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Jane Addams die ungewünschte Professionalisierung der sozialen Arbeit

Seminararbeit 2019 22 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einführung

2. Kurzbiographie
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Der Weg zur Identitätsfindung als Sozialarbeiterin

3. Historischer Kontext
3.1 Gründung der „Settlement-Bewegung“ in England
3.2 gesellschaftliche Situation in Chicago um 1900
3.3 „The Progressive Era“

4. Entwicklung einer am Gemeinwesen orientierten, sozialen Arbeit
4.1 „Hull House“
4.1.1 Anfang von Hull House
4.1.2 Konzeption und Zielsetzung
4.1.3 Entwicklung von Hull House nach Addams Tod
4.2 Entstehung einer professionalisierten Gemeinwesenarbeit

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Vor dem Hintergrund, ein Semester lang einige wichtige Persönlichkeiten der sozialen Arbeit sowohl in einer Vorlesung, als auch in dem dazugehörigen Seminar kennen gelernt zu haben, erwies sich die Recherche nach einem geeigneten Thema, das mit einer Persönlichkeit in Verbindung stehen sollte, nicht nur als interessant, sondern auch als eingeschränkt. Dennoch ergab sich nach einiger Zeit unter dem Stichwort der „Gemeinwesenarbeit“ zunächst ein für den Autor interessanter Bereich der sozialen Arbeit. Bei der geschichtlichen Untersuchung über die Entstehung ebendieser Arbeit stellte sich die Settlement-Bewegung als ein wesentlicher und prägender Teil heraus. Zudem stieß der Autor zuvor auf den sozial engagierten Saul D. Alinsky, der vor allem durch „Community Organizing“ die Lebensumstände der Arbeiter*innen in Chicago auf eine radikale Art und Weise verbessern wollte. Dieses Engagement findet sich auch bei der Begründerin des Chicagoer Settlements „Hull House“ und Sozialreformistin Jane Addams wieder. Fasziniert wurde der Autor im wesentlichen durch ihren gewaltlosen, aber kämpferischen Charakter, der es ihr als Frau ermöglichte einer der bekanntesten Verfechter*innen gänzlich jeder progressiven Reform zu werden und gleichzeitig als Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin tätig zu sein. Diese interessante Kombination zeichnete die damalige amerikanische Settlement-Bewegung aus und bildet damit den Kern der Untersuchung dieser Arbeit.

Obwohl es dem Autor ein für ihn perfektes und interessantes Thema zu sein schien, hegte er lange Zweifel an der Verwirklichung, da es wenig deutsche, wissenschaftliche Literatur gibt, die sich mit der Settlement-Bewegung unter spezifischem Einfluss Addams´ beschäftigt. Schlussendlich konnten nach längerer Zeit einige deutsche Autor*innen ausfindig gemacht werden, die den endgültigen Entschluss für dieses Thema unterstützten. Aus diesem Vorbehalt stellte sich primär die Frage, ob ihr Bestreben einen Humanitarismus in der Gesellschaft zu unterbreiten, keinen wesentlichen Einfluss auf die heutige Zeit bewirken konnte.

Der erste Teil dieser Arbeit widmet sich den biographischen und historischen Kontext, da sie das nötige Potential für die progressiven Impulse lieferten. Zu Beginn wird ein kurzer chronologischer Abriss des Lebens und Wirkens Addams dazu dienen, in die Thematik einzusteigen. Darauf aufbauen werden die historischen Hintergründe, indem sie durch eine konkrete Analyse der vorauseilenden, britischen Settlement-Bewegung, der gesellschaftlichen Gegebenheiten in Chicago im 19. Jahrhundert und der „Progressive Era“, die nötigen Grundlagen komplettieren.

Im letzten Teil werden die daraus folgenden Reaktionen seitens der Chicagoer Settlement-Bewegung den Kern der Arbeit bilden. Das durch Addams gegründete Hull-House-Projekt wird dabei sowohl auf seine Anfangszeit, auf seine Konzeption und Zielsetzung, als auch auf seine Entwicklung nach Addams Tod untersucht. Abschließend soll in diesem Bezug die Entstehung einer professionalisierten Gemeinwesenarbeit herausgearbeitet und ein kritisches Resümee zur voranstehenden Frage geäußert werden.

2. Kurzbiografie

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dem Lebenswerk von Jane Addams, daher erscheint es dem Autor zu Beginn wesentlich, einen chronologischen Abriss in Form einer Kurzbiographie zu vermitteln, um ihre Persönlichkeit und ihr späteres Wirken in Relation setzen zu können. Diese Lebens - und Arbeitseindrücke Addams´ bieten die Möglichkeit in das Thema einzuführen und beschränken sich auf die Zeit bis 1888, weil lediglich ihr Wirken als Sozialarbeiterin, Sozialpädagogin und Reformpolitikerin für diese Arbeit in folgenden Kapiteln relevant sein werden. Spätere Arbeiten Addams´ waren nicht weniger wichtig, jedoch konzentrierten sie sich auf ihren politischen Pazifismus und treffen damit nicht den Kern der vorliegenden Arbeit (vgl. Staub-Bernasconi 2016: 406f.).

2.1 Von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter

Jane Addams wurde 1860 als achtes Kind in der amerikanischen Kleinstadt Cedarville, welche sich in der Nähe von Chicago im Bundesstaat Illinois befindet, geboren. Ihre Mutter starb als sie drei Jahre alt war. Ihr Vater war gelernter Müller und erarbeitete sich schon vor Janes Geburt einen finanziellen Wohlstand. Als Vorbild der kleinen Jane beeinflusste John Addams seine Tochter durch die Übertragung von charakteristischen Eigenschaften, die sich vor allem durch seine Standfestigkeit, seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, seine Liebe zu Büchern und sein Geschäftssinn auszeichneten(vgl. Eberhart 1995: 13f.). Die in Wohlstand aufgewachsene Jane lernte nach eigener Aussage, mit ca. sechs Jahren, zum ersten Mal die Armut kennen und stellte fest, dass „when i grew up i should, of course, have a large house, but it would not be built among the other large houses, but right in the midst of horrid little houses“ (Addams 1910: 4f.). 1868 heiratete John Addams Anna Haldeman, die damit Janes Stiefmutter wurde und dennoch nie ein inniges Verhältnis zu ihr aufbauen konnte. Zu gegensätzlich waren die Interessen der gesellschaftlich angepassten Anna und der sozialpolitisch engagierten Jane, als das sie sich auf eine tiefgehende Bindung zueinander einlassen konnten (vgl. Eberhart 1995: 14f.).

Jane gehörte zu einer der ersten Generation amerikanischer Frauen die studieren durften, dennoch durfte sie sich wegen des Vaters Willens nicht für die berühmte Fauencolleges an der US-Ostküste entscheiden und sie musste sich stattdessen an der Rockford Seminary immatrikulieren, an der ihr Vater Vorstand war. Während ihres Bachelor Studiums lies sich Addams von Sozialkritikern, wie Thomas Carlyle und John Ruskin inspirieren und lernte ihre engste Freundin und spätere Mitbegründerin des Hull House, Ellen Gates Starr kennen. Nachdem Addams ihren Bachelor erfolgreich abgeschlossen hat, machte sie es sich zum Ziel ein Medizinstudium zu absolvieren. Als ihr Vater 1881 verstarb schrieb sie an Ellen Starr: „der größte Kummer, der mir je wiederfahren konnte, ist geschehen“ (Linn 1935: 66 z.n. Eberhart 1995: 16). Aufgrund mangelnden Interesses und gesundheitlicher Beschwerden beschloss sie ihr Medizinstudium abzubrechen und zu ihrer Schwester Alice zu gehen (vgl. Eberhart 1995: 15f.).

Später sammelte Addams Geld für das Rockford College und wurde Mitglied des Kuratoriums. Zu dieser Zeit litt sie an Depressionen und entschloss sich daher mit ihrer Stiefmutter für 27 Monate nach Europa zu reisen. Neben der Ausweitung ihrer sprachlichen Kompetenzen auf Deutsch, Italienisch und Französisch, hielt sie einige Erlebnisse in ihrem Tagebuch fest, die sie später in ihrer Autobiographie als wegweisend für die Gründung von Hull House darstellte (vgl. Eberhart 1995: 16-18).

2.2 Der Weg zur Identitätsfindung als Sozialarbeiterin

Trotz ihrer Reise nach Europa blieb ihr unzufriedener mit Depression erfüllter Zustand zunächst unverändert. Sie befand sich in einer Selbstbestimmungskrise, in der sie ihre Haltung zur Religion hinterfragte und sich zwischen Karriere oder Ehe entscheiden musste. Über Letzteres wurde sie sich schon in Rockford bewusst, da sie erstens kein gesondertes Interesse an einer Liebesbeziehung mit einem Mann verspürte und zweitens ihre Bildung nicht vergeuden wollte. Als schwieriger erwies es sich für Addams laut ihrer Tagebücher und Briefe an Starr eine Religiosität, die mit ihrem Intellekt kompatibel ist und eine Tätigkeit, die ihrem Leben einen Sinn geben könnte, zu finden. Am Tiefpunkt ihres unglücklichen Zustandes angekommen, erhoffte sie sich durch eine Mitgliedschaft bei der Presbyterianischen Kirche seelischen Frieden, den sie aber nicht bekam. Addams reiste erneut nach Europa und traf sich mit ihren Freundinnen bei einem Stierkampf in Madrid, der für sie zu einem erkenntnisreichen Erlebnis werden sollte (vgl. Eberhart 1995:18-21). Nicht nur weil sie mit Entsetzen feststellen musste, das dort Stiere und Pferde für Unterhaltungszwecke getötet wurden, sondern vor allem wurde ihr plötzlich klar, dass sie ihren „Traumplan“ vor sich herschob, indem sie sich einbildete, dass ihr Studium und das lange Reisen „die Vorbereitung für die großen Dinge“ wären (Addams 1910: 72-73 z.n. Eberhart 1995: 21). Dieser gedankliche Impuls führte Addams laut ihrer Autobiographie dazu, einen zielstrebigen Entschluss zu fassen und sich damit aus dem Zustand jahrelanger Depression zu befreien. Sie sprach mit Ellen Star über das settlement Haus „Toynbee Hall“ und ging nach anschließender Übereinkunft mit ihrer besten Freundin im Mai 1888 nach London, um die philanthropische Aktivitäten in den Londoner Elendsvierteln zu untersuchen. Neben dem „People´s Palace“, den „University Extension Lectures“ und dem „Workingman´s College“ beeindruckte sie vor allem die „Toynbee Hall“, die sie unmittelbar nach ihrer Besichtigung dazu inspirierte ihren „Traumplan“ durch die Entwicklung eines eigenen Settlement-Projektes zu verwirklichen (vgl. Eberhart 1995: 21 f.).

Ein genaues Ziel hatte sich Addams zusammen mit ihrer besten Freundin gesetzt, was nun noch fehlte, war ein präziser Plan der Umsetzung. Sie war zu dieser Zeit noch längst keine Sozialarbeiterin oder Reformpolitikerin, allerdings hatte sie bereits eine Identifikation für sich gefunden, die sich am sozialen Bereich orientiert und die ihr geholfen hat ihren passiven Lebenszustand zu beenden. Die bisher dargestellten Lebensereignisse sollten vorerst reichen, um im Zusammenhang mit den folgenden Kapiteln, die sich auf den historischen Kontext beziehen, einen Eindruck für die Hintergründe zu bekommen. Diese Geschehnisse sorgten nicht nur für die einflussreiche Umsetzung des Hull House, sondern waren darüber hinaus wegbereitend für die Entstehung der Gemeinwesenarbeit.

3. Historischer Kontext

Das folgende Kapitel bezieht sich lediglich auf die historischen Ereignisse, um ein gesamtheitliches Verständnis entwickeln zu können, wie die damaligen Gegebenheiten den geeigneten Nährboden für die sozialreformistische Arbeit generell lieferten und woraus unter anderem auch eines der praktisch umgesetzten Lebenswerke von Jane Addams resultierte, welches weiterführend genauer untersucht wird und damit die Relevanz im Bezug auf die heutige Gemeinwesenarbeit wiederspiegelt. Der Ursprung der „Settlement Bewegung“ in England, von der sich Addams inspirieren lies, stellt einer dieser Gegebenheiten dar und wird daher zunächst genauer betrachtet (vgl. Götze 2005: o.A.). Die Folgen der Industrialisierung beziehen sich jedoch nicht nur auf England, sondern betreffen zunehmend andere Industrieländer der westlichen Welt und insbesondere die united States of America. Das Lebenswerk Addams fiel dementsprechend in eine Zeit, in der die Lebensumstände in Chicago durch „eine staatlich kaum regulierte Urbanisierung und Industrialisierung“ geprägt wurden (Pinhard 2009:62). Das genaue Ausmaß der sich daraus ergebenden Folgen auf die Gesellschaftsstruktur, wird im weiteren Verlauf analysiert. Nicht zuletzt war es eine ideologische Strömung, die das Wirken Addams wesentlich beeinflusste. Abschließend soll demnach der Progressivismus, welcher sich vor allem durch den Präsidenten Theodore Roosevelt etablierte, auf seine unterstützende Rolle bezüglich der sozialen Arbeit geprüft werden (vgl. Braches-Chyrek 2013: 133).

3.1 Gründung der „Settlement-Bewegung“ in England

In England begann die Industrialisierung, in der zunächst durch die Entwicklung neuer technischer Innovationen ein Übergang von der Heimarbeit zur Fabrikarbeit stattfand. Auf diese Weise konnte nicht nur ein enormer Bedarf an Gütern gedeckt werden, sondern es entstand auch ein enormer Bedarf an Arbeitskräften, eine völlige Umstrukturierung der Wirtschaft und eine zunehmende Urbanisierung. Der Übergang zu einem Industriestaat beinhaltete dementsprechend neben dem steigenden Wirtschaftswachstum auch Prozesse, die zur Verelendung der Arbeiterschafft führten und damit die Suche nach der Antwort auf die „soziale Frage“ zur Aufgabe einiger sensibler Wissenschaftler, wie beispielsweise John F.D. Maurice oder John Ruskin machte. Daraus entstandene Ergebnisse richteten sich gegen die Ignoranz und Gefühlslosigkeit der oberen Stände und forderten gleichzeitig dazu auf, der in Elend lebenden Arbeiterschaft entsprechende Hilfe zu entgegnen (vgl. Götze 2005: o.A.).

Diese Wissenschaftler machten zwar auf ein bestehendes Problem aufmerksam, dennoch legten sie damit nur eine theoretische Grundlage, die studentische Initiative dazu veranlasste sich zu strukturieren und zu organisieren, um durch die Entwicklung von praktischen Handlungsstrategien, der klassenunterteilten Armut entgegenzuwirken. Aus diesem Hintergrund heraus organisierten die Universitäten Cambridge und Oxford 1867 öffentliche Veranstaltungen auch außerhalb des Universitätsgeländes und es entstand zunächst das „University Extension Movement“. Die theoretischen Ansätze einer gerechteren Welt wurden zunehmend praktisch verwirklicht, trotzdem kam es zu keiner Institutionalisierung in diesem Bereich. Arnold Toynbee machte sich dies zum Ziel und berichtete vor seinem Tod unter anderem Samuel Barnett von seinen Plänen. Weitführend kam es durch das Wirken Barnetts und seiner Ehefrau zur Gründung der „Toynbee Hall“ und damit zur weltweit ersten Institutionalisierung der damaligen Gemeinwesenarbeit, auf die Toynbee hinarbeitete und die den Beginn einer globalen Ausweitung der sogenannten „Settlement-Bewegung“ einleitete (vgl. Götze 2005: o.A.).

Picht beschreibt ein Settlement als „eine Niederlassung Gebildeter in einer armen Nachbarschaft, die den doppelten Zweck verfolgen, die dortigen Lebensverhältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen und zu helfen, wo Hilfe Not tut“ (Picht 1913: 1). Die dabei zugrunde liegende Annahme geht davon aus, dass es nur durch eine Änderung der Mittelschicht zu einer Verbesserung der Lebensumstände von hilfsbedürftigen Menschen kommen kann. Praktisch konzipieren sich demnach „Settlementprojekte“, indem „Settler" die Nachbarn der Armen werden und in diesem Zuge bestehende Klassengegensätze überbrücken, durch den internen Austausch von Sympathie, Freundschaft und Bildung in einer gemeinnützigen Nachbarschaft (vgl. Robert Götze 2005: o. A.)

Die Professionalisierung bestand vor allem darin, den Menschen Wege aufzuzeigen wie sie sich selbst helfen können. Um dieses Ziel umzusetzen, bedurfte es an Kinder und Jugendarbeit, Rechtsberatung, Erwachsenenbildung und kulturelles Engagement. Des Weiteren bildete sich eine Forschungsarbeit heraus, die zur Identifizierung von Problemlagen dienen sollte, dennoch wurde festgestellt, dass es nur durch die Beeinflussung der Sozialpolitik zu langfristigen Veränderungen kommen kann. Daher wurden meist Studenten als Settlement Arbeiter auserwählt, da sie erstens die zukünftigen Entscheidungs- und Verantwortungsträger darstellten und zweitens aus der Mittel- oder Oberklasse kamen (vgl. Robert Götze 2005: o.A.).

Zwar bildete die Einrichtung der Tyonbee Hall durch Samuel und Henrietta Barnett den Ursprung der Settlement-Bewegung und veranlasste Addams unmittelbar nach ihrer Reise in England ihre Eindrücke dieser Bewegung in einem Brief an ihre Schwester enthusiastisch zu beurteilen, dennoch erwecken spätere Publikationen Addams den Anschein, dass sie sich von der Annahme eines bestehenden Einflusses der britischen Settlement-Bewegung auf die Gründung von Hull House distanziert (vgl. Pinhard 2009: 42 f.). Hinweisend darauf verdeutlicht sie laut Pinhard auch in ihrem Essay „Outgrowths of Toynbee Hall“, dass sie den „Modellcharakter der Londoner Einrichtung“ und „die ideologische, wie auch teilweise persönliche Verbundenheit mit deren führenden TheoretikerInnen“ wertschätzt, allerdings „anmerkt, das sich der amerikanische und der britische Kontext wesentlich voneinander unterscheiden“ ( Addams 1891: 11 z.n. Pinhard 2009: 43). Charakteristisch für die von Bernett geprägte britische Settlement-Bewegung ist vor allem der Fokus auf den Abbau der geistigen Armut und in diesem Zuge auf das Individuum. Das „reiche“ Studenten den „armen“ Arbeitern helfen sollen die Klassenunterschiede und die damit einhergehende ökonomische Ungleichheit zu überwinden wirkt für Pinhard wie das „viktorianische Verständnis von Armut als moralisches und persönliches Problem […], das die sozialen und gesellschaftlichen Probleme als zweitrangig betrachtet“ (Pinhard 2009: 45). Diese Individuum-fokussierte Auffassung bildet den wesentlichen Unterschied zu der Perspektive von Jane Addams, nach der sich Reformen primär auf das soziale Umfeld und die gesellschaftlichen Bedingungen konzentrieren sollten (vgl. Pinhard 2009: 46).

Wie auch anfangs schon erläutert, weitete sich die Emanzipation der Settlement-Arbeit auch in Chicago, New York, Boston und anderen großen Städten der vereinigten Staaten aus, was sich unter anderem durch die 400 Niederlassungen bis 1911 kennzeichnet (vgl. Götze 2005: o.A.; Pinhard 2009: 46). Weshalb sich die Settlement–Arbeit vor allem in den USA derartig durchsetzen konnte, soll im Folgenden durch die Erörterung der geschichtlichen Ereignisse verdeutlicht werden.

3.2 Gesellschaftliche Situation in Chicago ab dem 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es in Chicago, wie in vielen Städten des Nordamerikanischen Kontinents. Die Indigenen Stämme verteidigten ihr Gebiet gegen weiße Eindringlinge, die großes Interesse hegten, den dortigen Sumpf als eine Wasserverbindung zwischen dem Michigan-See und dem Desplaines-Fluß zu nutzen, um über diesen eine Verbindung zu den Flüssen Illinois und Mississippi herzustellen. Nachdem 1803 das Lousiana-Territorium von Frankreich gekauft wurde, konnte Thomas Jefferson den Bau des Fort Dearborn anordnen, der eine Verbindung zwischen dem Chicago Fluss und dem Michigan-See herstellen sollte. Die Franzosen besiedelten zunehmend Chicago und lebten zusammen mit Indianerstämmen, wie den Shawnee und den Pottawatomies in einem unsicheren Friedenszustand. Fort Dearborn wurde während des Krieges zwischen Frankreich und Großbritannien von den Pottawatomies niedergebrannt. Nach dem Krieg sollte 1816 der Fort Dearborn im Auftrag von Washington wiederaufgebaut werden, was allerdings vorerst nichts an der geringfügigen Bedeutung Chicagos änderte. Künftig wurden Indianer durch das Aufkaufen von Länderrein zunehmend vertrieben, bis 1833 die vereinten Nationen der Chippewas, Ottawas und Pottawatomies gezwungen wurden, auf ihr gesamtes Landeigentum in Illinois zu verzichten. Daraufhin stieg langsam das wirtschaftliche Potential des Ortes für die Bevölkerung. 1837 zählte der Ort mit 4000 Einwohnern schon doppelt so viel wie 1833 und erlangte somit Stadtrechte. Etwa elf Jahre später machte die Eröffnung des Kanals, der die großen Seen mit dem Mississippi River verbinden sollte, Chicago zum Handelspunkt für Agrarprodukte im mittleren Westen und lies das Bevölkerungswachstum exponentiell steigen (vgl. Eberhart 1995: 53f.).

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Details

Seiten
22
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668970434
ISBN (Buch)
9783668970441
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v487511
Institution / Hochschule
Hochschule Merseburg
Note
1,3
Schlagworte
Jane Addams Hull House Pragmatismus Professionalisierung der sozialen Arebit Kurzbiographie Progressivismus Settlement Bewegung Gemeinwesenarbeit Toynbee Hall Industrialisierung Chicago Community-organizing Radikalismus

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Titel: Jane Addams die ungewünschte Professionalisierung der sozialen Arbeit