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Heilige in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Hausarbeit 2019 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Motivation und Fragestellung
1.2. Struktur der vorliegenden Hausarbeit

2. Theoretische Grundlage
2.1. Definition der literarischen Gattung - Märchen
2.2. Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
2.3. Neumann: Märchen – einer der fünf Ströme im Meer des Erzählens
2.3. Mentales Probehandeln
2.4. Heilige

3. Analyse
3.1. Die heilige Maria
3.1.1. Reifungsgeschichte des Mädchens
3.2. Der heilige Petrus
3.2.1. Der heilige Petrus als Handlungsträger in KHM 81 Bruder Lustig
3.2.2. Bewacher der Himmelspforte
3.3. Weitere heilige Personen
3.4. Fazit

4. Funktionen der Heiligen in Märchen und dadurch vermittelte Werte
4.1. Grund des Vorkommens der Heiligen in Märchen
4.2. Märchen als Erziehungsmittel
4.2.1. Belohnung für Gute bzw. Bestrafung für Böse
4.2.2. Vermittelte christliche Tugend
4.3. Himmel – Hölle: Fokus auf „Hier“ und „Jetzt“
4.4. Fazit

5. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es war einmal...“ so lautet der Beginn der meisten Märchen. Wenn man auf diesen Satz stößt, weiß man sofort, dass man ein Märchen liest und für eine gewisse Zeit an eine Welt der Phantasie geleitet wird. Blicken wir zurück in bereits längst vergangene Tage verschiedener Völker sowie verschiedener Kulturen, ist es nicht schwer zu erkennen, dass Märchen immer im Vordergrund in jedem Kulturkreis stehen. Wir begegnen Märchen so häufig im Alltagsleben, dass es kaum ein Kind gibt, in der Kindheit ohne Märchen gelesen zu haben. Unter allen Märchen sind die der Gebrüder Grimm weltweit am beliebtesten und am erfolgreichsten, welche auch bis heute einen wichtigen Bestandteil der deutschen Literatur und Kultur bilden.

1.1. Motivation und Fragestellung

Heute ist es nahezu unbestritten, dass Märchen, ein wichtiger Teil der Kinder- und Jungendliteratur, von großer Bedeutung für die Kultur im Allgemein, aber auch für das kindliche Leben im Besonderen sind. Im Bereiche der Psychologie, insbesondere die Tiefenpsychologie, gibt es immer eine solche Auffassung, dass große Entsprechungen zwischen dem Seelenleben der Kinder und der Erzählweise der Märchen zu beweisen sind. Deswegen ist es wichtig, sich mit Märchen und durch die vermittelte Werte zu beschäftigen.

Viele Stoffe können in Grimmschen Märchen ihren Platz finden: sprechende Tiere, unnatürliche Kräfte, wunderbare Verwandlung, ebenfalls die Heiligenfiguren. Es ist nicht verwunderlich, dass die seltsamsten Dinge in Märchen erscheinen. Maria, Eva, Adam, Petrus u.a. solche Namen sind uns nie unbekannt. Beim Lesen der Seminarmaterialien Kindermilch habe ich bemerkt, dass es viele Anspiegelungen auf solche christlichen Stoffen gibt. Deswegen frage ich mich, ob das Vorkommen solcher christlichen Namen bzw. Figuren in Kinder- und Hausmärchen von gleicher Bedeutung ist, weil die Heiligen, ebenfalls wie Engeln, wichtige Rolle im Himmelreich spielen.

Diese hier vorgelegte Hausarbeit hat das Ziel, die Märchensammlung der Brüder Grimm, die „Kinder- und Hausmärchen“ (im Folgenden nur mehr KHM genannt), auf die in die Handlung auftretenden Heiligen zu untersuchen.

Aus gegenständiger Zielsetzung ergeben sich folgende Forschungsfragen: Wie werden Heilige im Märchen der Brüder Grimm dargestellt? Welche Rolle spielen diese Heiligen im Märchen? Wie ist ihr Vorkommen zu deuten? Welche Werte sind dadurch vermittelt? Ist es notwendig, solche christlichen Stoffe in Märchen zu lesen? Grundsätzlich gilt es herauszufinden, ob Märchen und christliche Erzählungen einander ausschließen, wie stark einzelne Märchen durch christlichen Einfluss verändert wurde und ob ferner ein Zusammenhang zwischen der Bearbeitung der Brüder Grimm in den Märchen zu erkennen ist.

1.2. Struktur der vorliegenden Hausarbeit

Mit solchen Fragenstellungen lässt sich diese Arbeit in vier Kapitel gliedern.

Nach einer Einleitung befasst sich das erste Kapitel mit einer theoretischen Grundlage, nämlich mit den Definitionen und Erläuterungen rund um Märchen. Dieses Kapitel besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil wird der allgemeine Begriff „Märchen“ klargemacht. Durch die Beleuchtung des Begriffs sind uns die historischen Hintergründe der Märchen zugängig. Im zweiten Teil lässt sich Brüder Grimms Sammeltätigkeit vorstellen. Die Märchenanalyse kann ich mithilfe Neumanns Erzähltheorien besser unterziehen, unter denen ich auf „mentales Probehandeln“ großen Wert gelegt. Anschließend geht es um eine kurze Erläuterung der Definition der Heiligen als Ergänzung.

Das zweite Kapitel bildet den Schwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit. Es handelt um eine textimmanente Interpretation, so werden die heiligen Gestalten im Kontext der ausgewählten Märchen interpretiert. Während der Analyse bleibt es zunächst festzuhalten, dass jedes Märchen, in dem uns Heilige Gestalten begegnen, zunächst nach seiner Herkunft, nämlich: Wer war der Beiträger? Wo ist ein solches Märchen entstanden? Zum Schluss wird ein kurzes Zwischenfazit gezogen. Um dieses Analysekapitel übersichtlicher zu gestalten, widmet sich je ein Unterkapitel einem besonderen Heiligen.

In dem dritten Kapitel werden die früher aufgeworfenen Fragen beantwortet.

Im Schlussteil wird eine Schlussfolgerung gezogen. Nach der Analyse der heiligen Figuren in Märchen der Brüder Grimm, ist es festzustellen, dass Grimmsche Märchen als Erziehungsmittel für Kinder dienen können und kein reines religiöses Buch mit christlichen Motiven ausmachen, obwohl die Heiligen in den Märchen als Handlungsträger vorkommen.

2. Theoretische Grundlage

Ehe ich zum eigentlichen Thema komme, muss ich die Voraussetzungen klären. Wir haben uns zu verständigen, was wir unter einem „Märchen“ im Allgemeinen verstehen wollen, und dann müssen wir uns klarmachen, was die Märchen der Brüder Grimm im Besonderen sind.

2.1. Definition der literarischen Gattung - Märchen

Das deutsche Wort „Märchen“ ist eine Diminutivform beziehungsweise eine Verkleinerungsform zu „Mär“ und stammt aus Althochdeutsch „mârî“ sowie Mittelhochdeutsch „maere“, die eine Kunde, einen Bericht, eine Erzählung und ein Gerücht bezeichnen. Märchen beschreibt deswegen „ursprünglich eine kurze Erzählung im eigentlichen Sinne“.[1] Wie einige andere literarische Begriffe erlebte der Begriff „Märchen“ auch einen Bedeutungswandel im Laufe der Zeit, von einem negativen zu einem neutralen für eine bestimmte Erzählgattung. Auf dem Gebiet der Märchenforschung ist eine Vielfalt von Publikationen aus unterschiedlichen Perspektiven entstanden. Trotz zahlreicher Begriffsbestimmungen und Definitionsversuche sind dessen Ursprung und Alter schwer genau zu bestimmen. Denn meistens werden Märchen seit langer Zeit mündlich überliefert, was dazu führt, dass es von großer Schwierigkeit ist, ohne schriftliche Spuren auf die genauen Informationen darüber zurückzugreifen.[2]

Märchen sind je nach Erzähler in zwei Untergattungen deutlich zu trennen, nämlich das Volksmärchen und das Kunstmärchen. Die Kunstmärchen werden normalerweise von einem klar identifizierbaren Autor geschrieben, auch meistens schriftlich verfasst. Deswegen gelten Kunstmärchen eher als „Individualliteratur“.[3] Im Gegensatz dazu beruhen die Volksmärchen auf mündlichen Erzählungen und werden durch unterschiedliche Generationen während der Arbeit, beim Spinnen usw. überliefert und inzwischen weiter entwickelt, bevor sie eine literarische Gattung festgelegt wurden. Das in dem Namen bereits auftauchende Wort „Volk“ zeigt, dass diese Untergattung ursprünglich aus den Erzählungen des Volkes hervorgegangen ist. „Zum Begriff des Volksmärchen gehört, daß es längere Zeit in mündlicher Tradition gelebt hat und durch sie mitgeformt worden ist.“[4] Diese vorliegende Arbeit konzentriert sich hauptsächlich auf Grimm’schen Märchen aus einer anthropologischen Perspektive. Deswegen ist das Volksmärchen der Schwerpunkt dieser Arbeit.

2.2. Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Historisch einordnen lassen sich Märchen in die Epoche der Romantik (1795-1830), deren bedeutsamste Märchensammlung durch die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm aufgezeichnet wurde. In dem deutschsprachigen Raum wird der Begriff „Märchen“ insbesondere tief von den Brüdern Grimm geprägt. Die Sammeltätigkeit der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm begann im Jahr 1807 und sie konnten dabei auf einige Quellen, darunter Bücher, Orte und Personen, zurückgreifen, weil sie versuchten, möglichst viele Märchen zu sammeln, um alte Kultur zu schützen, bevor sie in Vergessenheit gerieten. In der Vorrede des zweiten Bandes kann man dieses Anliegen leicht erkennen: „Der innere gehaltige Werth dieser Märchen ist in der That hoch zu schätzen, sie geben auf unsere uralte Heldendichtung ein neues und solches Licht, wie man sich nirgendsher sonst könnte zu Wege bringen.“[5] In den Jahren 1812 und 1815 erschienen dann die bekanntesten Märchensammlungen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit dem Titel „Kinder- und Hausmärchen“, die in der deutschen Literatur in erster Linie mit dem Begriff Volksmärchen assoziiert sind. Nur erst durch diese Märchensammlung erlangte das Märchen im europäischen insbesondere deutschen Raum höchste Popularität. Diese fantastischen Geschichten entstanden meistens in Zeiten, in denen sich die Menschen mit Singen, Spielen und dem Erzählen frei erfundener Geschichte unterhielten.

Blicken wir die Herkunft und Überlieferung der Märchen, ist es nicht schwer festzuhalten, dass die Mehrheit der grimmschen Märchen auf das Mittelalter zurückgegriffen werden kann, in dem christlicher Glauben die Bevölkere beeinflusste und deswegen Heiligenverehrung überaus häufig vorkommendes Motiv war. Ein unübersehbares Merkmal der Grimmschen Märchen ist der Umgang mit heiligen Figuren während des Handlungsverlaufs, weil Heilige wichtigen Bestandteil des damaligen Glaubens bildeten. Im Märchen finden sich überhaupt folgende Heilige: die heilige Jungfrau Maria, der heilige Petrus, der heilige Georg, der heilige Josef sowie die heilige Anna. Diese folgende Hausarbeit befasst sich mit der Analyse der handlungtragenden Heiligen am Beispiel von ausgewählten Grimmschen Märchen.

2.3. Neumann: Märchen – einer der fünf Ströme im Meer des Erzählens

Michael Neumann hat sich in seinem Werk Die fünf Ströme des Erzählens. Eine Anthropologie der Narration intensiv mit dem Erzählen selbst beschäftigt. Neumann konzentriert sich aus der anthropologischen Perspektive auf die zeit- und kulturübergreifenden Kerngegenstände des Erzählens.[6] Erzählen ist deswegen ein basales und bedeutsamstes Interaktionsmittel, welches dem Menschen gegeben ist.

Vor allem hat Neumann den Begriff der „Universalien“ mithilfe des Wortes „Allgegenwart bestimmter Charakteristika“[7] geklärt, unter denen sich zwei Untergruppen einteilen lassen, nämlich die narrativen Universalien sowie die anthropologischen Universalien. Neumann zufolge ist eine „Anthropologie des Erzählens“ durch die Kombination beider Universalien möglich. Als Universalien hat das Erzählen zwei sehr allgemeine Funktionen: „Unterhaltung“[8] und die spezifische „mentale Verarbeitung all dessen, was in Welt und Ich wichtig erscheint“. Solche mentale Verarbeitung nennt Neumann „imaginatives Probehandeln“.[9]

2.3. Mentales Probehandeln

Im Vergleich zu anderen Wesen in der Welt besitzen nur Menschen die „Errungenschaft“, „auf der Bühne der Phantasie Handlungsabläufe imaginär auszuprobieren“[10]. Deswegen machen die auf der Bühne dargestellten Geschichten die zweite Quelle des Erzählens aus. Neumann bezeichnet dieses Erzählen als „mentales Probehandeln“. Diese Formulierung geht auf Sigmund Freuds und Konras Lorenz´ „mentales Probehandeln in einem vorgestellten Raum“[11] zurückgehen, welches dem Menschen ermöglicht, Zeit und Raum selbst vorzustellen.

Er hat drei wichtige Bedeutungen des „mentalen Probehandelns“ hingewiesen. Erstens, vom Standpunkt des Individuums bietet das Erzählen dem Menschen die Möglichkeit, verschiedene Situationen und komplexe Umstände früher wahrzunehmen, notwendiges Wissen zu erwerben, Lösungen des Problems zu finden und schließlich im Gedächtnis zu speichern, als er wirklich auf solche Situationen stößt. Ausgehend von der Perspektive der Gesellschaft sind die Menschen in der Lage, durch „Unterhaltung“, „ gossip “ solche Erfahrungen mit anderen zu teilen und drüber zu diskutieren, insbesondere wenn ein Einzelner das Problem nicht lösen kann. Auf soziokultureller Ebene ist die Probefunktion des Erzählens von größerer Bedeutung. Die Essenz der vergangenen Erlebnisse zu extrahieren und deren Schlacke zu verwerfen, ermöglichen einem Volk, eigene Traditionen und Tugenden auszubilden, mit deren Ausstattung das Volk auf die aktuelle Gegenwart reagieren kann.[12]

Ein Mensch kann sich durch Gedankensimulationen verschiedene Situationen ausmalen, die er in der Zukunft begegnen könnte. „Mentales Probehandeln“ ergibt sich, damit der Mensch Risiken und Zeit- und Kraftverluste vermeiden und auch dadurch eine mögliche Lösung des Problems finden kann. Im wirklichen Leben ereignen sich immer unterschiedliche heikle und dringende Umstände, die Neumann „Widerstand“[13] nennt. Um einen solchen Widerstand entgegenzustellen, muss man vor allem die Elemente miteinander in Zusammenhang bringen: individuelle physische Wahrnehmungen und Gefühle der Wirklichkeit, Kenntnisse über soziale Umgebungen sowie die „Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen in die eigene Rechnung setzen zu können“[14]. Mithilfe solcher Elementen lassen sich die inneren „kausalen Handlungsfolgen“[15] ausfindig machen. Die kausalen Zusammenhänge verändern sich auch im Laufe der Zeit und mit verschiedenen Situationen, bis das Ziel erreicht wurde, nämlich den Widerstand entgegenzustellen:

„Die Qualität des mentalen Probehandelns bewährt sich zum einen im Erkennen der geeigneten Realitätselemente, in der angemessenen Abschätzung ihrer kausalen Verknüpfbarkeit und in der realistischen Perspektivenübernahme, zum anderen im Finden einer überzeugenden Lösung.“[16]

Eine Lösung zu finden, das Ziel des mentalen Probehandelns, verwirklicht sich normalerweise nach einer „Peripetie“[17]. Eine Peripetie ist normalerweise durch eine Figur, sowohl gute als auch böse, die in die Handlung eingesetzt wird, um den Helden bei dem Überstehen des Widerstandes zu helfen. „Das Spiel ist agierendes Probehandeln, Erzählen ist mentales Probehandeln.“[18]

[...]


[1] Lüthi, Max: Märchen. Stuttgart 2004, S. 1.

[2] Vgl. Freund, Winfried: Deutsche Märchen. München 1996, S. 181.

[3] Lüthi: Märchen, S. 5.

[4] Ebd.

[5] Grimm, Wilhelm: Vorrede zum 2. Bd., S. 330.

[6] Vgl. Neumann, Michael: Die fünf Ströme des Erzählens. Eine Anthropologie der Narration. Berlin 2013, S. 2 und S. 38.

[7] Ebd. S. 11.

[8] Ebd. S. 42.

[9] Ebd. S. 44.

[10] Neumann, Michael: Erzählen. Einige anthropologische Überlegungen. In: Erzählte Identitäten. Ein interdisziplinäres Symposion. Hrsg. von dems. München 2000,S. 286.

[11] Zitiert nach Ebd.

[12] Vgl. Neumann: Die fünf Ströme des Erzählens, S. 44.

[13] Neumann: Erzählen, S. 287.

[14] Ebd.

[15] Ebd. S. 288.

[16] Ebd.

[17] Ebd. S. 289.

[18] Ebd. S. 293-294.

Details

Seiten
27
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668947948
ISBN (Buch)
9783668947955
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489314
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Neuere Deutsche Literatur
Note
2.0
Schlagworte
heilige kinder- hausmärchen brüder grimm

Autor

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Titel: Heilige in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm