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Strukturwandel des privaten, Strukturwandel der Vernunft: Auf dem Weg zum kooperativen Denken

Ausarbeitung 2005 23 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Frauen: Das Geschlecht ohne Ratio
1.1. Zwei Konzeptionen von Privatheit: Antike und Aufklärung
1.2. Janus-Gesichter des Privaten

2. Feministische Kritik an den leitenden modernen und postmodernen Theorien Jürgen Habermas und Jean-François Lyotards
2.1 Kritik von Nancy Fraser an Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handels
2.2 Kritik von Seyla Benhabib an der postmodernen Analyse Jean-François Lyotards
2.3 Berücksichtigung der feministischen Kritik in der Wissenschaft

3. Wandel der Vernunft? Verborgene Chancen
3.1. Kritik der Aufklärung: Herrschaft über die Natur und die Frauen
3.2. Entwicklung des Vernunftbegriffs
3.3. Die „Vernunftparadoxie“: Instrumentalisierte und utopische Vernunft

4. Wandel der Vernunft? Im Kern der Materie
4.1 Krise der Naturwissenschaften: Von Quantitativ zu Qualitativ
4.2. Mehr Interdependenz?: Die Transversale Vernunft
4.3. Gesellschaftliche Forderungen beider Geschlechter

Bibliographie

Die amerikanische Philosophin und Feministin Nancy Fraser schrieb 1993: „Ich bin deshalb weiterhin überzeugt, dass Sozialkritik ohne Philosophie möglich ist, falls wir unter „Philosophie“ das verstehen, was Linda Nicholson und ich meinten, nämlich einen ungeschichtlichen, transzendentalen Diskurs, der für sich beansprucht, die Gültigkeitskriterien für alle anderen Diskurse zu formulieren.“1. Ich möchte in dieser knappen Schrift versuchen, geschlechtliche Ungleichheit mit Vernunftkonzeptionen zu verknüpfen bzw. versuchen, folgende Frage zu klären: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem philosophischen Vernunftkonzept und der gesellschaftlichen Tatsache geschlechtlicher Ungerechtigkeit? Im Anlehnung an das Seminar „Strukturwandel des Privaten“, wird im ersten Teil der Arbeit gezeigt, dass Frauen seit je her als das Geschlecht ohne Ratio gesehen worden sind. Da kritische Stimmen in Bezug auf Vernunft in den modernen und postmodernen Theorien laut werden, wird im zweiten Teil der Arbeit untersucht, ob die feministische Kritik dort genügend berücksichtigt wird. Im dritten Teil werden mögliche Gründe erörtert, weshalb das Vernunftkonzept der Aufklärung heute kritisiert wird und eine Entwicklung des Vernunftbegriffs skizziert sowie die „Vernunftparadoxie“, die sich in einem instrumentalisierten und utopischen Vernunftbegriff ausdrückt, dargestellt. Im vierten und letzten Teil der Arbeit wird schließlich gezeigt, das sich Vernunft heute einem Wandel unterziehen könnte, einem Wandel vom Quantitativ zum Qualitativ, der sich sowohl in den Natur- wie auch in den Geisteswissenschaften abzeichnet und eine Antwort auf Forderungen beider Geschlechter nach einer Änderung der geschlechtlichen Verhältnisse geben könnte.

1. Frauen: Das Geschlecht ohne Ratio

1.1. Zwei Konzeptionen von Privatheit: Antike und Aufklärung

Zuerst möchte ich den Stand des Seminars „Strukturwandel des Privaten“ skizzieren: Es fand eine Untersuchung über Begriffe und Verständnisse - solange man sie in historischen Rekonstruktionen übermitteln kann- von Privatsphäre und Öffentlichkeit statt: Zwei Konzeptionen des Privaten, die sich in der Antike vereinbarten, trennten sich ab der Aufklärung. Das Oikos (das Haus) der Antike, wie von Hannah Arendt untersucht2, schloss sowohl die ökonomische (individuelle Existenzsicherung) als auch die reproduktiven Tätigkeiten (Kindererzeugung und Erziehung, Haushaltsführung) ein, und war streng vom öffentlichen Bereich der Polis getrennt. Erst ab der Aufklärung war die ökonomische Existenzsicherung vom Oikos losgelöst - wie J. Habermas es analysierte1, durch die Schaffung einer bürgerlichen Öffentlichkeit –, und es entstand neben der öffentlichen Sphäre der Politik eine öffentliche Sphäre der Ökonomie, welche Privateigentum und Besitzverhältnisse einschloss.

In der Antike waren geschlechtliche Verhältnisse schon patriarchalisch und herrschaftlich organisiert: Frauen nahmen, aufgrund der starren Machtstrukturen des Oikos, in denen der Mann das Oberhaupt und frei war und die Frau ihm in solidarität unterstellt war und in denen die Sklaven die unterste Stufe bildeten, niemals am öffentlichen Leben der Polis teil. Aristoteles rechtfertigte in der Nikomachischen Ethik die irdische Gestaltung des politischen mit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen2, mit der spezifischen menschlichen Vernunft. Er trennte die Vernunft bereits, als höchstes Gut der Menschen, von der Unvernunft ab: „Von dem vernunftlosen Seelenteil scheint aber wieder ein Vermögen allgemeiner und vegetativer Art zu sein: ich meine das, welches die Ursache der Ernährung und des Wachstums bildet. [...] Die rechte Beschaffenheit dieses Vermögens ist nun offenbar etwas allgemeines und nichts spezifisch Menschliches.“3 Frauen, aufgrund ihrer biologischen Eigenschaften als Gebärende, wurden in der Antike von den „vernünftigen“ öffentlichen Lebensbereichen ausgegrenzt.

Nach dem Zerfall der göttlichen Ordnung des Mittelalters, knüpfte der Humanismus wieder an die Frage der Antike der menschlichen Vernunft an. Diese entwickelte sich bei der Aufklärung hauptsächlich mit der instrumentellen Anwendung der kartesischen Thesen und damit dem Glauben, der Mensch könne durch die menschliche Vernunft, verkörpert in einer universalen Mathematik, die Natur beherrschen und gestalten4. Dies war jedoch auch eine erhebliche Steigerung des Vernunftkonzepts der Antike, wo - zumindest bei Aristoteles – ein Unterschied zwischen Natur und menschlicher Vernunft gemacht wurde, wobei es jedoch nicht um die Beherrschung der Natur durch den Verstand ging. Verschiedene Rationalitätsformen, die sich im Anschluss an die Aufklärung als mathematisch und kartesisch behaupteten, traten als ebenwürdige Formen der Vernunft neben der Politik in die Sphäre der Öffentlichkeit ein: So löste sich die Ökonomie zum größten Teil vom Oikos ab. Die gesellschaftliche Rationalität der Reproduktions- und Solidaritätsarbeit in der häuslichen Privatsphäre wurde nicht im selben Maße anerkannt, da sie der männlichen Vernunft als „natürliche“ Vorrausetzung galt, und ihr untergeordnet war. Das dieses Verständnis der häuslichen Privatsphäre aber eher Gemeinsamkeiten mit einem seit der Antike eingefleischten Habitus und mit Machtverhältnissen hatte als mit einem kognitiven Aufklärungsdiskurs, wird an Kant, dem großen Theoretiker der Aufklärung, ersichtlich: Auch er unterstrich, dass es Menschen gäbe, die den Status des Staatbürgers nicht erlangen könnten, „ alles Frauenzimmer und überhaupt jedermann, der nicht nach eigenem Betrieb, sondern nach der Verfügung anderer (außer des Staates), genötigt ist, seine Existenz (Nahrung und Schutz) zu erhalten, entbehrt der bürgerlichen Persönlichkeit, und seine Existenz ist gleichsam nur Inhärenz“1. Hier beschreibt Kant eine gesellschaftliche Interdependenzen ohne sie wie Aristoteles als natürliche, bzw. „vegetative“ abzustempeln . Er ist aber nicht willig, gesellschaftliche Interdependenzen ins Feld seiner Analyse zu ziehen, schließt sich selbst als Staatbeamter schließlich unbegründet von dieser gesellschaftlichen Logik der Interdependenz aus.

Obwohl die republikanischen Prinzipien Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit alle Menschen als neue Universalien proklamierten, blieben die Türen der Rationalität für die Hälfte der Menschheit, für die Frauen, verschlossen. Zwei Jahrhunderte danach, in der heutigen neoliberalistischen Phase, fällt das Urteil über die Vernunftfähigkeit der Frauen nicht mehr so radikal aus: Geschlechtliche Ungleichheiten bleiben dennoch bestehen. Heute zeichnet sich eine Übermacht der ökonomischen Rationalität gegenüber allen anderen Rationalitätsformen ab, insbesondere gegenüber der politischen und der wissenschaftlichen. Die ökonomische Rationalitätsform ist Produkt des Patriarchats aber bindet im veränderten Arbeitsfeld zunehmend Frauen, mit ihren typischen kommunikativen Fähigkeiten und ihrem großen Anpassungspotential. Vor dem Hintergrund einer steigenden Mechanisierung und einer steigenden Arbeitslosigkeit müssen Frauen zunehmend arbeiten um ihre Familien (mit-) zu ernähren. Es zeichnet sich sicherlich eine neue Klasse von „Gewinnerinnen“, die nach der patriarchalischen Matrix zeitlich und räumlich beinah exklusiv frei für Marktmechanismen stehen müssen, was eine Führung des Privaten zu delegieren miteinschließt. Doch auch die Erosion des Ernährermodells zwingen Frauen prekären, schlecht bezahlten Jobs anzunehmen. Gleichwohl ob mit gut oder schlechtbezahlten Stellen ausgestattet: Arbeiterinnen – deren Reproduktivarbeit nach wie vor nicht als eigenständige Rationalitätssphäre anerkannt wird – sehen sich gezwungen, entweder keine Familie mehr zu gründen (Familie wird hier so verstanden, wo Kinder da sind) oder die Aufgaben des Privaten an „Mägde“ zu übertragen, die oft Ländern angehörten, die nicht unseren Lebensstandard erreicht hatten, aber zunehmend auch innerhalb von Gesellschaften mit westlichem Standard in naher Zukunft zu finden sein könnten1. „Wer versorgt die Kinder der Mädge?“ fragt sich Brigitte Young2: Neue Ungleichheiten unter Frauen, die hier als Herrschaftsverhältnisse entlarvt sind, weil sie in der Analyse geschlechtlicher Ungleichheiten nicht als „ideologisch“ abgestempelt werden können, werden in einem gesellschaftlichen System, der Ungleichheit als funktionales Merkmal verlangt, bis ins Unendliche weitergetragen.

1.2 Janus-Gesichter des Privaten

Symbolisch sind zwei Konzeptionen von Privatheit zu trennen. Das Private im Rahmen der Haushalts-, Solidaritäts- und Reproduktionsarbeit hat seit der Aufklärung und Aberkennung einer eigenen Rationalitätsform einen negativ-symbolischen Status erlangt. Dabei ist zu unterstreichen, dass die eigentlich anerkannte Form der ökonomischen Rationalität, mit Eigentum bzw. Besitz verbunden, bis heute – und wahrscheinlich auch in Zukunft – niemals ohne Reproduktions- und Solidaritätsarbeit existieren kann, das „private“ Aufgaben im Bereich des Haushalts für das ökonomische System vorausgesetzt sein müssen. Die Ökonomie ist stark auf ein reibungsloses Funktionieren des „Privaten“ angewiesen: Was als eine Lapalissade erscheint muss doch wiederholt werden: Ohne Nachwuchs gibt es keine Expansion und auch keine Zukunft. Manchmal scheint es, als ob die Vernunft genau daran scheiterte: Dass sie die Rationalitätsform des „Privaten“ und seine Vorraussetzung für andere Rationalitätsformen übersehen wollte.

Andersrum wurde die Ökonomie als rational eingestuft und Privateigentum einem positiv-symbolischen Wert zugeordnet. Das Privateigentum gewann an Bedeutung; das Ziel einer Gesellschaft wurde von John Locke wie folgt beschrieben: „das große und hauptsächliche Ziel, weshalb Menschen sich zu einem Staatswesen zusammenschließen und sich unter eine Regierung stellen, ist also die Erhaltung ihres Eigentums“3. Bürgerliche Rechte wurden mit Rechten von Eigentümern und Besitzer verwechselt, das Privateigentum als Voraussetzung zur Erlangung eines bürgerlichen Status verstanden: Diese Mischung aus „life, liberty and estate“ erklärt Eigentum als vorpositives, bzw. Naturrecht ohne die Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die zum Eigentum verhelfen, zu reflektieren. So verstanden, werden die Verhältnisse der Antike weitergetragen, Frauen und Sklaven aus der Freiheitslogik ausgegrenzt. Privateigentum blieb unter männlicher Kontrolle, es wurde nur noch ausdrücklicher mit Freiheitsrechten verknüpft.

2. Feministische Kritik an den leitenden modernen und postmodernen Theorien Jürgen Habermas und Jean-François Lyotards

Wir haben gesehen, dass Frauen im heutigen Neoliberalismus angeprangert werden, sich den stets patriarchalischen wirtschaftlichen Strukturen anzupassen, was einerseits auf ihre Anerkennung als rationale ökonomische Akteure zurückzuführen ist, jedoch ohne Anerkennung ihrer spezifischen Rationalitätsform als Gebärende und Erziehende: Die Freiheit wird seit jeher nur durch Besitz gewährt. Demnach ist die heutige westliche Gesellschaft mit dem zunehmenden Problem des Geburtenrückgangs beschäftigt, was endlich (!) als gesamtgesellschaftliches Problem –, als Problem der gesellschaftlichen Vernunft verstanden wird.

Die feministische Gesellschaftskritik, in der mehr Zeit für Privatheit gefordert wird, Plädoyers für eine andere Ökonomie verfasst werden und in der „das Private ist Politisch“ als kämpferisches Motto gestern wie heute erhallt, kann in einem größeren Rahmen gesehen werden, dem der Krise der Vernunft. Kritische feministische Theorien befassen sich, meist abseits, aber im Einklang mit einer allgemeinen Vernunftkritik - welche sich meist in den Geisteswissenschaften seit der 70er Jahren verbreitet – in skeptizistischer Weise mit den Aussagen der Philosophie und der Aufklärung. Ich werde hier durch die feministische Kritik von Nancy Fraser an Jürgen Habermas Theorie des „Kommunikativen Handels“ und von Seyla Benhabib an Jean-François Lyotards Analyse der Postmoderne zeigen, dass kritische bzw. postmoderne Theorien sich mit feministischen Theorien bis heute nicht vereinigen lassen, dass die gesellschaftliche Rationalität der Frauen in wissenschaftlichen Arbeiten von Männern – welche den Mainstream der Wissenschaft noch immer vorwiegend beeinflussen - nach wie vor zu wenig berücksichtigt wird.

[...]


1 Fraser, Nancy 1993: 67

2 (1958) Arendt, Hannah 1992

1 (1962) Habermas, Jürgen 1990

2 Der Begriff Mensch ist eurozentrisch gedacht. In dieser Arbeit wird die geschlechtliche Ungleichheit nur in der westlichen Welt und Kultur untersucht.

3 (ca. 330 v. Chr.) Aristoteles 1977: 221f

4 Vgl. Welsch 1991

1 (1785) Kant, Immanuel 1974 : 433

1 Diese Hypothese wird hier nicht belegt, stammt aber aus Überlegungen über Konsequenzen der jüngsten Entwicklungen der deutschen Arbeitsmarktreformen mit den Harz IV Regelungen.

2 Young, Brigitte 1999

3 (1690) Locke, John 1967: 283

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638452373
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48559
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Strukturwandel Vernunft Denken

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