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Uhren als ikonographische Elemente mittelalterlicher Städte

Seminararbeit 2002 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Ikonographische Elemente mittelalterlicher Städte
2.1 Begriffsklärung „ikonographische Elemente“
2.2 Ausstattung der mittelalterlichen Städte

3. Öffentliche Uhren und Glocken

4. Die ersten öffentlichen Uhren – ein historisch- geographischer Überblick

5. Uhren im Alltag
5.1 Zeitempfinden im Mittelalter
5.2 Die Ablösung der Glocke durch die Uhr
5.3 Der praktische Nutzen des Glockenschlags
5.4 Die Bedeutung der Uhren für den Alltag der Menschen

6. Erklärungsansätze für den „Uhrenboom“ des 14. Jahrhunderts
6.1 Demographische Überlegungen
6.2 Städtealltag im Wandel
6.3 Die Kirche – Förderer oder Gegner öffentlicher Uhren?

7. Schlusswort

8. Literaturangaben

1. Vorwort

In der vorliegenden Arbeit soll es um die Geschichte und die Hintergründe der Einführung von Glocken und – in erster Linie – Uhren in den Städten und Gemeinden des Mittelalters gehen.

Ein besonderer Augenmerk soll dabei nicht etwa (wie der Titel evtl. nahelegen könnte) auf den kunsthistorischen Aspekt gelegt werden, sondern vielmehr auf die Veränderung des Stadtbildes im allgemeinen Sinne, also in der Alltagsgeschichte der Menschen.

Wer hatte ein Bedürfnis nach öffentlich gemessener und angezeigter Zeit? Wer waren Förderer von Uhren? Wie stand die Kirche zur Einführung dieser neuen Technologie? Wie veränderte sich der Ablauf des alltäglichen Stadtlebens durch die Uhr? Welche Bedeutung maß der normale Stadtmensch der Uhr bei? Welche Entwicklungen kann man beobachten?

All diese Fragen werden in der Arbeit im Blickpunkt des Interesses stehen. Anhand der wenigen vorliegenden Quellen werde ich versuchen, ein stimmiges Bild zu zeichnen von der Situation, wie sie sich in den mittelalterlichen Städten vor allem im 14. Jahrhundert darstellte.

Abschließend soll kein „Endergebnis“ stehen, sondern ein klareres Verständnis dafür aufgekommen sein, was die Einführung von Uhren und damit von exakt bestimmter Zeit bewirkt haben könnte.

2. Ikonographische Elemente mittelalterlicher Städte

2.1 Begriffsklärung „ikonographische Elemente“

Da man „Ikonographie“ vor allem in Bezug auf Kunstgeschichte (und dort in der Renaissancekunst) kennt, möchte ich eine Begriffsklärung an den Anfang meiner Ausarbeitung stellen.

Die Ikonographie ist der Zweig der Kunstgeschichte, der sich mit dem Sujet (Bildgegenstand) oder der Bedeutung von Kunstwerken im Gegensatz zu ihrer Form[1] beschäftigt.

Die Grundidee ist, dass sich hinter jedem Sujet mehrere Bedeutungen verbergen. Zum einen ist dies die primäre bzw. natürliche Bedeutung (oder auch: Tatsachenbedeutung), die jedem Sujet einfach aufgrund seiner physikalischen Beschaffenheit obliegt. Sie ist für jeden unter gleichen Bedingungen auch gleich wahrnehmbar. Daneben gibt es aber auch die sekundäre oder konventionelle Bedeutung, die nicht sinnlich, sondern intellektuell vermittelt wird, speziell je nach Kulturkreis und Wahrnehmung jedes Einzelnen auch unterschiedlich ausfallen kann und individuell durch „Einfühlung“ ausgelöst wird. Dies zusammen betrachtet wird in der Kunstgeschichte gemeinhin als Ikonographie bezeichnet.

Übertragen auf das Bild einer mittelalterlichen Stadt heißt dies folgendes: Uhren, die wie noch zu zeigen sein wird sehr viel mehr sind als schnöde Zeitmesser, haben nämlich durchaus sehr vielschichtige Bedeutungen und können so mit Fug und Recht als „ikonographische Elemente“ bezeichnet werden. So schließt sich hier der Kreis zur Kunstgeschichte; und so ist es auch zu erklären, dass dieser kunstgeschichtliche Begriff auch für eine historisch ausgelegte Betrachtung seine Berechtigung hat.

2.2 Ausstattung der mittelalterlichen Städte

Die Städte des Mittelalters hatten eine Vielzahl von Symbolen, die mehr oder weniger unmittelbar mit den Stadtrechten, aber auch dem gewachsenen Selbstverständnis der Städte zusammenhingen.

Zuerst einmal muss festgehalten werden, dass die Städte ihre Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert erlebten. Rund um das Jahr 1300 gab es eine ungeheure Masse an Neugründungen von Städten im mitteleuropäischen Raum (siehe fig. 1). Gründe hierfür mag es reichlich gegeben haben – das Bedürfnis nach Schutz vor feindlichen Übergriffen wird eine treibende Kraft gewesen sein; viele Städte siedelten sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Burgen und Pfalzen an. Darüber hinaus hat sicherlich das schnellere Bevölkerungswachstum und der Aufschwung von Handwerk und Handel zum Städteboom beigetragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

fig. 1 Stadtneugründungen[2]

Dazu kam noch ein gewachsenes Selbstbewusstsein der Städte. Grundsätzlich gab es drei Typen von Städten; die Reichsstädte unterstanden direkt dem König bzw. Kaiser, die Territorialstädte hatten den jeweiligen Landesherrn auch als Stadtherrn und die freien Städte hatten sich beherrschender Obrigkeit mehr oder weniger entledigt.

Zwischen Anspruch und Realität, oder anders gesagt zwischen Privileg und praktischer Durchsetzung in bezug auf die rechtliche Stellung der Stadt klaffte jedoch nicht selten ein beträchtlicher Unterschied. Um so wichtiger müssen deshalb auch städtische Symbole gewesen sein, die die Stellung der Stadt plakativ nach außen trugen und auch innerstädtisch zum Selbstverständnis beitrugen. Zu diesen Symbolen gehörten u.a. Stadtschlüssel, Siegel, Rathaus und Pranger. Sie hatten neben ihrer Primärfunktion eben auch die Aufgabe, sich anderen Städten und eventuellen ungeliebten Territorialherrn gegenüber abzugrenzen.[3] Sie alle hatten auch einen hohen optischen Wert – sei es der große Stadtschlüssel oder das prächtige Rathaus. Noch deutlicher wird der optische Wert beim städtischen Siegel und beim Pranger, wo es ja gerade um das „Zur-Schau-Stellen“ geht. Immer spielt das Sehen und Gesehen-Werden eine große Rolle bei städtischer Symbolik.

In dieses Verständnis städtischer Symbole gliederten sich ab dem 14. Jahrhundert auch die neu aufkommenden Uhren ein, die mit ihren Glocken das Signalensemble optisch und jetzt auch akustisch vervielfältigten. Die vielfältigen Aufgaben, die die Uhren zu erfüllen hatten, werden Gegenstand der folgenden Betrachtungen sein.

Dass Uhren wirklich als ikonographische Elemente betrachtet werden können, belegt auch die Kunst (womit auch hier der Kreis hin zu Kunstgeschichte wieder geschlossen wäre): Seit dem 15. Jahrhundert findet man realistische Stadtansichten, und oft spielen öffentliche Uhren als städtische Attribute in den Darstellungen eine Rolle.[4]

Es sollte also tatsächlich der Blick nicht nur auf die Primärfunktion des Zeitmessers, sondern auch verstärkt auf die sekundären Funktionen von öffentlichen Uhren gerichtet werden.

3. Öffentliche Uhren und Glocken

Zuerst einmal gilt es, den Begriff „öffentlich“ zu definieren. Hier halte ich mich an die Definition von Dohrn-van Rossum, der nur die Uhren als öffentlich bezeichnet, „die die Sequenz der Stunden des Volltags akustisch oder optisch [anzeigen] [...]. Auf die verwendete Technik [...] kommt es nicht an.“[5]

Es können also durchaus eine Menge an verschiedenen Uhren im relevanten Kontext vorkommen, sofort sie für eine gewisse Personengruppe von Nutzen waren, d.h. für den Alltag relevante Signale angegeben haben, die das Leben der Menschen in irgendeiner Weise steuerten.

Öffentliche Glocken gab es schon Jahrhunderte vor der für Uhren in mittelalterlichen Städten interessanten Zeit; bereits aus der Antike sind Vorhandensein und Benutzung von Glocken als akustisch-temporales Begrenzungssignal bekannt, und auch in den europäischen Städten des frühen Mittelalters sind vielerlei Glocken durchaus üblich. Im Laufe der Zeit hatten sich Glocken zu einem wahrhaften Statussymbol entwickelt – allein schon die Anzahl der vorhandenen Glocken sagte gegen Ende des 13. Jahrhunderts viel über den Stellenwert einer Stadt aus. In Mailand sollen um 1288 mehr als 200 Glocken geschlagen haben.

Wenn von Uhren und Glocken die Rede ist, so muss man hier vielfach differenzieren und doch ist manchmal auch ein und dasselbe gemeint: Grob gesagt sind Uhren die optischen und Glocken die akustischen Signalgeber gemessener Zeit bzw. allgemein vereinbarte Zeichen. Glocken hatten bereits im Mittelalter eine lange Tradition, Uhren waren neu und stellten den Gipfel des technisch Machbaren dar.

[...]


[1] Erwin Panowsky: Ikonographie und Ikonologie, in: Meaning in the Visual Arts. Garden City (N.Y.) 1955.

[2] Die Hinweise zur Stadtentwicklung und die Grundlage zu der vorliegenden Tabelle sind entnommen aus: Albrecht Sellen: Geschichte 1.kurz & klar, Donauwörth 1999.

[3] Bereits hier sieht man, dass eine ikonographische Analyse städtischer Attribute sinnvoll ist!

[4] Vgl. Gerhard Dohrn-van Rossum: Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitordnung, München/Wien 1992, S. 140ff.

[5] Ebd. S. 124.

Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638449724
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48200
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Uhren Elemente Städte Zeitmessung Zeitverständnis Mittelalter

Autor

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