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Posttraumatische Belastungsstörung

Wirksamkeit einer internetbasierten Intervention zur Verringerung der PTBS-Symptome bei Betroffenen durch die Verbesserung von sozialer Anerkennung und die Offenlegung von Traumata

Studienarbeit 2018 32 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer und empirischer Hintergrund

3. Methode und Ereignisse

4. Diskussion

Literaturverzeichnis

Abstract

Mögliche Folgen von traumatischen Ereignissen rücken immer mehr in das Blickfeld der Allgemeinbevölkerung. Die Wahrscheinlichkeit, nach einem solchen Ereignis eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auszubilden wird durch verschiedene Schutz- und Risikofaktoren beeinflusst. Die Lebenszeitprävalenz bei PTBS in Deutschland liegt zwischen 1,5 und 2 Prozent. Die Studie Web-based Intervention improves social acknowledgement and disclosure of trauma, leading to a reduction in posttraumatic stress disorder symptoms von Xu et al. (2016) befasst sich mit internetbasierter Intervention bei posttraumatischer Belastungsstörung und kann zur Untersuchung der Fragestellung, ob eine Verringerung der Symptome bei SoldatInnen mit Posttraumatischer Belastungsstörung durch eine internetbasierte Intervention und die damit verbundene Steigerung von Schutzfaktoren erzielt werden kann“, herangezogen werden. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die internetbasierte Intervention durch die Verbesserung der sozialen Anerkennung und Offenlegung des Traumas die Symptome von posttraumatischer Belastungsstörung verringern kann. Zudem wird eine Verbindung zwischen den Ergebnissen der Studie und eine mögliche Übertragung auf SoldatInnen hergestellt.

1. Einleitung

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge leiden weltweit über 300 Millionen von Menschen unter einer psychischen Störung (WHO 2018a). Täglich werden wir in den Nachrichten mit Opfern politischer Konflikte, Kriege oder terroristischer Anschläge konfrontiert. Noch bevor das traumatische Erlebnis vorbei ist, kann jeder Mensch heute dank moderner Medien „live“ dabei sein. Der Schock bei den Zuschauern sitzt tief, doch was geschieht mit den Opfern dieser Ereignisse? (Boos 2014) „Deren Leiden eignet sich nicht lange für Schlagzeilen“ (Boos 2014). „Ich werde die Bilder nicht los und es fühlt sich für mich so an, als ob der Schrecken nie enden will“ (Flatten 2013). „Manchmal genügt die Sirene eines Krankenwagens. Wenn die Angst kommt und jeder Atemzug zur Qual wird, wünscht sich Jörg Beckers einfach weg“ (bundeswehr.de 2018). Jörg Beckers ist Soldat der Bundeswehr, seit über 20 Jahren. Jahre lang war er mit seiner Fregatte auf See, bis er Jahre später (2003) in die Eifel versetzt wurde. Dort gründete er eine Familie. 2011 wurde Jörg Becker für einen Einsatz nach Afghanistan geschickt. Er trug tagtäglich große Verantwortung für das Leben seiner Leute. Seit dem Geschehen 2011 kann er mit Afghanistan nicht abschließen. Drei Soldaten wurden an einem äußeren Posten erschossen, während Jörg Becker das Geschehen über Funk miterlebte. 2016 nach zahlreichen Vermutungen andere psychischer Störungen, wie Depressionen oder Burnout, dann die Diagnose- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Heute möchte Jörg Beckers seinen Kameraden und anderen Betroffenen Mut machen, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen. (bundeswehr.de 2018) Ergebnisse einer Dunkelzifferstudie zeigen, dass aller Voraussicht nach ca. 20 Prozent der EinsatzsoldatInnen unter einer psychischen Störung leiden. Die Studie ergab zudem, dass bei ca. 50 Prozent eine nicht diagnostizierte oder nicht behandelte Posttraumatische Belastungsstörung vorliegt. Die Ursachen für die hohen Dunkelziffern und niedrigen Behandlungsquoten werden der Erhebung zufolge auf die Angst vor einer Denunzierung zurückgeführt. (Gärtner 2013)

Traumafolgestörungen sind in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus des öffentlichen Interesses getreten. Deutschland konnte seine Rückstände im internationalen Diskurs der Wissenschaft gut aufarbeiten (Rückstände die durch das Eröffnen zweier Weltkriege entstanden). (Flatten 2013) Zu früheren Zeiten wurden SoldatInnen, die aus dem Krieg heimkehrten und Symptome wie die der PTBS zeigten, als Feiglinge abgestempelt oder denunziert. Zu diesen Zeiten führt man die psychischen Abnormitäten der Betroffenen auf Geisteskrankheiten oder eine Labilität ihres psychischen Zustandes zurück. Teilweise wurden Ursachen für abnormales Verhalten in organischen Schäden gesucht oder die Betroffenen als Simulanten abgestempelt. Obwohl medizinisches Personal schnell feststellte, dass es sich bei der Symptomatik um ein eigenständiges Krankheitsbild handeln müsse (Dietl 2015). Im zweiten Weltkrieg wiesen SoldatInnen vergleichbare Symptome auf. Darauffolgend wurde sich langsam aber zunehmend mit der Thematik befasst. Zu dieser Zeit wurde lediglich das therapeutische Ziel verfolgt, die betroffenen SoldatInnen schnellstmöglich wieder einsatzfähig zu machen. Nach der Rückkehr der SoldatInnen trat diese Thematik allerdings wieder in den Hintergrund, mit dem psychischen Zustand der SoldatInnen und ihren Erlebnissen wurde sich nicht befasst. (Dietl 2015) Im Zuge des Vietnamkriegs wiesen ebenfalls zahlreiche SoldatInnen die Symptome der heutigen PTBS auf. Heimkehrende SoldatInnen sprachen nun öffentlich über ihr Leiden und ihre Probleme. Sie sprachen im öffentlichen Raum über ihre Erlebnisse und eine Vielzahl von ihnen sprachen sich gegen einen Krieg aus. Durch den öffentlichen Diskurs wurde das Bewusstsein der Bevölkerung im Hinblick auf den Krieg und dessen Folgen verändert. Durch dieses Veränderungen im Bewusstsein einer ganzen Bevölkerung wurde sich zunehmend mit den Folgen des Krieges und andauernden psychischen Verletzungen, die SoldatInnen infolge des Krieges erlitten, befasst. (Dietl 2015) Zunächst wurden die Symptome in den Vereinigten Staaten von Amerika für eine einfache Neurose gehalten. (Bentheim 2009) Bis die PTBS im Jahre 1980 offiziell als Störung in den DSM-3 („Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“) aufgenommen und als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt wurde (Bentheim 2009). Im Jahr 2011 wiesen 3,8 Prozent der Frauen und 0,9 Prozent der Männer in Deutschland eine Posttraumatische Belastungsstörung auf (Statista 2018). Laut Maercker erleiden 25 bis ca. 30 Prozent der Deutschen ich ihrem Leben mindestens ein Trauma. (Maerker in Pausch und Matten 2018, S.10) In den letzten Jahren wurden im öffentlichen Diskurs immer wieder Forderungen nach einer Namensänderung des Krankheitsbildes laut. Durch die Benennung „Störung“ fühlen sich Betroffene stigmatisiert, was sich wiederum auf die Behandlungsquoten auswirkt. Aus Angst vor Stigmatisierung verschweigen viele ihre Krankheit und leiden Jahrelang unter den Symptomen ohne sich Unterstützung zu suchen. (Dietl 2015)

Diese Arbeit befasst sich mit der Fragestellung, ob eine Verringerung der Symptome bei SoldatInnen mit posttraumatischer Belastungsstörung durch eine internetbasierte Intervention und die damit verbundene Steigerung von Schutzfaktoren erzielt werden kann. Das zweite Kapitel dient der Darlegung des theoretischen und empirischen Hintergrundes bezüglich der aufgestellten Forschungsfrage. Es wird zunächst allgemein auf das Thema Trauma und Traumafolgestörungen eingegangen. Hiernach wird kurz die akute Belastungsreaktion angeführt, um dann auf die Posttraumatische Belastungsstörung zu sprechen zu kommen. Da sich die Fragestellung auf die Posttraumatische Belastungsstörung bezieht, wird herauf der Fokus des Kapitels liegen. Anschließend wird der Schwerpunkt auf die internetbasierte Intervention gelegt und eine Hypothese in Bezug auf die Forschungsfrage aufgestellt. Im dritten Kapitel werden Methoden und Ergebnisse einer randomisierten Studie beschrieben, auf welcher sich die verfasste Hypothese stützt. Im letzten Kapitel findet eine Diskussion über die Bewertung der Hypothese hinsichtlich den theoretischen und empirischen Hintergrundinformationen. In diesem Zusammenhang wird das Kapitel zudem einen Ausblick auf die Praxis der Sozialen Arbeit geben.

2. Theoretischer und empirischer Hintergrund

In diesem Kapitel werden die theoretischen und empirischen Hintergründe im Hinblick auf die Fragestellung der vorliegenden Arbeit dargestellt. Zu Beginn wird eine allgemeine Übersicht über das Thema Trauma und Traumafolgestörungen und deren verschiedene Arten gegeben, um dann den Fokus auf die Posttraumatische Belastungsstörung zu legen. Nachfolgend wird auf die kognitive Verhaltenstherapie bei PTBS eingegangen um daran anschließend die internetbasierte Intervention vorzustellen. In Bezug auf die vorgestellte Fragestellung wird zudem eine Hypothese formuliert, die sich auf die Studie stützt, welche im dritten Kapitel der Arbeit beschrieben wird.

Traumafolgestörungen zählen zur Kategorie der psychischen Krankheiten. Die TACOS-Studie untersuchte die Lebenszeitprävalenz von psychischen Störungen in einer Region im Norden Deutschlands bei der Allgemeinbevölkerung im Alter zwischen von 18 bis 64 Jahren. Ergebnisse der Studie zeigten, dass rund 1,4 Prozent der ProbandInnen unter einer psychischen Störung in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung litten. (Meyer et al., S.539) Kennzeichnend für eine Traumafolgestörung ist das Erleben eines traumatischen Ereignisses.

Es besteht keine einheitliche Begriffsbestimmung eines seelischen Traumas. In den vergangenen Jahren hat sich der Begriff gewandelt. Grundlegend besteht der Gedanke, dass ein seelisches Trauma eine Verletzung der menschlichen Seele darstellt. (Pausch und Matten 2018, S.4) „Eine traumatische Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass es eine Diskrepanz zwischen der subjektiv erlebten Bedrohung für sich oder andere und den individuellen Bewältigungsstrategien gibt“ (Pausch und Matten 2018, S.4). Die Bedrohung muss somit nicht zwangsläufig die eigene Person betreffen. Wenn Lebensgefahr für eine andere Person besteht oder erwartet wird, kann diese Tatsache die Betroffenen ebenfalls traumatisieren. Als Traumata werden Vorfälle bezeichnet, welche schlagartig/ unvorhergesehen auftreten und durch die Heftigkeit des Geschehenen gekennzeichnet sind. Diese Vorfälle erscheinen ausweglos, da die Betroffenen ihr schutzlos entgegenstehen. (Pausch und Matten 2018, S.4)

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Einteilung von Traumata. Die erste Variante unterteilt die Ereignisse nach der Auftretenshäufigkeit. Hierbei werden die Ereignisse in Typ-I-Traumata und Typ-II-Traumata unterschieden. Typ-I-Traumata wie beispielsweise Verkehrsunfälle sind durch ein einmaliges Auftreten gekennzeichnet und meist kurzzeitig. Bei Typ-II-Traumata hingegen findet eine Traumatisierung über einen längeren Zeitraum hinweg statt. Hierunter fallen Vorfälle, bei denen es zu mehreren traumatischen Geschehen kommt, wie beispielsweise sexuellem Missbrauch. (Pausch und Matten 2018, S,.4) Eine andere Möglichkeit der Einteilung besteht nach der Instanz, welche das traumatisierende Ereignis herbeigeführt hat. Ein „non-intentionales/akzidentielles Traumata“ ist durch Zufall oder durch die Natur herbeigeführt wurden (ggf. auch beides zusammen), wie es beispielsweise bei einem Autounfall oder einem Taifun der Fall ist. Ein intentionales Traumata hingegen wurde durch einen anderen Menschen gezielt herbeigeführt. Für solche traumatisierenden Ereignisse wurde unteranderem der Begriff „man-made-disaster“ eingeführt. (Pausch und Matten 2018, S.4) Beispiele hierfür wären unteranderem Misshandlungen, Kriegserlebnisse oder Gewalterlebnisse aller Art (Tagay et al. 2016, S.35). Nach epidemiologischen Erkenntnissen können Menschen Typ-II-Traumata und traumatisierende Vorfälle, welche von anderen Menschen bewusst und absichtlich herbeigeführt wurden schwerer überwinden, als jene, welche non-intentional, aus einem Zufall heraus, stattgefunden haben (Pausch und Matten 2018, S.4). In den 1990er Jahren wurde in Deutschland und Umgebung nach detaillierten Studien und dem Aufkommen wissenschaftlich fundierter Kenntnisse über traumatische Störungen, deren Herausbildung und Verlauf, erstmals die Erforderlichkeit einer gezielten und qualifizierten Hilfe wahrgenommen (Bering et al., S.40).

Wie häufig eine Belastungsstörung nach einem traumatischen Ereignis eintritt, hängt unteranderem von dem Typ des Ereignisses ab. Bei akzidentiellen traumatischen Erlebnissen wie beispielsweise Naturkatastrophen, Autounfällen oder schweren organischen Erkrankungen (Herzinfarkt) liegt die Prävalenz bei 10 Prozent oder weniger. Hingegen beträgt sie bei Menschen die Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sind, um die 50 Prozent. Erlebnisse, die sowohl langdauernd (Typ-II-Traumata) als auch intentionaler Art sind, weisen ebenfalls eine Prävalenz um die 50 Prozent auf. Hierunter fallen beispielsweise Menschen die Opfer von Folter/ Krieg oder Vertreibung geworden sind. (Bering et al., S.41) In Verbindung mit traumatischen Erlebnissen ist oftmals nicht von posttraumatischer Belastungsstörung die Rede. Nicht selten wird der Begriff Traumafolgestörung verwendet. Traumafolgestörung ist ein weiter Begriff, unter welchem eine Vielzahl an Störungsbildern, Symptomatiken und möglichen Reaktionen auf ein oder mehrere traumatische Ereignisse zusammengefasst ist. (Pausch und Matten 2018, S.6) Zu diesen Traumafolgestörungen werden unteranderem die akute Belastungsreaktion (QE84) und die andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (im neuen ICD 11 als komplexe PTBS bekannt 6B41) gefasst. Die Posttraumatische Belastungsstörung zählt ebenfalls zu diesen Störungsbildern (6B40) (Bering et al., S.7). Alle drei haben gemein, dass ein stark belastendes Erlebnis zugrunde liegt und sich das Störungsbild ohne dieses Erlebnis nicht entwickelt hätte. Zudem werden die Betroffenen in ihrer Leistungsfähigkeit stark beeinflusst.

Eine akute Belastungsreaktion wird als vorübergehende Störung bezeichnet, welche nach einem belastenden Ereignis einsetzt. Diese Störung hält in der Regel nur wenige Tage oder Stunden, maximal aber einen Monat, an. Die Symptome der akuten Belastungsreaktion setzen umgehend oder wenige Stunden nach stattfinden der körperlichen oder seelischen Belastung ein. Hierbei werden zwei große Gruppen von Symptomen unterschieden. Zur ersten Gruppe der Symptome gehören „(…) Kriterien B., C. und D. der generalisierten Angststörung [F41.1]“ (Dilling et al. 2013, S.172). Die zweite Gruppe der Symptome umfasst unteranderem Gefühle der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die Betroffenen können übermäßige Verärgerung empfinden, was sich wiederum in verbaler Aggression zeigen kann. Zudem vermeiden Betroffene häufig den Kontakt zu anderen und ziehen sich zurück. Die akute Belastungsreaktion kann in eine leichte (F43.00) mittelschwere (F43.01) oder eine schwere Belastungsreaktion (F43.02) unterschieden werden. Für die leichte akute Belastungsreaktion nach F43.00 muss ein Symptom der Kategorie 1 vorliegen. Bei einer mittelschweren Belastungsreaktion F43.01 müssen Symptome der ersten Kategorie und zwei Symptome der zweiten Kategorie bei den Betroffenen gegeben sein. Die schwere Belastungsreaktion nach F43.02 verlangt das Vorliegen der Symptome aus Kategorie 1, und vier Symptome der Kategorie 2 oder F44.2 das Vorliegen eines „dissoziativen Stupors“. (Dilling et al. 2013, S.171f)

Die Krankheitshäufigkeit einer akuten Belastungsreaktion bei Menschen die vor kurzer Zeit, höchstens einem Monat vor Befragung, ein traumatisches Erlebnis hatten, weicht je nach Art des Vorfalls und nach subjektiver Bewertung der Betroffenen, wie leidvoll das Geschehen empfunden wird, stark voneinander ab. Nach traumatischen Ereignissen, die durch eine andere Person ausgelöst wurden, liegt die Prävalenz der Betroffenen deutlich höher (mindesten 20 und höchstens 50 Prozent), als bei Vorfällen, die nicht (vorsätzlich) von Menschen verursacht wurden (zwischen 13 und 21 Prozent nach einem Verkehrsunfall). (Falkai et al. 2018, S.387) Die Symptome der akuten Belastungsreaktion verschlechtern sich in vielen Fällen, wenn es im Zeitraum dieses Monats zu einem erneuten traumatischen Vorfall kommt, oder das Arbeitspensum und die Anforderungen im Alltag nicht herabgesetzte werden (Falkai et al. 2018, S.388).

Personen, die bereits eine akute Belastungsreaktion ausgebildet haben, weisen ein erhöhtes Risiko auf, ebenfalls eine Posttraumatische Belastungsstörung auszubilden. Eine PTBS kann sich aber auch bei Menschen entwickeln, die zuvor unter keiner akuten Belastungsreaktion litten. (Schönfeld et al. 2011, S.989) Laut DSM-5 haben rund 50 Prozent der Betroffenen, welche eine PTBS ausbilden, zuvor bereits an einer akuten Belastungsreaktion gelitten (Falkai et al. 2018, S.388).

„Post-traumatic stress disorder (PTSD) is a syndrome that develops following exposure to an extremely threatening or horrific event or series of events (…)” (WHO 2018b, ICD 11 6B40). Im ICD (Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, von der WHO herausgegeben) und DSM wird unteranderem geregelt, welche Kriterien beim Vorliegen einer Posttraumatische Belastungsstörung erfüllt sein müssen. Der ICD 11 und DSM- 5 unterteilen vier große Symptomgruppen von PTBS. Die erste Symptomgruppe wird als das wiederholte Erleben des traumatischen Ereignisses zusammengefasst. Darunter fallen beispielsweise Symptome wie die Intrusion von Erinnerungen, die immer wieder ungewollt in das Bewusstsein der Betroffenen oder in ihre Träume eindringen, die immer wieder von starken Gefühlen wie Angst aber auch körperlichen Wahrnehmungen begleitet werden. (WHO 2018b, ICD 11 6B40) Die zweite Symptomkategorie fasst das Vermeiden von Gedanken, Gefühlen oder Erinnerungen an den Vorfall/ die Vorfälle, aber auch das Vermeiden von Mitmenschen, Orten oder Situationen zusammen, welche mit dem Ereignis in Verbindung gebracht werden bzw. Erinnerungen an dieses hervorrufen (können). (WHO 2018b, ICD 11 6B40) Die dritte Symptomkategorie bezieht sich auf die negative Änderungen auf der kognitiven und emotionalen Ebene. Hierunter fallen bei vielen Betroffenen Erinnerungslücken bezüglich wichtiger Details des traumatischen Erlebnisses (in den meisten Fällen ausgelöst durch eine dissoziative Amnesie). (Falkai et al. 2018, S.369ff) Es besteht die Möglichkeit, dass eine dissoziative Amnesie durch große Anstrengungen herbeigeführt wird, aufdrängende und belastende Erinnerungen abzuschalten. Auch Verzerrungen im Hinblick auf die Auslöser und Folgen des Geschehenen woraufhin, Betroffene die Schuld für das Ereignis in ihrer eigenen oder einer anderen Person suchen, sind keine Seltenheit. Oft ziehen Betroffene sich immer mehr aus ihrem Umfeld zurück, erleben ein Gefühl der Entfremdung und nehmen immer weniger an gemeinsamen Aktivitäten teil. Nicht selten sind die dauerhaft nicht in der Lage dazu, positive Empfindungen wie Zuneigung oder Glück zu verspüren, stattdessen begleiten negative Empfindungen wie Angst oder Scham ihren Alltag. Die vierte Symptomkategorie beschreibt die anhaltende Überregung. Die betroffenen Personen sind in aller Regel schreckhaft und reagieren (über-)empfindlich auf Reize wie bestimmte Geräusche oder ähnliches, sie sind schnell gereizt und können zu aggressiven Verhaltensweisen neigen. Ebenso können Schwierigkeiten beim Schlafen oder Konzentrationsprobleme den Alltag der Betroffenen begleiten. (Falkai et al. 2018, S.369ff) Die beschriebenen Symptome müssen laut Vorgabe des ICD-11 mindestens über einen Zeitraum von mehreren Wochen andauern und die Lebensqualität der Betroffenen wesentlich beschränken. Durch andauernde Symptome muss es außerdem zu wesentlichen Einschränkungen in wichtigen Sphären des Betroffenen kommen (bspw. im sozialen oder beruflichen Rahmen). (WHO 2018b, ICD 11 6B40)

Fast jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mindestens einmal mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Nur die wenigsten entwickeln hingegen eine Traumafolgestörung (Tagay et al. 2016, S.51). Die Wahrscheinlichkeit nach einem traumatischen Erlebnis eine PTBS oder andere Traumafolgestörung zu entwickeln ist abhängig von verschiedenen Faktoren, ein Faktor ist die Art des traumatischen Erlebnisses (Steil und Rosner 2009, S.13). „In their lifetime, most community residents have experienced 1 or more traumatic events at the level of posttraumatic stress disorder (PTSD). Only a few of those ever exposed to traumatic events have developed PTSD” (Breslau 2002, S.923). Zu diesem Ergebnis kam Naomi Breslau in ihrem Artikel über die neusten epidemiologischen Studien über PTBS in der Allgemeinbevölkerung. Einer Vielzahl von Studien zufolge (Kessler et al., 1995; Breslau et al., 1998, Hapke et al., 2006) ist die Wahrscheinlichkeit eine PTBS auszubilden bei Männern deutlich niedriger, als die Wahrscheinlichkeit als Frau eine PTBS zu entwickeln (zwischen 5 und 20 Prozent). Die prozentualen Unterschiede lassen sich auf unterschiedliche Untersuchungsmethoden zurückführen (Alter der ProbandInnen, Diagnostik der PTBS), sind aber nach Spitzer et al. auch ein Kennzeichen dafür, dass der kulturelle Hintergrund und die Herkunft nicht nur Auswirkung auf die Wahrscheinlichkeit hat, ein Trauma auszubilden, sondern ebenfalls die Entwicklung einer PTBS beeinflusst. (Breslau 2002, S.923f) Die Anzahl der Menschen, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden, weicht je nach Land oder Gegend stark voneinander ab. Abhängig davon, wie hoch oder niedrig die Zahl von traumatischen Vorfällen oder Umständen vor Ort ist (bspw. durch Gewaltverbrechen, kriegerische Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen). (Maercker und Karl 2011, S. 977) Je nach Land und Gegend erkranken mindestens ein Prozent und höchstens 7 Prozent der Weltbevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer PTBS, in Deutschland liegt die Lebenszeitprävalenz zwischen 1,5 und 2 Prozent. (Flatten 2013, S.4)

Viele Betroffene bewältigen das Erlebte eigenständig oder mit psychosozialer Hilfe. Wieder andere bilden nach einem traumatischen Erlebnis keine PTBS sondern ein anderes Störungsbild aus. Resilienzvariablen oder auch Schutzfaktoren genannt sorgen entweder dafür, dass es bei Betroffenen nicht zur Ausbildung der Symptomatik kommt, oder diese sich schneller wieder zurückbilden. Faktoren, die das Risiko an einer PTBS zu erkranken erhöhen oder protektiv wirken können, können in drei Gruppen unterschieden werden, und bereits vor, während oder nach dem Trauma in Erscheinung treten (prä-, peri-, posttraumatisch). Die erste Gruppe der prätraumatischen Risikofaktoren wird ebenfalls in drei Untergruppen aufgeteilt. Hierunter fallen die sogenannten Temperamentsfaktoren, Umweltfaktoren und erblich bedingte sowie physiologische Aspekte. Unter Temperamentsfaktoren werden psychische Störungsbilder sowie andere emotionale Probleme eines Individuums, bis zum sechsten Lebensjahr, gefasst. Hierunter fallen traumatische Erlebnisse oder psychische Störungen unter welchen Betroffene bereits im jungen Alter litten. Im Bereich der Umweltfaktoren spielen vorrangig die Herkunft und damit verbunden ein niedriger Bildungsgrad, niedriger beruflicher Rang und oder ein niedriges Einkommen der Familie, eine entscheidende Rolle. Zu den Umweltaspekten zählen ebenso traumatische Erlebnisse oder andere belastende Sachverhalte, denen die Betroffenen in ihrer frühen Kindheit ausgesetzt waren (Verlust einer Bezugsperson, oder gestörte Strukturen innerhalb der Primärgruppe). Aber auch Aspekte wie der kulturelle Rahmen in dem ein Betroffener aufwächst, Belastungen und/ oder psychische Störungsbilder innerhalb der Familie, oder das intellektuelle Leistungsvermögen des Betroffenen können unter Aspekte der Umwelt in die Gruppe der prätraumatischen Faktoren gefasst werden (Flatten 2013, S.368ff). Laut DSM-5 zählen zu den erblich bedingten Einflüssen unteranderem das Geschlecht und das Alter der Person zum Zeitpunkt des traumatischen Erlebnisses. Hierbei haben Frauen nach Angaben des DSM-5 ein erhöhtes Risiko, eine PTBS auszubilden. Aspekte, welche zum Zeitpunkt des traumatischen Geschehens (peritraumatisch) bedeutsam für die Entwicklung einer PTBS sein können, beziehen sich vorrangig auf das Geschehen selbst. Hierfür ist der erlebte Schweregrad des Traumas entscheidend (wie lebensbedrohlich). Wie einschneidend und leidvoll ein traumatisches Ereignis für die Betroffenen ist, hängt von subjektiven Empfindungen ab. Ein anderer Risikofaktor für die Ausbildung einer PTBS wäre zudem die Frage, ob das traumatische Ereignis durch eine enge Bindungsperson verursacht oder herbeigeführt wurde. Ebenfalls können Dissoziationen, welche ebenfalls nach Beendigung des traumatischen Vorfalls andauern, das Risiko erhöhen. Bei SoldatInnen ergibt sich noch ein weiterer Faktor, welcher das Risiko für die Ausbildung einer PTBS erhöht. Bei dieser Berufsgruppe ist nicht nur das subjektive Erleben oder Wahrnehmen eines traumatisierenden Vorfalls oder einer traumatisierenden Tat ein Risikofaktor. Wenn die SoldatInnen nicht nur Opfer, sondern selbst Täter einer solchen Tat waren und anderen Menschen tiefgreifende Wunden zugefügt, oder selbst getötet haben, kann dies ebenfalls zu einem erhöhten Risiko der Ausbildung einer PTBS führen. Faktoren die nach dem traumatischen Ereignis zur Erhöhung oder Senkung der Wahrscheinlichkeit einer Ausbildung des Störungsbildes beitragen können. (Flatten 2013, S.368ff)

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Details

Seiten
32
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668947733
ISBN (Buch)
9783668947740
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489014
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1,8
Schlagworte
PTBS Posttraumatische Belastungstsörung Soldaten Soziale Anerkennung wissenschaftliche Arbeit Studie Klinische Psychologie Belastungsstörungen

Autor

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Titel: Posttraumatische Belastungsstörung