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Zur Klassifikation des lexikalischen Bedeutungswandels

Seminararbeit 2002 16 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zur Klassifikation lexikalischen Bedeutungswandels
2.1. Was ist Bedeutungswandel?
2.2. Der Prozess der semantischen Innovation und Lexikalisierung
2.3. Typen des Bedeutungswandels
2.3.1. Metapher
2.3.2. Metonymie
2.3.3. Auto-konverser Bedeutungswandel
2.3.4. Kohyponymischer Bedeutungswandel
2.3.5. Generalisierung
2.3.6. Spezialisierung
2.3.7. Lexikalische Absorption
2.3.8. Volksetymologischer Bedeutungswandel
2.3.9. Kontrastbasierter Bedeutungswandel: Antiphrasis und Auto-Antonymie
2.3.10. Analogischer Bedeutungswandel
2.3.11. Intensivierung und Deintensivierung
2.4. Motive für den lexikalischen Bedeutungswandel
2.5. Nutzen der Merkmals- und Prototypensemantik für die Beschreibung semantischen Wandels

3. Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Bibliografie

1. Einleitung

« Les mots n’ont plus le même sens qu’autrefois. »[1]

Mit diese Feststellung weist ein nostalgischer Polizist in Raymond Queneaus Roman Zazie dans le métro lapidar darauf hin, dass die Bedeutung von Wörtern sich im Laufe der Zeit nicht selten ändert. Die Beschreibung eines derartigen lexikalischen Bedeutungswandels ist ein Ziel der historischen Semantik, die ihre Anfänge im 19. Jahrhundert hatte. Nach einer Hochblüte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert fand die historische Semantik ihren vorläufigen Abschluss im Werk Stephen Ullmanns.[2] In dieser Epoche steht die Klassifikation des Bedeutungswandels nach rhetorischen und/oder psychologischen Kriterien im Vordergrund. Im ausgehenden 20. Jahrhundert fallen die Arbeiten von Andreas Blank auf, an die sich die folgenden Ausführungen vorwiegend anlehnen.

Nach einer kurzen Klärung des Begriffs „Bedeutungswandel“ möchte ich auf den Prozess der semantischen Innovation und Lexikalisierung sowie auf die verschiedenen Typen von Bedeutungswandel eingehen, um danach Motive für den Bedeutungswandel aufzuzeigen. Abschließend soll der Nutzen der Merkmals- und Prototypensemantik für die Beschreibung semantischen Wandels kurz angeschnitten werden.

2. Zur Klassifikation lexikalischen Bedeutungswandels

2.1. Was ist Bedeutungswandel?

Allgemein kann unter Bedeutungswandel die Veränderung der Bedeutung eines Wortes im Verlauf seiner sprachgeschichtlichen Entwicklung verstanden werden. Bedeutungswandel ist also ein diachronischer Begriff.

Blank weist darauf hin, dass der Begriff des Bedeutungswandels ungenau sei:

Es verändert sich nämlich nicht eine Bedeutung eines Wortes, sondern [...] zu der oder den vorhandenen Bedeutungen [kommt] eine weitere hinzu und wird lexikalisiert [innovativer Bedeutungswandel/semantische Innovation] oder eine der lexikalisierten Bedeutungen wird ungebräuchlich und fällt weg [reduktiver Bedeutungswandel].[3]

Das kann bedeuten, dass eine Lexie, die nur noch eine einzige Bedeutung hatte, durch reduktiven Bedeutungswandel komplett „ausstirbt“. Andererseits werden durch Innovation auch neue Konzepte versprachlicht und lexikalisiert.

2.2. Der Prozess der semantischen Innovation und Lexikalisierung

Als erster Schritt im Prozess des Bedeutungswandels steht die semantische Innovation im Diskurs eines einzelnen Sprechers oder einer Sprechergruppe. Wird diese Innovation von anderen Sprechern übernommen (Gefallen, kommunikativer Gewinn), so kann es zur Lexikalisierung der Innovation kommen. Das betreffende Lexem erhält eine weitere Bedeutung. Erreicht die Innovation die gemeinsprachliche Ebene einer Einzelsprache, wird sie zur Sprachregel.[4]

Am Beispiel von engl. mouse wird der Prozess der Innovation deutlich:

Der Erfinder [des graphischen Zeigegerätes für Computer] assoziierte auf der Basis bestimmter ähnlicher perzeptueller Merkmale zu dem Konzept graphisches Zeigegerät das Konzept Maus [...]. Die eigentliche Innovation bestand dann in der Übertragung des Zeichenausdrucks engl. mouse auf das in assoziative Relation gebrachte Konzept [...]: Dies ist die Versprachlichung des neuen Konzepts. Zur Lexikalisierung kam es, als diese offenbar erfolgversprechende Innovation im Zuge der Vermarktung popularisiert wurde und sich tatsächlich innerhalb der Sprachgemeinschaft habitualisierte; engl. mouse hat seither beide Bedeutungen, ‘Nagetier’ und ‘graph. Zeigegerät für Computer’.[5]

Innovation und Lexikalisierung erfolgen idealtypisch in drei Schritten :

Auf Grund einer perzeptuellen Similarität erfolgt eine Assoziation; „ce sont les champs associatifs qui fourniront la matière première de l’innovation.“[6] Die Übertragung des Zeichenausdrucks auf das in assoziative Relation gebrachte Konzept liefert die Innovation, also die „Versprachlichung“ des neuen Konzepts. Durch eine popularisierte und habitualisierte Innovation kommt es im dritten Schritt zur Lexikalisierung.

Die dominanten Assoziationsrelationen sind hierbei die metaphorische Similarität (Metapher) sowie die konzeptuelle Kontiguität (Metonymie). Alle weiteren Assoziationsrelationen sind aber möglich.[7]

Die durch Innovation und Lexikalisierung gewonnene neue Bedeutung koexistiert für einen mehr oder weniger längeren Zeitraum mit der älteren (Polysemie).

2.3. Typen des Bedeutungswandels

Folgende Klassifizierungen von Bedeutungswandel schlägt Blank vor:[8]

2.3.1. Metapher

Ullmann bezeichnet die Metapher als „comparaison en raccourci“.[9] Dieser etwas vagen Beschreibung muss hinzugefügt werden, dass die Metapher die Ersetzung darstellt einer „primären semantischen Texteinheit durch eine sekundäre, die zu jener in eine Abbild- oder Ähnlichkeitsrelation gesetzt wird“.[10] Typische Beispiele sind Tiermetaphern (Lambert est un cochon), synästhetische Metaphern (Übertragungen von einem Bereich der Sinneswahrnehmung in einen anderen, z.B. in couleurs criardes, voix sombre) und so genannte anthropomorphe Metaphern (Übertragung aus der menschlichen Domäne, besonders der menschlichen Körperteile, in die verschiedensten nicht-menschlichen Domänen, z.B. le pied de table, l’œil du marteau; un gratte-ciel).[11]

In der kognitiven Linguistik wird die Metapher nicht als ein rein linguistisches Phänomen gesehen, sondern in erster Linie als ein grundlegender kognitiver Prozess, mit dem wir die Welt erfassen, unser Weltwissen organisieren und mit Hilfe von Sprache beschreibbar machen können. Metaphern sind nicht nur „schmückendes Beiwerk“ der Sprache, sondern allgegenwärtig und durchdringen alle Bereiche der Sprache.[12] Sie sind nur häufig so tief in der Kognition verankert und ein derart unverzichtbarer Bestandteil unseres Sprachgebrauchs geworden, dass wir uns ihrer meist gar nicht mehr bewusst sind.[13]

Die innovative Metapher ist nun mehr als der zitierte „verkürzte Vergleich“: Sie entsteht aus der Interaktion zwischen der Ausgangsbedeutung und einem dazu in einem gewissen Widerspruch stehenden Kontext.[14]

„Die innovative Bildung einer Metapher setzt eine kreative Konzeptualisierung voraus: Wir müssen etwas als etwas anderes sehen und dann als dieses andere versprachlichen.“[15]

Kommt es zu einer Lexikalisierung, so können wir die Metapher verstehen, ohne auf den Kontext Bezug zu nehmen.

[...]


[1] Queneau 1981, 105.

[2] Ullmann 1963 [11951] u. a.

[3] Blank 2001, 70.

[4] Cf. Blank 2001, 71.

[5] Blank 2001, 72. Ullmann (1963) unterteilt in logische Klassifizierung (Bedeutungsverengung, -erweiterung,
-verschiebung), evaluative Klassifizierung (Bedeutungsverschlechterung, -verbesserung) und funktionelle Klassifizierung (Übertragung des signifiant auf Grund der Similarität bzw. der Kontiguität der signifiés; Übertragung des signifié auf Grund der Similarität bzw. der Kontiguität der signifiants).

[6] Ullmann 1975, 276.

[7] Cf. Blank 2001, 43f.

[8] Blank 2001, 74-95; 105. Die von Ullmann (1963: 188-230) präsentierte Einteilung der Klassifikationstypen in die Gruppen logisch-rhetorischer, genetischer, eklektischer und empirischer Typ wird hier nicht übernommen.

[9] Ullmann 1975, 277.

[10] Plett 1989, 79.

[11] Cf. Ullmann 1975, 277-284.

[12] Cf. Lakoff/Johnson 1980: Metaphors We Live By.

[13] Cf. Blank 2001, 74f.

[14] Black 1983.

[15] Blank 2001, 75.

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638455152
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48948
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Romanische Philologie
Note
1-
Schlagworte
Klassifikation Bedeutungswandels Proseminar Linguistische Theorieansätze Sprachbeschreibung

Autor

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