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Befindlichkeitsveränderungen schizophren erkrankter Menschen durch Tauchen

Diplomarbeit 1998 130 Seiten

Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Aspekte
2.1 Stand der Forschung zum Thema “Befindlichkeitsveränderungen durch Sporttreiben”
2.1.1 Exkurs I: Emotion, Kognition, Motivation
2.1.2 Entwicklung der Befindlichkeitsforschung
2.1.3 Wohlbefinden
2.1.4 Wohlbefinden und Sport
2.1.5 Relevante Aspekte zum aktuellen und habituellen Wohlbefinden
2.1.6 Zur Bedeutung von Wohlbefinden
2.2 Krankheitsbild der Schizophrenie
2.2.1 Psychiatrische Pharmakotherapie
2.2.2 Stellenwert des Sports im Rehabilitationsprozeß psychisch erkrankter Menschen
2.3 Zentrale Aspekte für eine Tauchausbildung mit schizophren erkrankten Menschen im Rehabilitationsprozeß
2.4 Exkurs II: Die Emotion Angst als entscheidender Bedingungsfaktor
2.5 Das Problem einer eingeschränkten Tauchtauglichkeit und Vorüberlegungen zur geplanten Studie

3 Die Hypothese und Zielsetzung dieser Studie

4 Methodik
4.1 Probanden
4.2 Die Ausbildungskonzeption
4.2.1 Kurzdarstellung der neun Unterrichtseinheiten
4.2.2 Prinzipien der Vermittlung
4.3 Methodentheorie und ausgewählte Meßverfahren
4.3.1 Fragebogen zur Erfassung der Motivation zur Teilnahme und der Erwartungserfüllung
4.3.2 Selbstbeurteilung der aktuellen Befindlichkeit durch die “Basler-Befindlichkeits-Skala”
4.3.3 Angstscreening, Selbsteinschätzung hinsichtlich ängstlicher Empfindungen
4.3.4 Herzfrequenzmessungen
4.3.5 Beobachtung der Teilnehmer während der Unterrichtseinheiten
4.3.6 Datengruppierung
4.3.7 Statistik
4.3.8 Schema zum Studienaufbau

5 Ergebnisse
5.1 Motivation und Erwartungserfüllung
5.2 Dimensionen der Befindlichkeit
5.3 Angstemotionen
5.4 Herzfrequenz
5.5 Beobachtung

6 Diskussion
6.1 Zur Motivation und kognitiven Wertschätzung
6.2 Zur Befindlichkeit und Emotion Angst
6.3 Zum Herzfrequenzverhalten

7 Kritische Reflexion

8 Zusammenfassung und Ausblick

9 Literaturverzeichnis

10 Abkürzungsverzeichnis

11 Abbildungsverzeichnis

12 Tabellenverzeichnis

13 Anhang

1 Einleitung

“Da drüben geht eure Sonne auf” (paepke, 1998). Das Zitat der Dichterin Lotte Paepke, welche zu Kriegszeiten an Schizophrenie erkrankte, beschreibt beispielhaft den “Verlust des Erlebens” als ein wesentliches Merkmal der schizophrenen Erkrankung. In diesem Fall erscheint der Prozeß visueller Wahrnehmung isoliert und von einem ganzheitlichen Erleben “abgespalten”. Die Ursachen einer schizophrenen Erkrankung sind vielfältig; gemeinsames Merkmal sind die Wahrnehmungsstörungen bzw. die gestörte Wahrnehmungsverarbeitung. ayres (1998, 7) beschreibt die sensorische Integration als das “Ordnen der Empfindungen um sie gebrauchen zu können”. In einem übergeordneten Sinn läßt sich die Symptomatik schizophren erkrankter Menschen als eine Beziehungsstörung zu sich, seinem/ihrem Körper und zur sozialen Umwelt verstehen. Sportliche Aktivität bietet die Möglichkeit, eine verzerrte Selbst- und Realitätswahrnehmung am eigenen Leib spürbar zu machen und Regulationsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Motivation zur Teilnahme an sportlichen Angeboten ist in der Regel eine notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Lernprozesse, welche neben Verbesserungen im sportmotorischen Bereich nicht selten eine Verbesserung der Allgemeinbefindlichkeit zur Folge haben (vgl. hölter 1994, 7ff.).

Schizophren erkrankte Menschen sind im Erleben der verschiedenen Facetten von Wohlbefinden individuell beeinträchtigt. Das beeinträchtigte Wohlbefinden läßt sich als Ausdruck einer unausgewogenen Bewältigung interner und externer Anforderungen begreifen (becker 1991, 43).

Bewegungstherapeutische Interventionen sind im Rahmen eines ganzheitlichen Rehabilitationskonzepts darauf ausgerichtet, eine größtmögliche Autonomie des Individuums (wieder-) herzustellen und verfolgen im Rehabilitationsprozeß psychisch bzw. schizophren erkrankter Menschen primär das Ziel einer Verbesserung psychischer und sozialer Funktionen, welches durch Veränderungen in der psychischen und sozialen Dimension der Befindlichkeit Ausdruck finden sollte.

Das subjektive Wohlbefinden ist generell ein zentrales Motiv des Sporttreibens in seinen vielfältigen breiten- und leistungssportlichen Varianten (abele, brehm 1984). Bislang durchgeführte Studien zum Einfluß sportlicher Aktivität auf das Wohlbefinden beziehen sich vorwiegend auf den Fitnessbereich und die Spielsportarten. Unterschiedliche Sportarten haben z.T. verschiedenen Einfluß auf die psychische, physische und soziale Dimension der Befindlichkeit.

Im therapeutischen Bereich durchgeführte Studien sind nicht sehr zahlreich. schwenkmezger (1985, 117ff.) hat z.B. eine positive Wirkung des Ausdauertrainings in der Depressionstherapie nachgewiesen. Er betont im Zusammenhang mit dem “inhärenten Verstärkungswert” der physischen Aktivität den Wert intrinsischer Motivation zur sportlichen Betätigung. Der Sport mit schizophren erkrankten Menschen sollte Verfahren zur Verbesserung einer realistischen Selbstwahrnehmung und positiven Beeinflussung der Wahrnehmungsstörungen in den Vordergrund stellen (deimel 1990).

Erlebnissportarten versprechen häufig außergewöhnliche, intensiv wahrgenommene Erlebnisse und Erfahrungen, welches einen hohen Aufforderungscharakter zu bedingen scheint. Gleichzeitig sind die Anforderungskriterien der Erlebnissportarten häufig so geartet, daß sie sich für die Vermittlung im Rehabilitationsbereich psychisch erkrankter Menschen nicht eignen.

Das Anforderungsprofil der Sportart Tauchen läßt sich dem Leistungsprofil der Teilnehmer unter entsprechenden Rahmenbedingungen (Schwimmbad) gut anpassen. Wahrnehmungsprozesse könnten durch den Aufenthalt “im artfremden Medium Wasser” bewußt werden. Der hohe Aufforderungscharakter könnte die allgemeine Sportpassivität überwinden und individuelle Erfolgserlebnisse die (gestörte) Handlungsmotivation nachhaltig positiv beeinflussen. Körpererleben und Bewegungshandlungen des Sporttreibenden sollten sich dabei mit dem konkreten Erleben von Sinnbezügen vollziehen.

Die Eignung der Erlebnissportart Tauchen im Rehabilitationsprozeß psychisch erkrankter Menschen ist nicht näher untersucht. Verfasser tauchspezifischer Literatur haben beobachtet, daß scheinbar “gerade psychisch abnorme Persönlichkeiten” zum Sporttauchen drängen (gerstenbrand et al. 1995, 91). Nach einem Grund für das zu beobachtende Verhalten wurde bislang nicht geforscht.

Ein Ausschluß psychisch erkrankter Menschen vom Sporttauchen, auch für das Tauchen unter eingeschränkten Bedingungen, wird in der Regel damit zu rechtfertigen versucht, daß ein großer Teil der Tauchunfälle im regulären Tauchsport auf “psychische Fehlreaktionen” zurückzuführen ist.

Aussagen zu den Empfindungen beim Tauchen wie, z.B. “Das Schweben im dreidimensionalen Raum und die Stille unter Wasser sind auch als eine Art Meditation, als ein Kontrast zum hektischen Alltag der meisten Zeitgenossen zu verstehen”, sind nicht empirisch geprüft. Die Sportart Tauchen steht im Verdacht, Auslöser eines besonderen “Wachbewußtseinszustands” (scharfetter 1995, 103) zu sein.

Die vorliegende Studie untersucht die Wirkungsmechanismen einer Grundausbildung im Tauchen und der damit verbundenen Unterwasseraufenthalte auf das Befindlichkeitsverhalten schizophren erkrankter Menschen im Rehabilitationsprozeß. Dadurch werden Aussagen zur Eignung der Sportart Tauchen unter entsprechenden Rahmenbedingungen ermöglicht. Desweiteren ergeben sich Hinweise für eine Begründung des scheinbar “besonders” großen Interesses dieser Zielgruppe am Tauchsport.

Im theoretischen Teil dieser Arbeit werden die Erkenntnisse der allgemeinen Befindlichkeitsforschung vorgestellt, welche sich aufgrund der spezifischen Merkmale dieser Studie nicht ohne weiteres übertragen lassen. Sie bieten allerdings eine ausreichende Orientierung zur Herleitung der Hypothese und Einordnung der Ergebnisse. Desweiteren wird die Verflechtung kognitiver, emotionaler und motivationaler Prozesse als Kennzeichen dessen beschrieben, was allgemein als “Psyche” bezeichnet wird. Die Emotion “Angst” hat auf das Zusammenspiel der genannten Prozesse und der damit zusammenhängenden subjektiven Bewertung des Wohlbefindens einen besonderen Einfluß. Das auf die Emotion “Angst” bezogene Kapitel stellt eine Verbindung zum beschriebenen Krankheitsbild der Schizophrenie und den aufgeführten Merkmalen der Erlebnissportart Tauchen dar.

Die Fragestellung bezieht sich auf einen sehr komplexen Sachverhalt, welches eine empirische Überprüfung erschwert. Eine interdisziplinäre Betrachtungsweise erscheint notwendig. Der methodische Teil ist von dem Bemühen um unterschiedliche Zugänge geprägt, wobei der Schwerpunkt in der Selbstbeurteilung der Probanden hinsichtlich ihrer Befindlichkeit liegt. Die Ergebnisse der Selbstbeurteilung werden, durch das wiederholte Erfassen des psychophysiologischen Parameter Herzfrequenz in standardisierter Situation, auf eine potentielle Korrelation bezüglich vegetativer Reaktionsweisen geprüft. Desweiteren sind die Beweggründe für die Teilnahme an einer Tauchausbildung von besonderem Interesse.

Die Ergebnisse bieten Ansatzpunkte für weiterführende Untersuchungen zum Zusammenhang erlebnisbezogener sportlicher Aktivität und Wohlbefinden sowie der Effektivität sportlicher Angebote in therapeutischen Situationen.

2 Theoretische Aspekte

Im theoretischen Teil dieser Arbeit werden relevante Erkenntnisse aus separaten Wissenschaftsgebieten in komprimierter Form dargestellt. Dabei lassen sich zahlreiche Berührungspunkte herausarbeiten und z.T. aus unterschiedlicher Perspektive betrachten.

2.1 Stand der Forschung zum Thema “Befindlichkeitsveränderungen durch Sporttreiben”

Der Begriff “Wohlbefinden” repräsentiert physisches, soziales und psychisches Befinden. Die einzelnen Dimensionen der Befindlichkeit sind voneinander abhängig und es bestehen zahlreiche Wechselwirkungen, so daß eine Gesamtbetrachtung hinsichtlich des Befindlichkeitsverhaltens notwendig erscheint.

Für die Einordnung und ein übergeordnetes Verständnis von Wohlbefinden ist ein kurzer “Exkurs” vorangestellt, welcher zugleich die Funktion einer Einführung in die Gesamtproblematik übernehmen soll. Eine der Thematik übergeordnete Sichtweise setzt sich im Kapitel “Die Emotion Angst als entscheidender Bedingungsfaktor” (Exkurs II) fort und knüpft inhaltlich an die Ausführungen zu “Emotion, Kognition, Motivation” an.

2.1.1 Exkurs I: Emotion, Kognition, Motivation

Der Begriff “Befinden” repräsentiert Emotionen. pekrun (1987, 99) definiert Emotionen als ganzheitliches Erleben, welches sich aus drei Komponenten zusammensetzt; einen für die jeweilige Emotion spezifischen Erlebensanteil (affektive Komponente), spezifische Kognitionen (kognitive Komponente) und Wahrnehmungen physiologischer und expressiver Abläufe (körperperzeptive Komponente). Entscheidend ist, daß affektive Anteile der Emotionen keine Sachverhalte repräsentieren. Hunger und Durst sind bedürfnisbezogene Gefühle und vergleichbar mit den Schmerzgefühlen für den Körper repräsentatorische Gefühle. Die Emotionen sind demnach als nicht repräsentatorische Gefühle zu begreifen. Desweiteren ist es wichtig, die Emotionen klar von den Motivationen zu trennen, da es sich um zwei unterschiedliche Kategorien psychischer Prozesse handelt. “Emotionen bestehen (primär) im Erleben affektiver Erregung, die physiologisch gesehen an bestimmte subkortikale Zentren des zentralen Nervensystems gebunden ist. Bei der Motivation handelt es sich hingegen um spezifische deklarative Kognitionen (Handlungswünsche, Absichten) und um Aktivierungen von Verhaltensprogrammen” (pekrun 1987, 100).

Im Gehirn entsteht das, was der Mensch als Psyche bezeichnet.

Die zentrale Annahme der “Affektlogik” nach ciompi (1982) besteht darin, daß Fühlen und Denken, also affektive und kognitive Prozesse untrennbar, zusammengehören und unabhängig voneinander gar nicht vorkommen. Dabei stellen die Prozesse “Fühlen” und “Denken” die Verarbeitung von Information bzw. Reaktionsweisen des psychischen Systems im Austausch mit dessen Umwelt dar. Die Prozesse lassen sich als gleichwertige Erfassungsweisen der begegnenden Umwelt begreifen:

“In ihrem Zusammenspiel orten (bzw. ordnen) beide Erfassungsweisen die begegnende Wirklichkeit optimal ökonomisch wie zwei Schnittlinien einer Peilung: Das phylogenetisch ältere, körpernahe, deutlich trägere und unschärfere aber viel umfassendere `Fühlsystem´ auf der einen Seite verleiht dem entstehenden `Bild´ der Wirklichkeit gewissermaßen Tiefe und Ganzheitlichkeit, während das phylogenetisch jüngere, körperferne, abstraktere, präzisere aber auch viel punktuellere `Denksystem´ zu seiner Schärfe beiträgt. Es ist klar, daß die resultierende `Tiefenschärfe´ imminent im Dienst des Überlebens, d.h. der Autopoiese steht” (ciompi 1986 b, 382).

Globalintegrativ betrachtet setzt sich das geistige Leistungsvermögen aus den drei Leistungsdimensionen Denken (Kognition), Erleben (Emotion) und Wollen (Motivation) zusammen, welche untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Denkweise ist bis auf aristoteles zurückzuführen. Das Denkvermögen stand jahrhundertelang im Brennpunkt des Interesses. Die elementare Bedeutung der Dimensionen “Wollen” und “Erleben” ist erst später erkannt worden. Anatomisch gesehen ist das emotionale Teilsystem der größte Bereich im Altgroßhirn, das sich nach dem Gesetz der Wechselwirkungen an praktisch allen globalintegrativen Erlebnismustern beteiligt (vgl. gschwend 1998).

Psychische Störungen lassen sich nicht generell hirnpathologisch begründen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erübrigt sich eine anatomische Darstellung der Gehirnareale, welche mit bestimmten psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden. Die Tradition der sog. “Hirnpsychiatrie” gegen Ende des letzten Jahrhunderts bot die Grundlage für einen um sich greifenden Sozialdarwinismus, der die Isolierung der psychisch Kranken zur Folge hatte. Dabei wurde die Krankheit als unabwendbares Schicksal aufgefaßt. Heutige elektroenzephalographische Untersuchungen an Patienten mit der Diagnose Schizophrenie zeigen zwar zum Teil bedeutsame Abweichungen, diese sind jedoch so unterschiedlich, daß sich bislang keine sinnvollen Hypothesen formulieren ließen (vgl. dörner 1994, 172).

Bisher fehlt eine Integration der Einzelbefunde in ein umfassendes Modell der menschlichen Informationsverarbeitung.

CIOMPI (1988 b) vergleicht das Gehirn bzw. die Psyche mit einem anfänglich nur rudimentär angelegten Wegsystem, welches durch den Gebrauch selbst entsteht und sich in der Interaktion mit der Umwelt zu einem immer komplexer hierarchisierten Gefüge von “Haupt- und Nebenstraßen” entwickelt. Diese Gefüge seien als offene Systeme mit kognitiven und affektiven Anteilen zu verstehen. Sie stellen das eigentliche Gedächtnis dar, indem sie sich im jeweiligen Kontext aktualisieren und das Wahrnehmen und Verhalten entsprechend der angelegten Muster kanalisieren. Persönlichkeit bezeichnet er deshalb als weitgehend stabil gewordenes Muster von affektlogischen Bezugssystemen, quasi als “Muster von Mustern”.

2.1.2 Entwicklung der Befindlichkeitsforschung

Die Philosophen der griechischen Antike beschäftigten sich bereits mit der Bedeutung der “persönlichkeitsbeeinflussenden” Wirkung des Sports (platon, aristoteles et al.). Sie sollen die belebende Wirkung moderater körperlicher Aktivität zur Steigerung kognitiver Prozesse genutzt und ihre Vorlesungen zum Teil beim Spazierengehen gehalten haben. Die Kerngedanken der meisten psychologischen Theorien zum Wohlbefinden gründen in einer bis in die Antike zurückreichenden philosophischen Tradition.

Verschiedene Philosophen der Gegenwart charakterisieren Glück und Wohlbefinden als Ergebnis gelungener Selbstverwirklichung (becker 1991, 14). Neben den physiologischen Anpassungsprozessen sind die psychologischen Auswirkungen des Sporttreibens bzw. körperlicher Ertüchtigung bis heute von besonderem Interesse.

Die unter der Thematik “Sportliche Aktivität und Persönlichkeit” zusammenzufassenden Forschungsfragestellungen sind vielfältiger Art. Bis heute ist nicht belegt, ob die Teilhabe an Institutionen des Sports die Individuen prägt (Sozialisationshypothese), oder ob sich ganz bestimmte Individuen einer Form des Sportengagements zuwenden, welches zu ihrer Persönlichkeitsstruktur paßt (Selektionshypothese).

Theoretisch erscheint eine wechselseitige Beeinflussung von Sport und Persönlichkeit am sinnvollsten, allerdings fehlen zur Untersuchung der Wechselbeziehungen sowohl Sportwissenschaftlern, als auch Psychologen geeignete empirische Instrumente und Untersuchungspläne. Dadurch fallen die einzelnen Forschungsfragestellungen zum Komplex “Sport und Persönlichkeit” meistens einfacher aus, als es theoretisch erforderlich ist (vgl. mummendey 1983, 10).

Eine präzise Definition ist weder für den Begriff Sport, noch für den Begriff Persönlichkeit möglich. Frühere Forschungsergebnisse (neumann, gabler, sack, bielefeld et al.) sind insgesamt sehr widersprüchlich und lassen sich wegen ihrer unterschiedlichen, oft globalen Fragestellungen und Untersuchungsdesigns kaum vergleichen. mummendey (1983, 21) faßt zusammen, daß aus “tertiäranalytischer” Perspektive von gültigen empirischen Antworten auf die Frage nach der Beziehung zwischen sportlicher Aktivität und Persönlichkeit keine Rede sein kann. Aufgrund der heterogenen Ergebnisse in der Vergangenheit neigt die gegenwärtige Forschung dazu, spezielleren Fragestellungen nachzugehen. Die situationsabhängige Befindlichkeitsdiagnostik (vgl. hobi 1985, mayring 1987) hat in der sportwissenschaftlichen und allgemein-psychologischen Forschung einen hohen Stellenwert eingenommen. Die Fragestellungen sind differenzierter: einzelne Sportarten werden hinsichtlich ihrer Wirkung auf das Wohlbefinden untersucht. mayring (1991) beklagt allerdings auch in diesem Zusammenhang ein unübersehbares Feld von Meßinstrumenten und häufig nicht adäquate Erhebungsmethoden der heutigen Befindlichkeitsforschung.

2.1.3 Wohlbefinden

Der Begriff des Wohlbefindens läßt sich mit Bezug auf das Strukturmodell des Wohlbefindens von becker (1991) definitorisch präzisieren. Wohlbefinden ist demnach als Prozeß aufzufassen, wobei zwischen aktuellem und habituellem Wohlbefinden zu unterscheiden ist. Der variable Zustand des aktuellen Wohlbefindens charakterisiert das momentane Erleben, wogegen das relativ stabile habituelle Wohlbefinden die für eine Person “typische” Grundgestimmtheit darstellt (vgl. bässler 1995, 246).

ABELE/BREHM (1984) differenzieren in ähnlicher Form; sie nennen die Vermutung kurzfristiger Effekte auf die momentane Stimmung “Befindlichkeitshypothese” und eine auf längerfristige Veränderungen bezogene Annahme, “Veränderungshypothese”.

Zur besseren Übersichtlichkeit und zur Vermeidung begrifflicher Unklarheiten werden für die weitere Charakterisierung nachfolgend die Begriffe aktuelles Wohlbefinden (AW) und habituelles Wohlbefinden (HW) benutzt.

2.1.4 Wohlbefinden und Sport

Der allgemeine Begriff Wohlbefinden kennzeichnet psychisches, physisches und soziales Befinden (in Anlehnung an die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation). Durch sportliche Aktivität werden physisches und psychisches Befinden immer gleichzeitig beeinflußt, während das soziale Befinden mit angesprochen wird, wenn die sportliche Aktivität soziale Interaktion beinhaltet.

Das subjektive Wohlbefinden ist ein zentrales Motiv des Sporttreibens in seinen vielfältigen breiten- und leistungssportlichen Varianten. Es werden Auswirkungen regelmäßigen Sporttreibens auf die psychische Stabilität und die Persönlichkeit angenommen, so daß Sport als Mittel zur Erreichung eines positiv bewerteten Zustands gilt (abele, brehm 1984).

Es liegen zahlreiche Studien vor, die relativ übereinstimmend positive Effekte sportlicher Aktivität auf das Wohlbefinden der Sporttreibenden nachweisen (abele/brehm 1984, 252ff./ alfermann/lampert/stoll/wagner-stoll 1993, 21ff./ berger/owen 1987, 286-302/ fuchs/leppin 1992, 13ff./ gabler/kempf 1987, 171-183/ otto/stemman 264-278 1986, 1991, 288ff./ schwenkmezger 1985, 117-135/ tschakert 1986, 206ff./ weber 1982, 1984 et al.).

In der amerikanischen Literatur der 70er Jahre wurden Stimmungsveränderungen durch Sport unter den Stichworten “feel-better-phenomen” und “runner´s high” diskutiert (sachs 1984). Das “feel-better-phenomen” bezeichnet die generell gehobene Stimmung, die nach sportlicher Aktivität relativ häufig auftritt. Das Phänomen des “runner´s high” beschreibt vornehmlich euphorische Zustände während des Laufens. Frühere Studien beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Laufen, später wurden auch andere Sportarten und Bewegungsformen berücksichtigt. Die Stichproben der Untersuchungsgruppen sind dem Breitensport zuzuordnen. Im englischsprachigen Raum wurden die POMS (profile of mood scales, mc nair et al. 1971) zur Stimmungsmessung verwendet, wohingegen in neun der zwölf deutschsprachigen Studien die BFS (Befindlichkeitsskalen, abele & brehm 1986) zur Auswertung bevorzugt wurden (vgl. abele 1991, 281).

Bislang durchgeführte systematische Untersuchungen und Studien zu Befindlichkeits-veränderungen durch Sport sind Aktivitäten aus dem Fitnessbereich (Laufen, Schwimmen, angeleitete Fitnesskurse) und Spielsportarten zuzuordnen.

Aktuelles Wohlbefinden (AW) wird entweder direkt durch positive Erfahrungen (z.B. Erfolgserlebnisse) erreicht oder indirekt durch die Beseitigung oder Reduktion aversiver Zustände (z.B. Angst, Hilflosigkeit). Die Förderung des Wohlbefindens mittels sportlicher Aktivität resultiert unter anderem aus positiv bewerteten Erfahrungen (sensorischen Eindrücken) durch die motorische Aktivität. Zudem bestätigen gelungene Handlungen das “Ich”, welches von positiven Emotionen begleitet wird. Die Erfolgserlebnisse können darüber hinaus, soweit sie als bedeutsam eingeschätzt werden, zu einer Erweiterung der subjektiv wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten führen. Eine spezifische Form von AW bezeichnet csikszentmihalyi (1985) als “flow-Erlebnisse”. Dabei führen intrinsisch motivierte, autotelische Tätigkeiten zum “flow-Erlebnis”, wenn die Person die Handlungen und die Umwelt unter Kontrolle hat und klare Rückmeldungen über den Erfolg des Handelns erhält. Entscheidend ist dabei eine Korrespondenz von Handlungsanforderungen und Handlungsfähigkeiten. Die Anforderungen müssen dabei über einem individuell mittleren Niveau liegen.

BECKER (1991) erwähnt die “Phantasietätigkeit” als weitere Möglichkeit das AW zu erhöhen (z.B. Tagträume). Dabei überlagern sich reale und vorgestellte Ereignisse. Extreme Formen der Vermischung von Realität und Wunschdenken seien bei psychotischen Patienten zu beobachten, wobei sich solche Störungen zu einem gewissen Teil auch als verzweifelte Versuche zur Aufrechterhaltung von AW verstehen lassen.

ABELE, BREHM, gall (1991) machen folgende zusammenfassende Aussagen zur Kennzeichnung eines Ergebnistrends hinsichtlich aktuellem Wohlbefinden:

Psychisches Wohlbefinden:

- Personen mit eher schlechter Ausgangsstimmung profitieren mehr von sportlicher Aktivität als Personen mit eher guter Ausgangsstimmung, d. h. das “Ausgangsniveau der Stimmung” vor der sportlichen Aktivität beeinflußt die Stimmungsänderung.
- Zwischen den “Einstellungen zum Sport” und den Stimmungsveränderungen besteht kein Zusammenhang.
- Das Wohlbefinden nach der sportlichen Aktivität ist für den Teilnehmenden größer, wenn er mit der eigenen sportlichen Leistung zufrieden ist (abele & brehm 1986).
- Die Teilnehmer fühlen sich nach der sportlichen Aktivität wohler, wenn die eigene Anstrengung als “mittlere Belastung” erlebt wurde (abele & brehm 1986, 1989, berger & owen 1988). Die Stimmungsverbesserungen sind bei individuell mittlerer Belastung größer als bei hohen Belastungen (gall 1987). Sportliche Aktivität, die einen unteren physiologischen Belastungsschwellenwert überschreitet, baut Spannungen ab und reduziert (State-) Angst. Dieser Zustand hält etwa 2-4 Stunden an (morgan 1987).
- Die Befindensveränderungen sind größer, wenn der “Erlebnis- und Spaßaspekt” in den Sportstunden berücksichtigt wird (abele & brehm 1989, berger & owen 1988).

Physisches Wohlbefinden:

Das Wohlbefinden des Menschen ist neben zahlreichen anderen Faktoren (Persönlichkeit, sozialer Rückhalt, Umwelt, Arbeit, etc.) in starkem Maße von der Bewegungsaktivität abhängig. Ein gesunder Organismus folgt der Tendenz, Körpersysteme und körperliche Fähigkeiten (Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit) an körperliche Beanspruchungen anzupassen. Die Anpassungsprozesse sind durch Dosierungen der Belastungen (Intensität, Umfang, zeitliche Abfolge) optimierbar (vgl. weinek 1988, 22f.). Bleiben entsprechende Belastungen aus und wird die körperliche Funktionstüchtigkeit gestört, kann dieses “Mißbefinden” in vielfältiger Form zur Folge haben (vgl. abele, brehm, gall 1991). Körperliches Wohlbefinden und objektive Gesundheitskriterien müssen nicht zwingend übereinstimmen (argyle 1987).

Trotz des Wissens um die Bedeutung der sportlichen Aktivität für die Gesundheit und das Wohlbefinden treiben nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung mit einer Regelmäßigkeit Sport, die präventive Wirkungen erwarten läßt (vgl. oldridge 1984, 467f.). Die Wahrscheinlichkeit zu diesen 15 Prozent zu gehören, korreliert in erheblichem Maße mit positiven Erfahrungen des Wohlbefindens und der Befindensregulation beim Sporttreiben (vgl. abele & brehm 1990). Untersuchungen zum Schulsport zeigen ebenfalls, daß der “Spaß” an der Bewegung für die Schüler ein überdauernderes Motiv zum Sporttreiben ist als das Bewußtsein, etwas für die eigene Gesundheit zu tun.

Medizinische Studien belegen eindrucksvoll, daß durch ein an der individuellen Situation orientiertes, regelmäßiges Training positive Veränderungen zentraler körperlicher Fähigkeiten wie Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit in überschaubaren Zeiträumen geplant erreichbar sind (vgl. weinek et al. 1988). Die psychischen und physischen Veränderungsprozesse sind nicht klar trennbar. Auf der Grundlage der Wahrnehmung der verbesserten körperlichen Fähigkeiten erhöht sich auch die Einschätzung des subjektiven “Sich fit fühlen”. Die Verbesserungen auf körperlicher Ebene durch regelmäßiges Fitnesstraining führen demgemäß zu einer Verbesserung hinsichtlich der Einschätzung der “Fitness”, des “Aussehens” sowie des “Gewichtes” (vgl. brehm, pahmeier 1990).

Es sei angemerkt, daß der multikausale Erklärungsansatz für Wohlbefindenseffekte ebenfalls physiologische Prozesse als Faktoren der Befindlichkeitsveränderungen berücksichtigt. Es gibt sehr interessante Untersuchungsergebnisse zur Wirkung verschiedener Neurotransmitter. Körperliche Belastung oder sportliche Aktivität verändern neurochemische Prozesse (vgl. born et al. 1987), welche einen Einfluß auf die Emotionsregulation haben. Die Psychopharmaka greifen direkt in die Regulation zentral-nervöser Funktionen ein, darauf wird im Zusammenhang mit der Medikation für schizophren erkrankte Menschen etwas näher eingegangen.

Soziales Wohlbefinden:

Soziale Beziehungen sind im Zusammenhang mit Wohlbefinden der relevanteste Umweltfaktor (vor Lebensstandard und Arbeitsbedingungen).

Das “Erleben sozialer Einbindung und Unterstützung” im Kontext sportlicher Aktivität ist ein zentrales Motiv für die Teilnahme an den sportlichen Aktivitäten (vgl. brehm 1986, kurz 1988). Untersuchungsergebnisse zum Thema Sport und Verein unterstützen die Aussage, daß dem Faktor “Geselligkeit” ein hoher Stellenwert beizumessen ist. Dem “Erleben von sozialem Einfluß” (z.B. im Sportspiel) wird hinsichtlich des Befindlichkeitsverhaltens ebenfalls große Bedeutung zugemessen. In einer Untersuchung von fuchs/leppin (1992) werden die Effekte von Sport und sozialer Unterstützung auf die seelische Gesundheit simultan untersucht (vgl. den passungstheoretischen Ansatz in der Allgemeinpsychologie). Die Stichprobe der Langzeitstudie setzte sich aus Personen zusammen, die einem streßreichen Lebensereignis (Arbeitslosigkeit) ausgesetzt waren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, daß “Sport vor allem dann ein Puffer gegen die negativen seelischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeitsstreß ist, wenn sonst kein anderer Schutz wie etwa guter sozialer Rückhalt verfügbar ist. Ist der Rückhalt gut, wirkt sich der Sport weiterhin günstig auf das psychische Wohlbefinden aus, aber dann nicht mehr im Sinne eines Streßpuffers, sondern direkt im Sinne eines Haupteffekts” (fuchs/leppin 1992, 17).

2.1.5 Relevante Aspekte zum aktuellen und habituellen Wohlbefinden

Es ist anzunehmen, daß einer Veränderung des HW, Veränderungen des AW (bzw. kumulative Effekte der AW-Veränderungen) vorausgehen. Das HW läßt sich entsprechend dem AW differenziert betrachten. Habituelle Zufriedenheit mit der psychischen Verfassung, der physischen Verfassung und der Zufriedenheit mit dem sozialen Netzwerk bilden die Struktur des HW.

HW ist von relativ stabilen Person- und Umweltbedingungen abhängig. Es gibt verschiedene Betrachtungsweisen: Personzentrierte Ansätze sind geprägt von motivationstheoretischen, temperamentstheoretischen und kompetenztheoretischen Grundannahmen. Der passungstheoretische Ansatz betrachtet den Bedingungskomplex des Wohlbefindens weniger isoliert, so daß die “optimale Passung” zwischen Person und Umwelt im Mittelpunkt steht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, bei der Untersuchung der Bedingungen des HW und bei der Planung von Maßnahmen zur Förderung von HW von komplexen Person-Umwelt-Interaktionen auszugehen (becker 1991, 30).

Durch regelmäßiges Sporttreiben hervorgerufene körperliche Veränderungen können zu einem positiven HW beitragen. Der Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität und gehobenem HW wurde zunächst in therapeutischen Situationen untersucht, wobei sich Tendenzen positiver Auswirkungen der sportlichen Aktivität auf Depression und (trait-) Angst zeigen (vgl. schwenkmezger 1985/ berger & owen 1987).

Der Vergleich eines aeroben mit einem nicht aeroben Training zeigt, daß es scheinbar keine unterschiedliche Wirkung auf das HW gibt (vgl. williams & getty 1986).

Eine Korrelation zwischen dem Selbstkonzept Jugendlicher und der Einschätzung der subjektiven Wichtigkeit von Sport weisen brettschneider/brandl-bredenbeck (1997, 190) in einer interkulturell vergleichenden Studie über die USA und Deutschland nach. Die Jugendlichen, die Sport als “sehr wichtig” einschätzen, beurteilen ihr “generelles Selbst” signifikant höher, als die Jugendlichen, denen Sport nicht wichtig ist. Allgemeingültige Rückschlüsse lassen sich jedoch weder für die Dominanz der Selektions- noch für die Sozialisationshypothese finden.

ABELE, BREHM, gall (1991) folgern aus bislang vorliegenden Untersuchungsergebnissen, daß physische Belastung zwar eine notwendige, keinesfalls jedoch eine hinreichende Bedingung für die Verbesserung des HW ist. Physiologische Veränderungen korrespondieren nicht notwendigerweise mit psychologischen Veränderungen. Desweiteren stellen sie fest, daß die Programmgestaltung eine wichtige Moderatorvariable zu sein scheint. Niveaulose Fitnessprogramme oder die Aufforderung zur Durchführung von Trainingsprogrammen zu Hause, ließen keine Befindlichkeitsveränderungen erkennen (vgl. berger & owen 1988).

becker (1991) beschreibt unter Berufung auf solomon (1980), die sog. “Theorie entgegengesetzter Prozesse”. Im Falle eines positiven Verstärkers sähe die Sequenz so aus, daß auf die positive Wirkung zunächst ein lustvoller Zustand folgt, der nach Abklingen der Wirkung von einem negativ getönten Zustand abgelöst wird, woraufhin dann der Ausgangszustand wieder erreicht wird (vergleichbar mit der Wirkung psychotroper Substanzen, Drogen). solomon (1980) vertritt die Hypothese eines Affektkontrollsystems mit einer negativen Feedbackschleife. Demzufolge ist das Gehirn von Säugetieren so geartet, daß es automatisch Prozesse starker emotionaler Erregung sowohl aversiver als auch angenehmer Natur abschwächt und durch entgegengesetzte Prozesse ablöst. becker et al. (1989) fanden ebenfalls Hinweise auf kompensatorische Prozesse nach Befindlichkeitsveränderungen. Menschen mit einer bipolaren affektiven Psychose neigen zu besonders starken Schwankungen in der Befindlichkeit und extremen emotionalen Kontrastphänomenen, welches ebenfalls auf kompensatorische Prozesse hindeutet.

2.1.6 Zur Bedeutung von Wohlbefinden

lazarus et al. (1980) betonen die Bedeutung positiver Emotionen im Zusammenhang mit der Bewältigung von Anforderungen (coping). Reize und Aktivitäten die von AW begleitet werden, finden bereits bei Neugeborenen verstärkte Aufmerksamkeit und werden nach Möglichkeit aufgesucht. Auf der anderen Seite setzt Unzufriedenheit Antriebskräfte zur Verbesserung individueller und kollektiver Lebensbedingungen frei. becker (1989) stellt im Hinblick auf die Dauer intensiver Gefühle und Aufmerksamkeitszentrierung eine “Lust-Unlust-Asymetrie” fest. Intensive Gefühle des Wohlbefindens scheinen nur von kurzer Dauer zu sein, während starke Unlustgefühle wie Angst oder Schmerz über längere Zeiträume bestehen können. Die dauerhafte Zentrierung der Aufmerksamkeit auf die Ursachen negativer Befindlichkeit scheint den Prozeß zur Beseitigung dieser Störfaktoren zu beschleunigen, soweit die Möglichkeit dazu besteht.

HW läßt sich übergeordnet als Ausdruck der Fähigkeit zur ausgewogenen Bewältigung von externen und internen Anforderungen begreifen (vgl. becker 1991).

2.2 Krankheitsbild der Schizophrenie

Schizophren erkrankte Menschen sind im Erleben der verschiedenen Facetten von Wohlbefinden individuell beeinträchtigt. Das Krankheitsbild der Schizophrenie läßt sich unter den psychiatrischen Erkrankungen am wenigsten eingrenzen. Die Bedingungen, die im Zusammenhang mit einer schizophrenen Erkrankung bislang beobachtet wurden, werden nachfolgend kurz beschrieben und relevante Aspekte aufgegriffen.

Die Übersetzung des Begriffs Schizophrenie ist “Spaltungsirresein” (dörner 1994, 155). Dieser Begriff gibt bereits einen Hinweis auf die Symptome der Krankheit, welche sich mit Zersplitterung und Zerfahrenheit umschreiben lassen. Psychopathologische Symptome sind nicht unbedingt als krankhaft zu bezeichnen. Die Begriffe normal, gesund, abnorm und krank werden häufig in sozial diskriminierender Weise benutzt. Dabei sind Normen von der gesellschaftlichen Entwicklung abhängig und dienen der Aufrechterhaltung von Sozialstrukturen. Als Krankheitszeichen sind die Symptome erst dann zu bezeichnen, wenn sie in einer bestimmten Dichte und Häufigkeit auftreten, so daß das Individuum darunter leidet und dadurch im sozialen Leben und der Bewältigung des Alltags im entsprechenden Kulturkreis behindert wird (DSM-III-R, 1989, 276ff.).

In psychiatrischen Krankenhäusern stehen die Patienten mit der Diagnose Schizophrenie mit 20-25% an zweiter Stelle der Erstaufnahme, und gleichzeitig sind mehr als die Hälfte der chronisch hospitalisierten Patienten solche, die ursprünglich die Diagnose Schizophrenie erhalten haben (vgl. dörner 1994, 171). Etwa 1-2% der Bevölkerung (verschiedener Kulturen) begeben sich im Verlauf ihres Lebens aufgrund schizophrener Erkrankung in psychiatrische Behandlung. Das Erkrankungsalter liegt in der Regel zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr.

Die Diagnose der schizophrenen Psychose hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Der Psychiatrieforscher kraepelin faßte Ende des 19. Jahrhunderts eine Gruppe von psychischen Erkrankungen als “Dementia praecox” zusammen, welche zuvor als voneinander unabhängige Krankheiten gesehen wurden. Heute weiß man, daß schizophrene Psychosen keinen vorzeitigen Verlust des Verstandes, der Denk- und Wahrnehmungsprozesse bewirken. Sie gelten zudem nicht mehr als unheilbar!

Die Vulnerabilitätshypothese von zubin (1963 u. 1990, nach wienberg 1995), welche besagt, daß vor allem schizophrene Psychosen durch das Zusammenwirken einer besonderen Verletzlichkeit oder Vulnerabilität des Individuums und unspezifischen Belastungen (Stressoren) entstehen, findet sich heute durch Langzeitstudien bestätigt.

Bei individuell sehr ausgeprägter Verletzlichkeit bedarf es nur geringer Stressoren, um eine akute Psychose auszulösen. Diese Hypothese impliziert, daß letztlich jeder Mensch psychosefähig ist, wenn die entsprechenden Belastungen “ausreichend” sind (vgl. wienberg 1995, 21). Endogene Faktoren spielen als Auslöser psychotischer Episoden allerdings auch eine Rolle; sie bestimmen den Grad der Verletzlichkeit mit. zubin sieht prämorbide Persönlichkeit und soziales Netzwerk als die “Moderator-Variablen” einer schizophrenen Erkrankung. Demnach ist es auch vom Bewältigungsverhalten (coping) der Betroffenen abhängig, ob es angesichts der jeweiligen Belastungen zur psychotischen Krise kommt.

katschnig (nach wienberg 1995) kennzeichnet das zentrale schizophrene Syndrom, das bei Kranken überall in der Welt anzutreffen ist, durch das Erleben der Eingebung von Gedanken und des Gedankenentzugs, durch Stimmen, die der Betreffende über sich sprechen hört, oder die seine Handlungen und Gedanken begleiten, durch eine insgesamt veränderte Wahrnehmung.

Das sog. Drei-Phasen-Modell schizophrener Psychosen (nach ciompi 1982) charakterisiert den Prozeß einer schizophrenen Erkrankung folgendermaßen:

Phase 1: Entwicklung der Krankheit durch Zusammenwirken der zwei Faktoren

- Angeborene und erworbene biologische Einflüsse
- Psychosoziale Einflüsse, welche die individuelle Verletzlichkeit bedingen und durch mangelnde Bewältigung “Streß” erzeugen.

Phase 2 (Akute Erkrankung): Ausbildung der schizophrenen Psychose.

Phase 3 (Langzeitentwicklung): Völlige Heilung, zeitweise Rückfälle oder Chronifizierung der Erkrankung.

Vor diesem Hintergrund versteht ciompi (1984, 200ff.) die schizophrene Psychose “nicht als ein Absolutum, sondern als Resultante von immer wieder neuen und von Fall zu Fall anderen Konstellationen, in welchen biologische, psychologische und soziale Faktoren in wechselnder Kombination zusammenspielen”.

Die Merkmale der Verletzlichkeit sind Störungen der Informationsverarbeitung. Diese lassen sich nach wienberg (1995) wie folgt charakterisieren:

Störungen sensorisch-perzeptioneller Kategorie:

- Quantitative und qualitative Beeinträchtigungen der Reizerkennung und -speicherung
- Erhöhte Ablenkbarkeit und Kontextabhängigkeit bei der Informationsaufnahme
- Verringerte Aufnahmekapazität und Verarbeitungsgeschwindigkeit
- Probleme bei der Integration unterschiedlicher sensorischer Reize
- Schwierigkeiten bei der Auswahl relevanter und der Hemmung irrelevanter Reize
- Verminderte Fähigkeit der Aufmerksamkeitszentrierung

Störungen konzeptioneller Kategorie:

- Beeinträchtigte Abstraktionsleistungen und “auffällige” Konzeptbildung
- Störungen in der Organisation des Kurzzeitspeichers und beim Zugriff auf den Langzeitspeicher
- Gestörte Suchprozesse im Kurzzeitspeicher

Nach wienberg (1995) zeigen schizophren erkrankte Zwillinge signifikant ausgeprägtere Störungen als ihre nicht erkrankten Geschwister. Insgesamt werden die oben beschriebenen Störungen als hochspezifisch für schizophreniegefährdete Menschen angesehen. Die Störungen gelten als relativ “objektiv” erfaßbare Merkmale der Verletzlichkeit.

Das Phänomen der Reizüberflutung, welches schizophrene Menschen häufig beschreiben ist darauf zurückzuführen, daß die Fähigkeit beeinträchtigt ist, abgespeicherte Erfahrungen “alter” bzw. erlernter Reize zur Orientierung in neuen Situationen benutzen zu können.

Die sog. Basisstörungen als subjektives Erleben der schizophrenen Verletzlichkeit lassen sich nach wienberg (1995) in folgender Form zusammenfassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Subjektiv empfundene Störungen und ihre Folgen im Zusammenhang mit einer schizophrenen Erkrankung (nach wienberg 1995)

Bedingungsfaktoren der schizophrenen Verletzlichkeit

Die Einflußbedingungen sind generell nicht obligatorisch; sie stehen in Wechselbeziehung zueinander und die jeweilige Gewichtung ist interindividuell verschieden.

Zur Diskussion stehende Bedingungsfaktoren sind:

- Biologische Bedingungsfaktoren:

a) Genetische Bedingungen: Dabei geht man von einer nicht-dominanten, polygenetischen Vererbung aus, wobei das Erkrankungsrisiko in der Verwandtschaft Schizophrener proportional zum Verwandtschaftsgrad erhöht ist. (Anmerkung: Mit ca. 60% weist die Mehrheit der Betroffenen einen völlig unbelasteten Stammbaum auf.)
b) Erworbene biologische Bedingungen, welche sich schädigend auf das sich entwickelnde kindliche Gehirn auswirken (Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen) sind: Strukturelle Gesichtspunkte in Form der im Durchschnitt erweiterten Hirnzwischenräume. Die Bedeutung dieser Feststellung wurde in der Vergangenheit überschätzt. Als relativ hoch spezifisch für Schizophrenieerkrankungen werden Störungen im Bereich des temporalen Kortex, insbesondere im limbischen System beschrieben. Funktionelle Gesichtspunkte berücksichtigen schizophrene Störungen durch einen Überschuß an Dopamin in bestimmten Gehirnregionen. Die antipsychotische Wirkung von Neuroleptika, die den Dopaminstoffwechsel hemmen, unterstützt diese Argumentationsweise.

- Psychosoziale Bedingungsfaktoren:

Die psychosozialen Bedingungsfaktoren sind weniger klar nachweisbare Aspekte, als die Fakten biologischer Natur. Auffällig sind Umweltbedingungen in der frühen kindlichen Entwicklung schizophrener Menschen. Eine zu lange andauernde, überprotektiv-symbiotische und unklare Beziehung zur Mutter, zeigt einen Zusammenhang zur Erkrankungswahrscheinlichkeit. Desweiteren ist die Erkrankungsrate in unteren sozialen Schichten erhöht (vgl. WIENBERG, 1995).

Entwicklung akuter schizophrener Psychosen

wienberg (1995) beschreibt unter Berufung auf eine nordamerikanische Untersuchungsgruppe (docherty et al. 1978), welche insgesamt 16 Phasenmodelle unterschiedlicher Autoren zusammengestellt und analysiert hat, folgende fünf Phasen der psychotischen Dekompensation:

1. Diffuse Überforderung (Überstimulation, Angst, Ablenkbarkeit)

2. Eingeengte Wahrnehmung und Informationsverarbeitung (Antriebslosigkeit, Apathie, sozialer Rückzug)

3. Unkontrollierte Bewältigungsversuche

4. Psychotische Desorganisation mit

- Destrukturierung der externen Welt
- Destrukturierung des “Selbst” und Verlust des Identitätsgefühls (Angst, Panik)
- totaler Zusammenbruch mit Verlust der Selbststeuerung (ggf. katatone Symptome)

5. Psychotische Re-Stabilisierung (interindividuelle Verlaufsformen)

Im Zusammenhang mit der Entstehung einer akuten schizophrenen Psychose berichten Betroffene über Frühwarnzeichen, welche sich nach wienberg (1995, 61, beruhend auf den Ergebnissen einer Studie von gaebel, 1993) der Priorität nach auflisten lassen: Schlafstörungen (83%), Ruhelosigkeit (81%), Konzentrationsstörungen (77%), Angespanntheit/Nervosität (76%), Interessensverlust (59%) und Depressivität (51%).

Ein Erkennen der Frühwarnzeichen birgt ggf. die Möglichkeit, das Auftreten einer schizophrenen Psychose zu verhindern oder sich darauf einzustellen. Das Wahrnehmen dieser Anzeichen ist sehr individuell, die Bedeutung für die Betroffenen liegt vornehmlich in der Übernahme einer “aktiven Rolle” zur Krankheitsbewältigung.

Die Vielfalt der Bewältigungsversuche (coping) läßt sich in vier Dimensionen zusammenfassen:

a. Kognitive Auseinandersetzung,
b. Rückzug bzw. Passivität,
c. Hilfesuche,
d. Ablenkung (ebd. 1995, 64, nach Studienergebnissen von ENGLER et al.).

Die meisten schizophren Erkrankten berichten von coping-Bemühungen.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die langfristige Entwicklung von einmal schizophren erkrankten Menschen von einer Vielzahl von Bedingungsfaktoren beeinflußt wird, welche mit den Bedingungsfaktoren der Lebensläufe nicht psychisch Erkrankter durchaus vergleichbar sind. wienberg (1995) beschreibt fünf Gruppen von Einflußbedingungen die im Lebenslauf schizophren verletzlicher Menschen von besonderer Bedeutung zu sein scheinen:

- Die Einstellungen und Erwartungshaltungen der Betroffenen selbst und ihres sozialen Umfeldes,
- Behandlungs-, Betreuungs- und Rehabilitationseinflüsse,
- Selbsthilfe- und Bewältigungsfähigkeiten und
- Soziale und gesellschaftliche sowie
- Biologische Einflüsse (insbesondere neuronale Bahnung und Prägung).

Im Zusammenhang mit der neuronalen Bahnung/Prägung ist denkbar, daß das Erleben jeder akuten Psychose die Wahrscheinlichkeit erhöht, erneut zu erkranken. Interessant erscheinen daher Lernprozesse, die das Selbstbild der Erkrankten verändern, welches Veränderungen in anderen Bereichen provozieren könnte. Diese Annahme wird im Kapitel der Hypothesenentwicklung ausführlicher beschrieben.

SCHARFETTER (1995, 164) stellt fest, daß im Vergleich zur Masse von kognitionspsychologischen Experimenten das Selbstkonzept schizophrener Menschen wenig untersucht ist. Er verweist auf eine Erhebung des Selbstkonzepts (nach deusinger 1986) mit 108 schizophren erkrankten Menschen. Sie zeigen demnach ein weniger positives Selbstbild als “psychisch unauffällige” Menschen. Zwischen Selbstwertgefühl und Krankheitsbewußtsein besteht eine negative Beziehung, denn je mehr ein Patient sich selbst als psychisch krank annimmt, um so weniger positiv scheint sein Selbstbild zu sein.

Die Störung der selektiven Aufmerksamkeit läßt sich auch als besondere Sensibilität der Wahrnehmung betrachten. Während die “Schizophrenen ... die Welt eher so sehen, wie sie wirklich ist, wirft der Gesunde vielleicht allzu oft das Netz seiner geistigen Orientierung über die Welt” (kline, nach wienberg 1995). Die Perspektive des Betrachters, welche ihrerseits durch den kulturellen Kontext bedingt ist, spielt bei der Beurteilung psychischer Erkrankungen generell eine große Rolle. watzlawick (1996) gibt in seinem Buch “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” zahlreiche Beispiele für die unterschiedliche Wahrnehmung der gleichen Situation durch verschiedene Individuen. Die aufgenommenen Informationen werden oft sehr unterschiedlich verarbeitet. Er faßt zusammen, daß die Wahrheit nicht von uns entdeckt, sondern vielmehr von uns erschaffen wird.

Der kurz dargestellte Überblick der psychiatrischen Forschung wird von der sogenannten “Antipsychiatrie” nicht nur angezweifelt, sondern die Erkrankungsmerkmale werden vollkommen anders interpretiert. cooper (nach scharfetter 1995, 200): “Schizophrenie ist unser aller Los ..., denn die Psychose selbst ist ein ideologisches Produkt der kapitalistischen Gesellschaft.” Damit ist nicht mehr der einzelne Leidende der Kranke, sondern krank ist die Gesellschaft an sich. Ein geschichtlicher Rückblick liefert zwar einige Aspekte, die Sichtweise ausschnittweise als nachvollziehbar zu betrachten, jedoch lassen sich zahlreiche Argumente zur Widerlegung dieser handlungsunfähig machenden Perspektive finden (s.o.).

2.2.1 Psychiatrische Pharmakotherapie

Der psychiatrischen Pharmakotherapie kommt im Rahmen der theoretischen Vorüberlegungen für die vorliegende Arbeit eine besondere Bedeutung zu. Sie hat sowohl einen Einfluß auf das Wohlbefinden als auch auf die Merkmalsausprägung der Schizophrenie.

Neuroleptika (NI) haben nach scharfetter (1995, 223) statistisch gesehen eine beträchtliche Verminderung der Hospitalisationsnotwendigkeit gebracht. Viele Patienten werden durch die Neuroleptikabehandlung überhaupt erst wieder für andere Therapieformen zugänglich. Die Behandlung mit NI ist allerdings problematisch und sollte sehr kritisch betrachtet werden. dörner (1995, 527) führt aus, daß es zunehmend Patienten gibt, die lieber an den Symptomen der Erkrankung leiden, als an den Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Für eine entsprechende “compliance” bedarf es umfassender Aufklärungsarbeit. Er beklagt weiterhin die “Verschreibungswut” im Zusammenhang mit Neuropharmaka, welche den Komfort des sofortigen, aber in der Regel nur scheinbaren Leidensabbaus bieten (das gilt im besonderen für Tranquilizer, weniger für NI). Neuroleptika machen weder körperlich noch psychisch abhängig, wobei sie jedoch einen Einfluß auf die Reduktion des Angsterlebens haben.

Die NI, welche hier von besonderem Interesse sind, gehören innerhalb der Gruppe der Neuropharmaka zu den dämpfenden Mitteln. Ihre Wirkungsweise wurde im Rahmen tierexperimenteller Studien zur Suche nach Antihistaminika und anderen Mitteln eher zufällig entdeckt und sie werden seitdem (ca. 1951) in psychiatrischen Kliniken eingesetzt.

Die Hypothese der biochemischen Störung (s. o.) bei schizophren erkrankten Menschen leitet sich vom Wirkprinzip der Blockierung der Dopamin-Rezeptoren ab. NI sind hirnwirksame Pharmaka, die vorwiegend am Stammhirn angreifen und damit Veränderungen des extrapyramidalen und vegetativen Systems bewirken. Sie besitzen psychomotorisch dämpfende und Symptome schizophrenen Handelns unterdrückende Wirkung. Hinsichtlich der Wirksamkeit der NI sind drei Gruppen zu unterscheiden:

- Hochpotente Neuroleptika (Nebenwirkungen: überwiegend im Bereich der Bewegungssteuerung/Willkürmotorik)
- Niederpotente NI (Nebenwirkungen: primär vegetative Störungen)
- Mittelpotente NI (Kombination der Nebenwirkungen von hoch- und niederpotenten NI: vegetative Störungen und Auswirkungen auf die Bewegungssteuerung in geringerem Ausmaß)

Die Wirkung der NI beruht auf einer Besetzung der postsynaptischen Rezeptoren für Dopamin, wobei die Anwendung der verschiedenen NI-Klassen sich nach der Notwendigkeit der “antipsychotischen” Wirkung richtet. In der akuten schizophrenen Phase werden sie zur Unterdrückung der Symptome benutzt und in der Langzeitanwendung sollen sie vor dem Wiederauftreten neuer psychotischer Phasen schützen bzw. vorbeugend wirken. Die Zufuhr von Dopamin ist ein wesentlicher Bestandteil in der Therapie von Menschen mit der Parkinson-Krankheit (miketta 1991, 50), hier werden die Symptome eines Dopamin-Mangels erkennbar. Die Parkinson-Symptome sind auch als Nebenwirkungen der Neuroleptika-Medikation bekannt. Durch die Verabreichung von “Antiparkinson-Mittel” kommt es zum spontanen Abklingen der Symptome, allerdings scheint die Ausbildung von Spätdyskinesien durch parallele Medikation erhöht zu sein.

Viele Betroffene unterbrechen die Neuroleptikabehandlung wegen der erlebten Nebenwirkungen oder setzen die Medikamente ganz ab. In vielen Fällen fühlen sich die Betroffenen aufgrund der rasch abklingenden Nebenwirkungen schnell besser. Ein zeitversetztes Wiederauftreten der psychotischen Phase bringen sie oft nicht mehr mit dem Absetzen der Medikamente in Verbindung. Die positive Wirkung der Medikamente wird oft nicht erkannt, da die Wirkung vielfach verzögert eintritt.

Für den Sport mit psychisch erkrankten Menschen sind verschiedene extrapyramidal-motorische und vegetative Veränderungen von Bedeutung. Neben dem hypokinetischen Syndrom (Parkinson symptomatisch) treten Frühdyskinesien hyperkinetischer Form auf, allerdings meistens in Verbindung mit zu schneller Dosissteigerung hochpotenter NI. Die Akathisie äußert sich in quälender Unruhe und der Unfähigkeit ruhig zu stehen oder zu sitzen (dörner 1995, 390ff.).

Im vegetativen Bereich beschreibt dörner (1995) blutdrucksenkende Nebenwirkungen mit kompensatorischer Tachykardie, ferner sind Temperaturregulationsstörungen zu beobachten. Die Auflistung potentieller Nebenwirkungen läßt sich unschwer fortführen, die Reaktionsweisen auf die einzelnen Medikamente sind interindividuell verschieden und eine vertretbare “Einstellung” auf die richtige Dosis und das “richtige” Medikament läßt sich häufig nur durch Probieren finden.

Aufgrund der persönlichkeitsverändernden Wirkung, einschneidender Verhaltensänderungen und den zahlreichen Nebenwirkungsmöglichkeiten der NI gibt es auch scharfe Kritiker der NI-Behandlung. (zehentbauer/steck 1986, et al.), welche die NI-Behandlung als “chemische Zwangsjacke” bezeichnen. Es ist jedoch festzustellen, daß es bislang an effektiven, alternativen Behandlungsmöglichkeiten mangelt. Sehr bedenklich sollte jedoch die Aussage einiger Betroffener stimmen, daß sie sich mit dem Auftreten psychotischer Schübe insgesamt “wohler” fühlen als unter dem Einfluß neuroleptischer Medikamente.

NI sind keine Heilmittel! Sie besitzen jedoch symptomunterdrückende Wirkung und bieten auf diesem Wege die Möglichkeit von Ansatzpunkten rehabilitativer Maßnahmen.

Das Wissen um die Funktionszusammenhänge im Hirnstoffwechsel ist noch sehr begrenzt, entsprechend verantwortungsvoll sollte die Verschreibung neuroleptischer Medikamente nur nach individueller Abwägung der Nutzen-Risiko-Aspekte und soweit möglich zeitlich begrenzt erfolgen (dörner 1994, wienberg 1995).

2.2.2 Stellenwert des Sports im Rehabilitationsprozeß psychisch erkrankter Menschen

Im Rehabilitationsprozeß psychisch erkrankter Menschen ist Sport in der Regel als ein Bestandteil der therapeutischen Maßnahmen zu begreifen. Der Begriff Sport steht dabei zusammenfassend für unterschiedlich bezeichnete bewegungstherapeutische Angebote.

Der Rehabilitationsprozeß umfaßt die Heilung, Besserung und Verhütung einer Verschlimmerung der Krankheit, sowie eine entsprechende soziale und berufliche Wiedereingliederung. Die rehabilitativen Maßnahmen bieten einen Schutz vor Rückfällen und mindern die Krankheitsfolgen.

Ausgehend von der Gesamtheit der medizinischen Maßnahmen, die im Jahre 1990 nach ausgewählten Diagnosehauptgruppen festgestellt wurden (vgl. hölter 1994, 6), sind psychische Erkrankungen im engeren Sinn bei Männern mit 12% und bei Frauen mit 16% am Gesamt der medizinischen Maßnahmen beteiligt. Die Menschen, welche aufgrund psychisch bedingter Erkrankung behandlungsbedürftig sind, bilden den drittgrößten Anteil an den Gesamterkrankungen. Die sportlichen Angebote sind im Vergleich zu Angeboten für Menschen mit Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems (ca. 18% der Gesamterkrankungen) oder Erkrankungen des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes (ca. 47% der Gesamterkrankungen) relativ gering. Das liegt zum einen sicherlich an der geringen gesellschaftlichen Anerkennung einer psychischen Erkrankung als behandlungsbedürftiger Erkrankungsform, zum anderen ist die professionelle Ausbildung von Sportlehrern bisher dominant auf funktionelle Aspekte der Bewegung ausgerichtet (vgl. hölter 1994).

Das vorangegangene Kapitel bestätigt ausschnittweise, daß die Zusammenhänge von sportlicher Betätigung und Wohlbefinden auf empirischem Wege nicht einfach nachzuweisen sind. Die Existenz von Zusammenhängen wird allerdings nicht nur gemeinhin angenommen, sie findet sich bereits partiell bestätigt und die Bedeutung sportlicher Aktivität erschöpft sich nicht in der organischen Anpassung an trainingswissenschaftlich dosierte Belastungen und in koordinativen Verbesserungen.

In der sportpädagogischen Diskussion zur Legitimation von Schulsport bezeichnet kurz (1988, 16ff.) eine individuelle Handlungsfähigkeit des Schülers als übergeordnetes Ziel von Sportunterricht. Die verschiedenen “Perspektiven” von Sport beschreibt er pragmatisch mit den Worten Eindruck, Ausdruck, Spannung, Leistung, Miteinander und Gesundheit. Damit sind körperliche, motorische, kognitive, emotionale, motivationale und soziale Aspekte angesprochen, welche im jeweiligen Kontext eine unterschiedliche Gewichtung erfahren können. Die Vielfalt der Sinngebungen ist ein Prinzip für die Gestaltung von Sportangeboten. Diese Aspekte lassen sich auf den sinnvollen Einsatz von Sport im therapeutischen Bereich weitgehend übertragen, sie sollten jedoch eine, auf die Symptomatik der jeweiligen Erkrankung, ausgerichtete Gewichtung erhalten. Die erzieherische und präventive Funktion des Sports wird daher durch rehabilitative bzw. therapeutische Absichten ergänzt.

Der Sport mit psychisch erkrankten Menschen ist von Verfahren zur psychischen Beeinflussung, zur körperlichen Wiederherstellung bzw. Reaktivierung und zur sozialen Integration gekennzeichnet.

Die antidepressive Wirkung von Sport, speziell des Ausdauersports, ist unter anderem auf die angenommene Ausschüttung von Endorphinen und die Aktivierung des dopaminergen Systems zurückzuführen und daher vor allem für depressiv Erkrankte von Bedeutung (deimel 1990, 980 ff./ scwenkmezger 1985, 117-133 et al.).

Der “Dopaminhaushalt” schizophren erkrankter Menschen ist jedoch (über die Rezeptoren für Dopamin) durch die NI künstlich eingestellt, das antriebsgehemmte, passive Verhalten kann dabei als Nebenwirkung der Medikation auftreten oder die Aktivitätsstörung ist ein Symptom der individuellen Erkrankung. Verfahren zur realistischen Selbstwahrnehmung und positiven Beeinflussung der beschriebenen Wahrnehmungs- und Denkstörungen sollten deshalb im Vordergrund stehen. deimel (1990, 1011) ist der Meinung, daß der Erkrankte durch ganzheitliche Erfahrungsprozesse zu einer verbesserten Beziehungsfähigkeit zu sich und seiner Umwelt gelangen soll. Der über das Befinden wahrgenommene innere und äußere Zustand soll über Bewußtmachen und Verarbeiten verändert werden. Diese Zustandsbedingungen sind Voraussetzung für ungestörtes Verhalten und ein Kriterium für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Dabei werden über gezielte körperliche Belastungsreize die krankheits- und pharmazeutisch bedingten Beeinträchtigungen der Motorik und der vegetativen Adaptationsfähigkeit verbessert. Neben dem organischen Anpassungseffekt steht dabei eine Veränderung der Wahrnehmungs-, Erlebens- und Verarbeitungsprozesse beim Sport mit schizophren erkrankten Menschen im Vordergrund. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung dörners (1995), daß der Patient gegen die extrapyramidal-vegetativ-dämpfende Beeinträchtigung durch die NI kämpft, indem er die NI nicht einnimmt, oder aber noch häufiger die NI-Resorption bzw. Wirkung durch den Konsum “unvorstellbarer” Mengen koffeinhaltiger Substanzen (Kaffee, Cola) hemmt. Es ist denkbar, daß der Patient dabei, wie vorgeschrieben seine Medikamente nimmt, diese jedoch auf der anderen Seite möglichst wenig wirksam macht und sich so dem Konflikt zwischen Nichtbeachtung der ärztlichen Anweisung und den unangenehmen Nebenwirkungen der NI entzieht. Dieses Verhalten läßt sich auf eine “verschriebene Teilnahme zum Sport” übertragen. Manche Patienten nehmen zwar am Pflichtangebot teil, versuchen jedoch individueller Beanspruchung auszuweichen. Das erschwert einen wirkungsvollen Einsatz von therapeutischen Bewegungsangeboten, diese Aspekte werden später nochmals aufgegriffen.

Der Psychiater blankenburg (1993, nach hölter 1994) bezeichnet die Bewegungstherapie neben der Psychopharmakologie als den zukunftsträchtigsten Bereich der psychiatrischen Therapie.

DÖRNER (1995) sieht die Bewegungstherapie ebenfalls als das bisher wichtigste Ergebnis körperlich wirksamer Bemühungen. In verschiedenen Untersuchungen (boornkamp-baake 1981, 86ff., wienberg 1995, 245), welche die Sichtweise der Patienten berücksichtigen, schätzen die Betroffenen das Schwimmen und den Sport/die Bewegungstherapie als “sehr hilfreich” ein. Der Stellenwert des Sports ist nach der Wertschätzung der psychisch Erkrankten dicht gefolgt von der Einschätzung der Gesprächstherapie und wird insgesamt höher bewertet als die Medikamententherapie (boornkamp-baake 1981, 86-87). Die Ergebnisse dieser Bewertung sind jedoch sicherlich auf dem Hintergrund der unangenehmen Nebenwirkungen der NI und der damit verbundenen Ablehnung gegenüber dieser Behandlungsmethode zu verstehen.

Zusammenfassend läßt sich konstatieren, daß die Bedeutung des Sports mit schizophren erkrankten Menschen von den zuvor beschriebenen Basisstörungen als Bedingungsfaktoren der Krankheit abhängig ist, d. h. der Sport sollte Erfahrungen ermöglichen, welchen zu unterstellen ist, daß sie einen positiven Einfluß auf die jeweiligen Störungen haben.

2.3 Zentrale Aspekte für eine Tauchausbildung mit schizophren erkrankten Menschen im Rehabilitationsprozeß

Der unterschiedliche Erlebniswert verschiedener Sportprogramme und -arten spielt in der Beeinflussung des AW und HW eine entscheidende Rolle.

Die Sportart Tauchen ist in die Gruppe der Erlebnissportarten einzuordnen. Innerhalb dieser Gruppe finden sich zahlreiche Extremsportarten (wie z.B. Fallschirmspringen, Rafting, Klettern etc.). Tauchen wird von “Nichttauchern” häufig in die Kategorie der Extremsportarten eingeordnet, dies ist bezogen auf das heutige freizeitsportliche Tauchen in der Regel überhaupt nicht zutreffend.

Freizeitsportliches Tauchen umfaßt das Tauchen mit ABC-Ausrüstung (Grundausrüstung: Flossen, Maske, Schnorchel), das Apnoetauchen und das Tauchen mit Drucklufttauchgerät (DTG), wobei jede Form des Tauchens unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten voraussetzt. In der Regel sind vor dem Tauchen mit DTG ausreichende Kenntnisse und Fertigkeiten im ABC- und Apnoetauchen zu erwerben.

Das Sporttauchen begann nach der Konstruktion des ersten Lungenautomaten (atemgesteuerte “Dosiereinrichtung” bzw. “2. Stufe des Atemreglers”) 1943 durch cousteau, welches den Wendepunkt für das freie Tauchen darstellt. Der Tauchsport hat sich bis heute zu einer recht populären Sportart entwickelt und erfreut sich zunehmender Beliebtheit, wobei ständig verbesserte Ausrüstungen und Ausbildungen das Tauchen relativ sicher gemacht haben.

Die Ausbildung hat unter anderem die Vermittlung von tauchspezifischen Kenntnissen, als Voraussetzung zur Beachtung notwendiger Verhaltensanforderungen, zur Aufgabe.

Ausreichende Kenntnisse ermöglichen einen gefahrenminimierten Unterwasseraufenthalt und einmalige, nicht zu ersetzende Körper- und Selbsterfahrungen unter Wasser.

Der Zusammenhang kognitiver Prozesse und psychischer Reaktionsweisen als Ursache der sog. “psychischen Fehlreaktionen” (welche durch eine Nichtbeachtung überlebenswichtiger Verhaltensanforderungen gekennzeichnet sind) findet sich im Kapitel “Die Angst als entscheidender Bedingungsfaktor” näher erläutert.

Die besonderen Erfahrungsmöglichkeiten durch das Tauchen stehen, wie auch die medizinischen Risiken, in engem Zusammenhang mit den physikalischen Eigenschaften des Wassers.

Wasser hat bei vergleichbaren Temperaturen eine ca. 800mal größere Dichte als die Luft. Das bedeutet, daß der Druck einer 10 m hohen Wassersäule etwa den gleichen Druck auf den Tauchenden ausübt, wie die Erdatmosphäre. Die größere Dichte des Wassers bestimmt weitere physikalische Eigenschaften, so hat Wasser eine 3400mal größere Wärmekapazität und eine 25mal größere Wärmeleitfähigkeit als Luft.

Der Organismus des Menschen ist während des Unterwasseraufenthalts verschiedenen physikalischen Gesetzen unterworfen. Die bewußte oder unbewußte Nichtbeachtung dieser Gesetzmäßigkeiten führt zu entsprechenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder gar zu tödlich verlaufenden Unfällen. Jeder Tauchgang läßt sich in Kompressions-, Isopressions- und Dekompressionsphase unterteilen. In der Kompressionsphase besteht vor allem die Gefahr von Unterdruckbarotraumata, die Isopressionsphase birgt die Gefahr einer toxischen Wirkung der Atemgase, während in der Dekompressionsphase vor allem die Überdruckbarotraumata und die vermehrt im Blut gelösten Gase von Bedeutung sind. Beim Apnoetauchen besteht in der Auftauchphase oder beim Streckentauchen vor allem bei vorangegangener Hyperventilation die Gefahr einer Hypoxie.

Ausgehend von den Charakteristika des Schwimmsports, sind die Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten beim Tauchen um einige Aspekte zu ergänzen.

Das mit dem Tauchsport verbundene Naturerlebnis durch die Beobachtung der Flora und Fauna wird in nachfolgender Betrachtung nicht berücksichtigt, weil die vorliegende Arbeit sich auf die Anfängerausbildung und das Tauchen im Hallenbad beschränkt. Aber auch das individuelle Fortbewegen und der Aufenthalt unter Wasser ist für den Tauchanfänger bereits ein großes Erlebnis. Die sensomotorischen Anforderungen sind für die Lernenden so groß, daß zusätzliche Ablenkungen durch die Umgebung sogar als nachteilig zu bewerten sind bzw. die Schwimmbadausbildung klare Vorteile aufweist.

Nach dem Archimedischen Prinzip beträgt die Auftriebskraft, von in Flüssigkeit getauchten Körpern, der Gewichtskraft der vom Körper verdrängten Flüssigkeitsmenge (de marées 1992, 255). Durch eine entsprechende Tarierung ist der Mensch in der Lage ein sog. hydrostatisches Gleichgewicht herzustellen, welches einen Schwebezustand des Körpers im Wasser zur Folge hat.

Dieser Schwebezustand ermöglicht uneingeschränkte Bewegungen im dreidimensionalen Raum, wobei die Bewegungen mit der individuell gewünschten Geschwindigkeit und um alle Achsen des menschlichen Körpers durchgeführt werden können. Der im Vergleich zum Luftwiderstand viel größere Wasserwiderstand bietet die Möglichkeit taktiler und kinästhetischer Wahrnehmungen als “sensorische Antwort” auf die durchgeführten Bewegungen. Intensive Körpererfahrungen im dreidimensionalen Raum werden dadurch mit weit überdurchschnittlicher Motivation zur Bewegung vermittelbar.

Das Atmen unter Wasser würde ohne die technische Lösung des mitgeführten Luftvorrats und der regulierten Luftabgabe zur Wasseraspiration mit den entsprechend ernsten Konsequenzen führen. Der für den Menschen in gewohnter Umgebung automatisierte Prozeß des Atmens wird, durch die für den Menschen widernatürliche Ausführung unter Wasser, beim Tauchen sehr bewußt. Akustische, visuelle und vestibuläre Wahrnehmungsprozesse geben unter Wasser unmittelbar Rückmeldung über die Atmung und ihren Einfluß auf zahlreiche andere Prozesse.

Das Einatmen ist beim Tauchen sehr gut hörbar und führt nach dem Archimedischen Prinzip zu einer Aufwärtsbewegung oder Verlangsamung der Abwärtsbewegung des gesamten Körpers. Die Ausatmung ist ebenfalls akustisch wahrzunehmen und führt zur entgegengesetzten Bewegung des Körpers, die entweichende Luft steigt dabei gut sicht- und hörbar an die Wasseroberfläche.

Die Sicht- und Hörverhältnisse sind im Vergleich zum Landaufenthalt, bedingt durch die höhere Dichte des Wassers, allgemein verändert. Das Zeitauflösungsvermögen des Hörzentrums im Gehirn ist aufgrund der 4mal größeren Schallgeschwindigkeit im Wasser überfordert und damit das Richtungshören erschwert (de marées 1992, 257). Der Schallübertritt aus der Luft ist sehr gering und die Geräuschquellen unter Wasser sind in der Regel bis auf die druckgesteuerte Luftabgabe und ausgeatmete, aufsteigende Luftblasen, reduziert. Eine qualitativ ausreichende akustische Reizaufnahme über das Gehör als Voraussetzung verbaler Kommunikation ist nur dann erfolgreich, wenn die Schädelknochen der Tauchenden sich direkt berühren und die Schallwellen so direkt übertragen werden können, diese Kommunikationsform findet allerdings nur in experimenteller Form Anwendung und ist in der Praxis eher bedeutungslos. Ein größerer Abstand der Kommunikationspartner macht nicht nur in das Mundstück gesprochene Worte unter Wasser unverständlich, ein “Erahnen” bzw. Assoziieren der Bedeutung der vernehmbaren Laute ist erst nach genügender Erfahrung in manchen Situationen möglich. Die bekannteste und am häufigsten benutzte Form der Kommunikation unter Wasser ist die Zeichensprache, wobei gelernte und vereinbarte Zeichen zwischen den Kommunikationspartnern Gebrauch finden. Die visuelle Wahrnehmung ist dabei ebenfalls verändert, durch die Tauchmaske erscheinen die Gegenstände näher und ca. 1/3 größer, diese Tatsache wird von den wenigsten Tauchern bewußt wahrgenommen.

Desweiteren sind taktile Reize zur nonverbalen Kommunikation und Orientierung im Raum nötig; blinde Taucher demonstrieren unter Wasser z.B. sehr eindrucksvoll eine Bewegungsfreiheit und Orientierungsfähigkeit, welche den meisten unter ihnen an Land aufgrund der Angst vor Verletzungen durch Anstoßen verwehrt bleibt.

gerstenbrand (1995, 93) betont die Bedeutung eines gut funktionierenden zentralen Nervensystems “sowohl für die Kontrolle der in der partiellen Schwerelosigkeit und unter erhöhtem Wasserdruck verändert ablaufenden Motorik als auch für die Verarbeitung von Informationen aus der Körperumwelt durch die nur noch teilfunktionierenden landadaptierten Perzeptionsorgane des Menschen”.

Die Bewegungen im Wasser führen zu einer physiologischen Aktivierung und bei regelmäßiger Durchführung nach trainingswissenschaftlichen Prinzipien zu entsprechenden Adaptationen (dazu bieten sich Vergleiche mit dem Schwimmtraining an). Die Trainingsanpassungen stehen im Bereich der Anfängerausbildung zunächst im Hintergrund, die Voraussetzungen zur Teilnahme werden im Kapitel zum Thema “Tauchtauglichkeit” näher beschrieben. Die Tauchausbildung im freizeitsportlichen Bereich hat die Schulung ökonomischer Bewegungsformen unter Wasser zum Ziel, dabei wird die Aufenthaltszeit nicht durch schnelle Bewegungen und einem damit verbundenen erhöhten Luftverbrauch verkürzt, sondern dem Individuum Zeit gelassen, die veränderten Umgebungsbedingungen bewußt wahrzunehmen. Physiologisch betrachtet wird der Organismus des Tauchanfängers überwiegend auf individuell mittlerem Niveau beansprucht, welches durch Intensität und Umfang (ferner Dichte und Häufigkeit) der zu übenden Inhalte im Rahmen der einzelnen Unterrichtseinheiten zu steuern ist.

In den beschriebenen Erlebnismöglichkeiten liegt der hohe Aufforderungscharakter des Tauchens, wobei die Attraktivität und die “Spannung” der Sportart weniger auf rivalisierendes und konkurrierendes Verhalten zurückzuführen ist, als dies in zahlreichen anderen sportlichen Betätigungsfeldern mit hohem Aufforderungscharakter der Fall zu sein scheint. Beim freizeitsportlichen Tauchen steht nicht der Leistungs-, sondern vielmehr der Erlebnisaspekt im Mittelpunkt des Interesses. Dieses ist eine gute Voraussetzung zum Erlernen partnerschaftlicher Kooperation. Tauchen ist ein Partnersport wobei eine Mitverantwortlichkeit für den Partner zu den Sicherheitsprinzipien eines jeden Tauchgangs gehört.

In Anbetracht der beschriebenen Charakteristika dieser Sportart wird jedoch auch klar, daß der Tauchende von einer funktionierenden Technik unter zunächst noch fremden Umgebungsbedingungen abhängig ist; dieses Abhängigkeitsgefühl und eine Überforderung durch die zahlreichen neuen Eindrücke und Sinneswahrnehmungen können zu einem Gefühl der Angst bis hin zur Panik führen. Das Tauchen mit Partner wirkt der Entstehung von Angstgefühlen entgegen und erhöht die Sicherheit. In außerordentlichen Situationen auftretende Panikreaktionen führen allerdings zu einer Gefährdung aller Beteiligten.

Intensive Angstgefühle sind häufig die Ursache für Fehlreaktionen und im Tauchsport indirekt die Hauptursache schwerer Unfälle durch sog. “menschliches Versagen”. Die zuvor beschriebenen Erfahrungsmöglichkeiten, welchen eine positive Wirkung auf die Reizverarbeitungsmechanismen des Lernenden zu unterstellen ist, werden unwirksam oder sogar eher negativ wirksam, wenn die Erregung einen individuell optimalen Grad übersteigt. Ein überstarkes Auftreten der Emotion Angst kann zur Folge haben, daß die Erfahrungen während des Unterwasseraufanthalts negativ wie z.B. als “bedrohlich” bewertet (kognitiv eingeordnet) werden könnten.

Eine solche negative Reaktion beim Tauchen ist generell nicht wünschenswert, sie hat für eine Tauchausbildung mit schizophren erkrankten Menschen im Rehabilitationsprozeß jedoch eine noch wesentlichere Bedeutung, weil durch Überforderung (Streß bei gleichzeitig individuell erhöhter Verletzlichkeit) auf emotionaler, kognitiver oder physiologischer Ebene provozierte Angstreaktionen, das Auftreten einer erneuten akuten Psychose verursacht werden könnte. Das widerspräche dem Anliegen dieser experimentellen Studie von Grund auf! Das Auftreten von Angstgefühlen ist zwar zunächst rein hypothetisch, die Bedingungen zur Entstehung emotionaler Angstreaktionen verdienen vor diesem Hintergrund jedoch ganz besondere Beachtung.

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Details

Seiten
130
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638129626
ISBN (Buch)
9783638696821
Dateigröße
1020 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4856
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Sportwissenschaft Paderborn
Note
1,5
Schlagworte
Befindlichkeitsveränderungen Menschen Tauchen

Autor

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Titel: Befindlichkeitsveränderungen schizophren erkrankter Menschen durch Tauchen