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Der Logos. Über den Grundgedanken Heraklits

Hausarbeit 2005 18 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Zum Begriff des λόγος

4. Das Wesen des λόγος
4.1 λόγος als Gesetz?!
4.2 Der logos als Methode?
4.3 Die Gegensatzlehre im λόγος. Oder: Der Standpunkt des Betrachters

5. Gefangen im λόγος?!

6. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

„Das Wahre ist das Ganze“ formulierte Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes.[1]

Das „Ganze“ bedeutet in diesem Verständnis nicht eine zwangsverordnete harmonische Vereinheitlichung im Sinne einer unterschiedslosen Identität, sondern umfasst vielmehr immer auch das Andere in Einem, beinhaltet also das Differente, das Gegensätzliche in seiner Gegensätzlichkeit. Das Ganze bedeutet daher immer auch Unterschiedenheit und implizierter Widerspruch.

Wie aus Hegels „Geschichte der Philosophie“ hervorgeht, verdankt Hegel seinen Grundgedanken der Phänomenologie einem Philosophen namens Heraklit: „Es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen.“[2]

Heraklit von Ephesos - auch der Dunkle genannt - spielte schon bereits in der Zeit ca. 480 vor Christi Geburt auf eine Form der „Einheit der Gegensätze“ an, die sich ihm in einem „allumfassenden Willen“ – dem λόγος – äußert.[3] Dieser λόγος ist es, der die gesamte Denkweise Heraklits bestimmt, weshalb er auch als „Schlüssel zu ihrem Verständnis“ bezeichnet werden kann.[4]

Nach Heraklit scheint alles aus einem Gegensatz zu entstehen: Warmes aus Kaltem, Leben aus Tod und Junges aus Altem.[5] Doch vereint gleichzeitig auch eine Sache einen Gegensatz in sich selbst, beinhaltet in der Gegenwart das Differente. So ist beispielsweise das Meerwasser zugleich „ein sauberstes und abscheulichstes: Fischen trinkbar und gesund, Menschen untrinkbar und gefährlich“ (Fragment B 61). Wie hier im Wasser sowohl Leben als auch Tod vereint zu sein scheinen, könnte sich Heraklit diesen Prozess der Aufhebung von Gegensätzen als eine Art Bewegungsgesetz des Ganzen vorgestellt haben. Die Widersprüche erscheinen dem Menschen – „trotz all ihrer Erfahrung mit derlei Worten und Werken“ - im Alltäglichen als unvereinbar, erscheinen vielmehr als objektiv getrennt Widereinanderstehendes. Hätten die Menschen allerdings den logos vernommen, wären sie in der Lage zu sagen: „Eins ist alles“ (Fragment B 50) und es erschiene „das Widereinanderstehende zusammenstimmend und aus dem Unstimmigen die schönste Harmonie.“ (Fragment B 8)

Doch wie können wir uns dieses Eine vorstellen? Das Eine, das als „einsichtsvoller Wille“ verstanden werden kann, der alles durch alles hindurchsteuert? (Fragment. B 40,41)

Was verbirgt sich hinter Heraklits λόγος?

Auch wenn Heraklit davon ausgeht, dass „immer die Menschen zu töricht sein, so ehe sie gehört, wie wenn sie erst gehört haben“, die Lehre des logos zu verstehen (Fragment B 1), möchten wir in dieser Abhandlung trotzdem den Versuch wagen, uns dem Begriff des logos anzunähern, einen Überblick über das Wirken und die Struktur des logos zu schaffen.

Hierzu beziehen wir uns auf die übermittelten Heraklit Fragmente und diskutieren mögliche Zusammenhänge, die sich aus den Überlieferungen ergeben könnten. Dieser Abhandlung liegt damit gleichzeitig ein Verständnis zu Grunde, das davon ausgeht, dass es keine wahre Interpretation Heraklits gibt. Aber es gibt Fragmente. Fragmente, die sich einer Interpretation unterziehen lassen. Ewald KURZ, Bruno SNELL und andere weisen ausdrücklich darauf hin, dass eben vor allem auf Grund dieses Umstandes im Laufe der Geschichte unterschiedliche Strömungen sich Heraklits Denken „zu eigen“ machen wollten.[6] So versuchten bereits die Stoiker ebenso wie die Sophisten, die Skeptiker oder auch die Noetianer, Heraklit für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Selbstverständlich sei an dieser Stelle auch Hegel genannt, dessen dialektisches Grundmuster auf seiner Heraklitinterpretation gründet, mit denen er lange Zeit im wissenschaftlichen Diskurs bestimmenden Charakter besaß.[7]

Mir scheint dieser Tatbestand der „Instrumentalisierung“ jedoch keineswegs abgeschlossen und auch bis in die moderne Heraklitforschung hineinzuragen. So dringt beispielsweise bei JENDORFFs (1976) Heraklitinterpretation das theologische, göttliche Moment zum Vorschein oder bei GÜNTHER (2001) eine buddhistische Ganzheitsphilosophie, die mit den Fragmenten Heraklits in Einklang gestellt werden soll.

Wir möchten im Folgenden, uns immer der Problematik verschiedenster Interpretationen bewusst, anhand der Heraklit-Fragmente[8] in der Übersetzung von SNELL (2004) und ausgewählter Sekundärliteratur[9] uns von der Frage leiten lassen, was sich hinter Heraklits λόγος verbirgt, wovon „diese Lehre hier“ (Fragment 1) spricht.

3. Zum Begriff des λόγος

Bernhard JENDORFF weist in seinen Ausführungen zum Logos darauf hin, dass dem Begriff des logos innerhalb der Philosophiegeschichte unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben wurde, so dass zur Begriffserläuterung eine strenge Orientierung an dem spezifisch griechischen Gehalt des Wortes unabdingbar erscheint.[10]

„λόγος“ bezieht sich als Nomen auf „legein“, was soviel bedeutet wie sammeln, lesen, auslesen. Hieraus geht schon hervor, dass „logos“ zum Einen so etwas enthält wie eine Wiederholung als aber auch zum Anderen ein Moment der Beurteilung, denn in allen Fällen wird eine bestimmte Tätigkeit nach einer gewissen Ordnung, wie beispielsweise Gleiches zu Gleiches beim Sammeln oder Lesen nach und nach vollzogen – Wiederholung und Beurteilung also.[11]

Nach JENDORFF lassen sich für das griechische Wort λόγος folgende Bedeutungen ausfindig machen:[12]

- Sammlung;
- Zählung, Zahl, Rechnung, Berechnung, Abrechnung;
- Maß, Takt, Maßregel;
- Überlegung, Grund, Bedingung;
- Aufzählung, Verzeichnis, Liste;
- Erzählung, Wort, Rede;
- Denkvermögen, Vernunft, Ratio des Menschen, der menschliche Geist und Gedanke;

Ob und wie der Begriff des logos zu fassen ist, bleibt ohne Frage ein nach wie vor aktuelles Thema der Heraklitforschung. Dazu zählt ebenso die Frage, ob Heraklit selbst das Wort λόγος wirklich „terminologisch“ oder nicht einfach nur „operativ“ benutzt hat, also als ein Wort, das seine Bedeutung vornehmlich durch den Sprachgebrauch seiner Zeit erlangte. Dies hieße, wir könnten den Begriff des logos ohne Weiteres mit den obigen Bedeutungen füllen. „Ob man allerdings ein zureichendes Verständnis der betreffenden Fragmente schon dann hergestellt hat, wenn man sich darauf beschränkt, diese Bedeutungen einzusetzen, darf mit guten Grund bezweifelt werden; [...]“ so Klaus HELD in seinen Ausführungen zum Logos-Gedanken.[13] Denn vor allem die Fragmente B1, B2 und B50 „lassen sich nur unter der Voraussetzung verstehen, daß das Wort an ihnen eine Bedeutung hat, die es erst im Zusammenhang des heraklitischen Denkens gewinnt.“[14] Und die weiteren Fragmente, in denen Heraklit das Wort logos benutzt, geben nach HELD ebenfalls allen Anlass anzunehmen, „daß auch an diesen Stellen die spezifisch heraklitische Bedeutung durchscheint.“[15] Ein bloßes Einsetzen der oben aufgeführten Übersetzungsmöglichkeiten wäre demnach nicht ausreichend, um ein Gesamtverständnis für die Bedeutung des logos zu erlangen.

Nach Ewald KURZ muss daher auch „jede Betrachtung des heraklitischen Logosbegriffes von zwei Tatsachen ausgehen: daß λόγος nur einen Bedeutungsaspekt hat und daß es in der Geistesgeschichte keine absolute Unabhängigkeit von fremden Gedankengut gibt.“[16] So ließ er sich durch die Tatsache, dass im griechischen Sprachgebrauch „häufig eine zusammenhängende Entwicklung der Wortbedeutungen“[17] zu beobachten ist, zu der Annahme führen, dass auch der Begriff des logos nicht isoliert betrachtet oder mit verschiedenen Bedeutungen in Verbindung gebracht werden dürfe, sondern in seiner Entwicklung hin zu einem Bedeutungszusammenhang erkannt werden müsse. „Da sich nun in Fragm. 31, wie es schon Schleiermacher erkannte, λόγος nicht anders übersetzen läßt als durch ‚Verhältnis’, liegt es nahe, den Grundaspekt des λόγος in der Proportion zu erblicken “.[18] Nach KURZ liegt somit in der Betrachtungsweise der Proportion der Zugang zu einem neuen und umfassenden Logosbegriff.

In den Fragmenten B 87, B 108 oder auch B 1 übersetzt KURZ λόγος zunächst mit „Wort“, wohingegen ihm vor allem das Fragmente B 31 oder auch B 39 veranlasst, λόγος mit „Verhältnis“ zu übersetzen. So ist sich KURZ dieser Differenz durchaus bewusst und stellt im Zusammenhang mit dem logos fest: „Das eine Mal erscheint er als ‚Wort’, ein anderes Mal als ‚Verhältnis’ und ist scheinbar in zwei verschiedene Bedeutungen gespalten“.[19] Die scheinbare Spaltung besteht für KURZ darin, dass sich λόγος letzten Endes doch mit ‚Verhältnis’ übersetzen läßt ohne von der weiteren Bedeutung ‚Wort’ abrücken zu müssen, denn „das Verhältnis läßt sich insofern nicht vom Wort trennen, als es des Wortes bedarf, um sichtbar zu werden, selbst wenn dieses nur im Denken gesprochen würde.“[20] Zwischen „Wort“ und „Verhältnis“ existiert nach KURZ demnach eine untrennbare Beziehung, deren Verbindung durch das Rationale zu Tage tritt. So beinhaltet das ‚Wort’ ein „verstandesmäßiges Element“ und das ‚Verhältnis’ ein „rechnerisches“, die beide in der Ratio münden.[21] Und in dieser Verbindung liegt die Verwandtschaft von ‚Wort’ und ‚Verhältnis’: „Sie beruht darauf, daß in beiden Bereichen einzelne Teile aufeinander bezogen sind. Denn in der Gliederung und Schichtung des Wortes sind genauso sinnvoll und für den Verstand fassbare einzelne Wortgebilde zueinander in Beziehung gesetzt wie in der Proportion zahlenmäßig messbare Größen.“[22]

Und aus eben dieser Vereinigung ergibt sich nach KURZ für λόγος eben die Grundbedeutung ‚Verhältnis’ oder Proportion.[23]

Da der logos bei Heraklit nach JENDORFF hingegen etwas „Übergegenständliches“ beschreibt, etwas, das um nichts größer sein kann, weil es alles ist, müsse die Frage aufgeworfen werden, ob ein solches Übergegenständliches überhaupt definiert und damit bestimmt werden kann: „er wird wohl wie jedes Übergegenständliches undefinierbar sein“ und ließe sich höchstens als ein „unendlich allumfassendes System“ darstellen.[24]

Wir wollen uns daher im weiteren Verlauf - über eine klar bestimmte Definition des Wortes λόγος hinaus - vielmehr durch eine Interpretation eines möglichen Gesamtzusammenhanges uns der Bedeutung und dem Wesen des logos annähern.

[...]


[1] Hegel, G.W.F. Phänomenologie des Geistes. Suhrkamp Verlag. Frankfurt/Main 1970. S. 24.

[2] Hegel, G.W.F. Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Sämtliche Werke. Bd.17. Stuttgart 1928. S. 344; gefunden in: Kurz (1971). S. 5.

[3] siehe u.a. Die Vorsokratiker I. (2003). S. 231.f

[4] Kurz (1971). S. 205.

[5] siehe Fragment B 88

[6] Kurz (1971). S. 1f. oder auch: Snell (2004). S. 51/52.

[7] Kurz (1971). S. 10. oder auch: Snell (2004). S. 53.

[8] Sofern keine weiteren Angaben zu den hier zitierten Fragmenten erfolgen, ist stets die Diels/Kranz-Zählung Grundlage der Wiedergabe in der Übersetzung und Textwahl von Snell (2004)

[9] siehe Literaturliste S. 18

[10] Jendorff (1976). S. 43.

[11] Jendorff (1976). S. 43f.

[12] Jendorff (1976). S. 46f.

[13] Held (1981). S. 174.

[14] Held (1981). S. 174/175

[15] Held (1981). S. 175

[16] Kurz (1971). S.63. Kurz orientiert sich hierbei an den Ausführungen Bruno Snells in „Die Sprache des Heraklits“.

[17] Kurz (1971). S.63.

[18] Kurz (1971). S. 62.

[19] Kurz (1971). S.69.

[20] Kurz (1971). S. 76.

[21] Kurz (1971). S. 75.

[22] Kurz (1971). S. 79.

[23] Kurz (1971). S. 205.

[24] Jendorff (1976). S. 43.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638453059
ISBN (Buch)
9783638764292
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48656
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philosophisches Institut
Note
1.0
Schlagworte
Logos Grundgedanken Heraklits Heraklit

Autor

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Titel: Der Logos. Über den Grundgedanken Heraklits