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Die Defizithypothese Bernsteins - Der restringierte Code als Ursache gesellschaftlichen Versagens?

Zwischenprüfungsarbeit 2003 28 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Code-Theorie
2.1. Ältere Forschungsansätze
2.2. Einteilung der Schichten bei Bernstein
2.3. Unterscheidung von elaboriertem und restringiertem Code

3. Sozialisation als Determinante bei der Herausbildung schichtspezifischer Codes

4. Die Entwicklung von Sprechcodes anhand familientypischer Rollensysteme

5. Der gesellschaftspolitische Ansatz der Defizit-Theorie

6. Schluss

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Vermutung ist ausgesprochen worden, daß unterschiedliche Sprechweisen (forms of spoken language) mit der Organisation besonderer sozialer Gruppen zusammenhängen. Linguistische Unterschiede – und hiermit sind keine Dialektformen gemeint – finden sich in der alltäglichen sozialen Umwelt, und soziale Schichten können durch ihre Sprechweisen (forms of speech) unterschieden werden.“[1]

Mit dieser Einleitung zu seinem Aufsatz über den Zusammenhang von Sprache und sozialer Schicht hat Bernstein das beschrieben, was später die Basis der Defizit-Hypothese werden sollte: Nämlich die Tatsache, dass es einen grundlegenden Unterschied in der Realisierung von Sprache gibt zwischen Sprechern der so genannten Arbeiterschicht und der Mittelschicht. Diese Realisierung geht ihrerseits einher mit bestimmten lexikalischen und syntaktischen Merkmalen, die Bernstein später zu der dichotomen Einteilung in die Kategorien „restringiert“ und „elaboriert“ veranlasste, da sich die Sprache der Mittelschicht durch eine gewisse „Wohlorganisiertheit“ auszeichnet, wohingegen sich die Sprechweise der Arbeiterschicht im direkten Vergleich als verbal eingeschränkt erweist. Die Folge dieser Beschränkung sei schließlich eine nur begrenzte soziale Mobilität, da ein Mitglied der restringierten Sprachgemeinschaft mit seiner Sprechweise von den Angehörigen der vergleichsweise höheren Schicht nicht anerkannt und entsprechend an dieser Barriere scheitern wird.

Die folgende Ausarbeitung wird sich schwerpunktmäßig mit der Konzeption von Bernsteins Defizit-Hypothese auseinander setzen, die heute noch zu den elementaren, wenn auch viel kritisierten Forschungsansätzen der Soziolinguistik zählt und deren Rezeption vor allem in den 60er und 70er Jahren für eine Vielzahl von gesellschaftspolitischen Kontroversen sorgte.

Der erste Teil der Arbeit wird sich zunächst mit der Entwicklung der Code-Theorie auseinander setzen und einen Überblick darüber geben, in welcher Weise Bernstein die Unterteilung der Gesellschaftsstruktur in zwei Schichten vorgenommen und wie er die beiden konstitutiven Codes im Hinblick auf die Schichteinteilung definiert hat.

Der zweite Teil wird sich schließlich mit der Sozialisation als bestimmenden Faktor bei der Entstehung schichtspezifischer Codes beschäftigen und auf die Rolle eingehen, die die Organisationsstruktur einer Familie bei der Entwicklung von unterschiedlichen Sprechweisen spielt. Abschließend soll auf den gesellschaftspolitischen Faktor der Defizit-Hypothese eingegangen werden sowie auf die Frage, ob Sprecher aus der unteren Gesellschaftsschicht aufgrund ihrer „restringierten“ Sprechweise schlechtere Erfolgsaussichten in einer „mittelschichtzentrierten“ Gesellschaft haben.

2. Die Entwicklung der Code-Theorie

2.1. Ältere Forschungsansätze

Der Gedanke, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen über nur begrenzte sprachliche Fertigkeiten verfügen, ist kein Novum, das auf Bernstein zurückgeht. Bereits 1955 hatten Leonard Schatzmann und Anselm Strauss diese These aufgestellt, die auf eine empirische Untersuchung des Sprachverhaltens von Unterschicht- und Mittelschichtangehörigen zurückgeht, welche zum Hergang einer Unwetterkatastrophe befragt wurden. Dabei hatten sie festgestellt, dass ein grundlegender Unterschied vor allem in der Explizitheit bzw. der Implizitheit in den Bedeutungen zwischen Sprechern beider Schichten vorliegt.[2]

Ein weiterer Bezugspunkt Bernsteins für die Unterscheidung schichtspezifischer Codes ist die These, dass verbale Ausdrucksfähigkeiten durch diverse psychische und soziale Erfahrungen ihrer Sprecher determiniert werden, wobei die Erfahrungen in engem Zusammenhang stehen mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht. Die ursprüngliche Darstellung dieses Abhängigkeitsverhältnisses findet sich u.a. im linguistischen Relativitätsprinzip von Benjamin Lee Whorf. Dieser hatte versucht durch einen empirischen Vergleich von Indianersprachen mit europäischen Sprachen (Basis war der Wortschatz sowie grammatische Regeln) zu beweisen, dass „Wahrnehmung und Denken eines Individuums durch dessen Muttersprache gesteuert werden.“[3]

Zur Skizzierung dieser Theorie führt Dittmar ein Beispiel aus dem Bereich der Grammatik an, um den Unterschied zwischen Hopisprache und europäischen Sprachen zu verdeutlichen. So hatte Whorf bei den Hopi das Fehlen jeglicher Zeitformen konstatiert, wie sie in den europäischen Sprachsystemen, im Sinne eines „physikalischen Zeitbegriffs“, vorherrschend sind.[4] Aus diesem Ergebnis wurde der Schluss gezogen, dass Zeit in der Wahrnehmung der Hopi-Indianer keine Relevanz besitzt, da ihr Fehlen im sprachlichen System sich automatisch im gesellschaftlichen Leben widerspiegeln müsse. Gemäß dieser Beobachtung formulierte Whorf die These, dass Denken und Erkennen eines Individuums innerhalb einer bestimmten sozialen Gemeinschaft immer in Relation zu den ausdrucks- und inhaltsseitigen Gegebenheiten einer Sprache zu betrachten sind. Dies bedeutet also, dass jede Sprachgemeinschaft in ihrem sozialsprachlichen Bedeutungssystem different ist.

Bernstein hat diese Auffassung von der sprachlich determinierten gesellschaftlichen Erfahrung in seinen Arbeiten übernommen, übertrug die Beobachtungen, die Whorf zwischen verschiedenen Sprachgemeinschaften erzielte, jedoch auf die sprachlichen Unterschiede innerhalb einer einzigen Kultur und einer Nationalsprache. Er wollte diese Theorie nunmehr um den Faktor ergänzen, von dem eine Sprache sowie ihre Realisierung ihrerseits abhängen, nämlich der Sozialstruktur. Das Ganze stellt bei Bernstein ein zirkuläres System dar, in dem er auf der einen Seite weiterhin eine enge Relation zwischen Sprache und ihren Auswirkungen auf die Erfahrungsbildung voraussetzt, dieser Bezug jedoch nun selbst reproduzierender Bestandteil einer einflussreicheren Relation geworden ist. Mit anderen Worten: Die Sozialstruktur determiniert das Sprachverhalten, welches wiederum für die Reproduktion der Sozialstruktur verantwortlich ist.[5]

Die Sozialstruktur selbst ist bei Bernstein gekennzeichnet durch die elementare Trennung von Arbeiter- und Mittelschicht, die im Rahmen einer gemeinsamen Sprache unterschiedliche Formen der Realisierung entwickelt haben, die bei den Mitgliedern der jeweiligen Schicht verschiedene Arten der Bezugnahme auf Objekte und Subjekte bedingen. Folgt man nun der These Bernsteins, dass sich diese Bezugnahme in der schichtspezifischen Verwendung von elaboriertem und restringiertem Code niederschlägt, so ließe sich in Bezug auf Whorf ableiten, dass eine restringierte Sprechweise automatisch ein kognitives Defizit bedeutet. Eine Sichtweise, die Veith überhaupt nicht teilt. Ihm zufolge handelt es sich lediglich um eine Differenz, da die Mitglieder unterschiedlicher Sprachgemeinschaften gezwungen sind, den fremden Code vorher zu verschlüsseln. „Somit determiniert der Ausdruck (die „Sprache“ i. S. Bernsteins) das Denken nur insofern, als das Sich-Ausdrücken-Wollen in S2, dem fremden Kode, den Prozeß der Enkodierung vorherbestimmt.[6]

Das Problem dieser unterschiedlichen Sprechweisen entsteht also erst dann, wenn eine Schicht nicht in der Lage ist, den Code einer anderen Schicht zu ver- bzw. entschlüsseln. Genau darin besteht jedoch für Sprecher des restringierten Codes die Gefahr, da sie häufig nicht in der Lage sind, ihre Sprechweise der Situation anzupassen, z. B. in Lebenslagen, in denen eine elaborierte Ausdrucksweise von ihnen erwartet wird, wie in öffentlichen Institutionen, die als Einflussebene der Mittelschicht gelten können. Somit wird aus einer sprachlichen eine soziale Barriere.

Auf diese Problematik soll jedoch noch in den nachfolgenden Kapiteln näher eingegangen werden.

2.2. Einteilung der Schichten bei Bernstein

Die Grundlage von Bernsteins Gesellschaftsmodell ist die generelle Differenzierung zweier miteinander konkurrierender Schichten, nämlich der Arbeiter- und der Mittelschicht.[7] Beide Schichten können nun anhand ihrer spezifischen Lebenssituationen bzw. den sozialen Beziehungen innerhalb ihres Systems charakterisiert werden. Sie bilden schließlich die Voraussetzung für einen bestimmten Sprachgebrauch.

Die Mittelschicht ist insbesondere gekennzeichnet durch Familien, in denen der Vater eine höhere Schulbildung, eine Form der Weiterbildung oder eine abgeschlossene Berufsausbildung genossen oder die Mutter einen Schulabschluss erworben hat, der über dem Volkshochschulniveau anzusiedeln ist. Das Gleiche gilt für den Fall, dass die Mutter vor der Eheschließung/ Familiengründung beruflich tätig und darin erfolgreicher war als ihr Mann.[8]

In Familien aus der Arbeiterschicht finden sich dagegen mehr ungelernte oder angelernte Berufstätige. Diese sind eher in der manuellen Fertigung tätig, als auf der Ebene von Planung und Leitung, in der auch das Fällen eigener Entscheidungen üblich ist. Die Arbeitsbedingungen bieten dem Arbeitnehmer nur wenig Abwechslung. Auf der sozialinternen Ebene zeigt sich eine besondere Intensität in der Beziehung zwischen den einzelnen Mitgliedern, die sich auf einer gemeinsamen beruflichen Tätigkeit oder eines gemeinsamen Sozialstatus gründet. Diese sozialen Beziehungen innerhalb der Arbeiterschaft beruhen schließlich auf ein und derselben gesellschaftlichen Funktion, die sich an einer übereinstimmenden Realitätsdeutung sowie den geteilten Identifikationen und Erwartungen festmachen lassen. Das Phänomen der „mechanischen Solidarität“ ist aber nicht zwangsläufig nur bei der Arbeiterschicht anzutreffen. Es existiert auch temporär in bestimmten Sozialbeziehungen der Mittelschicht, wie z.B. innerhalb des Freundeskreises oder während des Militärdienstes. Wichtig ist bei dieser Feststellung, dass ihre Angehörigen lediglich vorübergehend diesem Prinzip folgen, ohne darauf beschränkt zu bleiben.[9]

Kennzeichnend für Bernsteins Schichteinteilung ist, dass sie sich auf kein bestimmtes soziologisches Modell stützt. Es werden vielmehr unterschiedliche Maßstäbe verwendet, die zwar die „üblichen“ Parameter Schule, Ausbildung und Beruf mit einbeziehen, aber vor allem „durch Hinweise auf typische Verhaltensformen, Wertvorstellungen, kognitive Eigenschaften, also eher psychologische Faktoren“ gekennzeichnet sind. Ein weiteres wichtiges Charakteristikum ist schließlich die Organisation der Familienstruktur, der bei der Herausbildung von Sprechcodes eine wesentliche Rolle zugedacht wird.[10]

Aus heutiger Sicht wirkt Bernsteins Unterteilung in zwei divergierende Schichten relativ antiquiert. Das konstatiert auch Veith, der die rapide „Dynamisierung der westdeutschen Gesellschaft“ anhand von Reiner Geißlers soziologischem Modell veranschaulicht hat. Demnach wies die soziale Lage in Westdeutschland 1994 lediglich 7 % der Bevölkerung an un- bzw. angelernten Arbeitern auf, die in etwa dem damaligen Proletariat entsprachen. Dagegen machte der Anteil an gehobenen und einfachen Beamten sowie qualifizierten und einfachen Angestellten bereits 20 % aus.[11]

Damit kann es als erwiesen gelten, dass zumindest in Deutschland von einem traditionellen Schichtenmodell nicht länger die Rede sein kann. Zudem überschneiden sich in der heutigen Gesellschaft vermehrt die Milieus untereinander, so dass im täglichen Sprachgebrauch die Codes häufiger variieren. In diesem Sinne ist die „dichotome Ko-Varianz von zwei Sozialschichten und zwei Sprachschichten (Kodes) hinfällig.“[12]

2.3. Unterscheidung von elaboriertem und restringiertem Code

Elementar bei Bernsteins These von der gesellschaftlichen Abhängigkeit der Sprechweisen ist zunächst die grundsätzliche Unterscheidung von Sprache und Sprechen. Dabei stellt die „language“ ein System von Regeln innerhalb einer bestimmten Sprache dar, die Bernstein ab 1965 als „Sprachcodes“ bezeichnete.

Unter Sprechen wird in erster Linie eine Aktivität verstanden, die in einer konkreten Redesituation der Nachrichtenübermittlung dient. Es handelt sich demnach um eine individuelle Umsetzung des Sprachcodes im Sinne einer variablen Anwendung seiner Regeln.[13]

Ein weiterer Code-Begriff, den Bernstein geprägt hat, ist der „Sprechcode“, der in seiner Bedeutung vom „Sprachcode“ zu differenzieren ist. Er steht seinerseits in engem Zusammenhang mit der Realisierung von Sprache, wobei diese abhängig ist von dem System sozialer Beziehungen, denen der Sprecher angehört. Denn je nach Schichtzugehörigkeit entwickelt der Sprecher eine differenzierte Form der verbalen Planung, welche die Auswahl aus dem Angebot der Kultursprache sowie die Strategien der Anwendung sprachlicher Konstruktionsmittel steuert.[14]

Da nun die Sprechcodes in unbegrenzter Menge durch das sprachliche Regelsystem erzeugt werden können (diese müssen den Regeln des Systems entsprechen), sie aber gleichzeitig eine wichtige Funktion bei der Reproduktion der jeweiligen Sozialstruktur einnehmen, stellt sich das Bernsteinsche Prinzip als zirkulär dar und lässt sich in folgender Formel ausdrücken: „Wenn Si die Sprechcodes sind und SSj das System sozialer Beziehungen, so ist SSj = G (Si) und Si = F (SSj), woraus folgt, daß Si = F (G (Si)).“[15]

[...]


[1] Bernstein, S. 108.

[2] Dittmar, S. 2. Bei der Befragung organisierten die Unterschichtsangehörigen ihre Forumulierungen in der Art, als ob die Interviewer selbst an dem Geschehen teilgenommen hätten und machten daher keine expliziten Angaben über Ort, Personen und Umstände, die für das Verständnis Unbeteiligter von Bedeutung wären. Dagegen verwendeten die Mittelschichtangehörigen durchaus eine Sprachstrategie, die sich in expliziten Äußerungen zum Geschehen niederschlug und auch eine emotionale Distanz widerspiegelte, was bei den Unterschichtmitgliedern nicht der Fall war.

[3] Niepold, S. 10.

[4] Dittmar, S. 3. Die Sprache der Hopi-Indianer soll u.a. keine Zeitadverbien und –präpositionen sowie zeitweisende Elemente in den Verben aufgewiesen haben.

[5] Dittmar, S. 4 und Niepold, S. 10 f.

[6] Veith, S. 110 ff.

[7] Veith sieht in dieser Einteilung eine ähnliche Strukturierung wie beim Marxistischen Gesellschaftsmodell, in dem zwischen Proletariat und Bourgeosie unterschieden wird. Man dürfe jedoch nicht das Klassensystem auf Bernsteins Modell übertragen, da es keine inhaltliche Entsprechung gibt zwischen „Klassen“ und „Schichten“, denn letztere werden durch soziale Merkmale klassifiziert, wohingegen die Klasse eine Beziehung zwischen Individuen und den Produktionsmitteln, der politischen Machtstruktur und den vorherrschenden Ideen aufzeigt. Veith, S. 107.

[8] Dittmar/ Klein, S. 21.

[9] Der Begriff der „mechanischen Solidarität“ geht auf den Soziologen Emile Durkheim zurück. Niepold, S. 11 und 26. Bernstein, S. 156 f.

[10] Dittmar/ Klein, S. 22.

[11] In Geißlers Modell entsprechen nur 50 % der arbeitenden Bevölkerung. Die andere Hälfte beinhaltet Azubis, Arbeitslose und sonstige Nicht-Erwerbstätige, wie Kinder, Renter über 60 sowie Personen über 60, die sich aber noch nicht zur Ruhe gesetzt haben. Vgl. Veith, S. 109 f.

[12] Ebenda, S. 108.

[13] Dittmar, S. 9. Dittmar und Klein, S. 19.

[14] Niepold, S. 13.

[15] Dittmar, S. 9.

Details

Seiten
28
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638450676
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48327
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1
Schlagworte
Defizithypothese Bernsteins Code Ursache Versagens Einführung Soziolinguistik

Autor

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