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Das Führerprinzip und die Mobilisierung der Massen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Leben ohne Führer?

3 Ideologie und Organisation des Nationalsozialismus
3.1. Die frühe NSDAP (1920-1923)
3.2. Verbot, Wiederaufbau und Machtergreifung (1923-1933)
3.3. Das dritte Reich (1933-1945)

4 Führerprinzip und Mobilisierung der Massen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf dem Höhepunkt seiner Popularität, so vermutet man, beantworteten neun von zehn Deutschen die Frage, ob sie „Hitleranhängige, Führergläubige“ sind mit Ja (Kershaw 1999: 13). Im Gegensatz dazu stimmte bei der Reichtagswahl im März 1933 nicht einmal jeder zweite Wähler für die NSDAP (Kershaw 1999: 17). Hierbei darf jedoch nicht übersehen werden, dass eine Wahl geheim und eine Umfrage zur Führertreue durch Interviewer-Effekte oder ähnliches beeinflusst werden kann. Auch ist von einem Zeitunterschied von annähernd zehn Jahren auszugehen. Dennoch, die Verbindung des deutschen Volkes zu seinem Führer war um einiges stärker, als zur NSDAP.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Welche Bedeutung hatte Adolf Hitler für das deutsche Volk? War er mehr als nur ein Staatsoberhaupt, mehr als ein Diktator? War er vielleicht der erste politische Star des 20. Jahrhunderts? Es ist nicht leicht, all diese Fragen zu beantworten, da der Wissenschaft aus der damaligen Zeit keine oder kaum qualitative Umfragen zur Verfügung stehen. Dieser Umstand macht eine Erklärung für die Anziehung der Massen durch Hitler nur bedingt möglich.

Dennoch möchte ich versuchen, in dieser Arbeit einen kleinen Teil dazu beizutragen, indem ich mich weniger auf die Person, sondern mehr auf den Führer Adolf Hitler konzentriere. Ziel soll es sein, mit Hilfe einiger Theorien der Gruppenpsychologie eine Erklärung dafür zu finden, warum das deutsche Volk relativ unkritisch einem Führer selbst bis zum eigenen Untergang folgen wollte, und wie dies vor allem in der Programmatik der NSDAP schon früh ausgenutzt wurde, um die Massen zu mobilisieren.

Dazu werde ich im zweiten Kapitel die Theorien der Massenpsychologie und der Gruppendynamik kurz vorstellen und die wichtigsten Aspekte herausarbeiten. Anschließend folgt eine knappe Darstellung der Ideologie und der Organisation des Nationalsozialismus, bevor ich im vierten Kapitel den Versuch unternehmen werde, den Bogen zwischen gruppendynamischen sowie massenpsychologischen Aspekten und der Organisation in der NS-Zeit zu spannen. Im abschließenden Fazit wird eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse präsentiert, um diese mit anderen Studien vergleichen zu können.

2. Leben ohne Führer?

Um ein Kapitel über die psychologischen Eigenschaften einer Masse zu schreiben, ist es nötig, sich zunächst einmal der Theorie der Massenpsychologie zu widmen. Dieser Denkansatz wurde von vor allem von vier Forschern um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts verfolgt. LeBon (1841-1931), Tarde (1834-1904), Sighele (1868-1913) und Ortega y Gasset (1883-1953) waren der Auffassung, dass der Mensch nicht in Sozialverbänden verankert ist, sondern isoliert in der Masse steht. Der typische Mensch ist blind, dumm, begierig, des Denkens nicht fähig, kann nur in Bildern und nicht in Begriffen denken. Sein Bedürfnis ist es, von Anführern unterdrückt und vergewaltigt zu werden. Vor allem LeBon fand mit seinem Werk „Psychologie der Massen“ einen großen Anklang in der Öffentlichkeit. Dies vor allem, weil er Alltagsweisheiten bereits in seine Theorien integrierte. So wurde im alten Rom beispielsweise folgendes Zitat gerne gebraucht (Sader 1998: 280):

„Senatores omnes boni viri, senatus romana mala bestia (Alle Senatoren sind tüchtige Menschen, der Senat als Ganzes ist ein wildes Tier)“(Sader 1998: 280).

Doch LeBons Aussagen waren teils unscharf, teils sehr allgemein gehalten. Aus diesem Grund wurde er auch stark kritisiert. Vorreiter im deutschsprachigen Raum war hier vor allem Hofstätter (Sader 1998: 280). In seinem Buch „Gruppendynamik – Kritik an der Massenpsychologie“ geht er, im Gegensatz zu LeBon, auf den Gruppenaspekt ein. Dabei stellt er fest, dass der Mensch nicht einfach nur Teil einer Masse, sondern Mitglied in verschiedenen Gruppen ist. Mit ihrer Hilfe ist es ihm möglich, bestimmte Ziele besser zu erreichen. Dies unterscheidet den Mensch somit von den Tieren, die jeweils nur in einer Gruppe beziehungsweise Herde leben (Hofstätter 1986: 27f).

Ich werde mich in meiner Arbeit vor allem auf die Gruppen-dynamik beziehen, da sie mir als das beste Instrument zur Erklärung der oben genannten Phänomene erscheint und ich von LeBons Ansicht des Einzelkämpfers in einer Masse nicht überzeugt bin.

Zunächst stellt sich die Frage, was man eigentlich unter einer Gruppe versteht. Nach Hofstätter lassen sich drei Typen unterscheiden, die den Plural des Menschen kennzeichnen. Die Familie, die Menge und die Klasse. Unterhalb der Klasse findet sich noch der Verband, unterhalb der Menge die Masse und die Gruppe. Eine weitere und feinere Differenzierung ist möglich, aber hier nicht nötig. An dieser Stelle möchte ich es ebenfalls vermeiden, für jeden einzelnen Typus eine Definition zu liefern, da dies den Rahmen meiner Arbeit sprengen würde. Nur soviel: Eine Klasse besteht aus Trägern eines bestimmten Merkmals oder einer Eigenschaft. Eine Menge definiert sich über die konkrete Gemeinschaft, wie z.B. alle Menschen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Eine Gruppe entsteht aus dieser Menge erst dann, wenn sich innerhalb dieser Menge Rollenverteilungen entwickeln. So ist es am wahrscheinlichsten, dass sich eine bestimmte Rangfolge durchsetzen wird, bei der von oben nach untern hierarchisch geführt wird, anstatt, wie bei LeBon angenommen, ein Führer außerhalb der Masse steht und sie leitet (Hofstätter 1986: 32). Innerhalb einer Gruppe müssen sich Hierarchien erst finden, denn niemand wird einfach so zum Anführer oder Befehlshaber. Doch was ist ein Führer? Er kann beispielsweise ein Experte, ein Vertreter der Gruppe nach außen, ein Vorbild, ein Plänemacher, ein Schiedsrichter und Vermittler oder eine Vaterfigur sein (Sader 1998: 264). Die Definitionsvielfalt ist immens. Ich persönlich tendiere zu einer einfachen Definition, die schon im Begriff Führer enthalten ist. Ein Führer ist der, der eine Gruppe führt. Welche Eigenschaften ihn dazu befähigen sind nicht einmal annähernd statistisch zu belegen. Es gibt keine typischen Führereigenschaften (Hofstätter 1986: 166f). Er entscheidet was getan wird und die anderen Mitglieder einer Gruppe folgen ihm. Warum dies letztlich so ist wurde an anderen Stellen, beispielsweise im Falle Adolf Hitlers, mehrfach versucht zu erklären, ohne das es zu einem befriedigenden Ergebnis kam (Vgl. dazu Fest 1976 oder Bullock 1971).

Wie wird man nun ein Führer? Dies kann man anhand eines Experiments von Merei sehr schön nachvollziehen. In einem Kindergarten wurden zwölf homogene Gruppen zu je 3-6 Kindern zusammengestellt. Jede begann im Laufe der Zeit ein besonderes Wir-Gefühl zu entwickeln. Anschließend wurde der Zuwachs durch ein besonders etwas älteres, energisches, rechthaberisches und selbstbewusstes Kind veranlasst. Der Führungsanspruch dieses Kindes bestätigte sich zwar, allerdings nicht so, wie erwartet. Denn bei dem Versuch seine eigenen Regeln und Wünsche geltend zu machen, stieß der designierte Gruppenführer auf Widerstand. Erst als er begann, die Regeln der Gruppe zu akzeptieren und umzusetzen wurde er akzeptiert. Das heißt, er kopierte das Verhalten der anderen Gruppenmitglieder, allerdings ohne davon abzulassen Befehle zu erteilen. Er schrieb den Spielkameraden also genau das zu tun, was sie ohnehin getan hätten (Hofstätter 1986: 159f). Zusammengefasst kann man also sagen: „Die Gruppe absorbiert ihren Führer; indem dieser sich aber strenger an die Normen der Gruppe hält als jedes andere Mitglied, wird er erst eigentlich dazu befähigt die Gruppe zu führen“ (Hofstätter 1986: 161).

Wie also jemand ein Führer wird haben wir nun festgestellt. Doch nicht nur die Auswahl eines Führers charakterisiert eine Gruppe, sondern auch die strikte Trennung von anderen Gruppen. Sherif stellte die verschiedenen Phasen der Gruppenzugehörigkeit eindrucksvoll in mehreren Experimenten dar. In einem Ferienlager für Jungen wurden diese in Kleingruppen aufgeteilt. Hier wurde im Laufe der Zeit ebenfalls ein sehr ausgeprägtes Wir-Gefühl festgestellt. Über Fragebögen wurde jeder Junge bezüglich der Eigenschaften (z.B. mutig, ausdauernd, ordentlich, unsauber, hinterlistig etc.) aller anderen Jungen im Lager befragt. Dabei sprach jeder Junge den Mitgliedern seiner Gruppe durchschnittlich höhere Fähigkeiten zu, als den anderen. Erst im letzten Abschnitt des Experiments wurden mit Hilfe eines „gemeinsamen Gegners“, „einer gemeinsamen Not“, „eines gemeinsamen Vorteils“ oder „einer gemeinsamen Freude“ die Vorurteile zwischen den Gruppen wieder bereinigt. (Hofstätter 1986: 119-121).

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Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638455237
ISBN (Buch)
9783638660143
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48961
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Führerprinzip Mobilisierung Massen Massenbasis Nationalsozialismus Adolf Hitler Hitler Führer Gruppendynamik

Autor

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Titel: Das Führerprinzip und die Mobilisierung der Massen