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"Trainspotting" - eine groteske Variante der heldischen Bewährungsprobe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 40 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

INHALT

I. EINLEITUNG

II. DIE GLIEDERUNG DES FILMS- “VORHER” UND “NACHHER”

III. DAS “VORHER” - DIE ALTE WELT
III.I. Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch
III.II. Alternative Lebensentwürfe

IV. DER ÜBERGANG - DIE ERZIEHUNG

V. DIE NEUE WELT
V.I. Ein Yuppie in der Großstadt
V.II. Der Tag, an dem ich sterbe - carpe diem!

VI. SCHLUß
VI.I. DIE BEWÄHRUNGSPROBE
VI.II. EINE WEITERFÜHRENDE ÜBERLEGUNG - DROGENVERHERRLICHUNG IN “TRAINSPOTTING”?

LITERATURLISTE

Florian Scharr

I. EINLEITUNG

1994 erschien der provozierende Roman “Trainspotting” des Schotten Irvine Welsh. Zwei Jahre später wurde der als “unverfilmbar” geltende Beststeller auf die Leinwand gebracht, und zum großen Erstaunen der Produzenten, des Regisseurs und der Autoren lief der schottische Independent-Film weltweit mit großem Erfolg in den Kinos.

“Trainspotting” erzählt aus der Ich-Perspektive die Entwicklung des jungen Mark Renton. In der ersten Hälfte des Films werden die Erlebnisse des arbeitslosen, kriminellen, heroinsüchtigen Jugendlichen in Edinburgh in einer Gruppe von Junkies und ihrer Freunde dargestellt, in einem Wechsel von Drogenrausch und nicht allzu ernsthaft unternommenen Versuchen, “clean” zu werden, kriminellen Aktivitäten sowie spaßigen und entsetzlichen Ereignissen in der Clique.

Der zweite Teil des Films beginnt, nachdem Renton an einer Überdosis Heroin fast gestorben wäre. Daraufhin zwingen ihn seine Eltern endlich zum Entzug. Nach seiner “Menschwerdung” zieht er nach London und arbeitet dort erfolgreich als Immobilienmakler, doch dann holt ihn seine Vergangenheit wieder ein: die alten Freunde kommen ihn besuchen, nutzen ihn schamlos aus, sorgen dafür, daß er seine Arbeit verliert und zwingen ihn wieder zurück nach Edinburgh, zu Kriminalität und Heroininjektionen. Renton revanchiert sich, indem er ihnen eine durch gemeinsamen Drogenverkauf verdiente gewaltige Geldsumme stiehlt und sich auf den Weg zum Hafen macht, um das alte Milieu nun endgültig hinter sich zu lassen.

Der Film endet mit einem freudestrahlenden Mark Renton auf dem Weg fort von den Britischen Inseln, der dem Zuschauer sinngemäß mitteilt: “Bald werde ich genauso sein wie ihr!”

Ziel meiner Hausarbeit ist es, nachzuweisen, daß auch der überaus moderne Film “Trainspotting”, der sich auf den ersten Blick in gar kein Schema einzuordnen lassen scheint, von nichts anderem handelt als von dem uralten literarischen Motiv der heldischen Bewährungsprobe. Spezifischer: “Trainspotting” ist ein Erziehungsroman, bei dem die Bewährungsprobe des Helden im Mittelpunkt steht.

Ein Erziehungsroman [1] behandelt die geistige Entwicklung der Hauptgestalt, meist eines jungen Menschen, von einer sich selbst noch unbewußten Jugend zu einer gereiften Persönlichkeit, die ihre Aufgabe in der Gemeinschaft bejaht und erfüllt.

Dieser Bildungsgang führt über Erlebnisse der Freundschaft und Liebe, über Krisen und Kämpfe mit den Realitäten der Welt zur Entfaltung der natürlichen geistigen Anlagen. Jugendjahre - Wanderjahre - Läuterung Anerkennung und Einordnung in die Welt.

Kernpunkt dieses Romans ist die Bewährungsprobe, ein Motiv, das sich seit den ersten Romanen des Mittelalters wie ein Leitfaden bis zum heutigen Tage und wohl auch in Zukunft durch alle Heldengeschichten zieht: Im Kaiserreich handelte davon “Siegfried der Drachentöter”, in der Weimarer Republik “Emil und die Detektive”, im Dritten Reich die Kriegsliteratur, in unserer Zeit dann “Die unendliche Geschichte”, um nur einige von unzähligen literarischen Varianten des Themas zu nennen. Der Protagonist verläßt seine Heimat, in der er wohlbehütet aufgewachsen ist, um sich in der Fremde zu bewähren. Durch dieses Meistern einer schwierigen Situation gewinnt er neue Fähigkeiten dazu und kann sich als Held beweisen.

Die Entwicklung eines kriminellen Jugendlichen, der schließlich doch zu einem verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft werden will und dieses Ziel über eine Bewährungsprobe erreicht, wird in diesem Film mit einer gewaltigen Portion Zynismus und somit als eine Groteske vorgetragen.

Groteske (ital. Grottesco = wunderlich, verzerrt) : Der groteske Stil ist dadurch gekennzeichnet, daß er scheinbar Unvereinbares miteinander verbindet, Seltsam-Abartiges dem Närrisch-Lustigen zugesellt und in dem paradoxen Nebeneinander heterogener Bereiche die Form ins Formlose umschlagen läßt, die Gestalt ins Maßlose übersteigert und ihr teils humoristisch-karikiierende, meist eher schaurige und sogar dämonische Züge verleiht.

Die phantastische Verzerrung und Entstellung verdrängt vielfach das spielerische Moment und wird so zum Ausdruck einer im ganzen entfremdeten Welt, eine Darstellung des gesteigert Grauenvollen, das zugleich als Lächerlich erscheint. Dementsprechend findet sich das Groteske vor allem in Epochen, in denen das überkommene Bild einer heilen Welt angesichts der veränderten Wirklichkeit seine Verbindlichkeit verloren hat, in denen die Welt unfaßbar, der Vernunft unzugänglich und von unversöhnlichen Widersprüchen beherrscht scheint.[2]

Diese Beschreibung macht bereits deutlich, daß es sich bei “Trainspotting” nicht um eine konventionelle Bewährungsgeschichte handeln wird. Die Groteske zeichnet sich dadurch aus, daß sie uns durch eine bisweilen durchaus als “abartig” zu bezeichnende Art von Humor sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken bringen will. Dies wird erreicht, indem die bestehende Welt mit ihrer Moral und ihrem jeweiligen Gewissen durch Verdrehungen und Entstellungen der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Selbst die eigentliche Bewährungsprobe in “Trainspotting” findet auf eine auf den ersten Blick kriminell und geradezu lächerlich einfach anmutende Art und Weise statt. Ich will aufzeigen, daß dem nur auf den ersten Blick so ist und es sich bei der im Film ausgeführten Bewährungsprobe wahrhaftig um eine solche handelt, um eine Tat, die dem Helden einiges an Mut und Entscheidungskraft abverlangt.

Hierzu muß unter der Oberfläche der Groteske nachgeforscht werden. Ich will die Verwirrungen geraderücken, die die Darstellung einer Groteske auszeichen, um so die eigentliche, hinter der abartigen Fassade versteckte Aussage des Films deutlich zu machen und zu beweisen, daß die Handlung nichts anderes darstellt als eine moderne Variante der heldischen Bewährungsprobe.

II. DIE GLIEDERUNG DES FILMS- “VORHER” UND “NACHHER”

So wenig “Trainspotting” dem traditionellen narrativen Kino verhaftet ist, ja sogar mit Formen traditionellen Filmerzählens zu brechen scheint, ist dies aber nur ein erster Eindruck. Es ist eher die Fremdheit der Bildgestaltung, die Ungewohnheit der Szenen und die Eigenheit der Formulierungen des Erzählers, die Irritationen verursachen, nicht die Bauweise des Films. Tatsächlich ist die Erzählung sehr konventionell, es handelt sich um eine biographische Erzählung, die in ein Vorher und ein Nachher gegliedert ist. Der Film verfügt ganz konventionell über eine Exposition, einen Plot Point 1 und 2 und ein glückliches Ende. Verwirrend wirkt neben der grotesk verdrehten Handlung die ebenso groteske Unterteilung der einzelnen Abschnitte von “Trainspotting”. Die Exposition, die der Konvention nach in allerspätestens zehn Filmminuten abgehandelt sein sollte, nimmt fast zwei Drittel des Films in Anspruch, der Plot Point 2, gemeinhin das große Finale, wird mit solch lapidarer Einfachheit ausgeführt, daß seine Bedeutung zunächst kaum auffällt.

Es ist die Fluchtszene der drei beim Ladendiebstahl ertappten Protagonisten, die den Film eröffnet und seinen ersten Teil, das “Vorher” einleitet. In ihrer Wiederholung leitet sie dann die Entzugsphase ein, die den zweiten Teil der Geschichte, das “Nachher”, die eigentliche Handlung, eröffnet und somit die gesamten zurückliegenden Geschehnisse zur Exposition degradiert. Auf diese jetzt reichlich verwirrenden Aspekte werde ich in der folgenden Analyse noch genau eingehen.

Die Filmhandlung besteht aus einer Reihe kleinerer Erzählungen, die die zwei auf den ersten Blick gegenläufigen Handlungsstränge des “Vorher” und des “Nachher” miteinander verbinden.

In der Drogenszene in Edinburgh, welche die erste Filmhälfte beherrscht, geschieht immer wieder das gleiche: da die Junkies von der “Scheiß-Welt” angewidert sind, suchen sie Zuflucht im Drogengenuß. Erwachen sie aus dem Rausch, finden sie sich in einem tristen Alltag wieder, der sie so anekelt, daß sie sich gleich wieder in Bewegung setzen, um sich das Geld für einen neuen Schuß zu verschaffen.

Die innere Ordnung dieses ersten Teils ist eher durch Gleichartigkeit des Geschehens als durch die Handlungslinie einer klassischen Erzählung bestimmt, auf Kausalität oder Finalität des Geschehens wird weitestgehend verzichtet. Die Szenenfolge fußt auf der Gleichartigkeit der Handlungen aller Mitglieder der Junkie-Gruppe, der Ähnlichkeit ihrer Tagesabläufe und ihrer Routinen. Reines Dahinvegetieren ohne jegliches Ziel, die Tatenlosigkeit unterbrochen nur durch einzelne Geschehnisse, auf die durch Drogeninjektionen mit weiterer Tatenlosigkeit reagiert wird.

Gegenläufig zu dieser Wiederholung des Immergleichen stellen sich die - in der zweiten Filmhälfte in den Vordergrund tretenden - Anstrengungen von Renton dar, aus diesem Kreislauf auszubrechen.

Der zweite Teil von “Trainspotting” ist eine ganz normale Geschichte. Der Film wird konventionell, narrativ, weil der Held klare persönliche Ziele verfolgt und damit die Handlung auch ein klares Ende finden kann. Die Geschichte kann enden, weil der Held sein Glück in die Hand nimmt und sich aus der Be- und Gefangenheit der Gruppe löst. Die zunehmende Zielbezogenheit des Geschehens geht mit einer immer mehr deutlich werdenden Fokussierung auf den zentralen Helden einhergeht.

III. DAS “VORHER” - DIE ALTE WELT

III.I. Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch…

Folgende Szenen führen uns in den Film ein: Party, Freundschaft, Action (dargestellt durch die Verfolgungsjagd), Fußball, Frauen, die einen verehren und anfeuern - alles, was ein normaler Jugendlicher braucht!

Im Voice-over beginnt “Trainspotting” mit einer klassischen Publikumsbeschimpfung: in einem diese Szenen begleitenden Kommentar wiederholt Mark Renton voller Ironie, was Werbeanzeigen und staatliche Aufklärungsbroschüren, was Eltern, Pädagogen und Psychologen zum Besten geben: “Sag Ja zum Leben. Sag Ja zum Beruf. Sag Ja zur Karriere. Sag Ja zur Familie.” Und er erklärt uns gleich zu Filmbeginn: “Ich habe Ja zum Neinsagen gesagt!”

Der Protagonist bringt zum Ausdruck, wogegen er und seine Freunde sich wehren: die Junkies Renton, Spud, Sick Boy und Allison wollen sich von den Ja-Sagern abgrenzen, die in den Büros Karriere machen, Familien gründen, ihr Geld gewinnbringend anlegen, Waren- und Unterhaltungsangebote mit Genuß konsumieren. Renton stellt das normale Leben als langweilig und nicht lebenswert dar.

Das ist typisch für die nicht ohne Grund als “die wilden Jahre” bezeichnete Zeit der Jugend, in denen die Heranwachsenden ein reiches Innenleben haben, gesättigt mit Träumen, Erwartungen und Hoffnungen - doch die Gesellschaft ist wesentlich regulierter, als die Jugend das in ihrer hoffnungsvollen, optimistischen Subjektivität meint. Dies führt natürlich zu Konflikten, die ein Teil der Jugendlichen dadurch ausleben, daß sie über die Stränge schlagen. Wohl jeder Heranwachsende durchlebt eine Phase, in der er sich gegen die “spießige”, die “bürokratische” Erwachsenenwelt stellt.

Es ist recht amüsant, heute daran zurückzudenken, wie wir in der Zeit der Gymnasialen Oberstufe 68er-Phrasen zum Besten gaben, beispielsweise Ladendiebstähle als Robin - Hood - Mutprobe des armen Schülers gegen die mächtigen Großkonzerne sahen, oder nur solche Musik oder Kleidung konsumierten, von der wir wußten, daß sie die ältere Generation schockieren würde.

Und einige, wie die Gruppe in “Trainspotting”, finden eben noch bedeutend härtere Formen der Abgrenzung: Vom Fußballspiel der Freunde geht die Filmhandlung direkt zu Drogen über: Rent, vom Ball am Kopf getroffen, fällt um - Schnitt: mit Heroin vollgepumpt, kommt er in der Junkiewohnung auf dem Boden auf.

“Ich habe Ja zum Neinsagen gesagt!”

Dieses “Nein!” zu Leben, Familie, Eigentum, Gesundheit bringt das ganze Ausmaß seiner spätadoleszenten Indentitätsverwirrung zum Ausdruck. Das “Nein“ zum Leben und “Ja “ zum Heroin bedeutet die Entscheidung für eine negative Identität, die von der Notwendigkeit diktiert wird, einen eigenen Platz in der Welt zu finden und gegen die Ideale zu verteidigen, deren Realisierung Eltern und Erzieher, Vorgesetzte und Werbetexter fordern. Dies wird auch in Irvine Welsh´s Roman “Trainspotting” deutlich - hier definiert Sick Boy: “Die Roten quatschen über deine Kameraden, deine Klasse, deine Gewerkschaft, die Gesellschaft. Scheiß auf den Scheiß. Die Tories quatschen über deinen Arbeitgeber, deine Familie, dein Land. Scheiß da noch mehr drauf. Es geht um mich, mich, MICH, Simon David Williamson, Numero Uno, gegen die Welt[3] ”.

Diese Worte verdeutlichen, daß die Junkies den Erwachsenen längst den Rücken zugekehrt haben. “Wir hätten sogar Vitamin C gespritzt, wenn sie es für illegal erklärt hätten.”, meint Renton im Film. Dies stellt den Heroinkonsum als Rebellion gegen eine repressive Gesellschaft dar - nur ist die Obrigkeit im Film keinesfalls repressiv! Im gesamten ersten Filmteil ist die Erwachsenwelt als nett und verständnisvoll dargestellt. Alle Repräsentanten der älteren Generation, die Eltern, die sogar finden, es sei “ok, mal die Sau rauszulassen.”, der Richter, sind als freundlich und tolerant dargestellt. Polizisten oder Drogenfahnder tauchen überhaupt nicht auf - klaren Widerstand gegen ihre Drogensucht haben die Junkies nie erfahren. Die Wahl von Heroin ist eine Konsumentscheidung wie für ein Computerspiel oder einen Sportwagen, die alle Spannungserlebnisse versprechen. Der Anschluß an die Drogenszene ermöglicht Renton, mit den auf Selbstdisziplin und Ordnung setzenden kleinbürgerlichen Wertvorstellungen des traditionellen Arbeitermilieus zu brechen und über das Spiel mit Lust und Tod die Freiheiten eines Heranwachsenden zu genießen. “Was bleibt, als diesem von Anfang an verrotteten Leben soviel Spaß abzupressen, wie es hergibt…vor allem jagen sie das einzige Vergnügen, das noch weit genug aus der Realität katapultiert: den Drogentrip.”[4]

Renton äußert den Widerstand gegen die Normalität, eine Abneigung gegen alle “Normalos”. Gegen das ihnen nicht lebenswert erscheinende Leben in der Realität setzt seine Gruppe den Spaßfaktor Heroin.”Sie werfen ihr eigenes Leben weg, weil ihnen das ihrer Eltern nicht gefällt”[5]

Es ist die Welt der kleinen Freuden des Konsums, der Homogenität und der zum Teil lustvoll erfahrenen Eindimensionalität, die Renton mit dem (gewöhnlichen) Leben seiner Eltern indentifiziert und die er in seinem Einführungsmonolog verhement ablehnt. Symbolischen Ausdruck gewinnt diese Welt der Langeweile in der Obsession “Trainspotting”, dem Notieren und Sammeln von Registriernummern vorbeifahrender Züge.

So ist die Entscheidung für Heroin durch den Wunsch motviert, aus der bestehenden Alltagswirklichkeit auszubrechen, nicht “normal” zu sein und die intensivere, extatische und durch Thrillerlebnisse gekennzeichnete Drogenwirklichkeit zu erleben und auszukosten.

Die Junkies wünschen sich eine Poetisierung der Verhältnisse, eine Verabenteuerlichung durch den Rausch. Sie nutzen den halluzigonen Charakter des Rauschgiftes, um der Ödnis der realen Verhältnisse zu entfliehen.

Die Protagonisten sind von Eltern und Gesellschaft auf eine Rationalität der Verhältnisse hin zwangssozialisiert und treten mit ihren Drogen eine Abenteuerreise an, allerdings eine Reise nach innen. Sie üben sich mittels Drogen in Akten der Selbst-Denormalisierung, um zumindest kurzfristig dem Gefängnis der Alltagsroutinen und Spießigkeiten, in dem ihre Eltern wohnen, zu entkommen. Allerdings werden die Junkies nicht, wie Christiane F., von einer grauenhaften Realität quasi in die Sucht gezwungen. Sie haben ihren Spaß, und sie spritzen Heroin, um noch mehr Spaß zu haben. Drogen sind für sie eine besondere Lebensform, für die sie sich aus freiem Willen entschieden haben, weil es ihnen einfach so gefällt. “Den Grund? Es gibt keinen Grund. Wer braucht einen Grund, wenn er Heroin hat?”, so der Protagonist im Film.

Jedoch: So atemlos die Offstimme die Erzählung voranpeitscht, so rastlos der Erzähler in immer neuen Satzkaskaden die innere Hektik des Erzählten zu beschwören scheint: es geht im ersten Teil von “Trainspotting" um die Darstellung der Erfahrung der Nicht-Entwicklung.

Der Film weist die Gleichartigkeit der Lebensformen, die Wiederkehr der täglichen und wöchentlichen Rituale als allgemeine Charakteristik des normalen Lebens aus - und paradoxerweise nimmt die abweichende Subkultur der Jugendlichen gerade die Abwesenheit von Entwicklung und das Ausbleiben von Lebenszielen wieder auf, reproduziert gerade den lähmenden Stillstand, aus dem sie auszubrechen vorgibt.

Bewußt scheint dies den Junkies allerdings nicht zu sein. Sie glauben, daß der Heroinkonsum sie zu heldenhaften Rebellen macht. Wieviel Spaß die Droge ihnen bereitet, wird auch auf der Wirkungsebene der Bilder vorgeführt: Sick Boy fragt die dunkelblonde Allison, eine hübsche junge Mutter mit einem Baby, ob sie die Spritze wolle. Sie sagt ja, und er spritzt es ihr. Sie atmet tief durch, schließt die Augen und fängt zu stöhnen an. Sick Boy kommentiert den Schuß mit den Worten: ”Nimm den besten Orgasmus, den du je gehabt hast. Multiplizier ihn mit Tausend. Und du bist noch nicht mal nah dran.” Und die sich völlig dem Spaß des Fixens überlassende Allison haucht glücklich: ”Das ist besser als eine Spermaspritze, besser als der geilste Schwanz auf der ganzen Welt.”

Heroin wird auf dieser subjektiven Ebene zur Wunderdroge idealisiert, und der Dealer wird zur “Mutter Oberin”, einer heiligen Mutter, die das Himmelreich auf Erden Wirklichkeit werden läßt.

Was diese Lust, welche die Junkies genießen, zusätzlich auszeichnet, ist faßbar, sobald man sich Folgendes vergegenwärtigt: Die Tatsache, daß Renton nicht bestreitet, daß Heroin auch “Elend, Verzweiflung und Tod” bedeutet, offenbart, daß es ihm um die Konfrontation mit Angst auslösenden Gefahren geht. Die begeisterten Worte von Spud, der nach dem Schuß jubelt: “Wir sind alle tot!” und der Spaß, den Renton und Spud daran haben, wie tot umzufallen, verrät zudem, daß die Junkies es genießen, sich dieser Gefahr willentlich auszusetzen.

Die Auseinandersetzung mit einer tödlichen Gefahr verwandeln die Junkies Renton, Spud, Sick Boy und Allison in ein lustvolles Spiel, weil sie davon überzeugt sind, dieses Angst auslösende Abenteuer unbeschadet überstehen zu können.

[...]


[1] = Metzler 1990, S. 55. & S.138

[2] = Metzler 1996, S. 186

[3] = S.30

[4] = Rodek 1996

[5] = Rall 1996, S.44

Details

Seiten
40
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638129695
ISBN (Buch)
9783638638760
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4867
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Moderne Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Trainspotting Erziehungsroman Bewährungsprobe Drogen Sex Groteske

Autor

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