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Der rationale Nichtwähler - Ein Ausblick über den Rational Choice Ansatz in der Nichtwählerforschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 23 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Von der Wahlforschung zur Nichtwählerforschung - eine Einleitung

2 Der aktive Nichtwähler - welche Fragen sind an eine Theorie der rationalen Stimmenthaltung zu stellen?

3 Der Rational- Choice-Ansatz - ist Wählen rational?
3.1 Die Theorie des rationalen Wahlverhaltens nach Anthony Downs
3.1.1 Anforderungen an den rationalen Wähler
3.1.2 Kosten und Nutzen des Wahlaktes
3.1.3 Das Wahlparadoxon
3.2 Kritische Weiterentwicklungen des Rational-Choice-Ansatzes
3.2.1 Die Strategie des geringsten Bedauerns
3.2.2 Der rationale Narr und Wählen als Katz-und-Maus-Spiel
3.2.3 Die Stimmabgabe als psychische Gratifikation

4. Chancen und Risiken des Rational-Choice-Ansatzes

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1 Von der Wahlforschung zur Nichtwählerforschung – eine Einleitung

In Artikel 28 (1) des Grundgesetzes heißt es:

„In den Ländern, Kreisen und Gemeinden muß das Volk eine Vertretung haben, die aus allgemeinen, unmittelbaren, freien, gleichen und geheimen Wahlen hervorgegangen ist.“[1]

Dennoch verzichten zunehmend mehr Menschen freiwillig auf ihr Mitbestimmungsrecht in Form der Stimmabgabe. In der Bundesrepublik Deutschland ist seit Mitte der Achtziger Jahre ein Rückgang der Wahlbeteiligung auf allen politischen Ebenen, von Landtags- bis hin zu Bundestagswahlen zu verzeichnen[2]. Hier entwickelte sich ein neuer Aufgabenbereich für die deutsche Wahlforschung, die bis dahin mit einer im europaweiten Vergleich überdurchschnittlich hohen Wahldisziplin rechnen konnte[3]. Zu der Kernfrage wer wen aus welchem Grund wählt, kam die Frage hinzu wer nicht wählt und wie er dies begründet. „Bisherige Ergebnisse über die Nichtwähler“, so urteilt Kleinhenz, „sind mehr als zufälliges Abfallprodukt politikwissenschaftlicher Untersuchung anzusehen“[4].

Im Zuge der Ausdifferenzierung politikwissenschaftlicher und wahlsoziologischer Erklärungsansätze zu diesem Phänomen gewann so eine Theorie an Bedeutung, die zuvor überwiegend in der amerikanischen Politikwissenschaft Anerkennung gefunden hatte. Die Rational-Choice-Theorie, angewendet auf das (Nicht-) Wählerverhalten im Rahmen der ökonomischen Politiktheorie von Anthony Downs, beschreibt die Wahlentscheidung als eine auf dem individuellen Kosten-Nutzen-Kalkül basierende Überlegung. Dadurch hebt sie sich deutlich von den rein makrosoziologischen Ansätzen ab, die politische Partizipation in einen „sozial- und politikgeschichtlichen Erklärungszusammenhang“[5] stellen und, wie zum Beispiel bei der Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan, von gesamtgesellschaftlichen Strukturen als Ursache für den Wahlverzicht ausgehen. Darüber hinaus bietet die Rational-Choice-Theorie, im Gegensatz zu sozialstrukturellen Ansätzen wie der Wertewandel- oder Dealignment-These[6], einen Erklärungsansatz, der mehrere und auch kurzfristige Entscheidungsfaktoren einbezieht[7].

Grundsätzlich ist es ein Bestreben der Politikwissenschaft, Erklärungsansätze, die zuvor traditionell auf die Erklärung des Wahlverhaltens angewendet wurden, wiederum auf die Erklärung des Nichtwählerverhaltens anzuwenden. In dieser Arbeit sollen nun Chancen und Grenzen des Rational-Choice-Ansatzes in der Nichtwählerforschung kritisch beleuchtet werden. Im Zentrum dieser Arbeit stehen dabei die ökonomische Politiktheorie von Anthony Downs, sowie dessen kritische Weiterentwicklung in der modernen Politikwissenschaft.

2 Der aktive Nichtwähler – welche Fragen sind an eine Theorie der rationalen Stimmenthaltung zu stellen?

`Ohnemichels´ werden Nichtwähler im Volksmund auch genannt. `Ohne mich´ - diese Umschreibung scheint einem Menschen zu gelten, der sich durch einen Wahlverzicht der politischen Partizipation entzieht und eine bewusst passive Rolle im politischen Prozess einnimmt. Die rationale Theorie des Wahlverhaltens nach Anthony Downs zeichnet ein anderes Bild. Das Individuum wird hier als ein aktives Wesen beschrieben, dass sich auf der Basis konkreter persönlicher Präferenzen mit der ihn umgebenden Welt auseinandersetzt. Die Teilnahme an einer Wahl oder der Verzicht darauf gilt demnach als eine immer wieder neu ausgehandelte Entscheidung. Nichtwählen bedeutet dann eben nicht, auf politische Partizipation und eine eigene Meinungsbildung gänzlich zu verzichten. Vielmehr erscheint ein Wahlverzicht als das Ergebnis eines abwägenden, rationalen Entscheidungsprozesses.

Diese Vorbemerkungen sollen im Folgenden präzisiert und überprüft werden. Zunächst erfolgt eine Darstellung des „Rational-Choice-Ansatzes zum Wahlverhalten“ nach Anthony Downs[8].

Die kritische Würdigung der Theorie des rationalen Wahlverhaltens setzt sich vor allem mit folgenden Fragen auseinander:

Kann Wählen überhaupt rational sein? Kritik am Rational-Choice-Ansatz setzt oftmals am so genannten Wahlparadoxon an[9]. Die Frage nach dem rationalen Verhalten des Wählers wird hier umgekehrt. Nicht der Stimmverzicht ist hier das zu erklärende Phänomen, sondern die Stimmabgabe. Es soll hier also der Frage nachgegangen werden, ob die Theorie des rationalen Wahlverhaltens tatsächlich eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt, bei der der Nutzen der Stimmabgabe niemals die Kosten der Meinungsbildung überschreiten kann.

In diesem Zusammenhang spielt die Auslegung des Rationalitätsbegriffes und die Frage nach dem Nutzen des Wahlaktes eine entscheidende Rolle, die besonders in den kritischen Weiterentwicklungen des Rational-Choice-Ansatzes erheblich variieren. Die Frage ist hier, inwieweit persönliche, schwer operationalisierbare Handlungsdeterminanten wie Wertmaßstäbe in den Rationalitätsbegriff integriert werden können und sollen.

Die Theorie der rationalen Wahlhandlung scheint sich hier in einer Grauzone zwischen zwei Kritikansätzen zu bewegen: Zum einen wird ihr in ihrer ursprünglichen Form oft die Reduktion auf ein simples Kosten-Nutzen-Kalkül vorgeworfen, die die Reichweite der Theorie erheblich begrenzt[10]. Zum anderen wird vor einer allzu weiten Dehnung des Rationalitätsbegriffes gewarnt, die ein kritisches Urteil über die Anwendbarkeit von Rational Choice erschwert. So schrieb Blais:

„It can always be argued that a person chooses to do something because she believes the rewards for performing that act outweigh the costs. At this point, the theory cannot be falsified and loses any predictive power… In my view the risk of tautology is a very serious one, and the theory cannot be saved by merely adding sense of duty as an explanatory variable.”[11]

Wenn nun also die Anwendbarkeit des Rational-Choice-Ansatzes auf die Nichtwählerforschung kritisch beleuchtet werden soll, so geschieht dies immer auch im Zusammenhang mit dem Wahlparadoxon und dem Rationalitätsbegriff. Denn wie sich später herausstellen wird, werden diese beiden Phänomene aus Sicht der Rational-Choice-Theoretiker nicht nur verschieden gewichtet, sondern auch gänzlich unterschiedlich in die jeweiligen Theorien integriert.

Im Kern geht es darum, zu erfassen, welche Anforderungen die Theorie der rationalen Wahlhandlung an sich selbst stellt. Ein zusammenfassender Ausblick kann schließlich als Diskussionsbasis darüber dienen, welche Erwartungen die Nichtwählerforschung an den Rational-Choice-Ansatz knüpfen kann.

3. Der Rational-Choice-Ansatz - ist Wählen rational?

Mit dem Aufkommen des Rational-Choice-Ansatzes in den Fünfziger Jahren, vollzog sich ein Paradigmenwechsel in der Politikwissenschaft[12]. Erstmals wurden Begriffe aus der Ökonomie auf die Erklärung individuellen Handelns angewendet. Der Mensch folgt demnach marktähnlichen Gesetzen, indem er sein gesamtes Handeln darauf ausrichtet, den größtmöglichen persönlichen Nutzen zu erzielen. Die Rational-Choice-Theorie fußt im Kern auf dem Menschenbild des Homo Oeconomicus, dessen „souveränes Ich“ den universellen Bezugspunkt für Handlungen und Bewertungen bildet. Eine konstante Verfolgung des persönlichen Nutzens wird durch seine ökonomischen Fähigkeiten, „jedem Gut und jeder Handlungsalternative einen subjektiven Wert zu zuweisen“[13], gewährleistet. Im Rahmen einer Präferenzordnung werden diese Nutzwerte einer Rangfolge unterstellt. Rational handeln bedeutet dann, ausschließlich im Eigeninteresse und bisweilen in Konkurrenz mit seinen Mitmenschen zu handeln. Entscheidungssituationen werden auf Basis einer Kosten-Nutzen-Kalkulation gelöst[14]. Der egoistische Mensch rechnet den erwarteten Gewinn aus einer Handlung gegen die möglichen Ressourcenverluste, wie zum Beispiel Zeit oder Engagement auf und gelangt so zu der Entscheidung, ob eine Handlung nützlich und dadurch durchführbar ist oder nicht.

Der Rational-Choice-Ansatz als individualistischer Ansatz zeichnet hier auf den ersten Blick ein unsoziales Menschenbild, in dem altruistische Handlungsmotive kaum Raum finden. In seinem Werk „Ökonomische Theorie der Demokratie“ entwickelt Anthony Downs dieses Ideengerüst weiter, indem er auch scheinbar selbstlose Motive, wie ein Verantwortungsgefühl gegenüber dem Erhalt des demokratischen Systems, in seine Überlegungen zur Wahlentscheidung einschließt.

Besonders aber die kritischen Weiterentwicklungen, zum Beispiel von Fiorina oder auch von Riker und Ordeshook fragen danach, worin der rationale Wähler seinen Nutzen definiert.

3.1 Die Theorie des rationalen Wahlverhaltens nach Anthony Downs

Die von Downs aufgestellte Kosten-Nutzen-Kalkulation, auf dessen Basis das Individuum seine Wahlentscheidung trifft, scheint auf den ersten Blick recht simpel: Der potentielle Wähler vergleicht retrospektiv den Nutzen, den ihm die bisherige Regierungspartei während der vergangenen Wahlperiode erbracht hat, mit dem höchstmöglichen Nutzen, den ihm „die ideale Regierung gebracht hätte“[15].

Mit Hilfe dieser Kalkulation bewertet er, inwiefern die Regierungspartei seinen Ansprüchen, dem so genannten individuellen „Erwartungswert“, in der zukünftigen Wahlperiode gerecht werden kann. Anschließend erfolgt eine weitere Überprüfung der übrigen zur Wahl stehenden Parteien, und eine Einschätzung, ob und wie weit diese den Erwartungen des Wählers entsprechen können. Downs spricht in diesem Zusammenhang von „Parteidifferentialen“[16], die vom potentiellen Wähler buchstäblich errechnet werden. Eine Wahlentscheidung fällt demnach zu Gunsten der Partei aus, die den größtmöglichen, individuellen Nutzen verspricht. Ist das zu erwartende Nutzeneinkommen aus allen zur Wahl stehenden Parteien gleich hoch oder niedrig, so ist der Wahlausgang für den rationalen Nutzenmaximierer nahezu bedeutungslos. Ein Wahlverzicht ist dann rational begründet.

Die gleichsam gelobte und kritisierte „Sparsamkeit und Eleganz“[17] des Rational-Choice-Ansatzes erscheint weniger immanent, wenn die einzelnen Faktoren dieser Kalkulation näher beleuchtet werden.

[...]


[1] Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, 35. Auflage, 1998: 21

[2] vgl. Woyke 1998: 241, Tabelle 39

[3] vgl. Kleinhenz 1995: 23

[4] ebd.: 23

[5] ebd.: 24

[6] vgl. ebd.: 42ff, 50ff

[7] vgl. Bürklin/Klein 1998: 107

[8] in: Downs, Anthony: „Ökonomische Theorie der Demokratie“, Tübingen 1968

[9] vgl. Eilfort 1994: 76; Blais 2000: 2ff; Kleinhenz 1995: 33ff

[10] vgl. Kleinhenz 1995: 34f, Blais 2000: 2

[11] Blais 2000: 4f

[12] anfänglich fand der Rational-Choice-Ansatzes vor allem in der amerikanischen Politikwissenschaft Verwendung, in Deutschland gewann diese Theorie erst in den siebziger und achtziger Jahren an Bedeutung; vgl. Fuchs/Kühnel in Klingelmann/Kaase 1994: 305ff

[13] beides Braun 1999: 39f;

[14] vgl. Eilfort 1994: 76; Kleinhenz 1995: 33

[15] Downs 1968: 37

[16] vgl. ebd.: 37

[17] Braun 1999: 7

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638447935
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47968
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Sozialwissenschaftliches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Nichtwähler Ausblick Rational Choice Ansatz Nichtwählerforschung Masterkurs Politische Parteien Europa

Autor

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