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Erzählmittel von Thomas Bernhard anhand des Romans Auslöschung: Ein Zerfall"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 „Auslöschung“ – das „opus magnum“ von Thomas Bernhard Antiautobiografie. Die Wahl des Titels

3 Erzählform und stilistische Mittel
a. innerer Monolog
b. Wiederholungen
c. Entgegensetzungen und Gegenüberstellungen

4 Figurengestaltung und Perspektiven

5 Komposition und Zeitgestaltung

6 Schlusswort

Literaturverzeichnis

1 Einführung

Das gesamte Schaffen von Thomas Bernhard ist eine besondere Welt. In seinen Romanen gibt es etwas, was ihn einmalig macht und zugleich an viele Philosophen, Gelehrten, Künstler erinnert. Was prägt sein Stil? Was könnten Werke enthalten, die nach ihrer Veröffentlichung verboten wurden? Wie und warum gestaltet Thomas Bernhard Menschen, ihre Charaktere und Schicksäle? Diese und andere Fragen versuche ich in dieser Arbeit zu untersuchen.

Ich habe zur Grundlage der Untersuchung den Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986) genommen. Dieses Werk gilt als „epische Summe“ des Schaffens von Thomas Bernhard. Es enthält viele Züge der früheren Romane, nicht zuletzt sogar ähnliche Charaktere. Es könnte wohl das beste Werk des Schriftstellers sein, weil es das letzte war, sein Schwanengesang, sein Requiem.

Ich untersuche nur Erzählmittel des Autors, obwohl der Roman dazu veranlasst, zu versuchen, auch die innere Welt von Thomas Bernhard zu begreifen. „Auslöschung, Ein Zerfall“ wurde von Literaturwissenschaftlern mit Recht als Antiautobiografie bezeichnet, weil es eher eine „Dekonstruktion der Lebensgeschichte“[1], als deren Zusammenfassen ist. Mit originellen stilistischen Mitteln - einem inneren Monolog und dadurch bedingten Entgegensetzungen, Gedankenbrüchen, Wiederholungen schafft der Meister ein Chaos, wo Leser verzweifelt nach einem Sinn suchen. Doch das Thema oder der Stoff sind in einem von Bernhard geschriebenen Roman sekundär. Eine besondere Musikalität und Phantasie, mit deren Hilfe die Gedanken einer verzweifelten Person wiedergegeben werden – das ist die Stärke des Romans. Ich setze folgende Schwerpunkte in meiner Arbeit fest:

- WAS, was für Mittel verwendet Thomas Bernhard im Roman;
- WIE, auf welche Weise werden Erzählmittel dargestellt;
- Was steht DAHINTER bzw. was könnte ein Grund für dieses Erzählmittel sein.

Ich verwende in meiner Arbeit wenig Sekundärliteratur und lasse mich von meinen eigenen Endrücken und Erfahrungen leiten. Bei den Kritikern und Rezensenten besteht keine einheitliche Meinung über das letzte Buch von Bernhard. Das gibt mir relative Freiheit beim Urteilen und Bewerten. Ich könnte den Roman „Auslöschung“ als Künstlerin, als Musikerin oder als einfache Leserin betrachten und analysieren.

2 „Auslöschung“ – das „opus magnum“ von Thomas Bernhard.

Antiautobiografie. Die Wahl des Titels.

In seinem 1986 erschienenen, letzten und umfangreichsten prosaischen Werk ,,Auslöschung - Ein Zerfall" schildert Thomas Bernhard die Lebensgeschichte Franz-Josef Muraus, der durch einen tödlichen Unfall seiner Eltern und seines Bruders zum Erben von Wolfsegg geworden ist. Murau denkt über seine Familie und Kindheit nach, betrachtet Bilder der Eltern, lässt sich einige Momente durch den Kopf gehen, die mit Wolfsegg verbunden sind. Den Familienbesitz schenkt er der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, weil er darin weder leben noch schaffen kann.

Warum ausgerechnet „Auslöschung“?

Franz-Josef Murau, die Hauptfigur von Bernhard, fasst seine Erinnerungen über Wolfsegg zusammen, den Ort seiner Herkunft. Die Erinnerungen sind in der Ich-Form geschrieben und meist schmerzhaft, quälend, unangenehm. Sie lassen den Erzähler nicht in Ruhe, und er findet das Mittel, um seine Ängste und Komplexe loszuwerden – davon zu schreiben:

Auslöschung werde ich diesen Bericht nennen, hatte ich zu Gambetti gesagt, denn ich lösche in diesem Bericht tatsächlich alles aus, alles, das in diesem Bericht aufschreibe, wird ausgelöscht, meine ganze Familie wird in ihm ausgelöscht, ihre Zeit wird darin ausgelöscht, Wolfsegg wird ausgelöscht in meinem Bericht auf meine Weise“[2]. Es ist merkwürdig, dass die Schrift des Erzählers, Franz –Josef Murau, der an und für sich eine Fiktion ist, mit dem Titel des Romans von Thomas Bernhard übereinstimmt. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass der Erzähler keine ausgedachte, isolierte Person ist, wie es in Romanen der Fall sein sollte. Franz-Josef Murau ist der Prototyp des Autors. Thomas Bernhard schreibt im Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ teilweise über sich selbst.

Bernhard (1931-1989) hat in seiner Kindheit viel gelitten. Er gerät in schulische Schwierigkeiten, kommt mit seiner Mutter nicht klar, und die verschickt ihren Sohn in ein NS-Erziehungsheim, später auch in ein NS-Schulheim. Der Junge wird in diesen Einrichtungen körperlich und seelisch traumatisiert. Daher kommen sein Hass und sein feindliches Verhältnis zur Mutter. Der Großvater des kleinen Thomas fördert seine künstlerische Ausbildung. Mit 20 Jahren studiert der Autor Musik und darstellende Kunst, probiert seine Kräfte als Schriftsteller aus und erhält Zugang zur Wiener kulturellen Szene. Er befreundet sich mit Komponisten und Sängerinnen, mit Schauspielern und Dichtern an.

Ähnliche Erlebnisse aus der Biografie des Schriftstellers finden wir in auch in der Geschichte des Haupthelden. Murau klassifiziert die Figur der Mutter als das Böse selbst und sieht sie deshalb als Verursacherin seiner traumatischen und daher äußerst prägenden Kindheit. Für den Protagonisten, ebenso wie für Bernhard, wird Onkel Georg, der Bruder seines Vaters, zum Idol (schilderte Bernhard damit vielleicht seinen Großvater?). In Rom lernt Murau die Literaten und Dichter Zacchi und Maria kennen. Jede Figur, jeder Gedanke, jede Lebensäußerung des Protagonisten hängt mit dem Leben des Autors zusammen. Der Unterschied zwischen Fiktion und Realität verwischt sich, und es ist gerade das, was Thomas Bernhard in seinem Schaffen erreichen wollte. Es ist das, was seine Werke einmalig macht.

Schon früh wurde auf das Spannungsverhältnis zwischen Identifikation des Schreibers und gleichzeitiger Distanzierung, zwischen „Objektivierung und subjektiver Ich-Aussage“[3] bei diesem Autor aufmerksam gemacht; als großangelegtes Projekt der „Selbstreflexion im Rollenspiel“[4] kann man verstehen, was auch die Leser in so erstaunlicher Weise über Jahre hinweg in den Bann der wechselweisen Spiegelung hineingezogen hat“[5]. Eine „einfache“ Prosa, wie sie in der Literaturgeschichte existiert, die „Tatsachen widerlegende Prosa“ ist Thomas Bernhard zu langweilig. Er versucht in der Literatur eine neue Form des Prosawerkes zu schaffen. Diese Form wird von Annegret Mahler-Bungers entdeckt und als Antiautobiografie definiert. Sie behauptet, dass schon der Titel „Auslöschung. Ein Zerfall“ antiautobiografisch sei. „Die antiautobiografische Formel manifestiert sich im Schreibvorgang immer wieder als Dekonstruktion der Lebensgeschichte. Die Konstruktion des Erzählten im Schreibvorgang münde in die Destruktion und lasse in dem Erzählten keinen sinnvollen Grund, keine Antwort, keine

[...]


[1] Höller, Hans/ Heidelberger-Leonard, Irene (Hrsg.), Antiautobiographie Bernhards „Auslöschung“,1995, S.100

[2] Thomas Bernhard, Auslöschung. Ein Zerfall, 1986, S.201

[3] Uwe Schweikert. Im Grunde ist alles, was gesagt wird, zitiert. Zum Problem der Identifikation und Distanz in der Rollenprosa Thomas Bernhards, in: Text-Kritik, H.43 (1974) S.1-8, Zit. S.4

[4] Willi Huntemann , Artistik und Rollenspiel. Das System Thomas Bernhard, 1990, S.14

[5] Vgl. Hans Höller, Irene Heidelberger-Leonard (Hrsg), Antiautobiographie Thomas Bernhards „Auslöschung“ 1995, S.117

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638450119
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48253
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Erzählmittel Thomas Bernhard Romans Auslöschung Zerfall

Autor

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