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Martin Heidegger und die Frage nach der Technik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 23 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Die Frage nach der Technik
II.1. Die Notwendigkeit Heidegger selbst zu lesen
II.2. Der Anlass Heideggers zur Auseinandersetzung mit der Thematik der Technik
II.3. Der Blick zurück als Blick nach vorne – die philosophische Tradition
II.4. Die Seinsgeschichtliche Verortung der Technik Verschulden – Gegenstand – Anwesen eines Anwesenden – Her-vor-bringen
II.5. Die moderne Technik und ihre Bestimmung in bezug zum Geschehen der Wahrheit
II.6. Der Mensch als Meister der Technik

III. Ge-stell-Geschick-Gefahr
III.1. Das Ge-stell als Wesensbestimmung der Technik (S. 13)
III.2. Das Geschick – Grundbedingung der Freiheit
III.3. Die Gefahr
III.4. Wo aber Gefahr ist – wächst das Rettende auch

IV. Schluss

I. Einleitung

Der in den 50er Jahren abgedruckte Text Die Frage nach der Technik von Martin Heidegger versucht in Auseinandersetzung mit dem Technischen ein Verständnis desselben zu erarbeiten, das es ermöglicht der Ausweglosigkeit zu entkommen, in die uns die Technik stellt. Dieses Stellen bezeichnet hier die sowohl positive, als auch negative Wertschätzung der technischen Entwicklung bzw. des vorhandenen technischen Geräts. Im Text selbst äußert Heidegger sich dazu. Seinem Verständnis zur Folge gilt es den im zeitgenössischen Technikdiskurs vorhandenen Schlussfolgerungen zu entkommen. Technik darf nicht einfach in aller Konsequenz abgelehnt und verurteilt werden. Genauso wenig darf sich die Wertschätzung der Technik auf eine uneingeschränkte Bejahung reduzieren. Diese radikalen Positionierungen verbauen uns den Weg zum wahren Verständnis des Technischen.[1]

Aufgabe des ersten Teils dieser Arbeit wird es sein, diesen Weg mit Heidegger zu gehen. Dabei gilt es das heideggerschen Denken nicht ohne kritischen Blick nachzuzeichnen, um dann in einem abschließenden Teil, die von Heidegger gezogenen Schlüsse bewerten und einordnen zu können. Zur Notwendigkeit einer philosophischen Untersuchung der Technik durch Heidegger, muss sich der Leser einerseits die historische Stellung des Autors und andererseits die Stellung der Technik im Diskurs der Geschichte der Philosophie vor Augen halten. Letzteres wird von Heidegger selbst im Text geleistet. Ersteres bleibt die vornehmliche Aufgabe des Lesers. Wenngleich die Entstehung des Techniktextes von Heidegger wohl früher als das Erscheinungsjahr anzusetzen ist, gibt uns der Publikationstermin doch Aufschluss über die allgemeine Atmosphäre der Zeit.[2] Im Zuge des Kalten Krieges und der damit verbundenen Bedrohung dieser Welt durch die atomare Katastrophe, die in ihrem wesentlichsten Bestandteil, zumindest was die Kraft der Zerstörung selbst betrifft, eine technisch ermöglichte Katastrophe ist, erlangt die von Heidegger erbrachte Auseinandersetzung ihre eindeutige Relevanz. Der Versuch Heideggers im Technischen selbst den Ausweg aus dem Technischen nachzuzeichnen, erscheint damit durchaus historisch bedingt. Natürlich gibt es im Schaffen Heideggers selbst eine gewisse philosophische Stringenz bezüglich des Verständnisses des Seins, was die im Techniktext dargestellten Erläuterungen in ein Gesamtkonzept einbetten.[3] Dies bewirkt eine spezifische Herangehensweise an das Phänomen der Technik. Auch dazu werde ich Stellung nehmen, wenngleich der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Techniktext selbst liegt. Aus diesen einleitenden Überlegungen resultiert folgende Struktur der Arbeit.

In einem ersten Teil werde ich versuchen den Text Die Frage nach der Technik in eigenen Worten nachzuvollziehen. Dabei ist der Bezug zu anderen Schriften Heideggers unumgänglich. Letztlich geht es neben der Darstellung der Argumentationsschritte Heideggers, um eine möglichst klare Herausarbeitung der gezogenen Schlüsse, die wiederum den Bezug zum Kunstverständnis Heideggers herstellen.

Damit erlangt die Schrift Vom Ursprung des Kunstwerks ihre Bedeutung auch für den Techniktext. Die Auseinandersetzung mit den relevanten Textstellen dieses Werkes, gestaltet den zweiten Teil meiner Arbeit, der als kurze Ergänzung zum ersten zu lesen ist.

Abschließend geht es um Darstellung der kritischen Stellen im heideggerschen Techniktext. Ich werde versuchen durch die Auseinandersetzung mit bestimmten Textstellen ein eigenes Verständnis zu etablieren, das neben der bereits erwähnten Kritik, auch die positiven Besonderheiten der Herangehensweise Heideggers herauszustellen versucht.

II. Die Frage nach der Technik

II.1. Die Notwendigkeit Heidegger selbst zu lesen

Würde ein Experiment unternommen, das alle Schriften Heideggers, die in einem Gesamtwerk vereinigt vorliegen, gegen die Schriften, die zu diesem im Laufe der Zeit veröffentlicht worden sind, abwägen würde, wäre der Ausschlag, rein quantitativ, eindeutig. Um ein Vielfaches übersteigt die Menge der Sekundärliteratur bzw. der Sekundärliteratur zur Sekundärliteratur, die der Schriften Heideggers. Dies ist für die Philosophie keineswegs ungewöhnlich, denn lange schon sind die Werke der Philosophen Bestandteil eines akademischen Betriebes, der zwar nicht ausschließlich, aber dennoch oft die Rezeption und Neuinterpretation lediglich im Sinne eines funktionierenden wissenschaftlichen Betriebes stellt. Damit aber ist nur die eine Seite benannt, die das Werk bzw. den Philosophen weitgehend außer Acht lässt.

Wenn durch dieses Dickicht der Betriebsamkeit, in eigener Auseinandersetzung, die Berechtigung der zugesprochenen Wichtigkeit deutlich wird, dann steht die Bewertung des Gelesenen noch immer aus. Hier wandelt sich das quantitative in ein qualitatives Moment. In diesem Übergang liegt eine Problematik, die in ihrer Undurchsichtigkeit nicht zu unterschätzen ist. Für Heidegger, dessen Philosophie geprägt ist durch eine eigene Sprache und einem eigenen Zugang zum Geschehen der Wirklichkeit, trifft dies im besonderen Maße zu. Eine Polarität der Wertschätzung öffnet sich, die in ihrer Radikalität, mit der Offenheit und Notwendigkeit zur eigenen Interpretation im vorhandenen Werk wächst. Für Heidegger gilt auch dies im besonderen Maße:

„Heidegger war (möglicherweise zusammen mit Wittgenstein) der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts. Er war (möglicherweise zusammen mit Hegel) der größte Scharlatan, der sich je die Bezeichnung „Philosoph“ angemaßt hat, ein Meister des leeren Tiefsinns.“[4]

Verschlimmernd oder eben verlockender kommt bei Heidegger hinzu, dass auch sein Leben selbst genug Anlass gibt sich gleichermaßen ambivalent zu äußern:

„Er war ein überzeugter deutscher Hinterwäldler und zeitweise ein leichtgläubiger und wichtigtuerischer Nazi. Er war ein beißender, wenn auch notgedrungenerweise verdeckter Kritiker des Nationalsozialismus, ein hellsichtiger Analytiker der Gebrechen unserer Zeit, und auf ihm ruhten die größten Hoffnungen.“[5]

Mit dem Eindruck dieser Eindrücke, die Heidegger und sein Tun hinterlassen hat, ergibt sich eine Aufforderung an den Interessierten, sich letztlich ein eigenes Bild zu machen. Er ist auf die Schriften Heideggers selbst verwiesen und kann im besten Fall die zuvor gewonnenen Eindrücke für den Moment der individuellen Auseinandersetzung vergessen. Nicht ohne die verschiedenen Verständnisweisen der heideggerschen Texte immer wieder aufzugreifen, um die bereits erwähnte Polarität der Verständnisweisen darzustellen, werde ich im ersten Teil dieser Arbeit versuchen, möglichst nahe am Text zu bleiben. Die kritische Auseinandersetzung folgt an spätere Stelle.

II.2. Der Anlass Heideggers zur Auseinandersetzung mit

der Thematik der Technik

Heideggers Ausgangspunkt ist das Infragestellen der üblichen Bestimmung der Technik. Diese wird, wie Heidegger selbst wiedergibt, in der gängigen Vorstellung einerseits anthropologisch und andererseits instrumental bestimmt. Als Resultat dieser Ansicht lässt sich mit Guest feststellen, dass

„[...MJ] die einzige kritische Infragestellung der Technik, die im Rahmen dieser

instrumental-anthropologischen Bestimmung der Technik überhaupt möglich werden kann, [...MJ] die klassische Frage der Herrschaft bzw. der Knechtschaft des Menschen gegenüber der Technik [ist MJ].“[6]

Heidegger hingegen versucht bereits im einleitenden Teil seines Aufsatzes Die Frage nach der Technik einen anderen Weg des Denkens vorzubereiten. Es gilt abzusehen vom Technischen, da

„die Technik [... MJ ] nicht das gleiche [ist MJ] wie das Wesen der Technik“[7]

Wird dieser eingeführte Unterschied missachtet, dann ist die Möglichkeit verbaut unsere Beziehung zum Wesen der Technik zu erfahren. Zwar ist die anthropologische Bestimmung der Technik als Tun des Menschen genauso richtig wie die instrumentale Bestimmung, jedoch, und hier setzt die Eigenheit des heideggerschen Denkens ein, genügt dies nicht. Die Technik, betrachtet als Tun des Menschen und als Mittel zum Zweck, ist in ihrer Bestimmung richtig.

„Das Richtige stellt an dem, was vorliegt, jedes Mal irgend etwas Zutreffendes fest. Die Feststellung braucht jedoch, um richtig zu sein, das Vorliegende keineswegs in seinem Wesen zu enthüllen. Nur dort wo solches Enthüllen geschieht, ereignet sich das Wahre.“[8]

Aus der getroffenen Einschränkung der Zulässigkeit des Richtigen in bezug auf die Bestimmung des Wesens der Technik, ergeben sich zwei klare Denkrichtungen, denen Heidegger im weiteren Verlauf seiner Techniküberlegungen zuallererst nachzugehen hat. Erstens muss geklärt werden was unter Wesen zu verstehen ist. Und zweitens muss mit dieser Bestimmung die Verbindung zur Technik hergestellt werden. Im Kontext der bisher dargestellten Überlegungen Heideggers heißt dies:

„Was ist das Instrumentale selbst? Wohin gehört dergleichen wie ein Mittel und ein Zweck?“[9]

[...]


[1] Heidegger, M., Gesamtausgabe, Bd.7, Die Frage nach der Technik, S. 7: „Überall bleiben wir unfrei an die Technik gekettet, ob wir sie leidenschaftlich bejahen oder verneinen.“

[2] Vgl. dazu: Rodriguez, A., R., Die Technikdeutung, 1994, S. 57: Die unter dem Titel Einblick, in das was ist veröffentlichten Vorträge: Das Ding, Das Gestell, Die Gefahr, Die Kehre sind bereits 1949 veröffentlicht worden. Die ausführliche Auseinandersetzung mit der Technik im Vortrag Die Frage nach der Technik erscheint 1953

[3] Ebd.: „Dass die Technikdeutung Heideggers sich ausdrücklich in eine sehr ungewöhnliche Richtung bewegt, [...MJ] ist keineswegs überraschend angesichts des Bildes der gesamten „Seinsgeschichte“, das Heidegger in dem Aufsatz Das Gestell mit seiner Metaphysik der Technik entwirft. Heideggers Technikinterpretation ist nicht das Ergebnis empirischer Untersuchungen, sondern die Konsequenz seiner philosophischen Deutung der Geschichte als der Geschichte der „Seinsverlassenheit“ selbst, wie er sie in unserem Zeitalter erkennt.“

[4] Inwood, M., Heidegger, 1997, S.8

[5] Ebd.

[6] Guest, G., Technik und Wahrheit, 1990, S. 116

[7] Heidegger, M., Die Frage nach der Technik, S.7

[8] Ebd., S. 9

[9] Ebd., S.9

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638452724
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48610
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
Martin Heidegger Frage Technik Philosophie

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Titel: Martin Heidegger und die Frage nach der Technik