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Der Sprachkontakt Spanisch - Quechua

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 23 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Wie kam es zum Sprachkontakt Spanisch-Quechua?
1.1. Vor der Ankunft der Spanier
1.2. Kurz nach der Ankunft der Spanier

2. Das Quechua6
2.1. Die Entstehung und der Ursprung
2.2. Die Verbreitung

3. Die Sprachkontaktsituation und das Castellano in Puno (Peru)
3.1. Allgemeines
3.2. Ausgewählte Phänomene des Sprachkontaktes zwischen Spanisch und Quechua
3.2.1. Die Benutzung des Artikels
3.2.2. Der Ausdruck der Besitzanzeige der dritten Person
3.2.3. Die Benutzung der Zeitformen
3.2.4. Der Gebrauch von Geschlecht und Plural
3.2.5. Die Lexik
3.2.6. Zwischenbilanz
3.3. Die Motive für die Sprachwahl

4. Der Begriff Media Lengua

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In dieser Hausarbeit im Rahmen des Seminars Migration und Sprache will sich der Verfasser mit dem Thema der Sprachkontakt Spanisch-Quechua auseinandersetzen. Am Anfang der Arbeit soll die Situation vor der Ankunft der spanischen Eroberer dargestellt werden. Nachdem die Landung der Iberer im Gebiet der Inka betrachtet wurde, wendet sich diese Niederschrift dem Ursprung, der Entstehung und der Verbreitung des Quechua zu. Die Phänomene des Sprachkontaktes zwischen den beiden Sprachen werden anhand von Beispielen im dritten Punkt erläutert. Zum Schluß soll der Begriff Media Lengua Gegenstand dieser Ausführungen sein.

Als 1492 der Genuese Christoph Kolumbus die ersten Gebiete des heutigen Südamerikas entdeckte, befand sich das Inkareich gerade in seiner Blütezeit. Die Nachfolger des berühmten italienischen Eroberers Francisco Pizarro und des Spaniers Hernán Cortés landeten nur wenige Jahre später an den Küsten dieses Kontinentes. Während Cortés das Land südlich von Panama für die spanische Krone eroberte, zog es Pizarro nach Norden. Er ging im Jahre 1531 mit etwa 180 Soldaten, 60 Pferden und mehreren leichten Geschützen bei Tumbes im nördlichen Peru an Land, um das sagenumwobene El Dorado , das Goldene Land, zu finden. Hier traf er auf die Inkakultur, was sich für diese als verheerendes Ereignis herausstellen sollte. So könnte man auch sagen, daß Pizarro Vorreiter und Auslöser des uns hier beschäftigenden Sprachkontaktes zwischen der spanischen Sprache und dem Quechua, der Sprache der Inkas, war. Leider brachten die spanischen Eroberer nicht nur Gutes aus ihrer Heimat mit. Reichte es nicht schon aus, daß durch die von ihnen eingeschleppten Krankheiten Tausende, ja Zehntausende an deren Folgen starben, so töteten sie außerdem aus niederen Beweggründen im Laufe der Zeit weitere Teile der einheimischen lateinamerikanischen Bevölkerung. Dieser Sachverhalt soll aber nicht Hauptbestandteil dieser Arbeit sein, sondern vor allem Sprach- und Kulturkontakt und deren Phänomene.

1. Wie kam es zum Sprachkontakt Spanisch-Quechua?

1.1. Vor der Ankunft der Spanier

In diesem Abschnitt soll die Situation des quechuasprechenden Volkes, der Inka, vor der Ankunft der Spanier dargestellt werden. Als Vorgänger der berühmten Inkakultur wird das Chimú-Reich angesehen. Mit vermutlich über 40 000 Einwohnern war das sich über das Gebiet der früheren Mochica bis zur heutigen Grenze zu Ecuador erstreckende Reich der Chimú die zahlenmäßig größte Prä-Inka-Kultur. Ihre Blütezeit erlebte diese Kultur in den Jahren 1000 bis 1450, danach eroberten die Inkas das Reich. Berühmt und begehrt war vor allem die außergewöhnlich perfekte Goldschmiedekunst der Chimú. Deren Nachfolger in diesem Raum, die Inka, haben laut Legende ihren Ursprung auf der Isla del Sol im Titicacasee. Hier soll der erste Inkakönig Manco Capac mit seiner Schwester und Gemahlin Mama Ocllo um das Jahr 1200 vom Himmel auf die sich im heutigen Grenzgebiet zwischen Peru und Ecuador befindende Insel heruntergestiegen sein. In den ersten 200 Jahren dehnte sich das Imperium der Inka jedoch nicht weiter als über das Tal von Cuzco aus. Seine größte Ausbreitung hatte das Reich ab Mitte des 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts, also vor der Ankunft der Spanier. Der im Jahr 1493 geborene elfte Inkakönig Huayna Capac verwaltete bereits ein Reich mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von ungefähr 4000 km. Er starb im Jahre 1527 eines ungeklärten Todes: Entweder wurde er vergiftet oder er starb an einer der von den Spaniern eingeschleppten Krankheiten. Zwischen seinen beiden Söhnen Huáscar und Atahualpa brach daraufhin der Kampf um die Nachfolge aus.

Wenn die Inkas ein fremdes Volk unterwarfen, gingen sie selten mit größerer Brutalität vor. Dadurch, daß sie die angestammten Herrscher in ihrer Position ließen, konnte sich das besiegte Volk leichter mit der Fremdherrschaft abfinden. Nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel bei besonders starkem Widerstand, gingen die Inkas hart gegen andere vor. Dann wurde die Hierarchie, die angestammte Ordnung zerstört und die herrschende Oberschicht beseitigt. Ansonsten blieben normalerweise Sitten und Bräuche unangetastet. Jedoch eines war für die Inka äußerst wichtig, daß alle Besiegten ihre Sprache, das Quechua, erlernten. Dies trug in starkem Maße zur Verbreitung des Quechua bei. Der Kulturaustausch beschränkte sich somit hauptsächlich auf die Sprache und die Übertragung der gesellschaftlichen Organisationsstrukturen. So blieb der Einfluß der herrschenden Kultur auf ein notwendiges Mindestmaß beschränkt.

1.2. Kurz nach der Ankunft der Spanier

Als der spanische Abenteurer und Eroberer Francisco Pizarro mit seinen Leuten im Jahre 1531 an der nördlichen Küste von Peru landete, fand er ein vom Kampf zwischen Huáscar und Atahualpa geschwächtes Inka-Imperium vor. Im Hochland von Cajamarca fand Pizarro die sich vom siegreichen Kampf gegen Huáscar ausruhenden Truppen von Atahualpa. Er erkannte schnell, daß seine gerade einmal mehrere Hundert Soldaten zählende Truppe den über 30 000 Kämpfern Atahualpas in einem möglichen Gefecht klar unterlegen sein würden. Atahualpa empfing die von ihm als Götter angesehenen Iberer mit allen Ehren. Pizarro, die Situation ausnutzend, lockte den Häuptling in eine Falle und nahm ihn gefangen. Er verlangte für die Freilassung des Inkahäuptlings eine riesige Menge Gold. Nachdem die Inkas unter größten Anstrengungen das Gold herbeigeschafft hatten, hielt Pizarro jedoch sein Versprechen nicht ein und ließ ihn töten. Pizarros zwiespältigen Charakter zeigt ebenfalls seine Vorgehensweise bei der Hinrichtung auf: Zuerst, wollte er Atahualpa verbrennen lassen, dieser jedoch wollte, um im Jenseits weiterleben zu können, unter gar keinen Umständen durch das Feuer sterben. Also war Pizarro, nachdem Atahualpa sich zum Christentum bekehren lassen mußte, so „gütig“ und ließ ihn lediglich enthaupten. Die Truppen Huáscars unter Führung von dessen Halbbruder Manco Capac II. verbündeten sich daraufhin mit Pizarro und eroberten im gleichen Jahr Cuzco, die Hauptstadt der Inka. Jedoch erkannte Manco Capac II. bald, daß er für die Spanier nur ein Mittel zum Zweck war und rebellierte. Den Spaniern gelang es danach nur mit größter Mühe, eine Zurückeroberung der Stadt Cuzco zu verhindern.

Am Anfang des Aufeinandertreffens der Spanier mit den Inka, bewunderten die Eroberer deren Errungenschaften wie zum Beispiel das komplexe Straßensystem oder die prachtvollen Bauten und nahezu uneinnehmbaren Festungen. Diese Formen erinnerten stark an die Römer. Sie waren genau wie die Inka mit ihren technischen, künstlerischen, staatsorganisatorischen Systemen den Nachbargemeinschaften weit überlegen. Von einem städtischen Zentrum aus erweiterte sich ihr Einfluß durch kluge Bündnispolitik. Beide Völker waren fremden Einflüssen gegenüber sehr offen. Dennoch hatte das System der Inka einen alles entscheidenden Schwachpunkt - die Person des Inkahäuptlings. Seine von Gott erworbene alleinige Macht hielt zwar einerseits das Reich zusammen, machte aber andererseits die Inka abhängig von lediglich einer einzigen Person. Diesen Sachverhalt machte sich Pizarro zunutze, indem er den Inkahäuptling Atahualpa gefangen nahm und somit die Truppen der Inkas auf fast einen Schlag hilflos machte. Auch in anderen Bereichen gingen die Spanier zwiespältig mit den Inkas um. Ihre anfängliche Begeisterung schlug alsbald in einen Eroberungs- und Bereicherungsdrang um. Diese Politik, auf der einen Seite Bewunderung und auf der anderen Vernichtung, soll das folgende Zitat verdeutlichen. Hier wird ein Zusammentreffen eines spanischen Seemanns mit einem Boot der Inkas beschrieben:

„Sie brachten ein Schiff mit etwa 20 Mann Besatzung auf; 11 davon warfen sie ins Wasser (...),

3 behielt der Steuermann zurück; die restlichen setzte er an der Küste ab und ließ sie laufen;

drei aber nahm er als Dolmetscher mit und behandelte sie sehr gut.“[1]

Nach dem Sieg der spanischen Eroberer über das Inkareich wurden die bestehenden Strukturen zerschlagen. Die spanische Sprache wurde zur dominanten Sprache, aber Quechua wurde in vielen Gebieten weiterhin gesprochen. Dieser Sprachkontakt soll in den folgenden Abschnitten dieser Hausarbeit näher beleuchtet werden.

2. Das Quechua

2.1. Die Entstehung und der Ursprung

Die Inkas selbst nennen ihre Sprache Runa Simi , wobei Runa Mensch und Simi Sprache bedeutet. Der Begriff Quechua wurde das erste Mal im Jahre 1560 von Fray Domingo de Santo Tomás verwendet. Die Sprache wurde nach dem Stamme der Quechuas benannt, der zur damaligen Zeit in der Region vom Río Pachachaca und Río Pampas am oberen Apurímac lebte. Als Quechua bezeichnet man die Sprache der Inkas. Es war die offizielle Verwaltungs- und Verständigungssprache des riesigen Inkareiches, und es gab ungefähr 8 bis 10 Millionen Sprecher. Neben dem Quechua wurden aber auch noch andere Sprachen gesprochen. So gehen Untersuchungen davon aus, daß um das Jahr 500 im Sprachgebiet des heutigen Perus mehrere Sprachen verbreitet waren. Zu nennen sind zum Beispiel Cunza (in der Oase der Atacamawüste); Uruquilla (um das Gebiet des Sees Poopó und der Salzseen von Coipasa und Uyuni); Puquina ( am Titicacasee, zwischen der Küstenregion des Pazifik und Cuzco); die Sprachen Aru , darunter zählt man Aimara , Cauqui und Jaqaru (Küsten- und Bergregion im Süden Perus); Quechua (zentrale Küsten- und Bergregion); Quingnam (nördliche zentrale Küste); Mochica (Nordküste); Tallán (äußerste Nordküste); Culli , Den und Cat (nördliche Bergregion) und Bagua (um Jaén-Bagua und im nördlichen Urwald Perus).

Das Quechua unterteilt man später in Quechua I (Bergregion) und Quechua II (Küstenregion). Neben dem Quechua blieben in der Folgezeit auch noch einige der erwähnten Sprachen präsent, jedoch soll sich auf das Quechua konzentriert werden, weil es die am weitesten verbreitete Sprache dieser Gegend war. Dennoch geht man davon aus, wie zum Beispiel Godenzzi (1992, S. 55), daß sich diese Sprachen durch Handelaustausch und die späteren Eroberungszüge der Inka mehr oder weniger stark beeinflußt haben. Als die spanischen Eroberer um Francisco Pizarro an der Küste von Peru landeten, verfügte die Sprache bereits über eine 1000jährige Geschichte.

Das Quechua besaß keine Schriftsprache, sondern die Verständigung erfolgte mittels Knoten. Jedoch besagen neuere Untersuchungen, daß es vielleicht doch eine Schriftsprache gegeben haben könnte. Die Inkas hatten zwei andere Systeme der Kommunikation: Erstens, das Quelqa und zweitens das Khipu. Während unter Ersterem Zeichnungen auf Geweben, Keramik und an architektonischen Bauten zu verstehen sind, ist das Khipu aus einer horizontalen Hauptkordel mit vertikalen Fäden unterschiedlicher Dicke und Farbe und mit Knoten in unterschiedlichem Abstand voneinander zusammengesetzt. Die Entschlüsselung ist bis heute weitgehend unklar geblieben.

2.2. Die Verbreitung

Wörter, die ihren Ursprung im Quechua haben, stellen einen großen Anteil des südamerikanischen Wortschatzes dar. Dies trifft vor allem für die Bereiche Südkolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Südchile und sogar für Nordwestargentinien zu, ist jedoch nicht identisch mit dem ehemaligen Gebiet des Inkareiches.

In verschiedenen Regionen hatte sich das Quechua erst einige Jahre vor der Ankunft der Spanier etabliert. Bemerkenswert ist, daß sich diese Sprache während der Kolonialzeit weit über die Ausdehnung des Inkareiches verbreitete. Ein Grund dafür könnte sein, daß spanische Priester und Verwaltungsbeamte der niederen Ebenen mit der indianischen Bevölkerung hauptsächlich Quechua sprachen, um ihr Interesse am Christlichen Glauben zu wecken. Dies trug nicht unbedingt zur Verbreitung der spanischen Sprache bei. So beklagte sich beispielsweise im Jahre 1770 die spanische Krone darüber, daß Spanisch nach immerhin 250 Jahren der Eroberung des Inkareiches sich immer noch nicht bei den Einheimischen durchgesetzt hatte. So gab die Führung Spaniens Dekrete, wie das folgende, zur besseren Verbreitung des Spanisch heraus:

„a fin de que instruya a los indios en los dogmas de nuestra religión en castellano, y se les enseñe

a leer y escribir en este idioma, que se debe extender y hacer único y universal en los mismos

dominios, por ser el propio de los Monarcas y Conquistadores, para facilitar la administración y

pasto espiritual a los naturales, y que éstos puedan ser entendidos de los Superiores, tomen amor

a la Nación conquistadora, destierren la idolatría, se civilicen para el trato y el comercio, y con

su mucha diversidad de Lenguas, no se confundan los hombres, ...“.[2]

[...]


[1] Gnärig, Burkhard: Zwischen Quechua und Spanisch: Sprachwahl und –verwendung als Momente kultureller Konkurrenz. Zwei Beispiele aus Peru . Rita G. Fischer, Frankfurt am Main 1981, S. 21.

[2] Ebenda, S. 29.

Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638454315
ISBN (Buch)
9783638660020
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48841
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
Gut
Schlagworte
Sprachkontakt Spanisch Quechua Sprache Migration

Autor

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Titel: Der Sprachkontakt Spanisch - Quechua