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Systemische Beratung und Therapie im Kontext von Suchterkrankungen

Hausarbeit 2019 17 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Suchterkrankungen
1.1 Substanzkonsumstörungen nach DSM-V
1.2 Neurophysiologische und behaviorale Grundlagen
1.3 Diagnostische Kriterien

2. Sucht in der Systemischen Beratung und Therapie
2.1 Systemisches Störungsverständnis
2.2 Systemtherapeutische Interventionen

3. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

In Deutschland leben trotz hoher Präventivmaßnahmen viele Menschen in Abhän- gigkeiten. Im Jahr 2013 waren 1,77 Millionen Menschen alkoholabhängig, 5,6 Mil- lionen Menschen tabakabhängig, 2,3 Millionen Menschen medikamentenabhängig und 0,32 Millionen Menschen hatten Süchte durch illegalen Substanzkonsum ent- wickelt (Pabst, et al., S. 324-326). Im Jahr 2015 wurde die kassenrechtliche Aner- kennung der Systemischen Therapie in Deutschland noch kontrovers diskutiert (Sy- dow, 2015, S. 131). Am 22. November 2018 veröffentlichte der gemeinsame Bun- desausschuss bereits den Beschluss über die Kostenübernahme der Systemischen Therapie. Demnach wird der Therapieform aktuell eine erhöhte Relevanz zu teil. Bezugnehmend auf die Zahlen der in Abhängigkeit lebenden Menschen und der aktuell erhöhten Relevanz der Systemischen Therapie, sollen diese beiden Themen- felder verknüpft und innerhalb dieser Arbeit eruiert werden, was die Systemische Therapie im Falle von Suchterkrankungen leisten kann.

Der erste Teil dieser Hausarbeit offeriert dazu einen kurzen Rundumschlag des the- oretischen Wissens über Süchte. Begonnen wird mit der durch die Veröffentlichung des DSM-V eingeführten Begrifflichkeit der „Substanzkonsumstörung“. Daraufhin werden die neurophysiologischen und behavioralen Hintergründe des Entstehens süchtiger Verhaltensweisen untersucht und mithilfe der Darstellung eines an Ratten durchgeführten Experiments expliziert. Um die Suchtthematik anschließend noch detaillierter ausdifferenzieren zu können, werden im Folgeabschnitt noch die diag- nostischen Kriterien ausbuchstabiert.

Im zweiten Teil dieser Hausarbeit wird sich dann vor dem Hintergrund der Syste- mischen Beratung und Therapie der Suchtthematik angenähert. Dazu wird ein grundlegendes Element der systemischen Denkweise erläutert, um danach mit dem Störungsverständnis aus systemischer Sichtweise fortzufahren. Weiterhin wird ex- ploriert, welche systemtherapeutischen Interventionen die Systemische Therapie bietet, um Substanzkonsumstörungen effektiv zu behandeln.

Die Erkenntnisse dieser Arbeit werden im Fazit zusammengefasst, um anschließend einen Ausblick zu artikulieren, der die behandelte Thematik abschließend bewertet.

1. Suchterkrankungen

1.1 Substanzkonsumstörungen nach DSM-V

Um eine fundierte Wissensgrundlage der Suchtthematik zu schaffen, erscheint es sinnvoll die mit der Veröffentlichung des DSM-V aktualisierte Begriffsbestim- mung von Sucht anzuführen. Die Zusammenführung von den zuvor unterschiede- nen Störungsbildern der Abhängigkeit und des Substanzmissbrauchs wird in der aktuellen Version des statistischen Manuals psychischer Störungen (DSM-V) zu- sammengefasst unter der Begrifflichkeit der Substanzkonsumstörung. Substanz- konsumstörungen können grundsätzlich in zwei Subkategorien untergliedert wer- den. Die prozentual größte Subkategorie ist durch Störungen in Zusammenhang mit psychotropen Substanzen gekennzeichnet. Mit psychotropen Substanzen sind jed- wede Wirkstoffe gemeint, die nachweislich die Psyche des Menschen beeinflussen, wie beispielsweise Alkohol, Cannabis, Opioide oder Inhalanzien. Wirkstoffüber- greifend haben alle psychotropen Substanzen die Gemeinsamkeit, dass diese direkt auf das neuronale Belohnungssystem wirken. Der Einfluss von psychotropen Sub- stanzen auf das Belohnungssystem kann zur Folge haben, dass Alltagsaktivitäten vernachlässigt werden, da die Intensität der natürlichen Aktivierung des Beloh- nungssystems weit geringer ist, als der Belohnungseffekt durch psychotropen Sub- stanzkonsum. Demzufolge kann die Motivation für Alltagsaktivitäten stark redu- ziert sein.

Die zweite Subkategorie kann unter der Begrifflichkeit der Verhaltenssüchte zu- sammengefasst werden. Verhaltenssüchte sind im Gegensatz zur Kategorie der Süchte durch psychotrope Substanzen dadurch abzugrenzen, dass keine physisch existenten Wirkstoffe in den Körper aufgenommen werden. Diese Verhaltens- süchte, die durch nicht physisch existente Substanzen hervorgerufen werden kön- nen sind beispielsweise Glücksspielsucht, Sportsucht, Sexsucht oder Kaufsucht. Auch bei den Verhaltenssüchten ist das Einwirken auf das Belohnungssystem hauptverantwortlich für das Entstehen einer Sucht (Falkai & Wittchen, 2015, S. 661). Nachdem nun der aktualisierte Suchtbegriff erläutert wurde, soll im nächsten Schritt auf die bereits angerissenen neurophysiologischen Grundlagen im Gehirn, sowie auf die verhaltensebene des Menschen eingegangen werden, da diese Kör- perregion wesentlich zum Verständnis einer Substanzkonsumstörung beiträgt. Es wird sich im Rahmen dieser Hausarbeit nicht ausschließlich auf Neudefinition des Suchtbegriffs beschränkt.

1.2 Neurophysiologische und behaviorale Grundlagen

Die Entstehung einer Substanzgebrauchsstörung kann als eine erlernte Krankheit verstanden werden, da bei Einflussnahme von Suchtsubstanzen der Lerneffekt nach dem Modell der klassischen Konditionierung besonders gut funktioniert. Bis auf Ausnahmefälle sind Menschen ab dem Moment der Geburt nicht süchtig (Lüscher, 2009, S. 15). Wie dieser Lernprozess neurophysiologisch abläuft, soll in diesem Kapitel aufgezeigt werden. Das Belohnungssystem kann nicht an einer spezifischen Region im Gehirn verortet werden, sondern ist zu verstehen als ein aus vielen un- terschiedlichen neuronalen Verzweigungen verschaltetes System im Gehirn. Zu be- achten ist, dass die meisten psychotropen Substanzen auch eine individuelle Wir- kungsweise innerhalb des Belohnungssystems haben. Insgesamt kann aber zwi- schen drei zellulären Wirkmechanismen des Einflusses von psychotropen Substan- zen unterschieden werden. Auf diese zellbiologischen Vorgänge soll im Rahmen dieser Hausarbeit aber nicht näher eingegangen werden. Wirkungsübergreifend kann allerdings konstatiert werden, dass bei einer Sucht das Glückshormon Dopa- min immer eine zentrale Rolle spielt. Bei jeder Substanzinduktion ist der Dopamin- spiegel im Nucleus accumbens nachweislich erhöht. Das erklärt auch, warum die Droge LSD kein Abhängigkeitsrisiko bietet, da der Dopaminspiegel durch diese Substanz nicht beeinflusst wird (ebd., S. 17-18). Der Nucleus accumbens ist im vorderen drittel des Gehirns verortet und weist eine kernartige Struktur auf (Beck, Anastasiadou, & Meyer zu Reckendorf, 2016, S. 200).

Olds und Milner haben anhand eines Experiments festgehalten, was die permanente Ausschüttung des Glückshormons Dopamin bei Lebewesen auf der Verhaltens- ebene bewirken kann. Dazu wurden Ratten in eine Skinner-Box gesperrt. Die Rat- ten waren dabei jeweils an eine Elektrode angeschlossen, die durch einen elektri- schen Impuls das Belohnungssystem aktivieren und Dopamin ausschütteten konnte. In der Vorrichtung war ein Hebel angebracht, der bei Betätigung durch die Ratte den eben genannten Belohnungseffekt herbeiführen konnte. War die Elektrode nicht eingeschaltet, so hat die Ratte den Schalter zwar zufällig betätigt, aber nicht merklich öfter, als andere Bereiche innerhalb der Box. Wurde die Elektrode ange- schaltet und konnte die Ratte durch Betätigung des Hebels den Impuls auslösen, erhöhte die Ratte bewusst die Anzahl der Betätigungen des Hebels. Diese Art der Selbststimulation veranlasste die Ratte dazu, den Impuls immer wieder zu aktivie- ren. Wurde diese Ratte nun in eine erweiterte Version der Box gesperrt, indem die Ratte, bevor sie den Hebel betätigen konnte, über einen Elektroschock absondern- den Untergrund laufen musste, konnte beobachtet werden, dass die Ratte die dadurch entstehenden Schmerzen an den Pfoten tolerierte, um den Hebel drücken zu können (Olds & Milner, 1954, S. 419-425). Bezogen auf Substanzkonsumstö- rungen kann gefolgert werden, dass die Betätigung des Hebels und der anschlie- ßende Belohnungseffekt gleichgesetzt werden kann mit dem Konsum abhängig ma- chender Substanzen. Weiterhin kann festgehalten werden, dass ähnlich wie die Rat- ten, auch Menschen große Hürden zu überwinden versuchen, um den Belohnungs- effekt im Gehirn immer wieder herbeizuführen.

Bei nicht suchterzeugenden Tätigkeiten wird das Belohnungssystem zwar auch be- ansprucht und ist vor allem auch für die Motivation ein wichtiger Mechanismus im Gehirn, jedoch ist der Fokus eines gesunden Menschen zu jeder Zeit nicht aus- schließlich auf eine einzige Belohnungsquelle ausgerichtet und so kann multiplen Tätigkeiten, wie beispielsweise den Hobbies nachgegangen werden. So wird bei- spielsweise bei einem Menschen der gerne Ski fährt, bei ebendieser Tätigkeit Do- pamin ausgeschüttet, jedoch war Skifahren noch in keinem klinisch relevanten Kontext teil einer Suchtsymptomatik. Konsumiert ein Mensch hingegen einen Suchtstoff, der eine unnatürlich hohe Menge an Dopamin im Gehirn ausschütten lässt, so ist die Konsequenz, dass die Aufmerksamkeit einer Person auf diesen einen Suchtstoff reduziert wird, da die Belohnung in jedem Fall höher ist, als das Herbei- führen des Belohnungseffekts auf natürlichem Wege (Prölß, Schnell & Koch, 2019, S. 9-10). Nachdem nun zwei wesentliche Unterscheidungsformen von Süchten auf- gezeigt wurden (1.1), sowie die neurophysiologische und behaviorale Ebene von abhängigem Verhalten illustriert wurden, sollen im nächsten Schritt die diagnosti- schen Grundlagen einer Sucht eruiert werden, um einen möglichst umfassenden Gesamteindruck der Suchtthematik abzubilden. Es ist im Speziellen zu klären, wann im klinisch relevanten Kontext von einer Substanzkonsumstörung gespro- chen wird.

1.3 Diagnostische Kriterien

Bevor auf die diagnostischen Kriterien eingegangen wird, soll festgehalten werden, dass die Stellung einer Diagnose nicht immer einfach zu bewerkstelligen ist, da die Angaben der betroffenen Personen, aufgrund der Illegalität vieler Substanzen, oft- mals bewusst verschleiert werden, um nicht strafrechtlich in Erscheinung zu treten. Ebenso sind Suchtkranke oftmals sozialer Ächtung ausgesetzt, sodass Substanz- konsumstörungen aufgrund von Schamgefühlen bewusst verborgen werden (Schneider, Gouzoulis-Mayfrank & Bilke-Hentsch, 2016, S. 97). Um eine fachlich ausdifferenzierte Diagnose stellen zu können, bedarf es also dem Mitwirken der betroffenen Person. Die Kriterien einer Substanzkonsumstörung sollen nun im fol- genden Paragraphen expliziert werden.

Auf Grundlage des DSM-V können 11 Kriterien beschrieben werden, die typisch für eine Substanzkonsumstörung sind. Eine moderate Störung liegt dann vor, wenn mindestens zwei bis drei Kriterien erfüllt sind und bei einer schweren Störung müs- sen mindestens vier bis fünf Kriterien erfüllt sein. Als erstes Kriterium ist der wie- derholte Konsum zu nennen, sodass Interessen und Verpflichtungen vernachlässigt werden. Ein weiteres aufgeführtes Kriterium ist der wiederholte Konsum in Situa- tionen, die durch das Konsumieren zu einer Gefahr für Leib und Leben werden können, wie beispielsweise das wiederholte Trinken beim Steuern eines motorisier- ten Fahrzeugs. Der wiederholte Konsum trotz häufiger zwischenmenschlicher und sozialer Probleme stellt ein drittes Diagnosekriterium dar. Zudem ist die Toleranz- entwicklung ein Merkmal, welches einhergeht mit einer Dosissteigerung oder einer verminderten Wirkung bei gleichbleibender Dosis. Entzugserscheinungen bei der Beendigung des Konsums sind ein weiterer Indikator für eine Suchtsymptomatik. Darauf folgt der Kontrollverlust als sechstes Kriterium, wobei größere Substanz- mengen, als zuvor geplant, konsumiert werden. Aus dem Kontrollverlust entsteht ein anhaltender Kontrollwunsch, der geprägt ist durch erfolglose Versuche des kon- trollierten Substanzgebrauchs, was das siebte Kriterium beschreibt. Der nächste In- dikator thematisiert den hohen Zeitaufwand beim Beschaffen der Substanz, den ho- hen Zeitaufwand beim konsumieren selbst, sowie den hohen Zeitaufwand zur Er- holung nach dem Gebrauch. Das neunte Merkmal beschreibt die Reduktion von alltäglichen Aktivitäten zugunsten des Substanzgebrauchs. Die Weiterverwendung der Substanz, trotz körperlicher und psychischer Beeinträchtigungen stellt die vor- letzte Bedingung der 11 Diagnosemerkmale dar. Als letztes Kriterium ist das soge- nannte „Craving“ benannt, was ein starkes und anhaltendes Verlangen beschreibt, die Substanz konsumieren zu müssen (Falkai & Wittchen, 2014, S. 661).

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Details

Seiten
17
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668970731
ISBN (Buch)
9783668970748
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489366
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,0
Schlagworte
Systemisch Therapie Sucht Schweitzer Schlippe Substanzkonsum Störungsverständnis Interventionen Ressourcenorientierung Ressourceninterview Fragetechniken Tetralemma Beratung

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Titel: Systemische Beratung und Therapie im Kontext von Suchterkrankungen