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Phraseologismen in deutschen Wörterbüchern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 32 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung in das Thema, Zielsetzung
1.2 Abgrenzung und methodische Vorgehensweise

2. Zu Begriff, Theorien und Merkmalen von Phraseologismen
2.1 Klassifikations - und Abgrenzungsprobleme
2.1.1 Nominationsstereotype - Termini - Eigennamen
2.1.2 kommunikative Formeln und Sprichwörter
2.1.3 Phraseoschablonen
2.1.4 Funktionsverbgefüge

3. Lexikographischer Umgang mit Phraseologismen in einsprachigen deutschen Wörterbüchern
3.1 Konzeptionelle Bedeutung der Phraseologie in Vorworten / Einleitungen
3.2 Defizite in Erfassung und Darstellung
3.2.1 Auswahl
3.2.2 Kennzeichnung, Nennform, Präsentation und Verständlichkeit
3.2.3 Bedeutungserklärungen
3.3 Vorschläge zur lexikographischen Standardisierung von Phraseologismen in einsprachigen Universalwörterbüchern
3.4 Bedeutungsmodifikationen und Phraseographie

4. Einige kurze Überlegungen zur lexikalischen Erfassung von Phraseologismen in einem spezialisierten Wörterbuch

5. Schlussbetrachtung

6. Anmerkungen zur Gestaltung

7. Quellen / verwendete Literatur

1. Einleitung

1.1 Einführung in das Thema, Zielsetzung

Neben Einzelwörtern und Komposita sind in deutschen Universalwörterbüchern eine Vielzahl fester Wortverbindungen verzeichnet wie etwa den Bock zum Gärtner machen, der Stein der Weisen, auf die Pauke hauen oder auch kein Blatt vor den Mund nehmen.

Von der neueren Sprachforschung unter dem Oberbegriff Phraseologismen zusammengefasst (vgl. Fleischer 1997 | Burger 1998), repräsentieren sie eine Teil-menge unseres Sprachguts, deren Entstehung durch Prozesse der Verfestigung ursprünglich freier syntaktischer Wortverbindungen und Wortgruppen, durch Idiomatisierung, Bedeutungswandel oder auch sozio-kulturelle Einflüsse begründet ist und die in unterschiedlichen semantischen wie syntaktischen Strukturen existiert.

Die Menge an spezifischer Information, die erforderlich ist, um Phraseologismen korrekt zu verwenden und zu interpretieren, geht jedoch weit über die Menge an Informationen hinaus, die benötigt wird, einzelne Wörter richtig zu verwenden. Entsprechend sind Differenzierungsgrad und Konsequenz in Erfassung, Nennungsform und Erläuterung phraseologischer Formen Kriterien, nach denen die Qualität eines Wörterbuches zu einem Teil beurteilt werden kann. Für den Benutzer eines Wörterbuches sind beim Nachschlagen einer festen Wortverbindung Fragen von Bedeutung wie:

1. Unter welchem Stichwort ist ein Phraseologismus zu suchen?
2. Handelt es sich bei der gesuchten Wortverbindung tatsächlich um einen Phraseologis- mus?
3. An welcher Stelle des Stichwortartikels ist der Phraseologismus aufgeführt?
4. Wie aufschlussreich sind die neben der Nennform angeführten Beispiele des

Phraseologismus im Sinne einer syntaktisch einwandfreien Verwendung

5. Was bedeutet der Phraseologismus (vgl. auch Burger 1998: 168 f.)

In der Vergangenheit wurden vielfach Defizite bei der lexikographischen Behandlung von Phraseologismen beklagt - insbesondere uneinheitliche und unvollständige Klassifizierung und Darstellung, sowie Mängel bei den Bedeutungserklärungen und Paraphrasierungen. Entsprechend finden sich in der Fachliteratur Forderungen nach Vereinheitlichung der Terminologie, nach systematischerem Aufbau der Wörterbucheinträge und Auswahl geeigneterer Beispiele (vgl. auch Korhonen 1995: 33 f.).

Durch Analyse phraseologischer Klassifikationskriterien, sowie Sichtung und Vergleich einzelner Wörterbücher will vorliegende Arbeit zum einen jenen Kritikpunkten nachgehen, zum anderen Vorschläge entwickeln, die zu einer angemessenen Darstellung phraseologischer Einheiten in der Lexikographie beitragen können.

1.2 Abgrenzung und methodische Vorgehensweise

Anknüpfend an eine Darstellung der sprachlichen Kategorie ‚Phraseologismus’ und ihrer theoretischen Differenzierung in Teilgruppen sowie ihrer Abgrenzung von anderen Spracherscheinungen wird anhand einer kleinen Reihe von Musterbeispielen untersucht, wie die Lexikographie in Deutschland innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre auf die Erkenntnisse der phraseologischen Forschung reagiert und bei der Konzeption von Wörterbüchern umgesetzt hat. Es werden dabei spezifische Phänomene und Eigenheiten bezüglich Klassifizierung, Präsentation und Erläuterung von Phraseologismen in den jeweiligen Wörterbüchern berücksichtigt, analysiert und problematisiert.

Betrachtungsgegenstand sind auch Vorworte / Einleitungen der Wörterbücher, weil die dort enthaltenen Informationen und Hinweise hinsichtlich der lexikographischen Behandlung von Phraseologismen häufig nur unzureichend oder sogar widersprüchlich sind.

Den zweiten thematischen Schwerpunkt bilden Überlegungen zur Standardisierung der Phraseographie in einsprachigen deutschen Universalwörterbüchern sowie phraseolo-gischen Spezialwörterbüchern.

Auf eine ausführliche kritische Auseinandersetzung mit den gegenwärtig maßgeblichen sprachwissenschaftlichen Theorien zur Phraseologie - insbesondere ein Einklinken in die Diskussion um die Integration gewisser Textmuster und Textsorten (etwa Textformeln in Todesanzeigen oder Berwerbungsschreiben) in das Feld der Phraseologismen - hingegen muss im Hinblick auf den Fokus und den gesteckten Rahmen der Arbeit verzichtet werden. Gleichwohl dienen zentrale Ansätze aktueller Standardwerke speziell bei der Erörterung von Merkmalen und Klassifizierung phraseologischer Teilgruppen als wissenschaftliche Basis.

Bei der Untersuchung von Quellenmaterial werden als Grundlage einsprachige deutsche Wörterbücher und Spezialwörterbücher verwendet, die unter Punkt 7: Quellen / verwendete Literatur im einzelnen aufgeführt sind.

2. Zu Begriff, Theorien und Merkmalen von Phraseologismen

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist innerhalb der linguistischen Forschung mehrfach aufgezeigt worden, dass eine enge Fassung dessen, welche sprachlichen Phänomene und Konstrukte anhand durchgängig übereinstimmender Merkmale zu den Phraseologismen zu rechnen sind, schwierig erscheint. Dies zum einen wegen der Vielfalt an idiomatisierten und nichtidiomatisierten Mischformen morphologischer und syntaktischer Verbindungen, die Sprache aufweisen kann, insbesondere aber wegen der zahlreichen phraseologischen Übergangsbereiche zu den freien syntaktischen Wort-verbindungen, nachvollziehbar - um nur drei Beispiele anzusprechen - etwa bei Ausdrücken wie die Luft ist (he)raus‚ das Spiel ist aus oder auch bei am Boden liegen.

Als Synonyme für den Begriff Phraseologismus wurden in der Fachliteratur häufig Termini wie Redensart, Idiom oder auch Redewendung verwendet, was jeweils Rückschlüsse auf die verschiedenen Gewichtungen und Sichtweisen auf den Gegenstand ziehen lässt, die jedoch als adäquate Kategorienbezeichnungen hinsichtlich einer begrifflichen Hierarchisierung nicht angemessen erscheinen (vgl. Fleischer 1997: 2ff.). Klaus-Dieter Pilz (ders. 1981) spricht gar von „terminologischem Chaos“.

In Anlehnung an die Begründungen Fleischers (vgl. ders. 1997: 3ff.), insbesondere an dessen Auffassung, Idiome als Teilgruppe phraseologischer Einheiten zu betrachten (Phraseologismen können auch nichtidiomatischen Charakters sein), erscheint es praktikabel, Phraseologismus als Oberbegriff für alle festen Wortverbindungen einer Sprache zu wählen (vgl. auch Burger: 1998 10ff.).

Demnach ließe sich Phraseologie als eine „linguistische Theorie über feste Wort-verbindungen“ (vgl. Korhonen: 13 ff.) ansehen, bei denen es sich um semantische Einheiten handelt, die zwei oder mehr Komponenten in einer syntaktischen Verbindung aufweisen, die im Sprachgebrauch als Mehrworteinheiten vorkommen und im Sprachbewusstsein auch als solche gespeichert sind.

Einigkeit scheint es bei der Festlegung der Hauptmerkmale zu geben, nach denen Phraseologismen untersucht und klassifiziert werden können.

Es sind dies 1) Idiomatizität, 2) syntaktisch-semantische Stabilität, 3) Lexikalisierung und

4) Reproduzierbarkeit (vgl. Fleischer 1997: 30 ff. / vgl. Lüger 1999: 35ff.).

Da die phraseologischen Eigenschaften syntaktischer Ausdrücke jedoch stark variieren können, wird in der neueren Phraseologieforschung ein Zentrum-Peripherie-Modell verwendet, das über den Abgleich mit obengenannten Merkmalen die Nähe oder Distanz eines Phraseologismus zum Zentrum (quasi zum Idealtyp) bestimmt (vgl. Fleischer 1997: 68ff.) und somit eine weite Fassung dessen zulässt, was der Phraseologie zuzurechnen ist.

Die Diskussion über die generelle Spezifizierungsmöglichkeit stereotyper Wort-verbindungen bis hin zu Sprichwörtern, Sentenzen oder gar formelhaften Textblöcken (etwa bei Bewerbungsschreiben oder Todesanzeigen) als Phraseologismen ist aber voraussichtlich noch lange nicht abgeschlossen (vgl. z.B. Stein 2001: 21ff.). -

Den Kernbereich des phraseologischen Schemas bilden feste Wortverbindungen mit wenigstens einem Autosemantikon, die über alle für Phraseologismen typischen Merkmale verfügen und die syntaktisch als prädikative wie nichtprädikative verbale Einheiten oder aber in nominativer Form vorkommen. Fleischers Terminus ‚ Phraseolexeme’ für jene Gruppe sei im weiteren Verlauf übernommen (vgl. Fleischer 1997: 68). Unter ihnen stellen die verbalen Phraseologismen anteilsmäßig das größte Kontingent. In Bezug auf ihre Syntax liegen sie entweder in infinitivischer Form oder als feste prädikative Konstruktionen vor (z.B. jmdm. brummt / raucht der Schädel).

Einige klassische Beispiele:

(1) aus der Haut fahren
(2) Bauklötze staunen
(3) jmdm. die Schau stehlen
(4) etwas auf dem Kerbholz haben
(5) mit jmdm. auf Kriegsfuß stehen
(6) am Hungertuch nagen
(7) alles, was kreucht und fleucht
(8) eine blühende Fantasie

Alle obengenannten Merkmale sind jeweils hier ausgeprägt und nachweisbar:

1. Idiomatizität:

Es liegt je eine Entfernung von der ursprünglichen Bedeutung der einzelnen Wörter vor. Das heißt, dass die einzelnen Konstituenten der angeführten Phraseologismen in der Summe ihrer ursprünglichen Teilbedeutungen nicht oder nicht vollständig identisch sind mit der Gesamtbedeutung der Konstruktionen.

2. syntaktisch-semantische Stabilität:

Der Austausch von Worten innerhalb der Phraseologismen ist nur sehr begrenzt möglich, denn die Gesamtbedeutung des Phraseologismus ist an die gesamten Komponenten gebunden. Der Nachweis hierfür kann bei (2) bespielsweise dadurch erbracht werden, dass die Verwendung von ‚Baumaschinen’ statt ‚Bauklötze’ zur semantischen Zerstörung des Phraseologismus führt. Noch transparenter lässt sich das Kriterium Stabilität anhand unikaler Komponenten verdeutlichen (vgl. Fleischer 1997: 37ff.): Die in den Beispielen (4) bis (7) enthaltenen Lexeme Kerbholz, Kriegsfuß, Hungertuch, kreucht und fleucht stellen Wörter dar, die außerhalb des Phraseologismus nicht isoliert vorkommen.

3. Lexikalität:

Für alle obengenannten Beispiele gilt: Die einzelnen Wörter der Phraseologismen verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung. Die Phraseologismen werden lexikalisch als komplette Wortschatzeinheiten gespeichert, da sie aufgrund ihrer semantischen Homogenität nicht nach einer syntaktischen Regel aus ihren Einzelwörtern produziert werden können.

4. Reproduzierbarkeit:

Bei der Verwendung der Phraseologismen werden dieselben aus unserem Gedächtnis als Gesamtes reproduziert, das heißt, dass wir sie als Ganzes inklusive Lexik und Struktur abrufen. -

Ebenfalls im Dienste einer besseren Klassifizierbarkeit steht Fleischers Ansatz, die Spezifizierung phraseologischer Formen mittels Bestimmung ihres Idiomatizität-Grades vorzunehmen (vgl. ders. 1997: 30ff.).

Demnach sind Phraseologismen wie sich einen faulen Lenz machen, die Kirche im Dorfe lassen, kein Blatt vor den Mund nehmen oder sich eine Mütze voll Schlaf holen als vollidiomatisch einzustufen, weil die dort auftretenden Beziehungen zwischen den verwendeten Wortkomponenten im „regulären“ Sprachgebrauch semantisch nicht vereinbar sind.

Als teilidiomatisch hingegen können Wendungen wie mit einem Affenzahn fahren, mit Engelszungen sprechen oder schimpfen wie ein Rohrspatz aufgefasst werden, weil hier je eine Komponente des Phraseologismus auch außerhalb der festen Wortverbindung semantisch identisch ist mit seiner wendungsinternen Bedeutung.

Und schließlich wären Konstruktionen wie zur Aufführung bringen, unter Beschuss geraten oder ins Wanken kommen nichtidiomatisch, weil sie als reine Funktionsverbgefüge keine festen Verbindungen mit lexikalischen Komponenten aufweisen. Subjekt und Objektstellen sind nicht lexikalisch festgelegt und tragen je nur in Bezug auf ein bestimmtes semantisches Merkmal zur Bedeutung des Verbs bei.

Problematischer bei der Festlegung der Idiomatizität stellen sich Wendungen dar, die sowohl im wörtlichen wie auch metaphorischen Sinn verwendet werden können (z.B. den Sekt kalt stellen, am Boden liegen, Das Spiel ist aus!). Hier entscheidet je der semantische Bezug bzw. auch der sprachsituative Kontext darüber, ob überhaupt ein Phraseologismus vorliegt (vgl. auch Fleischer 1997: 31ff.).

Wohl wissend, dass Idiomatizität sich nicht absolut, etwa über den Vergleich wendungsinterner und wendungsexterner Bedeutung von phraseologischen Komponenten bestimmen lässt, wird im weiteren Verlauf der Arbeit der Ansatz einer idiomatischen Abstufung von Fleischer im Sinne eines zusätzlichen Differenzierungswerkzeuges zu Grunde gelegt.

2.1 Klassifikations- und Abgrenzungsprobleme

Entsprechend dem in 2.1. angesprochenen Zentrum-Peripherie-Modell folgt, dass an dessen Rändern jene Phraseologismen stehen, die nicht über alle obengenannten Merkmale verfügen. Bei ihnen tritt häufig die Schwierigkeit auf, verbindliche Klassifizierungskriterien so zu formulieren, dass sie präzise zu bestimmten phraseologischen Teilgruppen hinzugerechnet bzw. von anderen phraseologischen Teilgruppen und freien Wortverbindungen differenziert werden können, was sich letztlich auch in ihrer uneinheitlichen lexikographischen Behandlung niederschlägt.

Zudem umfasst die Phraseologie ein sehr großes Spektrum an morphosyntaktischen Formen, angefangen von einfachen Wortpaaren mit Konjunktion über Verbidiome bis hin zu festen Phrasen als Satzeinheiten, dass eine Klassifikation grundsätzlich schwierig erscheint. Vieles spricht daher dafür, ähnlich wie Fleischer (vgl. ders. 1997: 82f.) oder Burger (ders. 1998: 30f.) Mischklassifikationen zu verwenden, die sowohl auf morphosyntaktischen, semantischen als auch pragmatischen Kriterien beruhen und mit deren Hilfe zukünftig eine umfassendere und genauere Lexikalisierung möglich werden könnte. Im Folgenden sei die Problematik anhand einiger Beispiele verdeutlicht.

2.1.1 Nominationsstereotype - Termini - Eigennamen

Feste Wortverbindungen, die keine Idiomatizität aufweisen, in ihrer Gesamtsemantik aber über eine relative Stabilität verfügen, weil ihre Komponenten sich gegenseitig in höherem Maße bedingen, als freie Wortverbindungen, werden den Nominationsstereotypen zugerechnet (vgl. Fleischer 1997: 58-62). Zu ihnen gehören v.a. Wendungen der Alltagskommunikation wie (das) Gebot der Stunde, (die) Macht der Gewohnheit, (der) feste(r) Glaube, - Sprachklischees der Behördensprache, der Massenmedien und der Politik wie öffentliche Ausschreibung, im Mittelpunkt stehen, historisches Ereignis, geistig-moralische Wende, oder auch nichtidiomatisierte Wortpaare wie Tag und Nacht, kurz und gut oder Sonne und Mond, die in ihrer Reihenfolge nicht vertauschbar sind.

Mit ihrer relativen Stabilität einher gehen bei Nominationsstereotypen Lexikalität und Reproduzierbarkeit, das heißt, sie sind nicht mehr neu zu erfinden, sondern sie sind sowohl Bestandteil von Wörterbüchern als auch unseres Sprachbewusstseins.

Im Gegensatz zu den Phraseolexemen tragen ihre einzelnen Komponenten jene Bedeutung, die sie auch außerhalb des Phraseologismus tragen würden.

Trotz formulierbarer Zugehörigkeitskriterien herrscht in der Wissenschaft keinesfalls Sicherheit in Bezug auf eine klare Grenzziehung zwischen Nominationsstereotypen und anderen festen Wortfügungen.

Ewald (dies. 1995: 156) sieht sie in „einer Überschneidungszone von Phraseologismen und freien Wortverbindungen [...], deren fließende Übergänge eine eindeutig bestimmbare, zweifelsfreie Zuordnung zu einem der beiden Bereiche verhindern“ und auch Fleischer (ders. 1997: 59) weist daraufhin hin, dass „Häufigkeit des Vorkommens und Gebrauch einer Reihe von Wortverbindungen als Nominationseinheit in hohem Maße außersprachlichen gesellschaftlichen Einflüssen unterliegt [..] und somit auch einer starken Dynamik.“ Letzteres wird v.a. im Bereich politisch-programmatischer Formulierungen offenkundig: Von geistig-moralischer Wende etwa (eine in den 80er Jahren von Altbundeskanzler Kohl geprägte Formulierung für eine bestimmte politische Richtung) spricht heute niemand mehr. Die Wendung ähnelt einem Slogan bzw. Schlagwort mit zeitlich begrenzter Aktualität, somit auch eingeschränkter Gebrauchsfrequenz, und es wäre zu diskutieren, inwieweit hier überhaupt eine Lexikalisierung als Phraseologismus - zumindest in einem allgemeinen Wörterbuch gerechtfertigt wäre. Gnade der späten Geburt hingegen (ebenfalls eine - politisch nicht unumstrittene - Wortschöpfung des Altbundeskanzlers Kohl, mit dem er sich unter indirektem Verweis auf seinen Geburtsjahrgang von Mitschuld und Mitverantwortung an Nazi-Gräueln distanzierte) wird mittlerweile als feste Wortverbindung sowohl wertfrei als auch ironisierend in verschiedenen Kontexten verwendet bzw. auch modifiziert (vgl. der Spiegel Nr.44 2001, S.121: „Die Gnade des Übergewichts“), blieb aber bislang (in den vom Autor untersuchten Wörterbüchern) lexikographisch unberücksichtigt.

Hier wäre zu überlegen, ob nicht allein aufgrund der Gebrauchsfrequenz der Begriffseinheit der Prozess von einem ursprünglich als okkasionell einzustufenden Phraseologismus hin zur stereotypen Nominationseinheit als abgeschlossen betrachtet werden kann. Selbst wenn dies verneint werden müsste, so könnte dennoch im Hinblick auf eine Lexikalisierung mit Fleischer argumentiert werden, dass „sprachlich-kommunikative Tätigkeit und Sprachsystem eine dialektische Einheit bilden“, und es daher angemessen erscheint, „wenn als Phraseologismen auch okkasionelle Konstruktionen anerkannt werden, denen eine Tendenz zur Lexikalisierung innewohnt“

(vgl.ders. 1997: 64/65). -

Speziell für eine Reihe fester Fügungen aus Substantiv und Attribut ist größtmögliche Differenzierung angemessen, bevor eine Subsummierung unter die Nominations-stereotypen oder aber andere feste bzw. auch freie Gruppen von Wortverbindungen erfolgen sollte:

Ö ffentliche Meinung, letztes Geleit oder Gunst der Stunde lassen sich noch verhältnismäßig eindeutig als stereotype Benennungseinheit an der Peripherie der Phraseologismen identifizieren.

Schwieriger ist es schon mit festen Wortverbindungen wie gelbe Karte (in DUW) mit * als idiomatischer Ausdruck gekennzeichnet) oder rote Zahlen (ebenfalls mit dem Marker * in DUW als idiomatischer Ausdruck verzeichnet), die beide sowohl in verschiedenen Wörterbüchern als auch in Presse und anderen Schriftmedien teils mit Majuskel teils in Kleinschreibung der jeweils adjektivischen Komponente vorkommen.

Bei gelbe Karte könnte flüchtige Betrachtung eine strukturelle Verwandtschaft zu phraseologischen Wortverbindungen wie schwarzes Brett, blauer Brief, grüne Woche oder weißer Sonntag suggerieren. Tatsächlich handelt es sich jedoch eindeutig um einen Fach-terminus aus dem Fußballsport, der, entsprechend der Funktion von Termini, kontext-unabhängig eine Person / eine Funktion / einen Sachverhalt / Zustand oder ein Objekt möglichst direkt und präzise zu benennen, als sprachliche Primärstruktur einzustufen ist.

Erst im Zuge einer Idiomatisierung der außerhalb der Sphäre des Fußballs verwendeten Form jmdm. die gelbe Karte zeigen (‚jmdm. Einhalt gebieten, jmdm. in dessen Verhalten die Grenzen aufweisen’) kann von einem Phraseologismus gesprochen werden, - analog dem Beispiel jmdn. schachmatt setzen (einerseits fachterminologisch auf das Schachspiel bezogen, zum anderen in der Eigenart eines Phraseologismus für ‚jmdm. jeden Spielraum nehmen’, jmdn. handlungsunfähig machen’).

Anders sieht dies für rote Zahlen aus: Gemäß DUW wird die Wortfügung übersetzt mit ‚Schulden’, ‚Fehlbeträgen’ - sowie dem Zusatz: ‚Beträge, die Schulden bezeichnen, werden rot geschrieben’. Das Moment der Gebundenheit an einen fachlichen Kontext, wie dies für Termini typisch ist, liegt hier wohl vor. Dennoch handelt es sich auch um eine indirekte, (schwach) idiomatisierte Form der Bezeichnung für einen kaufmännischen / betriebswirtschaftlichen Sachverhalt, - und somit kann von einem Phraseologismus gesprochen werden, der terminologische Funktion besitzt.

Burger (ders. 1998: 46ff.) gebraucht in diesem Zusammenhang dezidiert den Begriff „phraseologischer Terminus“, unter dem er eine Reihe ähnlicher Beispiele aus verschiedenen Fachbereichen zusammenfasst, wie z.B. rechtliches Gehör, einstweilige Verfügung aus der juristischen Fachsprache oder Dividende ausschütten aus der sprachlichen Sphäre der Betriebswirtschaft.

Im Gegensatz zu Fleischer, der dazu tendiert, terminologische Wortgruppen mit dem Argument ihres „Stellenwertes innerhalb des Systems einer wissenschaftlichen Terminologie“ und wegen ihrer „sprachlichen Primärstruktur“ (vgl. ders. 1997: 72ff.) generell aus dem Bereich der Phraseologismen auszuschließen, plädiert Burger für eine Integration zumindest der phraseologisierten Termini mit dem u.E. nicht ungewichtigen Verweis auf die zunehmende Relevanz und die durch die Medien begünstigte Popularität „fachsprachlicher Bereiche im Alltag“ sowie auf die Existenz mannigfacher Termini in unterschiedlichen Lebensbereichen jenseits der Sphäre reiner Wissenschaft.

Zu denken ist hier beispielsweise auch an feste Verbindungen aus dem Bereich der Medizin wie künstliche Ernährung oder aus dem Fußballsport indirekter Freistoß.

Ähnlich kontrovers wie bei den phraseologischen Termini verhalten sich Fleischers und Burgers Ansätze in Bezug auf die Eingruppierung bestimmter onymischer Wortverbindungen wie z.B. Roter Platz, Naher Osten oder Tropischer Regenwald.

Fleischer gelangt hinsichtlich ihrer Klassifizierung nach eingehenden Überlegungen zu der Auffassung, sie innerhalb der Darstellung der Phraseologismen unberücksichtigt zu lassen, da sie immer „Einzelobjekte identifizierend benennen“ und sich in der Priorität dieser Funktion sowie ihrer ausschließlich substantivisch konstituierten Form von letzt-genannten unterscheiden (vgl. ders. 1997: 70f.). Gleichwohl räumt er „Abgrenzungs-schwierigkeiten im konkreten Einzelfall“ (S.75) ein und lässt Unsicherheit in seiner Entscheidung durchblicken, wenn er im Zusammenhang der Klassifizierung von Nominationsstereotypen davon spricht, dass „hier auch onymische Wortgruppen wie Bund für Umwelt und Naturschutz, Nördliches Eismeer u.ä. ins Blickfeld rücken“ (vgl. ders. 1997: 61f.).

Burger geht schlicht einen Schritt weiter, indem er die Klasse der onymischen Phraseologismen gründet, unter der die eben genannten Beispiele dann genauso ihren Platz finden wie das Weiße Haus, das Rote Kreuz oder auch Brüsseler Spitzen. Er begründet dies einerseits mit ihrer latenten Aktualisierbarkeit und zum anderen damit, dass sie Gegenstand von Wortspielen sein können (vgl. Burger 1998: 46), wo er auf eine Zeitungsschlagzeile verweist, die in Anspielung auf Bill Clintons Lewinski-Affäre mit „Hillarys Schlacht ums heiße Haus“ tituliert;

vgl. auch http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,356079,00.html, wo in einem Online-Artikel des Nachrichtenmagazins ‚der Spiegel’ in semantisch pikanter Umdeutung jenes Sammelbegriffs für die traditionsreich feinsten Klöppel-und Nadelspitzen aus dem Brüsseler Raum die Schlagzeile Brüsseler Spitzen für 2 EU-Beamte gewählt wurde, denen illegaler Nebenerwerb am Betrieb eines Stundenhotels nachgewiesen wurde).

Burger signalisiert damit die Befürwortung eines Konzepts der Phraseologie im weiteren Sinn, die bei der Gestaltung zukünftiger Neuauflagen von einsprachigen deutschen Universal- wie auch spezialisierten Wörterbüchern der Phraseologie eine Rolle spielen könnte.

2.1.2 kommunikative Formeln und Sprichwörter

Abgrenzungsschwierigkeiten stellen sich auch für kommunikative Formeln dar (vgl. Fleischer 1997: 125f.) :

Bei ihnen handelt es sich grammatikalisch um Konstruktionen mit kompletter Satzstruktur (Komm du mir nach Hause! Wer’s glaubt, wird selig!) oder mit reduzierter, elliptischer Syntax (Das fehlt noch! Schwamm drüber! Du meine Güte! Hals und Beinbruch!), die auch in ihrer Funktion Sätzen entsprechen.

Sie haben jedoch im Unterschied zu Phraseolexemen oder Nominationsstereotypen nicht den Charakter einer Benennungseinheit, sondern den eines kommunikativen Stimulus und lassen sich in Gruß- bzw. Höflichkeitsformeln (Guten Tag!), Schelt- und Fluchformeln (Jetzt schlägts aber dreizehn! Das Maß ist voll!) sowie feststehende Formeln in der Kommunikation (Bemerkungen, Ausrufe, Feststellungen wie Was soll’s, Das kommt davon! Da lachen ja die Hühner! oder Der Ofen ist aus!) differenzieren.

Von ihrer semantischen Struktur her gibt es sie in allen 3 Varianten der Idiomatizität (voll-, teil- oder nichtidiomatisiert).

Die genannten Charakteristika grenzen die kommunikativen Formeln von Sprichwörtern und Redensarten ab. Letztgenannte sieht Fleischer als eigene Mikrotexte (vgl. ders. 1997: 76f./255f.), die nicht in Wörterbüchern sondern gesonderten Sprichwortsammlungen gespeichert sind und entsprechend nicht wie Phraseologismen als lexikalische Einheiten reproduziert werden. Zudem haben sie eine lehrhafte Tendenz und sind historisch fixiert, (zu einem Großteil geht ihr Ursprung auf das Mittelalter zurück) im Unterschied zur Dynamik der Phraseologismen, die ständig neu entstehen oder auch aus der Mode kommen.

Dennoch lassen sich Übergangsbereiche festmachen:

Wer nicht will, der hat schon verfügt syntaktisch wie semantisch über ähnliche Eigenschaften wie das Sprichwort Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss essen was übrig bleibt. Einzig die vorliegende Reimform bei Satz 2 unterscheidet die beiden Beispiele strukturell.

Ähnliches gilt für Je oller, je / desto doller ! Die für Sprichwörter typische feste Satzkon-struktion liegt hier nur rudimentär vor (Fehlen der prädikativen Form). Trotzdem wird das Konstrukt wegen seiner Reimhaftigkeit meist als Sprichwort eingestuft (vgl. z.B. Fleischer 1997: 77).

Bei Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! entscheidet das Merkmal der Lehrhaftigkeit über die Zugehörigkeit zur Gruppe der Sprichwörter, gleichwohl ebenfalls ein formelhaftes Moment wie in Wer’s glaubt, wird selig! zu vermerken ist.

Für eine genauere Abgrenzung zwischen kommunikativen Formeln und Sprichwörtern / Redensarten ist daher im Einzelfall u.U. angemessen, historische Wörterbücher oder Sprichwörtersammlungen heranzuziehen. -

2.1.3 Phraseoschablonen

Phraseoschablonen haben im Vergleich zu den bisher angesprochenen phraseolo-gischen Teilgruppen eine Sonderstellung, insofern es sich bei ihnen um Strukturen handelt, bei denen nur das syntaktische Muster idiomatisiert, die lexikalische Füllung hingegen variabel ist (vgl. Fleischer 1997: 131). Dies macht ihre Erfassung und Beschreibung in Wörterbüchern schwierig, da sie aus prinzipiell beliebigem lexikalischen Material konstruiert werden können (somit stellt sich v.a. die Frage ihrer Lemmatisierung) und ausschließlich ihr syntaktisches Modell ihre Bedeutung markiert.

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Details

Seiten
32
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638450034
ISBN (Buch)
9783638658751
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48243
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Fachbereich VI - Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Phraseologismen Wörterbüchern

Autor

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Titel: Phraseologismen in deutschen Wörterbüchern