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Georg Büchners "Leonce und Lena". Leonce und das Phänomen der Langeweile

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Langeweile
2.1. Die Bedeutungsentwicklung
2.2. Banale und existentielle Langeweile
2.3. Existentielle Langeweile, Ennui, Melancholie, Taedium vitae
2.4. Langeweile als gesellschaftliches Kennzeichen

3. Leonce – Melancholie und Langeweile
3.1. Leonce – ein adliger Dandy?
3.2. „Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang.“
3.3. Das Leiden am Sein und die Nichtigkeit
3.4. Vollzug eines Wandels?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Leonce“, eine der Hauptfiguren in Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“, und „Langweile“ – zwei Begriffe, die in enger Verbindung zueinander stehen. Worin genau diese Beziehung zum Ausdruck gelangt, soll im Folgenden erläutert werden.

Zunächst soll eine engere Eingrenzung des Begriffes der Langeweile erfolgen. Was ist konkret hinter der Bezeichnung „Langeweile“ verborgen und wie wird diese empfunden? Bei einem ermüdenden Fernsehfilm? In einer öden Schulstunde? Bestimmt! Ist das Gefühl von Langeweile jedem zugänglich und wovon kann es abhängig sein? In welcher Weise lässt sich die Langeweile aber auch in tiefer gründenden, benachbarten Bereichen wie Ennui, Melancholie und Taedium vitae mit einbeziehen? Alle diese Fragen sollen nun im ersten Teil eine annähernde Beantwortung finden.

Im zweiten Abschnitt soll die Thematik der Langeweile in Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ eingebunden werden. Hierbei wird allein die Figur des Prinzen Leonce genauere Beachtung finden – im Hinblick auf Verhaltensweisen, Sprache, Ansichten und stets unter dem Blickwinkel der Langeweile. Kann man ihn einfach einer Kategorie wie „Dandy“, „Müßiggänger“ oder Melancholiker“ zuordnen? Hat er sich im Verlauf des Stückes einer Veränderung unterzogen? Welchen Schwierigkeiten ist man bei einer Interpretation der Leonce-Figur ausgesetzt? Hierbei werden auch besonders die Meinungen der Forschung eine Rolle spielen.

2. Langeweile

2.1. Die Bedeutungsentwicklung

In der Bedeutungsgeschichte des Wortes Langeweile sind vielfältige Unterscheidungen vorzunehmen, deren ausführliche Darstellung ein zu umfangreiches Unterfangen bedeuten würde, weshalb an dieser Stelle lediglich eine kurze Zusammenfassung erfolgt. Während der vergangenen Jahrhunderte haben sich Nuancen des Begriffes gewandelt, so dass eine eindeutige Definition von Langeweile unmöglich ist.

Tendenziell kann man von folgenden Zuordnungen, die von A. Bellebaum angeführt werden, ausgehen:

Das Wort Langeweile hängt bedeutungsmäßig eng zusammen mit Ausdrücken wie Eintönigkeit, Interessenlosigkeit, Freudlosigkeit, Schwermut, Unlust, Verdrossenheit sowie Überdruß und Trägheit.[1]

Für das deutsche Wort Langeweile ist der deutliche Zeitaspekt[2] spezifisch; so steht die Langeweile bis zum 16. Jahrhundert fast ausschließlich als Gegensatz zu Kurzweil und Zeitvertreib – als langsam vergehende, schleichende Zeit:

In der Langeweile findet man die Zeit lang, man kann sie nicht ausfüllen oder hinbringen, endlich schlägt man sie tot, wenn man merkt, daß sie kein Ende nehmen will. So erscheint die Langeweile als das ewige Einerlei, immer dasselbe, die gähnende Leere.[3]

Erst später wird die Langeweile auch der Arbeit entgegengestellt[4] und in diesem Kontext mit Trägheit, Faulheit und Lustlosigkeit verbunden. Sie tritt dabei als „Folge von Müßiggang und Nichtstun“[5] auf.

Langeweile wird ebenso durch das „Einerlei, d.h. Eintönigkeit und Einförmigkeit, die Wiederholung des Immergleichen und der Mangel an Abwechslung und Veränderung“[6] hervorgerufen – als Resultat von Übersättigung und Überdruss.

2.2. Banale und existentielle Langeweile

Allgemein kann Langeweile jeden betreffen; so weiß Kierkegaard dieses Phänomen neben den Menschen auch den Göttern zu unterstellen:

Was Wunders denn, daß es mit der Welt rückwärts geht, daß alles Üble mehr und mehr um sich greift, sintemal die Langeweile zunimmt und Langeweile eine Wurzel ist alles Übels. Dies kann man wahrnehmen gleich vom Anfang der Welt an. Die Götter langweilten sich, darum schufen sie die Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum ward Eva erschaffen. Von diesem Augenblick an kam die Langeweile in die Welt, wuchs an Größe in genauer Entsprechung zum Wachstum der Menge des Volks. Adam langweilte sich allein, alsdann langweilten sich Adam und Eva zu zweien, alsdann langweilten Adam und Eva und Kain und Abel sich im Familienkreis (en familie), alsdann nahm die Menge des Volks in der Welt zu und langweilte sich en masse. Um sich zu zerstreuen kamen sie auf den Gedanken, einen Turm zu bauen, der so hoch sei, daß er emporragte in den Himmel. Dieser Gedanke war ebenso langweilig wie der Turm hoch war, und ein erschrecklicher Beweis dafür, wie sehr die Langeweile überhand genommen hatte. Alsdann wurden sie über die Welt zerstreut, ebenso wie wenn man jetzt ins Ausland reist, jedoch sie fuhren fort sich zu langweilen.[7]

Ob Langeweile als solche erkannt wird, ist selbstverständlich vom einzelnen abhängig. Kierkegaard verweist auf eben jene Menschen, die sich nicht langweilen und dabei meinen, stets belangvollen Tätigkeiten nachzugehen, ohne die Langweiligkeit der eigenen Person und seiner Beschäftigungen wahrzunehmen.[8] J. G. Zimmermann behauptet sogar: „Alles, was wir treiben und thun, unser Sitzen und Laufen, Wirken und Unterhandeln, hat doch oft am Ende keine andere Triebfeder, als die Furcht vor Langerweile.“[9]

A. Bellebaum bringt es letztlich auf den Punkt:

Die einen verharren in der von ihnen selbst nicht erkannten Langeweile und den langweiligen Abwechslungen, die anderen in der von ihnen selbst wahrgenommenen Langeweile und den langweiligen Aktivitäten.[10]

Zudem gilt es dennoch zwischen verschiedenen Formen der Langweile zu differenzieren, wobei man grob zwei verschiedene Kategorien unterscheiden kann:

einer banalen, gewöhnlichen, alltäglichen, leichten und vorübergehenden und einer schweren, chronischen, unheilbaren, „existentiellen“ Langeweile [...].[11]

Die erste Art der Langeweile dürfte fast jedem bekannt sein und in diesem Sinnbezug wird dieser Begriff in unserer Alltagssprache auch am häufigsten gebraucht:

Das Wort Langeweile wird bei uns gar nicht immer so tiefsinnig verwendet. Vielen Menschen kommt ab und zu bloß die Zeit zu lang vor, sie verspüren Unlustgefühle in einer als leer empfundenen Zeitspanne, erhoffen sehnsuchtsvoll das Ende der langen Weile, sind dann wieder aktiv und kennen keinen schwerwiegenden Lebenszweifel und Lebensüberdruß.[12]

Doch die zweite, viel gewichtigere Variante wird in den Erfahrungen vieler Menschen fehlen. Ludwig Tieck hält letztere besonders anschaulich fest:

Hast Du nie in Deinem Leben einmal recht tüchtige Langeweile empfunden? Aber jene meine ich, die zentnerschwer, die sich bis auf den tiefsten Grund unseres Wesens einsenkt und dort fest sitzen bleibt: nicht jene, die sich mit einem kurzen Seufzer oder einem willkürlichen Auflachen abschütteln läßt, oder verfliegt, indem man nach einem heitern Buche greift: jene felseneingerammte trübe Lebens-Saumseligkeit, die nicht einmal ein Gähnen zuläßt, sondern nur über sich selber brütet, ohne etwas auszubrüten, jene Leutseligkeit, so still und öde, wie die meilenweite Leere der Lüneburger Haide, jener Stillstand des Seelen-Perpendikels, gegen den Verdruß, Unruhe, Ungeduld und Widerwärtigkeit noch paradiesische Fühlungen zu nennen sind.[13]

Während es im Regelfall für die „banale“ Langeweile bestimmte Ursachen und Begründungen gibt, lässt sich die „existentielle“ Langeweile kaum zuordnen oder erklären, sondern ist schlicht in einem Menschen innewohnend und eine Eigenschaft desselben. Genau diese Form der Langeweile wird im Folgenden nähere Betrachtung erfahren.

2.3. Existentielle Langeweile, Ennui, Melancholie, Taedium vitae

Spricht man von einer „existentiellen“ Langeweile, so handelt es sich hierbei um ein

„chronisches Leiden“[14], welches man immerzu empfindet:

Sie ist total: ihr Anlaß geht nicht von einzelnen Lebensumständen aus, sondern das Leben als ganzes, alles erregt Langeweile. Diese Langeweile des Daseins, des Lebens zieht sich über Jahre hin und erstreckt sich in bildlichem Ausdruck auf die ganze Natur, ja das Universum. Sie durchtränkt die ganze Persönlichkeit: sie dringt ins Herz und bis auf den Grund der Seele und setzt sich als innere Langeweile und als Herzenslangeweile auf dem tiefsten Grund unseres Wesens fest [...].[15]

Ursachen dieser Form von Langeweile lassen sich kaum ergründen; äußere Umstände sind in der Regel auszuschließen. Verallgemeinerungen hinsichtlich des Ursprungs von existentieller Langeweile sind nicht empfehlenswert, denn eine genaue Kenntnis des Betroffenen und seiner Lebenshaltung ist dafür unbedingt Voraussetzung. Seneca kommt prägnant zu diesem Ergebnis: „Itaque scire debemus non locorum vitium esse quo laboramus, sed nostrum“ (II, 15)[16] – das Leiden ist in uns selbst zu suchen.

Diese Form der Langeweile findet eine Grundlage im klassischen Latein als Taedium vitae, als Überdruss am Dasein.[17] Krankheitszeichen sind beispielsweise „Missfallen und Unzufriedenheit mit sich selbst“, „Unbeständigkeit“, „Sehnsucht nach Veränderung des Zustandes“, „Unlust und Verdruß“, „Ekel vor jeder Form von Tätigkeit“ oder auch „Überdruß am Leben und an der Welt“[18].

In diesem Kontext erlangen auch die Zustände und Auswirkungen des Ennui und der Melancholie Bedeutung.

Besonders im 18. Jahrhundert sind zahlreiche Belege für die Verwendung des französischen Begriffs „Ennui“ in der deutschen Literatur zu finden – es deutet darauf hin, dass hiermit ein „Mangel in der eigenen Sprache“[19] kompensiert werden wollte.

Bedeutungsmäßig sind in ennui nach v. Wartburg zwei Hauptrichtungen zu unterscheiden: „je nachdem das missbehagen, das damit bezeichnet wird, durch eine konkrete ursache, eine bedrängnis, ein leiden usw. hervorgerufen wird (1) oder aber dadurch, dass es der menschlichen seele an einem sie befriedigenden inhalt fehlt (2).“ Semantisch ist damit schon ein wichtiger Unterschied zu dt. Langeweile gegeben: eine Gemeinsamkeit zwischen ennui und Langeweile besteht nur in der zweiten Bedeutungsrichtung, nicht aber in der ersten![20]

[...]


[1] A. Bellebaum 1990: S. 15.

[2] Ebd.: S. 68.

[3] W. Lepenies 1969: S. 118.

[4] L. Völker 1975: S. 38.

[5] Ebd.: S. 55.

[6] Ebd.: S. 63.

[7] S. Kierkegaard 1964: S. 305.

[8] Ebd.: S. 308.

[9] J. G. Zimmermann 1962: S. 30.

[10] A. Bellebaum 1990: S. 58.

[11] L. Völker 1975: S. 11.

[12] A. Bellebaum 1990: S. 67.

[13] L. Tieck 1986: S. 415.

[14] L. Völker 1975: S. 191.

[15] L. Völker 1975: S. 192. Belege zu diesem Zitat befinden sich ebenfalls bei Völker auf der gleichen Seite.

[16] Seneca 1971: S. 118.

[17] L. Völker 1975: S. 134.

[18] L. Völker 1975: S. 134.

[19] Ebd.: S. 137.

[20] Ebd.

Details

Seiten
25
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638452618
ISBN (Buch)
9783638597685
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48593
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
Georg Büchner Leonce Lena Phänomen Langeweile

Autor

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Titel: Georg Büchners "Leonce und Lena". Leonce und das Phänomen der Langeweile