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Franz Kafkas Erzählungen "Ein Hungerkünstler"

Referat (Ausarbeitung) 2001 6 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Die Erzählung „Ein Hungerkünstler“ wurde von Kafka im Jahre 1922 geschrieben, ein Jahr vor einer Reihe schwerer seelischer und körperlicher Krisen des Verfassers bezeichnet. Es ist deshalb leicht zu verstehen wie Körper und Seele als Mittelpunkt des Interesses Kafkas standen.

Am Ende seiner schriftstellerischen Laufbahn ist die Urangst, die früher seine Symbole prägte, nun eine Angst für die Kunst gewichen.

Er suchte mit Intensität den letzten Grund seiner Existenz zu erreichen, der identisch mit der einzig wirklichen Speise der Erzählung ist.

Hungerkunst hat es seit langem gegeben; Kafka bezieht sich also auf die Wirklichkeit, die er aber in seiner Schrift überschritt.

Schon im 16. Jahrhundert gab es das Phänomen der Fastenwunder und Hungermädchen: Frauen stellten ihr eigenes Fasten als eine Form göttlicher Wunder zur Schau.

Im 19. Jahrhundert ist das Schauhungern aus dem theologischen Bereich herausgetreten und in den der Naturwissenschaft und Medizin überführt worden. Hungern wird als medizinisches Experiment unter ärtzlicher Aufsicht durchgeführt.

Anfangs dieses Jahrhunderts wird schließlich das „Schauhunger“ in der Vergnügungsindustrie genützt.

Die Hungerkunst stellt eine der weitgehenden Abstraktionen vom menschlichen Körper dar. Sie sieht vom konkreten Hunger ab und bemißt ihn als Frist.

Kafkas Erzählung gibt das Modell einer sozialen Lage, in der das Verhältnis von Wunsch und Gesetz, von Wahrheit und Betrug, von Kunst und Scharlatanerie auf beunruhigende Weise diffus geworden ist.

„Ein Hungerkünstler“ ist ein Versuch aus dem Feld der Metaphern in eine Welt unbezweifelter Bewahrleitung zurückzukehren, wie das Paradies vor dem Sündenfall, vor der Spaltung von Zeichen und Körper darstellt.

„Unterscheidungen wie Allegorie und Symbol verlieren ihre Überzeugungskraft; die Bestimmungen des Komischen und des Tragischen reichen nicht aus, um eine Prosa zu deuten, von der man erst einmal sagen muß, ob sie wirklich oder überwirklich oder keines von beiden ist.“ (Benno von Wiese)

Das Phantastische scheint hier real und das Reale wiederum phantastisch: man kann eine Verwandlung der Wirklichkeit in Seelenwirklichkeit anerkennen.

Wie schon oben genannt, gab es Hungerkünstler in der Wirklichkeit, aber dieser ist so einmalig, daß er offensichtlich nur eine Metapher für eine geistige Aussage sein kann, die Kafka machen will.

Der Bericht ist in einem sachlichen Ton gehalten; die Sprache, seiltänzerisch, schwerlos, protokolliert nüchtern. So wird eine kühle Distanz zum Mitgeteilten geschaffen. Nirgends schaltet sich der Autor persönlich ein.

Normale Gegenstände begegnen uns hier seltsam verfremdet, als ob wir sie nicht kennten. Sie sind sinnlich und doch abstrakt, wirklich und auch wieder überwirklich, bizarr und grotesk, ins Unheimliche gesteigert. Dennoch hat diese verwandelte Welt etwas so Zwingendes, daß sie uns beim Lesen gar nicht so sehr als eine freie Schöpfung der Phantasie erscheint.

Kafkas Prosa demaskiert und enthüllt gleichsam unsere sogenannte reale Welt und ihre gesellschaftliche Wirklichkeit als grotesk, unwirklich und unwahr.

Die Erzählung stellt eine Metapher für den geistigen Willen dar, die vitale Existenz mit ihren notwendigen Bedürfnissen in der Freiheit seines Hungerspiels zu widerlegen. Die Paradoxie dieser Freiheit ist, daß sie nur im Käfig möglich ist.

Der Hungerkünstler stellt sich gegen die Gesellschaft, gegen eine Welt der Essen-Ordnung. Sein Kampf ist der Kampf der Eitelkeit des Ausnahmemenschen mit der Gleichgültigkeit der Menschheit.

Die groteske Metapher für den isolierten Durchbruch zum Geist in einer verfremdeten Welt, der die Sonderform menschlicher Existenz als transsozial verklärt, ist deutlich. Der Käfig symbolisiert diese Ausgeschlossenheit von der Gesellschaft.

Das Paradox ist die fehlende Emanzipiertheit: er will nicht unter dem Zwang der menschlichen Regeln leben, aber er kann nicht auf die anderen Menschen, das Publikum verzichten.

Kunst entsteht oft aus der innersten Lebensnot einzelner außergewöhnlicher Individuen, die sich nicht ihrer Umwelt anzupassen vermögen, weil sie Bedürfnisse in sich tragen, die von dieser Welt nicht gestillt werden können. Die einzige Möglichkeit mit der Gesellschaft in Kontakt zu bleiben, ist, sie zum Publikum zu machen. Der Erfolg ist allerdings abhängig von der Mode, und selbst die Früchte des Erfolges befriedigen den wirklich fanatischen Künstler nicht.

Die Leistung des Hungerkünstlers, die als Schaukunst dargestellt ist, ist eine Negativleistung: sein Fasten ist einen passiven Akt, also ein Paradox und sie kann auch nicht zum höchsten Punkt ankommen, weil die Hungerzeit wegen konkreten geschäftlichen Gründen beschränkt ist.

Obwohl seine Kunst ein Notstand ist, denn er hungert, weil er nicht die Speisen finden kann, die ihm schmecken, wird dieser stärkste Antrieb seines Wesens im Bereiche der Schaustellung seiner eigentlichen Richtung beraubt. Das Publikum, dem er sich zur Schau stellt, schreibt ihm die Bedingungen seines Hungers vor. Das Publikum ist das Gegenspieler des Hungerkünstlers; nur die Kinder nehmen ihn ernst.

Es ist die Welt des Unverstandes, es raubt die Kunst, weil sie sie nur als Spaß und Vergnügen verkonsumiert. Der Impresario, Vertreter der Wirklichkeit, ist der Vermittler dieser Vergnügungsindustrie, die den Hungerkünstler unzufrieden läßt.

Als er schließlich seinem innersten Antrieb nach endlosem Hungern folgen und sein Streben verwirklichen kann, wodurch ja erst beides in einem vollen Umfang und in seinem Ziel für die Öffentlichkeit sichtbar wird, da entschwindet er paradoxerweise den Blicken der Welt.

Benno von Wiese hat zwei Phasen dieser hungerkünstlichen Geschichte ermittelt: in der ersten Phase konnte eine so exzentrische Gestalt noch Erfolg haben, freilich nur auf Grund völligen Mißverstandenseins. Dieser Erfolg bleibt jedoch zeitlich begrenzt: er ist der Reale unterworfen.

In der zweiten Phase hat der Hungerkünstler die Chance sein Hungern unbegrenzt fortzusetzen und auf den Impresario, den täuschenden Vermittler zum Publikum zu verzichten, als er von einem Zirkus engagiert (und vergessen) wird. Aber er bezahlt diese Chance mit völliger Erfolgslosigkeit.

In ihm wird letzlich Kultur durch Natur überschrieben, als er von einem jungen, lebendigen und kräftigen Panther ersetzt wird.

[...]

Details

Seiten
6
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638447607
ISBN (Buch)
9783656850168
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47922
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Germanistik
Note
bestanden
Schlagworte
Franz Kafkas Erzählungen Hungerkünstler Körper Sprache Schrift Einverleiben Hungern

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Titel: Franz Kafkas Erzählungen "Ein Hungerkünstler"