndroms auf einer individuellen ebenso wie auf einer sozialen Ebene dar, woraufhin die Folgen der Krankheit für die Betroffenen, mögliche Komorbiditäten und die Konsequenzen des Syndroms für die Schützlinge in Kapitel 5 diskutiert werden. Nicht zuletzt geht Kapitel 6 darauf ein, wie gegen das Helferinnen- und Helfersyndrom vorgegangen werden kann. Obwohl zielführende Interventionsmöglichkeiten bestehen, sollte dabei vor allem Wert auf die Prävention gelegt werden. Aufbauend auf den zusammengetragenen Erkenntnissen schließt die Arbeit mit einer kurzen Konklusion in Kapitel 7.

2. Das Phänomen des „Helferinnen- und Helfersyndroms“

2.1.Begriffsklärung und Konzeptualisierung

Wolfgang Schmidbauer gilt als der Erfinder des Begriffs des „(Helferinnen- und) Helfersyndroms“: In seinem 1977 erstmals erschienen und 1992 vollständig überarbeiteten und erweiterten Werk Hilflose Helfer beschreibt er die Mechanismen, Persönlichkeitsstrukturen und Konsequenzen des Phänomens. Seither jedoch wurde der Ausdruck nicht nur im Alltags-, sondern auch im Fachdiskurs höchst uneinheitlich und zum Teil inflationär verwendet. Im nicht-fachlichen Diskurs wird dem Syndrom zum Teil gar die pathologische Qualität abgesprochen, um es in abwertender Weise auf einen Modebegriff zu reduzieren (vgl. Ecker, Harald, 2006, S.194).

Eine Definition, die dem Alltagsgebrauch des Wortes entspringt, aber auch die Pathologie in ihrer Essenz beschreibt, stammt von Isa Grüber (2009, S.151):

Als Helfersyndrom [sic] wird der innere Zwang bezeichnet, helfen zu müssen und sich für alles und jeden verantwortlich zu fühlen. […] Der Automatismus dabei ist, dass man, wenn man gebraucht wird, auch sofort zur Verfügung steht. Ob man Zeit oder Kraft hat, spielt keine Rolle.

Die Definition streicht die bedeutendsten Merkmale des Helferinnen- und Helfersyndroms heraus. Zunächst zeichnet sich dieses durch ein übermäßiges Verantwortungsgefühl für andere Personen aus (vgl. Elzer, Matthias & Gerlach, Alf, 2014, S.201f). Das Helfen steht im Mittelpunkt aller sozialen Beziehungen, wobei sich die Helfenden unentbehrlich und für alle Belange zuständig fühlen, auch wenn diese gar nicht in ihren Kompetenz- und Zuständigkeitsbereichen liegen (vgl. Pötz, Hermann, 2006, S.48). Die Personen erscheinen dabei unwillig oder unfähig, sich zu distanzieren oder zu delegieren (vgl. Grüber, 2009, S.148ff). „Nein“ zu sagen wird zu einer schwer bewältigbaren Herausforderung (vgl. Schuster, Werner, 2004, S.97).

Gleichzeitig aber fällt es den Betroffenen immer schwerer, genuine Emotion, altruistisches Mitgefühl und selbstlose Hilfsbereitschaft zu empfinden (vgl. Poulsen, Irmhild, 2009, S.14; Stanjek, Karl, 2017, S.70). Das Helfen wird zu einem zwanghaften Automatismus, der bewirkt „ dass Menschen mit Helfersyndrom [sic] nicht unterscheiden können zwischen dem, was sie wollen und dem, was sie müssen. Sie wissen nicht, ob sie das, was sie müssen (nämlich immer und überall helfen) auch wirklich wollen. “ (Pötz, 2006, S.49). Dieser Automatismus geht nicht mehr länger mit dem Einfühlen in die Personen einher (vgl. Grüber, 2009, S.148ff).

Auffällig ist also, dass das Helferinnen- und Helfersyndrom nicht nur durch bestimmte Verhaltensweisen und deren Ausprägungen, sondern auch durch bestimmte Motive definiert ist: Die betroffenen Personen benötigen die Abhängigkeit der Patientinnen, Patienten, Klientinnen und Klienten, um eine sinnvolle Aufgabe zu haben, um das Gefühl zu haben gebraucht zu werden und um Anerkennung, Dankbarkeit und Wertschätzung zu erfahren (vgl. Pötz, 2006, S.49). Zudem können sie dadurch eigene Schwächen, z.B. eigene Bedürfnisse nach Abhängigkeit und Unterstützung, abwehren und sich stattdessen autonom, stark und mächtig fühlen (vgl. Hübner, Astrid, 2010, S.49; Schmidbauer, 2007, S.24f). Nur durch ständiges Helfen können sich die Betroffenen als wertvoll akzeptieren (vgl. Lachauer, Rudolf, 2005, S.14ff).

Dass die extreme Verantwortungsübernahme nicht immer im Sinne der anderen Person ist, ist den Betroffenen dabei selten klar. Tatsächlich können sie mit Wut, Verzweiflung oder Frustration reagieren, wenn ihre Hilfe abgelehnt bzw. nicht ausreichend wertgeschätzt wird (vgl. Roth, Steffen J., 2009, S.67). Wenn die Klientinnen und Klienten bzw. Patientinnen und Patienten keine Hilfe mehr benötigen, wird dies als Kränkung verstanden, mit der die pathologisch Helfenden nur schwer umgehen können (vgl. Damm, Marcus, 2010, S.51).

Eigene Gefühle und Bedürfnisse können gleichzeitig immer weniger gut ausgedrückt werden: „ Die Wahrnehmung von Klientenbedürfnissen [sic] ersetzt weitgehend die differenzierte Wahrnehmung eigener Bedürftigkeit und das Gefühl, auch für eigene Befriedigung und Zufriedenheit verantwortlich zu sein. “ (Schmidbauer, 2007, S.51). Die Betroffenen wollen sich keine eigenen Wünsche oder Bedürfnisse eingestehen und fürchten sich davor, diese offen vor anderen darzulegen, da das bedeuten würde, zuzugeben nicht vollkommen unabhängig, autonom und stark zu sein (vgl. Grüber, 2009, S.148ff; Pötz, 2006, S.48).

Da eigene Probleme, Hilfsbedürftigkeit und vermeintliche Schwäche negiert werden, wird Reziprozität bzw. Hilfe von anderen Personen abgelehnt oder zurückgewiesen (vgl. Messer, Barbara, 2014, S.12; Schmidbauer, 2007, S.22). Daher schrecken Personen, die dem Helferinnen- und Helfersyndrom unterliegen, oftmals vor zwischenmenschlichen Beziehungen zurück, die von einem wechselseitigen Geben und Nehmen gekennzeichnet sind, und suchen gezielt den Kontakt zu schwächeren bzw. abhängigen Personen (vgl. Pötz, 2006, S.48).

Die ständige Verantwortungsübernahme für andere Menschen laugt natürlich aus. Die Betroffenen erkennen ihre eigenen Belastungsgrenzen nicht und finden auch in ihrer Freizeit keine Distanz oder Entspannung (vgl. Pötz, 2006, S.49; Schmidbauer, 2003, S.108). Dies führt typischer Weise zu Erschöpfung und Überlastung, aber auch zu Gefühlen der Sinn- und Hoffnungslosigkeit, da das Helfen eine Sisyphus-Arbeit darstellt (vgl. Schuster, 2004, S.97; Pötz, 2006, S.49). Wie in Kapitel 5.1. dargestellt wird, sind dadurch auch komorbide Erkrankungen häufig.

2.2.Begriffsabgrenzung

Das pathologische Helfen im Sinne des Syndroms ist von nicht-pathologischen Formen des Helfens abzugrenzen: Solidarische und altruistische Hilfe bzw. die Bereitschaft zu helfen sind wichtige Voraussetzungen, damit eine Gesellschaft funktionieren kann (vgl. Aronson, Elliot, Wilson, Timothy D. & Akert, Robin M., 2008, S.351ff). Schwächere, kranke oder verletzte Personen benötigen Unterstützung von den Stärkeren, die in der Lage sind, vorübergehend ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und Hilfe zu spenden. Damit kann das Wohlbefinden, die Gesundheit oder auch das Überleben aller gewährleistet werden. Pathologisches Helfen hingegen meint, dass die Motivation für die Hilfe und Verantwortungsübernahme nicht mehr der Hilfsbereitschaft und Empathie des Menschen entspringt (vgl. Hübner, 2010, S.49). Wenn die Hilfe im privaten oder beruflichen Bereich zum Selbstzweck wird und nicht mehr die tatsächlichen Bedürfnisse der zu betreuenden Person im Vordergrund stehen, kann von einem krankhaften Verhalten ausgegangen werden. Spätestens gilt dies dann, wenn die geleistete Hilfe beiden Seiten, also sowohl der oder dem Hilfsbedürftigen als auch der oder dem Helfenden, schaden (vgl. Schmidbauer, 2007, S.200). Für Helferinnen und Helfer wird die Aufgabe zu einer schweren Belastung, der sie nicht gewachsen sind, für ihre Schützlinge hingegen wird die Hilfe zur Bevormundung, die an echten Bedürfnissen vorbeigeht (vgl. Stanjek, 2017, S.70).

Noch schwieriger zu erkennen sind die Unterschiede zwischen dem Helferinnen- und Helfersyndrom und anderen psychischen Erkrankungen, insbesondere dem Burnout und weiteren Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung gemäß dem Diagnosemanual ICD-10 (vgl. Dilling, Horst, World Health Organization, 1991, Subkategorie Z73.0). Während das ICD-10 das Helferinnen- und Helfersyndrom nicht kennt, klassifizieren es manche Expertinnen und Experten, vor allem in der englischsprachigen Fachliteratur, als mit dem Burnout, einem Zustand völliger Erschöpfung, verwandt (vgl. Elsässer, Jeanette & Sauer, Karin E., 2013, S.4f; Neckel, Sighard, Schaffner, Anna K. & Wagner, Greta, 2017, S.294; Schaufeli, Wilmar & Enzmann, Dirk, 1998, S.188ff). Dies liegt vor allem darin begründet, dass der Burnout ursprünglich als Krankheit helfender Berufsfelder definiert wurde (vgl. Brühlmann, Toni, 2013, S.521ff; Sisolefsky, Franziska, Rana, Madiha & Herzberg, Philipp Y., 2017, S.10). Tatsächlich haben Burnout und das Helferinnen- und Helfersyndrom symptomatische, pathogenetische und ätiologische Gemeinsamkeiten und können kausal sowie korrelativ zusammenhängen (vgl. Bährer-Kohler, Sabine, 2012, S.226; Brühlmann, 2013, S.521ff). Heute aber werden die Begriffe in der Regel nicht synonym verwendet. Stattdessen wird Burnout als eine mögliche Folge eines Helferinnen- und Helfersyndroms gesehen: „ Natürlich brennt schneller aus, wer nicht gelernt hat, zwischen realistischen und perfektionistischen Ansprüchen an die eigene Berufsmotivation zu unterscheiden. “ (Schmidbauer, 2007, S.22).

3. Vorkommen des Helferinnen- und Helfersyndroms

Da es sich bei dem Helferinnen- und Helfersyndrom nicht um ein definiertes Störungsbild gemäß Diagnosemanualen handelt, ist es sehr schwer, Aussagen über Prävalenz- und Inzidenzraten zu treffen (vgl. Schmidbauer, 2007, S.17). Selbst wenn der Zustand in den gängigen Manualen vorkäme, würde die Diagnosestellung dadurch verkompliziert werden, dass hierfür nicht nur Einblicke in die Verhaltensweisen, sondern auch in die Motive der Betroffenen erforderlich wären (siehe Kapitel 2.1.).

Bekannt und aufgrund der Definition des Syndroms gut nachvollziehbar ist jedoch, dass das Helferinnen- und Helfersyndrom vorrangig Personen betrifft, die in sozialen, pädagogischen und medizinischen Berufen tätig sind (vgl. Pötz, 2006, S.49). So sind beispielsweise Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger, Lehrerinnen und Lehrer und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gefährdet. Personen, die einen solchen Beruf ausüben, bei dem das Helfen in unterschiedlichen Varianten im Mittelpunkt steht, bringen meist die entsprechende Prädisposition und Hilfsbereitschaft mit (vgl. Pötz, 2006, S.48ff). Schließlich kann sich das Bedürfnis zu helfen zu einer Sucht entwickeln, sodass die oder der Helfende gar nicht mehr anders kann, als ihre oder seine Hilfe anzubieten oder gar aufzudrängen (vgl. Messer, 2014, S.18).

Aber auch im Privatbereich tritt das Helferinnen- und Helfersyndrom auf. Besonders häufig ist dies der Fall, wenn Pflegeerfordernisse für z.B. ältere Familienmitglieder oder Betreuungspflichten für Kinder bestehen, doch auch in Paarbeziehungen zeigen Betroffene eine Ablehnung von Gegenseitigkeit, Reziprozität und vermeintlicher oder tatsächlicher Abhängigkeit (vgl. Schmidbauer, 1996, S.192; Schmidbauer, 2007, S.87 & 158ff). Ferner kann von einem Helferinnen- und Helfersyndrom gesprochen werden, wenn bei Partnerinnen oder Partnern von Suchtkranken eine Co-Abhängigkeit auftritt (vgl. Armstrong, Ursula, 2013, S.55). Das bedeutet, dass die Suchterkrankung der Partnerin oder des Partners unterstützt wird, indem die oder der Helfende sie beispielsweise decken, finanzieren oder kleinreden (vgl. Flassbeck, Jens, 2014, S.29ff). Damit verlängert die oder der Co-Abhängige die Krankheit der oder des Suchtkranken und sichert sich damit auch deren oder dessen Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit (vgl. Armstrong, 2013, S.55f; Flassbeck, 2014, S.16). Der oder die pathologisch Helfende wird dadurch weiterhin gebraucht und hat eine starke, autonome Position.

Während einige Autorinnen und Autoren keine Geschlechterunterschiede hinsichtlich der Prävalenz des Helferinnen- und Helfersyndroms annehmen (vgl. Pötz, 2006, S.49), glauben andere, dass mehrheitlich Frauen betroffen sind (vgl. Armstrong, 2013, S.55ff; Flassbeck, 2014, S.98ff). Zum Teil könnte dies eine artifizielle Beobachtung sein, die der Tatsache geschuldet ist, dass viele soziale Berufsfelder weiblich dominiert sind, und das Helferinnen- und Helfersyndrom vor allem für den sozialen Bereich definiert ist. Zum anderen ist denkbar, dass Frauen eine stärkere Prädisposition für das Syndrom mitbringen. So werden Frauen eher auf eine Weise sozialisiert, die die Aufopferung für andere Personen von ihnen verlangt bzw. ihren persönlichen Wert daran bemisst, wie sehr sie von ihren Mitmenschen „gebraucht“ werden (vgl. Aronson, Wilson & Akert, 2008, S.360ff; Grüber, 2009, S.148ff).

Zudem wird angenommen, dass das Helferinnen- und Helfersyndrom unter Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern häufiger auftritt, da Distanz und Abgrenzung erst durch zunehmende Erfahrung und Professionalisierung gelernt werden (vgl. Pötz, 2006, S.50).

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Prävalenz des Helferinnen- und Helfersyndroms zukünftig zunimmt. Ein Grund dafür ist, dass sich die Konkurrenzsituation im sozialen Bereich verschärfen wird, was den Leistungsdruck und den Perfektionismus der helfenden Personen steigern könnte (vgl. Schmidbauer, 2007, S.244). Zudem wird festgestellt, dass in den letzten Jahren ein Wandel der sozialen, medizinischen und pädagogischen Berufe stattgefunden hat: Während die helfenden Berufe der alten Schule stark damit verbunden waren, Normen zu verstehen, zu verinnerlichen und weiterzugeben, sind die Helferinnen und Helfer der neuen Schule angehalten, Mitgefühl mit ihren Klientinnen und Klienten sowie Patientinnen und Patienten zu haben und sich für diese aufzuopfern (vgl. Schmidbauer, 1996, S.27ff; Schmidbauer, 2007, S.190). Hierdurch könnten Klientinnen, Klienten, Patientinnen und Patienten für Personen mit der entsprechenden Prädisposition zunehmend zu einer Quelle von Anerkennung und Bestätigung werden (vgl. Schmidbauer, 1996, S.37 & 41).

[...]


1 Der Neologismus des Helferinnen- und Helfersyndroms entspricht nicht der in der Fachliteratur verwendeten Terminologie, wird im Folgenden aber durchgehend verwendet, um den Ansprüchen gendergerechter Sprache zu entsprechen. Auf den synonymen Begriff des „sozialen Syndroms“, den Schmidbauer (2003, S.7) zum Teil verwendet, wird verzichtet, da er nicht geläufig ist und die Problematik scheinbar auf die sozialen Berufe reduziert.

Details

Seiten
25
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668970892
ISBN (Buch)
9783668970908
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489726
Note
1
Schlagworte
Helfersyndrom

Autor

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Titel: Das Helferinnen- und Helfersyndrom. Entstehung, Konsequenzen und Bekämpfung