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Journalismusforschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 23 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Überblick

2 Theorie Theorien des Journalismus
2.1 Definition des Begriffs „Journalismus“
2.2 Die Anfänge der Forschung
2.3 Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
2.4 Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

3 Empirie Das Rollenverständnis der Journalisten
3.1 Vorwort
3.2 Entwicklungen
3.3 Die Studie „Journalismus in Deutschland
3.4 Einstellung deutscher Journalisten
3.5 Einstellung deutscher Journalisten im internationalen Vergleich

4 Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Überblick

,,Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch.“[1] So stand es bereits 1921 in einem Essay der ,,Weltbühne“. Dem Autoren, Kurt Tucholsky, ging es um die Frage nach Wahrhaftigkeit in den Medien, darum, ob Journalisten die Welt darstellen wie sie ist oder ob sie die Realität verändern – nach Belieben oder sogar ohne es zu wissen. Fragen, die sich Wissenschaftler tatsächlich schon seit Beginn des

20. Jahrhunderts stellen. Zahlreiche normative und auch empirische Studien beschäftigen sich seitdem mit der Rolle des Journalisten im journalistischen System und der Wahrhaftigkeit von Medien. Tucholsky kam übrigens zu folgendem Schluss: ,,Was da steht, das ist nicht die Welt. (...) Man sollte sich lieber an das Original halten.“[2]

Die vorliegende Hausarbeit wird die Entwicklung der Journalismusforschung aufzeigen. Ausgangspunkt dabei sind drei Grundebenen, die sich mehr oder weniger parallel zueinander entwickelt haben: Die Mesoebene, die eine eher untergeordnete Rolle spielt, die Mikroebene, zu der alle Handlungs- und Akteurstheorien zählen und die ihren Blick in erster Linie auf die Journalisten richtet sowie die Makroebene, die Ebene der Institutionen, die der Mikroebene die Systemtheorie entgegensetzt, welche sich zum zweifellos wichtigsten Ansatz in der Journalismusforschung entwickelt hat.

Wichtige Forschungskonzepte und -strömungen werden in dieser Arbeit, im Rahmen des Möglichen, genauer beschrieben. Zu ihnen gehören: die „Gatekeeper“-Forschung, das Konzept der Professionalisierung, die Autopoiesis, das Zwiebelmodell, die Distinktionstheorie sowie die News-Bias-Forschung. Aus Platzgründen ist es jedoch weder möglich, alle nennenswerten Theorien und Ansätze in der Journalismusforschung zu erwähnen oder gar zu beschreiben, noch die beiden großen, äußerst komplexen Forschungsströmungen, System- und Akteurstheorie, bis ins Detail zu beleuchten. Unberücksichtigt müssen in dieser Arbeit auch Forschungen bleiben, die sich mit besonderen Problemfeldern beschäftigen, Journalismus im Zusammenhang mit Ethik oder Qualität zum Beispiel.

Wichtig ist, zu erwähnen, dass alle angeführten Konzepte und Richtungen der Journalistenforschung mehr oder weniger parallel zueinander existieren, wobei es durchaus Bemühungen gibt, einzelne untereinander zu koppeln. Betrachten sollte man sie, um einen Überblick zu gewinnen, am besten als Bausteine von Theorie-Gebäuden, deren Baupläne unterschiedlichen Prämissen folgen.[3]

Der zweite Teil dieser Arbeit wird sich dann mit dem Rollenverständnis von Journalisten beschäftigen. Forschungen und Ergebnisse deutscher Studien werden dabei mit denen internationaler, vor allem aber britischer und amerikanischer Studien, verglichen. Besondere Beachtung verdient hier die bisher umfassendste deutsche Studie zum Rollenverständnis von Journalisten, die Studie „Journalismus in Deutschland“ der Wissenschaftler Martin Löffelholz, Armin Scholl und Siegfried Weischenberg.

2 Theorie Theorien des Journalismus

2.1 Definition des Begriffs „Journalismus“

Journalismus ist, was Journalisten machen. So kurz könnte man die Definition des Begriffs auf den Punkt bringen, zumal diese Vorstellung durchaus mit Definitionsversuchen korrespondiert, die in unterschiedlichsten Lexika angeboten werden. Tatsächlich handelt es sich hierbei um den wohl kleinsten Nenner, auf den sich der Begriff Journalismus reduzieren lässt. Aus Sicht der Wissenschaft ist diese Definition daher auch mehr als unvollkommen. Hier gab es schon früh ganz andere Ansätze. Der Literaturhistoriker Robert Eduard Prutz, der vor etwa 150 Jahren die „Geschichte des deutschen Journalismus“ veröffentlichte, beschrieb Journalismus als „das Selbstgespräch, das die Zeit mit sich selbst führt.“[4] Eine Definition, die Journalismus als sozialen Prozess und Journalisten lediglich als dessen Moderatoren begreift und die Martin Löffelholz zu den Vorläufern eines modernen Verständnisses von Journalismus zählt.[5]

Trotzdem entfernte sich die Wissenschaft von dieser Definition wieder, nicht zuletzt aufgrund ihrer medienzentrierten Perspektive. Der Gründer der Berliner Journalistenschule, Richard Wrede, reduziert den Begriff Journalismus schlicht wieder auf „das, was Journalisten tun“. „Einen Journalismus an sich gibt es nicht“, resümiert schließlich Martin Löffelholz.[6] Was dazu führe, dass Journalismustheorien auch nie die Realität abbilden könnten, sie könnten sich dieser höchstens nähern.

Letztlich gibt es in der Journalismusforschung aus heutiger Sicht drei verschiedene Ansätze für eine Definition, abgeleitet von einem unterschiedlichen Verständnis von Journalismus: „Journalismus als Addition von Personen, als Addition von Berufsrollen und als Ergebnis von Kommunikationsprozessen“.[7]

2.2 Die Anfänge der Forschung

Bereits im 17. Jahrhundert, mit Erscheinen der ersten regelmäßig gedruckten Medien, stellten Gelehrte die Frage nach Nutzen und Moral von Publikationen. Schon sie versuchten, Medien zu typologisieren und arbeiteten publizistische Merkmale wie Aktualität, Periodizität und Universalität heraus. Hundert Jahre später, Mitte des 18. Jahrhunderts, gewannen dazu Fragen des Presserechts an Bedeutung, auch wurde der Einfluss wirtschaftlicher Zwänge diskutiert, denen die Nachrichtenbeschaffung unterworfen ist. Es entwickelten sich erste wissenschaftlich soziologische Denkansätze.[8]

Zu den Pionieren eines modernen Verständnisses des Forschungsgegenstandes Journalismus gehörte, entsprechend seiner modernen Definition des Begriffes, Eduard Prutz. Er erkannte früh die Beziehung zwischen Journalismus und anderen gesellschaftlichen Bereichen – sozialen, politischen und ökonomischen etwa.

2.3 Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Parallel zur Kehrtwende bei der Definition von Journalismus, folgte allerdings auch dem Forschungsfortschritt a´la Prutz ein großer Schritt zurück. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Entdeckung des soziologischen Zusammenhangs, in dem Journalismus steht, wird dieser erneut darauf reduziert, Werk einzelner Personen zu sein. Bekanntester Vertreter dieser idealistischen Sichtweise war der Zeitungsverleger Emil Dovifat. Journalismus war in seinen Augen das Handeln scheinbar autonomer Individuen. Diese heute als normativ-ontologisch bezeichnete Wissenschaft beschäftigt sich mit den Eigenschaften dominanter Persönlichkeiten der Presse. Der Kommunikationswissenschaftler Manfred Rühl kritisiert daher auch: „Diese publizistische Sichtweise ist nicht sonderlich an der Normalität (...) interessiert. Ihr geht es vielmehr um (...) die Handhabung des Kuriosums“[9], ohne dass „moralische und rechtliche Grundsätze sowie Normen, die das Handeln der Journalisten nachvollziehbar machen“[10], hinterfragt würden. Armin Scholl und Siegfried Weischenberg stimmen der Kritik zu. Dovifats Ansatz, der aus ihrer Sicht kaum wissenschaftsfähig ist, beachte weder politische, noch soziale oder ökonomische Bedingungen, die aber festlegten, „was Journalismus ist und welche Folgen Journalismus hat“.[11]

Nichts desto trotz hat der normativ-ontologische Ansatz die Forschung stark beeinflusst[12] und beeinflusste sie sogar noch, als ab den siebziger Jahren sowohl die Strukturtheorie, als auch empirisch-analytische Forschungen im deutschen Sprachraum erheblich an Relevanz“[13] gewannen.

Exemplarisch für die ersten Schritte hin zu einer Erforschung des Journalismus´ innerhalb eines sozialen Systems sind die Ausführungen des Publizisten Walter Hagemann. In „Die Zeitung als Organismus“[14] vergleicht er eine Redaktion mit einem biologischen Organismus. Leider führt auch er den Journalismus dabei am Ende wieder auf die Leistung einer schöpferischen Persönlichkeit zurück.

Ähnlich inkonsequent ist die Journalistiktheorie von Otto Groth in „Die Zeitung“. Zwar versteht auch Groth die Redaktion als System, doch lässt auch er dieses von außen unbeeinflusst. Weder der „Journalist“ noch das System „Redaktion“ setzen sich bei Groth mit ihrer Umwelt auseinander. Hagemann und Groth enden in ihren Betrachtungen damit zu früh und vernachlässigen die grundlegenden Eigenschaften von Organismen, nämlich „daß (sic!) sie nicht ziellos ,innere Kräfte` entwickeln, sondern sich ganz gezielt ihrer Umwelt anpassen“.[15]

Zu den wirklichen „Vorläufern eines modernen Journalismusverständnisses“[16] und der empirischen Journalismusforschung gehörte neben Prutz der Soziologe Max Weber. Wie Prutz erkannte und forderte Weber schon früh, dass „soziale Zusammenhänge nur durch die Beziehungen von Individuen und Gesellschaft erklärt werden können“[17]. Bereits 1910 auf dem 1. Deutschen Soziologentag legte er in Frankfurt den Grundriss einer empirischen Kommunikator- und Medienforschung vor, er veröffentlichte Ansätze für die Untersuchung des Machtcharakters der Presse und schlug eine Analyse von Ökonomie und Organisation der Presse vor. Weber wollte aufdecken, nach welchen Gesichtspunkten Journalisten Nachrichten auswählen und aufbereiten. Sogar die Folgen journalistischer Berichterstattung zu untersuchen, regte er an. Der Soziologe dachte damit so umfassend wie vor ihm wohl kein Zweiter.

Seine sozialwissenschaftliche Vorlage für eine Umfrage mit „Multi-Methoden-Design“ wurde später von Alfred Scheel jedoch leider auf eine simple Redaktions-Umfrage reduziert und warf damit „die empirische Untersuchung der Aussagenentstehung in den Medien um Jahrzehnte zurück“.[18] Alle anschließend „durchgeführten Journalisten-Befragungen sind wesentlich simpleren Zuschnitts“[19]. Trotz alledem, Weber hatte eine Entwicklung in der Journalismusforschung angedeutet, die sich später in Deutschland durchsetzen sollte: die Entwicklung hin zur Systemtheorie.

2.4 Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

1963 erschien ein Buch, das über Jahre große Bedeutung für die Kommunikationswissenschaft behalten sollte: die „Psychologie der Massenkommunikation“ von Gerhard Maletzke. Wenn auch noch sehr zart wurde in Maletzkes Werk der Prozess der Massenkommunikation erstmals im deutschsprachigen Raum auf empirischer Grundlage analysiert. Für die Journalistik war in Maletzkes Analysen zwar anfangs nicht viel zu holen.[20] Doch das sollte sich Ende der 60er Jahre ändern. Jetzt wurde in Westdeutschland erstmals eine grundlegende empirische Journalismusstudie veröffentlicht, in der nicht das Individuum, sondern ein organisiertes soziales System untersucht wurde: Manfred Rühls „Die Zeitungsredaktion als organisierte empirische Studie“. Wesentlicher Motor der Untersuchung war die Studentenbewegung, die ab Mitte der Sechziger Jahre das gesellschaftliche Interesse an den Mechanismen der Medienberichterstattung weckte und somit für einen Wandel in der Publizistikwissenschaft sorgte – weg von einer hauptsächlich praktischen hin zu einer empirischen-analytischen Journalismusforschung[21]

Das Ende des Praktizismus a´la Dovifat bedeutete das allerdings noch nicht. Zusammen mit Gleichgesinnten hing Dovifat nach wie vor der Publizistik- wissenschaft aus Goebbels Propagandastrategien nach. Zu ihm gesellte sich der Rassentheoretiker Wilmont Haacke, der in den „Blättern zur Berufskunde“ der Bundesanstalt für Arbeit noch 1971 schrieb: „Frauen fehlt für das kulturkritische Amt zumeist die unerläßliche (sic!) und unablässige Härte für lobendes oder verdammendes Urteil.“[22]

Rühl schaffte es mit seinem Umbruch „von einer Vermutungs- und Behauptungswissenschaft zur Beschreibungs- und Erklärungswissenschaft[23] dennoch, die deutsche Journalismusforschung nachhaltig zu beeinflussen – wie zu einem späteren Zeitpunkt sichtbar werden wird.

[...]


[1] Wrobel, Ignaz (Kurt Tucholsky): „Presse und Realität“ in „Die Weltbühne“, XVII. JG., Nr.41

vom 13.Oktober 1921, S.373ff zitiert in Weischenberg, Siegfried: „Journalistik 2“, Opladen 1995

[2] ebd.

[3] vgl. Löffelholz, Martin (Hrsg.): „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000, S.33

[4] Prutz, Robert Eduard: „Geschichte des deutschen Journalismus“, Vandenhoeck & Ruprecht; Göttingen 1971

in Löffelholz, Martin (Hrsg.): „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000, S.34

[5] vgl. Löffelholz, Martin (Hrsg.): „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000, S.34

[6] ebd. S.23

[7] Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried: „Journalismus in der Gesellschaft“ u.a. Opladen 1998, S.27

[8] vgl. Pürer, Heinz: „Einführung in die Publizistikwissenschaft“, 6. Auflage Konstanz 1998, S. 138

[9] Rühl, Manfred in Löffelholz, Martin (Hrsg.): „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000, S.41

[10] Rühl, Manfred: „Journalismus und Gesellschaft“, Mainz 1980, S.25ff

[11] Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried: „Journalismus in der Gesellschaft“, u.a. Opladen 1998, S.30f

[12] ebd.

[13] Löffelholz, Martin (Hrsg.): „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000, S.41

[14] u.a. Hagemann, Walter: „Die Zeitung als Organismus“, 1950, S.33f in Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried: „Journalismus in der Gesellschaft“ u.a. Opladen 1998, S.34

[15] Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried: „Journalismus in der Gesellschaft“, u.a. Opladen, 1998, S.34

[16] Löffelholz, Martin (Hrsg.): „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000; S.34

[17] Weber, Max: „Gesammelt Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitik“ Tübingen 1924, S.436-440

[18] Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried: „Journalismus in der Gesellschaft“, u.a. Opladen 1998, S.36

[19] Bröckelmann 1993 in Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried: „Journalismus in der Gesellschaft“

u.a. Opladen 1998, S.32

[20] Weischenberg, Siegfried: „Journalistik Bd.1 - Mediensysteme, Medienethik, Medieninstitutionen“,

Opladen 1992, S.37-70

[21] vgl. Löffelholz, Martin: „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000, S.44

[22] „Blätter zur Berufskunde“ der Bundesanstalt für Arbeit 1971

[23] Löffelholz, Martin: „Theorien des Journalismus“, Wiesbaden 2000, S.44

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638445719
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47685
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,7
Schlagworte
Journalismusforschung

Autor

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Titel: Journalismusforschung