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Der Stadtteil St. Georg im Wandel - Veränderungen im Wohnquartier aus der Sicht zweier Stadtteil-Vereine

Magisterarbeit 2004 120 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

1 Einleitung
1.1 Großstadt Volkskunde
1.2 Kultur und Alltag
1.3 Methoden der Volkskunde

2 Die Geschichte St. Georgs
2.1 Die Gründung St. Georgs
2.2 Der Namenspatron
2.3 Vor den Toren Hamburgs
2.4 Vorstadt St. Georg
2.4.1 Die Torsperre
2.4.2 Der große Brand
2.4.3 Stiftungen, Wohltätigkeitseinrichtungen und das Krankenhaus St. Georg
2.5 Der Stadtteil St. Georg
2.5.1 Die Eingliederung St. Georgs nach Hamburg
2.5.2 Die Umwandlung des Borgesch vom Zimmermannsplatz zum mittelständigen Wohnquartier
2.5.3 Die Verkehrsituation in St. Georg von etwa 1850 bis heute
2.5.4 St Georg wird Bahnhofs- und Vergnügungsviertel
2.5.5 St. Georg bis zum Ende des 2. Weltkriegs
2.5.6 Die Nachkriegszeit bis in die 60 er Jahre
2.5.7 Das Alsterzentrum und die weitere Entwicklung
2.5.8 Das heutige Bild des Stadtteils St. Georg

3 Gentrification: Die Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete
3.1 Die Gentrification, Phase 1 bis 4
3.2 Folgen der Gentrification
3.3 Übertragung der Phasen 1 bis 4 auf das aktuelle Untersuchungsgebiet St. Georg
3.4 Fazit

4 Überprüfung der ersten Frage der Einleitung anhand der vorangegangen Kapitel

5 Empirische Untersuchung im Stadtteil St. Georg
5.1 Der Bürgerverein zu St. Georg von 1880 RV
5.2 Der Einwohnerverein St. Georg von 1987 e.V
5.3 Auswertung und Interpretation der Interviews
5.3.1 Bilder von St. Georg
5.3.2 Zentrum und Peripherie
5.3.3 Menschen des Stadtteils
5.3.4 Veränderungen im Stadtteil und deren Bewertung
5.3.5 Zur Bewertung der Stadteilberichterstattung in den Medien
5.3.6 Die Vereine, Mitglieder, Schwerpunkte und Konkurrenz

6 Schlussbetrachtung

7 Verzeichnisse
7.1 Literaturverzeichnis
7.2 Verzeichnis der Zeitungen und Zeitschriften

Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Arbeit, die sich mit dem Stadtteil St. Georg in Hamburg auseinandersetzt, soll folgende Fragen mit Hilfe historischer, wie auch empirischer Untersuchungen beantworten:

1. Kann man bei der heutigen Entwicklung im Stadtteil St. Georg von einer gewachsenen, im Laufe der Geschichte entstandenen Entwicklung sprechen ?
2. Besteht bei den Bewohnern von St. Georg ein Ortsbewußtsein? Haben die Stadtteilbewohner ein Selbstverständnis hinsichtlich der eigenen Geschichte und Kultur?
3. Gibt es im Stadtteil eine spezifische Stadtteilkultur?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist eigens eine Einordnung in das Forschungsgebiet Stadtvolkskunde erforderlich, eine Definition des Kultur- und Alltagsbegriffs sowie die Vorstellung der in dieser Arbeit verwendeten Methoden.

1.1 Großstadt Volkskunde

Die Hinwendung der Volkskunde zum Forschungsgebiet Großstadt verlief seit den 1920er Jahren langsam und mit großer Skepsis. Die Vorstellung der unterschiedlichen Ansatzpunkte hinsichtlich dieses Forschungsgegenstandes kann hier nicht geleistet werden. Dennoch soll hier auf das 1999 von Thomas Hengartner publizierte Buch: "Forschungsfeld Stadt. Zur Geschichte der volkskundlichen Erforschung städtischer Lebensformen" verwiesen werden. In diesem Buch wird die wissenschaftsgeschichtliche Verortung des Themenfeldes Stadt in der Volkskunde erörtert und ein ausführlicher forschungsgeschichtlicher Abriss geliefert. Außerdem folgt im zweiten Teil der Blick auf Modelle, Überlegungen und Zugänge zum Thema Stadt. Der letzte Teil befasst sich mit den Untersuchungsansätzen in der volkskundlichen Stadtforschung. Im Ausklang werden neueste Denkansätze kurz skizziert.[1]

Diese Arbeit konzentriert sich auf die Betrachtung eines Stadtviertels. Damit wird nicht eine ganzheitliche Sichtweise auf die Stadt geleistet, sondern ein Teilbereich herausgegriffen. Dennoch wird immer auch die Beziehung des Viertels zur Stadt thematisiert. Zuerst soll eine Definition des Begriffs Stadtviertel vorangestellt werden:

"Stadtteile (Quartiere) sind historisch gewachsene und/ oder administrativ ausgegrenzte Siedlungs- und Verwaltungseinheiten, deren Bewohner ein mehr oder minder entwickeltes Raum- und Zugehörigkeitsbewusstsein aufweisen. 'Echte' (und nicht nur rein administrative) Stadtteile strukturieren sich sozial, ethnisch, wirtschaftlich, baulich in charakteristischer Weise und unterscheiden sich so."[2]

Bei der Erforschung der städtischen Begebenheit kann, laut Lehmann, auf die erprobten volkskundlichen und auch auf die soziologischen Arbeitsmittel zurückgegriffen werden. Allerdings ist die Einbettung in größere gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge zu beachten.[3] Dies wird neben dem historischen Rückblick in dieser Arbeit geleistet. Dabei geht es außer der kulturellen Aneignung des Raumes und der sozialen Ausgestaltung auch um andere Dinge. Das speziell Urbane im Leben des Quartiers muss anhand der historischen Prägung herausgearbeitet werden. Die Erkennung des Dorfes in der Stadt greift zu kurz.

Dennoch scheint eine Übertragung des von Lehmann aus einer Gemeindestudie 1977 entwickelten 'Ortsbewußtseins' auf das Forschungsfeld St. Georg möglich. Ortsbewußtsein wird hier folgendermaßen definiert: Ortsbewußtsein, Ortsbezogenheit oder örtliche Identität bedeutet, dass Menschen den Wohnort als von anderen Orten abgehoben empfinden und sich mit den sozialen und räumlichen Gegebenheiten ihrer Gemeinde oder Teilgemeinde identifizieren.[4]

Hierbei geht Lehmann auf die prägende Umweltorientierung im primären Sozialisationsprozess und auf die durch die Begrenztheit des dörflichen Milieus entstehende sozio-ökologische Identität ein.

Die Rivalität, die zwischen zwei von Lehmann beschriebenen Gemeinden im Zuge einer Gemeindereform zu Tage trat, wurde zum Symbol des Ortsbewußtseins der Gemeinden und damit zum Auslöser der Selbstdefinition.

In Vereinen sieht Lehmann eine wichtige Antriebsfeder für die Integration einer Gemeinde. Sie haben eine sozio-kulturelle Funktion, die darin besteht, Einzelwesen und Ortsgesellschaften zu verbinden und ein gemeindliches Wir-Bewusstsein zu festigen.

Bei der Beantwortung der Frage, ob die oben genannte Gemeindereform das Bewusstsein der Bewohner verändert hat, stellt Lehmann fest, dass die Reform wenig Auswirkung auf das Bewusstsein der Bevölkerung erzielt hat. Auf den alltäglichen Umgang der Bevölkerung mit der neu installierten politischen Gemeinde hat die Verwaltungsreform so gut wie keinen Einfluss. D.h., die Feste werden immer noch nach traditionellen Verwaltungsstrukturen ausgerichtet, so z.B. das Dorffest. Hierbei spielt der Verlust der kommunalen Autonomie keine Rolle.

Lehmann gibt im Resümee Untersuchungen an, die z.B. in Wuppertal oder Salzgitter, zu ähnlichen Beobachtungen geführt haben. Bei den von ihm vorgestellten Studien konnte keine Identifikation mit den neuen Verwaltungsstrukturen im Bewusstsein der alteingesessenen Bevölkerung festgestellt werden, obwohl die kommunalpolitische Vereinigung teilweise bereits ein halbes Jahrhundert vollzogen war.[5]

Interessant für diese Arbeit ist die Frage nach der Übertragbarkeit von Ortsbewußtsein auf das Untersuchungsgebiet dieser Arbeit. Mehrere Aspekte lassen eine Übertragung der Ergebnisse von Lehmanns Untersuchung auf St. Georg möglich erscheinen:

- St. Georgs historische Entwicklung begann als eigenständige, von Hamburg unabhängige Einheit und stand immer auch in einem Konflikt und Spannungsverhältnis mit der nahen Stadt.
- Diese historische Entwicklung könnte sich auf das Bewusstsein der Bevölkerung ausgewirkt haben.
- Das Bewusstsein der Bevölkerung könnte sich auch auf Teile der zuziehenden, bzw. im Stadtteil arbeitenden Bevölkerung übertragen haben. Dies könnte durch die Problemlagen des Viertels gefördert werden.
- Die im empirischen Teil befragten Vereinsmitglieder könnten sich einem gemeindlichen Wir-Gefühl angeschlossen haben, das durch die Vereinsaktivitäten gefördert wurde.

1.2 Kultur und Alltag

In dieser Arbeit soll dem erweiterten Kulturbegriff gefolgt werden. Helge Gerndt formuliert ihn folgendermaßen:

"Er umfasst die Gesamtheit menschlichen Symbolschaffens: materielle Gegenstände, Verhaltensnormen, Sprachgebilde, Glaubensvorstellungen, soziale Institutionen, Wertsetzungen. Kultur ist – genau besehen (die Striche sind unterschiedlich lang) unsere gesamte Wirklichkeit im Spiegel des menschlichen Bewusstseins"[6]

oder anders von Fredric Jameson formuliert:

"[...] Frühere Untersuchungen des kulturellen Raumes [...] haben auf dem bestanden, was sonst die 'relative Autonomie' des kulturellen Raumes heißt. [...] Die Auflösung eines autonomen Kulturbereichs kann [...] als Aufsprengung verstanden werden: als ungeheure Expansion der Kultur in alle Lebensbereiche, derart, dass man sagen kann, dass alles in unserem gesellschaftlichen Leben, vom ökonomischen Wertgesetz und der Staatsgewalt bis zu den individuellen Handlungs- und Verhaltensweisen und sogar bis zur psychischen Struktur, auf neuartige und bislang nicht theoretisierte Weise 'Kultur' geworden ist."[7]

Damit unterscheidet sich der erweiterte Kulturbegriff von dem bürgerlichen Kulturverständnis, das auf Literatur, Theater, Kunst und Musik beschränkt bleibt. Dieser eingeschränkten Sichtweise wird von heutigen Kulturwissenschaftlern ebenso wenig gefolgt wie der Gegenüberstellung von Natur und Kultur. Diese aus der Antike stammende Definition sieht in der Kultur eine von den Menschen bearbeitete und veränderte Natur. Auf eine vollständige Aufzählung der unterschiedlichsten Definitionen von Kultur muss in dieser Arbeit verzichtet werden.[8] Dennoch soll auf weitere Kulturdefinitionen hingewiesen werden, wie z.B. auf die Trennung von geistiger und materieller Kultur. Diese Trennung beinhaltet einen wertenden Kulturbegriff. D.h., es erfolgt eine Einteilung in höhere ,geistige, nicht auf den Erhalt der Existenz festgelegten Kultur und eine niedere, materielle, existenzsichernde Kultur. Diese Arbeit folgt, wie oben bereits benannt, einem sehr weit gefassten Kulturbegriff.

Bei dem Alltagskulturbegriff folgt diese Arbeit der Definition von Albrecht Lehmann:

"Die Normen, Wissensbestände, und Deutungsangebote, die den Menschen dabei helfen, ihr soziales Leben sinnvoll zu praktizieren, können als Alltagskultur bezeichnet werden."[9]

Das heißt, im Raum des "Alltäglichen" können wir die Orte und Situationen sozialen Erlebens beobachten.[10]

Beide Bereiche, Kultur und Alltag, haben in der aktuellen volkskundlichen Forschung einen wichtigen Stellenwert. Die Stadtvolkskunde ist ohne die Hinwendung zu beiden Bereichen nicht denkbar.

1.3 Methoden der Volkskunde

Die Methoden der Arbeit fußen auf der im Fach Volkskunde angewandten Kulturwissenschaftlichen Bewusstseinsanalyse. Diese stellt handelnde und erlebende Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei wird, von der Gegenwart ausgehend, das persönliche Erleben und Begreifen der Menschen hinsichtlich der eigenen Geschichte, der Geschichte des eigenen Milieus oder der allgemeinen Geschichte thematisiert.

Interdisziplinär liegt die Bewusstseinsanalyse im Schnittpunkt zweier sich ergänzender Bezugsrichtungen, zum einen in der volkskundlichen Biografie- und Erzählforschung und zum anderen in der neueren Erfahrungsgeschichte.[11] Die Hinwendung vom Objekt zum Subjekt in der volkskundlichen Forschung wird von Carola Lipp folgendermaßen beschrieben:

"Weg von Objektivationen hin zu den Menschen und ihren sozialen Beziehungen"[12]

Das heißt, wie Lehmann schreibt:

"'Subjektzentrierte' Fragen und Methoden – Fragen nach dem Bewusstsein der handelnden und erzählenden Frauen und Männer - stehen seither im Mittelpunkt bei der Erforschung der Alltagskultur."[13]

Die Quellen, mit denen gearbeitet wurde, wurden nach den Prinzipien der qualitativen Sozialforschung erhoben.

Im empirischen Teil der Arbeit wurde mit der Form des leitfadengestützten Interviews gearbeitet, eine Form des qualitativen Interviews. Bei der Form des leitfadengestützten Interviews wird auf vorformulierte Antwortvorgaben gänzlich verzichtet. Da bei dieser Arbeit ein eingegrenzter Katalog von Fragen und Themen zur Sprache kommt, wurde diese Form des Interviews gewählt. Nicht in Frage kam die Nutzung eines quantitativen Fragebogens, da damit die persönlichen Einstellungen der Menschen nicht hinreichend hätten ermittelt werden können. Eine Straffung und Vereinheitlichung der Gespräche konnte durch die Wahl dieses Interviewtyps erreicht werden. Dennoch wurde nicht starr und unflexibel mit dem Leitfaden gearbeitet, sondern die Reihenfolge der Fragen oftmals dem Gesprächsverlauf angepasst, verändert oder Fragen wurden weggelassen. Auf diese Weise konnten neue Problemfelder, die erst im Gesprächverlauf zum Vorschein kamen, integriert werden.[14] Die Erhebungsorte der Interviews wurden den jeweiligen Wünschen der Befragten angepasst. Dabei wurden Gespräche am Arbeitsplatz, in Privatwohnungen oder in Cafes oder Kneipen geführt. Die Fragestellungen sollten eine möglichst ungezwungene Artikulation der Interviewpartner ermöglichen. Nachfragen wurden in vereinzelten Fällen gestellt. Trotz persönlicher Eindrücke und Erfahrungen der Verfasserin, die in den Gesprächsverlauf eingebettet wurden, konnte insgesamt nicht die Situation eines privaten Gespräches erzeugt werden. Die Interviewsituation stand deutlich im Vordergrund und war sowohl den Befragten wie auch der Fragenden bewusst. Die Interviews wurden auf Kassettenrecorder aufgezeichnet.

Bezüglich der Handhabung der Transkription, wird auf das Kapitel 5 dieser Arbeit verwiesen. In den Kapiteln 5.3.1 bis 5.3.6 des empirischen Teils wurde bei der Interpretation der Belege (Belege = thematisch eingegrenzte Interviewpassagen) sowohl auf die Gesprächssituation wie auch auf das gesamte Interview zurückgegriffen. Außerdem wurde die soziale Einordnung des Informanten berücksichtigt. Die Situation der Erhebung wurde auch bei der Interpretation des Gesagten berücksichtigt, da hier eine reflektierte Version des Erlebten, die der kommunikativen Situation angepasst war, zum Vorschein kam. Diese Tatsache mindert nicht die Aussagekraft, muss aber in der Interpretation ihre Berücksichtigung finden.

Durch die Einbeziehung des jetzt folgenden historischen Teils wird der Blick auf die im Stadtteil vorhandenen Traditionen gerichtet, die Einfluss auf das Selbstverständnis der heutigen Bevölkerung genommen haben. Dies wird dann mit Hilfe des empirischen Teils überprüft. Beide Abschnitte, der historische und der empirische, sollen klären, ob die Bewohner ein Selbstverständnis für die Stadtteilkultur besitzen und ob man von Stadtteilkultur überhaupt sprechen kann.

2 Die Geschichte St. Georgs

Die Geschichte des heutigen Stadtteils St. Georg (Stadtteilkarte siehe S. 121) ist geprägt durch die unmittelbare Nähe zu Hamburgs Stadtmitte und die Einflussnahme der Hamburger Bürger auf dieses Gebiet. Im Laufe seiner Geschichte expandierte St. Georg bis ins heutige Hammerbrook hinein. In seiner jetzigen Form umfasst das Gebiet 1,84 km2. und gehört neben Finkenwerder, Waltershof, Steinwerder, Kleiner Grasbrook, St. Pauli, Neustadt, Hamburg (Altstadt), Klostertor, Borgfelde, Hammerbrook, Hamm (Süd/ Mitte/ Nord), Rothenburgsort, Horn, Billstedt und Billbrook, sowie Scharhörn, Nigehörn und Neuwerk zum Bezirk Hamburg Mitte.

Im Stadtteil wohnen um die 10 000 Bewohnerinnen und Bewohner, darunter viele Ausländerinnen und Ausländer (ca. 45 %). St. Georg nimmt in der aktuellen Statistik im Bereich Singlehaushalte für ganz Hamburg die Spitzenposition ein, und leidet verglichen mit dem restlichen Stadtgebiet unter einem erheblichen Mangel an Familien mit Kindern .

Nachfolgend soll ein kurzer Überblick über die Geschichte St Georgs gegeben werden. Dieser beschränkt sich auf einen kurzen, skizzenhaften Abriss der wichtigsten historischen Entwicklungen und Geschehnisse. Diese Betrachtungsweise nimmt Lücken in der Darstellung notwendigerweise in Kauf. Da der Schwerpunkt dieser Untersuchung in der empirischen Analyse des heutigen St. Georg liegt, muss die historische Rückschau lückenhaft bleiben.

2.1 Die Gründung St. Georgs

St. Georg (manchmal taucht auch die niederdeutsche Form von Georg = Jürgen, St. Jürgen, in der Literatur auf. Es handelt sich aber um das selbe Gebiet vor den Toren Hamburgs) wurde wahrscheinlich um 1192 von dem Grafen Adolf III von Schauenburg und Holstein gegründet. Auf dem jetzigen Gelände des St. Georgs Kirchhofs / Ecke Alstertwiete stiftete er ein Asyl für Leprakranke. Die Gegend war geprägt durch Wald, Sumpf- und Brachland mit einzeln verstreuten Äckern und Weiden. Das Asyl wurde in diese damals bewaldete, einsame Gegend vor den Toren Hamburgs gebaut, um die Ansteckungsgefahr für die Stadtbewohner Hamburgs gering zu halten. Das Heim wurde dem Heiligen St. Georg gewidmet und entwickelte sich zum Wallfahrtsort der Kreuzritter, die durch Zuwendungen eine Erweiterung des Anwesens förderten. Der Name des heutigen Stadtteils ist auf dieses Leprosenheim zurückzuführen, das in einer Schenkungsurkunde, des Grafen Adolf IV von Schauenburg, an die Priester von St. Georg, 1220 erstmals schriftlich erwähnt wird.[15]

2.2 Der Namenspatron

Bei dem Namenspatron des Lepraasyls vor den Toren der Stadt Hamburg handelt es sich nicht um eine historische Gestalt. Dennoch ist eine nähere Erläuterung der Georgslegende notwendig, um die Verehrung und das Engagement der Kreuzritter für das Asyl zu erklären. Demnach ist Georg ein hochgestellter Kriegsmann gewesen, der um 303 den Märtyrertod in Palästina erlitten haben soll[16]. Der Heilige St. Georg wird als Ritter, Drachenkämpfer und Märtyrer verehrt. Als Herkunftsland des Heiligen Georg wird Kappadokien[17] genannt und die Legende beschreibt sein Eintreten für den christlichen Glauben. Er soll unter König Diokletian[18] gefoltert worden sein und Gott vor seiner Hinrichtung um die Erhörung der Kranken und Siechen angefleht haben, die ihn als Fürbitter anrufen würden. Aus diesem Grunde wird er zu den 14 Nothelfer gezählt.

Seit dem 12. Jahrhundert wird der heilige Georg auch als Drachenkämpfer verehrt. Er soll durch den Kampf mit dem Drachen eine Stadt und eine Prinzessin gerettet haben.

Die Ritter und Adeligen verehrten den Heiligen Georg besonders während der Kreuzzüge. Dort erschien er als Anführer einer weißgekleideten Heerschar von Rittern gegen die Araber. Der heilige St. Georg wird seit dem 4. Jahrhundert in dieser Form verehrt. Er gilt seither als Schutzpatron der Aussätzigen und Kreuzfahrer.[19]

2.3 Vor den Toren Hamburgs

Das Leprosenheim lag etwa eine Viertelstunde zu Fuß vor den Stadtmauern im Osten der Stadt. Bis ins 16 Jahrhundert handelte es sich um das einzige Gebäude in diesem Vorstadtgebiet. Vorherrschende Westwinde sollten Gerüche und Ansteckungskeime von den Toren der Stadt fernhalten. Strenge Verhaltensvorschriften für die Siechen, die feierlich für tot erklärt wurden und spezielle Gewänder tragen mussten, regelten den Alltag in St. Georg. So durften die Aussätzigen unter keinen Umständen die Stadt betreten und mussten gesunde Boten für ihre Besorgungen ausschicken.

Anfangs wurde das Heim durch eine selbstverwaltete Bruderschaft mit geistigem Vorstand geführt, ging aber im 13 Jahrhundert in die Verwaltung des Rates der Stadt über. Es lebten etwa 15 bis 30 Leprakranke im Asyl, die freie Kost, Logis und Kleidung erhielten. Zusätzlich waren noch reiche Kranke untergebracht, die für eine bevorzugte Behandlung bezahlten. Als Personal lebten im Asyl der von der Stadt eingesetzte Hofmeister, aber auch Schreiber, Baumeister. Mägde und Knechte, Schweine- und Gänsehirten, Köche, Bäcker und Brauer. Außerdem gab es Korbträger, die mehrmals in der Woche Brote aus Hamburg für die Asylbewohner sammelten[20]. Anfang des 15 Jahrhundert war der Aussatz soweit zurückgedrängt, dass verarmte Frauen und andere Kranke in das Asyl aufgenommen werden konnten.

Seit dem 14./15. Jahrhundert ließen sich Händler und Handwerker in der näheren Umgebung des Hospitals nieder, da die Ansteckungsgefahr abnahm und die Bevölkerung Hamburgs stieg. Da St. Georg seit 1260 vor dem Großen Wall, der Verteidigungsanlage der Stadt, lag, war es Angreifern schutzlos ausgeliefert. Hamburg konnte von Osten nur über die zwei Stadttore, das Stein- oder das Spitalertor betreten werden. Diese wurden z.B. bei Sonnenuntergang, bei Bürgerschaftssitzungen und Feuer geschlossen und man konnte dann weder aus Hamburg heraus noch nach Hamburg hinein.

In der Zeit von 1554 – 1680 siedelten sich in St. Georg mehrere Betriebe oder Institutionen an, die in Hamburg keine Ansiedlungsgenehmigung erhielten oder vor die Tore der Stadt verlegt wurden. Dazu gehört der 1554 gebaute hölzerne Galgen, der auf dem Köppelberg[21] am Ende des Steindamms (im Volksmund als "Armesünderdamm" bezeichnet) in St. Georg errichtet wurde. 1565 wurde der hölzerne Galgen durch einen gemauerten ersetzt. In der Nähe des Galgens befand sich auch die Abdeckerei – "Schinderhoff", die von dem Henker mitbetrieben wurde, um die Beseitigung und Verwertung toter Tiere zu gewährleisten.

Außerdem lag seit 1564 das Galgenfeld (auch Armesünder- oder Seuchenfriedhof genannt) in St. Georg. Hier wurden die Gehenkten, die Armen und die Pestopfer beerdigt.

Die Gegend muss durch Galgen und Abdeckerei einer sehr starken Geruchsbelästigung ausgesetzt gewesen sein und das Gebiet wurde, gerade in den Abendstunden, gemieden. Der Galgen hatte seinen Standort in St. Georg bis 1804, danach wurde er nach Borgfelde verlegt[22].

Ab 1563 wurden zwischen dem Galgen und der heutigen Grützmacherstraße und dem Bäckergang Schweineställe errichtet, da diese in Hamburg per Rats- und Bürgerbeschluss wegen der anhaltenden Pest nicht mehr in der Stadt gehalten werden durften. Schon sehr früh entstand bei den Bewohnern St. Georgs der Wunsch, die Ställe wegen der anhaltenden Geruchsbelästigung in weiter entfernte Gebiete zu verlegen.

Etwa zur gleichen Zeit wie der Galgen und die Schweineställe wurde die Müllentsorgung in St. Georg errichtet. Bis 1807 befand sich der Gassenkummerplatz zwischen Ziegelhof und Bastion Nr. 3, danach wurde er in weiter entfernte Gebiete vor die Stadt verlegt.

Das Einsammeln der Abfälle wurde für kurze Zeit von Gefangenen vorgenommen, die sich vor den Dreckkarren, einen zweirädrigen Handkarren, spannen mussten und in den Gassen und Straßen den Unrat einzusammeln hatten. Später wurde diese Strafe abgeschafft und die Straßenreinigung wurde in der Folgezeit an Privatunternehmer verpachtet, die als Abgabe "Dreckkarrengeld" von der Bevölkerung erheben durften[23].

"Die Dreckwagen sind mit 3 Pferden bespannt. Der Unrath wird außerhalb der Stadt an dazu bestimmten Plätzen zusammengefahren und dort von Landleuten etc., die jede Fuhre mit 20 Schilling bis 2 Mark bezahlen müssen, abgeholt. ..."[24]

Die Pulvermühle befand sich an einem Teich auf dem Borgesch, der Weide in der Nähe des Steintors. Sie durfte nicht in Hamburg gebaut werden, da die Gefahr von Explosionen bestand. An diesem Standort wurde 1616 die Walk-, Pulver- und Steinmühle errichtet, die aber nur wenige Jahre später in die Luft flog und nicht wieder errichtet wurde.

1636 wurde an gleicher Stelle mit mäßigem Erfolg eine Ziegelei betrieben, die nach zwei Jahren bereits wieder aufgegeben wurde. Die Flächen wurden anschließend für Gärten, Wirtshäuser und Stallungen genutzt.

1642 entstand auf einer Landzunge der Außenalster eine Lohmühle, die zum Zermahlen von zerstampfter Baumrinde und Wurzeln für die Herstellung der Gerberlohe benötigt wurde. Der vorhergehende Standort an der Binnenalster musste wegen des hohen Wasserverbrauchs aufgegeben werden. Der vorherrschende Westwind an der Außenalster konnte die Windmühle an dem neuen Standort ungehindert antreiben. Die Lohmühle wurde bis ins 19 Jahrhundert an diesem Standort genutzt.

1682 wurden die Alsterwiesen begradigt und die neugewonnene Fläche wurde als Bleichwiese genutzt. Die feuchten Wiesen hielten bei dieser Form der Naturbleiche die Stoffe in einem feuchten Zustand und die Sonne zersetzte störende Farbanteile in den Stoffen. Die Bleichwiesen bestanden bis zum Ende des 18 Jh., danach wurden auch andere Bleichverfahren angewandt.[25] Seit 1483 sind Gartenvermietungen durch die Stadt Hamburg in St. Georg belegt. In diesen Gärten wurden Gemüse, Obst und Kräuter für den Eigenbedarf angebaut. Auf den Gartengrundstücken standen nur kleine Schuppen, da es für Hamburger nicht erlaubt war, vor den Toren der Stadt zu wohnen. 1548 schrieb der Senat dazu:

"Daß die Höfe auf dem Brook , vorm Schaarsteinweg , Millernthor, auch sonsten außerhalb Hamburgs von Niemand, der hier in der Stadt Hamburg wohnen, oder sich allhier nähren und bergen will, bewohnt werden."[26]

Etwa seit dem 16 Jahrhundert wurden die Gärten von den reichen Kaufleuten Hamburgs als Stätte der Erholung genutzt. Aus den reinen Nutzgärten entstanden Gärten, die der Erholung und Muße der lärmgeplagten Stadtbewohner dienten. Die Häuser wurden komfortabler und im Laufe der Zeit entstanden daraus respektable Sommerwohnungen.[27] 1794 wurde über St. Georg gesagt, es sei der Ort,

" wo viele hübsche Gärten und Alleen angelegt sind. Die Besitzer der Gärten um Hamburg wohnen größtentheils in der Stadt. Der thätige Geschäfts-Mann gewinnt jedoch nur an Sonntagen und in wenigen Stunden der Woche, so viel Musse, seine Sorgen beyseite zu setzen, um hier die Freuden des Umgangs mit seiner Familie und seinen Freunden, ruhig zu geniessen, und desto muthiger und gestärkter zu seinen häuslichen Geschäften zurückzukehren"[28]

2.4 Vorstadt St. Georg

Die Entwicklung St. Georgs vom freien Feld vor den Toren Hamburgs bis zur Vorstadt war von vielen Einflüssen geprägt. Dabei spielte u.a. die immer stärker zunehmende Bevölkerung St. Georgs eine große Rolle.

Um 1680 wurde St. Georg durch den Bau des Neuen Werks in die Festungsanlagen Hamburgs miteinbezogen. Die Anlage (mit Bastionen, Gräben und Toren) wurde in der Höhe des heutigen Allgemeinen Krankenhauses St. Georg gebaut. Die beiden Tore wurden Lübecker- und Berliner-Tor genannt. Durch die neue Befestigungsanlage, die den Kern St. Georgs schützte, wurde das Gebiet attraktiver und die Bevölkerungszahl nahm weiter zu.[29]

St. Georg wurde etwa um diese Zeit ein selbständiges Kirchspiel mit der Kirche des Hospitals St. Georg als Gotteshaus.

Die Aufwertung St. Georgs im Übergang vom 18 zum 19. Jahrhunderts wurde auch durch die vorherige Verlagerung verschiedener ungeliebter Institutionen, wie Abdeckerei und Hochgericht, erreicht. Die freiwerdenden Flächen standen anschließend für neue Bebauung zur Verfügung.

Im 18. Jahrhundert wurde von St. Georg immer wieder die Einbeziehung in die Stadt Hamburg gefordert. Diese Anträge wurden von der Stadt Hamburg jedoch immer wieder abgelehnt. Die Bodenpreise in Hamburg, die aufgrund der immer dichteren Besiedelung zunehmend gestiegen waren, wären durch die Veränderung im Gefüge des Stadtgebietes wieder gefallen.[30]

2.4.1 Die Torsperre

Die Akziselinie, d.h. der Wallring, diente als Zollgrenze und stellte die Haupteinnahmequelle Hamburgs dar. Auf sämtliche Waren, die durch die Tore in die Stadt gelangten, wurde eine Abgabe erhoben. Durch die Schließung der Tore nach Eintritt der Dunkelheit war St. Georg seit jeher nachts von Hamburg abgeschnitten. Dazu die Feuerordnung von 1626:

"Sobald es beginnt, finster zu werden, das man die Campagna (Die ländliche Umgebung) nicht mehr besehen kann, werden die Thore ganz geschlossen bis zum Morgen, wenn es helle geworden, daß man sehen konnte, wie es um die Stadt und Vestung beschaffen."[31]

Dies bereitete den Menschen z.B. dann Probleme, wenn die Arbeitsstätte in Hamburg, die Wohnung aber in St. Georg lag, oder brachte Reisende, die nach Anbruch der Dunkelheit vor den Toren der Stadt Hamburg ankamen, in Schwierigkeiten.

Außerdem hatte die Trennung auch politische Konsequenzen. Die Menschen St. Georgs waren den Hamburger Bürgern nicht gleich gestellt, sie hatten keine Bürgerrechte und durften nicht an Wahlen teilnehmen.

Am 13.09.1798 wird der nächtliche Torschluss durch eine mit Abgabe belegte Torsperre ersetzt.[32] Der sogenannte Sperrschilling ermöglichte den Tordurchgang während der Dunkelheit (und später während der ganzen Nacht) und stellte eine weitere Einnahmequelle für Hamburg und eine Erleichterung für die Bewohner Hamburgs und St. Georgs dar.

Nach 1800 wurde in Hamburg die Entfestigung der Stadt vorangetrieben. Die politische Lage Europas war geprägt von dem Machtkampf Englands mit dem napoleonischen Frankreich. Hamburg wollte durch die Entfestigung der Stadt ihren unbedingten Neutralitätswillen proklamieren, um sowohl mit Frankreich als auch mit England weiterhin in Handelsbeziehungen bleiben zu können. Die Entfestigung wurde nach 1800 begonnen. Tore, Brücken, Brustwehren und Außenwerke wurden abgetragen oder durch andere Bauten ersetzt. Die freiwerdenden Flächen wurden als Garten vermietet bzw. zu Parkanlagen umgestaltet. Bastionen wurden zu Aussichtspunkten für die Bürger Hamburgs.

1806 war die Neutralitätspolitik Hamburgs gescheitert. Während der Französischen Besatzung von 1810 bis 1814 verlor Hamburg seine Souveränität. Hamburg musste dadurch Einschränkungen in der Selbstverwaltung hinnehmen und die Bürger wurden durch zusätzliche Abgaben und Steuern belastet. Durch die französische Gebietsordnung wurde St. Georg zum ersten Mal ein Teil von Hamburg. Es gehörte bis zum Ende der Besatzung zum 1. Kanton des Arrondissement Hamburg im Departement der Elbmündung.[33] Während der Franzosenzeit wurde Hamburg auf Befehl Napoleons wieder zur Festung umgebaut. Wälle wurden wieder hergestellt und im Vorfeld der Wälle wurden Alleen und Häuser abgerissen, damit sich niemand unbemerkt der Stadt nähern konnte. Selbst die St. Georg-Kirche wurde fast zum Opfer dieser Umbauten.

Nach der Einquartierung der französischen Besatzungstruppen wurde etwa die Hälfte der Bürger St. Georgs aus dem Gebiet vertrieben und die Siedlung musste erhebliche Verwüstungen hinnehmen. Dadurch veränderte sich die soziale Zusammensetzung des Gebietes und viele wohlhabende Bürger wichen in andere Quartiere aus.

1830 erreichte St. Georg den Status der Vorstadt, die außer dem bisherigen Hospitalgelände auch die Landgebiete Hamm und Horn umfasste.[34] Mit dieser Neuregelung wurden die Vorstädter zwar Steuer- und Schutzgeldpflichtig, durften aber trotzdem keine Vertreter in politische Gremien entsenden. Dies änderte sich erst 1832/33. Jetzt wurden Bürger St. Georgs, die Landbesitz im Wert von 1000 Talern in der Stadt, oder 2000 Talern in der Vorstadt nachweisen konnten, in der Bürgerschaft zugelassen.[35]

2.4.2 Der große Brand

Am 5 Mai 1842 entwickelte sich in der Nacht ein Feuer, das unaufhaltsam bis zum 8. Mai 1842 in der Innenstadt Hamburgs wütete. 1750 Häuser und öffentliche Gebäude (z. B. das alte Rathaus und zwei Hauptkirchen) wurden vernichtet. Über 10 % der Bevölkerung Hamburgs wurde obdachlos. Die nordöstlich gelegene Strasse "Brandsende" zeigt heute in ihrem Verlauf und mit ihrem Namen die Ausdehnung des verheerenden Feuers an.[36] Der Wallring schützte St. Georg vor dem Brand und den Menschen gelang es, in Brand geratene Bäume, Häuser und andere brennende Teile zu löschen. Durch Funkenflug verursachte Kleinfeuer wurden bekämpft. Dies verhinderte u.a. ein Übergreifen des Feuers auf die Vorstadt.

Nach dem Brand waren ca. 20 000 Menschen in Hamburg obdachlos. In St. Georg entstanden in der Gegend vor dem Steintor und in Hammerbrook Hilfswohnungen in leichtem Fachwerkbau, die auf eine Funktionsdauer von 3 bzw. 25 Jahre angelegt waren.[37] Die Hilfswohnungen wurden zu einem festen, niedrigen Mietzins vergeben, um Mietwucher vorzubeugen. In der Zeit von 1831 bis 1849 entwickelte sich St. Georg-Nord von einem Viertel mit vornehmlich ärmeren Bevölkerungsschichten zu einem mittelständisch-kleinbürgerlichen Viertel. Dies hatte seine Ursache u.a. im Zuzug wohlhabender Familien nach dem großen Brand. Die Vorstadt St. Georg wurde als attraktiver Wohnstandort von den Hamburgern entdeckt und die Boden- und Wohnungsspekulation in der Vorstadt nahm allgemein zu. Um 1910 war St. Georg schon das viertteuerste Stadtviertel nach Harvestehude, Rotherbaum und Hohenfelde.

Nach dem großen Brand wurde eine Neuordnung des Hamburger Stadtgebiets und eine Veränderung der Verkehrwege in Angriff genommen. Durch neu angelegte Walldurchbrüche verbesserte sich die Verbindung der Vorstadt St. Georg mit der Hamburger Innenstadt.[38]

Eine administrative Neuordnung von 1832/33 teilte das Gebiet Hammerbrook neu auf. Der vordere Teil des Hammerbrook vom Deichtor bis zum Retranchement, das die Fortführung des neuen Werks darstellte und als einfache Wallanlage mitten durch den Hammerbrook bis zur Bille führte, gehörte seitdem zur Vorstadt St. Georg und war eher städtisch geprägt. Der andere Teil Hammerbrooks gehörte zu der Landherrenschaft Geesthacht und war ländlich ausgerichtet.[39] St. Georg-Süd wurde nach 1842 mit Hilfe des Bauschutts des großen Brandes aufgehöht und entwässert. Hier entstand eines der größten Arbeiterwohngebiete Hamburgs. Viele Bewohner kamen nach 1881 aus den aufgelösten Wohngebieten rund um die Katherinenkirche, die der Freihafenzone und der Speicherstadt weichen mussten. St. Georg-Süd blieb, anders als St. Georg-Nord, eines der günstigsten Stadtviertel Hamburgs.

1848 brannten die Bewohner St. Georgs aus Protest gegen die Torsperre und zur Unterstützung der Forderung nach einer überfälligen Organisationsreform das Steintor nieder. Während des traditionell in St. Georg abgehaltenen Lämmermarktes wurde das Steintor gestürmt, die Torflügel abgehängt, die Sperrmarken entwendet und unter die Leute gebracht und schließlich die Wachhäuser in Brand gesetzt. Außerdem wurde die Sperrglocke geläutet. Dieser Aufstand wurde kurze Zeit später durch Bürgermilitär und Feuerwehr niedergeschlagen.

2.4.3 Stiftungen, Wohltätigkeitseinrichtungen und das Krankenhaus St. Georg

In St. Georg wurde traditionell auf die Pflege und Versorgung von Armen, Alten oder Kranken großen Wert gelegt. Dies lag zum einem daran, dass in diesem Gebiet vermehrt ärmere Schichten wohnten, zum anderen jedoch daran, dass die Stadt Hamburg eine Fürsorgepolitik betrieb, die den Armen, Kranken und Alten im Innenstadtgebiet keine Wohn- und Versorgungsmöglichkeit zubilligte. Diese Ausgrenzung erklärt die Konzentration der mildtätigen Stiftungen und Krankenversorgungseinrichtungen im Vorfeld Hamburgs. Einige Einrichtungen St. Georgs werden nachfolgend skizzenhaft vorgestellt, da sie im Stadtteil zum Teil bis heute vertreten sind und die Toleranz und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung des Stadtteils bis heute mitgeprägt haben.[40]

Das Siechenhaus wurde Anfang des 15. Jahrhunderts, nachdem die Lepra zurückgedrängt war, zur Zuflucht für verarmte, alte Menschen. 1830 wurde der Grundbesitz des Siechenhauses an die Stadt Hamburg übertragen. Von der Entschädigungssumme entstanden Wohnungen, in denen bis zu 100 Frauen leben konnten. Das Siechenhaus bestand bis zum Jahr 1951 als selbständige Stiftung weiter und wurde danach von der Sozialbehörde verwaltet. 1973 wurde das Gebäude abgerissen.

Ebenfalls für verarmte Menschen entstand 1450 in der Nähe des Siechenhauses ein "Armewitwenhaus". Die Einrichtung wurde von den 4 Hamburger Kirchspielen getragen, um bedürftige Frauen aus den Gemeinden in St. Georg unterzubringen. Die Einrichtung bestand bis in das Jahr 1814.[41]

Von 1633 bis 1876 fand regelmäßig am ersten Donnerstag im Juli ein Umzug der Waisenkinder durch St. Georg statt. Das Waisenhaus wurde von privaten, freiwilligen Spenden finanziert und der Umzug diente dazu, die Einnahmen des Waisenhauses zu steigern. Diese Veranstaltung wurde "Waisengrün" genannt. Die Kinder gingen mit Büchsen oder grünen Schleifen durch die Straßen und sammelten Geld. Der Umzug endete immer in der Nähe des Steintors und es wurde getanzt, gegessen und gefeiert.

Es wurden im Durchschnitt um die 7000 Mark bei der Veranstaltung eingenommen. Der Umzug erfreute sich bei den Hamburgern großer Beliebtheit.[42]

1823 wurde in St. Georg das Allgemeine Krankenhaus mit über 1000 Betten fertiggestellt. Dieses Krankenhaus war der Ersatz für den Pesthof am Millerntor, der 1818 von den Franzosen zerstört worden war.[43]. Das AK St. Georg verfügte über Wasserleitungen, Kanalisation und Wasserklosetts. Das Krankenhaus wurde in Abteilungen und Krankensäle aufgeteilt und von Wärtern und Ärzten betreut. Es gehörte damit seinerzeit zu einem der modernsten Krankenhäuser Deutschlands.[44]

1832 wurde von der Diakonisse Amalie Sieveking (1794 – 1859) der "Weibliche (Sieveking'sche) Verein für Armen und Krankenpflege in Hamburg" gegründet. Die Erfahrungen, die Amalie Sieveking während der Cholera-Epidemie machte, bewogen sie dazu, diesen Verein zu gründen. Es entstanden Armenwohnungen, die noch heute in der Stiftstraße in St. Georg bestehen und von der Amalie-Sieveking-Stiftung verwaltet werden. Außerdem besuchten die Mitglieder die Armen zu Hause und unterstützten sie mit Naturalien oder anderen Hilfestellungen wie Arbeitsbeschaffung u.ä.[45]

2.5 Der Stadtteil St. Georg

Im nachfolgenden Text wird hauptsächlich die Entwicklung des Stadtteils St. Georg- Nord (der heutige Stadtteil St. Georg) aufgezeigt und auf das Gebiet Hammerbrook (früher St. Georg- Süd) nur am Rande eingegangen. Dies ist notwendig, da der heutige Stadtteil St. Georg den Schwerpunkt dieser Untersuchung darstellt.

2.5.1 Die Eingliederung St. Georgs nach Hamburg.

Am 31. 12.1860 wurde dank einer Verfassungsneuordnung die Torsperre abgeschafft.

Am 01.08.1868 wird St. Georg Stadtteil von Hamburg und:

"Die Bewohner des Kirchspiel St. Georg werden den Bewohnern der übrigen Kirchspiele der Stadt in Rechten und Pflichten gleichgestellt"[46]

St. Georg wird als gleichberechtigtes Kirchspiel anerkannt, die Aufgaben des Patrons gehen auf die städtischen Behörden über und St. Georg ist nun endlich Stadtteil von Hamburg. Damit sind die jahrzehntelangen Bemühungen der Einwohner St. Georgs nach politischer Teilhabe und Gleichstellung endlich von Erfolg gekrönt. Der neue Stadtteil brachte für Hamburg einen wichtigen Landgewinn mit sich. Die Stadt wurde etwa um die gleiche Fläche erweitert, die sie innerhalb des Wallrings einnahm. Die industrielle Entwicklung, die Landflucht und die Verbesserung der Nahverkehrsmittel trugen dazu bei, dass St. Georg dichter bebaut und besiedelt wurde .

Durch diese Einbindung St. Georgs in das Stadtgebiet veränderte sich die Struktur des Stadtteils entscheidend. Schon seit der Öffnung der Tore und später durch den Anschluss an Hamburg wurde St. Georg immer dichter bebaut. Fachwerkhäuser dominierten das Erscheinungsbild des Viertels, aber auch mehrgeschossige Häuser entstanden. Die Einfamilienhäuser waren oft mit einem im Erdgeschoss befindlichen Ladengeschäft versehen. Bei den mehrstöckigen Häusern wurden über dem Erdgeschoss, in dem meist der Eigentümer oder wohlhabende Mieter wohnten, sogenannte "Sähle" eingerichtet. Hier wohnten, nur durch Bretter abgetrennt, mehrere Familien in einem Geschoss. 1811 waren bei 566 Häusern 313 "Sähle" verzeichnet. Außerdem wurden Buden, kleine Häuser mit Erd- und Dachgeschoss, bei denen die Wasserstelle und die Toilette für mehrere Parteien auf dem Hof untergebracht waren und Keller als billiger Wohnraum genutzt. 1811 wurden hier 525 Buden und 10 Keller gezählt. Nach dem großen Brand nahm die Zahl der Steinbauten zu. Die Grundstücke konnten besser genutzt werden und die Miethäuser wurden zur Kapitalanlage und brachten Gewinn.[47] Nach und nach wurden die Fachwerkhäuser durch größere Mietshäuser ersetzt. Vor allem die Hinterhofbebauung war typisch für St. Georg. Die Hinterhofgebäude waren zum Teil so dicht aneinandergebaut, dass kaum Tageslicht in die Erdgeschosswohnungen dringen konnte. Dieser Missstand wurde erst 1882 durch eine Bauverordnung beseitigt. Diese Verordnung legte Grenzabstände in den Wohnhöfen fest.

2.5.2 Die Umwandlung des Borgesch vom Zimmermannsplatz zum mittelständigen Wohnquartier.

Bei dem Borgesch, der Bürgerweide, handelte es sich um ein Gebiet, das von der Kirchenallee bis zur Danziger Straße und von der Soesterstraße bis zum Steindamm reichte. Diese gemeinschaftlich genutzte Fläche, die 1361 erstmals schriftlich erwähnt wurde, stand den Bürgern als Viehweide zur Verfügung. Auf diesem Platz befand sich seit 1483 ein Grundwasserbrunnen zur Wasserversorgung von Teilen der Vorstadt.[48] Spätestens seit 1644 wurde der Borgesch von Zimmerleuten als Arbeitsort und Holzlager genutzt.

"Nahe der Allee zersägten zwei Männer einen Baumstamm zu Brettern.[...] Die Leute arbeiten hier auf einem Platz, den der Rat dem Amt der Zimmerer abgetreten hatte. Er wurde Borgesch genannt."[49]

Der Borgesch wurde mit der Zeit auch zum Wohnquartier der Zimmerleute. Im Jahr 1738 wurde in einem Vergleich der Kämmerei mit dem Amt der Zimmerleute eine jährliche Pacht vereinbart, da auf diesem Gebiet außer Holzlagerplätze auch Gärten und Lusthäuser entstanden waren. Der Borgesch entwickelte sich bis 1873 zum Lager- und Arbeitsort für die Zimmerleute mit Wohnhäusern und Gärten.[50] Mit der Zeit änderte sich die Zusammensetzung der Bewohner maßgeblich. Ein Bericht von 1868 registriert die Veränderungen folgendermaßen:

"Anstatt der zum Schutz gegen die Witterung dienenden und von der Kammer zugelassenen Gartenhäuschen, weist das Adressbuch jetzt 61 zum Theil stattliche Wohnhäuser nach , und in dieser Beziehung seiner früheren allein rechtmäßigen Bestimmung entfremdet ist, das mögen einige Notizen aus dem Ausschusse vom statistischen Bureau der Steuer-Deputation erteilten offiziellen Zusammenstellung lehren. Die Zahl der den Borgesch bewohnenden Personen beträgt nach der letzten Zählung 416 (211 männliche, 205 weibliche); die Zahl der Haushaltungen im ganzen 78, darunter dem Zimmeramt angehörend nur 18 oder 23 % mit 95 Individuen oder 22,8 % der Gesammtzahl" Unter den übrigen 321 sind die meisten Gewerbe und Berufsarten des städtischen Lebens vertreten [...]"[51]

Es folgt eine Aufzählung von dort ansässigen Berufsarten von A wie Agenten bis Z wie Zimmergesellen. Außerdem werden noch die dort ansässigen Betriebe aufgezählt, wie z.B. eine Asphaltfabrik, eine Kalk- und Pfannenhandlung und Lackierwerkstätten. In der Bürgerschaft wurde immer vehementer für eine Räumung des Platzes plädiert. Außer der möglichen Gefährdung der Umgebung durch die Feuergefährlichkeit des Platzes wurden als Gründe folgende Anmerkungen in der Bürgerschaft gemacht:

"Eine schon so dicht bebaute und in jedem Betracht großstädtisch gewordene Gegend hat ... den unläugbaren Anspruch, daß ihre naturgemäße Entwicklung nicht durch eine so mißgestaltete Reminiscenz an die in der Vorzeit legitimen Bürger-Viehweiden und dazugehörigen Schweineteiche ferner gestört werde. Wäre diese Fläche Privateigentum, so hätte die solideste Spekulation sie längst mit öffentlichen Straßen durchzogen und ... Wohnhäuser errichtet, wie wir es während der letzten 50 Jahre überall in der ehemaligen Vorstadt geschehen sahen."[52]

Im April 1873 hatte die Bürgerschaft mit der Hanseatischen Baugesellschaft einen Kaufvertrag für das 50 000 qm große Gebiet über 1 ½ Millionen Mark abgeschlossen. Als Gegenleistung für die niedrige Kaufsumme musste sich die Baugesellschaft bereit erklären, Straßen, Gasleitungen, Siele und Beleuchtungen zu realisieren. Diese sollten zwei Jahre nach dem Bau in Staatsbesitz übergehen. Den Zimmerern sollten Ausweichflächen für die Holzlagerung auf dem Hammerbrook zur Verfügung gestellt werden. Damit war die Räumung des Platzes beschlossene Sache. Im April 1873 wurde den Zimmerleuten und den anderen Bewohnern des Platzes eine sechsmonatige Frist zugestanden, ein anderes Wohnquartier zu beziehen und das Hab und Gut zu verlagern. Eine finanzielle Entschädigung wurde seitens der Stadt nicht geleistet und Verlängerungen der Frist nicht geduldet.[53]

Die Fläche des Borgesch wurde einzeln an Privatbesitzer verkauft und es entstanden fünfstöckige Mietshäuser mit Renaissancefassaden. Die Straßen wurden 1875 der Stadt Hamburg übergeben. Außerdem sicherte die Baugesellschaft den Bau eines repräsentativen Brunnens zu. 1893 war der frühere Borgesch nun endgültig zum Hansaplatz geworden und die Bebauung abgeschlossen. Der solide Mittelstand zog in das neu gestaltete Gebiet. Der prachtvolle Hansabrunnen wurde 1878 eingeweiht.

Von den gründerzeitlichen Häusern sind heute nur noch die Süd- und Westseite erhalten, da die Bauten der Nord- und Ostseite bei den Bombenangriffen des zweiten Weltkriegs vollständig zerstört wurden. Durch die Neubebauung entstanden die vom Hansaplatz sternförmig abgehenden sieben Straßenzüge von der Baumeisterstraße bis zur Ellmenreichstraße.

2.5.3 Die Verkehrsituation in St. Georg von etwa 1850 bis heute.

Die Entwicklung des Verkehrs in St. Georg vollzog sich in raschen Schritten. Was mit den ersten Pferdeomnibussen in den 40er Jahren des 19 Jahrhunderts am Steindamm Richtung Barmbek, Wandsbek, Hamm und Horn begann, wurde zügig weiterentwickelt. Eine Pferdeomnibusverbindung von St. Georg durch die Stadt nach Altona war ebenfalls vorhanden. 1860 wurden die Omnibusse durch Pferdebahnen auf Schienen ersetzt. Die Pferde wurden von den Dampfloks und diese später wieder durch die elektrische Straßenbahn verdrängt. Die Schwerpunkte des im Laufe der Jahre immer weiter ansteigenden Individualverkehrs lagen in der Langen Reihe, auf dem Steindamm, An der Alster und um den Hansaplatz.

Heute ist St. Georg durch den Individualverkehr stark belastet. Alleine auf der Straße "An der Alster" durchqueren ca. 80 000 Fahrzeuge täglich den Stadtteil. Aber auch die Lange Reihe und die Straßen Steindamm, Adenauerallee und Besenbinderhof sind Durchgangsstraßen mit sehr hoher Verkehrsbelastung. Neben den vielen Menschen, die den Stadtteil mit dem PKW durchqueren, kommen die Besucher hinzu, die gezielt den Stadtteil per PKW aufsuchen, um dort z.B. zu arbeiten, einzukaufen oder Essen zu gehen. Parkplatzprobleme sind in St. Georg ein Dauerzustand und die Versuche, die Belastung für die Bewohner des Viertels erträglich zu gestalten, ungezählt.

Aber auch der Eisenbahnverkehr wurde in St. Georg gebündelt und die Entwicklung mündete in den Bau des Hauptbahnhofs. Folgende Bahnhöfe lagen in St. Georg: Der Berliner Bahnhof, der 1842 eröffnet wurde und die Strecke nach Bergedorf und später nach Berlin bediente, und der Klostertorbahnhof, der ab 1866 zum Startpunkt für die Strecke nach Lübeck wurde und später über die Lombardsbrücke per Verbindungsbahn mit Altona verknüpft wurde. Durch die Ansiedlung dieser Bahnhöfe entstanden in St. Georg die ersten größeren Hotels und die Straßen wurden gepflastert gebaut und verbreitert.[54]

2.5.4 St Georg wird Bahnhofs- und Vergnügungsviertel

Der Bau des Hauptbahnhofs, der im Dezember 1906 fertiggestellt wurde, brachte bauliche und andere die Entwicklung des Stadtteils bis heute prägende Einschnitte und Änderungen. Um den Bau des Hauptbahnhofs zu realisieren, mussten 1901 neben Gebäuden und Grünanlagen auch die beiden Friedhöfe von St. Jacobi und St. Georg weichen. Die Gräber wurden auf den Zentralfriedhof Ohlsdorf verlegt.

Durch den Bau des Hauptbahnhofes entstanden im Laufe der Zeit verschiedenste Beherbergungsbetriebe. Viele bis heute namhafte Hotels wurden nach Fertigstellung des Bahnhofs gebaut, so z.B. 1909 das Atlantikhotel an der Alster und 1910 der Reichshof in der Kirchenallee. Außerdem entstanden große Büro- und Geschäftshäuser, wie z.B. das Bieberhaus oder das Hauptpostamt am Hühnerposten. Während die Südseite des Hauptbahnhofs mit den Kontorhäusern im Umfeld der 1911 neu entstandenen Mönckebergstraße zur Büro- und Einkaufgegend wurde, nahm die Nordseite eine völlig andere Entwicklung. St. Georg machte hier St. Pauli Konkurrenz und wurde zum Vergnügungsviertel.

Die Zahl der Gastwirtschaften mit Brandtweinausschank stieg in der Zeit von 1898 – 1912 von 137 auf 219. Die Lokale wurden in der Nähe zum Hauptbahnhof eröffnet, z.B. das „Max & Consorten“ am Spadenteich (1896 als Destille gegründet und noch heute Teil der vielfältigen Kneipenszene St. Georgs) Oder das Cafe Savoy, das am Steintorplatz entstanden war. Außerdem befanden sich im Bieberhaus das große "Biebercafe", eine Herrenbar, eine Weinstube und ein Kabarett. Im heutigen Blockhaus in der Kirchenallee befand sich das Varieté Bocaccio mit einem großen Tanzsaal.

Der Steindamm wurde zur Flaniermeile und zum Vergnügungszentrum des Viertels, das neben Hotels und Lokalen auch Geschäfte beherbergte. Der 1539 als Verbindungsstraße zwischen Stadtgebiet und Eilbek/Farmsen geschaffene "Steindamm" (= gepflasterte Straße) wurde von der ländlichen Vorstadtstraße zur städtischen Verkehrstraße. Immer mehr Menschen zogen bevorzugt an den Steindamm, da von hier die Verbindung nach Borgfelde und dem Hammerbrook gegeben war.

Nach dem Umbau des Borgesch begann in St. Georg eine rege Bauphase. Viele Fachwerkhäuser auf dem Steindamm wichen Etagenhäusern, die bis zu fünf Geschosse vorwiesen. Der Steindamm war jedoch immer auch Wohnstrasse, da über den Geschäften im Erdgeschoss fast ausschließlich Wohnungen lagen. Der soziale Status der Mieter war recht hoch und es ließen sich viele mittlere und höhere Beamte, Geschäftsinhaber und Ärzte in dieser Wohngegend nieder.

" Die sogenannte schöne Welt suchte sich immer ihres gleichen; man fand sie nur in den prächtigen Alléen vor dem Steinthor, an dessen Seite zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die diplomatische, große, reiche Welt ihren Corso in Carossen gehalten hatte"[55]

Nach dem Bau des Hauptbahnhofs allerdings begann das Gewerbe, die Wohnraumnutzung zu verdrängen. 1926 wurde das Klockmannhaus umgestaltet und war jetzt ausschließlich Geschäfts- und Bürobau. Der Steindamm war bis 1943 eine bedeutende Einkaufsstraße in Hamburg (ähnlich wie die Mönckebergstraße) und Hauptstraße des Stadtteils.

Der Steindamm hatte zu dieser Zeit viele beliebte Lokale zu bieten: z.B. das Haus "Siegler" mit Varieté, Cafe, Bar und Tanzlokal, oder das "Grand Café Central" bzw. das "Felbers Wiener Café". Außerdem wurden nach dem Bahnhofsbau viele neue Restaurants aufgemacht, wie z.B. das erste Automatenrestaurant "Quisisana" am Steindamm.

Auch die Theaterszene wurde durch den Bau des Bahnhof beflügelt . Die Gründung des 1894 am Steindamm gebauten "Hansatheaters", das 1900 eröffnete "Deutsche Schauspielhaus", oder das umgebaute "Tivoli", das 1918 zu den "Kammerspielen" wurde, sind nur wenige berühmte Beispiele für diesen Trend. Aber auch viele Kinos waren Teil der lebendigen Kulturszene dieser Zeit, z.B. das "City-Theater" im Bieberhaus oder das "Atrium" in der Langen Reihe".[56] Diese Entwicklung wurde durch das gewaltige Menschenaufkommen am Hauptbahnhof gefördert. 1907 fuhren allein 407 Züge täglich vom Hauptbahnhof ab, und im gleichen Jahr nahm die jetzige S-Bahn zwischen Ohlsdorf und Altona ihren Betrieb auf. Außerdem wurde 1912 die Hochbahn eröffnet. Ca. 80 000 Menschen wurden täglich in und um den Hauptbahnhof registriert.[57]

[...]


[1] Hengartner, Thomas: Forschungsfeld Stadt. Zur Geschichte der volkskundlichen Erforschung städtischer Lebensformen, Berlin, Hamburg 1999.

[2] Hugger, Paul: Volkskundliche Gemeinde- und Stadtteilforschung, in: Grundriss der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der europäischen Ethnologie. Hg: Brednich, Rolf W., Berlin 1994, S. 274.

[3] Lehmann, Albrecht: Die Entwicklung in der gegenwärtigen volkskundlichen Stadtforschung und die laufenden Arbeitsvorhaben. In: Heft 2 des Deutschen Instituts für Urbanistik. Informationen zur modernen Stadtgeschichte. Berlin 1982,S. 17 – 22, vgl: Hugger, Paul: Volkskundliche Gemeinde- und Stadtteilforschung, in: Grundriss der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der europäischen Ethnologie. Hg: Brednich, Rolf W., Berlin 1994. S.280.

[4] Vgl: Lehmann, Albrecht: Ortsbewußtsein in einem Arbeiterdorf. Einflusse der Gemeindereform, in: Gemeinde im Wandel. Volkskundliche Gemeindestudien in Europa, Hg.: Wiegelmann, Günter, Münster 1979, S. 174 f.

[5] Vgl: ebenda, S. 173 ff.

[6] Gerndt, Helge: Studienskript Volkskunde. Eine Handreichung für Studierende, München 1992, S. 35.

[7] Jameson, Fredric: Postmoderne – Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus, in: Marx, Wolfgang: Wann ist Kultur?, in: Die Standortpresse. Kulturwissenschaften in der Standortdiskussion, Hg: Fellhauer, Sophie/ Grauel, Ralf / Matthiessen, Jens, Hamburg 1995. S. 38.

[8] Zur Ergänzung wird auf den Text von Wolfgang Marx (1995), S 25-38, hingewiesen, der einen Überblick auf die verschieden Kulturbegriffe liefert.

[9] Lehmann, Albrecht: Vom Verstehen des Selbstverständlichen. Fragestellungen und Methoden der Volkskunde, in: Die Standortpresse. Kulturwissenschaften in der Standortdiskussion, Hg: Fellhauer, Sophie/ Grauel, Ralf / Matthiessen, Jens, Hamburg 1995, S. 87.

[10] Vgl: Kaschuba, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie, München 1999, S. 115.

[11] Vgl: Lehmann, Albrecht: Bewusstseinsanalyse, in: Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie, Hg.: Göttsch, Silke/Lehmann, Albrecht, Berlin 2001, S.233 f.

[12] Lipp, Carola: Alltagskulturforschung im Grenzbereich von Volkskunde, Soziologie und Geschichte, zitiert bei: Lehmann, Albrecht: Bewusstseinsanalyse, in: Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie, Hg.: Göttsch, Silke/Lehmann, Albrecht, Berlin 2001, S. 234.

[13] Lehmann, Albrecht: Bewusstseinsanalyse, in: Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie, Hg.: Göttsch, Silke/Lehmann, Albrecht, Berlin 2001, S.235.

[14] Vgl: Schmidt-Lauber, Brigitta: Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens, in: Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie, Hg.: Göttsch, Silke, Lehmann Albrecht, Berlin 2001, S. 176.

[15] Vgl. Joho, Michael: Vom Lepra-Asyl zum Stadtteil. St Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 28.

[16] Bautz, Friedrich Wilhelm: St. Georg, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band II, Spalte 208-209.

[17] "Kappadokien: im Altertum das mittlere und obere Halysland zwischen Taurus Schwarzen Meer, im östlichen Kleinasien". Aus: Bertelsmann Lexikon, Band 5, Gütersloh, Berlin, München, Wien 1973, S. 223.

[18] Diokletian: Gaius Valerius Diocletian war von 284- 305 römischer Kaiser in Dalmatien. Vgl: Bertelsmann Lexikon, Band 2, Gütersloh, Berlin, München, Wien 1973, S. 395.

[19] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 9 f.

[20] Vgl.: ebenda, S. 14 ff.

[21] Vgl.: ebenda. S. 27.

[22] Vgl.: Joho, Michael: Vom Lepra-Asyl zum Stadtteil. St Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 31.

[23] Vgl: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 32 f.

[24] Röding, C. N.: In: Pabel, Reinhold: Das Hamburger Kulturkarussell zwischen Barock und Aufklärung. Zeitzeugen aufgespürt und kommentiert von Reinhold Pabel. Neumünster 1996, S. 108.

[25] Vgl: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 20 ff.

[26] In: Pabel, Reinhold: Das Hamburger Kulturkarussell zwischen Barock und Aufklärung. Zeitzeugen aufgespürt und kommentiert von Reinhold Pabel, Neumünster 199, S. 163.

[27] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 34 f.

[28] Hamburgische Denkwürdigkeiten, 1794, hg.: Joho, Michael: Vom Lepra- Asyl zum Stadtteil. St. Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S.31f.

[29] Vgl.: Loose, Hans-Dieter: Das Zeitalter der Bürgerunruhen und der großen europäischen Kriege, in: Hamburg. Geschichte der Stadt und Ihrer Bewohner. Band 1: Von den Anfängen bis zur Reichsgründung, Hg.: Jochmann, Werner / Loose, Hans-Dieter, Hamburg 1982, S. 262.

[30] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S.45.

[31] Feuerordnung von 1626, in: Pabel, Reinhold: Das Hamburger Kulturkarussell zwischen Barock und Aufklärung. Zeitzeugen aufgespürt und kommentiert von Reinhold Pabel, Neumünster 1996, S. 99.

[32] Hamburg. Geschichte der Stadt und Ihrer Bewohner, Band I: Von den Anfängen bis zur Reichsgründung, hg. von Jochmann, Werner / Loose, Hans-Dieter, Hamburg 1982.

[33] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S.48 f.

[34] Vgl.: Hamburg Lexikon, hg. von Kopitzsch, Franklin / Tilgner, Daniel, Hamburg 2000, S. 446.

[35] Vgl.: Joho, Michael: Vom Lepra- Asyl zum Stadtteil. St. Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S.38.

[36] Vgl.: Hamburg Lexikon, Hg. von: Kopitzsch, Franklin / Tilgner, Daniel, Hamburg 2000, S. 188.

[37] Vgl.: Joho, Michael: Vom Lepra- Asyl zum Stadtteil. St. Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 31.

[38] Vgl.: ebenda, S. 35.

[39] Buchner, Gundula: Vom Marschland zum Gewerbe- und Wohngebiet – Wilhelm Lindleys Plan zum Ausbau des Hammerbrook und seine Verwirklichung von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, Hannover 1983, S.115.

[40] Vgl.: Joho, Michael: Vom Lepra- Asyl zum Stadtteil. St. Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 34.

[41] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S.70 f.

[42] Vgl.: ebenda, S.41 f.

[43] Vgl.: Joho, Michael: Vom Lepra- Asyl zum Stadtteil. St. Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 31.

[44] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 69 f.

[45] Vgl.: Hamburg Lexikon, hg. von: Kopitzsch, Franklin / Tilgner, Daniel, Hamburg 2000. S. 435.

[46] Gesetz, die Hinzuziehung der bisherigen Vorstadt St. Georg zur Stadt betreffend. In: St A HH, St. Georgshospital, VIII M 2, S.1, zitiert nach Joho, Michael: Vom Lepra- Asyl zum Stadtteil. St. Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 39 f.

[47]. Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 77.

[48] Moeck-Schlömer, Claudia: Wasser für Hamburg. Die Geschichte der Hamburger Feldbrunnen und Wasserkünste vom 15. bis zum 19. Jahrhundert, Hamburg 1998, S. 27.

[49] Bolland, Gustav: Hamburg wie es einmal war. An Hand eines Kupferstiches von Arnoldus Pitersen aus dem Jahre 1644, Hamburg 1953, S. 49.

[50] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 79 f.

[51] Bericht aus der Kommission über den Borgesch von 1868. In: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 80.

[52] Bericht der Kommission über den Borgesch von 1868. In: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 81.

[53] Vgl.: St. Georg: Vorstadt u. Vorurteil? Hg. von dem Museum für Kunst und Gewerbe <Hamburg>, Hamburg 1978, S. 82.

[54] Stürmann, Klaus: "Kein Ort für anständige Leute". Auf dem Weg zum Bahnhofs- und Vergnügungsviertel, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 41 f.

[55] Tesdorpf, Oskar: 1894, in: Joho, Michael: Vom Lepra- Asyl zum Stadtteil. St. Georgs Geschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 32.

[56] Stürmann, Klaus: "Kein Ort für anständige Leute". Auf dem Weg zum Bahnhofs- und Vergnügungsviertel, in: "Kein Ort für anständige Leute". St. Georg ein l(i)ebenswerter Stadtteil, Hg.: Joho, Michael, Hamburg 1990, S. 44.

[57] ebenda, S. 43 f.

Details

Seiten
120
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638445948
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47712
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Volkskunde
Note
1,3
Schlagworte
Stadtteil Georg Wandel Veränderungen Wohnquartier Sicht Stadtteil-Vereine

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Titel: Der Stadtteil St. Georg im Wandel - Veränderungen im Wohnquartier aus der Sicht zweier Stadtteil-Vereine